Den Neckar runter

 

Als unser Gastwirt mitkriegte, dass ich und meine Begleiter Künstler waren, stieg unsere kleine Gesellschaft merklich in seinem Ansehen. Und wir stiegen noch höher, als er erfuhr, dass wir uns auf einer Wandertour durch Europa befanden.

Er erzählte uns alles über die Straße nach Heidelberg, und welche Plätze man am besten meiden und welche man am besten aufsuchen sollte; er fuhr ein ausgezeichnetes Frühstück für uns auf und fügte ihm noch eine Menge hellgrüne Pflaumen, der wohlschmeckendsten Frucht Deutschlands, hinzu. Er war so sehr darauf bedacht, uns die Ehre zu erweisen, dass er uns nicht erlauben wollte, Heilbronn zu Fuß zu verlassen, sondern Götz von Berlingens Pferd und Wagen aufbot und uns kutschieren ließ.

Wir entließen das Gefährt an der Brücke. Der Fluss war voll von Baumstämmen, langen, schlanken, entrindeten Tannenstämmen, und wir lehnten auf dem Brückengeländer und beobachteten, wie die Männer sie zu Flößen zusammenfügten. Diese Flöße waren in Form und Bauart den Windungen und der äußersten Enge des Neckars angepasst. Sie waren zwischen fünfzig und hundert Metern lang und verjüngten sich allmählich von einer Breite von neun Stämmen am hinteren Ende bis zu einer Breite von drei am vorderen. Die Hauptarbeit beim Steuern wird am Bug mit einer Stange geleistet; die Breite dort bietet Platz nur für den Steuermann, da diese schlanken Stämme keinen größeren Umfang haben als die Taille einer durchschnittlichen jungen Dame. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Abteilungen des Floßes sind lose und biegsam, damit das Floß jeder Biegung des Flusses folgen kann.

An vielen Stellen ist der Neckar so schmal, dass man einen Hund hinüber werfen kann, wenn man einen hat: und wenn er dann an solchen Stellen auch noch scharf gebogen ist, hat der Flößer ein Stück ziemlich hübsche saubere Navigationsarbeit zu leisten, um die Kurve zu kriegen. Den Fluss lässt man nicht immer in seinem eigentlichen Bett dahinfließen, das ungefähr dreißig, manchmal auch vierzig Meter breit ist, sondern teilt ihn auf durch Steindämme in drei gleiche Wasserläufe, die den größten Teil der Wassermenge, an Tiefe und Strömung in den mittleren Kanal lenken. Bei Niedrigwasser ragen diese scharfkantigen Dämme zehn oder fünfzehn Zentimeter über die Wasseroberfläche wie der First eines untergegangenen Daches, aber bei höheren Wasserständen sind sie überflutet. Eine Mütze voll Regen erzeugt im Neckar Hochwasser und ein Korb voll bringt Überschwemmungen.

Unterhalb des Schloss Hotels in Heidelberg gibt es auch Dämme, und die Strömung ist verteufelt schnell an dieser Stelle. Oft saß ich stundenlang in meinem Glaskäfig und beobachtete die langen, schmalen Flöße, wie sie durch den mittleren Kanal glitten, dabei am rechten Damm entlang schrammten und sorgfältig auf den mittleren Bogen der Steinbrücke zielten: Ich beobachtete sie ausgiebig und vertat die ganze Zeit in der Hoffnung, gelegentlich einmal eines von ihnen zu sehen, wie es gegen den Brückenpfeiler stieß und dabei in Trümmer ging, aber ich wurde immer wieder enttäuscht. Eines Morgens wurde dort eines zerschmettert, aber ich war gerade da in mein Zimmer gegangen, um mir eine Pfeife anzuzünden, und so verpasste ich es.

Als ich an jenem Morgen in Heilbronn so auf die Flöße hinunter blickte, ergriff mich plötzlich draufgängerische Abenteuerlust, und ich sagte zu meinen Kameraden:

„Ich werde mit dem Floß nach Heidelberg fahren. Traut ihr euch auch?“

Sie wurden ein bisschen blass, aber sie sagten zu mit so viel Würde, wie sie nur konnten. Harris wollte seiner Mutter telegrafieren, er dachte, es wäre seine Pflicht, weil er alles war, was sie auf der Welt besaß. Und während er dies tat, ging ich hinunter zum längsten und besten Floß und rief dem Kapitän ein herzliches „Seemann, ahoi!“ zu, was sofort ein freundliches Verhältnis zwischen uns schuf, und wir besprachen das Geschäftliche. Ich sagte ihm, dass wir uns auf einer Wanderung nach Heidelberg befänden und uns gerne bei ihm einschiffen würden. Ich sagte ihm das teilweise durch den jungen Z, der sehr gut Deutsch sprach, und teils durch Mister X, der es etwas eigenartig sprach. Ich kann Deutsch genauso gut verstehen wie der Verrückte, der es erfunden hat, aber sprechen kann ich es am besten durch einen Übersetzer.

Der Käptn rückte sich die Hosen hoch und schob seinen Pfriem nachdenklich von einer Backe in die andere. Und dann sagte er, was ich schon erwartet hatte, nämlich, dass er keine Erlaubnis zur Beförderung von Fahrgästen habe und deshalb befürchtete, Ärger mit dem Gesetz zu bekommen, falls sich die Sache herumspräche oder ein Unfall passierte. Deshalb charterte ich das Floß und die Mannschaft und nahm die ganze Verantwortung auf mich.

Mit einem munteren Lied legte sich die Steuerbordwache ins Zeug, hievte die Ankerleine und holte den Anker hoch, und würdevoll legte unser Schifflein ab und rauschte mit ungefähr zwei Knoten die Stunde dahin.

Unsere Reisegesellschaft hatte sich mittschiffs versammelt. Das Gespräch war zunächst ein wenig trübselig und kreiste hauptsächlich um die Kürze des Lebens, seine Ungewissheit, die Gefahren, die es bedrohten und wie notwendig und weise es war, immer auf das Schlimmste gefasst zu sein; dies leitete über zu leisen Anspielungen auf die Gefahren der Tiefe und ähnliche Dinge; aber als sich der graue Osten zu röten begann und die geheimnisvolle Feierlichkeit und Stille der Morgendämmerung den Freudengesängen der Vögel wich, nahm die Unterhaltung einen fröhlicheren Ton an, und unsere Stimmung hob sich stetig.

Deutschland im Sommer, das ist der Gipfel der Schönheit, aber niemand hat die das höchste Ausmaß dieser sanften, friedvollen Schönheit begriffen, wirklich erlebt und genossen, der nicht auf einem Floß den Neckar hinab gefahren ist. Die Bewegung eines Floßes ist die Bewegung, die man dazu braucht; sie ist sanft, gleitend, glatt und geräuschlos; sie besänftigt alle fiebrige Betriebsamkeit, sie schläfert nervöse Hast und Ungeduld ein; unter ihrem beruhigenden Einfluss schwinden alle Schwierigkeiten, aller Ärger und alle Sorgen, die einen bedrücken, dahin und das Leben wird zum Traum, zu einem Zauber und zu einer tiefen und ruhigen Wonne. Welch einen Gegensatz bildet das zu einer heißen, schweißtreibenden Wanderung und der staubigen, betäubenden Hetze auf der Eisenbahn und dem zermürbenden Gerüttel hinter müden Pferden auf grell weißen Landstraßen!

Wir glitten still dahin zwischen grünen, duftenden Ufern mit einem Gefühl des Vergnügens und der Zufriedenheit, das die ganze Zeit wuchs und wuchs. Manchmal hingen über die Ufer so üppige Weiden, dass das dahinter liegende Land den Blicken ganz entzogen war; manchmal hatten wir auf der einen Seite erhabene Berge, die bis zum Gipfel dicht mit Laubwerk bedeckt waren, und auf der anderen Seite offene Ebenen, flammend von Mohn oder mit dem satten Blau der Kornblumen bedeckt; manchmal trieben wir im Schatten von Wäldern und dann wieder am Rande von langen Strecken von samtigen Wiesen, frisch, grün und leuchtend, einem unermüdlichen Reiz für das Auge. Und die Vögel! Sie waren überall; sie flogen immerzu hin und her über den Fluss, und nie verstummte ihr jubelnder Gesang.

Es war ein tiefe und beglückende Freude, die Sonne den neuen Morgen erschaffen zu sehen und wie sie ihn allmählich, geduldig und liebevoll mit einer Pracht nach der anderen und einer Herrlichkeit nach der anderen bekleidete, bis das Wunder vollkommen war. Wie anders ist es doch, dieses Wunder von einem Floß aus zu beobachten, als durch die schmutzigen Fenster einer Bahnstation in irgendeinem elenden Dorf, während man ein versteinertes Butterbrot mampft und auf den Zug wartet.

*

Zu dieser Stunde arbeiteten schon Männer, Frauen und Vieh auf den taubedeckten Feldern. Die Leute betraten oft das Floß, wenn wir an Wiesenufern entlang glitten, und schwatzten mit uns und mit der Mannschaft für vielleicht hundert Meter, dann traten sie, erfrischt durch die Fahrt, wieder auf das Ufer zurück. Nur die Männer machten das, die Frauen hatten zu viel zu tun. Auf dem Kontinent erledigen die Frauen alle Arten von Arbeit. Sie graben, sie hacken, sie ernten, sie säen, sie tragen ungeheure Lasten auf dem Rücken und schieben ähnliche über weite Strecken auf Karren, sie ziehen den Karren, wenn sie keinen Hund oder keine magere Kuh zum Ziehen haben – und wenn sie welche haben, dann helfen sie dem Hund oder der Kuh. Das Alter spielt keine Rolle – je älter die Frau ist, je stärker wird sie anscheinend. Auf dem Lande sind die Aufgaben einer Frau nicht festgelegt – sie tut von allem etwas; aber in den Städten ist es anders, dort tut sie nur bestimmte Dinge, den Rest erledigen die Männer. Ein Zimmermädchen im Hotel hat zum Beispiel nichts weiter zu tun, als die Betten in fünfzig oder sechzig Zimmern zu machen, Handtücher und Kerzen zu bringen und mehrere Tonnen Wasser mehrere Treppen hinauf zu tragen, jedesmal hundert Pfund in gewaltigen Metallkannen. Sie muss nicht mehr als achtzehn oder zwanzig Stunden am Tag arbeiten, und wenn sie müde ist und eine Pause braucht, kann sie sich immer auf die Knie niederlassen und die Böden in den Fluren und Zimmern scheuern.

