Straßenleben

An dieser Stelle mögen auch einige kleine Erlebnisse aus meiner Kindheit Tagen Platz finden. Eines Vormittags schickte mich meine Mutter in die Barfußmühle, um dort Grieß für die Suppe zu holen. Sie schärfte mir ein, immer „Grieß, Grieß“ vor mich herzusagen, auf daß ich auch das Richtige bringe. Ich versprach dies zu tun und nahm wohlgemut meinen Weg von der Zentralstraße um die Synagoge herum, dort den kleinen Abhang herab, der zu einer den Diebesgraben überspannenden Holzbrücke führte, dann durch Lehmanns Garten an Cajeris Gosengarten vorbei nach der Brücke, welche Lehmanns Garten mit der Promenade verband und wo jenseits der Brücke gleich links die Barfußmühle stand, immer vor mich hermurmelnd: „Grieß, Grieß“. In der Nähe von Cajeri kam mir ein Hund entgegen, der mich beschnupperte und den ich daher streichelte. Weitergehend nahm ich das Hersagen meines Auftrages wieder auf, sagte aber nun, Gott weiß woher diese Sinnesänderung kam, „Reis, Reis“. Ich brachte also Reis statt Grieß nach Hause. Meine Mutter schickte mich damit nach der Barfußmühle zurück, mich in dringlicher Weise ermahnend, ja den Auftrag richtig auszuführen. Ich machte mich demgemäß erneut auf den Weg mit dem festen Vorsatz, nun aber wirklich Grieß zu bringen. Statt Grieß aber brachte ich diesmal Graupen, ein Rätsel, das ich bis heute vergeblich zu lösen gesucht habe. Nunmehr gab mir die ärgerlich gewordene Mutter meinen jüngeren Bruder mit, uns beide ermahnend, an nichts anderes als an Grieß zu denken und ein Pfund davon mit heimzubringen. Diesmal glückte es. Im Austausch gegen die wieder zurückgebrachten Graupen erhielten wir richtig eine Pfundtüte Grieß. Aber mit des Himmels Mächten —. Damals besaß die Pleiße an der Promenadenseite noch keine Ufermauer und von der Mitte des Fahrdammes ging es bereits etwas abschüssig nach der Flußböschung zu. Kurz vorher war da schon einmal ein Bierwagcn ins Rutschen gekommen und war, die kleine Holzbarriere am Flußufer durchbrechend, mit all seinen Bierfässern, den Pferden und dem Kutscher in die an dieser Stelle glücklicherweise nicht tiefe Pleiße hinabgesaust. An dem Tage, an welchem wir Grieß holten, hatte es nachts ergiebig geregnet. Der von der Brücke nach der Barfußmühle führende ungepflasterte Fußpfad war dadurch schlammig und schlüpfrig geworden und Pfützen standen darauf. Kaum also hatten wir die Barfußmühle verlassen, glücklich darüber, daß wir jetzt unseren Auftrag richtig ausgeführt hatten, als wir beide zu gleicher Zeit auf dem abschüssigen, klitschigen Wege ausglitten und der Länge nach im Schmutze lagen. Die Tüte war dabei unseren Händen entschlüpft und geborsten mitten in eine zwischen uns befindliche Pfütze gefallen, die sich nun sogleich in Grießsuppe verwandelte. So kamen wir mit leeren Händen heulend nach Hause. Vorher hatte ich doch wenigstens etwas mitgebracht, wenn es auch nicht das Gewünschte war. Diesmal aber brachten wir überhaupt nichts nach Hause! Nunmehr schickte Mutter das Dienstmädchen auf den Weg, das vorher angeblich keine Zeit dafür hatte. So gab es zu Mittag doch noch Grießsuppe. —

