Große Ereignisse

Am 27. August 1858 fand unter allgemeiner Teilnahme der Bevölkerung die 150jährige Feier der ersten Besitznahme des Rosentales durch den Stadtrat und die gleichzeitig erfolgte Anlegung von Spaziergängen in demselben statt. In den Etablissements Bonorand und Schweizerhäuschen fanden aus diesem Anlaß besondere festliche Veranstaltungen statt.

Den Monat darauf erschien der große Donatsche Komet am Himmel. Er wurde schon in den ersten Abendstunden im Nordwesten unter dem Schweife des großen Bären sichtbar und konnte deshalb auch von uns Kindern in Augenschein genommen werden. Er war hell und klar mit dem bloßen Auge sichtbar. Von einem stark leuchtenden Stern ging ein armstarker langer Schweif nach einem kleineren Stern bei welchem der Schweif seinen Abschluß fand. Das Himmelszeichen wurde allgemein als ein böses Omen gedeutet. Man glaubte in dem Komet den Ankündiger von Krieg und Pestilenz zu erblicken und in der Tat konnte, wer abergläubisch war, die in den folgen-Jahren sich fast unausgesetzt aneinanderreihenden Kriege auf diese Kometen zurückführen; 1859 der lombardische Krieg zwischen Frankreich-Sardinien und Oesterreich, 1861—65 der nordamerikanische Krieg, 1863—64 der schleswig-holsteinische Krieg, 1866 der deutsche Krieg, 1867 das Ende des mexikanischen Abenteuers des Kaisers Maximilian, 1870—71 der deutsch-französische Krieg, dann von 1875 an in fast unausgesetzter Folge die verschiedenen Balkankriege und Aufstände, an deren zehn allein mich das Schicksal persönlich beteiligen sollte und die dann schließlich mit in den Weltkrieg übergingen, von vielen anderen Kriegen, wie den chinesisch-japanischen, den russisch-japanischen, den amerikanisch-spanischen, den italienisch-türkischen und den afrikanischen und südamerikanischen Kriegen völlig abgesehen. Am schlimmsten aber war der Schrecken, den die phantasietollen Dienstboten aus Anlaß des Erscheinens des Kometen uns Kindern einjagten. So erzählte uns unser Dienstmädchen, daß an einem Abend auf der Promenade zwischen dem Thomaskirchhof und dem Barfußberg auf zwei Spaziergänger sich ein Leoparde und ein Löwe aus der Luft herniedergelassen und die beiden zerrissen hätten. Um keinen Preis der Welt wären wir daraufhin noch zu bewegen gewesen, bei Dunkelheit die Straße zu betreten oder in unserer Wohnung ohne Licht ineindunkles Zimmer zu gehen. Seitens unserer Eltern prasselte zwar ein gehöriges Donnerwetter auf das dumme Frauenzimmer herab, aber die Furcht, die uns eingeflößt worden war, wollte lange nicht weichen.

Zur Michaelismesse desselben Jahres (1858) gab es eine besondere Sensation. Aus der Menagerie Volkmanns, der auf dem FIeischerplatze seine Bude aufgeschlagen hatte, entwich nämlich eines Tages ein Seehund. Derselbe gelangte in die nahe Pleiße, profitierte alsdann von der Verbindung zwischen Pleiße und Elster in der Rosentalstraße, um in die Elster zu gelangen und schwamm nun die Elster in dem noch nicht überbrückten Ranstädter Steinweg (wie damals noch die Frankfurter Straße hieß) mit Vollkraft hinauf. Vier Fischer, welche das Seeungeheuer schwimmen sahen, in dem sie einen großen Fischotter zu erblicken glaubten, machten eiligst ihre Kähne los und folgten demselben. Aber die Geschwindigkeit, mit welcher der Seehund schwamm, machte es ihnen unmöglich, denselben einzuholen. Da kamen ihnen einige Jäger zu Hilfe, welche zufällig in dem Ritterholz (jetzt zum Palmengarten gehörig) pürschten. Dieselben sahen den Seehund ebenfalls für einen ungewöhnlich großen Fischotter an und gaben auf ihn mehrere Schüsse ab. Dadurch wurde der Seehund, der inzwischen also doch bis zwischen Plagwitz und Lindenau gelangt war, durch eine Anzahl Schrotkörner an der Stirn verwundet, er ermattete und die mittlerweile herangekommenen Fischer konnten ihn nunmehr mit Netzen einfangen. Er wurde dann seinem Besitzer wieder zurückgebracht, der die Wunden des Ausreißers durch einen Chirurgen verbinden ließ, und für den Rest der Messe galt nunmehr dieser Seehund als die größte Sehenswürdigkeit, die sich jedermann ansehen mußte. So erzielte Volkmann dadurch noch eine unerwartet hohe Einnahme.

