Der Austauschprofessor

Aus: Le­bens­li­ni­en, 3.Teil, 2.Kap.

Der Ge­dan­ke des Pro­fes­so­ren­aus­tau­sches. In sei­nen viel­fäl­ti­gen und nicht im­mer glück­li­chen Be­mü­hun­gen, ein mög­lichst na­hes Ver­hält­nis zwi­schen Deutsch­land und Ame­ri­ka her­zu­stel­len, war Kai­ser Wil­helm II. auf­merk­sam ge­macht wor­den, daß von den ver­schie­de­nen Ar­ten des Ver­kehrs bei­der Völ­ker der wis­sen­schaft­li­che be­son­ders stark ent­wi­ckelt war. Al­ler­dings vor­herr­schend in der Ge­stalt, daß die be­gab­te­ren jun­gen Ame­ri­ka­ner zur Er­lan­gung der höchs­ten wis­sen­schaft­li­chen Wei­hen ei­ne Deut­sche Uni­ver­si­tät auf­such­ten, um sich dort den Dok­tor­grad zu er­wer­ben. Dies ging so weit, daß die Ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten Pro­test ge­gen die dort ver­brei­te­te Mei­nung er­ho­ben, ei­ne wis­sen­schaft­li­che Lauf­bahn sei nicht mög­lich, wenn der Kan­di­dat nicht ei­nen Deut­schen Dok­tor­grad be­sä­ße. Um­ge­kehrt be­stand bei den Deut­schen Stu­den­ten kei­ne Nei­gung, Ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tä­ten zu be­su­chen, vor al­lem wohl des­halb, weil das dor­ti­ge Uni­ver­si­täts­we­sen auf ein frü­he­res. Le­bens­al­ter zu­ge­schnit­ten und da­her mit viel stär­ke­ren per­sön­li­chen Bin­dun­gen be­haf­tet ist, als in Deutsch­land. Ge­mäß dem Eng­li­schen Vor­bild, nach wel­chem sie sich ent­wi­ckelt hat­ten, wa­ren je­ne An­stal­ten viel mehr auf Un­ter­richt und Er­zie­hung als auf freie For­schung ein­ge­stellt. Die Pro­fes­so­ren stan­den des­halb nicht sel­ten auf dem Stand­punkt von Gym­na­si­al­leh­rern und nah­men bei wei­tem nicht die ge­sell­schaft­li­che Stel­lung ein, die man ih­nen in Deutsch­land wil­lig ein­räum­te. So war der durch­schnitt­li­che Zu­stand des höchs­ten Ge­bie­tes der Uni­ver­si­tät, der Or­ga­ni­sa­ti­on der frei­en For­schung, dort nied­ri­ger als bei uns und bot kei­nen An­reiz, die Wi­der­stän­de der Ent­fer­nung und Spra­che zu über­win­den.

Es war da­her ein gro­ßes und et­was ein­sei­ti­ges Kom­pli­ment, das der Kai­ser nach drü­ben mit dem Vor­schlag mach­te, ei­nen Aus­tausch von Pro­fes­so­ren auf gleich und gleich zwi­schen den bei­der­sei­ti­gen Uni­ver­si­tä­ten als re­gel­mä­ßi­ge Ein­rich­tung zu be­werk­stel­li­gen. Nach den Ein­drü­cken, die ich in die­ser Be­zie­hung sam­meln konn­te, wur­de der an­ge­streb­te Er­folg auch nur un­voll­kom­men er­reicht, denn trotz star­ker per­sön­li­cher Wir­kung, die spä­ter deut­sche Aus­tausch­pro­fes­so­ren drü­ben her­vor­rie­fen, scheint die Ein­rich­tung nie ei­gent­lich po­pu­lär ge­wor­den zu sein. Hier­zu mag al­ler­dings auch die ge­rin­ge ge­sell­schaft­li­che Rol­le bei­ge­tra­gen ha­ben, wel­che die Pro­fes­so­ren drü­ben über­haupt spie­len.

Die Aus­füh­rung. An­fang 1905 wa­ren die bei­der­sei­ti­gen Ver­hand­lun­gen so weit ge­die­hen, daß die ers­ten Aus­tausch­pro­fes­so­ren er­nannt wer­den konn­ten. Als Stel­le, an wel­cher der Deut­sche Gast wir­ken soll­te, war die Har­vard-Uni­ver­si­tät in Cam­bridge na­he bei Bos­ton aus­er­se­hen wor­den, wel­che in dem wohl­er­wor­be­nen Ru­fe stand, die wis­sen­schaft­lichs­te von al­len zu sein. Sie hat­te da­her die Wahl des Deut­schen Kol­le­gen zu be­wir­ken, wäh­rend der Ame­ri­ka­ner in Ber­lin vor­tra­gen soll­te und da­her no­mi­nell von der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät, tat­säch­lich vom Kai­ser ein­ge­la­den wur­de.

Die Wahl des Ame­ri­ka­ni­schen Pro­fes­sors fiel zu all­ge­mei­ner Ver­wun­de­rung auf ei­nen Kir­chen­his­to­ri­ker na­mens Peabo­dy, der sich kei­nes­wegs durch au­ßer­or­dent­li­che Leis­tun­gen be­rühmt ge­macht hat­te. Man darf ver­mu­ten, daß dies ein deut­li­cher Wink nach drü­ben sein soll­te, dort ent­sp­re­chend den Ber­li­ner Kir­chen­his­to­ri­ker zu wäh­len, dem der Kai­ser auf sol­che Wei­se ei­ne wohl­ver­di­en­te Aus­zeich­nung zu­ge­wen­det hät­te. Mehr als ei­ne Ver­mu­tung soll aber die­se An­deu­tung nicht sein.

Wie dem auch sein moch­te: im Früh­ling je­nes Jah­res brach­te die Pres­se die Nach­richt, daß die Har­vard-Uni­ver­si­tät den Pro­fes­sor der phy­si­ka­li­schen Che­mie Wil­helm Ost­wald als er­wünsch­ten Aus­tausch­pro­fes­sor be­zeich­net hat­te. Mir war das ei­ne gro­ße Über­ra­schung, denn ob­wohl ich meh­re­re Be­kann­te in Har­vard hat­te, näm­lich den Che­mi­ker Theo­do­re Wil­liam Ri­chards, den Phi­lo­so­phen Wil­liam Ja­mes (II, 303) und den Psy­cho­lo­gen Mün­ster­berg (II, 396), so hat­te doch we­der ei­ner von ih­nen, noch der Prä­si­dent Charles Eli­ot sich mit mir in sol­chem Sin­ne in Ver­bin­dung ge­setzt. In­des­sen war die Zei­tungs­nach­richt den Er­eig­nis­sen nur we­nig vor­aus­ge­gan­gen, denn bald dar­auf kam mir auch die amt­li­che Nach­richt zu, so daß die Sa­che tat­säch­lich ih­re Rich­tig­keit hat­te.

Ich ver­mag nicht an­zu­ge­ben, wel­che Ur­sa­che die Auf­merk­sam­keit auf mei­ne Per­son ge­lenkt und mir das Ver­trau­en zu­ge­wen­det hat, daß ich der ge­eig­ne­te Mann für den Zweck sei. Zwar hat­te Mün­ster­berg mich im vo­ri­gen Jah­re ver­an­laßt, mei­ne Heim­rei­se in Cam­bridge zu un­ter­bre­chen, um Füh­lung mit dem Prä­si­den­ten Eli­ot zu ge­win­nen, doch war dies wie er­zählt nicht ge­lun­gen. Ver­mut­lich war es die gro­ße Zahl Ame­ri­ka­ni­scher Stu­den­ten, die ih­re Aus­bil­dung bei mir be­en­det hat­ten und viel­fach bald in der Hei­mat Lehr­stel­len ge­fun­den hat­ten. Auch in Har­vard und in Bos­ton wa­ren meh­re­re jün­ge­re Che­mi­ker aus der Leip­zi­ger Schu­le im Amt. In­des­sen war ich in sol­cher Be­zie­hung kei­nes­wegs der ein­zi­ge, denn je­der ei­ni­ger­ma­ßen be­deu­ten­de Deut­sche Che­mie­pro­fes­sor hat­te ei­ne er­heb­li­che An­zahl von Ame­ri­ka­nern in sei­nem La­bo­ra­to­ri­um aus­ge­bil­det, und ähn­li­ches gilt für die Ver­tre­ter vie­ler an­de­rer Fä­cher. Am wahr­schein­lichs­ten dürf­te sich der auf­fal­len­de Ent­schluß auf den Ein­fluß von Wil­liam Ja­mes zu­rück­füh­ren las­sen, der in sei­ner im­pul­si­ven Wei­se ei­ne be­son­de­re Vor­lie­be für mei­ne Phi­lo­so­phie und auch viel­leicht für mei­ne Per­son ge­faßt und be­tä­tigt hat­te.

