Aktenfaszikel 113 – Kap.8

Für den nächsten Nachmittag hatte Herr Verduret Prosper in eine abgelegene Weinkneipe bestellt, die zu dieser Stunde wenig besucht war. Zur festgesetzten Zeit erschien der dicke Herr und freute sich, Prosper schon anzutreffen, er sah überhaupt recht vergnügt aus.

»Haben Sie meine Bestellung ausgeführt?« fragte er, nachdem er an Prospers Tisch Platz genommen und der Kellner Wein gebracht hatte.

»Ja, ich war beim Kostümhändler, alles wird morgen im ›Erzengel‹ abgeliefert werden.«

»Schön, und auch ich habe meine Zeit nicht verloren, ich erwarte einige Boten, die wichtige Nachrichten bringen werden, unterdessen wollen wir uns zum Zeitvertreib ein wenig mit Ihrem hübschen Freunde Raoul beschäftigen.«

Verduret zog sein Notizbuch hervor und blätterte darin, Prosper sah ihn gespannt an, denn das Bruchstück von Ninas Brief hatte seinen Argwohn rege gemacht.

»Können Sie mir vielleicht sagen, aus welcher Gegend Herr von Lagors stammt?«

»Gewiß, er ist aus demselben Orte, wie seine Tante Frau Fauvel, aus Saint-Remy.«

»Ei, ei,« sagte Herr Verduret, indem er in sein Buch blickte, »das ist höchst merkwürdig.« Und indem er den Ton eines Fremdenführers nachahmte, begann er: »Saint-Remy ist ein hübsches, freundliches Städtchen mit sechstausend Einwohnern, es besitzt reizende Parkanlagen, interessante Festungsüberreste, ein schönes altertümliches Rathaus, berühmte Seidenwebereien, ein Irrenhaus.«

»Aber, ich bitte Sie,« unterbrach Prosper.

Unerschütterlich fuhr Verduret fort: »Saint-Remy besitzt ferner einen sehenswerten römischen Triumphbogen, ein griechisches Mausoleum; es ist die Heimat des Nostradamus, aber – nicht die Ihres Freundes Lagors …«

»Nicht möglich, er sagte mir doch …«

»Ich habe Beweise; ich habe mich mit der dortigen Obrigkeit ins Einvernehmen gesetzt und folgende Daten erhalten: Die Lagors, heißt es in jener Zuschrift, sind eine uralte Familie, die sich vor etwa einem Jahrhundert in Saint-Remy angesiedelt haben.«

»Nun sehen Sie …« fiel Prosper ein.

»Wie wär’s, wenn Sie mich zu Ende lesen ließen? – Der letzte Lagors – er hieß René-Henri – verehelichte sich mit der Jungfrau Klarisse Fontanet und starb im Jahre 1848, ohne männliche Erben. Im Register des Standesamtes kommt der Name Lagors nicht mehr vor. – Nun, lieber Prosper, was sagen Sie dazu?«

Prosper war verblüfft.

»Wie kommt aber Fauvel dazu, Raoul als Neffen zu behandeln?«

»Sie wollen sagen, als Neffen seiner Frau, darauf wollen wir später eine Antwort finden; hören Sie jetzt, was  ich weiter erfahren habe und Sie werden daraus ersehen, wie es um die Rente von zwanzigtausend Frank, über die Raoul angeblich verfügt, in Wahrheit steht: Der letzte Lagors ist völlig verarmt gestorben, nachdem er sein Vermögen in verunglückten Unternehmungen verloren; seine zwei Töchter haben sich verheiratet und sind nach anderen Orten ausgewandert, die Witwe lebt von den Unterstützungen, die ihr eine reiche Verwandte, die Frau eines Bankiers in Paris, zukommen läßt …«

»Aber,« fragte Prosper in immer wachsendem Staunen, »wenn Raoul kein Lagors und nicht der Neffe der Frau Fauvel ist, wer ist er dann?«

»Das weiß ich nicht, mein lieber Prosper, und ich will Ihnen gestehen, daß es leichter war herauszubringen, wer er nicht ist, als wer er ist. Der einzige Mensch, der uns darüber Auskunft geben kann, wird sich wohl hüten, es zu tun.«

»Sie meinen den Marquis von Clameran?«

»Natürlich.«

»Ich habe von jeher einen unerklärlichen Widerwillen gegen ihn gehabt. Wissen Sie etwas Näheres, über ihn?«

