Der Abschied von der alten Welt.

 

Im Herbst 1851 fand die Flüchtlingschaft, besonders die deutsche, einen gesellschaftlichen Sammelplatz im Salon einer geborenen Aristokratin, der Baronin Brüning, geborenen Prinzessin Lieven aus Deutschrußland. Sie war damals wenig über dreißig Jahre alt; nicht gerade schön, aber von offenem, angenehmem, gewinnendem Gesichtsausdruck und anmutigem Wesen, feinen Manieren und anregender Unterhaltungsgabe. Wie sie dazu gekommen war, trotz ihrer hochadligen Herkunft und gesellschaftlichen Stellung in die demokratische Strömung zu geraten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hatten die Nachrichten von den Freiheitskämpfen im westlichen Europa, die über die russische Grenze drangen, ihre Einbildungskraft entflammt, und ihre lebhafte Natur war in unvorsichtigen Äußerungen gegen das despotische Regiment des Kaisers Nikolaus ausgebrochen. Kurz, sie hatte es in Rußland nicht mehr aushalten können, oder war gar genötigt gewesen, ihr Vaterland zu verlassen. Eine Zeitlang hatte sie dann in Deutschland und in der Schweiz gelebt und war mit verschiedenen demokratischen Führern bekannt geworden. Auch mit Frau Kinkel hatte sie korrespondiert und einen Beitrag zu dem Fonds geliefert, welcher bei Kinkels Befreiung zur Verwendung kam. Aber auf dem Kontinent glaubte sie sich überall von russischem Einfluß verfolgt, und wirklich machte die Polizei, in Deutschland wenigstens, sich ihr unbequem. So suchte sie denn zuletzt auf englischem Boden Zuflucht, und, um verwandten Geistern nahe zu bleiben, siedelte sie sich mitten in der deutschen Flüchtlingskolonie in der Vorstadt St. Johns Wood an. Von der Familie Kinkel wurde sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen und schickte sich an, in dem Kinkelschen Hause in ihrer Weise die gesellschaftlichen Honneurs zu machen. Es stellte sich bald heraus, daß dies nicht gehen wollte. Die reiche, in bequemem Wohlleben erzogene Frau konnte nicht verstehen, daß eine auf angestrengte Tätigkeit für ihren Broterwerb angewiesene Familie ihre Zeit sowohl wie ihre Mittel mit strengster Ökonomie zu Rate halten mußte und sich den Luxus eines, wenn auch noch so angenehmen geselligen Verkehrs nur in beschränktem Maße gestatten durfte. Die pflichttreue Arbeitsamkeit des Kinkelschen Ehepaares war daher mit den wohlmeinenden, aber etwas extravaganten Absichten der Frau von Brüning nicht in Einklang zu bringen, und es trat eine leichte Abkühlung des freundschaftlichen Verhältnisses ein. Da nun Frau von Brüning ein ziemlich geräumiges Haus auf St. Johns Wood Terrace mietete und ihren Salon mit großer Gastfreiheit ihren Freunden öffnete, so fand sich dort fast allabendlich ein ansehnlicher Kreis von Flüchtlingen zusammen.

Die Baronin hatte ihren Mann und ihre Kinder bei sich, und die Geselligkeit bewegte sich auf dem Boden eines angenehmen Familienlebens. Der Baron Brüning schien sich allerdings unter den Freunden, die sich in dem Salon sammelten, nicht ganz heimisch zu fühlen. Er war ein vornehm aussehender, ruhiger Mann von feiner Lebensart, der, wenn er auch mit den politischen Grundsätzen, die um ihn her gepredigt wurden, nicht harmonierte, sich das den Gästen des Hauses gegenüber nur sehr wenig merken ließ. Wenn die in seiner Umgebung ausgesprochenen Ansichten gar zu extrem waren, so spielte wohl zuweilen um seine Lippen ein stilles, ironisches Lächeln; und der zuversichtlichen Prophezeiung, daß nun in ganz kurzem alle Throne auf dem europäischen Kontinent umgestürzt und eine Familie von Republiken an die Stelle gesetzt werden würde, begegnete er wohl mit der ruhigen Frage: „Glauben Sie wirklich, daß es so kommen wird?“ Aber immer war er freundlich und gefällig, fehlte im geselligen Kreise nie und hieß jeden willkommen, der seiner Frau willkommen war. Die Besonnenern unter den Gästen und diejenigen, die auch außerhalb der revolutionären Politik geistige Interessen hatten, erkannten es als eine Pflicht des Anstandes, die Freundlichkeit des Barons mit jeder möglichen Aufmerksamkeit zu erwidern, und sie fanden in ihm einen wohlmeinenden, gut unterrichteten Mann, der viel gelesen und sich über manche Dinge klare Meinungen gebildet hatte. So entstanden zwischen ihm und einigen seiner Gäste, zu denen auch ich gehörte, Beziehungen von einer gewissen Vertraulichkeit; und wenn er über seine häuslichen Verhältnisse sprach, so empfing man den Eindruck, daß er den demokratischen Enthusiasmus seiner Frau mit all seinen Folgen als ein Schicksal ansah, dem man sich eben unterwerfen müsse. Die Ursache der Fügsamkeit des Barons in die Exzentrizitäten seiner Frau wurde von einigen unter uns in dem vermuteten Umstande gesucht, daß das Vermögen der Familie von ihrer Seite gekommen sei; aber es ist eben so wahrscheinlich, daß es die gewöhnliche Hülflosigkeit des schwächern Willens dem stärkern gegenüber war, und daß der Baron sich von seiner Frau von Ort zu Ort und in unerwünschten Gesellschaftskreisen umherwirbeln ließ, weil er eben unter seinen sonst vortrefflichen Eigenschaften nicht Widerstandskraft genug besaß. Übrigens sprachen die Eheleute voneinander mit der größten, durchaus unaffektierten Achtung und Wärme, und der Baron ließ sich mit großer Sorge und umsichtiger Tätigkeit die Erziehung der Kinder angelegen sein.

