Leipzig vor 150 Jahren

Wenn man das Alter des Psalmisten bereits um etliche Jahre überschritten hat und man nun jeden Morgen seine Todesanzeige in der Zeitung zu lesen erwartet, mag der Wunsch begreiflich erscheinen, einen Rückblick zu halten auf seine Kindheit und Jugend, und auf die Umwelt, auf die sie gestellt waren.

Welten scheinen das Einst von dem Jetzt zu trennen, so von Grund auf haben sich ja seitdem alle Verhältnisse geändert und interessant mag dem Jüngeren sein, was der Aeltere aus seiner Kindheit Tagen von dem Leben und Treiben auf den gleichen Straßen und Plätzen und deren damaligem Aussehen zu erzählen weiß, über die der Schritt des Jüngeren jetzt ebenso dahin schreitet wie einst und noch jetzt — auf wie lange noch? — der des Erzählers. Aber indem ich mich anschicke, mit meiner Schilderung zu beginnen, zögert doch die Feder. Ist das, was ich erzählen werde, nicht schon allen Leipzigern bekannt? Ist es möglich, daß jemand unter ihnen existiert, dem nicht Alt-Leipzig mit all seinen Eigentümlichkeiten aus eigener Anschauung gar wohl vertraut ist? Es bedarf doch — denn man ist erstaunt, in dem rasch dahinfliegenden Leben bereits so alt geworden zu sein und kann sich nicht vorstellen, daß von den Jugendgenossen nur noch wenige vorhanden sein sollen — einer gewissen Gewaltsamkeit sich zu sagen, daß eine solch allgemeine Kenntnis nicht mehr vorhanden sein kann, daß auf dem langen Lebenswege, den man zurückgelegt, die meisten der Altersgenossen bereits in die Ewigkeit eingegangen sind, daß ein neues Geschlecht erwachsen ist und daß dieses aus Eigenem nichts wissen kann von jenen Tagen, die man selbst in der Kindheit erlebte. Gern hören ja wohl auch die Jüngeren die Erzählungen der Alten und so sei es mir gestattet, ein wenig von dem Leipzig aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu plaudern.

Das Leipzig der Fünfziger und Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war eine mittlere Stadt von einigen 60.000 Einwohnern. Die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Eisenbahnen hatten manchen Zuzug von außerhalb der altberühmten Handels- und Universitätsstadt gebracht, im allgemeinen beruhte ihre Bevölkerung aber doch auf ihren alteingesessenen Geschlechtern, von denen es viele zu Wohlhabenheit und großem Ansehen gebracht hatten. Der Verkehr der Bürgerschaft untereinander trug den Zug der Zusammengehörigkeit. Viele kannten sich, wozu der gemeinsame Dienst in der Kommunalgarde, zu dem jeder Bürger verpflichtet war — es wird von der Kommunalgarde noch später die Rede sein — die Gelegenheit bot, was für manche auch geschäftlich von Nutzen war. Wenn sich trotzdem die Klassenunterschiede bemerkbar machten, wenn die Kaufleute und Bankiers und andere große Geschäftsinhaber, die äußerlich schon dadurch kennbar waren, daß sie in Zylinderhüten einhergingen, eine Kaste für sich bildeten, ebenso wie die Buchhändler und auch die Handwerksmeister ihr Klassenbewußtsein zur Schau trugen, so trat doch nirgends irgendwelcher Hochmut zutage. In dieser Beziehung wurde oft Leipzig im lobenden Gegensatz zu Dresden genannt. In dem Saale der Großen Funkenburg auf der Frankfurter Straße, wo sich die „alte Garde" der Gosentrinker zu vereinigen pflegte, oder im „Blauen Hecht" in der Nikolaistraße konnte man oft Kaufleute, Buchhändler und Handwerker neben Universitätsprofessoren einträchtig nebeneinander sitzen sehen und die Tagesereignisse eifrig diskutieren.

Die Handwerker besaßen noch die alten Zwangsinnungen, sie hatten ihre zumeist nur ermieteten Innungshäuser, fast durchweg bekannte Gastlokale, und sie hielten streng auf die altüberkommenen Gebräuche. Alle Vierteljahre hatten unter der Leitung ihres Obermeisters die Innungsmeister eine Sitzung abzuhalten, die aber nur dann gültig war, wenn sie „vor geöffneter Lade" eröffnet und geschlossen worden war. Auch in meinem elterlichen Hause fanden solche Quartalsversammlungen statt, da mein Vater Obermeister der Tuchscherer-Innung war. Hierbei pflegte ein Meister, dessen geschäftliche Bedeutung in fundamentalem Gegensatz zu seinem großen Munde stand, mit dröhnender Stimme, so daß die Leute auf der Straße zusammenliefen, gewaltige Reden zu halten. Als vierjähriger Knirps glaubte ich, der Mann zanke meinen Vater aus, was mir fürchterlich war und meinen Blutdurst erweckte. So trat ich denn eines Tages mitten in die Sitzung und, meinem Vater meine kurz vorher geschenkt erhaltene Holzflinte überreichend, sagte ich ihm: "Schieß ihn tot!" —

Die Innungen, die behördlich kontrolliert wurden, besaßen Unterstützungskassen und für ihre Gehilfen auch eine Krankenkasse. Auch die Kaufleute besaßen eine Innung: die Kramer-Innung, und viele von ihnen bezeichneten sich deshalb als "Kaufmann und Kramermeister". Eine ähnliche Organisation besäßen schließlich auch die Buchhändler.

Viel besprochen wurde noch die Geschichte des Lord Mackintosh. Eines Tages war in einem ersten Hotel der Stadt ein Engländer zu längerem Aufenthalte abgestiegen, der sich Lord Mackintosh nannte. Er suchte und fand Zutritt in den besseren Gesellschaftskreisen Leipzigs, wo man den hochgewachsenen schneidigen Kavalier mit den feinen Umgangsformen, wohl auch geschmeichelt durch den Lordtitel, den er führte, gern aufnahm. Er gab das Geld mit vollen Händen aus, schien also immens reich zu sein, gefiel sich in allerhand spleenigen Extravaganzen, und so war es kein Wunder, daß sich manches Kaufmannstöchterchen in ihn vernarrte. Bald kam aber die Zeit, wo der edle Lord über den schlechten Eingang seiner Gelder aus England zu klagen hatte. Auf eine leise Andeutung darüber sprang man ihm jedoch bereitwillig bei, ja rechnete es sich zur Ehre an, die eigene Kasse "Seiner Lordschaft" zur Verfügung zu stellen. Und er nahm huldvoll an, so viel als er eben erlangen konnte. Eines Tages aber war er verschwunden, mit ihm die Gattin eines der angesehensten Bankiers Leipzigs. Die nunmehr, leider zu spät angestellten Erkundigungen in England ergaben, daß "Lord Mackintosh" ein erschwindelter Name und der Hochstapler — ein Schneider sei. Man soll damals lange Zeit recht verdutzte und lange Gesichter in den Straßen Leipzigs haben herumlaufen sehen.