In Deutsch­land war die­se Nach­richt nicht will­kom­men. Dem Kai­ser war bis da­hin ver­mut­lich mein Na­me ganz un­be­kannt ge­blie­ben, denn der preu­ßi­sche Or­den, mit dem man sich für mei­ne Mit­wir­kung an der Grün­dung des phy­si­ka­lisch-che­mi­schen In­sti­tuts in Göt­tin­gen be­dankt hat­te, war oh­ne per­sön­li­che Vor­stel­lung er­le­digt wor­den. Die Ver­hand­lun­gen we­gen Cam­bridge wur­den durch Alt­hoff ge­führt, der mir nur we­nig zur Sa­che zu sa­gen wuß­te und sich da­mit half, daß er mich mit Har­nack zu­sam­men­brach­te, mit dem aber gleich­falls kein frucht­ba­res Ge­spräch ent­ste­hen woll­te. Der Kai­ser, der das Un­ter­neh­men als sei­ne ei­ge­ne An­ge­le­gen­heit ein­ge­lei­tet hat­te und auch als sol­che spä­ter wei­ter­führ­te, be­zeig­te nicht den Wunsch, mich per­sön­lich über die Zie­le zu un­ter­rich­ten, die er ver­folg­te, und so war ich ganz auf mich selbst an­ge­wie­sen.

Aus­tritts­schwie­rig­kei­ten. Noch et­was ver­wi­ckel­ter wur­de die An­ge­le­gen­heit durch mei­ne Leip­zi­ger Ver­hält­nis­se. Das am Schlus­se des zwei­ten Ban­des er­zähl­te Zer­würf­nis mit der Fa­kul­tät hat­te eben mit ei­nem Ent­las­sungs­ge­such beim Kul­tus­mi­nis­te­ri­um ge­en­det, als die Ein­la­dung nach Har­vard ein­traf. Ver­mitt­lungs­ver­su­che, die von mei­nen Leip­zi­ger Freun­den mit ei­ner Hin­ga­be ge­führt wur­den, die mich zu dau­ern­dem Dank ver­pflich­tet, auf der Grund­la­ge, daß ich von der Pflicht be­freit wer­den soll­te, die Haupt­vor­le­sung zu hal­ten, wa­ren am Wi­der­stan­de der Fa­kul­tät ge­schei­tert. An­de­rer­seits war es nicht an­gän­gig, mich zu ei­ner Zeit in den Ru­he­stand zu ver­set­zen, wo ich ei­ne neue Auf­ga­be über­neh­men soll­te, wel­che das Ge­gen­teil von Ru­he mit sich brach­te. Ei­ne münd­li­che Ver­hand­lung mit dem vor­tra­gen­den Rat im Mi­nis­te­ri­um Waen­tig er­gab das Über­ein­kom­men, daß die Er­le­di­gung mei­nes Ge­su­ches um Pen­sio­nie­rung zu­rück­ge­stellt wur­de, bis ich von Ame­ri­ka zu­rück­ge­kehrt und noch ein Se­mes­ter in Leip­zig tä­tig ge­we­sen sein wür­de. Es war dies ei­ne gro­ße Freund­lich­keit des Mi­nis­ters, denn durch die­se An­ord­nung er­höh­te sich mein Ru­he­ge­halt. Ich war da­mals durch mein Bü­cher­schrei­ben so wohl­ha­bend ge­wor­den, daß ich kein Ge­wicht dar­auf leg­te; als ich aber zu­fol­ge der Miß­wirt­schaft der jun­gen Deut­schen Re­pu­blik nach dem Krieg mein Ver­mö­gen ver­lor, das in Deut­schen Staats­pa­pie­ren an­ge­legt war, bil­de­te dies Ru­he­ge­halt die Haupt­grund­la­ge mei­nes wirt­schaft­li­chen Da­seins. Wäh­rend al­so im Mi­nis­te­ri­um trotz der gro­ßen Un­be­quem­lich­kei­ten, die ich dort in den letz­ten Jah­ren ver­ur­sacht hat­te, das Be­dürf­nis über­wog, sich für die Ge­samt­heit mei­ner Leis­tun­gen an der Uni­ver­si­tät dank­bar zu er­wei­sen, muß­te ich an­de­rer­seits fest­stel­len, daß in der Fa­kul­tät und Uni­ver­si­tät dau­ernd ent­ge­gen­ge­setz­te Ge­füh­le über­wo­gen, die sich noch vie­le Jah­re nach die­sen Er­eig­nis­sen wie­der­holt gel­tend mach­ten, wo sich da­zu Ge­le­gen­heit fand, und die noch heu­te zu­wei­len zu­ta­ge tre­ten.

So muß ich ins­be­son­de­re fürch­ten, daß die Wahl zum Aus­tausch­pro­fes­sor, die in so deut­li­chem Ge­gen­satz zu der Ein­schät­zung mei­ner Leis­tun­gen sei­tens der Leip­zi­ger Fa­kul­tät stand und so un­mit­tel­bar auf die Gel­tend­ma­chung die­ser Ein­schät­zung folg­te, von mei­nen Geg­nern und Fein­den als ei­ne neue Be­tä­ti­gung »un­kol­le­gia­ler« Ge­sin­nung auf­ge­faßt wur­de, die sie mir vor­war­fen und sie da­her in ih­rer Ein­stel­lung nur be­stärkt hat.

Ab­rei­se. Mei­ne neu­en Pflich­ten in Cam­bridge be­gan­nen mit dem 1. Ok­to­ber. Da das Leip­zi­ger Se­mes­ter mit dem Au­gust en­de­te, hat­te ich noch et­wa vier Wo­chen Fe­ri­en, die an­ge­sichts der star­ken Be­an­spru­chun­gen, die ich im Früh­ling durch­ge­macht hat­te, und der an­de­ren, nicht we­ni­ger star­ken, die mich drü­ben er­war­te­ten, recht not­wen­dig wa­ren. Sie wur­den aber sehr durch die Ent­wick­lung der Sal­pe­ter­säu­re-An­ge­le­gen­heit ver­kürzt, die durch Dr. Brau­ers un­er­müd­li­che Tä­tig­keit so weit ge­führt wor­den war, daß die In­be­trieb­set­zung der ers­ten fa­brik­mä­ßi­gen An­la­ge un­mit­tel­bar be­vor­stand.

Da mei­ner Frau nach den eben er­lit­te­nen Auf­re­gun­gen ein halb­jäh­ri­ges Al­lein­blei­ben un­ter den viel­fach un­freund­li­chen und miß­güns­ti­gen Leip­zi­ger Kol­le­gin­nen un­er­träg­lich er­schien, nahm ich sie und die bei­den eben er­wach­se­nen Töch­ter nach Ame­ri­ka mit. Von mei­nen Söh­nen be­fan­den sich die bei­den äl­te­ren schon in selb­stän­di­gen Stel­lun­gen; der drit­te war zu­ver­läs­sig un­ter­ge­bracht, so daß wir die Rei­se un­be­denk­lich un­ter­neh­men konn­ten.

Bei der Er­mitt­lung der Rei­se­mög­lich­kei­ten, die durch das An­er­bie­ten der Ham­burg-Ame­ri­ka-Li­nie an den Kai­ser, den Aus­tausch­pro­fes­sor un­ent­gelt­lich zu be­för­dern, auf de­ren Schif­fe be­schränkt war, er­gab sich, daß erst auf dem klei­ne­ren Damp­fer Blü­cher Platz vor­han­den war. Denn es war die Jah­res­zeit, wo die zahl­rei­chen Ame­ri­ka­ni­schen Eu­ro­pa­fah­rer heim­zu­keh­ren pfle­gen, die sich ih­re Plät­ze schon lan­ge ge­si­chert hat­ten. Die Blü­cher ging am 21. Sep­tem­ber von Cux­ha­ven ab und konn­te nicht vor dem 1. Ok­to­ber in New York ein­tref­fen, so daß ich mei­ne Vor­le­sun­gen in Cam­bridge mit ei­nem oder zwei Ta­gen Ver­spä­tung be­gin­nen muß­te.

