historische Kriminalfälle aus den Polizei- und Gerichtsarchiven

Cartouche

Louis Dominique Cartouche wurde 1693 zu Paris als der Sohn eines ehrenwerten Bürgers geboren, der sich als Faßbinder recht und schlecht ernährte. Weil der Knabe schon früh viel Geist und Fassungskraft verriet und zudem bildschön und anmutig war, ließ sich der Vater verleiten, ihm eine Erziehung zu geben, die über seinen eigenen Stand weit hinausging. Er wurde von seinem Vater in das Jesuitenkolleg Clermont – später das Collége royal Louis le Gran in der Rue St. Jacque – gebracht, in…

Die Rede des Mörders Eusebius Pieydagnelle vor dem Schwurgericht

Im Jahre 1870 oder 1871 wurde in einer Provinzstadt Frankreichs vor dem Schwurgericht eine Anklage wegen Mordes gegen Eusebius Pieydagnelle verhandelt. Der Angeklagte hatte den Fleischer Cristoval aus Vieuville erstochen und sich selbst des Mordes bezichtigt, indem er zugleich die Leiche an das Gericht abgeliefert hatte. Der Fall verursachte ein ungeheures Aufsehen. Viele erklärten den Angeschuldigten für wahnsinnig, für behaftet mit der Monomanie des Mordes. Ebenso viele schworen, daß er vollkommen zurechnungsfähig, aber ein blutdürstiges Scheusal sei, wie es noch…

Hans Kohlhase und die Minckwitzsche Fehde

In der Zeit, in der sich unsere Geschichte abspielt, dehnte sich das Kurfürstentum Sachsen bis tief hinein in die heutige Provinz Brandenburg aus; einzelne Spitzen und Exklaven näherten sich bis auf wenige Wegstunden den Toren der Städte Potsdam und Brandenburg; Beelitz und Treuenbrietzen waren brandenburgische Grenzstädte. Von Berlin aus zog sich die große Heerstraße über Potsdam, Treuenbrietzen, Wittenberg, Düben nach Leipzig, dem schon damals weitberühmten und vielbesuchten Handels- und Meßplatze. Man darf aber nicht an die Kunststraßen der heutigen Tage…

John Sheppard

1724 Der kühnste Dieb, den London je gesehen hat, war Jac Sheppard. Sein Lebenslauf war kurz; erst zweiundzwanzig Jahre alt, hatte er ihn 1724 schon vollendet: aber sein Angedenken ist von längerer Dauer; es lebt noch heute im Volke, in der Kriminalistik und in der Literatur. Für uns besonders hat er Bedeutung als Repräsentant einer großen Gaunerklasse der englischen Hauptstadt; durch Geschick, Witz, Verwegenheit und ein seltenes Glück in den allergefährlichsten Fluchtversuchen erhob er sich schon im Knabenalter über seine…

Der blaue Reiter

In dem holländischen Städtchen M…. lebte zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts eine bejahrte Bürgerwitwe, Madame Andrecht, in ihrem eigenen Hause, welches sie und eine Magd, mit ihr ziemlich von selbem Alter, allein bewohnten. An Glücksgütern fehlte es ihr nicht, die sie indeß mit holländischer Genauigkeit verwaltete. Während sie in der Stille die Kirche und die Armen bedachte, ging es doch sehr genau in ihrer kleinen Wirthschaft zu, und Gesellschaft kam in das alterthümliche, behaglich ausgestattete und stets äußerst sauber gehaltene…

Gerhard von Kügelgens Ermordung

Der seinerzeit in Sachsen ebenso hoch als Künstler gefeierte wie seines edlen Charakters und seiner liebenswürdigen Persönlichkeit wegen als Mensch allgemein geschätzte Maler Gerhard von Kügelgen lebte in Dresden in so glücklichen Verhältnissen, wie es schaffenden Künstlern nur in den seltensten Fällen beschieden ist. Er fand überall, bei Hofe, bei den einflußreichen Persönlichkeiten der Stadt und im Publikum, Liebe und Anerkennung; er war der glücklichste Gatte und Vater, den man sich denken kann, und befand sich infolge seiner künstlerischen Erfolge…

Ferdinand Gump und Eduard Gänswürger

In Mainburg, einem kleinen Flecken an der Grenze von Ober- und Niederbayern, wurde am 11. Dezember 1872, einem Mittwoch, der letzte Markt vor Weihnachten gehalten. Von allen benachbarten Dörfern zogen Männer und Frauen, Burschen und Mädchen nach dem Ort, um Einkäufe für das Fest zu machen, denn es war ein schöner Wintertag, der so manchen hinauslockte. Auch der Seiler Xaver Gruber von Elsendorf, ein junger Mann von dreißig Jahren, der sechzigjährige Söldner Joseph Ettmüller aus dem gleichen Dorfe und Franz…

Schinderhannes

Unter allen Räubern, die im achtzehnten und im neunzehnten Jahrhundert Deutschland heimgesucht haben, ist keiner so berüchtigt geworden wie Schinderhannes. An Mut und Verschlagenheit übertrafen ihn die meisten Gauner, welche zu seiner Zeit die Rheingegend unsicher machten, und viele unter ihnen sind auch der Allgemeinheit gefährlicher gewesen als er. Ja, während uns von einzelnen großen Räubern nicht nur geniale, sondern selbst edle Charaktereigenschaften überliefert sind, suchen wir bei Schinderhannes vergebens auch nach einem solchen Zuge, der das Empfinden des Volkes…

Sternickel.

Das Kapitalverbrechen bringt im hellen Jahrhundert nicht mehr hohen Zins. Die Konjunktur aller das Wesen unserer Zeit bestimmenden Mächte stemmt sich gegen diese Art menschenthierischer Thätigkeit und eine Gestalt vom Schlag des sobernheimer Henkersgehilfen Johannes Bückler, der an der Neige des achtzehnten Jahrhunderts, als Schinderhannes, der Schwarzalb ganzer Bezirke war und den geängsteten Markthändlern Pässe verschleißen konnte, ist heute kaum noch vorstellbar. Schon der Zwang, von der Wiege bis zur Bahre gestempeltes Papier mitzuschleppen, sich in irgendeinem Amtshaus an- und…

Die schöne Würzkrämerin

  [1681-1701] Eine junge reizende Frau, in Paris wohlbekannt unter dem Namen der schönen Würzkrämerin, ward von ihrem Ehemann wegen Ehebruchs belangt. Das Gericht dekretierte auf die schlagenden Indizien ihre Verhaftung. Da produzierte Gabriele Perreau einen schriftlichen Erlaubnisschein ihres Mannes, der ihr gestattete, Ehebruch zu treiben, soviel sie wolle. Auf Grund dieses Attestes appellierte Gabriele an das Parlament, und es begann ein Prozeß, welcher, merkwürdig sich ausspinnend, der Pariser feinen Welt ein ungemeines Interesse gewährte und lange Zeit über das…