Die innere Stadt war von der äußeren zu jener Zeit durch den Promenadenring noch mehr getrennt als gegenwärtig. Alles geschäftliche Leben, alle politischen und künstlerischen Veran staltungen spielten sich im Inneren der Stadt ab und außerhalb des Promenadenringes gab es kaum ein größeres Geschäftshaus. Weit mehr denn jetzt betrachtete man die Anlagen um die innere Stadt als eine wirkliche Promenade. Wenn das Wetter oder Mangel an Zeit einen weiteren Spaziergang, etwa nach dem Rosental, nicht zuließ, so unternahm man einen Spaziergang um die Promenade. Dabei konnte man seine Zeit nach Wunsch einteilen. Für einen Spaziergang rund um die Stadt rechnete man eine Stunde, die man dann halbieren oder vierteln konnte; man brauchte dann nur etwa von dem Peterstor bis zum Halleschen Tor, oder von dem Peterstor bis zum Grimmaischen Tore zu gehen. Die Promenadenwege waren damals schmaler als jetzt und, da sie keinen Steinbelag trugen, bei schlechtem Wetter häufig sehr schmutzig.

Rings um die äußere Promenadenseite liefen Holzbarrieren, auf deren eckiger Kante sich die Jugend in Seiltänzerkunststückchen übte. Von gleichen Barrieren waren auch die außerhalb der Promenade gelegenen öffentlichen Plätze umgeben, wie der Obstmarkt, der Königs- und Roßplatz, der Augustusplatz, sowie der Fleischerplatz. Von diesen Plätzen trugen mehrere ihren Namen nach der Bestimmung, der sie dienten. So wurde z. B. auf dem Obstmarkt nach der Obsternte Obst feilgeboten (im Sommer wurde dort auch der Strohmarkt abgehalten), und auf dem Roßplatz fanden alljährlich ein- oder zweimal Pferdemärkte statt, auch wurde dort zur Zeit der inzwischen längst eingegangenen Wollmärkte und Wollauktionen eine große Wollbude aufgebaut. Auf dem Fleischerplatz, an dessen Wasserseite, dort, wo sich jetzt die Städtische Feuerwehr befindet, das alte Schlachthaus mit einer Kuddelwäsche an der Pleiße stand, fanden die nach der Stadt kommenden ländlichen Wagen vorübergehende Aufstellung. Hier auf dem Fleischerplatz stand auch noch unweit der Stelle, wo sich jetzt das Olex-Tankhäuschen befindet, aber mehr südlich der Pleiße zu, ein Gasometer, der aber nach einiger Zeit verschwand.

Wenn im Winter der Schnee lag, entwickelte sich um die Promenade ein lebhaftes Treiben. Da hatten die Droschkenkutscher ihre alten wackeligen Wagen gegen Schlitten umgetauscht und sie thronten mit einer Kantschupeitsche, die eine vielmetrige Schnur besaß, hinten auf der Pritsche. Sobald der Schlitten besetzt war, ging es mit Hussei! los und die Kutscher handhabten ihre kurzstieligen langen Peitschen derart kunstvoll, daß ihr Peitschenknall wie ein Pistolenschuß klang. Das war denn wundervoll und so mußte jeder einmal um die Promenade fahren, wofür er einen Taler abzuladen hatte.

Zur Pflege und Instandhaltung der Promenadenanlagen waren eine Reihe Ratsgärtner angestellt, die uniformiert und mit Besen und Schippe ausgestattet waren. Mit diesen Ratsgärtnern führte die lose Jugend einen ständigen Krieg. Denn wenn die bösen Buben über die Beete liefen, so jagten die Ratsgärtner hinter ihnen her, was den Verbrechern stets ein großes Vergnügen bereitete, da sie schnellfüßiger waren als ihre Verfolger, Sie verulkten dieserhalb die Ratsgärtner gar oft und riefen ihnen die Spottnamen "Schippendittrich" und "Blech" — hergeleitet von der Schippe, welche die Gärtner trugen — zu, wobei sie meistens im Chorus noch ein Verslein sangen, das mit ,,Blech, Blech" begann und mit "Kann zu Tanze gehen" endete, aber im übrigen seines unästhetischen Inhalts wegen auch nicht andeutungsweise hier weiter angegeben werden kann. Ernster wurde die Sache, wenn im Winter die mannigfachen talwärts führenden Pfade der Promenade, insbesondere aber die vom Schneckenberge nach dem Schwanenteiche führenden vielfach verschlungenen Wege zur Rodelbahn benutzt wurden. Das war streng verpönt, aber gerade um deswillen desto reizvoller. Die Ratsgärtner paßten wie die Schießhunde auf, daß das Verbot nicht überschritten werde und legten sich sogar manchmal heimtückisch in den Hinterhalt. Wenn dann nach Schulschluß die Knaben von halb Leipzig mit ihren Käsehitschen heran kamen, um unter Juchhe den kleinen Berg herabzusausen, dann dauerte es gewöhnlich nicht lange, bis ein oder zwei Schippendittriche wie ein deus ex machina herangeschossen kamen, um die Tunichtgute beim Schlaffitchen zu nehmen und ihre Käsehitschen zu konfiszieren. Die Rodeltahrer stoben dann wohl so schnell wie möglich auseinander, wobei der Beete weniger als sonst geachtet wurde, aber es fiel doch hier und da einer von ihnen in die Hände der Schippendittriche. Dabei entstand dann ein heftiger Kampf um den Besitz der Käsehitsche, die die von Gott eingesetzte Obrigkeit gern als Trophäe mit sich geführt hätte. Richtete der Uebeltäter mit roher Gewalt nichts aus, wobei er zuweilen von einigen verwegenen Freunden unterstützt wurde, so verlegte er sich aufs Bitten und Flehen, denn er durfte ja ohne seine Käsehitsche nicht nach Hause kommen, wo ihn dann ein väterliches Strafgericht erwartet hätte und außerdem würde er sich als entehrt angesehen haben, denn ohne Käsehitsche zu sein deuchte ihn wie ein Soldat, den man entwaffnet hatte. Auch fürchtete er den Spott seiner Kameraden. So endete der Streit meist damit, daß der Schippendittrich ihm ein paar Dachteln versetzte, ihm aber die Käsehitsche wieder überließ, mit der Androhung, ihm dieselbe endgültig wegzunehmen und ihn überdies polizeilicher Bestrafung zuzuführen, wenn er sich noch einmal erwischen lasse. Die Dachteln wurden mit einigem Geheul entgegengenommen und die heiligste Beteuerung gegeben, "es nicht wieder zu tun", um gleich nachdem der Schippendittrich den Rücken gewendet, demselben eine lange Nase zu ziehen und ihm "Blech, Blech!" nachzurufen. Fünf Minuten später sah man den kleinen Verbrecher trotz seines Versprechens sich wieder eifrig am Rodeln oder Schlittern, wie man es damals nannte, beteiligen. Auf den zugefrorenen Pfützen aber wurde "geschusselt".

Im Rosental waren die Gehwege ebenfalls noch nicht so breit wie jetzt, auch der nach Gohlis führende Dammweg nicht so hoch aufgeschüttet. Auch hier war bei Regenwetter der Erdboden arg aufgeweicht und es gab reichlichen Schmutz. Bonorand und Kintschy, auch "Schweizerhäuschen" genannt, da der Gründer Kintschy ein Schweizer war (jetzt war das Restaurant im Besitze des Schweizer Konditors Valär), existierten bereits seit längerer Zeit, wenn schon nicht in dem heutigen Umfange. Die beiden Lokale wurden namentlich des Sonntags und an warmen Sommerabenden fleißig besucht. Am Ausgange des Rosentals, an der Grenze von Gohlis, war das Waldschlößchen, auch Waldschänke genannt, mit seinem hübschen Garten, sowie das dicht dabei befindliche Schillerschlößchen, das Ziel vieler Spaziergänger. Neben diesen beiden Schankstätten tat sich später in der Mühle eine Bierstube auf. Im Juli 1870 wurde der erste öffentliche Kinderspielplatz Leipzigs im Rosental eröffnet.

