Auf dem Gymnasium in Köln.

Ich war zehn Jahre alt, als mein Vater mich nach Köln ins Gymnasium brachte. Es war das katholische, oder, wie es gewöhnlich genannt wurde, das Jesuitengymnasium, obgleich es mit dem Orden in keinerlei Verbindung stand. Köln hatte damals etwa 90 000 Einwohner und war in meiner Vorstellung eine der großen Städte der Welt. Schon früher hatte ich die Stadt einmal mit meinem Großvater besucht, und ich erinnere mich, wie er bei dieser Gelegenheit mir meine übergroße Höflichkeit verwies, da ich, der Dorfsitte gemäß, vor jeder erwachsenen Person, der wir auf den Straßen begegneten, zum Gruße meine Mütze abziehen wollte; denn, sagte er, es seien so viele Leute in Köln, daß man, wenn man sie alle grüßte, zu nichts anderem Zeit haben würde; zweitens kenne man nicht alle, und manche darunter seien nicht wert, gegrüßt zu werden; und drittens würde man sich durch solche Höflichkeit nur als Landpflanze erweisen und lächerlich machen. Vor diesem Lächerlichmachen hatte ich nun große Scheu, und doch geschah es mir, daß, obgleich ich durch den genossenen sehr gründlichen Elementarunterricht, meine lateinischen Vorstudien und meine unter kleinen Knaben nicht gewöhnliche Belesenheit gut vorbereitet war, mein erstes Erscheinen im Gymnasium mich dem Spott meiner Mitschüler aussetzte. In den Schulen in Liblar und Brühl hatten wir für unsere Rechenexempel sowohl wie für einige andere schriftliche Arbeiten Schiefertafeln benutzt. Nicht ahnend, daß der Gebrauch einer Schiefertafel mit der Würde des Sextaners im Gymnasium durchaus unverträglich sei, brachte ich bei dem Eintritt in die Klasse meine Schiefertafel mit mir. Sofort waren die Blicke all meiner Mitschüler, von denen ich keinen einzigen kannte, auf mich gerichtet, und es brach allgemeines Gelächter aus, als einer auf gut Kölnisch ausrief: „Süch ens doh! Dä het ene Ley! Dä het ene Ley!“ (Sieh einmal da! der hat eine Schiefertafel!) Ich hätte mich gerne sofort mit der Faust an die Höhnenden gemacht, aber da trat der Ordinarius ein, und es erfolgte erfurchtsvolle Stille.

Da meine Eltern über nur geringe Mittel geboten, so wurden meine häuslichen Einrichtungen in Köln auf einen recht bescheidenen Fuß gesetzt. Mein Vater quartierte mich bei einem ihm bekannten Schlossermeister auf der Maximinenstraße ein für eine billige Vergütung. Meister Schetter, so hieß er, galt für einen tüchtigen Handwerker und braven Bürger, und seine Frau, eine fleißige Haushälterin, besorgte mich wie ihr eigenes Kind. Mit dem Sohn des Hauses, der als Schlossergeselle bei seinem Vater arbeitete, schlief ich in demselben Bette. Meine Mahlzeiten mußte ich an demselben Tische nehmen mit den Gesellen, wie das auch der Meister und die Frau Meisterin taten. Bei Tisch hielt der Meister auf strengen Anstand; er selbst führte da das Wort, und höchstens der Altgeselle durfte einmal mitsprechen. Meine Lektionen studierte ich in dem Wohnzimmer der Familie, wo ich jedoch an Werktagen gewöhnlich allein blieb. Gesellige Berührung mit Leuten von Bildung hatte ich außerhalb der Schule nicht; aber die Schule selbst brachte mich unter sehr wünschenswerte Einflüsse.

In unsern Tagen wird die Frage, was in den Gymnasien und ähnlichen Anstalten gelehrt werden sollte, vielfältig diskutiert. Ich werde später darauf zurückkommen. Aber die Frage des Lehrplanes halte ich keineswegs für die einzig wichtige, vielleicht nicht einmal für die wichtigste. Was man in der Schule lernt, ist doch natürlich nur wenig, nur ein geringer Teil dessen, was man für eine fruchtbare Wirksamkeit im Leben zu lernen hat. Es kommt daher besonders darauf an, daß das in der Schule Gelehrte, was es auch sein mag, in einer Weise gelehrt werde, die bei dem lernenden Schüler die Lust des Lernens weckt und anregt und ihn in den Stand setzt, die Mittel des selbständigen Weiterlernens, soweit sie ihm erreichbar sind, leicht zu finden und mit Geschick und Erfolg zu benutzen, mit einem Wort, daß der Schüler in der Schule das Lernen lernt. Dies erfordert dann nicht allein richtige, auf diesen Zweck berechnete Lehrmethoden, sondern auch eine besondere individuelle Fähigkeit des Lehrers, die Fähigkeiten des Schülers zu erkennen, in Tätigkeit zu setzen und zu lenken. Gerade in diesem Punkte bin ich während meiner Lehrjahre auf dem Gymnasium in Köln ungemein begünstigt gewesen.