»Vorläufig noch nicht viel, aber – nichts Günstiges. Louis von Clameran stammt aus Tarascon, er hatte einen älteren Bruder, namens Gaston, der vor etwa vierundzwanzig Jahren das Unglück hatte, bei einer Schlägerei einen Mann zu töten und deshalb ins Ausland fliehen mußte. Er war ein braver, rechtschaffener Mensch gewesen, während sein Bruder Louis immer das Gegenteil war, von Jugend auf schlechte Neigungen hegte und sich überall verhaßt machte. Nach dem Tode seines Vaters kam er nach Paris, verpraßte in kürzester Zeit nicht nur sein eigenes väterliches Erbe, sondern auch noch das seines flüchtigen Bruders und machte ansehnliche Schulden. Hierauf wurde er Soldat, mußte aber wegen  schlechter Aufführung den Dienst verlassen. Er begab sich nach England, wo er ein Abenteurerleben führte und in eine schmutzige Spielergeschichte verwickelt war. Plötzlich erschien er wieder in Paris, wo er sich in der schlechtesten Gesellschaft herumtrieb und ganz herabkam. Da erfuhr er eines Tages, daß sein Bruder Gaston nach Frankreich zurückgekehrt sei und ein großes Vermögen mitgebracht habe. Es verhielt sich in der Tat so, Gaston kam aus Mexiko als reicher Mann wieder und da er von drüben her an Tätigkeit gewöhnt war, wollte er auch hier nicht müßig bleiben und kaufte bei Oleron ein Eisenwerk. Offenbar aber ist ihm der Klimawechsel nicht bekommen, denn trotzdem er noch verhältnismäßig jung war, ist er vor einem halben Jahre gestorben. Sein Bruder Louis weilte an seinem Totenbette und erbte nicht nur ein großes Vermögen, sondern auch den Marquistitel.«

Prosper hatte mit größter Aufmerksamkeit zugehört, als Verduret eine Pause machte, sagte er: »Aus Ihren Mitteilungen geht klar hervor, daß der Marquis von Clameran – den unseren meine ich natürlich – als ich ihn bei Fauvel kennen lernte, noch tief im Elend steckte und ihm der Marquistitel noch nicht zukam.«

»So ist es.«

»Kurz darauf erschien Raoul auf der Bildfläche.«

»Allerdings.«

»Und ungefähr einen Monat später hat mich Magda plötzlich aufgegeben.«

»Potzblitz, mein lieber Prosper, Sie werden ja auf einmal scharfsinnig und …«

Er unterbrach sich, denn ein neuer Ankömmling war in die Gaststube getreten. Es war ein Bedienter in vornehmer  herrschaftlicher Livree, der raschen Schrittes auf Verduret zutrat.

»Nun, Josef Dubois, wie steht’s?« fragte dieser.

»O Meister, jetzt geht es los, es wird höllisch heiß.«

Prosper betrachtete erstaunt den Herrschaftsdiener und zerbrach sich vergeblich den Kopf, wo er dieses Gesicht mit den lebhaften Äuglein schon gesehen habe?

Inzwischen setzte sich Dubois an einen Nebentisch, ließ sich Absinth geben, in den er regelrecht Wasser goß und sagte: »Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Meister, daß man bei dem Herrn Marquis als Kammerdiener und Kutscher nicht gerade auf Rosen gebettet ist –«

»Zur Sache, zur Sache.«

»Ich bin schon dabei. Also, gestern nachmittag ging der Herr zu Fuß aus, ich ihm natürlich nach. Wissen Sie, wohin er ging? Es war zum Lachen, zum ›Erzengel‹ wo er nach einer gewissen kleinen Dame fragte. Als er erfuhr, daß sie nicht mehr dort sei, war er wütend, und rannte ins Hotel zurück, wo ihn Herr von Lagors erwartete. Nun begann er zu fluchen – ich habe derartiges mein Lebtag nicht gehört, und als ihm der andere fragte, was ihn denn so sehr aufbrächte, antwortete er: gar nichts, nur, daß die Spitzbübin uns durchgebrannt ist und niemand weiß, wo sie steckt. Die Mitteilung schien Herrn Raoul auch zu beunruhigen und er fragte: Weiß sie denn etwas Bestimmtes? Nein, entgegnete der Marquis, nicht mehr als ich dir schon sagte, aber das genügt, um einen Menschen, der etwas Spürsinn besitzt, auf die richtige Fährte zu bringen.«

Verduret lächelte. »Dein Herr ist ja recht scharfsinnig,« sagte er, »aber fahre fort.«

»Lagors wurde ganz grün im Gesicht und rief: Da muß ja die Dirne unschädlich gemacht werden, ehe sie plaudern  kann. Aber mein Marquis zuckte die Achseln und sagte, dazu müßte man sie haben. Darüber haben sie gelacht und dann beraten, wie sie ihrer wieder habhaft werden könnten.«

Prosper lauschte den Worten des fremden Bedienten mit atemloser Spannung. Jetzt glaubte er das Bruchstück von Nina Gypsys Brief sich erklären zu können, soviel stand fest, daß Raoul, dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte, ein Schurke war.