Als der Tag voranschritt und es heiß wurde, zogen wir unsere Oberkleider aus und setzten uns in einer Reihe an den Rand des Floßes und genossen die Landschaft mit unseren Sonnenschirmen über den Köpfen und den baumelnden Beinen im Wasser.

Dann und wann sprangen wir hinein und badeten. Jedes vorspringende Wiesenkap hatte seine vergnügte Gruppe nackter Kinder, die Jungen für sich und die Mädchen für sich, die letzteren gewöhnlich in der Obhut einer mütterlichen Dame, die mit ihrem Strickzeug im Schatten eines Baumes saß. Die kleinen Jungen schwammen manchmal zu uns heraus, aber die Mädchen standen im knietiefen Wasser und hörten auf zu plantschen und herumzutollen, um mit ihren unschuldigen Augen das vorübertreibene Floß zu betrachten. Einmal umrundeten wir unvermittelt eine Biegung und überraschten ein schlankes Mädchen von etwa zwölf Jahren, das gerade ins Wasser steigen wollte. Sie hatte Zeit mehr mehr, um davon zu laufen, aber sie tat etwas, das ihr ebenso gut half; schnell zog sie den biegsamen Zweig einer jungen Weide vor ihren weißen Leib und betrachtete uns mit schlichtem, unbekümmerten Interesse. So stand sie da, während wir vorbei glitten. Sie war ein hübsches Geschöpf, und sie und ihr Weidenzweig gaben ein sehr hübsches Bild ab, eines, das nicht einmal das Schamgfühl des penibelsten Betrachters verletztet hätte. Ihrer weißen Haut diente eine niedrige Gruppe frischgrüner Weiden als Hintergrund und wirkungsvoller Kontrast – denn sie stand vor ihnen – und über ihnen und daraus hervor ragten die neugierigen Gesichter und weißen Schultern zweier kleinerer Mädchen.

Gegen Mittag hörten wir den aufregenden Ruf „Segel voraus!“

„Wo?“

„Drei Strich in Luv!“

Wir rannten nach vorne, um das Schiff zu sehen. Es stellte sich als ein Dampfboot heraus – denn im Mai hatten sie damit begonnen, einen Dampfer auf dem Neckar verkehren zu lassen. Es war ein Schlepper und zwar einer von ganz besonderer Bauart und eigenartigem Aussehen. Ich hatte ihn oft vom Hotel aus beobachtet und mich gefragt, wie er wohl angetrieben würde, denn anscheinend hatte er keine Schraube oder Schaufelräder. Er kam angestampft, machte dabei einen gehörigen Lärm verschiedener Art und steigerte ihn dann und wann noch, indem er seine heisere Pfeife ertönen ließ. Er hatte neun Kähne im Schlepp, die ihm in einer langen, schlanken Linie folgten. Wir begegneten ihm an einer engen Stelle zwischen Dämmen, und an dieser schmalen Durchfahrt war kaum Platz für uns beide. Als er scheuernd und ächzend an uns vorüber fuhr, entdeckten wir das Geheimnis seines Antriebs. Er fuhr den Fluss nicht mit Schaufelrädern oder einem Schraubenantrieb hinauf, sondern er zog sich vorwärts durch das Einholen einer schweren Kette. Diese Kette ist auf dem Grund des Flussbetts verlegt und nur an den beiden Enden befestigt. Sie ist siebzig Meilen lang. Sie wird über den Bug aufgenommen, wickelt sich sich um eine Trommel und wird nach achtern wieder ausgesteckt. Er zieht an dieser Kette und schleppt sich so den Fluss hinauf oder hinunter. Genau genommen hat er weder einen Bug noch ein Heck, denn er hat an jedem Ende ein Steuerruder mit einem langen Blatt und wendet niemals. Er gebraucht die Steuerruder dauernd, und sie sind wirksam genug, um ihn trotz des starken Widerstandes der Kette nach rechts oder links und um die Biegungen herum zu steuern. Ich hätte nie geglaubt, dass so eine unmögliche Sache funktionieren könnte; aber ich sah sie funktionieren, und deshalb weiß ich jetzt, dass zumindest eine unmögliche Sache funktionieren kann. Welche Wundertat wird die Menschheit wohl als nächstes in Angriff nehmen?

Wir begegneten vielen großen Kähnen auf ihrem Weg den Fluss hinauf, als Antrieb benutzten sie Segel, die Kraft von Maultieren und Flüche – ein ermüdendes, mühseliges Geschäft. Ein Drahtseil führte vom Fockmast zu einem Maultiergespann auf dem Treidelpfad hundert Meter vor dem Boot, und mit Hilfe von vielen Schlägen, Flüchen und Anfeuerungsrufen schaffte die Treidelmannschaft gegen die stete Strömung eine Geschwindigkeit von drei oder vier Meilen. Der Neckar ist immer schon als Wasserweg genutzt worden und hat deshalb vielen Menschen und Tieren Beschäftigung gegeben; aber jetzt ist ein Dampfboot in der Lage, mit einer kleinen Besatzung und einem Scheffel Kohle oder so neun Kähne in einer Stunde weiter den Fluss hinauf zu bringen, als dreißig Mann und dreißig Maultiere es in zwei Stunden schaffen, glaubt man, dass das altmodische Treidelgewerbe auf dem Sterbebett liegt. Ein zweites Dampfboot nahm auf dem Neckar seine Arbeit auf, drei Monate nachdem das erste in Dienst gestellt worden war.

Mittags gingen wir an Land und kauften einige Flaschen Bier und gekochte Hühnchen, während das Floß auf uns wartete; dann stachen wir sofort wieder in See und aßen unser Mittagessen, so lange das Bier kalt und die Hühnchen heiß waren. Es gibt keinen angenehmeren Platz für ein solches Mahl als ein Floß, das den gewundenen Neckar hinunter gleitet vorbei an grünen Wiesen und bewaldeten Hügeln und schläfrigen Dörfern und felsigen Höhen, der von verfallenen Türmen und Zinnen geschmückt werden.

An einer Stelle sahen wir einen gepflegt gekleideten deutschen Gentleman ohne Brille. Bevor ich ankern lassen konnte, war er aber schon verschwunden. Es war sehr schade. Ich hätte gerne eine Zeichnung von ihm gemacht. Aber der Käptn tröstete mich über den Verlust hinweg, indem er sagte, dass der Mann ganz zweifellos ein Betrug gewesen sei, der durchaus eine Brille gehabt, sie aber wohl in der Tasche gelassen hätte, um sich interessant zu machen.

Unterhalb von Hassmersheim kamen wir an der Hornberg vorbei, Götz von Berlichingens alter Burg. Sie steht auf einer steilen Erhebung zweihundert Fuß über dem Fluss; sie hat hohe, weinbewachsene Mauern, die Bäume umschließen und einen spitzen Turm, der ungefähr siebzig Fuß hoch ist. Der steile Hang von der Burg bis zum Flussufer ist terrassiert und dicht mit Weinstöcken besetzt. Das ist so ähnlich wie Ackerbau auf einem Mansardendach. Alle Steilhänge an diesem Flussabschnitt, die die richtige Lage haben, werden zum Weinbau genutzt. Diese Gegend ist ein bedeutender Rheinweinproduzent. Die Deutschen sind ganz vernarrt in den Rheinwein; er wird in hohe, schlanke Flaschen abgefüllt und wird als angenehmes Getränk betrachtet. Vom Essig unterscheidet man ihn durch das Etikett. Der Hornberg soll untertunnelt werden, und dann wird die neue Eisenbahn unter der Burg hindurch fahren.

*

Eine oder zwei Meilen vor Eberbach sahen wir eine eigenartige Ruine aus dem Laubwerk herausragen, das den Gipfel eines hohen und sehr steilen Berges bedeckte. Die Ruine bestand nur aus einem Paar eingestürzter Massen von Mauerwerk, die eine grobe Ähnlichkeit mit menschlichen Gesichtern hatten; sie beugten sich vor und berührten sich an der Stirn und sahen aus, als seinen sie ganz in ein Gespräch vertieft. Die Ruine hatte nichts sehr Eindrucksvolles oder Malerisches an sich, und es wurde nicht viel Aufhebens von ihr gemacht, und doch wurde sie sie „spektakuläre Ruine“ genannt.

Die Sage von der Spektakulären Ruine

Der Floßkapitän, der so voller Geschichten war, wie in ihn hinein gingen, erzählte, dass im Mittelalter ein äußerst gewaltiger feuerspeiender Drache in dieser Gegend gelebt und mehr Ärger gemacht hätte als ein Steuereintrieber. Er war so lang wie ein Eisenbahnzug und bedeckt mit den üblichen undurchdringlichen grünen Schuppen. Sein Atem verbreitete Pestilenz und Feuersbrünste und sein Appetit Hungersnöte. Er verschlang unparteiisch Menschen wie Vieh und war außerordentlich unbeliebt. Der damalige deutsche Kaiser machte das übliche Angebot: er würde dem Bezwinger des Drachens jeden Wunsch erfüllen; denn er hatte einen Überschuss an Töchtern und es war unter den Drachentötern Brauch, eine Tochter als Bezahlung anzunehmen.

Aus allen Himmelsrichtungen kamen die berühmtesten Ritter und zogen sich einer nach dem anderen in den Schlund des Drachens zurück. Panik entstand und breitete sich aus. Die Helden wurden vorsichtig. Und ihr Aufmarsch versiegte. Der Drache wütete verheerender denn je. Das Volk verlor jede Hoffnung auf Rettung und flüchtete Schutz suchend in die Berge.