Ein gleichfalls zu dieser Messe gezeigter Orang-Utang, der erste in Leipzig, hatte ein noch tragischeres Geschick. Er konnte das Leipziger Klima nicht vertragen und starb noch während der Messe.

Am 23. Mai 1858 fand unter zahlreicher Beteiligung der Thomasgemeinde der Amtsantritt und die feierliche Einweisung des an Stelle des verstorbenen Superintendenten Großmann zu seinem Nachfolger ernannten Dr. Lechler in der Thomaskirche statt. Die beliebtesten Kanzelredner jener und der folgenden Zeit waren in der Thomaskirche Valentiner, Wille und Suppe, in der Nikolaikirche Ahlfeld, Gräte und Lampadius, in der Paulinerkirche Dr. Brückner (der später als Geheimer Kirchenrat nach Berlin berufen wurde), Prof. von Zezschwitz und Mücke, in der Neukirche (späteren Matthäikirche) Hansel und Schneider, in der Petrikirche Naumann und in der Johanniskirche Kritz, wobei ich aber wohl einige vergessen haben mag. Während des Gottesdienstes wurden alle Straßen, die an den Kirchen vorüberführten, durch eiserne Ketten abgesperrt, um jegliches Wagengeräusch fern zu halten.

Mein Vater, der ein strenggläubiger Christ war, ging jeden vierten Sonntag im schwarzen Anzug und Zylinder in die Kirche, wobei er mich, obgleich ich noch nicht schulpflichtig war, mitzunehmen pflegte. Zumeist besuchte er die Thomaskirche, wo er seinen bestimmten Platz hatte, mitunter aber auch die Paulinerkirche. Im Sommer ging ich gern mit, aber im Winter! Die Kirchen waren damals noch nicht geheizt und wenn man in dieselben eintrat, glaubte man in eine Eisgruft zu kommen, denn die Winter waren damals streng und anhaltend. Ich setzte mich sittsam neben meinen Vater und war erfüllt von dem Wunsche, der kirchlichen Handlung mit aller Andacht zu folgen. Aber bald fingen meine Zehen, die in der freien Luft baumelten, da meine Beine noch nicht bis auf den Fußboden herunterreichten, gar jämmerlich zu frieren an, eine immer schärfer werdende Kälte durchzitterte meinen Körper, und vorbei war es nun mit jeder Andacht. Die Kirchenlieder summte ich — ich konnte sie ja nicht auswendig und des Lesens war ich noch unkundig — nach der Melodie noch mit und lenkte dadurch meine Aufmerksamkeit von der immer grimmiger werdenden Kälte einigermaßen ab, aber wenn dann der Pastor auf der Kanzel erschien und mit seiner Predigt begann, dann war es ganz vorbei. Ich bemühte mich zwar mit meinem kindlichen Verstande einen Zusammenhang der Worte, die von der Kanzel gesprochen wurden, zu finden, die Kälte übermannte aber bald diese Bemühung und ich ergab mich restlos nur den Gedanken an die große Kälte, die mich peinigte und die mich zum Erstarren zu bringen drohte. Dazu war es damals bei den Predigern Brauch, daß sie jedes Wort ihrer Predigt nur sehr langsam und salbungsvoll hervorbrachten und daß keine Predigt unter einer Stunde lang sein durfte. Mit Schrecken denke ich noch jetzt daran, welche Qualen in Kälte und tödlicher Langeweile ich damals ausgestanden habe. Um mich ein wenig abzulenken und zu zerstreuen, beobachtete ich die Fortschritte der Sonnenstrahlen, die durch die Kirchenfenster fielen. Ich hatte da einen Punkt an der Wand, wenn den die Sonnenstrahlen erreichten, so wußte ich, daß der Schluß der Predigt nunmehr unmittelbar folgen werde. Selten irrte ich mich darin und wie war ich dann froh, wenn nach dem Schlußgesang wir die Kirche wieder verließen. Ich konnte es kaum erwarten bis wir in unserer Wohnung wieder angekommen waren und ich mich nun wieder erwärmen konnte. Aber so qualvoll für mich der Aufenthalt in der Kirche gewesen sein mochte — es schien mir doch, als wenn an solchen Kirchentagen die Sonne viel heller und freundlicher scheine als an sonstigen Tagen.