Der Ordinarius der Sexta war zu meiner Zeit ein junger Westphale, Heinrich Bone, dessen ich mit besonderer Dankbarkeit gedenken muß. Er hat sich später auch in weiteren Kreisen als Lehrer einen nicht unbedeutenden Namen gemacht. Er gab uns neben dem lateinischen auch den deutschen Unterricht, und wenn ich in meinem spätern Leben den Grundsatz festgehalten habe, daß Klarheit, Anschaulichkeit und Direktheit des Ausdrucks die Haupterfordernisse eines guten Stiles sind, so habe ich das in großem Maße den Lehren zu verdanken, die ich von Bone empfing. Statt uns fortwährend mit trockenen grammatischen Regeln zu quälen, ließ er uns sogleich kleine deutsche Aufsätze anfertigen, nicht etwa über solche Gegenstände wie die „Schönheit der Freundschaft“, oder den „Nutzen des Eisens“, sondern zuerst kurze Beschreibungen gesehener Dinge, eines Hauses, einer Baumgruppe, eines Stadttores, eines Bildes und dergleichen mehr. Diese Beschreibungen hatten wir anfänglich in den allereinfachsten Satzformen zu halten, ohne irgendwelche Verwicklung oder Verzierung. Der wichtigste Grundsatz aber, den er uns mit besonderem Nachdruck einschärfte, war dieser: Jedes Hauptwort, jedes Eigenschaftswort, jedes Zeitwort mußte eine mit den Sinnen wahrgenommene Sache, Eigenschaft oder Handlung ausdrücken. Alles Verschwommene, Abstrakte, nicht sinnlich Wahrgenommene war fürs erste streng ausgeschlossen. So wurden wir denn gewöhnt, zuerst uns unserer sinnlichen Wahrnehmungen und Eindrücke klar zu versichern, und dann dieselben in klarster, bestimmtester und einfachster Weise zum Ausdruck zu bringen in Worten, die eben das Wahrgenommene darstellten und nichts anderes.

Nachdem diese Übungen in der einfachsten Form uns eine Zeitlang beschäftigt und wir es darin zu einer gewissen Sicherheit gebracht hatten, wurden uns Erweiterungen in der Satzbildung erlaubt, jedoch sollten dieselben nur dazu dienen, um Wahrgenommenes in seiner Gestalt, seinen Eigenschaften oder seiner Tätigkeit klarer und vollständiger vorzuführen. Diese Erweiterungen wurden wir angewiesen, allgemach zu entwickeln, bis wir endlich mehr oder minder verschlungene Satzperioden zu bilden verstanden. Auf die Aufsätze rein beschreibenden Inhalts, deren Gegenstände nach und nach größere Verhältnisse angenommen hatten, folgte dann die erzählende Darstellung einfacher Vorgänge, kleine Geschichten. Stets aber bestand der Lehrer auf Anschaulichkeit als dem vornehmsten Erfordernis; und erst dann ließ er den abstrakten Begriff und die Reflexion zum Ausdruck zu, als vorausgesetzt werden konnte, daß der Schüller von anständiger Begabung das Wesentliche der Beobachtung, Auffassung und Darstellung sinnlicher Erscheinungen gründlich erfaßt hatte. Die Aufsätze wurden von Bone sorgfältig korrigiert und bei der Zurückgabe der Hefte einer belehrenden Einzelkritik unterworfen, die, wenn sie etwas in außergewöhnlicher Weise zu loben fand, dem Schüler zu besonderer Ermutigung gedieh. Bones Methode lehrte uns also nicht allein korrekte Sätze zu bauen, sondern sie übte in uns die Fähigkeit, die merkwürdigerweise bei verhältnismäßig wenigen Menschen gründlich ausgebildet ist, die Fähigkeit, so zu sehen, so wahrzunehmen, daß man sich über das Wahrgenommene vollständige Rechenschaft geben und es zu klar anschaulicher Darstellung bringen kann. Das Studium der Grammatik, das keineswegs vernachlässigt wurde, lief dabei nebenher als das dienende Element.

Der dieser Methode zugrunde liegende Gedanke, daß es der Hauptzweck des Unterrichts ist, den Geist des Schülers zu selbständiger Tätigkeit anzuregen und darin leitend zu fördern – auf alle Lehrgegenstände angewandt –, enthält das Geheimnis der erfolgreichen Schülererziehung. So wird das Lernen gelehrt. Freilich erfordert die Durchführung dieser Methode Lehrer von Fähigkeit und gründlicher Ausbildung, denen auch ihr Beruf etwas mehr ist als ein bloßes Routinegeschäft.

