Feuer, Feuer!

In der Nacht vom 6, und 7. Februar 1860 brach in der Thomasmühle Feuer aus, ein Brand, den ich noch deutlich vor Augen sehe, denn wir konnten von der Zentralstraße aus, wo wir wohnten, denselben genau beobachten und der Feuerlärm hatte auch mich bald aus dem Schlaf geweckt. Das Feuer war in dem alten Mühlengebäude, das nur noch als Lagerraum benutzt wurde, entstanden und hatte bei der reichlichen Nahrung, die es an den aufgestapelten Vorräten und an dem alten Gebälk fand, rasch um sich gegriffen. Bald teilte sich das Feuer auch dem daneben stehenden Wohnhaus mit. Ich sehe noch deutlich die hellen Flammen aus den Fenstern und dem Dachstuhl schlagen und das alte Mühlengebäude in eine hohe Feuerlohe gehüllt. Zu bedauern waren die vielen Tauben, die in den Schlägen der Thomasmühle vorhanden waren und in denen sie meist umkamen, da die Tauben die unglückliche Eigenschaft besitzen, ihren Schlag auch dann nicht zu verlassen, wenn er in hellen Flammen steht. Erst wenn die Flammen sie selbst ergriffen haben, suchen sie das Weite. Wie viele Tauben sahen wir brennend im nächtlichen Dunkel, bis sie. ihrer Flügel beraubt und betäubt vor Schmerz, jäh abstürzten. Das Feuer entwickelte eine furchtbare Glut und erschwerte dadurch die Rettungsarbeiten sehr beträchtlich. Das alte Mühlengebäude konnte nicht mehr gerettet werden, es brannte bis auf den Grund nieder und dem Feuer im Wohngebäude konnte auch erst Einhalt getan werden, nachdem auch dieses bis zur Hälfte zerstört war. Zum Glück wehte ein der Promenade zu gerichteter Wind, sonst würde das Feuer auch die übrigen auf dem Grundstück dar Thomasmühle stehenden Gebäude ergriffen haben. Aber wie stark die Hitze war und wie gefährlich die durch den Wind verbreiteten Funken, bezeugte doch der Umstand, daß auf der Promenade ein Baum niederbrannte und die Vorhänge eines offen stehenden Fensters in der Schneiderherberge auf dem Thomaskirchhof in Flammen aufgingen. Der Schaden, den Schlobach, der Besitzer der Thomasmühle, die sechs Jahre vorher schon einmal abgebrannt war, erlitt, war sehr beträchtlich, denn in dem Mühlengebäude hatten viele hundert Zentner Mehl, Kleie, Graupen, Sago usw. gelagert, auch waren 70 Ballen Kaffee und 3 Zentner Stearinkerzen mit verbrannt.

Das Feuer währte bis gegen Mittag des folgenden Tages und rief unter den älteren Bewohnern Leipzigs die Erinnerung an den großen Brand des Hotel de Pologne im Jahre 1846 wach, der, unter den in dem Hofe und den Gewölben des Hotels befindlichen leicht brennbaren Stoffen, wie Terpentin, Farbwaren, Schwefelsäure usw. stets neue Nahrung findend, drei Tage währte und erst mit Unterstützung einiger Landspritzen bewältigt werden konnte, wobei zwölf Menschen ihr Leben einbüßten.

Eines etwas späteren unbedeutenden Brandes, der in einem Hause an der Katholischen Kirche ausgebrochen war, erinnere ich mich noch um deswillen, weil derselbe einen fröhlichen Beweis der Kopflosigkeit mancher Leute erbrachte. Am hellen lichten Tage brannte da ein Dachstuhl. Obgleich nicht die geringste Gefahr bestand, daß das Feuer weiter um sich greifen werde, erschien doch an einem Fenster der zweiten Etage des Nachbarhauses voller Bestürzung ein Herr und riß das Fenster auf, um, wie damals bei Ausbruch eines nahen Feuers üblich war, das, was man zu retten vermochte, auf die Straße herabzuwerfen. Der erste Gegenstand, den der von anscheinend äußerstem Schrecken erfaßte Zimmerbewohner unter dem Gaudium der sich rasch angesammelten Menschenmenge herabwarf, war nun eine Petroleumlampe, die natürlich in tausend Stücke zersplitterte. Dieser ließ er sodann einen Arm voll Briefe und Zeitungen folgen, die weithin über die Straße flogen, und wovon er nur weniges wieder erhalten haben mag. Kurze Zeit darauf war das Feuer bereits gelöscht, ohne weiteren Schaden angerichtet zu haben.