Zu guter Letzt erschien aus einem fernen Land Sir Wissenschaft, ein armer, obskurer Ritter, um den Kampf mit dem Ungeheuer aufzunehmen. Er war eine bedauernswerte Gestalt mit den Fetzen seiner Rüstung, die an ihm herunter hingen, und dem seltsam geformten Ranzen, den er auf dem Rücken trug. Alle rümpften die Nase über ihn, und einige verspotteten ihn offen. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er erkundigte sich einfach nur, ob das Angebot des Kaisers noch gültig wäre. Der Kaiser sagte, das wäre es – aber er erteilte ihm den fürsorglichen Rat, lieber auf die Hasenjagd zu gehen und nicht sein kostbares Leben bei dem Versuch aufs Spiel zu setzen, der schon so vielen der berühmtesten Helden der Welt den Tod gebracht hatte.

Aber der fahrende Ritter erkundigte sich nur: „Waren unter diesen Helden auch Männer der Wissenschaft?“ Dies rief natürlich ein Gelächter hervor, da die Wissenschaft in jenen Tagen verachtet wurde. Aber der Ritter war dadurch nicht im Mindesten irritiert. Er sagte, er wäre vielleicht seiner Zeit ein wenig voraus, aber das würde nichts ausmachen – die Wissenschaft würde früher oder später zu Ehren kommen. Er erklärte, am nächsten Morgen würde er gegen den Drachen ins Feld ziehen. Aus Mitleid wurde ihm ein anständiger Speer angeboten, aber er verzichtete darauf und sagte Speere seien nutzlos für Männer der Wissenschaft. Man erlaubte ihm, in der Gesindestube Aabendbrot zu essen und gab ihm ein Nachtlager in der Ställen.

Als er am Morgen aufbrach, hatten sich Tausende versammelt, um zuzuschauen. Der Kaiser sagte: „Sei vernünftig, nimm einen Speer und lass deinen Ranzen hier.“

Aber der Ritter sagte nur: „Es ist kein Ranzen,“ und zog los.

Der Drachen wartete schon und war bereit. Er stieß Unmengen von Schwefeldämpfen und schreckliche Flammenstöße aus. Der zerlumpte Ritter schlich sich vorsichtig in eine günstige Position, warf dann seinen zylinderförmigen Ranzen ab – der einfach ein gewöhnlicher Feuerlöscher war, wie wir ihn heute kennen – und bei der ersten Gelegenheit drehte er den Schlauch auf und blies dem Drachen damit in seinem riesigen Rachen. Augenblicklich verlosch das Feuer, und der Drache krümmte sich zusammen und starb.

Dieser Mann hatte seinen Verstand zur Hilfe genommen. Er hatte in seinem Labor Drachen aus Eiern aufgezogen, er hatte über sie gewachtt wie eine Mutter und sie geduldig studiert und mit ihnen Experimente gemacht, während sie heranwuchsen. So hatte er herausgefunden, dass das Feuer die Lebensgrundlage eines Drachens ist; löschte man das Feuer eines Drachens, und er kann keinen Dampf mehr machen und muss sterben. Er konnte das Feuer nicht mit einem Speer ersticken, deshalb erfand er den Feuerlöscher. Als der Drache tot war, fiel der Kaiser dem Helden um den Hals und sagte: „Befreier, nenne mir deinen Wunsch,“ und winkte dabei nach hinten mit seinem Stiefelabsatz, damit sich seine Töchter zu einer Abordnung formierten und vortraten. Aber der Ritter schenkte ihnen keine Beachtung. Er sagte nur: „Mein Wunsch ist, dass ich das Monopol für die Herstellung und den Verkauf von Brillen in Deutschland übertragen bekomme.“

Der Kaiser sprang zurück und rief aus: „Das übersteigt alles an Frechheit, was ich jemals gehört habe! Das ist eine bescheidene Bitte, bei allem, was mir heilig ist! Warum verlangst du nicht gleich alle kaiserlichen Steuereinnahmen auf einmal und fertig?“

Aber der Herrscher hatte nun mal sein Wort gegeben, und er hielt es. Zu jedermanns Überraschung reduzierte der selbstlose Monopolist sogleich den Preis für Brillen so weit, dass eine große und drückende Last von der Nation genommen war. Zur Erinnerung an diese großzügige Tat und um seine Wertschätzung zu bezeugen, erließ der Kaiser ein Dekret, das verfügte, dass jedermann die Brillen dieses Wohltäters kaufen und sie tragen müsse, ob er sie nun benötigte oder nicht.

So entstand in Deutschland der weit verbreitete Brauch, Brillen zu tragen; und da ein Brauch, wenn er sich in diesen alten Ländern erst einmal eingebürgert hat, unvergänglich ist, ist auch dieser bis auf den heutigen Tag im Reich immer noch allgegenwärtig. Das ist die Sage von dem einst stattlichen und prächtigen Schloss des Monopolisten, das heute die „Spektakuläre Ruine“ genannt wird.

*

Am rechten Ufer zwei oder drei Meilen unterhalb der „Spektakulären Ruine“ kamen wir an einem stattlichen Anwesen mit zinnenbewehrten Gemäuern vorbei, die den Fluss vom Kamm einer erhabenen Anhöhe überblickten. Die hohe Frontmauer war auf zweihundert Meter üppig mit Efeu überwachsen und aus der Masse der Gebäude innerhalb der Mauer ragten drei malerische alte Türme auf. Das Ganze war sehr gepflegt und wurde von einer Familie im Fürstenrang bewohnt. Auch diese Burg hatte ihre Sage, aber ich fühle mich nicht berechtigt, sie hier wiederzugeben, weil ich den Wahrheitsgehalt einiger ihrer kleineren Details bezweifle.

In dieser Gegend war eine Vielzahl von italienischen Arbeitern damit beschäftigt, die Berghänge zum Fluss wegzusprengen, um Platz für eine neue Eisenbahnstrecke zu schaffen. Sie arbeiteten fünfzig oder hundert Fuß über dem Flusses. Und als wir um eine scharfe Kurve bogen, begannen sie, uns Winkzeichen zu geben und Warnungen zuzurufen, dass wir uns vor den Sprengungen vorsehen sollten. Es war ja schön und gut, dass sie uns warnten, aber was konnten wir tun? Man kann mit einem Floß nicht rückwärts den Fluss hinauffahren, man kann es nicht flussabwärts beschleunigen, man kann nicht zur Seite ausweichen, wenn man keinen nennenswerten Platz hat, und man konnte sich auch nicht an die senkrechten Klippen am gegenüber liegenden Ufer halten, wenn sie auch dort Anstalten machten zu sprengen. Wie man sieht, waren unsere Möglichkeiten beschränkt. Es blieb uns einfach nichts übrig, als abzuwarten und zu beten.

In den zurückliegenden Stunden hatten wir dreieinhalb oder vier Meilen die Stunde gemacht, und das machten wir auch jetzt noch. Wir waren geradezu dahingetanzt, bis diese Männer zu rufen angefangen hatten; aber während der nächsten zehn Minuten schien es mir, als ob ich noch nie ein so langsames Floß gesehen hätte. Als die erste Explosion losging, reckten wir unsere Sonnenschirme hoch und warteten auf das Resultat. Nichts geschah; keiner der Felsbrocken fiel ins Wasser. Eine weitere Explosion folgte und noch eine und noch eine. Ein paar Trümmerstücke fielen direkt hinter unserem Heck ins Wasser.

Wir fuhren die ganze Batterie von neun Explosionen hintereinander entlang, und es war bestimmt eine der aufregendsten und ungemütlichsten Wochen, die ich je erlebt habe, sei es auf See oder an Land. Natürlich bemannten wir immer wieder die Stangen und steuerten ernsthaft für eine Sekunde oder so, aber jedesmal wenn einer dieser Auswürfe aus Staub und Trümmern hoch schoss, ließ jeder seine Stange fahren und blickte auf, um nach seinem Anteil davon zu peilen. Für eine Weile ging es sehr heiß her. Es schien sicher, dass wir sterben mussten; aber das war noch nicht einmal der bitterste Gedanke; nein, die abscheulich unheroische Art dieses Todes – das war der Stachel – das und die bizarre Formulierung des daraus resultierenden Nachrufs: „Mit einem Felsbrocken erschossen, auf einem Floß.“ Darüber würden keine Dichterworte geschrieben werden. Es konnten keine darüber geschrieben werden. Kostprobe:

Nicht durch des Krieges Speer und Stoß

sondern bloß von ’nem Fels auf einem Floß

Kein Poet, dem sein Ruf teuer war, würde solch ein Thema anfassen. Ich würde angesehen werden als der einzige „angesehene Tote“, der 1878 unbesungen ins Grab sank.

Aber wir entkamen, und ich habe es niemals bereut. Die letzte Explosion war besonders stark, und nachdem die kleinen Partikel um uns herum heruntergeregnet waren und wir uns schon zu unserer Erlösung gratulieren wollten, kam noch ein verspäteter und größerer Brocken mitten in unserer kleinen Gruppe von Wanderern herunter und zerstörte einen Schirm. Er richtete keinen weiteren Schaden an, aber wir sprangen trotzdem ins Wasser.

Es scheint, dass die schwere Arbeit in den Steinbrüchen und an den neuen Eisenbahntrassen hauptsächlich von Italienern geleistet wird. Das war eine Entdeckung. In unserem Land haben wir die Vorstellung, dass Italiener überhaupt keine schweren Arbeiten verrichten, sondern sich auf die leichteren Künste wie das Drehorgelspiel, Operngesang und Mordanschläge beschränken. Da haben wir uns ganz schön geirrt, das steht fest.

Den ganzen Fluss entlang, beinahe in jedem Dorf sahen wir kleine Stationsgebäude für die zukünftige Eisenbahn. Sie waren fertig und warteten auf die Gleise und den Betrieb. Sie waren so proper, gemütlich und hübsch, wie sie nur sein konnten. Sie waren immer aus Ziegeln oder aus Stein; sie waren von anmutiger Form und schon mit Wein und Blumen berankt, und der Rasen um sie herum war leuchtend und grün und zeigte, dass er sorgfältig gepflegt wurde. Sie waren eine Zierde für die schöne Landschaft, kein Fremdkörper. Wo immer man einen Haufen Schotter oder Bruchsteine sah, war er immer so sauber und genau aufgeschichtet wie ein frisches Grab oder eine Pyramide von Kanonenkugeln, nichts an diesen Stationen oder entlang der Gleise oder des Fahrwegs ließ man schäbig oder schmucklos aussehen. Ein Land in so schöner Ordnung zu halten wie Deutschland, hat auch eine kluge Seite, denn es hält Tausende von Leuten in Arbeit und Brot, die sonst nur herumlungern würden und auf dumme Gedanken kämen.