Ich rechne es unter die Begünstigungen durch das Schicksal in meinem Leben, daß Professor Bone von Jahr zu Jahr aufsteigend Ordinarius der Sexta, Quinta und Quarta wurde, und daß ich so drei Jahre hindurch unter der Leitung dieses ausgezeichneten Lehrers stand. Der in der Klasse genossene Unterricht wurde durch häufige Gespräche mit ihm vervollständigt, da ich das Glück hatte, ihm persönlich näher zu kommen. Meine ersten kleinen Aufsätze zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und gewannen seinen Beifall. Ich erinnere mich noch lebhaft meiner stolzen Genugtuung, als ich einmal eine meiner Arbeiten der Klasse als ein Muster vorlas. Er hob besonders einen Satz heraus, in dem eine Sommerabendszene im Dorfe beschrieben war, wie die Knaben die Kühe von der Weide herein trieben, während die Frauen und Mädchen an dem durch das Dorf fließenden Bächlein saßen, ihr Blech- und Zinngeschirr blank scheuernd; und der Professor setzte hinzu: „Das ist nun ein klassischer Satz.“ Er faßte eine warme Zuneigung zu mir und lud mich ein, ihn auf seinem Zimmer zu besuchen. Damals war er mit der Zusammenstellung eines deutschen Lesebuches für den Gymnasialunterricht beschäftigt, für das er selbst eine Reihe kleiner Beschreibungen und Geschichten als Muster seiner Methode schrieb. Mehrere davon las er mir vor und forderte mich, wahrscheinlich um sich des Eindrucks auf den Geist des Schülers zu vergewissern, zur Kritik auf, die ich dann mit Freimut, wenn auch nicht ohne Schüchternheit, ausübte. Er erwies mir sogar die Ehre, zwei oder drei meiner eigenen kleinen Schulaufsätze, in denen er seine Lehre am treuesten befolgt fand, ohne wesentliche Änderung seinem Buche einzufügen. Einen davon, den ich in der Sexta geschrieben, will ich hier mitteilen, wie ich ihn in der dreiundfünfzigsten Auflage des Lesebuches, die ich mir aus Deutschland habe kommen lassen, vor mir sehe. Es ist eine Jagdszene:

„Berge und Felder waren mit glänzendem Schnee bedeckt; der Himmel trug das rosige Kleid der Morgenröte. Da sah ich drei Jäger, welche unter einer hohen Eiche standen. Die größeren Äste des Baumes trugen eine schwere Last Schnee, die kleineren waren mit Reif behangen. Die Kleider der Jäger hatten eine hellgrüne Farbe und waren mit blanken Knöpfen besetzt. Zu ihren Füßen lag ein großer Hirsch, dessen rotes Blut den weißen Schnee färbte. Drei dunkelbraune Hunde saßen um den toten Körper und ließen die roten Zungen lechzend hervorhängen.“

Dies illustriert Bones Methode, sowie meine Auffassung derselben. In dem Lesebuche blättere ich oft, und dann steigt mir das Bild mancher schönen Abendstunde auf, die ich mit meinem verehrten Lehrer in anregendem Gespräch verbrachte. Nicht wenige dieser Stunden benutzte er dazu, meine Lektüre zu leiten und mich besonders mit den Schönheiten der älteren deutschen Dichter bekannt zu machen. Ich selbst versuchte mich früh im Verseschreiben und war in Gefahr, eine gute Meinung von meinen poetischen Inspirationen und meiner Geschicklichkeit im Ausdruck zu gewinnen, als ich eines Tages meinem Lehrer eins meiner Erzeugnisse vorlas, ohne mich als Verfasser zu bekennen, und er sagte: „Das Gedicht klingt ja, als ob es von Claudius wäre, aber ich kenne es nicht.“