Zum Frühjahr, wenn die Schneeglöckchen zu knospen begannen, ergoß sich eine wahre Völkerwanderung in das Rosental. Zwar duftete der Knoblauch nicht gar lieblich, aber man achtete dessen nicht bei dem eifrigen Suchen nach dem ersten Frühlingsboten, von denen damals das Rosental in großen Massen bedeckt war, so daß jeder einen großen Strauß Schneeglöckchen mit heimbringen konnte. Durch die in den Waldungen sich zerstreuende Menschenmenge wurden freilich auch die vielen Rehe, die das Rosental damals noch bis in seinen vorderen Teil beherbergte, aufgescheucht und leider auch vielfach verjagt. Ein solch‘ scheu gemachtes und gehetztes Wild stürmte am Palmsonntag 1861 über die Große Wiese nach der Richtung zu, wo jetzt das Gellert-Denkmal steht und riß mich damals doch schon großen Jungen, der ich zwischen meinen Eltern ging, über den Haufen. Auch später war das Rosental von Wild noch ziemlich belebt. Davon zeugte es, daß anfangs Januar 1868 ein junges Reh sich nach der Promenade bis zur Thomasmühle verirrt hatte. Es sprang dann voller Angst zurück, erst in Lehmanns Garten und dann nach dem Töpferplatz, wo es von einem Ratsdiener gefangen wurde, der es im Marstall unterbrachte. Fast zu gleicher Zeit zeigte sich ein Hase auf dem Nikolaikirchhof, doch gelang es diesem wieder den Ausgang aus der Stadt zu gewinnen. Erst nach 1870 zog sich das Wild mehrundmehr aus dem vorderen Teile des Rosentales zurück. Uebrigens fing man am 10. Mai 1870 in einer Kalkgrube eines Grundstückes an der Großen Windmühlenstraße auch einen großen Dachs, deren es damals in der Umgebung Leipzigs, wenn auch nicht mehr allzu zahlreich, noch gab.

Der Strom der Schneeglöckchensucher ergoßsichbis weit in das wilde Rosental, falls dasselbe, was im Frühjahr freilich oft der Fall war, nicht überschwemmt war. Von diesen Ueberschwemmungen wurde übrigens häufig auch der Teil des Rosentals heimgesucht, den man sich nicht allzuweit von der Großen Wiese in westlicher Richtung zu denken hat. Die Spaziergänger im wilden Rosental kamen bald an ungepflegte Wege, bis diese schließlich ganz auf hörten und das Unterholz mehr und mehr verwilderte, Füchse und Wildkatzen hausten dort, die Belaubung der Bäume wurde immer spärlicher, bis zuletzt kein Blatt mehr an den verdorrten Aesten hing, kein Gesang von Waldvögeln war mehr zu hören, alles wurde öder und trostloser und das waren nun die Merkmale, daß man nach Preußen hinübergewechselt hatte. So erzählte man es sich damals in seiner Feindschaft gegen den "rotkragigen" Nachbar. Denn die Annektion von halb Sachsen im Jahre 1815 war noch unvergessen und die Gefühle gegen die Preußen waren alles andere denn freundschaftliche. Selbst die Bewohner der annektierten Landesteile pflegten sich ingrimmig nur "Mußpreußen" zu nennen. Erst nach 1866 trat hierin ein Wandel ein.

Auf einsamen Wegen im Rosental begegnete man zuweilen einem Reiter: es war dies der weit über die Grenzen Sachsens hinaus bekannte Leipziger Superintendent Großmann, der aus Gesundheitsrücksichten fast täglich Spazierritte auf seinem eigenen Pferde zu unternehmen pflegte. Der Rat der Stadt Leipzig hatte ihm die Erlaubnis gegeben, hierzu die Wege im Rosental benutzen zu dürfen, wie er dies fast ein Jahrhundert vorher dem berühmten Fabeldichter Geliert gegenüber getan hatte. Großmann erfreute sich als Kanzelredner und Mensch einer ungemein großen Popularität, was in geradezu rührender Weise zutage trat, als er am 2, Juli 1857 zu Grabe getragen wurde. Ich besitze noch eine deutliche Erinnerung an dieses Leichenbegängnis, an dem fast die gesamte Bevölkerung teilnahm und zu dem auch viele Leute von außerhalb herbeigekommen waren. Einen besonderen Eindruck machte es auf mich, als vor dem schwarzbehangenen Leichenwagen die Orden des Verstorbenen auf rotem Kissen vorangetragen wurden, und dem Wagen eine unabsehbare Menge Leidtragender in Talar, schwarzer Kleidung und bunter Uniform folgten, dem sich zahlreiche trauer-umflorte Fahnen der Studentenschaft und anderer Korporationen anschlossen. Schier unzählig waren die dem Toten gewidmeten Palmen und Kränze, welch letztere damals gebügelt waren, d. h. die Form etwa eines großen Aschkuchens besaßen. Erst Ende der Siebziger Jahre wurden diese Kränze durch die jetzigen flachen Kränze verdrängt.

Die Stadt besaß zu jener Zeit natürlich noch bei weitem nicht den Umfang von heute. Im Westen erstreckte sich bis zum Rosental und bis zur Großen Funkenburg in der Frankfurter Straße, während die Elster- und Weststraße noch im Entstehen begriffen waren. Diese beiden Straßen, die in ihrer westlichen Fortsetzung von der sie kreuzenden jetzigen Promenadenstraße ab in einer Senkung lagen, die von Ueberschwemmungen nicht frei war, mußten beträchtlich erhöht werden. Das geschah durch roten Schotter, der von den Kanälen herbeigeschafft wurde, die Dr. Heine in der Gegend der jetzigen Sebastian-Bach- und Schreberstraße kreuz und quer ausheben ließ. Mit diesem Schotter wurde später auch die Plagwitzer Straße quer durch Wiesen angelegt. Der jetzige Westplatz war noch Wiese mit einer kleinen Anhöhe, auf der wir Kinder aus dem Westviertel gern spielten. In der Elsterstraße standen nur einige villenartige Häuser bis zur jetzigen Promenadenstraße und in der Weststraße wurde erst in der Nachbarschaft der Katholischen Kirche gebaut, wo der Grund und Boden im Anfang für zweieinhalb Neugroschen für die Quadratelle zu haben war. Weiterhin, gegen den jetzigen Johannapark zu, standen indessen aber auch schon einige Villen und Dr. Heine selbst ließ im weiteren einige Häuser daselbst bauen. Die Frankfurter Straße trug zu jener Zeit diesen Namen vom Fleischerplatz bis zu ihrem Ende am Chausseehäuschen. Erst gelegentlich der Feier des fünfzigjährigen Gedenktages der Schlacht bei Leipzig wurde dem Teil der Straße, der vom Fleischerplatz bis zur Kleinen Funkenburg und der damals dort befindlichen Brücke ging, die die Franzosen bei ihrem Rückzug am 19. Oktober 1813 in die Luft gesprengt hatten, die Bezeichnung "Ranstädter Steinweg" wiedergegeben, die er zur Zeit der Völkerschlacht getragen hatte. (Aus gleichem Anlaß wurde der Dresdner Straße vom Augustusplatz bis zum Johannisplatz der Name "Grimmaischer Steinweg" und dem Teil der Zeitzer Straße, der vom Königsplatz bis zum Römischen Haus und dem alten Petersschießgraben ging, die Bezeichnung "Peterssteinweg" von neuem beigelegt.) Die Elster war damals im Ranstädter Steinweg noch nicht überbrückt. Die Straße, an dessen Beginn der große Gasthof "Zur Sonne" und die Angermühle standen, war dadurch sehr eingeengt und man konnte sich unschwer vorstellen, welch außerordentlich starkes Gedränge bei dem Rückzug der franzö sischen Armee auf dieser einzigen Straße, die ihr aus der Stadt zur Verfügung stand, geherrscht haben mußte.