Die Baronin ging nun ganz in ihrem Verkehr mit der Flüchtlingschaft auf. Sie war keineswegs eine Frau von großen Geistesgaben. Ihr Wissen war oberflächlich, und ihr Denken nicht tief. Sie besaß eben nur die „Bildung der guten Gesellschaft“, aber dabei wahre Herzensgüte in der liebenswürdigsten Form. Wie das häufig bei Frauen der Fall ist, deren Ansichten und Meinungen viel mehr aus den Erregungen des Gemüts, als aus klarer Beobachtung der Dinge und dem Räsonnement des Verstandes entstanden sind, so wandte sich ihre Begeisterung und Sympathie mehr den Personen als den Grundsätzen, Bestrebungen und Zielen zu. Man wirft Frauen ihres Schlages gern Gefallsucht vor, und es mag auch wirklich der Baronin geschmeichelt haben, der Mittelpunkt eines Kreises zu sein, in dem sich manche geistreiche Männer befanden. Aber ihre enthusiastische Natur war so echt, ihre Sorge, in ihrem Hause dem Verbannten eine Heimat zu bereiten, so unermüdlich, ihr Mitgefühl mit jedem Leiden und jeder Entbehrung so opferwillig, und ihr Charakter bei aller Freiheit des persönlichen Verkehrs so vollkommen fleckenlos und unantastbar, daß man ihr viel größere Eitelkeiten gern verziehen hätte. Für manchen der Flüchtlinge war sie wirklich die gute Fee. Diesem ließ sie auf ihre Kosten aus Deutschland die lang verlobte Braut kommen. Jenem besorgte sie eine anständige Wohnung und machte einen heimlichen Kontrakt mit dem Hausherrn, nach welchem sie einen Teil der Miete bezahlte. Für einen dritten lief sie umher, um ihm Unterrichtsstunden zu verschaffen. Einem vierten, der ein Künstler war, besorgte sie Aufträge. Einem fünften war sie „barmherzige Schwester“ in seiner Krankheit. Mit wachsamer Fürsorge pflegte sie den einen auszuforschen über das, was der andere etwa entbehren möge, und womit sie ihm helfen könne, denn es war ihr immer darum zu tun, daß womöglich die hülfreiche Hand nicht gesehen werde. Ihre opferwillige Freigebigkeit ging so weit, daß sie sich selbst Entbehrungen auferlegte, um mit dem Ersparten andern dienlich zu sein. So hatte sie nur ein Kleid, das nur nach den bescheidensten Begriffen für salonfähig gelten konnte. Es war von violettem Atlas und hatte in früheren Zeiten unzweifelhaft recht stattlich ausgesehen. Aber da sie es beständig trug, so wurden nach und nach sogar Flickstücke darauf sichtbar. Einige Damen in unserem Kreise machten ihr Vorstellungen darüber, und sie antwortete: „Ach ja, es ist wahr. Ich muß wirklich ein neues Kleid haben. Ich war auch schon mehrmals auf dem Wege zu einer Kleidermacherin, aber jedesmal fiel mir etwas Nötigeres ein, und ich bin wieder umgekehrt.“ Und so mußte das alte Kleid den ganzen Winter hindurch Dienst tun. Es konnte nichts Liebenswürdigeres geben als den Eifer, mit dem sie in ihrem Salon den Niedergeschlagenen aufzurichten und den Traurigen Trost und Mut zu geben suchte, und ich sehe sie noch, wie sie mit ihren leuchtenden blauen Augen unter uns saß und von dem großen Umschwung und der guten Zeit sprach, die nun unfehlbar bald kommen und uns triumphierend in die Heimat zurückführen werde. Und dabei war die Gute von einer Herzkrankheit geplagt, die ihr zuweilen schwere Leidenszustände und die Ahnung eines baldigen Todes brachte. Eines Tages, als ich mit ihr spazieren ging, stand sie plötzlich still und hielt sich an mir fest. Der Atem schien ihr zu stocken. Ich blickte sie erschrocken an. Sie hatte die Augen geschlossen, und ein Schmerzensausdruck lag auf ihren Zügen. Endlich schlug sie die Augen wieder auf und sagte: „Haben Sie mein Herz klopfen hören? Ich werde bald sterben. Es kann kein Jahr mehr dauern. Aber sagen Sie es niemand. Es ist mir jetzt nur so herausgefahren.“ Ich suchte ihr diese Befürchtung auszureden, aber umsonst. „Nein,“ sagte sie, „ich weiß es. Es tut ja auch nichts. Sprechen wir nun lieber von etwas anderm.“ Ihr Vorgefühl sollte sich nur zu schnell bewahrheiten.