Auch trieb mich Bone an, Geschichtliches zu lesen. Ich besaß Beckers vielbändige Weltgeschichte. Diese las ich ganz durch und begann darauf, das wieder zu lesen, was mich besonders interessiert hatte. So wurde ich durch die in dem Beckerschen Werke gegebenen Auszüge zuerst mit dem Homer bekannt. Diese Auszüge, in gefälliger Prosa geschrieben, stachelten meine Begier, davon mehr zu sehen, so sehr an, daß ich mir die Übersetzung der Iliade und der Odyssee von Voß verschaffte. Nie hatte mich bis dahin, und ich glaube, nie hat mich seither eine Dichtung so gewaltig gepackt, wie der Abschied Hektors von Andromache am skäischen Tor, da der Held den kleinen Astyanax auf seinen Arm nimmt und die Götter anruft; – wie das Niedersinken des alten Königs Priamus im Zelte des Achilles, als er den grausamen Sieger um die Leiche seines herrlichen Sohnes anfleht; – wie die Begegnung zwischen Odysseus und Nausikaa und der Abschied des göttlichen Dulders vom Hause des Königs der Phäaken, als Nausikaa traurig und verschämt, hinter einer Säule verborgen, dem scheidenden Fremdling nachblickt; – wie der furchtbare Kampf mit den Freiern und das Wiedersehen des Odysseus und der treuen Penelope; – wie die Szene, als der zurückgekehrte Held sich im Garten des stillen Landhauses dem alten, gramgebeugten Vater Laertes zu erkennen gibt. Den Grund, warum diese Szenen mich soviel tiefer bewegten, als die Beschreibungen der Kämpfe in der Iliade und die fabelhaften Abenteuer in der Odyssee, obgleich diese auch mich mächtig fesselten, habe ich erst später einsehen lernen: sie berühren das rein menschliche Gefühl, welches weder von Zeit noch von Ort abhängt – welches weder antik, noch modern, sondern universal und ewig ist.

Nachdem ich die Übersetzung des Homer gelesen, sehnte ich mich mit Begier danach, das Studium des Griechischen zu beginnen, und die Leichtigkeit, mit der ich mir später diese Sprache aneignete, war wohl in großem Maße dem Wunsche zu verdanken, das, was ich dem Inhalt nach als so schön empfunden, auch in der ganzen Herrlichkeit seiner ursprünglichen Form kennen zu lernen.

Mit den römischen Königen und den Helden der Republik war ich natürlich auch bald befreundet, und ich habe damals an mir selbst die Erfahrung gemacht, wie sehr ein mit lebhaftem Interesse geführtes Studium der Geschichte eines Landes das Studium der Sprache desselben erleichtert. Und dies gilt von den alten Sprachen ebensosehr wie von den neuen. Wenn der Schüler aufhört, in dem Schriftsteller, den er zu übersetzen hat, nur einen Haufen von Wörtern zu sehen, die betreffs ihrer Übereinstimmung mit grammatischen Regeln geprüft werden müssen; wenn das, was der Autor sagt, so sehr des Schülers Wißbegierde angeregt hat, daß dieser eifrig den wahren Sinn und Zusammenhang jedes Wortes erforscht und mit Lust von Zeile zu Zeile und von Seite zu Seite vorwärts eilt, um mehr zu erfahren, dann wird die Grammatik, die ihm ja nur in seinem Streben Hilfe bietet, aufhören, für ihn ein trockenes und abstoßendes Studium zu sein, und die Sprache wird ihm wie von selbst zufliegen. Dies wurde mir klar, als ich unter Bones Leitung den Cornelius Nepos und Cäsars gallischen Krieg las, und noch mehr später bei dem Übersetzen der ciceronischen Reden in den höhern Klassen. Die meisten derselben kommen dem Schüler zuerst ziemlich schwer vor. Fängt er aber jedesmal damit an, die Umstände zu studieren, unter denen die Rede gehalten wurde, den Zweck zu erforschen, der durch sie erreicht werden sollte – die Punkte festzustellen, auf die es besonders ankam – sich die Persönlichkeiten zu versinnlichen, die dabei beteiligt waren – so wird er sich unwillkürlich von der Begierde fortgerissen fühlen, genau zu erfahren, mit welchen Darstellungen und Argumenten, welchen Angriffen und Verteidigungen, welchen Anrufungen an die Vernunft oder an das Ehrgefühl, oder an die Leidenschaft der Redner seine Sache geführt hat – und das Lebensvolle der Lektüre läßt bald die sprachlichen Schwierigkeiten verschwinden. Ich erinnere mich, daß ich, so angeregt, in meinen Übersetzungen gewöhnlich über die für die nächste Unterrichtsstunde gestellte Aufgabe weit hinausging; und durch das vielfache Lesen bildete sich ein Gefühl, ich möchte sagen, für den Tonfall der Sprache aus, welches später in der ziemlich guten Latinität meiner lateinischen Aufsätze wieder zum Vorschein kam.