Die Krinoline gehörte trotz aller Schimpferei über sie noch immer zu dem unentbehrlichen Inventar einer Damengarderobe. Mein Gott, welche Dimensionen nahmen zuweilen diese Krino linen an! Ihr Gebrauch erforderte das Tragen von langen Damenbeinkleidern, die natürlich so zierlich wie möglich hergestellt und unten mit einer hübschen Spitze versehen sein mußten. Die ganze Damenmode der damaligen Zeit richtete sich nach dem Beispiel von Paris, wo die jugendschöne Kaiserin Eugenie den Ton angab. Ueberhaupt war aus den napoleonischen Kriegen noch viel Französelei übriggeblieben und die Frauen und Mädchen ließen sich nur mit „Madame“ und „Demoiselle“ anreden.

Anfang der sechziger Jahre waren auch indische, zumeist freilich imitierte Kaschemir-Schals in gelber, rötlicher und blauer verschnörkelter Farbenführung auf schwarzem Grunde Mode. Fast jede Frau mußte einen solchen haben und der arme Mann mochte sehen, woher er das Geld dazu nahm. Männer und Knaben aber trugen Garibaldi-Hüte (weiche Filzhüte, einst, 1849, Hecker-Hüte — nach dem badischen Freischarenführer — genannt) und Garibaldi-Mäntel (Havelocks). Man hatte diesen Kleidungsstücken den Namen des viel bewunderten Generals Garibaldi beigelegt, der damals den kühnen Zug nach Marsala ausgeführt und, von beispiellosem Glück begünstigt, das Königreich beider Sizilien für den König Viktor Emanuel erobert hatte, Mantel wie Hut wurden deshalb mit besonderem Stolz getragen.

Das Jahr 1859 brachte zunächst ein Ereignis, dessen sich jeder Einwohner restlos freute. Es wurde da nämlich der Beitrag zur Kriegsschuldentilgung aus den napoleonischen Kriegen zum letzten Male eingehoben. Die durch all die langen Jahre sehr drückende Kriegslast — von 1806 bis 1813 hatten die Franzosen von Leipzig allein über 15 Millionen Taler bares Geld erpreßt — war damit aus der Welt geschafft.