Der Kreis im Brüningschen Hause zählte einige interessante und tüchtige Menschen, die sich schon früher bewährt hatten oder im spätern Leben sich zu bewähren bestimmt waren. Da war unter andern Löwe, der, kurz nachdem ich ihn in der Schweiz gesehen, den Kontinent verlassen und den sicherern Boden Englands aufgesucht hatte. Da war Malvida von Meysenbug. Da war der schlesische Graf Oskar von Reichenbach, ein Mann von großem Wissen und eine durchaus edle Natur. Leider sahen wir ihn nicht oft. Da war Oppenheim, ein Schriftsteller von viel Geist und umfassenden Kenntnissen. Da war Willich, der Arbeiterführer, und Schimmelpfennig, zwei künftige amerikanische Generale. Da war der gute Strodtmann, der uns nach London gefolgt war.

Zuweilen sahen wir auch Zugvögel von anderer Art. So wurde eines Tages, ich weiß nicht mehr von wem, ein Franzose aus Marseille namens Barthélemy im Brüningschen Salon eingeführt und als eine besondere Merkwürdigkeit bezeichnet. Seine Vergangenheit war in der Tat seltsam genug gewesen. Er hatte schon vor der Revolution von 1848 zu einer geheimen Verschwörungsgesellschaft, der „Marianne“, gehört, hatte, durch das Los bestimmt, einen Polizeiagenten getötet und war dafür zu den Galeeren verurteilt worden. Infolge der Revolution von 1848 wurde er in Freiheit gesetzt, kämpfte dann in dem Pariser Sozialistenaufstande im Juni 1848, der blutigen „Junischlacht“, auf den Barrikaden, worauf es ihm gelang, nach England zu entkommen. Man sagte ihm nach, daß er verschiedene Menschen getötet habe, teils im Zweikampf, teils ohne diese Förmlichkeit. Nun galt er als „Arbeiter“; seine Hauptbeschäftigung war die des handwerksmäßigen Verschwörers. Sein Bild steht mir noch vor Augen, wie er in den Brüningschen Salon eintrat und am Kamin Platz nahm; ein Mann von etlichen dreißig Jahren, untersetzt von Gestalt, das Gesicht von dunkler Blässe mit schwarzem Schnurr- und Knebelbart, die Augen finster glühend von stechendem Feuer. Er sprach mit tiefer, volltönender Stimme, langsam und gemessen mit der dogmatischen Bestimmtheit, die entgegengesetzte Meinungen mit einer Art von mitleidiger Geringschätzung zurückweist. So setzte er uns mit größter Kaltblütigkeit seine Theorie der Revolution auseinander, die einfach darin bestand, daß alle Andersdenkenden ohne viel Federlesens abgeschlachtet werden müßten. Der Mann drückte sich mit großer Klarheit aus wie einer, der über seinen Gegenstand viel und ruhig nachgedacht und auf logischem Wege seine Schlußfolgerungen erreicht hatte. Wir sahen also da einen jener Fanatiker vor uns, wie revolutionäre Kämpfe sie nicht selten hervorbringen; einen Menschen von nicht unbedeutendem Geist, dem das beständige Hinstarren auf einen Punkt jegliches Verständnis der sittlichen Weltordnung verwirrt hat, dem jeder gewöhnliche Begriff des Rechts abhanden gekommen ist, dem jedes Verbrechen als Mittel zu seinem Zweck statthaft, ja als eine tugendhafte Handlung erscheint, der jeden ihm im Wege Stehenden als vogelfrei ansieht, der also jeden totzuschlagen bereit und auch das eigene Leben für seinen nebelhaften Zweck einzusetzen stets willig ist. Solche Fanatiker sind fähig, wie Bestien zu handeln und zuweilen auch selbst wie Helden zu sterben.

Daß es denjenigen, die Barthélemy im Brüningschen Salon zuhörten, dabei unheimlich zumute wurde, war natürlich genug. Barthélemy wurde auch nach diesem ersten Besuch dort nicht mehr gesehen. Wenige Jahre nachher, im Jahre 1855, nahm er ein charakteristisches Ende. Er wohnte beständig in London, zog sich aber mehr und mehr von seinen Freunden zurück, – man sagte, weil er mit einer Frau lebte, der er leidenschaftlich zugetan sei. Weiter hieß es, er sei mit einem vermögenden Engländer bekannt geworden, den er oft besuchte. Eines Tages sprach er mit jener Frau bei diesem Engländer vor. Er trug einen Reisesack in der Hand, wie einer, der nach einem Bahnhofe gehen will. Plötzlich hörte man einen Knall in dem Hause des Engländers, und Barthélemy rannte mit seiner Geliebten, verfolgt von dem Geschrei eines weiblichen Dienstboten, die ihren Herrn in seinem Zimmer tot in seinem Blute gefunden hatte, davon. Ein Polizeidiener, der Barthélemy auf der Straße aufhalten wollte, fiel ebenfalls von Barthélemys Pistole tödlich getroffen zu Boden. Ein zusammengelaufener Volkshaufe versperrte dem Mörder den Weg, entwaffnete ihn und überlieferte ihn den Behörden. Die Frau entkam in der Verwirrung und wurde nie wieder gesehen. Alle Versuche, Barthélemy zu einer Aussage über sein Verhältnis zu dem erschossenen Engländer zu bringen, waren vergeblich. Er hüllte sich in das tiefste Schweigen, und soviel ich weiß, ist diese geheimnisvolle Geschichte nie aufgeklärt worden. Es verbreitete sich nur ein Gerücht, daß Barthélemy habe nach Paris gehen wollen, um den Kaiser Louis Napoleon zu ermorden; daß jener Engländer ihm das dazu nötige Geld versprochen, es aber im entscheidenden Augenblick verweigert habe; daß dann bei der letzten Zusammenkunft Barthélemy ihn erschossen habe, entweder um sich so in den Besitz des Geldes zu setzen, oder im Zorn über die Weigerung. Ein weiteres Gerücht sagte, die „Geliebte“ sei eine Spionin der französischen Regierung gewesen, mit dem Auftrage nach London geschickt, Barthélemy zu überwachen und schließlich ans Messer zu liefern. Barthélemy wurde als Mörder prozessiert, zur Todesstrafe verurteilt und gehängt. Er ging dem Tode mit großer Kaltblütigkeit entgegen, rief im Angesicht des Galgens aus: „In wenigen Augenblicken werde ich also das große Geheimnis kennen!“ und starb mit ruhiger Würde.