So ver­lie­ßen wir am 20. Sep­tem­ber Leip­zig, be­schenkt mit Blu­men und Zu­cker­zeug von den treu­en Freun­den Beck­mann, Des Coud­res und Wie­ner und über­nach­te­ten in Ber­lin, von wo ein Son­der­zug die Fahr­gäs­te der Blü­cher un­mit­tel­bar an den Ha­fen führ­te; ein klei­ner Damp­fer be­för­der­te uns zum Schiff. Die un­über­treff­li­che Sau­ber­keit und Ord­nung der Räu­me, so­wie die lie­bens­wür­di­ge Be­reit­wil­lig­keit der Be­die­nung mach­te den al­ler­größ­ten Ein­druck auf mei­ne Frau, die hier ihr Ide­al der Haus­ver­wal­tung ver­wirk­licht sah. Der Ka­pi­tän war ein äl­te­rer Herr mit braun­ro­ter Haut­far­be, eis­grau­em Haar und Bart und strah­lend blau­en Au­gen, die merk­wür­dig ge­nug in dem ver­wet­ter­ten Ge­sicht stan­den.

Auf der Fahrt. Da die Mit­rei­sen­den vor­wie­gend aus Deutsch-Ame­ri­ka­nern be­stan­den, die ih­re Fe­ri­en­ta­ge in Deutsch­land ge­nos­sen hat­ten und in ent­sp­re­chend hei­te­rer Stim­mung heim­kehr­ten, so fan­den die Mei­nen sehr bald An­schluß und man­nig­fal­ti­ge Un­ter­hal­tung, durch wel­che sie gut auf die Ver­hält­nis­se vor­be­rei­tet wur­den, un­ter de­nen sie in den nächs­ten Mo­na­ten zu le­ben hat­ten. Wir konn­ten hier­bei die un­ge­mein star­ke An­zie­hungs- und Ein­be­zie­hungs­kraft fest­stel­len, wel­che die Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf die Ein­wan­de­rer aus­üben. Na­ment­lich die Deut­schen zeig­ten sich trotz der et­was me­lan­cho­li­schen Zärt­lich­keit, mit wel­cher sie der al­ten Hei­mat ge­dach­ten, nicht nur be­reit­wil­lig, Ame­ri­ka­ner zu wer­den, son­dern stolz, es be­reits zu sein.

Im üb­ri­gen ver­lief die Rei­se, wie es mir schon ge­läu­fig war. Doch dies­mal ganz oh­ne Stür­me und mit we­nig Ne­bel. Wir fuh­ren ziem­lich na­he an ei­ni­gen schwim­men­den Eis­ber­gen vor­bei, vor wel­chen das Schiff durch draht­lo­se Te­le­gra­phie ge­warnt wor­den war, sa­hen spie­len­de Wal­fi­sche, zahl­lo­se Del­phi­ne und meh­re­re wun­der­schö­ne Son­nen­un­ter­gän­ge und ver­brach­ten die Ta­ge in ru­hi­gem Be­ha­gen, das ich be­son­ders wohl­tä­tig emp­fand.

Für die Ab­schluß­fest­lich­keit, die ei­nen Bei­trag zur Un­ter­stüt­zungs­kas­se der See­manns­wai­sen und -wit­wen brin­gen soll­te, war ich ge­be­ten wor­den, ei­nen Vor­trag zu hal­ten. Ich hat­te mich kurz vor­her mit der Fra­ge der all­ge­mei­nen Hilfs­spra­che (Welt­spra­che) zu be­schäf­ti­gen be­gon­nen, und war ganz er­füllt von der hier mög­li­chen Be­tä­ti­gung des en­er­ge­ti­schen Im­pe­ra­tivs. In ei­nem spä­te­ren Ka­pi­tel wer­de ich die Ge­schich­te die­ser An­ge­le­gen­heit im ein­zel­nen er­zäh­len; hier kann die An­ga­be ge­nü­gen, daß ich da­mals noch die künst­li­che Spra­che Es­pe­ran­to für die bes­te vor­han­de­ne Lö­sung der Auf­ga­be an­sah.

Ich schil­der­te da­her in dem Vor­tra­ge mit leb­haf­tes­ten Far­ben die ge­wal­ti­gen Fort­schrit­te, wel­che die Mensch­heit durch die Ein­füh­rung ei­ner sol­chen Hilfs­spra­che er­fah­ren wür­de. Sie soll­te nicht die na­tio­na­len Spra­chen ver­drän­gen, son­dern als in­ter­na­tio­na­les Ver­kehrs­mit­tel über die Sprach­gren­zen hin­weg die­nen. Sie soll­te al­so für je­der­mann, der mit An­ge­hö­ri­gen an­de­rer Spra­chen zu ver­keh­ren hat­te, die zwei­te Spra­che sein, die er er­lern­te und be­herrsch­te, und die ihm das Er­ler­nen al­ler an­de­ren frem­den Spra­chen er­spart, wenn die Kennt­nis der Hilfs­spra­che all­ge­mein ge­wor­den sein wird.

Da da­mals sol­che Ge­dan­ken nur den We­nigs­ten be­kannt wa­ren, er­reg­te der Vor­trag ein sehr leb­haf­tes In­ter­es­se. Ge­stei­gert wur­de die Wir­kung noch da­durch, daß mei­ne Toch­ter Els­beth, um den Zu­hö­rern den Klang der Spra­che vor­zu­füh­ren, ei­ni­ge Ge­dich­te in Es­pe­ran­to her­sag­te, die ganz be­son­de­ren Bei­fall fan­den.

New York. Die An­kunft war um­ständ­lich wie im­mer durch die Zoll­be­sich­ti­gung. Mei­ne Toch­ter Mar­ga­re­te hat­te ih­re Gei­ge mit­ge­nom­men und soll­te dar­auf dem Zoll­be­am­ten et­was vor­spie­len, da­mit er sich über­zeu­gen konn­te, daß sie zum ei­ge­nen Ge­brauch di­en­te. Es wur­de so spät, daß die Fahrt nach Cam­bridge nicht mehr un­ter­nom­men wer­den konn­te, wenn wir dort nicht mit­ten in der Nacht an­kom­men woll­ten. So über­nach­te­ten wir in New York und ich wur­de von ei­ni­gen mei­ner dor­ti­gen Freun­de und Schü­ler zu ei­nem klei­nen Din­ner ab­ge­holt, wäh­rend mei­ne Frau und Toch­ter mit leb­haf­ter Teil­nah­me das Le­ben in dem rie­si­gen Man­hat­t­an­ho­tel be­ob­ach­te­ten, wo wir uns un­ter­ge­bracht hat­ten. Mein As­sis­tent für Cam­bridge, Dr. Har­ry Mor­se, ein frü­he­rer Schü­ler aus den bes­ten Leip­zi­ger Jah­ren, hat­te mich in New York be­reits beim Aus­gang aus der Zoll­scheu­ne be­grüßt und be­wies sich als­bald, wie auch im­mer in den fol­gen­den Mo­na­ten als ein eben­so ge­schick­ter wie hei­te­rer Ge­hil­fe, dem ich gro­ße Er­leich­te­run­gen in der Durch­füh­rung mei­ner viel­fa­chen Auf­ga­ben ver­dan­ke.

Un­ter­kunft in Cam­bridge. Am 2. Ok­to­ber fuh­ren wir nach Bos­ton ab, wo uns Pro­fes­sor Th. W. Ri­chards emp­fing und nach Cam­bridge brach­te.