Der Ausbruch eines Feuers brachte zu jener Zeit alle Einwohner auf die Beine, denn es wurde dabei ein großer Lärm gemacht. Sobald der Türmer auf seinen vorgeschriebenen Rundgängen den Ausbruch eines Feuers bemerkte, hatte er die Verpflichtung die nächste Feuerwache, zu der von dem Turme ein Draht ging, zu benachrichtigen und die Sturmglocke in Bewegung zu setzen. Schauerlich klangen alsdann die in abgemessenen kurzen Pausen angeschlagenen Töne der Glocke durch die Nacht, und ihr reihten sich bald auch die übrigen Sturmglocken der Stadt an. Diese Glocken mußten so lange angeschlagen werden, so lange eine offene Flamme an der Brandstätte zu sehen war. Unmittelbar nach dem ersten Anschlagen der Sturmglocke, vielfach aber schon vorher, stießen die Nachtwächter in ihr Horn und gaben das Feuersignal. Wenige Minuten später rasten die Trommler der Kommunalgarde durch die Straßen, um dieselbe zu alarmieren. Denn bei Ausbruch eines Feuers hatten zwei in regelmäßigem Turnus hierfür bestimmte Bataillone der Kommunalgarde die Verpflichtung, nach der Brandstelle zu marschieren. Während dann ein Bataillon die Brandstätte absperrte und besetzte, stellte sich das andere Bataillon in der Nähe als Reserve auf. Man kann sich bei solchem Lärm denken, daß da selbst mitten in der Nacht bald ganz Leipzig auf den Füßen war.

Das Löschen eines Schadenfeuers war hauptsächlich in die Hände der freiwilligen Rettungs- und Turnerkompagnie gelegt. Dieselbe, 1846 gegründet und 1855 neu organisiert, leistete Vorzügliches. Stets war dieselbe rasch zur Stelle und die Gewandtheit und Wagehalsigkeit aller Mitglieder dieser freiwilligen Wehr wurden von der Bevölkerung einmütig anerkannt. Sie hatte ihren Geräteschuppen und ihr Steigerhaus auf einem von Häusern umgebenen Gelände in der Sternwartenstraße, wo eine kleine Aktiengesellschaft auch ein einfaches Turngebäude errichtete, das später durch einen schöneren Bau an der Tymerstraße — auf gleichem Terrain — ersetzt wurde. Dieses neue Gebäude diente mehr als 40 Jahre der Turnerei. Jetzt ist es von Militärvereinen übernommen und in ein „Kyffhäuser-Haus“ verwandelt worden.

Außer der freiwilligen Rettungs- und Turnerkompagnie waren zur Bekämpfung eines Feuers noch zwei von der Stadt einge richtete Feuerwachen vorhanden. Doch bestanden dieselben nur aus wenigen Mann und sie reichten bei Ausbruch eines größeren Feuers nicht aus. Als im März 1866 ein vor dem Münztor (in der Nähe der jetzigen Rennbahn) ganz isoliert und abseits stehendes kleines Haus, „Zum Feldschlößchen“ benannt, nachts ohne rechtzeitige Löschhilfe niedergebrannt war, wobei alle Bewohner des Häuschens — eine Familie Quellmalz — in den Flammen umgekommen waren, wurde der inzwischen immer mehr herangewachsenen Stadt, und zwar im Zusammenhange mit der in der Einführung begriffenen Wasserleitung, endlich eine der werdenden Großstadt entsprechende Berufsfeuerwehr gegeben, wobei man sich nach dem Muster der Berliner Feuerwehr richtete.

 

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