Als die Dunkelheit hereinbrach, wollte der Käptn festmachen, aber ich dachte, wir könnten es vielleicht noch bis Hirschhorn schaffen und so fuhren wir weiter. Bald bezog sich der Himmel, und der Käptn kam nach achtern und machte ein besorgtes Gesicht. Er blickte zum Himmel, schüttelte den Kopf und meinte, es würde einen Sturm geben. Meine Reisegesellschaft wollte sofort an Land gehen – deshalb wollte ich weiter fahren. Der Käptn sagte, wir sollten die Segel reffen, nur aus reiner Vorsicht. Deshalb wurde die Backbordwache angewiesen ihre Stange einzuziehen. Es wurde ziemlich dunkel und der Wind frischte auf. Er heulte in den Baumkronen und fegte in launischen Stößen über unsere Decks. Die Sache nahm langsam hässliche Züge an. Der Käptn schrie dem Steuermann auf dem Vorderteil des Floßes zu: „Welchen Kurs haben wir?“

Von weit vorne kam die schwache, heisere Antwort: „Nordost bei Nord – Ost bei Ost, halb Ost.“

„Einen Strich abfallen!“

„Zu Befehl, Käptn!“

„Wie viel Wasser haben wir noch unter dem Kiel?“

„Flach, Käptn.Gut zwei Fuß Steuerbord, knapp zweieinhalb Backbord!“

„Noch einen Strich abfallen!“

„Jawohl, Käptn!“

„Nach vorne, Männer, alle! Aber flott! Macht euch bereit, damit wir es um die Luvbiegung kriegen!“

„Zu Befehl, Käptn!“

Dann folgte ein wildes Rennen und Trampeln und heiseres Rufen, aber die Gestalten der Männer waren in der Dunkelheit verschwunden und die Geräusche wurden verzerrt und durcheinander gewirbelt vom Wind, der über unseren Holzhaufen heulte. Inzwischen ging die See mehrere Zoll hoch und drohte jeden Moment, unser zerbrechliches Fahtzeug zu verschlingen. Da kam der Maat nach achtern gesprungent und sagte dem Käptn mit gedämpfter, erregter Stimme ins Ohr :

„Bereiten Sie sich auf das Schlimmste vor, Käptn – wir haben ein Leck!“

„Himmel! Wo?“

„Gleich hinter der zweiten Stammreihe.“

„Jetzt kann uns nur noch ein Wunder retten! Sagen Sie den Männern nichts davon, sonst gibt es eine Panik und Meuterei! Dreh aufs Ufer zu und mach dich fertig mit der Achterleine rüberzuspringen, sobald es anstößt. Meine Herren, ich muss bitten, mich in meinen Anstrengungen in dieser Stunde der Gefahr zu unterstützen. Sie haben Hüte – gehen Sie nach vorne und lenzen Sie um Ihr Leben!“

Wieder fegte ein heftiger Windstoß, gehüllt in Gischt und tiefe Finsternis, über uns hinweg. Und in diesem Augenblick kam von weit vorne der entsetzlichste Ruf, der auf See zu hören ist: „Mann über Bord!“

Der Käptn schrie: „Hart Backbord! Kümmert euch nicht um den Mann! Soll er doch an Bord klettern oder ans Ufer waten!“

Ein weiterer Ruf wurde vom Wind zu uns getragen: „Brandung voraus!“

„Wie weit weg?“

„Keine Stammlänge vom Backbordbug!“

Wir hatten uns über die schlüpfigen Stämme vorwärts getastet und schöpften nun mit dem Wahnsinn der Verzweiflung Wasser, als wir von weit achtern den entsetzten Schrei des Maats hörten:

„Hört auf mit dem verdammten Lenzen, sonst laufen wir noch auf Grund!“

Aber gleich darauf folgte der freudige Ausruf: „Land am Steuerbord-Heckbalken!“

„Gerettet!“ rief der Kapitän. „Spring rüber, mach einen Schlag um einen Baum und gib das Ende an Bord!“

Im nächsten Augenblick waren wir alle am Ufer und weinten und umarmten uns vor Freude, während es in Strömen goss. Der Käptn erklärte, er befahre nun den Neckar seit vierzig Jahren und habe in dieser Zeit Stürme erlebt, die einen Mann erbleichen und sein Herz stocken ließen, aber nie, niemals habe er einen Sturm erlebt, der diesem auch nur nahe gekommen wäre. Wie vertraut das klang! Ich bin wirklich schon ganz schön oft auf See gewesen, und entsprechend oft habe ich diese Bemerkung von Kapitänen gehört.

Im Geist entwarfen wir die übliche Resolution, um unseren Dank, unsere Bewunderung und unsere Erkenntlichkeit zum Ausdruck zu bringen, und stimmten bei der erstbesten Gelegenheit darüber ab und legte sie schriftlich nieder und überreichten sie dem Käptn mit der üblichen Ansprache.

Volle drei Meilen schlugen wir uns durch die Dunkelheit und den strömenden Regen und erreichten das Gasthaus Zum Naturalisten in dem kleinen Ort Hirschhorn gerade eine Stunde vor Mitternacht, fast völlig entkräftet von Mühsalen, Ermattung und Schrecken. Diese Nacht werde ich nie vergessen.

Der Gastwirt war wohlhabend und konnte es sich deshalb leisten, mürrisch und unhöflich zu sein; er mochte es gar nicht, aus seinem warmen Bett geholt zu werden, um sein Haus für uns zu öffnen. Aber dessen ungeachtet stand sein ganzer Haushalt auf und bereitete schnell ein Abendessen für uns, und wir brauten uns selbst einen heißen Punsch, um der Auszehrung vorzubeugen. Nach dem Essen und dem Punsch rauchten wir noch ein Stündchen zur Beruhigung und fochten dabei die Seeschlacht noch einmal durch und stimmten über die Resolutionen ab; dann zogen wir uns nach oben in ausnehmend gepflegte und hübsche Schlafkammern zurück, in denen saubere, bequeme Betten standen mit Erbstücken von Kissenbezügen, die sehr aufwendig und geschmackvoll von Hand bestickt waren.

Solche Zimmer, Betten und bestickte Wäsche sind in deutschen Landgasthäusern ebenso häufig wie sie in unseren selten sind. Unsere Dörfer sind den deutschen in mehr Vorzügen, Vollkommenheiten, Bequemlichkeiten und Vortrefflichkeiten überlegen, als ich hier aufzählen kann, aber die Gasthäuser gehören nicht dazu.

Das Gasthaus Zum Naturalisten hieß nicht zufällig so; in allen Fluren und Zimmern standen Glasvitrinen, in denen sich alle möglichen Arten von Vögeln und Tieren befanden, die mit Glasaugen versehen, geschickt ausgestopft und in den natürlichsten und dramatischsten Posen aufgestellt waren. Gerade als wir im Bett lagen, hörte der Regen auf, und der Mond kam heraus. Während ich in den Schlaf hinüber dämmerte betrachtete ich eine weiße ausgestopfte Eule, die von ihrem hohen Sitz angespannt auf mich hinunter blickte und dabei ein Gesicht machte wie jemand, der glaubte, dass ich ihm schon einmal über den Weg gelaufen wäre, sich dessen aber nicht ganz sicher war.

Aber der junge Z kam nicht so billig davon. Er erzählte, als er gerade dabei war, hätte der Mond die Schatten fortgewischt und eine riesige Katze auf einem Wandbrett enthüllt, tot und ausgestopft, aber mir gespannten Muskeln und zum Sprung geduckt, wobei ihre glitzernden Augen genau auf ihn gerichtet waren. Das gab ihm ein unbehagliches Gefühl. Er versuchte, die Augen zu schließen, aber das half nicht, denn ein natürlicher Instinkt ließ sie ihn immer wieder aufmachen, um zu sehen, ob die Katze noch immer im Begriff wäre, ihn anzuspringen – was sie natürlich immer war. Er versuchte ihr den Rücken zuzudrehen, aber das war auch ein Fehlschlag; er wusste die unheimlichen Augen immer noch auf sich ruhen. Nachdem er sich auf diese Weise ein oder zwei Stunden herumgeplagt und experimentiert hatte, stand er auf und setzte die Katze hinaus auf den Gang. Diesmal gewann er.

*

Am nächsten Morgen frühstückten wir nach der angenehmen deutschen Sommersitte unter den Bäumen im Garten des Gasthauses. Die Luft war voll von Blumendüften und allerlei summendem Getier; rings um uns her befand sich der lebende Teil der Menagerie des Gasthauses. Es gab große Käfige, die bevölkert waren mit flatternden und schnatternden exotischen Vögeln, und andere große Käfige und noch größere Drahtgehege, die von einheimischen und fremden Vierbeinern bevölkert wurden. Es gab auch einige freilaufende Kreaturen und noch dazu ziemlich gesellige. Weiße Kaninchen hoppelten herum und kamen gelegentlich heran und schnupperten an unseren Schuhen und Schienbeinen; ein Rehkitz mit einem roten Band um den Hals kam näher und musterte uns furchtlos; seltene Rassen von Hühnern und Tauben bettelten um Krumen, und ein armer alter Rabe ohne Schwanzfedern hüpfte herum mit einer demütigen, beschämten Miene, die sagte „Bitte überseht meine Blöße – stellt euch vor, wie ihr euch in meiner Lage fühlen würdet, und seid nachsichtig.“ Wenn er sich allzu sehr beobachtet fühlte, zog er sich hinter irgend etwas zurück und blieb dort, bis er der Ansicht war, dass sich das Interesse der Gesellschaft einem anderen Gegenstand zugewandt hätte. Ich habe nie eine andere stumme Kreatur gesehen, die so schrecklich sensibel war. Bayard Taylor, der die verschwommenen Gedankengänge der Tiere deuten konnte und ihre moralische Natur besser verstand als die meisten Menschen, würde sicher einen Weg gefunden haben, diesen armen alten Burschen seinen Kummer vergessen zu lassen, aber wir verstanden uns nicht auf seine einfühlsame Kunst und mussten deshalb den Raben seinem Gram überlassen.