Im Elsterarm des Ranstädter Steinwegs selbst befand sich die zahlreiche Flotte der anwohnenden Fischer. Es waren dies lange schmale Stechkähne, mit denen die Fischer alltäglich die Elster hinauffuhren, um entweder den zu allem Möglichen brauchbaren feinen Flußsand heraufzuholen oder um zu fischen. Denn damals waren die Flüsse um Leipzig, noch von keinem Fabrikwasser verunreinigt, sehr fischreich und man sah die Fischer häufig mit großen Körben gefangener Weißfische heimkehren. Ein kleines Bach- oder Kanalnetz war in dieser Beziehung besonders bemerkenswert. Von der Pleiße vor der Thomasmühle, bei Lurgensteins Garten, zweigte sich ein schmaler Bach ab, der durch Lurgensteins Garten ging, die Zentralstraße überquerte — wo eine Brücke über den Bach führte — und dann seine Richtung nach der Gegend nahm, wo jetzt das Künstlerhaus steht. Dort vereinigte sich der Bach mit einem anderen, dem sogenannten Diebesgraben, der zwischen der Zentralhalle und dem Place de repos — ein ehemaliges, 1792 von dein Besitzer des Richterschen Kaffeehauses im Romanus-Dufourschen Hause errichtetes Vergnügungsetablissement, das aber, nachdem es während der Völkerschlacht als Lazarett gedient hatte, längst dieser Bestimmung entzogen war und im Volksmunde verkauderwelscht "Plasterdepo" genannnt wurde — die Pleiße verließ, gleich hinter der Zentralhalle mit einem dritten kleinen Flußarm, der von der Pleiße zwischen dem Place de repos und dem Cajerischen Gosengarten kam, zusammenstieß und dann mit diesem gemeinsam über ein kleines Wehr hinter der Synagoge und der Zentralstraße weiterfloß. Bei der Synagoge führte eine kleine Holzbrücke von der Zentralstraße nach Lehmanns Garten. Die an der vorhin bezeichneten Stelle vereinigten Bäche nahmen dann ihren Lauf zwischen Lehmanns Garten und der Elsterstraße, bogen dann bei Gerhards Garten nach Norden ab und flössen dann zwischen diesem und Lehmanns Garten, bis sie hinter der Barfußmühle wieder in die Pleiße mündeten. Diese Bäche, so klein sie waren und so oft sie auch im Sommer dem Austrocknen nahe waren, zeichneten sich doch auch durch viele Fische aus und ich habe noch als kleiner Bursche von meinem elterlichen Garten aus, an dem der Bach vorüberfloß, mir manches abendliches Fischgericht zusammengeangelt. Nach der Choleraepidemie im Jahre 1866 wurde dieses kleine Kanalnetz zugeschüttet, sehr zum Leidwesen von uns Jungens, die wir trotz elterlichen Verbots gar zu gern am Wasser spielten, Kähne darauf schwimmen ließen und ungeachtet der vielen Scherben, die auf seinem schlammigen Grund lagen und manche Fußverletzungen herbeiführten, darin herumwateten. Außer wenn es großes Wasser gab war ja der Bach auch nicht so tief, daß man hätte darin ertrinken können und hier und da förderte man unter einem Scherben sogar einen Krebs zu tage. Aber wenn im Sommer das Wasser zu versiechen drohte und nur noch ein kleines Rinnsal floß, entströmten dem Bache doch allerlei gesundheitsschädliche Miasmen, die nicht unwesentlich zur Verbreitung der Cholera beigetragen hatten, und so war der Beschluß des hochwohllöblichen Rates begreiflich, das kleine Kanalnetz, das im übrigen auch keinen wirtschaftlichen Nutzen bot, zuzuschütten.

Der oben genannte Diebesgraben stand einem Arbeiter meines Vaters bis an sein Lebensende in trüber Erinnerung. Der Arbeiter, welcher zugleich den Hausmannsposten versah und deshalb seine Schlafstätte in einem Werksaal hatte, war eines Nachts betrunken nach Hause gekommen, hatte sich schon halb schlafend seiner Kleider entledigt, war aber dann in der Meinung sich ins Bett zu legen, auf das nach dem Diebesgraben hinausgehende, offen stehende Fenster geklettert und war von dort mehrere Meter tief in den Bach gefallen. Aber statt nun die drei oder vier Schritte nach dem jenseitigen Ufer zu gehen, folgte er in seiner Trunkenheit dem Laufe des Diebesgrabens. Er legte trotz der zahlreichen auf dem Grunde des Baches liegenden Scherben, die ihm bei jedem Schritt die schmerzhaftesten Wunden zufügten, den verhältnismäßig langen Weg hinter der Zentral- und Elsterstraße zurück, bis er am Odeon (dem jetzigen Sanssouci) endlich schlamm- und blutbedeckt dem Graben entstieg. Zufällig machte dort gerade ein Nachtwächter die Runde, der aber zunächst entsetzt zurückfuhr, als er die wankende Gestalt im Hemde auf sich zukommen sah. Es war nämlich die Frau des Nachtwächters die Nacht vorher gestorben und er glaubte deren Geist vor sichzusehen. Der Schwerverletzte wurde von ihm nach dem Krankenhause gebracht, wo er viele Wochen darniederlag.

Die Frankfurter Straße war von der Kleinen Funkenburg ab nur spärlich bebaut. Bloß auf ihrer rechten Seite standen bis zur Großen Funkenburg einige ältere Häuser, die einen ländlichen Eindruck machten. Die Große Funkenburg war ein großes Restaurationslokal mit einem umfangreichen schattigen Garten. Es wurde dort zumeist Gose getrunken, wozu man einen dünnen welligen ,,Prophetenkuchen" mit etwas Salz bestreut oder auch den noch heute beliebten Speckkuchen aß. Rechter Hand dieser Gastwirtschaft, nach dem hinteren Teil des sehr großen Grundstückes — Fregescher Besitz — führend, befanden sich einige kleine Häuser, von denen eines Lortzing während seines Leipziger Aufenthaltes bewohnt hatte. Der hintere Teil der Großen Funkenburg bestand aus einer großen Anzahl von Mietsgärten, sowie einem Teiche, der später zugeschüttet wurde und dann als Trockenplatz diente. Jetzt befinden sich auf diesem Terrain die Funkenburg- und König Johann-Straße nebst den anstoßenden Straßen.