Die Geschichte ist von meiner guten Freundin Fräulein Malvida von Meysenbug in ihrem höchst anziehenden Buche, den „Memoiren einer Idealistin“, mit vieler Wärme erzählt worden. Der Leser wird auch dort ein Beispiel finden von dem Eindruck, den eine Persönlichkeit wie Barthélemy, was immer auch das kühle Urteil des Verstandes und der Gerechtigkeit sein mag, auf das Gemüt einer geistvollen Frau zu machen imstande ist. Die Hinrichtung Barthélemys empörte ihr Gefühl und rührte sie zu Tränen. Aber nichts könnte gewisser sein als daß, hätte damals eine Begnadigung ihn auf freien Fuß gesetzt, jener wahnsinnige Fanatismus, der ihn von einem Morde wie von einem Frühstück sprechen ließ, ihn zu neuen Bluttaten geführt und schließlich doch dem Henker in die Hände geliefert haben würde.

Mit Malvida von Meysenbug wurde ich auch im Brüningschen Hause auf angenehme Weise näher bekannt. Sie war eine Tochter des kurfürstlich hessischen Ministers Herrn von Meysenbug, der, wohl mit Unrecht, für einen starren Absolutisten und Aristokraten gehalten wurde. Nach langen inneren Kämpfen, in welchen eine tiefe Herzensneigung für einen geistvollen jungen Demokraten, den Bruder meines Universitätsfreundes Friedrich Althaus, keine geringe Rolle spielte, bekannte sie sich offen zu der politisch freisinnigen Richtung, fand ein längeres Zusammenleben mit ihrer Familie unhaltbar, ging im Jahre 1849 oder 50 nach Hamburg, um bei der Gründung einer von freisinnigen Frauen geplanten weiblichen Hochschule mitzuwirken, kam durch ihre Bekanntschaft und Korrespondenz mit demokratischen Führern in polizeiliche Ungelegenheiten und landete endlich, hauptsächlich von Kinkels angezogen, in London in unserm Kreise. Ihren Entwicklungsgang und ihre Schicksale hat sie in den „Memoiren einer Idealistin“ mit charakteristischer Offenheit und in sehr interessanter Weise beschrieben.

Als wir in London zusammentrafen, muß sie etwas über dreißig Jahre alt gewesen sein. Aber sie sah viel älter aus, als sie wirklich war. Im Äußerlichen hatte die Natur sie gar nicht begünstigt. Aber ihre Freunde gewöhnten sich bald daran, das Äußerliche bei ihr zu vergessen. Sie hatte viel gelesen und von dem Gelesenen manches in sich verarbeitet. Mit eifrigem Interesse verfolgte sie die Ereignisse der Zeit auf dem politischen Felde sowie die merkwürdigen Erscheinungen auf dem literarischen, artistischen und wissenschaftlichen. Ein fast ungestümer und wahrhaft beredsamer Enthusiasmus beseelte sie für alles, was ihr schön, gut und edel erschien. Sie fühlte den Trieb, wo es irgend möglich war, tätig mit einzugreifen, und ihren Bestrebungen ging sie nach mit einem Eifer, einem Ernst, der sie zuweilen zu einer strengen Richterin machte über alles, was ihr als leichtfertige Behandlung wichtiger Dinge oder als Frivolität vorkam. Und dabei war ihr Wesen so ehrlich, einfach und anspruchslos, ihre Herzensgüte so unerschöpflich, ihre Sympathie so warm und opferwillig, ihre Freundschaft so echt und treu, daß jeder, der sie näher kennen lernte, ihr gern den Zug von schwärmerischer Überschwenglichkeit nachsah, der sich zuweilen in ihren Ansichten und Begeisterungen kundgab, und der in der Tat der Erregbarkeit ihres Gemüts, der Güte ihres Herzens zuzuschreiben war. Ihre ganze Umgebung achtete sie auf das höchste, und nicht wenige davon wurden ihre warmen Freunde.

Der Ton, der im Brüningschen Salon vorherrschte, gefiel ihr nicht immer. Wenn sie mit einem Mitgliede des Kreises ein tiefgehendes Gespräch über bedeutende Dinge führte, so wurde es gar zu oft von der leichtfertigen Fröhlichkeit der anderen übertönt. Die Baronin selbst konnte ihr wenig folgen in der ernsten Behandlung, die Malvida allen Fragen zuteil werden ließ. Aber ihre persönlichen Sympathien hielten sie doch fest, und sie wurde an den gesellschaftlichen Abenden oft und immer sehr gern gesehen.