Ob­wohl die­se Stadt gar nicht klein ist, ver­füg­te sie doch da­mals noch nicht über ei­nen Gast­hof, in dem wir hät­ten woh­nen kön­nen. Ri­chards hat­te nicht oh­ne Mü­he ei­ne Un­ter­kunft (boar­ding house) aus­fin­dig ge­macht, wel­che von zwei äl­te­ren Da­men, Mut­ter und Toch­ter, ge­führt wur­de. Dort brach­ten wir uns ziem­lich un­zu­läng­lich un­ter, denn wir hat­ten nur je ein Schlaf­zim­mer für die El­tern und die Töch­ter, ein Zim­mer für al­les und ei­nen klei­nen An­klei­de­raum für mei­ne Frau zur Ver­fü­gung. Die Zim­mer wa­ren, wie fast im­mer drü­ben, klein und nied­rig, wur­den aber sau­ber ge­hal­ten. Als Schlaf­stät­ten di­en­ten Di­vans, die üb­ri­gens nicht so un­be­quem wa­ren. Man mach­te uns Ent­schul­di­gun­gen, da man nicht dar­auf vor­be­rei­tet ge­we­sen war, daß ich mei­ne Fa­mi­lie mit­brin­gen wür­de und reg­te an, ob ich nicht mein Stand­quar­tier in dem be­nach­bar­ten Bos­ton auf­sch­la­gen woll­te, das mit der Tram­bahn in et­wa 35 Mi­nu­ten er­reich­bar war und Gast­hö­fe al­ler Art be­saß. Doch er­klär­te ich, daß ich die Un­be­quem­lich­keit der Un­ter­kunft gern auf mich neh­men woll­te, um in­mit­ten mei­ner neu­en Kol­le­gen le­ben zu kön­nen. Die Mei­nen hat­ten auch nichts da­wi­der; mei­ne Frau fühl­te sich in un­se­re ers­ten Jah­re in der Dor­pa­ter Stu­den­ten­woh­nung zu­rück­ver­setzt.

Ähn­lich der Woh­nung war auch das Es­sen. Es wur­den rein­li­che und so­li­de Be­stand­tei­le da­zu ver­wen­det, aber von ei­ner Zu­be­rei­tung mit Lie­be war nicht die Re­de. So wur­de es mit der Zeit im­mer lang­wei­li­ger zu es­sen und auf un­se­rem Tisch sam­mel­ten sich zu­neh­mend Fla­schen mit Tun­ken und Wür­zen ver­schie­de­ner Art, die den Wohl­ge­schmack und die Eß­lust er­hö­hen soll­ten, aber ih­ren Zweck nur sehr un­voll­kom­men er­füll­ten. Ei­nes der er­quick­lichs­ten Din­ge nach der Wie­der­kehr in die Hei­mat war uns die Wie­der­kehr der hei­mi­schen Kost, zu de­ren sach­ge­mä­ßer Her­stel­lung mei­ne Frau ih­re dienst­ba­ren Geis­ter mit fast un­fehl­ba­rem Er­folg zu er­zie­hen wuß­te.

Kü­che und Haus wur­den in un­se­rer Pen­si­on durch schwar­ze Die­ner­schaft be­sorgt. Da wir nicht die har­te Ab­ge­schlos­sen­heit ge­gen­über der an­de­ren Ras­se be­tä­tig­ten, die in Ame­ri­ka die Re­gel ist, son­dern un­se­re Schwar­zen mensch­lich nah­men und be­han­del­ten, so ent­wi­ckel­te sich bei ih­nen ei­ne gro­ße Dank­bar­keit und An­häng­lich­keit, die bei un­se­rem Ab­schied von Cam­bridge zu leb­haf­tem Aus­druck kam.

Die Vor­le­sun­gen. Die Ver­hand­lun­gen über die Vor­le­sun­gen, wel­che ich in Cam­bridge hal­ten soll­te, er­ga­ben, daß man eben­so auf den Che­mi­ker wie den Phi­lo­so­phen rech­ne­te. Die Haupt­vor­le­sung war vier­stün­dig über Phi­lo­so­phie der Wis­sen­schaft; da­ne­ben gab es ei­ne ein­stün­di­ge über Ka­ta­ly­se für vor­ge­schrit­te­ne Che­mi­ker und ei­ne ein­stün­di­ge Ele­men­tar­vor­le­sung für An­fän­ger, zur Ver­an­schau­li­chung mei­ner un­ter­richt­li­chen Tech­nik. Die Vor­le­sung über Ka­ta­ly­se hielt ich Deutsch, weil die vor­ge­schrit­te­nen Che­mi­ker al­le die Spra­che we­nigs­tens zu le­sen ver­stan­den; die an­de­ren Vor­le­sun­gen soll­ten Eng­lisch vor­ge­tra­gen wer­den.

Wie man sieht, wa­ren be­reits die re­gel­mä­ßi­gen An­sprü­che, wel­che an mei­ne Tä­tig­keit ge­stellt wur­den, recht groß, denn die Ar­beit an den Vor­trä­gen war nicht nur durch den neu­en Hö­r­er­kreis ge­stei­gert, für den sie ge­hal­ten wur­den, son­dern sehr er­heb­lich auch durch die frem­de Spra­che. Mein dor­ti­ger As­sis­tent Dr. Mor­se, der in Har­vard ei­ne An­stel­lung als Leh­rer ge­fun­den hat­te, wur­de auch mit der Auf­ga­be be­traut, mir hier­bei be­hilf­lich zu sein, und er hat sich wie­der als ein aus­ge­zeich­net gu­ter und be­dach­ter Ge­hil­fe er­wie­sen. Wir ord­ne­ten die Sa­che so, daß er vor mir un­ter den Zu­hö­rern saß und auf­merk­te. Wenn mir ein Eng­li­sches Wort fehl­te, so sag­te ich das Deut­sche Wort und er gab als­bald die Eng­li­sche Über­set­zung, die ich im Zu­sam­men­hang wie­der­hol­te. Da das Ver fah­ren un­be­fan­gen vor der Öf­fent­lich­keit be­trie­ben wur­de, be­wirk­te es kei­ne Stö­rung, viel­mehr ge­stei­ger­te Auf­merk­sam­keit be­hufs ge­nau­er Er­fas­sung der Be­deu­tung des frag­li­chen Wor­tes. Bald be­gan­nen ei­ni­ge äl­te­re Hö­rer, die Deutsch ver­stan­den, auch ih­rer­seits Über­set­zun­gen an­zu­bie­ten. Dies ging so et­wa vier bis sechs Wo­chen lang. Dann sag­te Dr. Mor­se ein­mal zu mir: »Ich ha­be fest­ge­stellt, daß Ih­nen in der letz­ten Wo­che kein Wort ge­fehlt hat; Sie brau­chen des­halb nicht mehr mei­ne Hil­fe.« Ich bat ihn, trotz­dem sei­nen Platz zu be­hal­ten, denn das Ge­fühl der Si­cher­heit, das er mir ver­mit­tel­te, hat­te die Sprach­ge­stal­tung nicht we­nig er­leich­tert.

Die amt­li­che Ein­ord­nung. Die Haupt­vor­le­sung galt amt­lich als ein nor­ma­les Kol­leg, wel­ches den Stu­den­ten un­ter ih­re Pflicht­stun­den an­ge­rech­net wur­de. Bei sol­chen Vor­le­sun­gen war vor­ge­schrie­ben, daß et­wa um die Mit­te die Stu­den­ten ei­ne kur­ze schrift­li­che Über­sicht des bis da­hin Ge­hör­ten ein­zu­rei­chen hat­ten, um dem Leh­rer ei­ne An­schau­ung dar­über zu ge­ben, wel­chen Er­folg er in der Über­tra­gung sei­ner Ge­dan­ken auf die Hö­rer er­zielt hät­te. So wur­den mir auch sei­ner­zeit von Dr. Mor­se die Hef­te über­ge­ben, wel­che mein hal­bes Hun­dert Hö­rer ein­ge­reicht hat­ten. Ich ha­be ei­ne An­zahl von ih­nen ge­nau durch­ge­le­sen und fest­stel­len kön­nen, daß wirk­lich meist das We­sent­li­che mei­ner Dar­le­gun­gen er­faßt und hin­rei­chend klar wie­der­ge­ge­ben war. Die voll­stän­di­ge Durch­sicht und die ent­sp­re­chen­de Zen­sie­rung be­sorg­te Mor­se, da ich mir selbst die Fä­hig­keit nicht zu­trau­te, für die Ur­tei­le den Maß­stab zu fin­den, der in Har­vard Gel­tung hat­te. Nach sei­ner Mit­tei­lung wa­ren nur ganz we­nig Hef­te mit »Un­ge­nü­gend« zu zen­sie­ren ge­we­sen.