Links von der Gastwirtschaft zur Großen Funkenburg, aber noch zu dem ganzen Besitz gehörig, befand sich, von einer Reihe kleiner Häuser im Westen und Süden umsäumt, eine Wiese, auf der alljährlich die Seiltänzerfamilie Kolter-Waitzmann ihr Zelt mit hohem Turmseil aufzuschlagen pflegte. Bei einem Aufenthalt dieser in ganz Deutschland bekannten Seiltänzer brach in einem der genannten kleinen Häuser, in dem ein Feuerwerker seine Werkstatt aufgeschlagen hatte, Feuer aus, das so rasch um sich griff, daß Menschenleben in Gefahr gerieten. Hierbei rettete Waitzmann, der Schwiegersohn Kolters, ein sechsjähriges Madchen mitten aus den Flammen heraus.

Beim Chausseehäuschen war die Frankfurter Straße durch ein eisernes Tor abgesperrt. Dasselbe wurde später beseitigt, doch ist es noch vorhanden, indem der Zimmermeister Senf (der Vater der spä-

teren Begründer der bekannten Briefmarkenfirma Gebr. Senf) dasselbe kaufte und es an dem Eingang zu seinem großen Eckhause an der Elster- und Frankfurter Straße aufstellen ließ.

Zwischen der Elster- und Weststraße, dort,wojetzt die Karl Maria von Weberstraße entlang geht, befand sich eine ziemlich ausgedehnte und gut eingerichtete Schwimmanstalt, die von dem Apotheker Dr. Neubert errichtet worden war. Die Anstalt war, namentlich an schönen Sommertagen, sehr zahlreich besucht. In ihr herrschte zur Sommerszeit — im Winter war sie geschlossen — das Schwimmlehrergeschlecht Bullert aus Schönebeck bei Magdeburg. Als später die Elsterstraße eine Brücke über die Elster erhielt und bei dieser Gelegenheit der Fluß abgedämmt worden war, wurden im Flußbett noch eine Menge Waffen aufgefunden, welche die Franzosen bei ihrer Flucht 1813 dort verloren oder weggeworfen hatten.

Nach Aufschluß des Gerhardschen Gartens, dessen einstöckiger, mit Porzellanfliesen bedeckter chinesischer Pavillon — an der Einmündung der jetzigen Poniatowskystraße in die Elsterstraße — lange Zeit auf die Schwimmanstalt geschaut hatte, fing Dr. Heine zwischen Gerhards Garten und der jetzigen Lessingstraße an zu puddeln. Er ließ dort einen Kanal bis zum Fleischerplatz und der Pleiße bauen und errichtete darauf eine Dampferlinie nach Plagwitz, nachdem Dr. Heine schon früher eine Zeitlang ein kleines Dampfschiff zwischen Leipzig und Plagwitz hatte verkehren lassen. Es war erst ein Schlepper, der mit einem breiten langen Kahne fuhr, später ein kleiner Passagierdampter und wie alles was neu ist, so war in der ersten Zeit diese Dampfschiffahrt sehr stark frequentiert. Später verlor sich aber das Interesse daran und Dr. Heine ließ dieselbe wieder eingehen. Auch der Kanal wurde bald darauf zugeschüttet. Ungefähr um dieselbe Zeit, wo die Dampfschifffahrt eröffnet wurde, wurde die Neubertsche Schwimmanstalt abgerissen, da die Bautätigkeit sich inzwischen bis an ihre Pforten genähert hatte. An ihrer Statt wurde dann das schöne Schreberbad an der jetzigen Schreberstraße errichtet, wobei auch die Damenwelt durch Errichtung eines eigenen Bades zu ihrem Rechte gelangte.

Außer diesem Bade besaß Leipzig in der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch ein Freibad, das sich später in das jetzige Germania-Bad verwandelte, ferner das Händelsche Bad in der Parthe und auch ein Bad im Rohrteich. Indessen hatten auch die Nonnen-, die Thomas- und die Barfußmühle eine Reihe von Badezellen aufzuweisen. Die in der Barfußmühle, die nur wenig benutzt wurden, gingen bald ein, dagegen erfreuten sich die Badezellen in der Thomasmühle und namentlich in der Nonnen mühle eines zahlreichen Besuches. Allerdings litt der Besuch der Bäder in der Nonnenmühle einmal eine Zeitlang recht erheblich. Es war nämlich aus einer Menagerie, die zur Meßzeit auf dem Obstmarkt ihre Bude aufgeschlagen hatte, eine Schlange entkommen und man hatte dieselbe trotz aller Nachforschungen nicht wieder erwischen können (sie ist bis auf den heutigen Tag nicht wieder zum Vorschein gekommen), weshalb man annahm, daß sie in der nahen Pleiße, also bei der Nonnenmühle, Zuflucht gesucht und gefunden habe. So fürchtete man, bei einem Bade in der Nonnenmühle die unerwünschte Bekanntschaft mit diesem Reptil machen zu können und mied daher diese Bäder lange Zeit. Erst nach und nach und nachdem sich namentlich gezeigt hatte, daß sich bei dem Baden und Abwaschen der Pferde in der in unmittelbarer Nähe der Nonnenmühle befindlichen Pferdeschwemme kein Unfall ereignete, kehrte das Vertrauen zu der Sicherheit der Bäder zurück.

Im Süden lief die bewohnte Grenze Leipzigs an dem rechten Ufer der Pleiße entlang bis zur Brandvorwerkstraße. Sie umfaßte dabei den Floßplatz, zu dem von der Pleiße aus ein Kanal führte, auf dem vom Voigtlande her Stämme und Hölzer geflößt wurden, die dann auf dem Floßplatz herausgefischt und in hohen Stößen aufgestapelt wurden. Mehrmals jährlich wurde auf diese Weise das Holz nach Leipzig geflößt. Sobald es an einem Orte des Voigtlandes ins Wasser gelassen worden war, machten sich mehrere Männer rechts und links der Pleiße auf den Weg, um mit langen Stangen das etwa unterwegs an den Ufern hängen gebliebene Flößholz abzustoßen und wieder in die richtige Strömung zu bringen. Diese Leute hatten einen gar langen Weg nach Leipzig zurückzulegen, immer den vielfachen Krümmungen der Pleiße durch dick und dünn und Moräste folgend!

Auf dem Floßplatz hatten auch einige Seiler ihre Bahnen zum Drehen ihrer Seile und Schnuren aufgeschlagen und man sah sie da fleißig bei der Arbeit.

Westlich vom Floßplatz, jenseits der Pleiße, lag die Insel Buen Retiro, umgeben von einem großen schönen Teiche. Eine lange schmale Holzbrücke führte von einem Fahrwege des Schimmelschen Gutes, das daneben lag, nach der kleinen idyllischen Insel, auf der sich ein bescheidenes Restaurant befand. Hier fanden in früherer Zeit große Feuerwerke statt, zu denen ganz Leipzig herbeiströmte und das Gelände um den Teich belagert hielt. Der Teich diente im Sommer zur Gondelfahrt, im Winter zum Schlittschuhlaufen, wobei die Stuhlschlitten, die man jetzt fast nirgends mehr zu sehen bekommt, an denen aber doch einst selbst Goethe seine größte Freude hatte, eifrig benutzt wurden. Wie erfreute sich da jung und alt an diesem herrlichen Sport und wie fleißig wurde dabei auch geflirtet. Manches Herzensbündnis wurde da für das Leben geschlossen.

