Eine Weihnachtsgeschichte

Es hatte vierzehn Tage lang gefroren wie in Sibirien. Auf dem höchsten Berg im Lande saß der alte Wintergreis mit seinem bläulichen Gewande und seinem lang hinstarrenden Schneebart, und ihm war so recht behaglich zumute, wie einem Menschengreise, wenn er hinter dem Ofen sitzt und das Essen ihm ge­schmeckt hat und alles gutgeht. Zuweilen rieb der alte Winter sich vor Vergnügen die Hände – dann stäubte der feine, schimmernde Schnee wie Zuckerpulver über die Erde; bald lachte er wieder still…

Das wunderbare Schreibzeug

Es war einmal ein armer Student, der lebte in einer großen Stadt einsam und allein und hatte keinen Menschen, der sich um ihn gekümmert hätte. Eines Tages im Sommer, als er in der Dämmerung durch die Straßen ging, begegnete ihm ein sonderbarer Mann mit einem Hundekarren. Der Mann war nicht groß und etwas buckelig, trug einen langen grauen Rock mit großen Taschen, und ein schwarzer Hut mit breiter Krempe verdeckte sein kleines graubärtiges Gesicht, so daß er, wenn er mit…

Der Hexenmeister

Herr Zuckermahn Winkelburg war eine sonderbare, alte, verschnörkelte Stadt. Die Hauptstraßen waren schon eng und krumm, allein die Nebengassen noch viel enger und krummer, und dabei liefen sie so sonderbar durcheinander oder waren plötzlich an einem Kanal mit trübfließendem Wasser zu Ende oder gingen in finstere Höfe als Sackgassen aus, daß Winkelburg für Fremde eine rechte Vexierstadt war und es lange dauerte, ehe sich jemand zurechtfand in allen diesen Kniffen und Sonderbarkeiten. Wunderliche, alte, düster Tore gab es dort, in…

Von Perlin nach Berlin – 6. Kap.

6. Berlin. Nachdem ich viereinhalb Jahr in Güstrow gelebt hatte, begab ich mich im Herbst des Jahres 1866 nach Berlin, um auf der Gewerbeakademie noch einige Jahre zu studieren. Unter den Linden standen noch in Reihen die Kanonen der Siegesstrasse und ich kam gerade um die Zeit in diese Stadt, von der aus ihr fast beispiellos schnelles Aufblühen beginnt. Damals gefiel mir Berlin sehr wenig, da es mit den meisten seiner Einrichtungen hinter seiner Grösse zurückgeblieben war und in vielen…

Von Perlin nach Berlin – 5. Kap.

5. Güstrow. In der guten alten Vorderstadt Güstrow, die unter den mecklenburgischen Städten den Ruhm für sich beansprucht ein Klein-Paris zu sein und sich auch wirklich durch die Heiterkeit und Lebenslust ihrer Bewohner auszeichnet, befanden sich zwei Maschinenfabriken, eine grössere neue, die sich auf alles Mögliche einliess und eine ältere kleine, die noch von dem berühmten Alban, dem Erfinder des oscillirenden Dampfcylinders und des nach ihm benannten Kessels eingerichtet worden war, jetzt aber einem Herrn Kaehler gehörte und hauptsächlich  landwirtschaftliche…

Von Perlin nach Berlin – 4. Kap.

4. Hannover. Die Reise nach Hannover war damals noch nicht so einfach wie jetzt. Der nächste Weg ging über Lauenburg, bis wohin die Bahn führte. Dann setzte man zu Kahn über die Elbe, was im Winter bei Eisgang z. B. seine Schwierigkeiten hatte und zuweilen mit Gefahr verbunden war. Darauf fuhr man etwa zwei Meilen mit der Post bis Lüneburg, wo es einen langen Aufenthalt gab, den man benutzen konnte, die alte Stadt und ihre hübsche nähere Umgebung zu besehen.…

Von Perlin nach Berlin – 3. Kap.

3. Schwerin. Von der ersten Zeit in Schwerin ist mir wenig in der Erinnerung geblieben. Ich weiss nur, dass wir unsere gute Grosstante Malchen, in deren mit altjüngferlicher Sauberkeit und Zierlichkeit ausgestatteten Räumen wir vier wilden, an unumschränkte Freiheit gewöhnten Rangen uns aufhielten, bis das Haus eingerichtet war, dass wir diese an ein friedliches Stillleben gewöhnte alte Dame an den Rand der Verzweiflung brachten. Solange sie lebte, erzählte sie mit Grausen von diesen Tagen. Das Haus, in das wir einzogen,…

Von Perlin nach Berlin – 2. Kap.

2. Perlin. Das Pastorenhaus in Perlin war alt, hatte schon den dreissigjährigen Krieg überstanden und trug noch ein Strohdach. Es passte nicht mehr in die Zeit und in der Nähe wurde ein funkelnagelneues Haus errichtet aus rothen Ziegeln mit einem thurmartigen Vorbau für die Treppe und einem flachen sogenannten dornschen Dache. Es sah  für die damalige Zeit und für ein Pastorenhaus sehr vornehm aus und wurde später von Fremden oft für »das Schloss« gehalten, was uns natürlich mit grossem Stolze…

Von Perlin nach Berlin

1. Die Vorfahren. Es geht eine dunkle Sage, dass der Urahn meiner Familie wegen irgend eines Verbrechens aus der Schweiz entflohen sei. Man nagelte dort, da man seiner selbst nicht mehr habhaft werden konnte, sein Bildniss an den Galgen, er aber wandte sich nach Sachsen und gründete dort ein zahlreiches Geschlecht, wie ja denn noch heute der Name Seidel in Sachsen häufig ist. Ob diese Sage auf Wahrheit beruht, weiss ich nicht, mir aber hat sie stets ein gewisses Vergnügen…

Leberecht Hühnchen

Ich hatte zufällig erfahren, daß mein guter Freund und Studiengenosse Leberecht Hühnchen schon seit einiger Zeit in Berlin ansässig sei und in einer der großen Maschinenfabriken vor dem Oranienburger Tor eine Stellung einnehme. Wie das wohl zu geschehen pflegt, ein anfangs lebhafter Briefwechsel war allmählich eingeschlafen, und schließlich hatten wir uns ganz aus den Augen verloren; das letzte Lebenszeichen war die Anzeige seiner Verheiratung gewesen, die vor etwa sieben Jahren in einer kleinen westfälischen Stadt erfolgt war. Mit dem Namen…