Eine Weihnachtsgeschichte

Es hatte vierzehn Tage lang gefroren wie in Sibirien. Auf dem höchsten Berg im Lande saß der alte Wintergreis mit seinem bläulichen Gewande und seinem lang hinstarrenden Schneebart, und ihm war so recht behaglich zumute, wie einem Menschengreise, wenn er hinter dem Ofen sitzt und das Essen ihm ge­schmeckt hat und alles gutgeht. Zuweilen rieb der alte Winter sich vor Vergnügen die Hände – dann stäubte der feine, schimmernde Schnee wie Zuckerpulver über die Erde; bald lachte er wieder still…

Das wunderbare Schreibzeug

Es war einmal ein armer Student, der lebte in einer großen Stadt einsam und allein und hatte keinen Menschen, der sich um ihn gekümmert hätte. Eines Tages im Sommer, als er in der Dämmerung durch die Straßen ging, begegnete ihm ein sonderbarer Mann mit einem Hundekarren. Der Mann war nicht groß und etwas buckelig, trug einen langen grauen Rock mit großen Taschen, und ein schwarzer Hut mit breiter Krempe verdeckte sein kleines graubärtiges Gesicht, so daß er, wenn er mit…

Der Hexenmeister

Herr Zuckermahn Winkelburg war eine sonderbare, alte, verschnörkelte Stadt. Die Hauptstraßen waren schon eng und krumm, allein die Nebengassen noch viel enger und krummer, und dabei liefen sie so sonderbar durcheinander oder waren plötzlich an einem Kanal mit trübfließendem Wasser zu Ende oder gingen in finstere Höfe als Sackgassen aus, daß Winkelburg für Fremde eine rechte Vexierstadt war und es lange dauerte, ehe sich jemand zurechtfand in allen diesen Kniffen und Sonderbarkeiten. Wunderliche, alte, düster Tore gab es dort, in…

Von Perlin nach Berlin

1. Die Vorfahren. Es geht eine dunkle Sage, dass der Urahn meiner Familie wegen irgend eines Verbrechens aus der Schweiz entflohen sei. Man nagelte dort, da man seiner selbst nicht mehr habhaft werden konnte, sein Bildniss an den Galgen, er aber wandte sich nach Sachsen und gründete dort ein zahlreiches Geschlecht, wie ja denn noch heute der Name Seidel in Sachsen häufig ist. Ob diese Sage auf Wahrheit beruht, weiss ich nicht, mir aber hat sie stets ein gewisses Vergnügen…

Leberecht Hühnchen

Ich hatte zufällig erfahren, daß mein guter Freund und Studiengenosse Leberecht Hühnchen schon seit einiger Zeit in Berlin ansässig sei und in einer der großen Maschinenfabriken vor dem Oranienburger Tor eine Stellung einnehme. Wie das wohl zu geschehen pflegt, ein anfangs lebhafter Briefwechsel war allmählich eingeschlafen, und schließlich hatten wir uns ganz aus den Augen verloren; das letzte Lebenszeichen war die Anzeige seiner Verheiratung gewesen, die vor etwa sieben Jahren in einer kleinen westfälischen Stadt erfolgt war. Mit dem Namen…

Hans Hinderlich

Es giebt allerlei Arten von Sammlungen, und unter den Sammlern mancherlei Sonderlinge. Zu diesen gehört mein Freund Abendroth, denn er hat die ganz besondere Leidenschaft, Menschen zu sammeln. Es würde ihn mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt bringen, wollte er einen anthropologischen Garten anlegen und die merkwürdigen Exemplare seiner Sammlung hinter soliden Eisengittern aufbewahren, auch würde es den humanen Anschauungen unserer Zeit nicht entsprechen, wollte er sie in Spiritus setzen oder mit Wickersheimerscher Flüssigkeit durchtränkt dauerhaft konserviren, deshalb betreibt er die…

Das alte Haus

Mitten in einem behaglichen Sommeraufenthalt auf dem Lande traf mich plötzlich die Nachricht, daß meine Tante Dorothea gestorben sei und wider alles Erwarten nicht anderweitig über ihr sehr bedeutendes Vermögen verfügt habe. Das Haus, das meiner Tante gehörte, liegt in Berlin »am Karlsbade«. Wer diese Gegend kennt, dem wird längst zwischen den reizvollen und wohlgepflegten Gärten, den prächtigen Villen und palastartigen Häusern dieser Straße ein Gebäude aufgefallen sein, das morsch und verfallen in einem gänzlich verwilderten Garten daliegt, wie ein…

Allerlei neue Vereine

Durch Zufall erfuhr ich vor Kurzem von der Existenz zweier neuer Vereine in Berlin, dem »Verein ehemaliger Selbstmörder« und dem »Verein geheilter Pockenkranker«. Diese Beispiele erschienen mir bemerkenswerth für die allgemeine Sucht unserer Zeit, sich zusammenzuthun, und lenkten meine Aufmerksamkeit auf diese Erscheinungen. Es gelang mir im Laufe einiger Wochen eine grosse Anzahl von neuen Vereinen zu entdecken, die, wie ich annehmen darf, dem grossen Publikum mehr oder weniger unbekannt sind. Es mag genügen, wenn ich hier nur einige der…

Neue Wunder der Technik

1. Der Sprengstoff Krakataua. Bei Moltke liess sich ein junger Mann anmelden, und da ihm gewichtige Empfehlungen zur Seite standen, wurde er zu einer geheimen Besprechung vorgelassen. Er zog eine kleine Schachtel aus der Westentasche, legte sie auf den Tisch und sprach: »Der Inhalt dieser Schachtel genügt vollständig das Generalstabsgebäude, das Krollsche Etablissement, die Siegessäule und noch einige Kleinigkeiten in die Luft zu sprengen.« Moltke schwieg. Der junge Mann öffnete die Schachtel; sie enthielt kleine runde Pillen. Er nahm eines…

Die Weinlese

Unterdes ist es Leberecht Hühnchen recht gut gegangen. Er hat seine Stellung in der Fabrik vor dem Oranienburger Tor mit einer solchen an einer Eisenbahn vertauscht und bei dieser Gelegenheit eine Verbesserung seines Gehaltes erfahren. Zudem ist ihm ganz unerwartet eine kleine Erbschaft zugefallen, welchen Umstand er sofort benutzt hat, einen langjährigen Lieblingsplan auszuführen, nämlich sich ein eigenes Haus mit einem Gärtchen dabei anzuschaffen. Im letzten März kam er eines Tages zu mir und ging nach der ersten Begrüßung, ohne…