Es mag in meinem zweiten Schuljahr gewesen sein, als mich auf dem Nachhausewege von der Schule ein Platzregen überraschte. Ich hätte mich, da ich keinen Regenschirm bei mir hatte, ja irgendwo unterstellen können. Allein das litt mein Pflichtgefühl nicht. Es war strengster Befehl meiner Eltern, nicht länger als eine Viertelstunde auf dem Schulweg zu verweilen und genauest wurde dies kontrolliert. So kam ich denn naß bis auf die Knochen nach Hause. Da sagten mir meine Eltern, daß, wenn ich ohne Schirm wieder einmal von einem solchen Regen überrascht würde, ich die erstbeste Droschke nehmen und in ihr nach Hause fahren solle. Das war eine gar freudige Mitteilung für mich und sehnsüchtig wünschte ich die Gelegenheit herbei, wo ich in einer Droschke von der Schule nach Hause fahren könne. Endlich nach einigen Wochen fing es auf einem Nachhauseweg an zu tröpfeln und eifrig schaute ich mich nun nach einer Droschke um. Es war aber keine zu erblicken und im Laufschritt eilte ich daher, immer in der Befürchtung, daß der spärliche Regen inzwischen wieder aufhören könne, durch fast alle Straßen der inneren Stadt, um eine solche zu suchen. Schließlich fand ich eine leere Droschke in der Nähe der Thomaskirche und ich fuhr nun mit ihr die nur noch ganz kurze Strecke bis zu unserer Wohnung, wo der Kutscher von meinen verblüfften Eltern das Fahrgeld heischte.

Einige Jahre später, wir Brüder mochten 11 und 9 Jahre alt sein, hatten wir von irgendwem gehört, daß die Sonne am ersten Osterfeiertag beim Aufgehen tanze. Davon wollten mein Bruder und ich uns überzeugen und so ließen wir uns am nächsten ersten Ostertage von unserem Vater rechtzeitig wecken und wir flogen mehr als wir gingen in der Dämmerung durch die noch menschenleeren Straßen nach dem Napoleonstein, von welchem Hügel aus wir die aufgehende Sonne am besten betrachten konnten, denn damals versperrten noch keine Neubauten in Probstheida, Zuckelhausen und Wachau die weite Fernsicht, die man von dort aus hatte. Es war ein herrlich schöner Tag, kein Wölkchen am Himmel und der Sonnenaufgang versprach prachtvoll zu werden. Es dauerte denn auch nicht lange, als am östlichen Horizont rote Strahlen aufzuckten und darauf auch das Tageslicht rosarot auftauchte. In der Tat schien es Sprünge zu machen, bald nach rechts, bald nach links, bald nach oben, bald nach unten. Wir zückten unsere Bleistifte und malten das Phänomen in unser Notizbuch. Todmüde kamen wir dann zu Hause wieder an und waren unbrauchbar für den Ausflug, der für diesen Tag geplant war; aber wir waren doch stolz darauf, die tanzende Sonne gesehen zu haben. Es dauerte eine geraume Zeit bevor wir dahinterkamen, daß die Sonne die von uns angestaunten Bewegungen nicht bloß am ersten Ostertage mache, sondern an jedem anderen Tage bei ihrem Aufgehen auch, und daß diese Bewegungen nichts anderes seien als eine durch die Luftspiegelung hervorgerufene Täuschung.