Diese Art zu studieren hatte ich zum großen Teil meinem Lehrer Bone zu verdanken, der aber aufhörte, mein Lehrer zu sein, als ich aus der Quarta in die Tertia aufstieg. Man war auch außerhalb des Gymnasiums auf seine außergewöhnlichen Fähigkeiten aufmerksam geworden, und er empfing einen Ruf, die Leitung einer Erziehungsanstalt zu übernehmen, die eine Gesellschaft von rheinischen Adligen für die Ausbildung ihrer Söhne gegründet hatte. Er verließ das Gymnasium, um diesem Ruf zu folgen. Später füllte er andere Lehrstellungen und geriet in Schwierigkeiten während der Kulturkampfzeit. Ich sah ihn nicht wieder bis zum Jahre 1888. Auf einer Reise in Deutschland hörte ich von einem alten Schulfreunde, daß Bone in hinfälliger Gesundheit sich nach Wiesbaden zurückgezogen habe. Ich beschloß sogleich, ihn aufzusuchen. Ich fand seine Wohnung in einem bescheidenen Hause, das wie eine Art von religiösem Stift aussah. (Bone war nämlich immer ein sehr eifriger Katholik gewesen.) Von allen Wänden blickten Heiligenbilder auf mich herab. Ein ältliches, nonnenhaft aussehendes Frauenzimmer führte mich in ein kleines, ebenfalls mit Heiligenbildern und Kruzifixen geschmücktes Wohngemach und trug meine Karte in ein anstoßendes Zimmer. Von dort hörte ich etwas wie einen Freudenschrei, und im nächsten Augenblick kam durch die Tür eilig hereingeschlurft mein guter alter Lehrer, den ich zum letztenmal als blühenden Dreißiger gesehen – jetzt ein kleines, zusammengeschrumpftes, gebrechliches Männchen in einem langen grauwollenen Schlafrock, mit riesigen Filzpantoffeln an den Füßen und einem schwarzseidenen Käppchen auf dem spärlichen weißen Haar. Wir umarmten und küßten einander, und er schien außer sich vor Vergnügen. „Sehn Sie, das freut mich nun“, rief er! „Ich hörte im Frühjahr schon, daß Sie in Deutschland waren. Dann habe ich von Ihren Zusammenkünften mit Bismarck und dem Kaiser gelesen. Aber ich wußte, Sie würden auch zu mir kommen. Ich habe Ihre Stimme erkannt – ja, ja, ich erkannte Ihre Stimme, als ich Sie draußen nach mir fragen hörte.“ Nun setzten wir uns, und es ging an ein Fragen und Erzählen. Er klagte über seinen Rheumatismus, der ihm das Ausgehen fast unmöglich und jede Beschäftigung sauer mache. Aber seine Augen glänzten vor Vergnügen, als ich ihm sagte, wie ich meinen Kindern die Methode erklärt, nach der er mich gelehrt habe, deutsch zu schreiben, und daß ich mir zur Erläuterung erst vor kurzem die letzte Auflage seines Lesebuches aus Deutschland habe nach Amerika kommen lassen. Dann erinnerte er mich an unsere Abende in Köln, und wie er mich als Knaben lieb gehabt, usw. usw. So vergingen ein paar wahrhaft glückliche Stunden. Als ich endlich aufstand, rief er: „Gehen wollen Sie? Wir haben ja unser gegenseitiges Wohl noch nicht getrunken. – O Himmel, nun habe ich keinen Wein hier. O, o – aber einen vorzüglichen Magenbittern hab ich. Wollen wir in Magenbittern anstoßen?“ Ich war’s zufrieden. Er holte eine schwarze Flasche aus einem Wandschränkchen, füllte zwei kleine Gläser, und wir stießen in Magenbittern an, daß es klang. Noch eine Umarmung, und ich schied von ihm – auf Nimmerwiedersehen. Er starb nicht lange nachher.

Kehren wir jetzt zu meinem Jugendtagen zurück. Das stille Leben meiner ersten Jahre in Köln war doch nicht ohne seine Aufregungen. Ich erinnere mich besonders lebhaft zweier Vorfälle, die zurzeit einen tiefen Eindruck auf mich machten. Wenn ich von dem Hause meines Schlossermeisters zur Schule ging, so führte mich mein Weg die Trankgasse hinauf am Dom vorbei. Der Kölner Dom, der jetzt in der ganzen Herrlichkeit seiner Vollendung dasteht, sah damals noch einer großartige Ruine gleich. Nur der Chor war vollständig ausgebaut. Das Mittelstück zwischen dem Chor und den Türmen stand notdürftig überdacht, zum großen Teil noch in äußern Backsteinmauern, und von den beiden Türmen selbst erhob sich der eine wohl wenig mehr als sechzig Fuß über dem Boden, während der andere, der den jahrhundertealten weltberühmten Kran trug, vielleicht die drei- oder vierfache Höhe erreicht hatte. An beiden hatte der Zahn der Zeit das kunstvolle Meißelwerk vielfach verstümmelnd zernagt, und so blickten sie, unfertig und doch schon verwittert, greisenhaft und traurig herab auf das lebende Geschlecht. Als ich nun eines Morgens meinen gewöhnlichen Weg zur Schule ging, sah ich von der Höhe des Kranturms einen Gegenstand herunterfallen, den ich zuerst für einen Rock oder Mantel hielt, und von dem sich etwas, das wie eine Kappe aussah, im Fallen absonderte und vom Winde getragen wurde. Aber der vermeintliche Rock schoß stracks herunter und schlug mit dem Geräusche eines schweren Stoßes auf das Steinpflaster der Straße. Sofort liefen die Vorübergehenden zusammen, und es fand sich, daß in dem Rock ein Mann steckte, der unzweifelhaft, von dem hohen Turme springend, den Tod gesucht hatte. Er war, wie es schien, auf die Füße gefallen und lag, wie ein kleines Häufchen zusammengedrückt – die Knochen der Beine anscheinend in den Leib getrieben, der Kopf beinahe unverletzt, ein Kranz grauer Haare um einen kahlen Scheitel, die Augen geschlossen, das Gesicht das eines ältlichen Mannes, blaß und verzerrt. Der Gegenstand, der sich im Fallen von dem abstürzenden Menschen entfernt hatte, war eine Perücke, die, nachdem der Wind ein paar Sekunden mit ihr gespielt, sich dann in der Nähe ihres toten Eigentümers niederließ.

