Leipzig wächst und ein Skandal

In den letzten Jahren hatte die Stadt mehr und mehr an Umfang zugenommen. Im Norden, Süden, Osten und Westen wurden neue Straßen angelegt und überall schossen neue Häuser empor. Auch die bisherigen Schießstände der Schützengesellschaft und das hinter dem Schützenhause gelegene Areal wurden, ihrer günstigen Lage wegen, nicht weit von dem Promenadenring und benachbart von den stark in Anspruch genommenen Verkehrsstraßen Wintergartenstraße und Tauchaer Straße, von dieser Bautätigkeit erfaßt; die Schießstände paßten überhaupt nicht mehr inmitten der werdenden Großstadt. Die Schützengesellschaft mußte sich deshalb entschließen, sich ein neues Heim außerhalb des städtischen Verkehrs zu schaffen. So entstand das neue Schützenhaus am Leutzscher Weg, wo sich jetzt die Kleinmesse befindet, die mit ihrer Dorthinverlegung übrigens die Schützengesellschaft nach 50 Jahren zu einer abermaligen Verlegung ihrer Lokalitäten weiterhin bis tief in den Wald nötigte.

Die Einweihung des neuen Schützenhauses fand am 18, Oktober 1868, einem Sonntag, statt. Dieselbe gestaltete sich zu einem hohen Ehrentage für die altehrwürdige Schützengesellschaft. Von nah und fern kamen in hellen Haufen die Schützenbrüder herbeigeströmt, die ihre Teilnahme an dem Ereignis durch ihr persönliches Erscheinen bekunden wollten. Es war deshalb ein sehr stattlicher Zug, der sich von dem alten Schützenhause, von dem man nur mit Wehmut Abschied nahm, nach dem neuen Schützenhause in Bewegung setzte. Voran eine Reiterabteilung, dann ein Musikchor, gefolgt von auswärtigen Ehrengästen, den Zeigern, der Fahne und dem Vorstande der Schützengesellschaft, dann wieder ein Musikchor, worauf die Mitglieder der Schützengesellschaft selbst mit ihren kleinen Kanonen folgten. Diesen schlossen sich dann die von auswärts gekommenen Schützenbrüder an. Die Mannigfaltigkeit der Uniformen und Kostüme gab dem Zuge ein buntes Aussehen und die Menschenmassen, welche die von ihm durchzogenen Straßen füllten, begrüßten die Vorbeimarschierenden mit freundlichen Zurufen.

Auf dem neuen Schützenhause entwickelte sich nach Eintreffen des Zuges bald ein lebhaftes Treiben. Ungezählte Scheiben waren aufgestellt und überall knallte es. Doch kam auch die alte Armbrust wieder zu Ehren, indem nach einem Adler mit Bolzen geschossen wurde. Es waren, namentlich von auswärtigen Schützengesellschaften, sehr zahlreiche Preise in mancherlei Gestalt gestiftet worden und so konnten fast alle guten Schützen prämiiert werden. Auch die Bevölkerung nahm an dem Feste lebhaften Anteil; der neue Restaurationsgarten war bis zum späten Abend von fröhlicher Gesellschaft dicht besetzt.

Zu jener Zeit (Ende der sechziger Jahre), wo ich nun ein herangewachsener Jüngling war, der sich auch schon in der Gesellschaft bewegte, machte ich eine Reihe interessanter Bekanntschaften, so des in der Nähe meines elterlichen Hauses wohnenden bekannten Lustspieldichters Roderich Benedix, der fast täglich nach der Oberschänke in Gohlis pilgerte, um dort sich an einer Gose zu erquicken, ferner des Dichters Müller von der Werra, der ebenfalls ein fleißiger Spaziergänger war, sowie auch einiger Größen aus der Musikwelt, wie Dreyschock, Moscheies und David. Sehr häufig verkehrte ich ferner mit dem Romanschriftsteller August Schrader, welcher in dem Gesangverein „Ossian“, dem auch meine Schwestern angehörten, eine führende Stellung einnahm. Schrader war früher österreichischer Offizier gewesen, war aber dann seinen schriftstellerischen Neigungen gefolgt und hatte die Uniform ausgezogen. Er erzählte mir oft, wie schwer ihm der Anfang der Schriftstellerei geworden und wie so manchesmal ihm die Feder entmutigt aus der Hand gesunken sei. Aber er hatte sich durchgerungen und zu der Zeit, von der ich spreche, gehörte er zu den gelesensten Romanschriftstellern. Er war es auch, dem ich die ersten Proben meiner literarischen Betätigung zur Begutachtung vorlegte. Schrader war gutmütig genug, mich zu loben und zu weiteren Versuchen zu ermutigen, doch haben zum Glück für die Welt meine damaligen Stilübungen das Licht der Welt nicht erblickt. Hier und da hatte ich auch Gelegenheit, mit Ernst Keil, dem Herausgeber der Gartenlaube, einem sehr wohlwollenden und zugänglichen Herrn, den ich in späterer Zeit häufiger besuchte, ferner mit dem Dichter Hoffmann von Fallersleben und der Schriftstellerin Auguste Schmidt, der man auf dem alten Johannisfriedhof ein hübsches Denkmal errichtet hat, zu verkehren. Auch Henriette Goldschmidt, die bekannte Vorkämpferin und Bahnbrecherin für Frauenberufe, deren Mann Rabbiner an der unserem Hause benachbarten Synagoge war, war eine gute Bekannte. Im Theater war ich ein häufiger Gast. Damals war dank Heinrich Laube, welcher Anfang 1869 nach dem Rücktritt des verdienstvollen Direktors von Witte (dessen unmittelbare Vorgänger R. Wirsing, Dr. Schmidt und Ringelhardt gewesen waren), die Leitung des Neuen und des Alten Theaters übernommen hatte, ein Ensemble zusammen, wie es wohl kaum jemals wieder ein Theater aufweisen wird. Im Schau- und Lustspiel glänzten Kräfte wie Raabe, Barnay (dieser freilich nur vorübergehend), Stürmer, Mittell Herzfeld, Engelhardt, Deutschinger, Claar, Grans, Mitterwurzer, ferner die Schauspie lerinnen Clara Ziegler, Haberland (nach deren klassisch schönem Arm der Bildhauer Schilling später den Arm der Germania auf dem Niederwald-Denkmal modellierte), Delia, die spätere Gattin Claars, Link, Bachmann, Zipser u. a., und auch in der Oper waren erstklassige Kräfte wie Gura, Rebling, Lilli Lehmann, Frau Peschka-Leutner, Börs, vertreten. Auch berühmte Gäste traten häufig auf, so Haase, Döring, Devrient, Heimerding, Hedwig Niemann-Rabe und viele andere. So war es stets ein hoher Genuß, wenn man das Theater besuchte.