Das Straßenleben war zu jener Zeit das einer Kleinstadt. Große Fuhren Tannen- und Fichtenholz wurden, gefolgt von Leuten mit Holzböcken, Säge und Axt, zur Stadt hereingefahren und öffentlich ausgerufen. Fand sich jemand, der Bedarf an solchem Holze hatte, so wurde die Fuhre vor dem Hause abgeladen, die Holzböcke aufgestellt und die Holzhacker machten sich sogleich daran, das Holz zu zerkleinern, worauf sie es an den hierfür bestimmten Ort des Hauses trugen. Da der Fahrverkehr noch kein allzu großer war und es noch nicht Fahrräder und Autos gab, so verursachte eine solche Prozedur auch weiter keine Störung. Diesen Holzfuhrleuten folgten Personen, die unausgesetzt „Kienholz, Kienholz!“ riefen, das sie gebündelt in Körben bei sich trugen. Dabei rauchten sie — wie übrigens auch noch viele andere der kleinen Leute in Leipzig — ihre „Stötterikos“. Das waren Zigarren, die von dem Tabak fabriziert wurden, der damals in der Umgebung von Stötteritz gebaut wurde; die Zigarren zeichneten sich freilich weniger durch ihren Wohlgeschmack als durch ihre Billigkeit aus. Dann zogen Männer und Frauen mit vollbeladenen Wagen durch die Straßen, „Sand, weißen Sand!“ rufend und sie fanden eifrigen Zuspruch. Denn damals waren die Küchen noch nicht mit Farbe bestrichen oder mit Fliesen belegt, häufig wiesen auch die Wohnungskorridore noch keinen Anstrich auf und es war der Stolz jeder Hausfrau, wenn Küche und Korridor allsonnabendlich so sauber und blank gescheuert wurden, wie dies mit jedem Deck unserer Schiffe geschieht, sobald sie sich einem Hafen nähern. Um aber die Sauberkeit so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, brauchte man feinen weißen Sand, den man über die Diele streute. Auch pflegte man das Blechgeschirr mit weißem Sand zu putzen.

Jeden Morgen kam ferner der Milchmann oder die Milchfrau mit ihrem Hunde- oder Eselsgespann vom Dorfe herein, um unter lautem Geschrei ihre Kunden zu bedienen. Zu jeder Tageszeit aber sah man Grünwarenhändler mit ihren Karren, die ihre Waren mit Stentorstimme anpriesen und zur Sommerszeit namentlich ihren stereotypen Ruf: „Salat, Salat, Radieschen!“ laut ertönen ließen. Dann kamen weiterhin Bücklingsleute, die ihre frisch geräucherte Ware ausriefen, daneben Fischerjungen, die in Körben auf ihrem Handwagen ihren Fang durch die Straßen fuhren und dabei mit helltönender jugendlicher Stimme: „Frische Weißfische!“ riefen. In den Häusern und in den Restaurationen erschienen junge Leute beiderlei Geschlechts, die auf langen dünnen Stäben aufgespießt eine Reihe gerupfter kleiner Vogel feilboten. Es waren dies die damals berühmten „Leipziger Lerchen“, unter denen sich aber auch mancher ehrlicher Spatz befinden mochte. Zur Mittsommerszeit konnte man auch allüberall in den Straßen den Ruf: „Heedelbeeren, Heedelbeeren!“ vernehmen und zu gegebener Zeit ferner die Rufe: „Kerschen, Kerschen!“ oder „Bern, Bern!“ (Birnen), namentlich aber; „Aeppel, Aeppel!“, obgleich alle diese Früchte an den Markttagen (Dienstags, Donnerstags und Sonnabends) auch auf dem Marktplatz und auf dem Obstmarkt zu haben waren. Täglich wurde jedoch „Frisches Bettstroh“ durch die Stadt gefahren, denn damals war eine Bettmatratze noch ein unerhörter Luxus und man hielt noch getreu an den altüberkommenen Strohsäcken (in die auch das Obst zum Nachreifen gesteckt wurde) fest, die aber häufig der Auffrischung bedurften.

Hochwillkommen war es in den Wintermonaten, wenn von Frauen und Männern, die mit um den Leib gespannten Körben einhergingen, von der Straße aus das „Warme weeche Brezeln, warme, weeche!“ ertönte. Wie wurde da zu den Brezelmännern und -frauen hingestürmt und Brezeln gekauft, soviel nur die Hand zu halten vermochte. Denn Wasser- und namentlich Kümmelbrezeln galten damals als eine besondere Delikatesse.

Zur Fastnachtszeit tauchten auch Frauen auf, die frischgeba ckene Pfannkuchen ausriefen und auch diese fanden damit einen guten Absatz, namentlich am Aschermittwoch. Es war damals das „Aschenrutenabkehren“ noch Sitte. Die nach Weihnachten von dem „geplünderten“ Christbaum abgeschnittenen Zweige wurden für diesen Zweck an einem kühlen Ort aufbewahrt und dann mit Papierrosen oder künstlichen Blumen schön geschmückt. Hatte man zu Hause nicht selbst solche „Aschenrufen“, so fand man sie auf dem Markte, wo sie in großer Auswahl feil gehalten wurden. Mit diesen Aschenruten begaben sich die Kinder zu befreundeten Familien und „kehrten“ deren Mitglieder auf ihrer Rückseite die „Asche“ ab, wobei kräftig zugeschlagen wurde. Als Lohn dafür erhielt man einige Pfannkuchen und deshalb war der Bedarf an solchen am Aschermittwoch ein besonders großer.