Die Bücher, die Malvida von Meysenbug nach der Zeit, von der ich spreche, geschrieben, sind alle von ihren edlen Welt- und Lebensanschauungen inspiriert, und eines davon, die „Memoiren einer Idealistin“, hat die seltene Auszeichnung erfahren, nach langen Jahren des Verschwindens vom literarischen Markt ohne besondere äußere Veranlassung eine Wiedergeburt zu erleben. Malvida erreichte ein hohes Alter, dessen letzte Jahrzehnte sie in Rom zubrachte, in beständigem gesellschaftlichem oder brieflichem Verkehr mit einem zahlreichen Kreise von Freunden, worunter Männer und Frauen von großer Distinktion, die ihrer bedeutenden und sympathischen Persönlichkeit die höchste Achtung und liebevolle Anhänglichkeit bewahrten. Unsere in London geschlossene Freundschaft blieb warm bis zu ihrem Tode.

Nun trat ein Ereignis ein, welches die Stimmung der Flüchtlingschaft furchtbar verdüsterte und auch meinem Schicksal eine entsprechende Wendung gab. Die Berichte, die wir von unseren Freunden in Paris empfangen hatten, liefen darauf hinaus, daß Louis Napoleon, der Präsident der französischen Republik, der allgemeinen Verachtung verfallen sei; daß er mit seiner offenbaren Ambition, das Kaisertum in Frankreich wieder herzustellen und sich auf den Thron zu schwingen, eine äußerst lächerliche Figur spiele, und daß jeder gewaltsame Versuch in dieser Richtung unfehlbar seinen Sturz und die Einsetzung einer stark republikanischen Regierung zur Folge haben müsse. Der Ton der republikanischen Oppositionsblätter in Paris ließ diese Ansicht von der Lage der Dinge als nicht unbegründet erscheinen.

Plötzlich, am 2. Dezember 1851, kam die Nachricht, daß Louis Napoleon tatsächlich den vorausgeahnten Staatsstreich ins Werk gesetzt habe. Er hatte sich der Armee versichert, die Halle der Nationalversammlung mit Truppen besetzt, die Führer der Opposition und den General Changarnier, der von der Nationalversammlung mit ihrem Schutze betraut war, und mehrere andere Generale verhaften lassen, ein Dekret veröffentlicht, durch welches er das von der Nationalversammlung beschränkte allgemeine Stimmrecht wieder herstellte, und eine Proklamation an das Volk erlassen, in der er die parlamentarischen Parteien der Selbstsucht anklagte und die Wiedereinführung des zehnjährigen Konsulats verlangte. Schlag auf Schlag kamen aufregende Depeschen. Mitglieder der Nationalversammlung in ansehnlicher Zahl fanden sich zusammen und versuchten Widerstand zu organisieren, wurden aber von der bewaffneten Macht auseinandergetrieben. Endlich hieß es auch, das Volk beginne „in die Straßen herniederzusteigen“ und Barrikaden zu bauen. Nun sollte die entscheidende Schlacht geschlagen werden.

Der Gemütszustand, in den durch diese Berichte die Flüchtlingschaft versetzt wurde, läßt sich nicht beschreiben. Wir Deutschen liefen nach den Versammlungslokalen der französischen Klubs, weil wir dort die schnellste und zuverlässigste Kunde, vielleicht auch aus Quellen, die dem allgemeinen Publikum verschlossen wären, zu erhaschen hofften. Dort fanden wir eine an Fieberwahnsinn grenzende Erregung. Man schrie, man gestikulierte, man beschimpfte Louis Napoleon, man verwünschte seine Helfershelfer, man weinte, man umarmte sich. Alle waren eines Volkssieges gewiß. Die glorreichsten Bulletins über den Fortgang des Straßenkampfs gingen von Mund zu Mund. Einige davon wurden von wildblickenden Revolutionären, die auf Tische gesprungen waren, proklamiert und mit frenetischem Beifallsgeschrei begrüßt. So ging es eine Nacht hindurch, einen Tag und wieder eine Nacht. Zu schlafen war unmöglich. Man nahm sich kaum zum Essen Zeit. Auf die Siegesberichte folgten andere, die ungünstiger klangen. Man konnte und wollte sie nicht glauben. Es waren die Depeschen des Usurpators und seiner Sklaven. Sie logen; sie konnten nicht anders als lügen. Aber immer düsterer klang die Botschaft. Die Barrikaden, die das Volk in der Nacht auf den 3. Dezember errichtet hatte, waren von der Armee ohne Mühe genommen worden. Am 4. hatte sich auf den Straßen St. Denis und St. Martin ein ernsterer Kampf entsponnen, aber auch da waren die Truppen Meister geblieben. Dann stürzte sich die Soldateska in die Häuser und mordete ohne Unterschied und Mitleid. Schließlich die Ruhe des Kirchhofs in Paris. Der Volksaufstand war unbedeutend und ohnmächtig gewesen. Der Usurpator, den man noch vor kurzem als einen schwachsinnigen Abenteurer, einen lächerlichen Affen dargestellt, hatte Paris unterjocht. Die Departments rührten sich nicht. Es war kein Zweifel mehr. Mit der Republik war’s zu Ende, und also auch mit der neuen Revolution, die sich auf den von Frankreich kommenden Anstoß über den ganzen Kontinent verbreiten sollte.