Des alten Laube erinnere ich mich noch sehr deutlich. Er pflegte bei schönem Wetter des Morgens frühzeitig im Rosentale, oft in Begleitung des damaligen Dramaturgen Strakosch, spazieren zu gehen, und da mein Vater solche Spaziergänge ebenfalls liebte, wobei ich ihn begleitete, so hatte ich häufig Gelegenheit Laube zu sehen. Er war ein Mann von mittlerer Größe mit einem halblangen grauen Kinnbart. Er ging etwas vornüber gebeugt und trug bei diesen Morgenspaziergängen gewöhnlich einen weiten blauen Mantel.

Der Zufall wollte es, daß ich — anfangs März 1870 — in jener Vorstellung im Alten Theater anwesend war, wo sich Vorgänge ereigneten, die bei Laube den durch andere Mißhelligkeiten in der Direktionsführung bereits erwogenen Gedanken, die Leitung niederzulegen, zur Ausführung brachten. Ein besonderer Liebling der Theaterbesucher war Fräulein Link, die mit dem Schauspieler Herzfeld verlobt war. Dieser hatte einen Kritiker, Dr. Silberstein, der der Vertreter einer Klique war, die durch Flugblätter alles herunterriß, was ihr nicht in den Kram paßte und der auch Fräulein Link in seinen Rezensionen wiederholt getadelt hatte, handgreiflich zurechtgewiesen, worauf Herzfeld von Laube die Kündigung erhielt. Im Publikum, das Partei für das Brautpaar nahm, herrschte darüber eine große Erregung. Als nun in der Vorstellung, von der ich spreche, Fräulein Link auftrat, erhob sich von allen Plätzen des Theaters demonstrativer Beifall, der bald in wüsten Lärm überging. Man pfiff, trampelte mit den Füßen, schlug mit den Fäusten auf die Brüstung und schrie nach Laube. Der Lärm war so arg, daß das gleichfalls auf der Szene befindliche Fräulein Delia einen Weinkrampf bekam und der Vorhang fallen mußte. Als der Lärm auch dann nicht aufhörte, erschien ein Regisseur vor der Rampe, welcher mitteilte, daß man nach Laube, der sich im Neuen Theater befinde, geschickt habe, daß derselbe jedoch dort nicht abkömmlich sei und deshalb nicht erscheinen könne. Der Regisseur bat dann mit Rücksicht auf die Erkrankung des Fräulein Delia um Ruhe. Die Mitteilung, daß Laube, den man persönlich zur Rechenschaft ziehen wollte, sich nicht dem demonstrierenden Publikum zeigen werde, entfesselte jedoch von neuem die Tumultszenen, ja man trieb es ärger als zuvor. Es trat erst Ruhe ein, als sich von einem Parkettsitze Herzfeld erhob, um dem Publikum seinen und seiner Braut Dank für die Sympathien auszusprechen, die es ihnen entgegenbringe. Von einer Fortsetzung der so jäh unterbrochenen Aufführung war aber keine Rede mehr, doch dauerte es lange, ehe das aufs äußerste erregte Publikum das Theater räumte.

Wenige Tage später wurde bekannt, daß Laube die Direktion der beiden städtischen Theater niedergelegt habe. Es hatte sich außer den soeben geschilderten Vorgängen, wie schon erwähnt, noch manches andere ereignet, was Laube den weiteren Aufenthalt in Leipzig verleidete, und woran er, namentlich durch seine oft zutage tretende Schroffheit und Eigensinnigkeit, nicht ganz ohne eigene Schuld war. Er ging dann nach Wien zurück, von wo er nach Leipzig gekommen, um bald darauf die Leitung des dortigen Stadttheaters zu übernehmen, nachdem er früher das Wiener Burgtheater geleitet hatte

 

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