Allsonntäglich kamen ferner Landbäckerfrauen vom Lande herein, ihre Tragkörbe mit Kuchen vollgepackt. Sie klingelten an den Wohnungstüren und boten ihre Ware feil, wobei namentlich ihr Sandkuchen bevorzugt wurde. Diese Bäckersfrauen hatten ihre ständigen Kunden und sie machten jahraus jahrein ein gutes Geschäft.

Von Zeit zu Zeit erschienenin der Stadt auchfremde Männer mit blauen Leinenkitteln und einer Zipfelmütze auf dem Kopfe. Sie schoben einen Schubkarren vor sich her, in dem sie echten Limburger Käse und Hoffmanns Magentropfen hatten. Auch diese Männer hatten zumeist ihre ständigen Kunden und der Jubel in der Familie war stets sehr groß, wenn wieder ein ansehnlicher Posten der Limburger Käsesteine in die Vorratskammer geschafft wurde, die stets so vorzüglich schmeckten und den Appetit anregten. Zu Meßzeiten aber kam der „Leinwandmann“ aus der Oberlausitz ins Haus, um seine selbstgewebte Ware an den Mann zu bringen. Selten ging er ohne Auftrag fort, denn die Leinewand war in ihren verschiedenen Sorten gut und preiswert, ja die Reellität der Ware verhalf dem Mann zu manchen Aufträgen für eine Aussteuer, wenn sich eine Tochter verheiraten wollte.

Ab und zu kamen auch Frauen aus Meerane und Glauchau, um billige Kleiderstoffe abzusetzen, ja selbst eine Klöppelfrau aus Annaberg fehlte nicht, um allerhand hübsche Spitzen feilzubieten.

Am Neujahrstag kam die Klingel kaum zur Ruhe. Alle möglichen Leute kamen da, um zu Neujahr zu gratulieren; der Schornsteinfeger, der Nachtwächter, die Waschfrau, der Zeitungsausträger, verschiedene Handwerksgesellen, deren Dienste im Laufe des Jahres wiederholt in Anspruch genommen worden waren und noch andere Leute mehr. Jeder der Gratulanten erhielt ein dem Umfange seiner Tätigkeit im Hause entsprechendes mehr oder weniger großes Geldgeschenk, sehr oft unter Hinzugabe eines Stückes Stolle.

Eine ständige Erscheinung in unserem Hause war die „Hirschemusen“, vor der wir Kinder uns jedoch stets fürchteten, so daß wir unter die Schürze der Mutter krochen, wenn sie zu uns ins Zimmer trat. Die „Hirschemusen“ war eine stadtbekannte Persönlichkeit, eines jener Originale, wie sie in den großen Städten immer seltener werden. Noch jetzt, 50 Jahre nach ihrem Tode, spricht man in Leipzig zuweilen von ihr. Sie hieß Frau Amalie Auguste Stalzer und war 1806 in Breslau als Tochter eines Stadtsoldaten namens Sattler geboren worden. Wie sie zu dem Namen „Hirschemusen“ gekommen war, ist unbekannt. Sie soll Schauspielerin oder Sängerin gewesen und von einem hochgestellten Freier betrogen worden sein, welches Unglück sie sich so sehr zu Herzen genommen hatte, daß sie einen Teil ihres Verstandes einbüßte. Tatsächlich war es in ihrem Oberstübchen nicht ganz richtig. Ihre einzige Leidenschaft bestand darin, sich so schön wie möglich putzen zu wollen. Mitleidige Personen schenkten ihr häufig abgelegte Kleider, die, wenn dieselben mit Samt oder Seide verbrämt waren oder vielleicht ganz aus diesen Stoffen bestanden, sie mit einer besonderen Grazie trug. Eine Zeitlang trug sie, selbst im heißen Sommer, einen schon längst ausgedienten Hermelinpelz und darunter ein verschlissenes seidenes Schleppkleid. In solchem Aufzuge ging sie nun von Haus zu Haus, um Zwirn, Näh- und Stecknadeln und dergleichen zu verkaufen, welche Gegenstände sie in einer perlengestickten Handtasche mit sich trug. Wo sie sich aber auf der Straße blicken ließ, da waren die Gassenbuben hinter ihr her. Ein vielstimmiges „Hirschemusen, Hirschemusen!“ erklang dann und wenn sich darauf die unglückselige kleine Person herumdrehte und mit der Faust drohte, dann ging das Hallo und der Spektakel erst recht los. Sie starb 1879 im städtischen Georgenhause.