Wir schlichen still nach Hause, von den Schreckensnachrichten betäubt, geistig und körperlich erschöpft. Nachdem ich mich durch einen langen Schlaf von der furchtbaren Aufregung erholt, suchte ich mir über die veränderte Lage der Dinge klar zu werden. Es war ein nebliger Tag, und ich ging hinaus, da es mir unbehaglich war, still in den vier Wänden zu sitzen. In meine Gedanken vertieft, wanderte ich fort ohne eigentlichen Zielpunkt und fand mich endlich im Hydepark, wo ich mich trotz der kühlen Witterung auf eine Bank setzte. Von welcher Seite ich auch die neuesten Ereignisse und ihre natürlichen Folgen betrachten mochte, eines schien mir gewiß: alle revolutionären Bestrebungen, die sich an die Erhebung von 1848 knüpften, waren nun hoffnungslos; eine Periode entschiedener und allgemeiner Reaktion stand uns bevor, und was es auch von weitern Entwicklungen im freiheitlichen Sinne in der Zukunft geben mochte, das mußte einen neuen Ausgangspunkt haben.

Meine eigene Lage wurde mir ebenso klar. Mich der illusorischen Hoffnung einer baldigen Rückkehr ins Vaterland noch weiter hinzugeben, wäre kindisch gewesen. Weiter zu konspirieren und dadurch noch mehr Unheil auf andre zu bringen, schien mir ein frevelhaftes Spiel. Das Flüchtlingsleben hatte ich als öde und entnervend erkannt. Ich fühlte einen ungestümen Drang in mir, nicht nur mir eine geregelte Lebenstätigkeit zu schaffen, sondern für das Wohl der Menschheit etwas Wirkliches, wahrhaft Wertvolles zu leisten. Aber wo? Das Vaterland war mir verschlossen. England war mir eine Fremde und würde es immer bleiben. Wohin dann? „Nach Amerika!“ sagte ich zu mir selbst. Die Ideale, von denen ich geträumt und für die ich gekämpft, fände ich dort, wenn auch nicht voll verwirklicht, doch hoffnungsvoll nach ganzer Verwirklichung strebend. In diesem Streben werde ich tätig mithelfen können. Es ist eine neue Welt, eine freie Welt, eine Welt großer Ideen und Zwecke. In dieser Welt gibt’s wohl für mich eine neue Heimat. „Ubi libertas, ibi patria.“ Auf der Stelle faßte ich den Entschluß. Nur noch so lange wollte ich in England bleiben, bis ich mir durch meine Unterrichtsstunden meine Barschaft ein wenig vermehrt haben würde, und dann nach Amerika!

Ich hatte schon eine gute Weile auf jener Bank im Hydepark, in diese Gedanken vertieft, gesessen, als ich bemerkte, daß auch am andern Ende der Bank ein Mensch saß, der ebenso gedankenvoll vor sich auf den Boden zu stieren schien. Er war ein kleiner Mann, und als ich genauer hinblickte, glaubte ich ihn zu erkennen. Es war Louis Blanc, der französische Sozialistenführer, ehemaliges Mitglied der provisorischen Regierung von Frankreich. Ich war vor kurzem in einer Gesellschaft mit ihm bekannt geworden, und er hatte sich auf sehr liebenswürdige und geistvolle Weise mit mir unterhalten. Da ich mit meiner Überlegung fertig war, so stand ich auf, um zu gehen, ohne ihn stören zu wollen. Aber er richtete den Kopf empor, sah mich mit übernächtigten Augen aus einem verstörten Gesicht an und sagte: „Ah, c’est vous, mon jeune ami! C’est fini, n’est ce pas? C’est fini!“ Wir drückten einander die Hände, er ließ seinen Kopf wieder sinken, und ich ging meines Weges nach Hause, um meinen Eltern den auf der Bank im Hydepark gefaßten Entschluß sofort brieflich mitzuteilen. Mehrere meiner Mitverbannten suchten ihn mir auszureden, indem sie noch allerlei wunderbare Dinge prophezeiten, die sich auf dem Kontinent sehr bald zutragen würden, und in die wir Flüchtlinge eingreifen müßten, aber ich hatte das Wesenlose dieser Phantasien zu gut erkannt und ließ mich nicht wankend machen.

Und nun geschah etwas, das über meine anscheinend trübe und gedrückte Lage einen heitern und warmen Sonnenschein ergoß und meinem Leben einen ungeahnten Inhalt verlieh.

Ein paar Wochen vor dem Staatsstreich Louis Napoleons hatte ich ein Geschäft bei einem Mitverbannten auszurichten und machte diesem in seiner Wohnung in Hampstead einen Besuch. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, wie ich den Weg, der stellenweise zwischen Hecken und Baumreihen lief – jetzt wohl eine ununterbrochene Häusermasse –, in der Abenddämmerung zu Fuß zurücklegte, nicht ahnend, daß ich eine viel wichtigere Begegnung vor mir hatte, als die mit irgendeinem politischen Gesinnungsgenossen. Mein Geschäft war bald abgemacht, und ich erhob mich schon, um zu gehen, als er in ein anstoßendes Zimmer hineinrief: „Margarete, komm doch einmal herein. Hier ist ein Herr, den du kennen lernen solltest.“ – „Es ist meine Schwägerin,“ setzte er zu mir gewendet hinzu. „Sie ist von Hamburg hierher zu Besuch gekommen.“

Ein Mädchen von etwa 18 Jahren trat herein, von stattlichem Wuchs mit schwarzem Lockenkopf, kindlich schönen Zügen und großen dunklen wahrhaftigen Augen.