Die­se Tä­tig­keit war die ein­zi­ge, wel­che amt­li­chen Cha­rak­ter trug. Im üb­ri­gen wur­de ich zu kei­ner Sit­zung oder Be­ra­tung zu­ge­zo­gen, wel­che das in­ne­re Le­ben der Har­vard-Uni­ver­si­tät be­traf. So ha­be ich auch nur ei­nen sehr un­voll­stän­di­gen Ein­blick in den lau­fen­den Be­trieb der Uni­ver­si­tät er­langt. Was die Ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen von mir über Uni­ver­si­täts­we­sen zu er­fah­ren wünsch­ten, wur­de in zahl­rei­chen Ge­sprä­chen er­le­digt, die sich bei dem ge­sel­li­gen Ver­kehr er­ga­ben, in den ich mit mei­ner Fa­mi­lie bald hin­ein­ge­zo­gen wur­de. Auch hos­pi­tier­ten in mei­nen Vor­le­sun­gen meh­re­re Pro­fes­so­ren; so war ins­be­son­de­re der Phi­lo­soph W. Ja­mes ein re­gel­mä­ßi­ger Zu­hö­rer der Haupt­vor­le­sung, so­lan­ge er an­we­send war. Spä­ter ver­reis­te er auf län­ge­re Zeit nach Ber­ke­ley, Ca­li­for­ni­en, um an der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät die et­was ein­ge­sch­la­fe­ne Phi­lo­so­phie auf­zu­we­cken und zu be­le­ben, was ihm zwei­fel­los ge­lun­gen ist, denn er war hier­für ge­ra­de der rech­te Mann. An mei­nen che­mi­schen Vor­le­sun­gen be­tei­lig­te sich Pro­fes­sor Theo­do­re W. Ri­chards, den ich gut von Leip­zig her kann­te, wo er ein Se­mes­ter mei­nen La­bo­ra­to­ri­ums­un­ter­richt und -be­trieb stu­diert hat­te. Er war in­zwi­schen in Cam­bridge Or­di­na­ri­us ge­wor­den und hat­te sich ei­nen sehr an­ge­se­he­nen Na­men durch sei­ne aus­ge­zeich­net ge­nau­en Be­stim­mun­gen der Atom­ge­wich­te zahl­rei­cher Ele­men­te ge­macht.

Ne­ben die­sen amt­li­chen Vor­le­sun­gen ha­be ich wäh­rend der vier Mo­na­te, die ich in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu­brach­te, ei­ne Un­zahl von an­de­ren Vor­le­sun­gen und Vor­trä­gen ge­hal­ten. Die al­te Leh­re, daß man an den Glie­dern ge­straft wird, mit de­nen man ge­sün­digt hat, fand hier­bei ge­wis­ser­ma­ßen ih­re Be­stä­ti­gung. Hat­te ich die Leip­zi­ger Pro­fes­sur auf­ge­ge­ben, weil ich die mä­ßi­ge Last der re­gel­mä­ßi­gen Vor­le­sung nicht mehr tra­gen moch­te, so hat­te ich mir hier ei­ne un­ver­hält­nis­mä­ßig viel grö­ße­re Last an un­re­gel­mä­ßi­gen Vor­le­sun­gen zu­ge­zo­gen, die ich au­ßer­dem noch in der frem­den Spra­che hal­ten muß­te. Aber ich un­ter­zog mich ge­dul­dig die­ser Stra­fe, denn ich wuß­te, daß es sich nur um ei­ne ein­ma­li­ge An­stren­gung han­del­te, und nicht um ei­ne un­be­grenzt wie­der­keh­ren­de Be­an­spru­chung.

Die neu­en Kol­le­gen. Bil­lig fan­ge ich die­sen Ab­schnitt mit dem Prä­si­den­ten Charles Eli­ot an, der nicht nur amt­lich, son­dern auch geis­tig an der Spit­ze der Har­vard-Uni­ver­si­tät stand. Er war im Jah­re 1832 ge­bo­ren, war al­so 72 Jah­re alt, als ich ihn in Cam­bridge ken­nen lern­te. Ur­sprüng­lich hat­te er Che­mie stu­diert, wid­me­te aber seit lan­gem sei­ne un­ge­wöhn­li­che Be­ga­bung all­ge­mei­nen Kul­tur­ar­bei­ten. Auf die Schick­sa­le der Har­vard-Uni­ver­si­tät war er von größ­tem Ein­fluß ge­we­sen, in­dem er sie mit Er­folg im Sin­ne hö­he­rer wis­sen­schaft­li­cher Tä­tig­keit und Frei­heit aus­zu­ge­stal­ten sich be­müht hat­te. Un­ter sei­nen Amts­ge­nos­sen in Ame­ri­ka nahm er ei­ne an­er­kann­te Füh­rer­stel­lung ein, von der ich man­cher­lei Bei­spie­le er­leb­te.

Prä­si­dent Eli­ot war ei­ne ho­he, statt­li­che Er­schei­nung. Er hielt sich trotz sei­ner Jah­re stramm auf­recht; nach sei­ner Mit­tei­lung be­ruh­te dies auf täg­li­chen Turn­übun­gen, die er nie ver­säum­te. Das gro­ße, läng­li­che Ge­sicht von mehr Eng­li­schem als Ame­ri­ka­ni­schem Ty­pus war glatt ra­siert, bis auf ei­nen schma­len Ba­cken­bart. Es war wohl­ge­formt, aber ein­sei­tig durch ein gro­ßes Mal auf der lin­ken Ge­sichts­hälf­te ent­stellt. Sein Ver­hal­ten war ernst freund­lich und mehr wür­dig als herz­lich.

Ähn­lich war sei­ne Gat­tin be­schaf­fen, de­ren Ver­hal­ten an die Wür­de Eng­li­scher Bi­schofs­ge­mah­lin­nen ge­mahn­te doch trat bei nä­he­rer Be­kannt­schaft die ih­rem We­sen zu­grun­de lie­gen­de Gü­te her­vor.

Wir lern­ten uns mit den bei­der­sei­ti­gen Fa­mi­li­en bald nach mei­ner An­kunft et­was nä­her ken­nen, nach dem ich ihn als­bald nach mei­nem Ein­tref­fen in sei­nem Amts­zim­mer auf­ge­sucht und be­grüßt hat­te. Dies ge­schah im Hau­se der Mrs. Thay­er, der Schwie­ger­mut­ter des Pro­fes­sors Ri­chards, ei­ner äu­ßerst sym­pa­thi­schen Da­me, die seit lan­gem Wit­we war. Zu­ge­gen war au­ßer­dem nur Ri­chards. Der Abend ver­lief nach der Über­win­dung der ers­ten Steif­heit leb­haft und an­ge­regt, da un­se­re An­sich­ten über Wis­sen­schaft und Un­ter­richt viel­fach über­ein­stimm­ten, wenn auch Eli­ot als ge­üb­ter Men­schen­tech­ni­ker sich von mei­nem Ra­di­ka­lis­mus fern hielt. In­des­sen hat­te er doch schon vor län­ge­rer Zeit durch­ge­setzt, daß der nach Eng­li­schem Mus­ter über­nom­me­ne Zwang, der sämt­li­che Stu­den­ten zum Er­ler­nen des La­tein ver­pflich­te­te, ab­ge­schafft wur­de. Er hat­te Be­leg­frei­heit für al­le Fä­cher durch­ge­führt und die Stu­den­ten ver­an­laßt, in je­dem Fal­le an­zu­ge­ben, ob die be­leg­te Vor­le­sung zur Fach­bil­dung oder zur all­ge­mei­nen Bil­dung die­nen soll­te. Das Er­geb­nis war, wie er er­zähl­te, daß kein ein­zi­ger Stu­dent La­tein oder Grie­chisch we­gen all­ge­mei­ner Bil­dung be­legt hat­te. Hier sind uns al­so die Ame­ri­ka­ner schon seit ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert weit vor­aus ge­we­sen.