Am letzten Sonntag der Ostermesse 1859, am 22 Mai, hatte der Aeronaut Julius W. Moyel einen Aufstieg seines „Seiden-Luftballons“ vom Garten des Schützenhauses aus angezeigt. Eine ungeheuere Menschenmenge strömte in das Schützenhaus, um dieses seltene Schauspiel sich anzusehen. Da meine Eltern mit uns Kindern in dem Schützenhause selbst keinen Platz mehr finden konnten, stellten wir uns auf dem Schneckenberge auf, von welcher erhöhten Lage wir den Aufstieg ebenfalls beobachten konnten. Nicht lange nach der hierfür festgesetzten Zeit erhob sich denn auch aus den um das Schützenhaus herumstehenden Häusern der Ballon. Gravitätisch stieg er unter dem Jubel vieler Tausender in die Höhe und nahm dann seinen Weg über das Postgebäude der Stadt zu. Da sahen wir ihn aber auch schon fallen und zwar ganz rapid. Der „Seiden-Luftballon“ war eben nicht ganz dicht gewesen und das Gas entwich ihm mit großer Schnelligkeit. Der Ballon senkte sich auf die zahlreichen auf dem Augustusplatze stehenden Leinewand-, Spitzen- und Gardinenbuden herab und man sah den Luftschiffer die verzweifelsten Anstrengungen machen, um über dieselben noch hinwegzukommen. Alles, was ihm im Ballon zur Hand war, warf er hinaus, um denselben zu erleichtern. Zuletzt aber streifte seine Gondel doch schon die Dächer der Buden und da zog er schnell entschlossen seinen Rock aus, den er unter das Publikum schleuderte. Dadurch kam er noch eben über die letzte Budenreihe hinweg, dann aber fand seine Luftreise auf dem Wege zwischen den Buden und der Paulinerkirche neben Cafe Felsche ein unrühmliches Ende. Moyel ist dann nicht wieder in Leipzig aufgestiegen, da er seitens des Rates die Genehmigung dazu nicht mehr erhielt.

An diesem Tage trafen übrigens auf dem Dresdner Bahnhofe die ersten der 63 Extrazüge ein, mit welchen das in Nordböhmen stehende Korps des Feldmarschall-Leutnants Clam Gallas über Leipzig und München nach dem Kriegsschauplatze in Norditalien befördert werden sollte. Die nach Italien führenden österreichischen Eisenbahnen waren mit Truppenzügen überlastet, so daß für das Korps Clam Gallas dieser Umweg gewählt werden mußte. Das Korps bestand aus 35000 Mann und die ersten Züge enthielten ungarische Husaren, Kaiser-Dragoner und Kürassiere. Während des Truppendurchzugs war der Dresdner Bahnhof für das Publikum gesperrt, doch erhielten die Truppen Zigarren, Tabak, Ungarwein, Schokolade, Bier und manche andere dankbar ent gegengenommene Gabe, die durch freiwillige Spenden der Leipziger Bürgerschaft zusammen gekommen waren.

Die Studenten nahmen den Durchzug der österreichischen Truppen zum Anlaß, um ihre Antipathie gegen Frankreich zum Ausdruck zu bringen. Sie stellten einen ihrer Kommilitonen, der Napoleon III. sehr ähnlich sah, in französischer Uniform auf einen Leiterwagen und veranstalteten damit einen großen Umzug durch die Stadt, wobei es an witzigen Verhöhnungen der „grrrande nation“ nicht fehlte. Der französische Konsul nahm dies aber sehr krumm und stellte hinterher einen Antrag auf Bestrafung der Uebeltäter.

Wenige Tage später, am 28. Mai, hielt Prinz Georg, der zweite Sohn des Königs Johann, seinen feierlichen Ein- oder vielmehr Durchzug durch Leipzig. Er kam aus Lissabon, wo er sich eine jugendschöne Gattin, Donna Maria Infantin von Portugal, geholt hatte. Er traf vormittags auf dem Thüringer Bahnhof ein und fuhr mit seinem Gefolge die kurze Strecke an Tscharmanns Haus und den daneben befindlichen fiskalischen Gebäuden vorüber nach dem Dresdner Bahnhof, denn schon nachmittags sollte der feierliche Einzug in die Residenzstadt Dresden stattfinden. Den ganzen Weg bildeten die Behörden, das Militär und die Kommunalgarde Spalier. Wir sahen uns von Tscharmanns Hause den Vorbeizug mit an, den wir infolgedessen recht gut sehen konnten. Wir fanden die junge Frau ganz liebreizend und jubelten ihrzu.Prinz Georg machte jedoch ein recht griesgrämiges Gesicht. Es hieß, daß er bei der feierlichen Begrüßung auf dem Thüringer Bahnhof durch die Spitzen der Behörden der Etikette zuwider seinen Zweispitz nicht gelüftet habe und diese Unhöflichkeit habe ihm hinterher viel Aerger bereitet. Prinz Georg war das Jahr zuvor zweimal zur Braut schau in Lissabon gewesen, das erstemal von seinem Vater, König Johann, bis Leipzig begleitet.