Wir wurden in der Tat miteinander sehr gut bekannt – freilich nicht an jenem Tage – aber bald nachher; und am 6. Juli 1852 wurden wir in der Pfarrkirche von Marylebone in London fürs Leben vereinigt. Ich habe ausführlich aufgeschrieben, wie das alles sich zutrug. Aber dieser Teil meiner Geschichte gehört natürlich nur meinen Kindern und dem intimsten Freundeskreise.

Mitte August waren wir zur Abreise fertig. Kurz vor dem Tage des Abschiedes lud mich Mazzini noch einmal zu sich ein.

Als ich zum letztenmal bei ihm in seinem Zimmer saß, machte er noch einen Versuch, mich in Europa zurückzuhalten. Er vertraute mir das Geheimnis einer revolutionären Unternehmung an, die er im Werke habe, und die, wie er mir sagte, große Resultate versprechend, zur Ausführung gekommen sein müsse, ehe ich Amerika erreicht haben würde. Es handelte sich um eine Schilderhebung in der Lombardei. Mit seiner glühenden Beredsamkeit schilderte er mir, wie die italienischen Freiheitskämpfer die Österreicher in die Alpen zurückdrängen und wie dann ähnliche Bewegungen in andern Ländern des Kontinents sich an diesen siegreichen Aufstand anschließen würden. Dann seien es just solche junge Männer, wie ich, die zur Stelle sein müßten, um das so begonnene Werk fortführen zu helfen. „Wenn Sie gehen,“ sagte er, „wie werden Sie dann wünschen, nicht gegangen zu sein! Sie werden das nächste Schiff nehmen, um nach Europa zurückzueilen. Sparen Sie doch die unnötige Spazierfahrt!“ Ich mußte ihm gestehen, daß meine Hoffnungen nicht so sanguinisch seien wie die seinigen; daß ich in der Lage der Dinge auf dem Kontinent keine Aussicht auf baldige Veränderung finden könne, die mich zu einer ersprießlichen Tätigkeit in mein Vaterland zurückführen werde; daß wenn in entfernter Zukunft solche Veränderungen kämen, sie sich anders gestalten würden, als wir sie uns jetzt vorstellen möchten, und dann würde es andere Leute geben, um sie durchzuführen. So schieden wir voneinander, und ich habe ihn nicht wieder gesehen.

Einige Zeit nach meiner Ankunft in Amerika hörte ich denn auch von dem Ausbruch der von Mazzini angekündigten revolutionären Unternehmung. Sie bestand in einem Insurrektionsversuch in Mailand, den die Österreicher ohne große Mühe unterdrückten, und führte nur zur Einkerkerung einer ansehnlichen Zahl italienischer Patrioten. Und Mazzinis Sache, die Einigung Italiens unter einer freien Regierung, erschien hoffnungsloser als je.

Kossuth kehrte von Amerika zurück als ein schmerzlich enttäuschter Mann. Er war von dem amerikanischen Volk mit grenzenloser Begeisterung begrüßt worden. Zahllose Menschenmassen hatten seiner bezaubernden Beredsamkeit gelauscht und ihn mit Zeichen der Bewunderung und der Sympathie überhäuft. Der Präsident der Vereinigten Staaten hatte ihm verehrungsvoll die Hand gedrückt, und der Kongreß hatte ihn mit außerordentlichen Ehrenbezeugungen empfangen. Da gab es pomphafte öffentliche Aufzüge und Paraden und Festessen ohne Ende. Aber die Regierung der Vereinigten Staaten, in Übereinstimmung mit der öffentlichen Meinung des Landes, hielt fest an der altherkömmlichen Politik der Nichteinmischung in europäische Angelegenheiten. Kossuths Appell um „substantielle Hülfe“ für sein unterdrücktes Vaterland war vergeblich. Als er nach England zurückkam, fand er, daß auch da der Volksenthusiasmus, der ihn vor nur wenigen Monaten umbraust hatte, ausgebrannt war. Er versuchte noch einmal, durch öffentliche Vorträge in verschiedenen Städten Englands das Interesse an Ungarns Schicksal wachzuhalten, und man hörte ihm mit hochachtungsvoller und sympathischer Aufmerksamkeit zu, wie man eben einem großen Redner lauscht, über was er auch immer sprechen mag. Wenn er auf den Straßen erschien, sammelte sich die Menge nicht mehr mit donnernden Hochrufen um ihn. Leute, die ihn erkannten, nahmen wohl den Hut ab und flüsterten einander zu: „Da geht Kossuth, der große ungarische Patriot.“ Die Sache der Unabhängigkeit seines Landes, seine Sache, schien tot und begraben zu sein.