Ich hat­te den Ein­druck, daß wir uns an die­sem Abend un­ter ge­gen­sei­ti­gem Wohl­ge­fal­len trenn­ten und daß wir bei­der­seits mit Ver­trau­en auf den gu­ten Ab­lauf des neu­ar­ti­gen Ex­pe­ri­ments in die Zu­kunft schau­ten.

Auch in der spä­te­ren Zeit dau­er­te dies gu­te Ver­hält­nis fort. So brach­te er uns ei­nes Sonn­tags nach dem Land­haus ei­nes na­hen Ver­wand­ten, um uns ein wohl­er­hal­te­nes Stück neu­eng­li­scher und alt­ame­ri­ka­ni­scher Ko­lo­ni­al­kul­tur zu zei­gen. Es war ein statt­li­cher Be­sitz mit sehr gro­ßem, wohl­ge­pfleg­ten Park und ei­nem aus­ge­dehn­ten Land­hau­se, des­sen Aus­stat­tung sich ziem­lich un­ver­än­dert et­wa ein Jahr­hun­dert er­hal­ten hat­te: für die dor­ti­gen Ver­hält­nis­se ei­ne fast un­ab­seh­bar lan­ge Zeit. Die Zim­mer wirk­ten tat­säch­lich sehr ein­heit­lich und an­ge­nehm.

Die Fahrt ge­schah in zwei Ein­spän­nern. Den ei­nen lenk­te der Prä­si­dent selbst, der sei­ne und mei­ne Frau und mich fuhr. Den zwei­ten mit mei­nen Töch­tern führ­te sei­ne En­ke­lin Ruth, ein fri­sches Mäd­chen von et­wa 16 Jah­ren, die sich mit mei­nen Töch­tern schnell an­freun­de­te; ihr Groß­va­ter er­klär­te vor­her, daß sie ei­ne eben­so zu­ver­läs­si­ge Fah­re­rin sei, wie er selbst.

Da mei­ne Frau im Wa­gen ängst­lich ist, mach­te sie ge­le­gent­lich den Prä­si­den­ten auf ein schnell ent­ge­gen­kom­men­des Fahr­zeug auf­merk­sam. Das ver­letz­te ihn sicht­lich in sei­ner Fah­rer­eh­re und ob­wohl er es sich wei­ter nicht mer­ken ließ, muß­te ich doch spä­ter ein klei­nes Sin­ken am Ther­mo­me­ter un­se­rer Be­zie­hun­gen fest­stel­len.

Ge­sun­der Men­schen­ver­stand. Mei­ne gan­ze Hoch­ach­tung er­warb er sich bei ei­ner et­was spä­te­ren Ge­le­gen­heit. Es hat­ten im Herbst über­all die üb­li­chen Fuß­ball­wett­spie­le zwi­schen den ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten und Col­le­ges statt­ge­fun­den, mit dem Er­geb­nis, daß da­bei 17 Stu­den­ten ge­tö­tet wur­den. Dies wur­de in der Pres­se stärks­tens her­vor­ge­ho­ben und es ent­stand ei­ne tief­ge­hen­de Be­we­gung, die von ent­ge­gen­ge­setz­ten Ge­füh­len ge­tra­gen wur­de. Nun be­stand über das gan­ze Land ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on von be­ruf­li­chen Fach­män­nern des Fuß­balls, die bei je­nen Wett­kämp­fen als Trai­ner, Kampf­rich­ter usw. stark be­tei­ligt wa­ren. Man er­zähl­te mir, daß so­gar her­vor­ra­gen­de Spie­ler sich von dem oder je­nen Klub mie­ten lie­ßen, um in das Col­le­ge ein­zu­tre­ten, dem der Klub an­ge­hör­te, und die­sem bes­se­re Aus­sich­ten auf den Sieg zu si­chern.

Die­se Or­ga­ni­sa­ti­on war zu­fol­ge der öf­fent­li­chen Auf­re­gung um ih­ren Ein­fluß und ihr Ge­schäft be­sorgt ge­wor­den und be­rief des­halb ei­ne Ver­samm­lung al­ler Uni­ver­si­täts- und Col­le­ge­prä­si­den­ten ein, um über die An­ge­le­gen­heit zu be­ra­ten. In ei­nem of­fe­nen Brief, der als­bald durch die gan­ze Pres­se ging, lehn­te Prä­si­dent Eli­ot ab, sich an der Ver­samm­lung zu be­tei­li­gen. Denn, er­klär­te er, ich kann mir nicht den­ken, daß die­sel­ben Leu­te, un­ter de­ren Ein­fluß das Spiel die­se ro­he und le­bens­ge­fähr­li­che Be­schaf­fen­heit er­hal­ten hat, die rich­ti­gen Män­ner sein kön­nen, um es in der wün­schens­wer­ten und not­wen­di­gen Wei­se um­zu­ge­stal­ten. Für die Har­vard-Uni­ver­si­tät aber schaff­te er das all­jähr­li­che Wett­spiel ge­gen die be­nach­bar­te Yale-Uni­ver­si­tät, New Ha­ven, ab, das sich zu ei­ner ähn­li­chen na­tio­na­len An­ge­le­gen­heit ent­wi­ckelt hat­te, wie das jähr­li­che Wett­ru­dern zwi­schen den Eng­li­schen Uni­ver­si­tä­ten Ox­ford und Cam­bridge. Der wäh­rend mei­ner An­we­sen­heit aus­ge­foch­te­ne Kampf war bis auf wei­te­res der letz­te ge­we­sen.

Je­ne durch­grei­fen­de Be­mer­kung aber, daß ei­ne nö­ti­ge Re­form nicht si­che­rer ver­ei­telt wer­den kann, als in­dem man die bis­he­ri­gen Trä­ger der An­ge­le­gen­heit da­mit be­traut, die Ver­bes­se­rung vor­zu­sch­la­gen und durch­zu­füh­ren, ist ei­ne von den un­ver­geß­li­chen Er­leuch­tun­gen ge­we­sen, die ich von Zeit zu Zeit er­lebt ha­be. Wenn man sich fragt, wes­halb die von so vie­len Sei­ten ge­for­der­te Re­form des mitt­le­ren Schul­we­sens kei­ne Fort­schrit­te macht, braucht man nur die Zu­sam­men­set­zung der hier­für ein­ge­setz­ten Aus­schüs­se zu be­trach­ten, die fast aus­schließ­lich aus den bis­he­ri­gen Leh­rern und Schul­lei­tern be­stan­den, um die Er­klä­rung zu fin­den. Es ist in der Tat zu viel von ei­nem Men­schen ver­langt, daß er selbst sein Grab gräbt. Ein Fort­schritt kann erst an­ge­bahnt wer­den, wenn man je­ne Män­ner fragt, wel­che zu­nächst die Er­zeug­nis­se un­se­res Schul­be­trie­bes im prak­ti­schen Le­ben zu ver­wen­den ha­ben.

Das glei­che gilt in noch ver­stärk­tem Ma­ße für die po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se. Nie­mand zwei­felt dar­an, daß un­ser ge­gen­wär­ti­ger (1927) Par­la­men­ta­ris­mus schwer krank ist. Es ist aber voll­kom­men si­cher, daß nie ein par­la­men­ta­ri­scher Aus­schuß das Heil­mit­tel fin­den wird.

Für die Fuß­ball­schlach­ten war ein rie­si­ges Sta­di­on er­baut wor­den, das man weit über den Charles-Fluß (an wel­chem Cam­bridge liegt) leuch­ten sah. Wir wa­ren ein­ge­la­den, uns das Er­eig­nis an­zu­se­hen, kränk­ten aber un­se­re Ame­ri­ka­ni­schen Freun­de et­was durch un­se­re ent­schie­de­ne Wei­ge­rung, da wir an den Vor­übun­gen, die wir ge­le­gent­lich in Cam­bridge zu se­hen be­ka­men, völ­lig ge­nug hat­ten. Zu­fäl­lig hat­te ich auf den glei­chen Tag ei­ne Ein­la­dung nach Bos­ton an­ge­nom­men (na­tür­lich zum Zweck ei­nes Vor­trags, ich glau­be im Klub des 20. Jahr­hun­derts) und mich ei­ne Stun­de vor­her auf die Tram­bahn ge­setzt, da man mich auf Ver­zö­ge­run­gen ge­faßt ge­macht hat­te. Ich be­geg­ne­te aber ei­ner sol­chen Völ­ker­wan­de­rung, daß ich statt der nor­ma­len 30 Mi­nu­ten zwei und ei­ne hal­be Stun­de brauch­te, um zu mei­nem Ziel zu ge­lan­gen.