Man setzte große Hoffnungen auf diese junge Ehe. Denn seit Jahrzehnten war dem Königlichen Hause kein Prinz geboren worden und auch die am 18. Juni 1853 vom Kronprinzen Albert mit Caroline von Wasa geschlossene Ehe schien trotz wiederholter Kuren der Kronprinzessin in Bad Kissingen kinderlos bleiben zu wollen.

Eine meiner lebendigsten Erinnerungen aus jener Zeit ist die Feier des hundertjährigen Geburtstages Friedrich Schillers am 10. November 1859. Die Stadt Leipzig, die ja mit dem Leben und Wirken Schillers innig verbunden ist, feierte diesen Tag in ganz besonders festlicher Weise. Schon am Tage vorher fand eine Vorfeier im Theater mit einem von Theodor Apel gedichteten Festspiel „Dichters Liebe und Heimat“ statt. Am Festtage selbst, einem schönen Herbsttage, wurden vormittags Schulfeiern und eine Musikaufführung auf dem reich geschmückten Balkon des Rathauses abgehalten. Das Hauptinteresse nahm aber der große Festzug in Anspruch, der sich mittags durch die mit Fahnen, Teppichen und Girlanden auf das prächtigste geschmückten Straßen der Stadt bewegte. Es nahmen an demselben die Behörden, die Gelehrten und Künstler, die Kaufleute und Buchhändler, die Studenten, sowie die Innungen teil, meistens in der Tracht, wie sie zur Zeit von Schillers Geburt getragen worden war. Hierbei erschienen die Buchdrucker mit einem großen Wagen, auf dem Gießmaschine Setzkasten und Druckpresse aufgestellt waren. Auf der letzteren wurde während des Umzuges die aus Anlaß des Festes von Livius Fürst gedichtete Jubelhymne gedruckt, von der aber vorher schon eine große Anzahl Exemplare auf dem Wagen aufgestapelt waren. Diese Jubelhymne wurde von dem Wagen herab mit vollen Händen unter das Publikum verteilt. Die Bäcker erschienen mit einem Backofen auf einem Wagen und buken Brezeln, die sie ebenfalls verteilten, und die Schlosser schmiedeten Schlüssel, die sie unter das Publikum warfen, wobei wohl mancher eine Beule davon getragen haben mag. Besonderen Beifall fand der große Festwagen des Festkomitees, der inmitten von Palmen und Blumen Schillers Büste zeigte, umgeben von weißgekleideten Jungfrauen, die Blumen unter das Publikum streuten. Fast ununterbrochen hörte man hierbei von den Zugteilnehmern wie von dem Publikum das Lied „Freude, schöner Götterfunken“ singen. Der Festzug endete auf dem Marktplatze, wo gegenüber dem Rathaus eine Kolossalbüste Schillers aufgestellt worden war. Abends wurde im Theater nach einem Prolog von Hermann Marggraff „Die Braut von Messina“ gegeben, worauf noch ein Fackelzug der Studenten stattfand.

Am folgenden Tage, dem Tauftage Schillers, fand noch eine besondere Feier im Gewandhaus statt, wobei nach vorhergegan genen und darauffolgenden, dem Tage angepaßten Musikstücken Dr. Rudolf Gottschall, der zu der Feier aus Breslau nach Leipzig gekommen war, die Festrede hielt.