Nach dem Frühstück stiegen wir den Berg hinauf und besuchten die alte Burg von Hirschhorn und die verfallene Kirche daneben. An den Innenwänden der Kirche lehnten einige sonderbare Basreliefs – sie stellten die Herren von Hirschhorn in voller Rüstung dar und die Edelfrauen von Hirschhorn in den malerischen Hofgewändern des Mittelalters. Diese Dinge sind schutzlos Zerstörungen ausgesetzt und dem Verfall preisgegeben, denn der letzte Hirschhorn ist vor zweihundert Jahren gestorben und es gibt niemanden mehr, der sich darum kümmert, die Andenken der Familie zu erhalten. Im Altarraum stand eine gewundene Steinsäule, und der Käptn erzählte uns eine Legende darüber – natürlich, denn was Legenden anbetraft, konnte er sich einfach nicht zurückhalten. Aber ich werde diese Legende hier nicht wiedergeben, weil daran nichts glaubhaft war, abgesehen von der Tatsache, dass der Held diese Säule mit bloßen Händen in ihre jetzige Schraubenform gezwungen hatte – mit einem einzigen Dreh. Der ganze Rest der Legende war zweifelhaft.

Aber Hirschhorn sieht am besten aus einer gewissen Distanz ein Stück weit flußabwärts aus. Dann ergeben die zusammengedrängten braunen Türme, die auf der grünen Anhöhe thronen und die alte zinnenbewehrte Mauer, die sich den grasbedeckten Grat hinaufzieht und in dem Laubmeer dahinter verschwindet, ein Bild, dessen Anmut und Schönheit das Auge ganz und gar befriedigen.

Von der Kirche stiegen wir steile, steinerne Stufen hinab, die sich hierhin und dahin durch die engen Gassen zwischen den dicht gedrängten, schmutzigen Häusern des Örtchens wanden. Es war ein Viertel, das reichlich bevölkert war mit verwachsenen, schielenden, ungekämmten und verwahrlosten Idioten, die Hände oder Mützen ausstreckten und kläglich bettelten. Natürlich waren nicht alle Leute in diesem Viertel Idioten, aber alle, die bettelten, schienen es zu sein, und waren es auch, wie es hieß.

Ich dachte daran, mit einem Ruderboot zur nächsten Stadt, Neckarsteinach, zu fahren. Deshalb rannte ich vor den anderen der Reisegesellschaft zum Flussufer und fragte einen Mann dort, ob er ein Boot habe, das man mieten könne. Vermutlich habe ich Hochdeutsch gesprochen – Deutsch, wie man es bei Hofe spricht – jedenfalls hattet ich das vor – deshalb verstand er mich nicht. Ich drehte und wendete meine Frage immer wieder herum und versuchte, das Niveau dieses Mannes zu treffen, aber ich schaffte es nicht. Er konnte nicht begreifen, was ich wollte. Nun kam Mr. X., trat diesem Mann gegenüber, blickte ihm in die Augen und ließ in der wortgewandtesten und selbstsichersten Art folgenden Satz auf ihn los: „Can man boat get here?“

Der Schiffer verstand sofort und antwortete prompt. Ich kann verstehen, warum er gerade diesen Satz verstehen konnte, da durch reinen Zufall alle Worte darin mit Ausnahme von „get“ im Deutschen denselben Klang und dieselbe Bedeutung haben wie im Englischen; aber wie er es fertig brachte, Mr. X.‘ nächste Bemerkung zu verstehen, das war mir ein Rätsel. Ich werde sie gleich anführen. X. wandte sich für einen Moment ab, und ich fragte den Schiffer, ob er nicht ein Brett auftreiben und damit eine zusätzliche Sitzgelegenheit schaffen könne. Ich sagte das im reinsten Deutsch, aber so wie es wirkte, hätte ich es genauso gut im reinsten Indianerkauderwelsch sagen können. Der Mann gab sein Bestes, mich zu verstehen; er versuchte es und versuchte es immer wieder, immer angestrengter, bis ich einsah, dass es wirklich keinen Zweck hatte, und sagte: „Bemühen Sie sich nicht weiter – es ist nicht so wichtig.“

Da wandte X. sich an ihn und sagte frisch: „Machen Sie a flat board.“

Mein Grabstein soll die Wahrheit über mich sagen, wenn der Mann nicht sofort antwortete und sagte, er wolle gehen und sich ein Brett borgen, sobald er die Pfeife angezündet habe, die er sich gerade stopfte.

Aber wir änderten schließlich unsere Absichten und brauchten das Boot nicht. Ich habe Mr. X.‘ beide Bemerkungen genauso wiedergegeben, wie er sie machte. Vier von fünf Worten in der ersten waren Englisch, und dass sie auch Deutsch waren, war nur Zufall, keine Absicht; drei der fünf Worte in der zweien Bemerkung waren Englisch und nur Englisch, und die beiden deutschen bedeuteten in diesem Zusammenhang nichts Besonderes.

X. sprach mit den Deutschen immer Englisch, aber seine Methode war, in dem Satz das falsche Ende vorzuziehen und das Ganze auf den Kopf zu stellen, wie es dem deutschen Satzbau entsprach, und hier und da ein deutsches Wort ohne jede wesentliche Bedeutung einzustreuen, nur so zur Würze. Und doch machte er sich immer verständlich. Er konnte manchmal diese Dialekt sprechenden Flößer dazu bringen, ihn zu verstehen, wenn sogar der junge Z. an ihnen scheiterte; und Z. war ein ziemlich guter Germanist. Aber X. sprach immer mit solcher Selbstsicherheit – vielleicht war es das, was ihm half. Und vielleicht war der Dialekt der Flößer das, was man Plattdeutsch nennt, und so klang sein Englisch vertrauter in ihren Ohren als das Deutsch eines anderen. Ziemlich mittelmäßige Deutschschüler können Fritz Reuters bezaubernde plattdeutsche Erzählungen ziemlich leicht lesen, weil viele Worte darin englisch sind. Ich nehme an, das ist die Sprache, die unsere sächsischen Vorfahren mit nach England gebracht haben. Bei Gelegenheit werde ich mal einen anderen Philologen fragen.

Mittlerweile hatte sich herumgesprochen, dass die Männer, die das Floß abdichten sollten, herausgefunden hatten, dass das Leck überhaupt kein Leck war, sondern nur ein Spalt zwischen den Stämmen war – ein Spalt, der da hingehörte und nicht gefährlich war, sich aber durch die wirre Phantasie des Maats zu einem Leck vergrößert hatte. Deshalb gingen wir voller Zuversicht wieder an Bord und stachen bald ohne Zwischenfälle in See. Als wir sanft zwischen den entzückenden Ufern dahinglitten, fingen wir an, uns über Sitten und Gebräuche in Deutschland und anderswo auszutauschen.

Es gibt eine deutsche Sitte, die allgegenwärtig ist – sich höflich vor Fremden zu verbeugen, wenn man sich an den Tisch setzt oder von ihm aufsteht. Wenn ein Fremder diese Verbeugung zum erstenmal erlebt, bringt sie ihn so aus der Fassung, dass er in seiner Verwirrung leicht über einen Stuhl oder sonst etwas fällt, aber trotzdem bereitet sie ihm Freude. Man lernt schnell, diese Verbeugung vorauszusehen und aufzupassen und zur Erwiderung bereit zu sein; aber für einen schüchternen Menschen ist es eine schwierige Sache zu lernen, den Tanz zu eröffnen und selbst die erste Verbeugung zu machen. Man denkt: Wenn ich nun aufstehe, um zu gehen, und meine Verbeugung anbringe, und diese Damen und Herren es sich in den Kopf gesetzt haben, ihren Volksrauch zu ignorieren und sie nicht erwidern, wie werde ich mich dann fühlen, falls ich es überlebe und überhaupt noch etwas fühlen kann? Deswegen traut man sich nicht. Man bleibt bis zum Ende der Mahlzeit sitzen und lässt die Fremden zuerst aufstehen und mit dem Verbeugen anfangen. Das Essen an einer Table d’hôte ist eine langweilige Angelegenheit für einen Menschen, der nach den ersten drei Gängen kaum noch etwas anrührt; deshalb habe ich wegen meiner Hemmungen manche ziemlich öde Warterei durchgemacht. Ich brauchte Monate, um mich zu übezeugen, dass diese Hemmungen unbegründet waren, aber schließlich verschaffte ich mir Gewissheit durch sorgfältige Experimente mit meinem Agenten. Ich ließ Harris aufstehen, sich verbeugen und gehen; stets wurde seine Verbeugung erwidert, dann stand auch ich auf, verbeugte mich und zog mich zurück. So schritt meine Erziehung leicht und bequem voran – für mich, aber nicht für Harris. Drei Gänge eines Table d’hôte-Essens waren genug für mich, aber Harris bevorzugte dreizehn.

Aber sogar nachdem ich volles Selbstvertrauen erworben hatte und nicht länger der Hilfe eines Agenten bedurfte, geriet ich manchmal noch in Schwierigkeiten. Einmal verpasste ich in Baden-Baden fast den Zug, weil ich nicht sicher war, ob die drei jungen Damen mir gegenüber am Tisch Deutsche waren, da ich sie nicht hatte reden hören; sie hätten Amerikanerinnen sein können oder Engländerinnen, es war nicht sicher, eine Verbeugung zu wagen; aber gerade als ich in Gedanken so weit gekommen war, setzte eine von ihnen zu meiner großen Erleichterung und Dankbarkeit zu einer deutschen Bemerkung an; und bevor sie das dritte Wort heraus hatte, waren unsere Verbeugungen gemacht und gnädig erwidert worden, und wir waren weg.

Im deutschen Charakter gibt es einen freundlichen Zug, der sehr gewinnend ist. Als Harris und ich eine Wanderung durch den Schwarzwald machten, kehrten wir eines Tages in einem Landgasthaus zum Essen ein. Zwei junge Damen und ein junger Mann traten ein und setzten sich uns gegenüber. Sie waren auch Wanderer. Wir trugen unsere Rucksäcke auf dem Rücken, aber sie hatten einen kräftigen jungen Burschen bei sich, der ihre für sie trug. Alle waren hungrig, deshalb wurde nicht gesprochen. Nach und nach wurden die üblichen Verbeugungen ausgetauscht, und wir trennten uns.