Ein anderes Original war ein Milchmann, der jeden Morgen mit seinem Grautier zur Stadt zog. Wenn derselbe mit der Peitsche seinen stets träge und in Gleichmut dahin schreitenden Esel anfeuernd schlug und ihn hierbei am Schwanzansatz traf, was zumeist der Fall war, so machte der Esel einen Sprung in die Höhe und der brave Milchmann hatte zur unaussprechlichen Freude der ihn oft stundenlang begleitenden Straßenjugend die Angewohnheit, diesen Sprung seines grauen Gehilfen a tempo mitzumachen.

Unter den weiblichen Mitgliedern dieses mehr oder weniger fahrenden Volkes, insbesondere unter den Hökerinnen und den Verkaufsfrauen auf der Messe, aber auch bei manchen Bürger frauen und -mädchen war, altüberkommen, nunmehr schon längst verschwunden, ein etwas unästhetisches Instrument gebräuchlich: der Flohlappen. Er mag als einer Eigentümlichkeit der alten Zeit hier Erwähnung finden. Der Lappen bestand aus einem Stück grobhaarigen Flanell oder Fries und wurde unter die Röcke geführt, wenn da etwas zwickte. Diese Art Jagd nach dem Schwarzwild war meistens erfolgreich; nur selten, daß sich der Uebeltäter in den Haaren des Flanells oder des Frieses nicht gefangen hätte und er dann sogleich rachsüchtig vom Leben zum Tode befördert worden wäre.

Die Fleischer pflegten im allgemeinen nur Freitags zu schlachten und die Hausfrauen richteten sich, wenn es nicht gerade Fischgerichte gab, darauf ein. Es wurde da Kartoffel- oder Erbsmus gekocht oder saure Kartoffelstücke oder Linsen, und dazu vom Fleischer frische Wurst geholt. Es gab da Sechserstückchen Blut- und Dreierstückchen Leberwurst (die Stücke zu 6 und 3 Pfennigen). Trotz dieses Preisunterschiedes waren die Stücke fast gleich groß, ja die Leberwurststücke zumeist noch größer wie die Blutwurststücke und beide so groß, daß sie zusammen eine reichliche Portion für eine Person bildeten. Gute alte Zeit!

Die Leipziger Straßenjugend beschäftigte sich damals, sofern sie nicht in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt war, was freilich nur zu oft vorkam, in ihrer Freizeit hauptsächlich mit „Anschlagen“. Dieses Spiel bestand darin, daß man mit einer zerbrochenen Messerklinge an eine Wand schlug und das Abspringen der Klinge derart zu regeln suchte, daß sie in die möglichste Nähe der vorher angeschlagenen und auf der Erde liegenden Klinge fiel. Denn je näher dies der Fall war, desto größer war der Gewinn in Gestalt von Zahlpfennigen (Spielmarken). Auch mit Murmeln wurde fleißig gespielt, indem man sie nach fünf in die Erde gegrabenen kleinen Gruben kugelte. Die fünfte Grube befand sich in der Mitte von vier sie umgebenden Gruben und eine dort hinein rollende Kugel bedeutete einen hohen Gewinn. Neben diesen Spielen wurden Haschen, Verstecken und Kämmerchen vermieten, Sackhupfen, Blindekuh und Topfschlagen eifrig geübt. Besonders waren auch „Schmuggler und Grenzjäger“, oder „Räuber“, „Dieb und Gendarm“ sehr beliebt, während die Mädchen sich vorzugsweise zu dem Gesangreigen vereinigten:

„Die Merseburger wollten eine Brücke bauen.