Mazzini und Kossuth – wie sonderbar hat das Schicksal mit diesen beiden Männern gespielt! Mazzini hatte sein ganzes Leben hindurch konspiriert, gekämpft und gelitten für die Vereinigung seines Landes unter einer freien Nationalregierung. Wenige Jahre nach der Zeitperiode, von der ich spreche, kam diese nationale Einigung, zuerst teilweise befördert von dem Manne, den Mazzini am bittersten haßte, dem französischen Kaiser Louis Napoleon; und dann weiter geführt durch den wunderbaren Feldzug Garibaldis, den Mazzini selbst ursprünglich geplant haben soll, und dessen Geschichte klingt wie die eines romantischen Abenteuers zur Zeit der Kreuzzüge. Aber die nationale Einigung vollzog sich unter der Ägide der Dynastie von Savoyen; und der Republikaner Mazzini starb endlich unter einem falschen Namen in einem Versteck auf italienischem Boden wie ein Verbannter in seinem eigenen Lande, das seither dem Toten Denkmäler setzt.

Kossuth hatte mit seiner glühenden Beredsamkeit jahrelang agitiert und dann einen brillanten, aber unglücklichen Krieg geleitet für die nationale Unabhängigkeit Ungarns. Als ein geschlagener Mann ging er ins Exil. Im Laufe der Zeit wurde ein hoher Grad von politischer Autonomie, von Selbstregierung, ein Zustand, der das ungarische Volk zurzeit zu befriedigen schien, auf friedlichem Wege erreicht. Aber er wurde erreicht mit einem Habsburg auf dem Thron, und Kossuth, der sein Haupt nicht vor einem Habsburg neigen wollte, wies unbeugsam jede Einladung ab, die ihn in sein, ihn noch immer als Nationalhelden verehrendes Vaterland zurückrief; und so starb er in freiwilliger Verbannung in Turin, ein einsamer Greis.

Ein großes Maß dessen, für das diese beiden Männer gekämpft hatten, ging also endlich in Erfüllung; aber es war in einer Gestalt, in der sie es nicht als ihr eigenes Werk erkannten.

Die deutschen Revolutionäre von 1848 verfielen einem ähnlichen Schicksal. Sie kämpften für ein einiges Deutschland und freie Regierungsinstitutionen und wurden geschlagen, hauptsächlich durch preußische Waffen. Dann kamen Jahre stupider Reaktion und nationaler Erniedrigung, in denen die Ziele der Revolution von 1848 hoffnungslos untergegangen schienen. Dann, unerwartete, eine neue Ära: Friedrich Wilhelm IV., der mehr als irgendein anderer Mann seiner Zeit den mystischen Glauben an die göttliche Erleuchtung der Könige gehegt hatte, – Friedrich Wilhelm IV. wurde irrsinnig, und die Zügel der Regierung entfielen seiner Hand. Der Prinz von Preußen, derselbe Prinz von Preußen, den die Revolutionsmänner von 1848 als den bittersten und unversöhnlichsten Feind ihrer Sache angesehen, folgte ihm, zuerst als Regent, dann als König, und vom Schicksal bestimmt, der erste Kaiser des neuen Deutschen Reiches zu werden. Er rief Bismarck als Premierminister an seine Seite, denselben Bismarck, der der lauteste Wortführer des Absolutismus und der feurigste Widersacher der Revolution gewesen war. Und dann wurde die deutsche Einheit mit einem Nationalparlament gewonnen, nicht durch eine revolutionäre Volkserhebung, sondern durch monarchische Aktion und eine kriegerische Politik, die anfangs von einem großen Teildes Volkes mißbilligt, schließlich aber von einem mächtig auflodernden Nationalgefühl getragen und zum Siege geführt wurde. Es hat seitdem als eine wohlberechtigte Frage gegolten, ob dieses Auflodern des Nationalgefühls möglich geworden wäre ohne den Vorgang des großen Erweckungsjahres 1848. „Das große Erweckungsjahr“ – dies ist der Name, den es in der Geschichte des deutschen Volkes tragen sollte.

So ist denn, wenn auch nicht alles, doch ein großer und wichtiger Teil von dem, wofür die Revolutionäre von 1848 gekämpft, in Erfüllung gegangen, – freilich viel später und weniger friedlich und weniger vollständig, als sie gewünscht, und durch Personen und Gewalten, die ihnen ursprünglich feindlich gewesen; aber weitere Entwicklungen versprechend, die den Idealen von 1848 viel näher kommen werden, als die jetzigen politischen Institutionen es tun.

Im Sommer 1852 jedoch lag die Zukunft Europas in düsteren Wolken vor uns. In Frankreich schien Louis Napoleon fest und sicher auf dem Nacken eines unterwürfigen Volkes zu sitzen. Die britische Regierung unter Lord Palmerston schüttelte ihm freundschaftlich die Hand. Auf dem ganzen europäischen Kontinent feierte die Reaktion gegen die liberalen Bestrebungen der letzten vier Jahre Orgien des Triumphes. Wie lange diese Reaktion unwiderstehlich sein würde, konnte niemand wissen. Daß einige ihrer Vorkämpfer in Deutschland selbst die Führer des nationalen Geistes werden könnten, würde selbst der hoffnungsseligste Sanguiniker nicht vorauszusagen gewagt haben.

Meine junge Frau und ich schifften uns im August in Portsmouth ein und landeten an einem sonnigen Septembermorgen im Hafen von New York. Mit dem heiteren Mut jugendlicher Herzen begrüßten wir die neue Welt.

 

Lebenserinnerungen – Bd. II

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