Dieses schreckliche Schauspiel setzte meine Einbildungskraft in eine unheimliche Bewegung. Ich gab mir große Mühe, zu erfahren, wer der unglückliche Mann gewesen sei, und was ihn wohl zu dem verzweifelten Entschluß getrieben haben mochte, seinen Tod durch den Sprung von dem Turm eines Gotteshauses zu suchen; aber ich begegnete nur unbestimmten, sich widersprechenden Gerüchten. Nun führte meine Phantasie mir alle möglichen Schicksale, Lebenslagen und Stimmungen vor, die den Menschen in den Selbstmord jagen könnten – hoffnungslose Not, verlorene Ehre, getäuschte Liebe, Gewissensqual ob eines geheimen Verbrechens – und bald entsprangen in meinem Kopfe allerlei Pläne von Romanen und Trauerspielen, die sämtlich mit jenem selbstmörderischen Sprung vom Domkran endeten.

Eine andere tragische Szene, der ich beiwohnte, wirkte auf ähnliche Weise. Ein junger Mensch in Köln, namens Broichhausen, hatte seine Geliebte erstochen, ich weiß nicht mehr, ob aus Eifersucht oder nur, weil er ihre Gunst verloren. Er wurde zum Tode verurteilt, und da das linke Rheinufer von der französischen Zeit her noch unter dem Code Napoleon stand, so sollte das Todesurteil durch das französische Hinrichtungsinstrument, die Guillotine, vollzogen werden, und zwar früh morgens bei Sonnenaufgang auf einem zwischen dem Dom und dem Rhein gelegenen öffentlichen Platz der Stadt, vor den Augen all derer, die sich dort versammeln mochten. Der Prozeß hatte schon die ganze Bevölkerung in große Aufregung versetzt, und nun sah man der blutigen Katastrophe mit gesteigerter Spannung entgegen. Mein Schlossermeister war der entschiedenen Meinung, daß er und ich uns das seltene Schauspiel nicht dürften entgehen lassen. Lange vor Sonnenaufgang an dem verkündeten Tage weckte er mich und nahm mich mit sich zur Richtstätte. Dort fanden wir schon im grauen Morgenlichte eine dichtgedrängte Menschenmasse, die zu Tausenden zählte. Männer und Frauen, Mädchen und Knaben. Über ihre Köpfe hinaus ragte das schwarze Gebälk des Blutgerüstes. Es herrschte tiefe Stille. Nur ein leises Summen schwebte über der Menge, das, als der Verurteilte beim Schafotte ankam, ein wenig anschwoll, um dann für eine Weile ganz zu verstummen. Der stämmige Schlossermeister hob mich, da ich noch klein war, auf seinen Armen empor, damit ich über die vor uns Stehenden hinweg alles sehen sollte. So sah ich denn den Unglücklichen auf das Gerüst des Schafottes treten. Sofort schnallten ihm die Gehilfen des Scharfrichters ein Brett vor den Körper, das von den Füßen bis zu den Schultern reichte, den Hals freilassend. Er blickte hinauf zu dem Fallbeil, das vor ihm zwischen zwei durch einen Querbalken verbundenen Pfosten hing. Rasch wurde er vornüber gestürzt und vorgeschoben, so daß sein Hals zwischen den beiden Pfosten lag. Im nächsten Augenblick schoß wie ein Blitz das Beil herab, den Kopf von den Schultern trennend. Ein Blutstrom stürzte aus dem durchschnittenen Halse, aber dieser grauenhafte Anblick wurde schleunigst durch ein übergeworfenes Tuch den Augen der Zuschauer verborgen. Die ganze Handlung vollzog sich mit der Schnelligkeit des Gedankens. Man kam kaum zum Bewußtsein des Gräßlichen, das geschah, als es schon vorüber war. Ein dumpfes Murmeln erhob sich von der Menschenmenge, die sich dann schweigend zerstreute. Das Schafott war schon wieder abgebrochen und die Lache von Menschenblut auf der Erde mit Sand bedeckt, als der Morgensonnenschein von der Höhe des Doms heiter auf den Richtplatz hinunterstieg. Ich erinnere mich, daß ich ein inneres Beben und Schaudern mit mir nach Hause trug, und daß ich mein Frühstück nicht genießen konnte. Um keine Preis hätte ich seither wieder eine Hinrichtung sehen mögen.