Wir hatten uns den Festzug aus den Fenstern der mit meinen Eltern befreundeten Familie Rössiger in der Petersstraße angesehen, da sich der Zug durch diese Straße bewegte. Frau Rössiger, die aus Gera stammte, eine stattliche große Dame, war der letzte Nachkömmling der Familie von Triller, deren Urahne jener Köhler gewesen, der im Jahre 1455 den geraubten Prinzen Albrecht befreit und Kunz von Kaufungen gefangen genommen hatte. Der Köhler, welcher ursprünglich Schmidt hieß, wurde vom Vater des Prinzen, Kurfürst Friedrich dem Sanftmütigen, mit einem Freigute belohnt und unter dem Namen von Triller geadelt, da er mit einer Köhlerstange („Triller“ genannt) den Räuber vor dessen Gefangennahme gehörig „getrillert“ hatte. Frau Rössiger, mit der ich später noch viel verkehrte, starb in den achtziger Jahren und mit ihr erlosch die Familie des alten Prinzenbefreiers, da ihre Kinder noch in jugendlichem Alter ihr im Tode vorausgegangen waren.

Der Weihnachtsmarkt, der sich acht Tage vor dem Christfest auf dem Marktplatz auftat, erweckte in uns Kindern stets eine sich oft recht stürmisch bekundendeVorfreude für das ersehnte Fest. Schon der 12. Dezember, der schulfrei war, da dies der Geburtstag des Königs Johann war, wurde von uns als Einleitung zum Weihnachtsfest betrachtet. Da zogen wir nach dem Augustusplatz, wo Christbäume zum Verkauf aufgestellt waren, um uns an dem Anblick derselben zu ergötzen, und verfolgten auf dem Marktplatz mit kritischen Augen den Aufbau der Buden für den Christmarkt. War derselbe eröffnet, so benutzten wir jede freie Minute, um ihn zu besuchen. Welche Herrlichkeiten gab es aber auch da nicht zu schauen! Von Bude zu Bude gingen wir und betrachteten begehrlichen Auges die ausgestellten Kostbarkeiten, worunter die zahlreich vorhandenen, aus getrockneten Pflaumen hergestellten Feuerrüpel (Schornsteinfeger) zwar sehr vergnüglich, aber doch die geringeren waren. Mancher Wunsch stieg da auf und wurde auf dem Wunschzettel niedergeschrieben, den wir unseren Eltern für das Christkindchen heimlich zuschoben. Vieles davon fand dann Erfüllung, manches freilich auch nicht, aber wir waren doch stets beglückt und zufrieden mit dem, was uns der heilige Christ bescherte.

Einen besonderen Anziehungspunkt in denTagen vor Weihnachten bildete der große Weihnachtsbazar, der in den Sälen des Hotel de Pologne abgehalten wurde. Zwei mächtig große Weihnachtsmänner standen rechts und links von dem Eingange zu den Sälen in der Hainstraße und ihre in den Armen gehaltenen, mit unzähligen kleinen Gaslichtern versehenen etagenhohen Christbäume verbreiteten in den Abendstunden einen weithin leuchtenden Schein, von dem fast die ganze Straße profitierte. Ein Besuch dieses Bazars, namentlich abends, wo eine Kapelle konzertierte, deren Klängen man in einem Erfrischungsraum behaglich lauschen konnte, war stets ein Fest für uns Kinder. Da konnten wir in bunter Reihenfolge noch ganz andere schöne Dinge bewundern wie auf dem Christmarkt, denn während auf dem letzteren nur die Marktlieferanten und kleinen Händler ihre Ware feilhielten, hatten in dem Bazar die besseren Kaufleute ausgestellt und es waren deshalb hier auch die prächtigeren und kostspieligeren Gegenstände zu sehen. Stundenlang gab es da allerlei Neues und Schönes zu bewundern, bis wir dann an einem kleinen Springbrunnen, der mit echter Eau de Cologne gespeist wurde, einen längeren Halt machten, um uns an dem Dufte dieses köstlichen Wassers zu laben. Dieser Weihnachtsbazar, der sich in ganz Leipzig einer großen Popularität erfreute, wurde alljährlich von dem „Bazarverein“ arrangiert und sein Ueberschuß kam den Armen zugute. Aus unbekannt gebliebenen Gründen löste sich der solange segensreich wirkende Verein im April 1870 auf.

 

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