Als wir am nächsten Morgen im Hotel in Allerheiligen spät beim Frühstück saßen, kamen diese jungen Leute herein und nahmen in unserer Nähe Platz, ohne uns zu bemerken; aber bald sahen sie uns und verbeugten sich sofort und lächelten; nicht förmlich, sondern mit dem erfreuten Aussehen von Leuten, die Bekannte gefunden hatten, wo sie Fremde erwarteten. Dann sprachen sie über das Wetter und von den Wegen. Wir sprachen auch über das Wetter und von den Wegen. Darauf sagten sie, sie hätten trotz des Wetters eine angenehme Wanderung gehabt. Wir sagten, das sei auch bei uns der Fall gewesen. Dann erzählten sie, sie wären am Tag zuvor dreißig englische Meilen gewandert, und fragten, wie viele wir gewandert wären. Ich konnte nicht lügen, deshalb wies ich Harris an, es zu tun. Harris sagten ihnen, wir hätten ebenfalls dreißig englische Meilen gemacht. Das war wahr, wir hatten sie gemacht, wenn auch mit etwas Unterstützung hier und da.

Nach dem Frühstück trafen sie uns dabei an, wie wir versuchten, aus dem dummen Hotelsekretär ein paar Informationen über Wanderwege herauszuholen, und als sie bemerkten, dass wir nicht gerade gut damit vorankamen, gingen sie und holten ihre Karten und Sachen und zeigten und beschrieben uns den Weg so klar, dass sogar ein New Yorker Detektiv ihn gefunden hätte. Und als wir aufbrachen, sagten sie uns herzlich Lebewohl und wünschten uns eine gute Reise. Vielleicht waren sie zu uns aufmerksamer als sie es zu einheimischen Wanderern gewesen wären, weil wir ein verlassenes Häuflein in einem fremden Land waren. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es reizend war, so behandelt zu werden.

Gut und schön, eines Abends führte ich eine junge amerikanische Dame in Baden-Baden auf einen vornehmen Ball, und oben an der Eingangstür wurden wir von einem Festordner angehalten – irgend etwas an Miss Jones‘ Kleidung entsprach nicht der Etikette; ich weiß heute nicht mehr, was es war; irgend etwas fehlte – ihr Haarknoten oder ein Schal oder ein Fächer oder eine Schaufel, oder sonstwas. Der Festordner war sehr höflich und bedauerte unendlich, aber die Vorschrift sei streng, und er könne uns nicht hinein lassen. Es war sehr peinlich, denn viele waren auf auf uns gerichtet. Aber da kam ein prächtig gekleidetes Mädchen aus dem Ballsaal, erkundigte sich nach dem Grund der Aufregung und sagte, sie könne das im Nu in Ordnung bringen. Sie nahm Miss Jones mit in die Garderobe und brachte sie bald in korrekter Aufmachung zurück, und dann betraten wir zusammen mit dieser Wohltäterin unbehelligt den Ballsaal.

Nachdem wir nun in Sicherheit waren, begann ich, mich durch meine aufrichtigen, aber grammatikalisch falschen Danksagungen hindurch zu stammeln, als wir uns plötzlich gegenseitig wiedererkannten – die Wohltäterin und ich waren uns schon in Allerheilgen begegnet. Die zwei Wochen hatten ihr gütiges Gesicht nicht verändert, und offensichtlich saß ihr Herz immer noch auf dem rechten Fleck, aber es bestand ein solcher Unterschied zwischen diesen Kleidern und denen, in denen ich sie zuvor gesehen hatte, als sie dreißig Meilen am Tag durch den Schwarzwald wanderte, so dass es ganz natürlich war, dass ich sie nicht früher erkannt hatte. Ich hatte ebenfalls meinen anderen Aufzug an, aber mein Deutsch hätte mich sowieso jedem verraten, der es schon einmal gehört hatte. Sie holte ihren Bruder und ihre Schwester herbei, und sie bereiteten uns einen sehr angenehmen Abend.

Nun – Monate später fuhr ich eines Tages in einer Droschke durch die Straßen Münchens mit einer deutschen Dame, als sie sagte: „Da, sehen Sie, das ist Prinz Ludwig und seine Frau, die dort entlang gehen.“

Jedermann verbeugte sich vor ihnen – Droschkenkutscher, kleine Kinder und alle anderen –, und sie erwiderten alle Verbeugungen und übersahen niemanden, als eine junge Dame auf sie zu trat und einen tiefen Hofknicks machte.

„Wahrscheinlich eine der Hofdamen,“ sagte meine deutsche Freundin.

Ich sagte: „Dann gereicht sie dem Hof zur Ehre. Ich kenne sie. Ich weiß nicht ihren Namen, aber ich kenne sie. Ich habe sie in Allerheiligen und in Baden-Baden kennengelernt. Sie sollte eine Kaiserin sein, aber vielleicht ist sie nur eine Herzogin; so geht es eben zu in der Welt.“

Wenn man einem Deutschen eine höfliche Frage stellt, wird man mit ziemlicher Sicherheit eine höfliche Antwort bekommen. Wenn Sie einen Deutschen auf der Straße anhalten und ihn bitten, Ihnen den Weg zu einem bestimmten Ort zu beschreiben, wird er kein Anzeichen von Belästigung zeigen. Wenn der Ort schwierig zu finden sein sollte, wette ich zehn zu eins, dass der Mann alles stehen und liegen lässt und mit Ihnen geht und Ihnen den Ort zeigt. Auch in London sind viele Male Fremde mit mir mehrere Häuserblocks weit gegangen, um mir den Weg zu zeigen.

Es ist etwas sehr Echtes in dieser Höflichkeit. Ziemlich oft haben mir in Deutschland Ladenbesitzer, die den gewünschten Artikel nicht hatten, einen ihrer Angestellten mitgegeben, um mir ein Geschäft zu zeigen, wo ich ihn bekommen konnte.

*

Aber ich komme vom Floß ab. Wir erreichten den Hafen von Neckarsteinach zur rechten Zeit und gingen ins Hotel und bestellten einen Forellenessen, das fertig sein sollte, bis wir von einem zweistündigen Ausflug zu Fuß zum Örtchen und der Burg Dilsberg zurückkommen würden, die auf der anderen Seite des Flusses eine Meile entfernt liegen. Ich meine damit nicht, dass wir in zwei Stunden nur zwei Meilen machen wollten – nein, wir beabsichtigten, die meiste Zeit davon für eine Besichtigung von Dilsberg zu verwenden.

Denn Dilsberg ist ein wunderlicher Ort. Und es ist auch äußerst wunderlich und malerisch gelegen. Stellen Sie sich den schönen Fluss direkt vor Ihnen vor; dann einige paar Dutzend Meter von leuchtend grünen Wiesen auf dem gegenüberliegenden Ufer; dann ein schroffer Berg – keine vorbereitenden sanft ansteigenden Hänge, sondern einer Art von unvermitteltem Berg – ein Berg zweihundertfünzig oder dreihundert Fuß hoch, rund wie eine Schüssel mit derselben Verjüngung nach oben wie eine umgestürzte Schüssel und ungefähr mit demselben Verhältnis von Höhe und Durchmesser, der eine Schüssel von guter ehrlicher Tiefe auszeichnet – ein Berg, der dick bedeckt ist mit grünem Buschwerk – ein anmutiger, wohlgeformter Berg, der übergangslos aus den umliegenden grünen Ebenen aufsteigt, von weitem von den Flußbiegungen her sichtbar ist und auf seiner Kuppe gerade genug Platz hat für seine aus Türmen, Spitzen und gedrängten Dächern bestehend Kappe aus Gebäuden, die in den vollkommen runden Ring der alten Stadtmauer hineingezwängt und gedrängt sind.

Auf dem ganzen Hügel gibt es außerhalb der Mauer kein Haus oder irgendeine Spur von einem ehemaligen Haus; alle Häuser befinden sich innerhalb der Mauer, aber es gibt keinen Platz für weitere. Es ist ein richtig fertiges Städtchen, und es ist vor sehr langer Zeit fertiggestellt worden. Zwischen der Mauer und dem ersten Ring der Gebäude gibt es keinen Zwischenraum, die Stadtmauer ist vielmehr selbst die Rückwand des ersten Häuserrings, und die Dächer ragen ein wenig über die Mauer und geben ihr so einen Dachvorsprung. Die gleichförmige Reihe der zusammengedrängten Dächer wird anmutig unterbrochen und aufgelockert durch die beherrschenden Türme der Burgruine und die schlanken Spitzen eines Paares von Kirchen. Deshalb hat Dilsberg aus der Ferne betrachtet mehr das Aussehen einer Königskrone als das einer Kappe. Diese hohe grüne Erhebung und ihr wunderliches Diadem geben im Glanz der Abendsonne ein ziemlich eindrucksvolles Bild ab.

Wir setzten mit einem Boot über und begannen den Aufstieg auf einem schmalen, steilen Pfad, der uns sogleich in die laubreichen Tiefen des Buschwerks führte. Aber es waren keineswegs kühle Tiefen, denn die Sonne brannte heiß vom Himmel und es gab wenig oder gar keine Luftbewegung, um die Hitze zu mildern. Während wir den steilen Anstieg hinaufkeuchten, begegneten wir immer wieder braunen, barhäuptigen und barfüßigen Jungen und Mädchen und manchmal auch Männern; sie kamen uns ohne Vorankündigung entgegen, wünschten uns einen guten Tag und waren zwischen den Büschen blitzartig wieder außer Sicht und so plötzlich und geheimnisvoll wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Sie waren unterwegs zur Arbeit auf der anderen Seite des Flusses. Dieser Pfad ist von vielen Generationen dieser Leute benutzt worden. Sie sind schon immer hinunter ins Tal gegangen, um ihr Brot zu verdienen, aber sie sind dann auch immer wieder auf ihren Berg hinaufgestiegen, um es dort zu verzehren und in ihrem gemütlichen Städtchen zu schlafen.