An einem warmen Sonntagnachmittag des Jahres 1867 machten mein Bruder und ich mit einem gleichaltrigen Freund aus Dresden auf dem genannten Teiche, der nach seinem Besitzer Schimmels Teich hieß, ebenfalls eine Gondelfahrt. Dabei fiel unser Dresdner Freund ins Wasser. Wir zogen ihn zwar gleich wieder heraus, aber er war pudelnaß und so legten wir an einer Wiese an, die auch sonst als Trockenplatz diente, und hängten dort seine Kleider zum Trocknen auf. Das währte aber weit über die uns gestattete Zeit hinaus und so zog unser Freund die Kleider in noch ganz feuchtem Zustande wieder an. Da wir uns nicht getrauten unseren Eltern etwas von diesem Mißgeschick zu erzählen oder merken zu lassen, so gingen wir mit unserem Freunde, der nur den einen Anzug nach Leipzig mitgenommen hatte, am Abend noch in das Theater, wozu wir bereits Billets besaßen. Unser Freund hatte freilich nur wenig Genuß von der Vorstellung. Ihn fror es in dem nassen Anzug ganz jämmerlich und er eilte nach dem Theater so rasch wie möglich in sein Bett zu kommen. Er hätte sich den Tod von diesem Abenteuer holen können, aber er kam mit einem tüchtigen Schnupfen davon.

Weiter westlich von Schimmels Teich war Wildnis. Weder Weg noch Steg gab es dort und alle möglichen Pflanzen wuchsen wild durcheinander. Es war dies ein kleines Paradies für den Botaniker. Jetzt ist diese Wildnis verschwunden. Wo sie stand, finden wir nunmehr herrliche Baumgruppen und Promenadenwege, die einen Teil des schönen König-Albert-Parkes bilden.

In der Brandvorwerkstadt gab es eine bereits zu Goethes Zeiten berühmte Bäckerei mit Kaffeeausschank, der "Kuchen-Brand" im Volksmunde benannt. Diese Bäckerei war Sommer wie Winter immer gut besucht, obgleich der Weg dorthin schon als ein tüchtiger Spaziergang galt. Aber Kuchen sowohl — es gab dort die größten Pfannkuchen in ganz Leipzig — wie der Kaffee waren von vorzüglicher Beschaffenheit und so scheute man den weiten Weg nicht. Im Winter saß man in gut geheizten Stuben und im Sommer bot der Garten mit seinen vielen Lauben einen angenehmen Aufenthalt.

Die Zeitzer Straße trug damals ihren Namen vom Königsplatz ab. Die frühere Bezeichnung Peterssteinweg für den Teil der Straße bis zum ehemaligen Petersschießgraben wurde, wie bereits erwähnt, erst 1863 wieder eingeführt. Südlich des Amtsgerichts ragte ein hohes Haus empor, mit steilem, oben abgeflachten Dach. Dort oben befand sich, von einem Eisengitter umgeben, eine kleine Bahn zum Seildrehen, denn das Haus, im Volksmunde wegen seiner absonderlichen Gestalt das "Bügeleisen" genannt, gehörte einem Seilermeister, gemeinhin aus mir unbekannt geblichenen Gründen, der "dreck’ge Seeler" genannt. An dieses Haus reihten sich, nach der Pleiße zu, einige kleine alte Häuser an, die wegen ihrer Baufälligkeit gegenwärtig zum Abbruch gekommen sind. Der Platz wurde dann durch ein Haus abgesperrt, das einem Töpfer zu eigen war, der das Zeichen seines Handwerks in Gestalt eines an einer Drehscheibe sitzenden Töpfers in halber Lebensgröße über der Haustür angebracht hatte. Durch einen langen schmalen Durchgang durch das Haus und durch eine Schlippe gelangte man dann an die Pleiße.

In der südlichen Richtung der Zeitzer Straße hörte die Stadt, nachdem man das dort gelegene, ebenfalls viel besuchte Tivoli passiert hatte, bald auf. Die Häuser wurden spärlicher und die Vereinsbrauerei war eigentlich das letzte bebaute Grundstück, Weiterhin lag einsam und verlassen nur das Chausseehäuschen. So war es denn ein langer mit Pappeln eingefaßter Chausseeweg, den man bis Connewitz zurückzulegen hatte. Der Schletterplatz, der links von der Zeitzer Straße liegt und auf dem die neue Peterskirche errichtet wurde, nachdem man die alte Petrikirche am Peterstor weggerissen hatte, war damals eine Sandgrube.

Die Windmühlenstraße reichte nur bis zum Bayrischen Bahnhofe und im Süd-Osten erstreckte sich die Stadt, mit vielen Baulücken, bis zum Neuen Johannisfriedhof. Erst nach Anlage der Nürnberger Straße wurden die Sackgassen der Ulrichgasse (jetzt Seeburgstraße) und der Holzgasse (jetzt Sternwartenstraße) geöffnet. Die jetzige Johannisallee bildete einen Teil der Verbindungsbahn zwischen dem Thüringer- bzw. Dresdner Bahnhof und dem Bayrischen Bahnhof, auf der zahlreiche Güterzüge verkehrten. Die Liebigstraße existierte noch nicht und auch die Hospitalstraße war erst unvollständig bebaut. Weiterhin, vom Neuen Johannisfriedhof ab, erstreckten sich die Thonberg-Straßenhäuser, aber die wurden schon nicht mehr zu Leipzig gerechnet. Nur die "Nummer Eins", welch Restaurationslokal noch heute besteht, wurde im Vorübergehen gern aufgesucht.

Zwischen der Hospitalstraße und der Dresdner Straße bestand ein Gewirr von kleinen Häusern und Gärten, durch das man sich nur schwer zurecht finden konnte. Es ragte da schon Reudnitzer Gebiet herüber, wie ja auch der noch jetzt bestehende Alte Reudnitzer Friedhof dort vorhanden war. Erst die spätere Anlage der Eilenburger Eisenbahn brachte da einigermaßen Ordnung und System.

Die Dresdner Straße, die in ihrer weiteren Fortsetzung damals noch Chausseestraße hieß, führte mit ihren zahlreichen Gärten bis nahe an den Großen und Kleinen Kuchengarten. Diese beiden, zu Goethes Zeiten viel besuchten Gartenetablissements zehrten noch von ihrem alten Ruhme. Aber sie wurden jährlich immer weniger besucht, denn der Weg dorthin war lang und nicht gerade angenehm, auch hatten sie viel von ihrem früheren Umfange eingebüßt. In der Dresdner Straße war die "Goldene Säge", ein viel besuchtes Lokal, Links von der Dresdner Straße traf man auf Gärten und unbebautes Feld. Es lagen dort die Kohlgärten, hier und da mit kleinen Häuschen besetzt. Die Kohlgärten bildeten die Grenze zwischen Leipzig und Reudnitz und waren schon zu diesem Ort gehörig. Weiter nördlich, in der Richtung zur Tauchaerstraße traf man ebenfalls noch auf viel freies Feld. In der Richtung lagen neben Reudnitz, Neuschönefeld und Volkmarsdorf, alles Dörfer, die nur spärlich bebaut und von Arbeitern bewohnt waren. In der Nähe des östlichen Ausganges der Dresdner Straße lagen die vielbesuchten Gastwirtschaften zu den Drei Lilien (wo am letzten Meßsonntag ein großes Harfenistinnen-Konzert stattzufinden pflegte), und zur Grünen Schänke, in welcher das damals gern getrunkene "Wernersgrüner" (eine Art Weißbier) verschenkt wurde. Auch die Gastwirtschaft zu den Drei Mohren und Staudens Ruhe waren gut besucht. Näher der Stadt zu lag die Milchinsel, ein im Privatbesitz befindlicher imposanter Gartenkomplex.

