Carl Schurz, Lotse

Uns allen ist klar, dass der Tod von Carl Schurz ein schwerer Verlust für das Land ist; und einige von uns fühlen auch, dass er für den einzelnen und ganz persönlich ein schwerer Verlust ist. In der Regel hatte ich immer genügend Vertrauen – vielleicht zu viel Vertrauen – in meine Fähigkeit für mich selbst die richtige und sichere politische Fahrrinne zu finden und ihr über alle Untiefen hinweg ins tiefe Wasser zu folgen ohne aufzulaufen; aber in den letzten dreißig Jahren gab es immer wieder Zeiten, wo mir dieses Vertrauen abhanden kam – dann steuerte ich in das Kielwasser von Carl Schurz und sagte mir: „Er ist so sicher wie Ben Thornburgh.“ Als ich ein junger Lotse auf dem Mississippi war, zählte die Bruderschaft unter ihren Meistern drei Unvergleichliche: Horace Bixby, Beck Jolly und Ben Thornburgh. Wo sie sich nicht scheuten, mit dem Dampfschiff durchzufahren, scheute sich der Rest der Gilde nicht, ihnen zu folgen. Und doch gab es einen Unterschied: von den dreien zogen sie es vor, Ben Thornburgh zu folgen; denn manchmal verließen sich die beiden anderen auf ihr angeborenes Genie und beinahe spirituelles Wasserlesen, um die tiefste Stelle an einem Riff ausfindig zu machen, aber das war nicht die Art von Ben Thornburgh; wenn es ernste Zweifel gab, dann stoppte er den Dampfer, setzte ein Boot aus und lotete mehrere Durchfahrten aus und markierte sie mit Bojen. Niemand, der nach Ben Thornburgh an diese Stelle kam, musste noch nach der besten Route suchen. Wenn er sie nicht finden konnte, konnte es niemand. So dachte ich über ihn, und deshalb wartete ich mehr als einmal auf ihn, um den richtigen Weg zu finden und folgte ihm dann in seinem Kielwasser und fuhr mit halber Kraft über die Wracks seiner Bojen, bis der Schrei des Mannes am Lot „mark twain!“ (zwei Faden Tiefe) mir sagte, dass ich über das Unterwasserhindernis hinweg war und wieder Volldampf geben konnte.

Dieses Vertrauen hatte ich auch in Carl Schurz als einem politischen Fahrwasserfinder. Ich hatte die höchste Meinung von seinen angeborenen Qualifikationen für öffentliche Ämter: seine unbefleckte Ehrenhaftigkeit, seinen unangreifbaren Patriotismus, seine hohe Intelligenz, seine Durchschlagskraft; ich hatte auch die höchste Meinung von seinen erworbenen Qualifikationen als Fahrwasserfinder; ich war überzeugt, dass er die politischen Oberflächen ebenso genau lesen konnte wie Bixby die schwachen und fließenden Zeichen auf dem Antlitz des Mississippi lesen konnte – das hübsche Kräuseln, das einen tödlichen Fels verbarg, das prahlerische Windriff, unter dem gar nichts war; die glatte und einladende Wasserstrecke, die einen dreiviertel Faden versprach und nicht einmal die Hälfte davon bieten konnte. Und – mehr als alle – war er dabei mein Ben Thornburgh: wann immer er auch einen neuen Kurs steckte durch eine irritierende Helena-Flussstrecke oder eine verwirrende Plum Point-Biegung, vertraute ich darauf, dass er sich nicht damit zufrieden gegeben hatte, das Wasser zu lesen, sondern sein Lotboot zu Wasser gelassen hatte und das Labyrinth vom einen Ende zu anderen mit Bojen markiert hatte. Dann steuerte ich in sein Kielwasser und folgte ihm. Folgte ihm mit vollkommenem Vertrauen, und habe es niemals bereut.

Seit mehr als einer Generation nun habe ich ihm die aufrichtigste Zuneigung, Wertschätzung und Bewunderung entgegengebracht. Nicht immer bin ich mit ihm politisch in dieselbe Richtung gesegelt, aber wann immer ich an meiner eigenen Kompetenz zweifelte, den richtigen Kurs zu finden, habe ich die Lote eingeholt („holt die Back- und Steuerbordlote hoch“), und folgte ihm ohne Zweifel oder Zögern. Irgendwann einmal werde ich mir wünschen, von Carl Schurz als Mann und Freund zu sprechen, aber nicht jetzt, nicht zu dieser Zeit. Ich möchte nur dieses kurze Wort der Huldigung und Verehrung für ihn sprechen als von einem dankbaren Schüler in Staatsbürgerschaft an den Lehrmeister, der nicht mehr ist.

Harper’s Weekly, May 26, 1906

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