Man sagt, dass von den Dilsbergern nicht viele auswandern; sie finden, dass das Leben in ihrem friedlichen Nest dort oben über der Welt angenehmer ist als unten im unruhigen Getriebe. Die siebenhundert Einwohner sind alle miteinander verwandt; sie sind seit fünfzehnhundert Jahren schon immer miteinander verwandt gewesen; sie sind einfach eine große Familie und mögen ihre Nachbarn mehr als Fremde und bleiben deshalb beharrlich zu Hause. Lange Zeit soll Dilsberg nur eine ergiebige und fleißige Idiotenfabrik gewesen sein. Ich habe dort keine Idioten gesehen, aber der Käptn sagte „Weil die Regierung in den letzten Jahren dazu übergegangen ist, die Idioten in Heilanstalten und anderswohin zu schaffen; und die Regierung will die Fabrik stilllegen und versucht, die Dilsberger dazu zu bringen, sich außerhalb der Familie zu verheiraten, aber sie mögen es einfach nicht.“

Vielleicht hat sich der Käptn das alles auch nur eingebildet, denn die moderne Wissenschaft bestreitet, dass die Heirat zwischen Verwandten sich negativ auf die Nachkommenschaft auswirkt.

In den Mauern angekommen, fanden wir die die üblichen dörflichen Anblicke und das übliche Dorfleben vor. Wir gingen eine enge gebogene Gasse entlang, die mit einem mittelalterlichen Pflaster bedeckt war. Ein strammes, rosiges Mädchen schlug einem kleinen schuhschachtelgroßen Schuppen Flachs oder irgend so Zeug, und sie schwang ihren Dreschflegel mit Feuereifer – wenn es ein Dreschflegel war; ich war nicht Landmann genug, um zu wissen, was sie da genau tat. Ein schlampiges Mädchen mit nackten Beinen hütete ein halbes Dutzend Gänse mit einem Stecken und trieb sie die Gasse entlang und hielt sie aus den Wohnungen heraus; ein Küfer war bei der Arbeit in seiner Werkstatt, in der er sicher nicht so etwas Großes wie ein Fass machte, denn es gab keinen Platz dafür. In der Vorderzimmern der Häuser kochten oder spannen Mädchen und Frauen, und Enten und Hühner watschelten über die Schwelle ein und aus und pickten heruntergefallene Krumen auf und unterhielten sich angeregt; ein sehr alter runzliger Mann saß schlafend vor seinem Haus, das Kinn auf der Brust und seine ausgegangene Pfeife auf dem Schoß. Schmutzige Kinder spielten überall auf der Gasse im Straßendreck und kümmerten sich nicht um die Sonne.

Mit Ausnahme des schlafenden alten Mannes waren alle an der Arbeit, aber trotzdem war der Ort sehr still und friedlich; so still, dass das Gackern einer erfolgreichen Henne hart das Ohr traf und nur wenig von anderen Geräuschen gedämpft wurde. Der vertrauteste Anblick in einem Dorf fehlte hier – der öffentliche Brunnen mit seinem großen Steinbecken oder -trog voll klaren Wassers und seiner unvermeidlichen Gruppe von tratschenden Wasserholern; denn auf diesem hohen Berg gibt es keine Quelle oder Brunnen; es werden Regenwasserzisternen benutzt.

Unsere Alpenstöcke und Musselinschals erregten Aufsehen, und als wir durch das Städtchen spazierten sammelten wir eine beträchtliche Prozession von kleinen Jungen und Mädchen hinter uns an, und so zogen wir mit einigem Pomp zur Burg. Sie erwies sich als ausgedehnte Ansammlung von verfallenen Mauern, Gewölben und Türmen, massiv, hübsch zu einer malerischen Ansicht gruppiert, von Unkraut überwuchert, grasbewachsen und durchaus zufriedenstellend. Die Kinder betätigten sich als Fremdenführer; die führten uns auf die Kronen der höchsten Mauern, dann in einen hohen Turm und zeigten uns eine weite, schöne Landschaft, die aus welligen Fernen von bewaldeten Höhenzügen bestand und in der Nähe aus wogenden Flächen von grünem Tiefland auf der einen Seite und mit Burgen geschmückte Klippen und Kämme auf der anderen und mittendrin die glänzenden Schleifen des Neckars. Aber die wichtigste Attraktion und der größte Stolz der Kinder war ein alter leerer Brunnen im grasbewachsenen Hof der Burg. Sein massiver Steinrand ragte drei oder vier Fuß aus dem Boden und ist heil und unversehrt. Die Kinder erzählten, im Mittelalter sei dieser Brunnen vierhundert Fuß tief gewesen und habe in Krieg und Frieden das ganze Städtchen reichlich mit Wasser versorgt. Sie sagten, in den alten Tagen, sei sein Grund unter dem Neckarsspiegel gelegen, und deshalb sei sein Wasservorrat unerschöpflich gewesen.

Aber einige meinten, dass er überhaupt nie einen Brunnen gewesen sei und niemals tiefer als jetzt – achtzig Fuß; und dass in dieser Tiefe ein unterirdischer Gang abzweige und allmählich hinunterführe zu einem entlegenen Ort im Tal, wo er in irgendeinem Keller oder anderen verborgenen Schlupfwinkel münde und dass das Geheimnis dieses Ortes nun vergessen sei. Diejenigen, die daran glauben, sagen, das wäre auch die Erklärung dafür, dass Dilsberg, das von Tilly und von vielen Kriegern zuvor belagert worden war, niemals eingenommen worden ist: Auch nach den längsten und härtesten Belagerungen waren die Belagerer erstaunt zu sehen, dass die Belagerten so wohlgenährt und munter waren wie wie nur je und wohl versorgt mit Kriegsmaterial – also müsse es so gewesen sein, dass die Dilsberger die ganze Zeit diese Dinge durch einen unterirdischen Gang herangeschafft hätten.

Die Kinder sagten, dass da unten wirklich ein unterirdischer Ausgang sein müsse, und sie wollten es beweisen. Sie zündeten also einen großen Strohwisch an und warfen ihn in den Brunnen, während wir über den Brunnenrand lehnten und das glühende Bündel hinunterfallen sahen. Es traf auf dem Boden auf und brannte allmählich aus. Es kam kein Rauch heauf. Die Kinder klatschten in die Hände und sagten: „Da sehen Sie’s! Nichts macht so viel Rauch wie brennendes Stroh – und wo ist der Rauch hingegangen, wenn es da nicht einen unterirdischen Ausgang gibt?“

Es schien also ziemlich offensichtlich, dass der unterirdische Ausgang tatsächlich existierte. Aber das Schönste in den Mauern der Ruine war eine prächtige Linde, von der die Kinder behaupteten, dass sie vierhundert Jahre alt sei, was sie zweifellos auch war. Sie hatte einen mächtigen Stamm und eine mächtige Krone. Die Äste nahe des Bodens hatten fast den Umfang eines Fasses.

Dieser Baum die Angriffe von gepanzerten Männern miterlebt – wie fern jene Zeit scheint, und wie unbegreiflich die Tatsache ist, dass wirkliche Männer jemals in wirklichen Rüstungen gekämpft haben! –, und er hatte die Zeiten gesehen, als diese zerbrochenen Fensterbogen und verfallene Zinnen noch eine schmucke, starke und stattliche Festung bildeten, die ihre bunten Banner im Sonnenschein wehen ließ und von prallem Leben erfüllt war – wie unglaublich lange scheint das her zu sein! –, und da steht er immer noch, und vielleicht wird er immer noch da stehen und sich sonnen und seinen geschichtlichen Träumen nachhängen, wenn sich die heutige Zeit zu den Tagen versammelt haben wird, die die „alte Zeit“ genannt werden.

Wir setzten uns unter den Baum, um zu rauchen, und der Käptn entledigte sich mal wieder einer Legende:

Die Legende von der Burg Dilsberg

Sie geht etwa so: In alter Zeit war einmal eine große Gesellschaft auf der Burg versammelt, und die Festfreude schlug hohe Wellen. Natürlich gab es auch ein Spukzimmer in der Burg, und eines Tages kam das Gespräch darauf. Man sagte, dass wer immer darin schliefe, fünfzig Jahre lang nicht wieder aufwachen würde. Als nun einer junger Ritter namens Konrad von Geisberg das hörte, sagte er, wenn die Burg ihm gehören würde, würde er jenes Zimmer zerstören, damit kein Tor die Möglichkeit hätte, ein so furchtbares Unglück über sich zu bringen und die, die ihn liebten, durch Erinnerung daran zu quälen. Auf der Stelle steckte die Gesellschaft heimlich die Köpfe zusammen, um einen Plan auszuhecken, wie man diesen abergläubischen jungen Mann dazu bringen könnte, in jener Kammer zu schlafen.

Und es gelang ihnen folgendermaßen: Sie überredeten seine Verlobte, ein liebliches, mutwilliges junges Geschöpf, die Nichte des Burgherrn, ihnen bei ihrer Verschwörung zu helfen. Sie nahm ihn sogleich beiseite und redete mit ihm. Sie bot ihre ganze Überzeugungskraft auf, aber sie konnte ihn nicht bewegen; er sagte, er glaube fest daran, Überzeugung, dass er fünfzig Jahre lang nicht wieder erwachen würde, wenn er dort schliefe, und dass es ihn schaudere, daran zu denken. Katharina fing an zu weinen. Und das war ein besseres Argument; dagegen konnte Konrad nicht an. Er gab nach und sagte, sie solle ihren Willen haben, wenn sie nur wieder lächelte und froh sein würde. Sie schlang die Arme um seinen Hals, und die Küsse, die sie ihm gab, zeigten, dass ihre Dankbarkeit und ihre Freude sehr echt waren. Dann eilte sie, um der Gesellschaft von ihrem Erfolg zu berichten, und der Beifall, den sie erhielt, machte sie froh und stolz darüber, dass sie den Auftrag ausgeführt hatte, denn nur sie allein hatte erreicht, was allen anderen misslungen war.

An jenem Abend wurde Conrad nach dem üblichen Festschmaus um Mitternacht in das Spukzimmer gebracht und allein gelassen. Allmählich schlief er ein.

