Shoscombe Old Place

Lange hatte Sherlock Holmes sich über das Mikroskop gebeugt. Dann richtete er sich auf und blickte mich triumphierend an. »Es ist Leim, Watson,« sagte er. »Ganz eindeutig Leim. Sehen Sie sich mal diese verstreuten Partikel an.« Ich beugte mich über das Objektiv und stellte es auf meine Sehschärfe ein. »Diese Härchen sind Fasern eines Tweedmantels. Die unregelmäßigen grauen Gebilde sind Staub. Das da links sind Hautschuppen. Und diese braunen Klümpchen in der Mitte sind ganz unzweifelhaft Leim.« »Schön,« sagte ich…

Der Farbenhändler im Ruhestand

An diesem Morgen war Sherlock Holmes in trübseliger, philosophischer Stimmung. Seine hellwache, praktische Natur führte immer wieder zu solchen Reaktionen. »Haben Sie ihn gesehen?« fragte er. »Sie meinen den alten Burschen, der gerade von hier weggegangen ist?« »Genau den.« »Ja, ich habe ihn an der Haustür getroffen.« »Was denken Sie von ihm?«. »Ein Mitleid erregendes, unbedeutendes, gebrochenes Individuum.« »Ganz recht, Watson. Mitleid erregend und unbedeutend. Aber ist nicht das ganze Leben Mitleid erregend und unbedeutend? Ist seine Geschichte nicht ein…

Charles Augustus Milverton

Die Vorfälle, auf die ich hier zu sprechen komme, liegen schon Jahre zurück, und doch scheue ich mich noch immer, sie zu erwähnen. Lange Zeit wäre es selbst mit der größten Diskretion und Zurückhaltung unmöglich gewesen, die Tatsachen zu veröffentlichen. Aber jetzt, da die Hauptperson außerhalb der Reichweite des menschlichen Gesetzes ist, kann die Geschichte mit den gebührenden Auslassungen erzählt werden, ohne jemandem Schaden zuzufügen. Sie beinhaltet ein absolut einzigartiges Erlebnis im Leben von Sherlock und mir. Der Leser wird…

Späte Rache

I. Aus Watsons Erinnerungen Erstes Kapitel Sherlock Holmes   Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland…

Die drei Garridebs

Vielleicht war es eine Komödie, vielleicht war es auch eine Tragödie. Einen Mann kostete sie seinen Verstand, mich ein paar Tropfen Blut und einen weiteren Mann die Strafe des Gesetzes. Auf jeden Fall gab es dabei ein gewisses komödiantisches Element. Aber urteilen Sie selbst. Ich erinnere mich an dieses Datum noch ganz genau, denn im selben Monat hatte Holmes den Ritterschlag abgelehnt für gewisse Dienste, auf die ich vielleicht eines Tages zurückkommen werde. Ich erwähne dies nur beiläufig, denn als…

Das Abenteuer des Mazarin-Steins

Angenehme Erinnerungen wurden wach in Dr. Watson, als er nach langer Zeit wieder einmal das unordentliche Zimmer im ersten Stock der Baker Street betrat, von dem so viele bemerkenswerte Abenteuer ihren Ausgang genommen hatten. Er fand alles noch an seinem Platz: die wissenschaftlichen Tabellen an der Wand, den säurezerfressenen Arbeitstisch mit den Chemikalien, den Geigenkasten in der Zimmerecke, die Kohlenschütte mit den alten Pfeifen und dem Tabak darin. Schließlich fiel sein Blick auf das frische, lächelnde Gesicht von Billy, dem…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall

Ich, James Fothergill West, stud. jur. auf der St. Andrews-Universität zu Edinburg, will in folgenden Zeilen eine wahre Geschichte in möglichst kurzer und bündiger Form erzählen, ohne durch eine gekünstelte Reihenfolge der verschiedenen Ereignisse den Eindruck derselben zu erhöhen. Es sollen vielmehr diejenigen, welche außer mir noch von den fraglichen Begebenheiten unterrichtet sind, meinem Berichte beistimmen können, ohne zu finden, daß ich auch nur in den geringfügigsten Einzelheiten von der strengen, ungeschminkten Wahrheit abgewichen bin. Zu diesem Zweck werde ich…

Der Mord in Abbey Grange

    Es war an einem bitterkalten Wintermorgen des Jahres 1897, als jemand meine Bettdecke wegzog und mich munter machte. Es war Holmes. Die Kerze in seiner Hand warf einen hellen Schein auf sein Gesicht, und ich merkte auf den ersten Blick, daß er etwas Wichtiges vorhatte. »Komm‘, Watson, komm‘!« rief er. »Die Jagd geht los. Keine Widerreden! In die Kleider und fort!« Nach zehn Minuten saßen wir beide bereits in einer Droschke auf dem Wege nach der Station Sharing…

Der zweite Blutfleck

Ich hatte die Absicht, mit dem »Mord in Abbey Grange« meine Veröffentlichung der Taten meines Freundes Sherlock Holmes endgültig zu beschließen. Dieser Entschluß entsprang nicht etwa dem Mangel an Stoff, denn ich habe noch Hunderte von Fällen in meinem Tagebuch aufnotiert, die ich noch nicht benutzt habe. Auch das Schwinden des Interesses auf seiten meiner Leser hat mich nicht dazu veranlaßt, denn die eigenartige Persönlichkeit und die einzigartigen Methoden dieses merkwürdigen Mannes üben immer wieder neuen Reiz auf den Leser…

Die tanzenden Männchen

Sherlock Holmes hatte stundenlang über eine Porzellanschale gebeugt gesessen, in der er ein besonders übelriechendes chemisches Produkt braute. Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, und der lange, schmale Rücken war so gekrümmt, daß die Gestalt meines Freundes einem schlanken Vogel mit grauem Gefieder und schwarzer Haube glich. »Du willst also keine südafrikanischen Papiere kaufen, Watson?« sagte er urplötzlich. Ich konnte mein Erstaunen über diese Frage nicht unterdrücken. Obgleich er mir schon häufig Beweise bewunderswerter Fähigkeiten gegeben hatte, war mir…