Die Hexe

Die Nacht war hereingebrochen. Der Küster Ssawelij Gykin lag in seiner Wächterhütte bei der Kirche in dem riesigen Bett und konnte nicht schlafen, wenn er auch gewöhnt war, immer mit den Hühnern einzuschlafen. Unter dem einen Rande der schmierigen, aus verschiedenfarbigen Kattunflicken zusammengestoppelten Bettdecke schauten seine fuchsigen, struppigen Haare hervor, unter dem anderen seine großen, lange nicht mehr gewaschenen Füße. Er horchte … Sein Wächterhäuschen war direkt in die Friedhofmauer eingebaut, und sein einziges Fenster ging aufs freie Feld hinaus.…

Teure Stunden

Für einen gebildeten Menschen ist das Nichtwissen fremder Sprachen oft sehr störend. Worotow bekam das zu fühlen, als er, nachdem er die Universität mit dem Grade eines Kandidaten absolviert hatte, sich an eine kleine wissenschaftliche Arbeit machte. »Es ist schrecklich!« sagte er keuchend (trotz seiner sechsundzwanzig Jahre war er schon dick und aufgedunsen und litt an Atemnot). »Es ist schrecklich! Ohne Sprachen bin ich wie ein Vogel ohne Flügel. Ich müßte einfach die ganze Arbeit aufgeben.« Er entschloß sich, seine…

Ein wehrloses Geschöpf

So stark auch der nächtliche Gichtanfall war, so heftig auch die Nerven schmerzten, begab sich Kistunow dennoch des Morgens in den Dienst und begann zur gewohnten Stunde, die Besucher und die Kunden der Bank zu empfangen. Er sah verschmachtet und gequält aus und sprach mit leiser Stimme, kaum atmend, wie ein Sterbender. »Was wünschen Sie?« wandte er sich an eine Dame in einem vorsindflutlichen Mantel, die von rückwärts einem großen Mistkäfer glich. »Sehen Sie, Exzellenz,« begann die Dame sehr schnell,…

Aus dem Regen in die Traufe

Beim Domchordirigenten Gradussow sitzt der Advokat Kaljakin. Er hält eine an Gradussow adressierte Vorladung zum Friedensrichter in der Hand und spricht: »Sie mögen sagen, was Sie wollen, Dossifej Petrowitsch, aber Sie sind schuld. Ich achte Sie, ich schätze Ihre Zuneigung, muß Ihnen aber zu meinem Leidwesen sagen, daß Sie im Unrecht waren. Jawohl, im Unrecht. Sie haben meinen Klienten Derewjaschkin beleidigt …. Warum haben Sie ihn beleidigt?« »Wer hat ihn, zum Teufel, beleidigt?« ereifert sich Gradussow, ein großgewachsener Greis mit…

Die Nacht vor der Verhandlung

(Erzählung eines Angeklagten) Es wird ein Unglück geben, Herr!« sagte der Postillon, sich zu mir wendend und mit der Peitsche auf einen Hasen zeigend, der uns über den Weg lief. Ich wußte auch ohne den Hasen, daß meine Lage eine verzweifelte war. Ich fuhr nach S., um mich vor dem Kreisgericht wegen Bigamie zu verantworten. Das Wetter war entsetzlich. Als ich spät in der Nacht die Poststation erreichte, sah ich wie ein Mensch aus, den man mit Schnee beworfen, mit…

Die Dame mit dem Hündchen

I. Man erzählte sich, daß am Strande ein neuer Kurgast aufgetaucht sei: eine Dame mit einem Spitz. Dmitrij Dmitrijewitsch Gurow, der schon seit vierzehn Tagen in Jalta war und sich an das Badeleben gewöhnt hatte, interessierte sich bereits wie die andern für jeden neuen Menschen. Als er im Erfrischungspavillon von Vernet am Strande saß, sah er eine junge Dame in einem Barett über den Strand gehen; sie war klein und blond, und ein weißer Spitz folgte ihr. Später traf er…

Die Leichtbeschwingte

I   Der Hochzeit Olga Iwanownas wohnten alle ihre Freundinnen und guten Bekannten bei. »Seht ihn nur an: nicht wahr, es ist was an ihm?« sagte sie ihren Freunden, auf ihren Mann zeigend, als wollte sie erklären, warum sie diesen einfachen, sehr gewöhnlichen und durch nichts bemerkenswerten Menschen geheiratet hatte. Ihr Mann, Ossip Stepanytsch Dymow war Arzt und stand im Rang eines Titularrates. Er war an zwei Krankenhäusern angestellt: an dem einen als ein außeretatmäßiger ordinierender Arzt und am anderen…

Der Rächer seiner Ehre

  Fjodor Fjodorowitsch Ssigajew stand, kurz nachdem er seine Frau auf frischer Tat erwischt hatte, in der Waffenhandlung Schmucks & Co. und suchte nach einem passenden Revolver. Sein Gesicht drückte Zorn, Schmerz und unwankbare Entschlossenheit aus. – Ich weiß wohl, was ich zu tun habe … – dachte er sich: – Das Familienprinzip ist beschimpft, die Ehre ist in den Schmutz getreten, das Laster triumphiert, und darum muß ich als Bürger und anständiger Mensch das Amt eines Rächers übernehmen. Zuerst…

Eine schreckliche Nacht

  Iwan Petrowitsch Panichidin erblaßte, schraubte den Lampendocht hinunter und begann mit erregter Stimme: »Dichte Finsternis hielt die Erde umfangen, als ich in der Weihnachtsnacht 1883 von meinem inzwischen verstorbenen Freund heimkehrte, bei dem wir eine spiritistische Sitzung abgehalten hatten. Alle Gassen, durch die ich ging, waren aus irgendeinem Grunde nicht beleuchtet, und ich mußte mich beinahe vorwärtstasten. Ich wohnte damals in Moskau, dicht neben der Kirche ›Mariä Himmelfahrt auf den Gräbern‹, im Hause des Beamten Trupow, also in einer…