Im Norden der Stadt endete die bebaute Fläche derselben mit dem Ausgange der Gerberstraße an der Parthe und der Brücke über dieselbe. Das ganze Gelände der heutigen Blücherstraße und der Berliner Straße wurde in der Hauptsache von den Gerberwiesen eingenommen. Dort, wo jetzt die neue Börse steht, befand sich ein großer eiserner Schuppen zur Beherbergung von Heu und Getreide, das nach der Stadt gebracht wurde. Die Packhofstraße war bereits vorhanden, dagegen war die Nordstraße nur zum Teil bebaut und die Löhrstraße existierte noch nicht. Von der Promenade an der "Alten Burg" (hinter der sich das vielbesuchte Lokal der "Blauen Mütze", das Versammlungslokal der Kommunalgarde befand) führte ein Wiesenpfad zum Pfaffendorfer Hof, in welchem von altersher eine gute Milchwirtschaft vorhanden war. Die Pfaffendorfer Straße wurde erst später angelegt. Hinter dem (alten) Theater befand sich ein kleiner, in seinen Umrissen noch heute vorhandener Reitstall, der von der besseren Gesellschaft, die sich dies leisten konnte, fleißig benutzt wurde.

Das große Gebäude der Thomasschule erstreckte sich Unmit telbar westlich von der Thomaskirche, durch eine kurze enge Gasse von derselben getrennt. Noch war auch das Pförtchen vorhanden, welches südlich der Thomasschule den Thomaskirchhof von der Promenade trennte. Es war unmittelbar an die Thomasschule angebaut und verband dieselbe mit dem gegenüberliegenden kleinen Eckhause des Thomaskirchhofs. Von der Pforte führten einige Stufen in die Wohnung des Thomaskantors in der Thomas schule, und der starke Draht einer alten, helläutenden Klingel befand sich neben der Tür. Wie oft mochte einst Sebastian Bach diese Stufen hinaufgeschritten sein, an dieser Klingel gezogen haben! Erst im Jahre 1869 wurde das Thomaspförtchen abgebrochen und fast gleichzeitig auch das Geisterpförtchen am Neukirchhof (Matthäikirchhof) mit den daranstoßenden kleinen Häusern, so daß nun der Neukirchhof, nachdem man die Töpferstraße durch Verbreiterung befahrbar gemacht hatte, auch nach dem Westen dem Wagenverkehr erschlossen wurde.

Vom Thomaspförtchen bis zur Burgstraße erstreckte sich die Schulgasse. Jetzt trägt nur noch der Teil, welcher vom Kaufmännischen Vereinshause bis zur Burgstraße führt, die Bezeichnung Schulstraße, während der andere Teil mit in den Dittrichring einbezogen worden ist. Die Schulgasse war eine schmale Straße mit niedrigen Häusern. Nur auf der Strecke, die jetzt mit zum Dittrichring gehört, standen auf der an die Promenade grenzenden Seite keine Häuser. Dort befand sich noch ein Stück der alten Stadtmauer mit einer Holzbarriere, die vor einem Absturz in die tiefer gelegenen Promenadenanlagen schützte. Wo jetzt das Kaufmännische Vereinshaus steht, erhob sich die alte Ratsfreischule. In der Mitte des Dammes der Gasse befanden sich noch die großen breiten Steine, die früher sich durch alle Straßen zogen, um den Fußgängern bei schlechtem Wetter einen einigermaßen schlammfreien Weg zu bieten; denn damals gab es noch keine Bürgersteige den Häusern entlang. Das waren jene Steine, von denen es in dem Liede: "O alte Burschenherrlichkeit" wehmütig heißt: "Wo sind sie, die vom breiten Stein nicht wankten und nicht wichen?" Denn zum Ausweichen boten die Steine keinen Raum und es entspann sich, wenn der Himmel seine Schleußen geöffnet hatte, zwischen den sich Entgegenkommenden stets ein harter Streit, wer von ihnen vom breiten Stein herunter und in den Kot treten sollte, um den anderen vorüber zu lassen.

In der Fortsetzung der Schulgasse kam man zunächst an einen kleinen freien Platz und dann unmittelbar, an dem Ausgange der Pleißenburg nach der Burgstraße vorüber, in die Schloßgasse, an deren Anfang ein breiter, nur an einer Seite von der Gastwirtschaft Kitzing & Heibig bebauter Durchgang nach der Petersstraße führte. Auch die Schloßgasse bestand zumeist aus kleinen Häusern, von denen einige einen üblen Ruf besaßen. Dann gelangte man in die Petersstraße. Direkt vor sich erblickte man die kleine, graue, turmlose Petrikirche mit dem dahinter liegenden alten Kornmagazin, und rechts das schöne Peterstor mit einer Durchfahrt sowie Pforten rechts und links davon für Fußgängerwege. Vom Peterstor aus führte eine halb zugeschüttete Brücke an einigen Pappeln vorüber mit interessantem Ausblick auf die Pleißenburg und ihren Wallgraben nach dem Königsplatz. Links vom Peterstor gelangte man auf den Moritzdamm, eine sehr schmale Gasse, die auf der Stadtseite von ebenfalls kleinen, einstöckigen Häusern eingesäumt war. Rechts, nach der Promenade, war noch die alte Stadtmauer vorhanden, über die hinweg man auf den früheren Wallgraben hinabblicken konnte. Hier hatten Gärtner ihre Beete und sonstigen gewerblichen Vorrichtungen angelegt, doch waren sie bereits im Abbau begriffen, denn der Plan, diesen Teil des alten Wallgrabens mit in die Promenadenanlagen einzubeziehen — es führte dort vom Königsplatz bis zu dem jetzigen, mit dem Denkmal des Bürgermeisters Dr. Koch geschmückten Hügel zur Markierung der Promenadenfortsetzung nur ein mit Bäumen umsäumter Fußpfad — stand unmittelbar vor seiner Verwirklichung. Schon wurde auch ein besonders schöner großer, eigentümlich gewachsener Baum, der bisher auf dem Schneckenberge gestanden hatte, hierher verpflanzt, was bei der Größe des Baumes als ein gärtnerisches Kunststück angestaunt wurde. Er steht noch jetzt dort, gleich rechts von dem Ausgange der Universitätsstraße in den Anlagen.

Auf dem Fundament der alten Moritzbastei erhob sich in ihrer noch jetzt erhaltenen Gestalt die damalige erste Bürgerschule, die in den oberen Stockwerken des rechten Flügels auch die von Dr. Vogel als erste in Sachsen gegründete Realschule beherbergte, aus der sich später das Realgymnasium entwickelte. Direktor der ersten Bürgerschule und zugleich, bis zu seinem Tode, Direktor der Realschule war Dr. Vogel, der Vater der seinerzeit sehr bekannten Schriftstellerin Elise Polko, sowie des unglücklichen Afrikareisenden Eduard Vogel, der im Februar 1856 auf Befehl des Sultans von Wadai in Wara enthauptet wurde, weil er verbotswidrig einen heiligen Berg bestiegen hatte, damals aber und noch lange hinterher als verschollen galt. Dr. Vogel, dessen gedrungene Gestalt mit ihrem langen weißen Haupthaar noch lebhaft vor meinem geistigen Auge steht, galt als einer der hervorragendsten Pädagogen seiner Zeit und der Rat hatte ihn unter Zubilligung erheblicher Vorteile aus Crefeld, wo er früher wirkte, nach Leipzig berufen. Direktor der Realschule war nach Vogels Tode Prof. Dr, Wagner, ebenfalls ein vorzüglicher Pädagog. Hier verlebte ich meine Schuljahre und ich war somit Zeuge, wie sich der alte schmale Moritzdamm nach und nach in die heutige breite und vornehme Schillerstraße verwandelte.