Aber mein braver Schlossermeister führte mich nicht bloß zu Szenen des Grauens. Er war ein eifriger Theaterfreund, und zuweilen nahm er mich mit sich – freilich auf die oberste Galerie, wo ein Platz nur fünf Silbergroschen kostete. Das Kölner Theater nahm, wie ich später erfuhr, in der damaligen Bühnenwelt einen anständigen Rang ein. Mir war es der Inbegriff alles Prächtigen und Wunderbaren. Mein Vater hatte mir oft davon erzählt; aber was ich sah, übertraf alle meine Erwartungen. Ich war außer mir vor Staunen, als ich zum erstenmal, wie das vor dem Anfang des Stückes zu geschehen pflegte, die gemalte Decke über dem Zuschauerraum sich auseinanderschieben und den von hundert Lichtern strahlenden Kronleuchter durch die geheimnisvolle Öffnung sich langsam heruntersenken sah – worauf die Decke sich wieder schloß. Auch die Aufführung packte mich gewaltig. Mit der ersten durchaus naiven Illusion, welche mich die Schicksale der schönen Genovefa hatte mitdurchleben lassen, war es allerdings vorbei. Die verunglückte „Banditenbraut“ in Brühl hatte mich stutzig gemacht. Aber was ich im Theater zu Köln sah, war von so viel höherer Art, daß ich mich dem Genuß wieder voll hingeben konnte. Der dramatische Geschmack meines Freundes, des Schlossermeisters, lag in der Richtung des Ritterstücks, und in seinen Augen gab es keinen größeren Schauspieler als Wilhelm Kunst, der zuweilen in Köln Gastrollen spielte. Kunst gehörte zu der Klasse der muskulösen Mimen – ein Riese von Gestalt und mit gewaltigen Körperkräften und einer Löwenstimme begabt. Aber diese Stimme war auch schöner Modulationen fähig und er gebrauchte seine außerordentlichen Mittel mit so viel Maß und Urteil, daß er sich, wie ich glaube, den Ruf eines nicht unbedeutenden, ja sehr achtungswerten dramatischen Darstellers bewahrt hat.

Das erste Stück, das ich an der Seite meines Schlossermeisters sah, war „Otto von Wittelsbach“, ein damals berühmtes Ritterspiel, in dem der Held den Kaiser Philipp von Schwaben, der ihn getäuscht, beim Schachspiel trifft, mit eisengepanzerter Faust auf das Schachbrett schlägt, daß die Figuren über die Bühne fliegen, und dann den Kaiser mit einem Schwertstreich niederstreckt. Hier war Kunst in seinem Element, und seine Leistung begeisterte mich im höchsten Grade. Ferner sah ich ihn als „Wetter vom Strahl“, im „Käthchen von Heilbronn“, und als Wallenstein in „Wallensteins Tod“ – freilich nicht schnell hintereinander, sondern es lagen Monate dazwischen, da der häufige Besuch des Theaters mit den Begriffen von Ökonomie, die unsere Lebensgewohnheiten beherrschten, nicht in Einklang stand. Mein Schlossermeister fand auch großen Gefallen an der akrobatischen Kunst und wußte mir viel zu erzählen von dem berühmten Averino, einem Stern erster Größe in diesem Fach, der ebenfalls zuweilen Köln besuchte, um im Theater Vorstellungen zu geben. Auch einer solchen wohnte ich mit meinem Freunde bei. Indes die halsbrechenden Sprünge, die unmenschlichen Verrenkungen und die Kraftproben mit Kanonenkugeln konnten mich wenig rühren, und ich sah den großen Averino, trotz des Enthusiasmus des Schlossermeisters, einmal und nicht wieder.

