Sherlock Holmes & Konsorten

Der Geschworene

»Ich habe einmal Richter sein müssen«, sagte Herr Firbas und räusperte sich, »damals, als ich als Geschworener ausgelost war. Damals kam gerade der Fall Luise Kadanik, die ihren Mann ermordet hatte, an die Reihe. Wir waren acht Männer und vier Frauen, und wir Männer sagten uns, mehr oder weniger im stillen: das kann gut werden, diese vier Vetteln werden gewiß versuchen, das Frauenzimmer freizusprechen! Wir waren also schon im vorhinein keine Freunde der Luise Kadanik. Im ganzen besehen war es…

Die Ballade vom Juraj Cup

»So was kommt wirklich vor, meine Herren«, sagte nun der Gendarmeriekapitän Havelka, »manchmal zeigt sich bei Verbrechern so eine Art ganz besonderer Gewissenhaftigkeit – Ordnungssinn möchte ich es nennen. Ich könnte Ihnen allerlei darüber erzählen, aber der merkwürdigste Fall ist sicherlich der mit dem Juraj Cup. Ich habe ihn miterlebt, damals, als ich in Jasina in Karpathorußland bei der Gendarmerie war. Es war in einer Januarnacht, wir saßen beim Juden und soffen. Da waren: der Bezirkshauptmann, ein Eisenbahninspektor, andere hervorragende…

Der gestohlene Mord

»Das erinnert mich an einen Fall«, sagte Herr Houdek, »der auch großartig durchdacht und wunderbar vorbereitet gewesen ist. Ich fürchte nur, daß Ihnen die Geschichte nicht gefallen wird, weil sie eigentlich kein Ende und keine rechte Lösung hat. Wenn ich anfange Sie zu langweilen, dann sagen Sie es mir nur, und ich höre sofort auf. Wie Sie vielleicht wissen, wohne ich in der Krucemburggasse in den Weinbergen. Das ist eine dieser kurzen Quergassen, in denen es nicht einmal ein Wirtshaus…

Indizienbeweis

Oberst Dane stand entschlossen in der geräumigen, prachtvollen Halle des Hauses, in dem er einen Kuraufenthalt verbracht hatte. Auch alle anderen Patienten hielten sich gern in diesem schönen Raum auf. Besonders an kühlen Tagen fühlte man sich hier behaglich. Die hohen Wände waren bis zur Decke mit Holz getäfelt, und die polierten Flächen spiegelten die großen Holzfeuer wider, die in den offenen Kaminen loderten. In stillen, verschwiegenen Ecken luden eingebaute Sofanischen zum Sitzen und zum Plaudern ein; schöne alte Stiche…

Der Selbstmörder

Preston Somerville stand auf dem Balkon vor seinem Hotelzimmer, als der Zug keuchend die letzte steile Biegung erklomm, um in die Station von Caux einzufahren. Er konnte von hier aus sehen, wie ein Herr und eine Dame ausstiegen. Auf dem runden, kleinen Eisentisch neben ihm lag ein Fernglas. Er nahm es zur Hand und stellte es auf den Bahnhof ein. Ja, er hatte recht. Und er hatte die beiden auch an diesem Tag und mit demselben Zug erwartet. Von unten…

Doktor Kay

An einem schönen, hellen Nachmittag verließ der Schnellzug nach Eastbourne den Victoria-Bahnhof. Mary Boyd saß in einem Abteil Erster Klasse, aber sie hatte keinen Sinn für die Schönheit der Gegend und für den herrlichen Sonnenschein. Ebensowenig sah sie ihren Mitreisenden. Fast eine Stunde lang war er in die Lektüre seiner Zeitung vertieft und schien sich nicht im mindesten um die junge Dame zu kümmern. Als der Zug geräuschvoll durch Three Bridges fuhr, schaute sie zufällig auf und begegnete seinem Blick.…

Das Diamantenklavier

  »Auf schwarzdunklem Moor oder felswildem Strand Leg‘ ich mich nieder, wegmüd und krank. Kalt wölbt sich der Himmel von West nach Ost, Weder Mantel noch Decke schützt mich vor Frost. Nur kaltfunkelnde Sterne halten still Wacht – Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht!«   Wenn dies nicht Poggys Lieblingsballade gewesen wäre, würde Ferdie auch den Mund gehalten und nichts gesagt haben. Aber sooft sich Letty an den schönen Flügel setzte, mit ihren schlanken, weißen Händen über…

Der Fall Stretelli

Detektivinspektor John Mackenzie hatte seinen Abschied eingereicht, und die Zeitungen brachten aus diesem Anlaß viele Berichte über ihn und seine Erfolge. Seine direkten Vorgesetzten wunderten sich, welche Gründe ihn zu dem vorzeitigen Rücktritt veranlaßt haben mochten. Aber alle Vermutungen waren falsch; kein Mensch ahnte die eigentliche Ursache. Mackenzie wußte nämlich nicht mehr, wie er in dem Widerstreit zwischen Pflicht und Gerechtigkeitssinn handeln sollte, und wählte deshalb den Ausweg, sein Amt niederzulegen. In diesen Konflikt war er durch die Bearbeitung .…

Der Mord in Abbey Grange

    Es war an einem bitterkalten Wintermorgen des Jahres 1897, als jemand meine Bettdecke wegzog und mich munter machte. Es war Holmes. Die Kerze in seiner Hand warf einen hellen Schein auf sein Gesicht, und ich merkte auf den ersten Blick, daß er etwas Wichtiges vorhatte. »Komm‘, Watson, komm‘!« rief er. »Die Jagd geht los. Keine Widerreden! In die Kleider und fort!« Nach zehn Minuten saßen wir beide bereits in einer Droschke auf dem Wege nach der Station Sharing…

Der zweite Blutfleck

Ich hatte die Absicht, mit dem »Mord in Abbey Grange« meine Veröffentlichung der Taten meines Freundes Sherlock Holmes endgültig zu beschließen. Dieser Entschluß entsprang nicht etwa dem Mangel an Stoff, denn ich habe noch Hunderte von Fällen in meinem Tagebuch aufnotiert, die ich noch nicht benutzt habe. Auch das Schwinden des Interesses auf seiten meiner Leser hat mich nicht dazu veranlaßt, denn die eigenartige Persönlichkeit und die einzigartigen Methoden dieses merkwürdigen Mannes üben immer wieder neuen Reiz auf den Leser…