Der weit verbreitete Ruf Dr. Vogels führte eines Tages zwei Franzosen, Vater und Sohn, ebenfalls Pädagogen, zur ersten Bürgerschule, und Dr. Vogel geleitete sie in meine Klasse, damit sie dem Unterricht in derselben beiwohnen sollten. Den Herren wurden Stühle gebracht und sie setzten sich neben das Katheder, das Gesicht uns Schülern zugewandt. Gegen Schluß der Unterrichtsstunde, deren letzten Hälfte Dr. Vogel mit beigewohnt hatte, erhob sich der ältere der Besucher, um, uns den Rücken zukehrend, an der Tafel mit Kreide eine Hand zu malen. Da sahen wir Schüler zu unserem grenzenlosen Erstaunen, daß der Herr hinten einen weißgepuderten Zopf trug, der in einer schwarzseidenen Schleife endete. Zweifellos war dies, anfang der Sechziger Jahre, das letzte Exemplar aus der verflossenen Zopfzeit!

Bei der Erstürmung Leipzigs durch die Verbündeten hatte auch um die erste Bürgerschule, die von Franzosen besetzt gehalten wurde, ein kurzer Kampf getobt. Noch hing in einer der Klassen, die ich besuchte, eine Wandtafel, durch die eine bei diesem Kampfe abgeschossene und durch das Fenster gedrungene Kugel gegangen war.

Gegenüber der Paulinerkirche stand auf dem Augustusplatz ein überdachter Brunnen, ein beliebter Rendezvousort, der später in Wegfall kam, als der von Frau Mende gestiftete Monumentalbrunnen errichtet wurde. Das Bildermuseum auf dem Augustusplatze, eine Stiftung Schletters, gelangte in seinem mittleren Teile 1858 zur Fertigstellung. Das Museum wurde sodann genau einen Tag früher eingeweiht, bevor die vom Stifter Schletter dafür gesetzte Frist abgelaufen war. Die ganze Bilderstiftung wäre sonst verloren gewesen. Der Bau hatte sich verzögert, weil gewisse Bürgerkreise die Promenade nicht opfern und den Blick nach dem Musenhügel nicht versperrt sehen wollten.

An der Ostseite des Augustusplatzes erstreckte sich zwischen der Johannisgasse und dem Grimmaischen Steinweg das niedere Beckersche Haus mit seinem hübschen Garten und der daneben befindlichen klassisch schönen Fassade, an deren Stelle sich jetzt das weniger harmonische Eckhaus von Flinsch erhebt.

In der Flucht der Goethestraße wurde an der Ecke der Ritter straße für die Königliche Familie anfang der Sechziger Jahre seitens der Stadt ein Palais errichtet und dasselbe schenkweise dem König überwiesen. Als König Johann dasselbe mit seiner Familie zum ersten Male bezog, herrschte großer Jubel in Leipzig und die Stadt war abends feenhaft illuminiert.

Gegenüber dem Königlichen Palais lag tief unten in den Promenadenanlagen, nahezu unverändert auf die heutige Zeit überkommen, der Schwanenteich, letztes Ueberbleibsel der Wallgräben, die einst die befestigte Stadt Leipzig umgaben. Südlich des Schwanenteiches erhob sich der Schneckenberg. Es war dies ein sehr idyllischer Ort, daß er später dem Bau des Neuen Theaters zum Opfer fiel, wurde von vielen Leipzigern mit Recht beklagt. Gekrönt wurde der kleine Hügel von dem vom Direktor der Zeichenakademie Adam Friedrich Oeser, demFreunde Goethes, entworfenen Gellertdenkmal. Aus einer durch Granitsteine künstlich gebildeten Felsengrotte rieselte (aus den Röhren der städtischen Wasserkunst gespeist) eine Quelle hervor, die alsbald, umwuchert von Farrenkraut und Gebüsch, einen kleinen Wasserfall bildete und zum Schwanenteich herablief. Mehrere vielfach verschlungene Wege führten zum Schneckenberg hinauf und von ihm hinab. Das Gellertdenkmal ging 1864 bei Abtragung des Hügels verloren. Aber das Modell zu demselben ist noch vorhanden; es befindet sich in der Stadtbibliothek. Nach diesem Modell entwarf später Prof. Max Lange das Vorbild für das Gellertdenkmal, das von dem Bildhauer August Schmiemann ausgeführt und 1909 an der Promenade, unweit des Ausganges der Universitätsstraße, errichtet wurde. Das Grab Gellerts befand sich, wie an dieser Stelle mit eingeschaltet sei, außerhalb der Johanniskirche an deren Südseite, dort, wo jetzt eine Rotbuche steht. Das Grab war mit einer gußeisernen Platte überwölbt. Bei der Renovierung der Johanniskirche im Jahre 1895 (beendet 1897) wurden die Gebeine des großen Fabeldichters zugleich mit den damals wiederaufge fundenen Gebeinen des ebenfalls in unmittelbarer Nähe der Johanniskirche beerdigten Johann Sebastian Bach in der Kirche selbst beigesetzt.

Korrespondierend mit der ehemaligen Moritzbastei, ragte das auf der früheren "Schönefelder Bastei" 1701 erbaute Georgenhaus weit aus der Stadtlinie heraus und die Goethestraße mußte einen großen Bogen um das große Gebäude machen, um am Dresdner Bahnhof in die Promenade auszumünden. Das Georgenhaus diente als Versorgungs-, Waisen- und Findelheim, sowie als Zuchthaus; auch befand sich eine Krankenabteilung für Geisteskranke dort, ferner eine Bibelverkaufsstelle, wo auch der lutherisch-evangelische Katechismus, ein unentbehrliches Hilfsbuch für den Konfirmandenunterricht, zu haben war. Im Jahre 1871 wurde das Georgenhaus niedergerissen und an seine Stelle das stattliche Gebäude der Allgemeinen Deutschen Creditanstalt errichtet, bei welcher Gelegenheit auch der Bogen der Goethestraße beseitigt wurde und die Straße eine gerade Richtung erhielt.

Auf den hohen Bäumen rechts in den Anlagen bei dem Georgenhaus nisteten zahllose Dohlen, die mit ihrem Geschrei und ihrer Unreinlichkeit eine recht unbequeme Nachbarschaft für die ganze Umgebung bildeten. Lange duldete man diesen Uebelstand, bis man sich endlich entschloß, durch Abschuß dieser Dohlensiedlung ein radikales Ende zu bereiten.

Ein ähnlicher Vogellärm fiel auch auf dem Naschmarkt sehr lästig. Auf zwei vor der alten Börse befindlichen Bäumen pflegten sich namentlich in den Nachmittagsstunden Hunderte von Sperlingen zu versammeln und ein ohrenbetäubendes Gekreisch anzustimmen. Auch dieses gerade nicht angenehme Konzert wurde später beseitigt.

Dort, wo jetzt das — übrigens seinen Zwecken nicht mehr dienende — Gebäude der dauernden Gewerbeausstellung an der Promenade steht, befand sich eine Fleischhalle für auswärtige Fleischer.

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