Indessen fuhr Josef Dubois in seinem Bericht fort: »Gestern, nach dem Mittagessen, hat sich mein Herr Marquis wie ein Bräutigam herausgeputzt; ich mußte ihn frisieren, rasieren, parfümieren, kurz, wie einen Stutzer zurichten, dann mußte ich einspannen und wir fuhren zu Herrn Fauvel.«

»Nicht möglich!« fiel Prosper erstaunt ein, »nach den beleidigenden Äußerungen am Tage des Diebstahls, hat er die Keckheit wieder hinzugehen?«

»Jawohl, er war so keck und blieb noch obendrein den ganzen Abend bis nach Mitternacht, was mir keineswegs angenehm gewesen, denn es regnete in Strömen und ich saß auf meinem Bocke und fror.«

»Wie sah er aus, als er wiederkam?«

»Nicht gerade sehr vergnügt, und als wir zu Hause angekommen waren und ich das Pferd versorgt hatte, ging ich zu ihm hinauf, um nach seinen Befehlen zu fragen, er aber hatte sich im Schlafzimmer eingeschlossen und rief mir durch die Türe zu, daß ich mich zum Teufel scheren möge.«

Josef stärkte sich durch einen Schluck Absinth, ehe er fortfuhr: »Heute ist er spät aufgestanden, aber seine Laune war noch immer nicht besser. Als dann Raoul, der auch verdrießlich war, kam, haben sie sich gezankt und wurden schließlich handgemein. Der Herr Marquis fuhr seinem jungen  Freund an die Gurgel, als ob er ihn erwürgen wollte, der aber behende wie eine Katze, zog aus der Tasche ein hübsches Dolchmesser und wenn ihn der Marquis nicht rasch losgelassen hätte, wahrhaftig, ich glaube, der junge Herr hätte Ernst gemacht.«

»Worüber stritten sie denn?«

»Ja, darüber kann ich leider nichts Genaues sagen, weil die Schufte englisch sprachen, nur soviel ist gewiß, daß es sich um Geld handelte.«

»Woher weißt du das?«

»Weil von den wenigen englischen Brocken, die ich einmal gelernt habe, ich mir das Wort money, das Geld bedeutet, merkte, nun, und dies Wort kam wiederholt in ihrem Gespräch vor. – Zum Schluß beruhigten sich die sauberen Kumpane wieder und hörten auch auf, englisch zu sprechen, aber sie sagten nichts von Bedeutung, sie sprachen von dem morgigen Kostümball, und erst als sich Raoul zum Weggehen anschickte, und mein Herr Marquis ihn hinausbegleitete, sagte er: Wenn der Auftritt also durchaus unvermeidlich ist, so mag er heute stattfinden, bleibe also heute abend in Besinet zu Hause. Raoul antwortete: ’s ist gut.«

Unterdessen hatte sich der Saal mit Gästen, die nach Wein oder Absinth riefen, gefüllt.

Verduret sagte zu Josef: »Geh jetzt, damit dein Herr dich nicht vermißt; übrigens ist hier jemand, der mich zu sprechen wünscht. Auf morgen also!«

Dieser Jemand war niemand anderes als Cavaillon; er blickte ängstlich um sich und sah so verstört aus, als wäre er ein Spitzbube, dem die Polizei auf der Fährte ist.

Als er Verduret erblickt hatte, näherte er sich, drückte Prospers Hand heimlich, aber er setzte sich nicht, sondern  blieb stehen, blickte nochmals um sich, ob ihn niemand beobachtete und reichte dann Verduret ein Päckchen.

»Das hat sie in einem Schranke gefunden,« sagte er.

Verduret öffnete das Paket, es enthielt ein schön gebundenes Gebetbuch. Er blätterte darin und bald hatte er die Seiten entdeckt, aus denen Worte ausgeschnitten waren.

»Ich war zwar im vorhinein davon überzeugt,« sagte er zu Prosper, indem er ihm das Buch hinreichte, aber nun haben wir einen handgreiflichen Beweis, der allein schon hinreicht, um Ihre Unschuld darzutun.«

Beim Anblick des Gebetbuches erschrak Prosper, er kannte es gar wohl, hatte er es doch selbst, damals bei jener Wallfahrt, Magda zum Geschenk gemacht. Auf der ersten Seite stand von seiner Hand die Inschrift: »Andenken an Notre Dame de Fourriéres.«

»Magdas Gebetbuch!« rief er aus.

Verduret antwortete nicht, er war aufgestanden und einem jungen Burschen entgegengegangen, der ihm einen Brief überreichte. Kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er in großer Aufregung zu Prosper zurückkehrte und sagte: »Wir haben sie vielleicht, rasch, rasch.«

Und ohne dem armen Cavaillon ein Wort zu sagen, zog er Prosper mit sich fort, nachdem er ein Fünffrankstück auf den Tisch geworfen hatte.

»Um Himmels willen, was geht denn vor?« fragte Prosper.

»Kommen Sie nur, wir haben keine Zeit zu verlieren,« antwortete Verduret und schritt eiligst auf einen Droschkenstandplatz zu.

»Was verlangen Sie für eine Fahrt nach Besinet?« fragte er den Kutscher, dessen Pferde ihm die besten schienen.

»Ja, bei dem Hundewetter – und spät ist es auch schon« – versetzte der Kutscher, »kann ich unter fünfundzwanzig Frank nicht fahren.«

»Sie sollen fünfzig haben, wenn es Ihnen gelingt, einen Wagen, der eine halbe Stunde Vorsprung hat, einzuholen.«

»Steigen Sie nur ein,« sagte der Kutscher, »meine Pferde verstehen ihr Handwerk.«

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