Als er erwachte und sich umblickte, stand sein Herz still vor Schreck! Die Kammer sah ganz anders aus. Die Wände waren moderig und hingen voll alter Spinnweben bedeckt; die Vorhänge und das Bettzeug waren verrottet; die Möbel waren wacklig geworden und drohte auseinander zu fallen. Er sprang aus dem Bett, aber seine zitternden Knie gaben unter ihm nach und er fiel zu Boden.

„Das ist die Altersschwäche,“ sagte er zu sich.

Er erhob sich und suchte nach seinen Kleidern. Aber sie waren keine Kleidung mehr. Die Farben waren verblichen und die Gewänder rissen an vielen Stellen ein, als er sie anzog. Schaudernd floh er in den Gang hinaus und weiter bis zum großen Saal. Hier begegnete er einem Fremden in mittleren Jahren mit freundlichem Antlitz, der stehenblieb und ihn überrascht ansah. Konrad sagte: „Guter Herr, möchtet Ihr bitte den Herrn Ulrich herschicken?“

Der Fremde schaute für einen Moment verwirrt drein und sagte dann: „Den Herrn Ulrich?“

„Ja – wenn Sie so gut sein wollen.“

Der Fremde rief „Wilhelm!“

Ein junger Diener erschien, und der Fremde sagte zu ihm: „Befindet sich unter den Gästen ein Herrn Ulrich?“

„Ich kenne niemand dieses Namens, wenn es beliebt, Euer Gnaden.“

Konrad sagte zögernd: „Ich meinte nicht einen Gast, sondern den Burgherrn, mein Herr.“

Der Fremde und der Diener wechselten verwunderte Blicke. Dann sagte ersterer: „ Der Burgherr bin ich.“

„Seit wann, mein Herr?“

„Seit dem Tod meines Vaters, des guten Herrn Ulrich vor mehr als vierzig Jahren.“

Konrad sank auf eine Bank und verbarg sein Gesicht in den Händen, wiegte sich hin und her und stöhnte. Der Fremde sagte leise zum Diener: „Ich fürchte, dieses arme alte Wesen ist verrückt. Rufe er jemanden.“

Sogleich kamen mehrere Leute und stellten sich flüsternd ringsherum auf. Konrad blickte auf und prüfte sehnsuchtsvoll die Gesichter um sich her. Dann schüttelte er den Kopf und sagte mit bekümmerter Stimme: „Nein, ich kenne niemanden von euch. Ich bin alt und einsam in der Welt. Alle, die mich liebten sind tot und seit vielen Jahren dahin. Aber sicher können mir einige von den Alten, die ich hier um mich sehe, etwas über sie sagen.“

Einige gebeugte und zitternde Männer und Frauen kamen näher und beantworteten seine Fragen über jeden früheren Freund, dessen Namen er erwähnte. Dieser sei seit zehn Jahren tot, sagten sie, jener seit zwanzig, ein anderer dreißig. Jeder neue Schlag traf ihn schwerer und schwerer.

Schließlich sagte der Gequälte: „Es gibt da noch jemanden, aber ich habe nicht den Mut zu – oh, meine verlorene Katharina!“

Eine der alten Damen sagte: „Ah, ich kannte sie gut, die arme Seele. Ein Unglück ereilte ihren Liebsten, und aus Kummer starb sie vor fast fünfzig Jahren. Sie liegt unter der Linde draußen im Hof.“

Konrad senkte den Kopf und sagte: „Ach, warum bin ich nur wieder aufgewacht! Sie starb also aus Trauer um mich, das arme Kind. So jung, so süß, so gut! Niemals in dem kurzen Sommer ihres Lebens hat sie jemanden absichtlich etwas Böses getan. Ihre Liebesschuld soll beglichen werden – denn ich will aus Trauer um sie sterben.“

Sein Kopf fiel auf die Brust. Im selben Moment brach ein wildes, ausgelassenes Gelächter aus, ein Paar runde junge Arme schlangen sich um Konrads Hals, und eine süße Stimme rief: „Ach mein lieber Konrad, deine lieben Worte bringen mich um – die Posse soll ein Ende haben! Kopf hoch und lache mit – es war doch alles nur ein Scherz!“

Und er blickte auf und starrte sie in betäubt vor Verwunderung an – denn die Verkleidungen wurden abgeworfen, und die alten Männer und Frauen waren plötzlich wieder fröhlich und jung und ausgelassen.

Und Katharinas fröhliches Mundwerk lief weiter: „Es war ein wunderbarer Scherz und großartig ausgeführt. Sie gaben dir einen schweren Schlaftrunk, bevor du zu Bett gingst, und in der Nacht trugen sie dich dann in ein verfallenes Zimmer, wo alles vom Alter verwittert war und legten diese zerlumpten Kleider neben dich. Und als du ausgeschlafen hattest und aufstandest, waren zwei wohl instruierte Fremde zur Stelle, um dich zu empfangen; und wir alle, deine Freunde in ihren Verkleidungen waren in der Nähe, um zuzusehen und zuzuhören. Ach, es war wirklich ein prächtiger Spaß! Und jetzt komm und mach die fertig für die Freuden des Tages. Wie echt war doch deine Not für den Augenblick, du armer Kerl! Und jetzt Kopf hoch und lache wieder!“

Er blickte auf, forschte abwesend in den fröhlichen Gesichtern um sich herum, seufzte dann und sagte: „Ich bin müde, gute Fremde. Ich bitte euch, führt mich zu ihrem Grab.“

Das Lächeln verschwand aus den Gesichtern, alle erbleichten, Katharina sank ohnmächtig zu Boden.

Den ganzen Tag über liefen die Leute in der Burg mit besorgten Mienen umher und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Eine schmerzliche Stille lag über dem Ort, der zuvor noch so voll ausgelassenen Lebens gewesen war. Jeder versuchte auf seine Art, Konrad seinem Wahn zu entreißen und ihn wieder zu sich zu bringen; aber alles, was sie zur Antwort bekamen, war ein sanfmütiger, verwirrter starrer Blick und die Worte: „Guter Fremder, ich habe keine Freunde mehr, alle sind vor vielen Jahren dahingegangen; Ihr sprecht freundlich zu mir, Ihr meint es gut, aber ich kenne Euch nicht; ich bin allein und verlassen auf der Welt – bitte führt mich zu ihrem Grab.“

Zwei Jahre lang verbrachte Konrad seine Tage von früh bis spät unter der Linde und trauerte über dem eingebildeten Grab seiner Katharina. Und Katharina war die einzige Gesellschaft dieses harmlosen Irren. Er war sehr freundlich zu ihr, weil sie ihn, wie er sagte, irgendwie an seine Katharina erinnerte, die er vor „fünfzig Jahren“ verloren habe. Oft sagte er: „Sie war immer so vergnügt, so herzensfroh – aber Ihr lächelt niemals; und immer wenn Ihr glaubt, ich sehe es nicht, weint Ihr.“

Als Konrad starb, begruben sie ihn unter der Linde, wie er es angeordnet hatte, damit er neben seiner armen Katharina ruhen konnte.“ Dann saß Katharina alleine unter der Linde, jeden Tag und den ganzen Tag lang, viele Jahre und sprach mit niemandem und lächelte niemals.; und schließlich wurde ihre lange Reue mit dem Tod belohnt, und sie wurde an Konrads Seite begraben.

*

Harris erfreute den Käptn, indem er sagte, dass es eine gute Legende wäre; und er erfreute ihn noch mehr, als er hinzufügte: „Nun da ich diesen mächtigen Baum gesehen habe, wie er auch nach vierhundert Jahren noch kräftig da steht, spüre ich das Verlangen, die Legende um seinetwillen zu glauben; und deshalb will ich dem Verlangen nachgeben und glauben, dass der Baum wirklich über diese armen Herzen wacht und eine Art von menschlicher Zärtlichkeit für sie empfindet.“

Wir kehrten nach Neckarsteinach zurück, tauchten unsere heißen Köpfe in den Trog des Stadtbrunnens und gingen dann ins Hotel und aßen im Garten in aller Behaglichkeit unsere Forellen. Der Neckar floss zu unseren Füßen, gegenüber ragte der wunderliche Dilsberg auf, und die anmutigen Türme und Zinnen eines Paares mittelalterlicher Burgen (die „Schwalbennest“ und „die Brüder“ genannt werden) betonten das schroffe Landschaftsbild an einer Flussbiegung zu unserer Rechten. Wir stachen rechtzeitig wieder in See, um die acht Meilen lange Strecke bis Heidelberg noch vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen. In der milden Glut des Sonnenuntergangs fuhren wir unterhalb des Hotels vorbei und rauschten mit der reißenden Strömung in die enge Durchfahrt zwischen den Dämmen hinein. Ich glaubte, ich könnte die Durchfahrt durch die Brücke selbst schaffen und ging nach vorne zur Spitze des Floßes und nahm dem Steuermann die Stange und die Verantwortung ab.

Wir sausten in der aufregendsten Weise dahin, und ich versah die heiklen Pflichten meines Amtes für das erste Mal wirklich gut; aber bald begriff ich, dass ich die Brücke selbst treffen würde anstelle des Brückenbogens, und vernünftigerweise begab ich mich an Land. Im nächsten Moment ging mein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, ich sah ein Floß zerschellen. Es traf den Pfeiler in der Mitte, und zersplitterte und zerfetzte wie eine vom Blitz gertroffene Streichholzschachtel.

Ich war der einzige unserer Reisegruppe, der diesen großartigen Anblick erlebte; die anderen posierten gerade für eine lange Reihe junger Damen, die am Ufer promenierten, und deshalb entging er ihnen. Aber ich half dabei, sie unterhalb der Brücke aus dem Fluss zu fischen und beschrieb ihnen die Szene dann so gut ich konnte.

Aber sie waren nicht daran interessiert. Sie sagten, sie wären nass und kämen sich lächerlich vor und machten sich überhaupt nichts aus meiner Beschreibung. Die jungen Damen und andere Leute scharten sich um uns und zeigten viel Mitgefühl, aber das änderte nichts; denn meine Freunde erklärten, sie wünschten kein Mitgefühl, sie wünschten sich nur ein stilles Seitengässchen und Abgeschiedenheit.

 

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