Aber um so tiefer hatte mich das Drama ergriffen, und ich fühlte einen unwiderstehlichen Drang, selbst etwas Dramatisches zu schaffen. Emsig las ich meine Beckersche Weltgeschichte, um einen guten historischen Stoff zu finden, und bald verfiel ich auf den angelsächsischen König Edwy, der um die Mitte des zehnten Jahrhunderts in England herrschte und sich durch seine Liebe zu der schönen Elgyva und seinen Streit mit dem heiligen Dunstan ein böses Schicksal bereitete. Es schien mir, daß, wenn ich mir einige Freiheiten mit der Geschichte erlaubte, wie dramatische Dichter das zu tun pflegen, sich diesem Stoffe wohl ein tragisches Interesse geben ließe, – eine menschliche Leidenschaft auf dem Thron im Kampf mit der sich die politische Gewalt anmaßenden Kirche. So ging denn der Quartaner kühn und frisch ans Werk. Natürlich wurde aus der Tragödie nicht viel. Aber indem ich den Plan und eine Reihe von Szenen ausarbeitete, genoß ich doch die ganze Wonne der Schaffenslust. Wer diese Wonne nie genossen hat, der kennt nicht eine der schönsten Freuden des Lebens.

Auch lyrische Gedichte schrieb ich, und daneben eine Ballade. Zu dem Balladenstoff war ich auf folgende Weise gekommen: In der Nähe der Burg bei Liblar befand sich ein von einer Gruppe hoher Bäume beschattetes verfallenes Gemäuer. Zu welchem Zwecke es früher gedient haben mochte, wußte mir niemand zu sagen. Der Platz selbst hatte für mich immer etwas Unheimliches gehabt, und ich stellte mir in meiner Einbildung allerlei Dinge vor, die dort geschehen sein konnten. So entstand denn eine wild romantische Geschichte von einem Zwinger, in dem in grauer Vorzeit die Ritter von der Gracht wilde Tiere gehalten, und, wenn ich mich recht erinnere, von einer edlen Jungfrau, die auf irgend eine Weise in den Zwinger hineingeraten und von einem Edelknaben gerettet worden sei usw. Diese Geschichte brachte ich in hochtönende achtzeilige Stanzen, die mir so prachtvoll klangen, daß ich mich nicht enthalten konnte, das Gedicht meinem Vater nach Liblar zu schicken. Als mein Vater fand, daß es sich darin um alte Ritter von der Gracht handelte, hatte er in seinem Stolz auf die Leistung seines Sohnes nichts Eiligeres zu tun, als dem Grafen Metternich zur Gracht mein Machwerk mitzuteilen. Der Graf, der sich wohl auf Poesie nicht sehr verstand, meinte, das Gedicht sei recht schön, aber von dieser Geschichte habe er nie das geringste gehört – was mich gar nicht wunderte.

Auch in Prosa versuchte ich mich weit über die Grenzen der Schularbeit hinaus, und als ich einmal einen Aufsatz über Schillers Jungfrau von Orleans geschrieben hatte, der mir selbst besonders gut gefiel, erfaßte mich der ehrgeizige Wunsch, denselben gedruckt zu sehen. Ich fertigte also eine saubere Abschrift an und gab sie im Bureau der Kölnischen Zeitung ab mit einem Brief an Herrn Levin Schücking, den bekannten Novellisten, damaligen Redakteur des Feuilletons jenes Blattes, – in dem ich um Erlaubnis bat, mich persönlich vorzustellen. Ich empfing eine höfliche Antwort, die mir Tag und Stunde für meinen Besuch angab, und bald stand ich mit lautem Herzklopfen an der Tür des großen Mannes, der, wie ich glaubte, meine schriftstellerische Zukunft in seiner Hand hielt. Ich fand in Herrn Schücking einen freundlichen Mann mit angenehmen Gesichtszügen und großen, blauen, sanften, beruhigenden Augen. Er empfing mich recht wohlwollend, sprach mit mir über allerlei und gab mir zuletzt mein Manuskript zurück mit der Bemerkung, daß der Aufsatz viel Gutes enthalte, daß ich ihn aber doch lieber als eine Studie ansehen solle. Ich ging einigermaßen zerschmettert von dannen, aber schließlich bin ich doch dem guten Herrn Schücking für diesen zeitgemäßen Fingerzeig aufrichtig dankbar geblieben. Sehr vieles von dem, was ich später geschrieben, habe ich seinem Rate gemäß als Studie betrachtet.

Als ich die Tertia des Gymnasiums erreicht hatte, begünstigte mich das Schicksal wieder, indem es mich mit einem anderen ausgezeichneten Lehrer in nähere Beziehungen brachte. Es war dies Professor Wilhelm Pütz, der sich besonders als Lehrer der Geschichte hervortat. Er konnte sich wohl keiner großen historischen Forschungen rühmen, die er selbst gemacht, aber er besaß ein seltenes Geschick, bei seinen Schülern die Lust an seinen Unter