Prä­si­dent Eli­ot hat her­nach ei­ne gan­ze Rei­he von Jah­ren sein tä­ti­ges Le­ben trotz ho­hen Al­ters fort­ge­führt. Die Stel­lung des ak­ti­ven Uni­ver­si­täts­prä­si­den­ten gab er al­ler­dings nach ei­ni­ger Zeit auf, aber nur, um kul­tur­po­li­ti­sche Ar­beit von weit­grei­fen­der Be­schaf­fen­heit zu über­neh­men. Ins­be­son­de­re be­müh­te er sich um die Si­che­rung ei­nes dau­ern­den kul­tu­rel­len Ein­flus­ses der Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf Chi­na, ein Ge­dan­ke, der durch die in­zwi­schen er­folg­ten Er­eig­nis­se wohl sei­ne da­ma­li­ge Trag­wei­te dau­ernd ein­ge­büßt hat. Wäh­rend des Welt­krie­ges stell­te er sich Deutsch­land ge­gen­über aus­ge­spro­chen feind­se­lig ein. Er starb 1925, im 93. Le­bens­jah­re.

Wil­liam Ja­mes. Nächst dem Prä­si­den­ten hat­ten die größ­te Be­deu­tung für mei­ne Tä­tig­keit die drei Phi­lo­so­phen von Har­vard, Wil­liam Ja­mes, Jo­siah Roy­ce und Hu­go Mün­ster­berg.

Die äl­tes­ten Be­zie­hun­gen be­stan­den zu dem Psy­cho­lo­gen Wil­liam Ja­mes. Ich ha­be schon er­zählt (II, 303), wie er die­se durch ei­ne Post­kar­te an­ge­knüpft hat­te, die er un­mit­tel­bar nach dem Durch­le­sen mei­ner »Na­tur­phi­lo­so­phie« an mich rich­te­te. Die per­sön­li­che Be­kannt­schaft mit ihm ge­schah bei mei­nem Be­such in Har­vard nach dem Kon­greß von St. Louis (II, 427), wo wir ein län­ge­res, sehr an­re­gen­des Ge­spräch hat­ten. Be­son­ders ge­fiel ihm das Rea­gens zur Un­ter­schei­dung wirk­li­cher wis­sen­schaft­li­cher Pro­ble­me von Schein­pro­ble­men, das ich im An­schluß an E. Machs Her­aus­ar­bei­tung die­ses Ge­gen­sat­zes ent­wi­ckelt hat­te. Man den­ke sich, sag­te ich, die Ant­wort in ei­nem oder dem an­de­ren Sin­ne ge­ge­ben und un­ter­su­che als­dann, was sich in der Welt und un­se­rer Be­herr­schung der­sel­ben da­durch än­dern wür­de. Fin­det man kei­ne er­kenn­ba­re Än­de­rung, so ist es ein Schein­pro­blem. Fin­det man ei­ne Än­de­rung, so be­zeich­net die­se den Punkt, wo ein Ver­such zur Lö­sung er­folg­reich ein­set­zen kann. Das Ver­fah­ren er­in­nert an ge­wis­se, sehr frucht­ba­re ma­the­ma­ti­sche und geo­me­tri­sche Me­tho­den (z.B. die der un­be­stimm­ten Ko­ef­fi­zi­en­ten), bei de­nen man die Lö­sung for­mal als ge­ge­ben an­nimmt und da­durch die Be­din­gun­gen der wirk­li­chen Lö­sung aus­fin­dig macht. Ja­mes trug sich schon da­mals mit den Ge­dan­ken, de­ren Ge­samt­heit er spä­ter als Prag­ma­tis­mus be­zeich­ne­te, und fand sich in ih­nen durch das eben Ge­sag­te ge­för­dert.

Wil­liam Ja­mes war 1842 in New York als Sohn ei­nes nam­haf­ten Schrift­stel­lers ge­bo­ren, al­so elf Jah­re äl­ter als ich. Als ich ihn ken­nen lern­te, war er ein äu­ßerst leb­haf­ter Mann von Mit­tel­grö­ße, zier­li­chem Kör­per­bau und aus­drucks­vol­lem Ge­sicht. Das brau­ne Haupt­haar war stark ge­lich­tet, der gleich­far­bi­ge kur­ze Voll­bart mit Grau durch­setzt. Sein We­sen war durch ein Ge­misch von Künst­ler­tum und Kind­lich­keit – bei­de ste­hen sich ja oh­ne­hin na­he – ge­kenn­zeich­net. Er war durch­aus of­fen und man konn­te im Ge­spräch mit ihm deut­lich be­ob­ach­ten, wie er ei­nen Ge­dan­ken auf­nahm, ihn sehr schnell ver­ar­bei­te­te, um dann in le­ben­dig-per­sön­li­cher Wei­se zu ant­wor­ten.

In Ame­ri­ka ist es üb­lich, daß die An­säs­si­gen dem Neu­ge­kom­me­nen zu­erst ih­ren Be­such ma­chen, und zwar ist die Be­suchs­zeit zwi­schen 8 und 10 Uhr abends, nach dem Din­ner. Ja­mes war un­ter den ers­ten, die uns auf­such­ten. Er bahn­te als­bald ei­nen zwang­lo­sen Ver­kehr von Haus zu Haus an und stell­te als hei­te­rer On­kel ein le­ben­di­ges Ver­hält­nis zu den Mei­nen her.

Sei­ne Frau er­wies sich als ei­ne sehr lie­be Da­me von still­freund­li­chem We­sen, die das zu­wei­len et­was stür­mi­sche Ge­ha­ben ih­res Man­nes wohl­tä­tig dämpf­te. Au­ßer­dem wa­ren ei­ni­ge er­wach­se­ne Söh­ne und Töch­ter im Hau­se, in de­nen das Erb­gut der El­tern sich leicht er­kenn­bar gel­tend mach­te.

Am Ka­min in Ja­mes‘ Stu­dier­zim­mer ha­be ich in der Fol­ge­zeit wie­der­holt ge­ses­sen und mit ihm und an­de­ren Be­su­chern in­ter­es­san­te und hei­te­re Stun­den ver­plau­dert.

Der Haus­herr er­zähl­te gern, wie er gleich­sam oh­ne Wis­sen und Wol­len in die aka­de­mi­sche Lauf­bahn ge­ra­ten war. Er hat­te auf Grund pri­va­ter Stu­di­en ei­ni­ge Ar­bei­ten über Psy­cho­lo­gie ver­öf­fent­licht, oh­ne Vor­le­sun­gen über die­se Wis­sen­schaft be­sucht zu ha­ben und wur­de we­gen die­ser Schrif­ten zum Pro­fes­sor be­ru­fen. Mei­ne ei­ge­ne An­tritts­vor­le­sung, sag­te er, war das ers­te Kol­leg, das ich in mei­nem gan­zen Le­ben über Psy­cho­lo­gie ge­hört ha­be; Sie kön­nen sich den­ken, wie auf­ge­regt ich da­bei war.

Aus den Vor­le­sun­gen an der Har­vard-Uni­ver­si­tät ist dann die grund­le­gen­de zwei­bän­di­ge »Psy­cho­lo­gie« ent­stan­den, die sei­nen Na­men weit be­kannt ge­macht hat. Spä­ter hat er wie­der­holt und kräf­tig in die zeit­ge­nös­si­sche Ge­dan­ken­ent­wick­lung ein­ge­grif­fen, vor al­lem durch die en­er­gi­sche For­de­rung ei­ner prak­ti­schen, auf das Le­ben an­wend­ba­ren Phi­lo­so­phie.