Wer hat sie denn zerbrochen?

Der Goldschmied, der Goldschmied,

Mit seiner jüngsten Tochter,

Kommt alle her, kommt alle her,

Den Letzten wollen wir fangen

Mit Spießen und mit Stangen.“

Unter dem Gesange dieses Liedchens marschierten die Teilnehmer an dem Spiele unter einem Tore hinweg, das von den vorgestreckten und ineinandergefaßten Armen zweier sich gegenüberstehender Kinder gebildet wurde. Es mochte dies vielleicht auch eine Brücke vorstellen. Bei den letzten Worten des Liedleins senkten sich diese Arme über den das Tor oder die Brücke gerade passierenden Mitspieler und derselbe sah sich somit „mit Spießen und mit Stangen“ gefangen.

Oder auch es wurde unter den Kindern nach Reimen, und indem man bei jeder Silbe der Reihe nach auf eines derselben tippte, ausgezählt und wer dann zuletzt übrig blieb, hatte gewonnen oder war, wie bei dem nachfolgenden Reim, der Hereingefallene. Derselbe hieß:

„Ich und Du, Müllers Kuh. Bäckers Esel, Der bis Du,“

Ein anderes Auszählverschen, das dann aber zumeist mit Haschen verbunden war, indem der- oder diejenige, auf welche das letzte Wort „weg“ fiel, davonlief und gehascht werden mußte, lautete:

„Eins, zwei, drei vier, fünf, sechs, sieben.

Eine Frau, die kochte Rüben,

Eine andere, die schnitt Speck,

Wer mich lieb hat, holt mich weg.“

Im Frühjahr wurde der Kreisel fleißig gedreht, und im; Herbst ließ man auf den abgemähten Wiesen und Feldern den Drachen steigen. Auch das Reifenspiel war damals, namentlich bei der reiferen Jugend, noch allgemein Mode.

An Näschereien waren wir Jungens der damaligen Zeit nur wenig verwöhnt. Zwar brachte uns die Messe mancherlei Leckerbissen, wie türkischen Honig, Zuckerstängel, bunte Bonbons, Kräppelchen und Pfefferkuchen, aber außerhalb der Messen wußten wir uns mangels Gelegenheit zu beherrschen. Höchstens, daß, wenn wir an der Drogerie Apel an der Ecke der Petersstraße und der Magazingasse vorübergingen und wir gerade bei Kasse waren, wirdort“for’n Feng“ Süßholz kauften, wofür wir ein fingerlanges Stück abgeschnitten erhielten, das dann mit Wonne gelutscht wurde. Waren wir aber sehr reich, so kauften wir uns ,,for’n Dreier“ Lukrez und lösten dasselbe in Wasser in einem Fläschchen auf. Da hatten wir dann selbstbereiteten „Wein“, der uns so fein wie Samos schmeckte,

Waren wir somit an ein bescheidenes Maß von leiblichen Genüssen gewöhnt, so besaßen wir doch eine andere Bevorzugung, um die uns die Kinder der Jetztzeit beneiden dürften. Wenn nämlich unsere Mutter auf ihr Abonnement ins Theater ging, durften wir sie abholen. Wir gingen dann schon sehr zeitig, lange vor Schluß der Vorstellung, ins Theater und der gefällige Logenschließer ließ uns sodann auch gleich hinein, so daß wir den letzten Akt, oft auch die beiden letzten Akte, gratis und franko mit ansehen konnten. Ja, es war schon gemütlich in unserem alten lieben Leipzig! Doch ich bin hier den Begebenheiten etwas vorausgeeilt

 

 

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