Es ist be­kannt, wie stark die von ihm an­ge­reg­te Phi­lo­so­phie des Prag­ma­tis­mus auf die Zeit­ge­nos­sen ein­ge­wirkt hat. Zu­nächst auf die Ame­ri­ka­ner, doch wur­de bald ei­ne all­ge­mei­ne Kul­tur­be­we­gung dar­aus. Die künst­le­ri­sche Sei­te sei­nes We­sens be­wirk­te, daß die­se Be­we­gung ei­ne deut­li­che Ab­wen­dung von der rein ge­dank­li­chen Be­tä­ti­gung auf­wies, wie sie sich et­wa bei Mach (und wohl auch bei mir) ent­wi­ckelt hat­te und wohl­wol­lend Füh­lung mit der Kir­che nahm, de­ren jahr­tau­send­al­te prak­ti­sche Er­fah­rung er nicht un­ge­nutzt las­sen woll­te. Nun hat sich in un­se­rer Zeit mehr und mehr bei der Kir­che die wich­ti­ge Ein­sicht gel­tend ge­macht, daß der frü­he­re un­be­ding­te Kampf ge­gen die Wis­sen­schaft der Kir­che viel mehr scha­det als nützt. Statt des­sen ist die heu­ti­ge Po­li­tik viel­mehr dar­auf ge­rich­tet, für den Kampf ge­gen die Vor­herr­schaft der Wis­sen­schaft Bun­des­ge­nos­sen in de­ren ei­ge­nem La­ger zu su­chen. Sol­che fin­den sich im­mer un­ter den Geg­nern, wel­che bei kei­nem er­heb­li­chen Fort­schritt aus­blei­ben, durch wel­chen man­cher­lei äl­te­re Ge­wohn­hei­ten ge­stört wer­den, die den In­ha­bern als Rech­te gel­ten. Ei­ne an­de­re Grup­pe von Bun­des­ge­nos­sen fin­det sich un­ter sol­chen, die mit un­zu­läng­li­chen Ge­dan­ken die Wis­sen­schaft zu be­ein­flus­sen ver­sucht ha­ben und die Grün­de für die er­fah­re­ne Nicht­be­ach­tung oder Zu­rück­wei­sung nicht bei sich, son­dern bei den Ver­tre­tern der Wis­sen­schaft su­chen. So kann heu­te je­de Wen­dung, wel­che auf ei­ne Un­zu­läng­lich­keit der Wis­sen­schaft hin­weist, als­bald auf stil­le oder lau­te, je­den­falls aber tä­ti­ge und auch oft wirk­sa­me Un­ter­stüt­zung je­ner Krei­se rech­nen, durch wel­che oft weit­rei­chen­de, wenn auch nicht im­mer dau­er­haf­te po­pu­lä­re Er­fol­ge er­reicht wer­den. Mit die­sem Schlüs­sel wird man nicht we­ni­ge Er­schei­nun­gen un­se­res heu­ti­gen Geis­tes­le­bens ver­ste­hen ler­nen, auch wo man zu­nächst gar nicht an sol­che Zu­sam­men­hän­ge ge­dacht hat.

Auch der sehr star­ke po­pu­lä­re Er­folg, den W. Ja­mes teil­wei­se er­ziel­te, kann auf die­se Rech­nung ge­bucht wer­den. Denn der Ein­fluß der Kir­che war und ist in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten au­ßer­or­dent­lich groß, ob­wohl er nicht, wie viel­fach in Eu­ro­pa durch die Or­ga­ne des Staa­tes un­ter­stützt wird. Die Frei­heit von den Fes­seln ge­sell­schaft­li­cher Über­lie­fe­rung, die schon Goe­the be­nei­dens­wert ge­fun­den hat­te (Ame­ri­ka, du hast es bes­ser, als un­ser Kon­ti­nent, der al­te! Hast kei­ne ver­fal­le­nen Schlös­ser), hat dort den füh­ren­den Per­so­nen der Kir­che ein sehr kräf­ti­ges Ein­grei­fen in das prak­ti­sche Le­ben durch die An­wen­dung von Mit­teln zur Be­ein­flus­sung der Men­schen­see­le er­mög­licht, die in Eu­ro­pa nicht üb­lich wa­ren und sind.

Selbst­ver­nich­tung. An die­ser von ihm ent­fach­ten Be­we­gung ist Wil­liam Ja­mes dann nach we­ni­gen Jah­ren (1910) zu­grun­de ge­gan­gen. Mit tie­fem Schreck las ich kurz vor sei­nem To­de ei­nen Auf­satz von ihm, in wel­chem er die Ent­de­ckung ver­kün­de­te, daß der Mensch über un­ver­gleich­lich viel grö­ße­re Kräf­te ver­fü­ge, als ge­wöhn­lich an­ge­nom­men wird. Bis­her ha­be man ge­glaubt, daß die nach der Ar­beit ein­tre­ten­de Er­mü­dung die Gren­ze der Ar­beits­fä­hig­keit des ein­zel­nen be­stim­me. Das sei aber ein Irr­tum. Man brau­che nur durch ei­ne en­er­gi­sche Wil­lens­be­tä­ti­gung das Er­mü­dungs­ge­fühl zu un­ter­drü­cken, um an­fangs schwer, spä­ter leicht noch gro­ße Men­gen wei­te­rer Ar­beit aus sich her­aus­ho­len zu kön­nen; zu­letzt ver­schwin­de die Er­mü­dung ganz, und man kön­ne fast un­be­grenzt ar­bei­ten.

Mir wa­ren sol­che Ge­dan­ken nicht un­be­kannt. Aber ich kann­te auch die schwe­re Ge­fahr, die mit ih­nen ver­bun­den ist. Es han­delt sich näm­lich dar­um, daß die als War­nungs­zei­chen vom Le­be­we­sen ent­wi­ckel­ten Er­mü­dungs- und Er­schöp­fungs­ein­rich­tun­gen ver­ge­wal­tigt und zer­bro­chen wer­den. Je­ne Ein­rich­tun­gen ha­ben sich aus­ge­bil­det, um das Le­be­we­sen ge­gen die schwe­ren und nicht wie­der gut zu ma­chen­den Schä­di­gun­gen zu schüt­zen, wel­che durch die Über­an­stren­gung der Or­ga­ne be­wirkt wer­den; durch sie blei­ben die­se tüch­tig für dau­ern­den Ge­brauch. Wird aber die­ser Schutz un­wirk­sam ge­macht, so fehlt die War­nung vor sol­cher Selbst­ver­nich­tung; ja, die­se ver­bin­det sich durch die ge­gen­sätz­li­che Ein­stel­lung mit po­si­ti­ven Glücks­ge­füh­len.

Sol­che Ge­füh­le brach­te Ja­mes in sei­nem Auf­satz zum Aus­druck; ich muß­te al­so bei ihm den un­ver­meid­li­chen Zu­sam­men­bruch er­war­ten, was mir bei mei­ner freund­schaft­li­chen Ge­sin­nung für ihn ernst­li­chen Kum­mer mach­te. Es kam noch schlim­mer, als ich er­war­tet hat­te: nicht nur ein geis­ti­ger Zu­sam­men­bruch, son­dern auch ein kör­per­li­cher, der ihn bald da­hin­raff­te. Und ich muß­te mir sa­gen, daß die­ser Aus­gang viel­leicht doch für ihn das bes­se­re Teil be­deu­te­te, denn ein Da­sein er­zwun­ge­ner Ta­ten­lo­sig­keit zu­fol­ge geis­ti­gen Zu­sam­men­bru­ches wä­re ihm vor­aus­sicht­lich un­er­träg­lich ge­wor­den.

Jo­siah Roy­ce. Ver­tre­ter der Phi­lo­so­phie nach der Sei­te der Me­ta­phy­sik war Jo­siah Roy­ce. Er war et­was äl­ter als Ja­mes und hielt mit ihm gu­te Freund­schaft, was un­ter Phi­lo­so­phen ei­ni­ger­ma­ßen als Merk­wür­dig­keit her­vor­ge­ho­ben zu wer­den ver­dient. Äu­ßer­lich und in­ner­lich stand er in spaß­haf­tem Ge­gen­satz zu sei­nem Freun­de und Kol­le­gen. Zwar hat­ten bei­de et­wa glei­che Kör­per­hö­he; Roy­ce war aber be­leibt und rund, mit ver­hält­nis­mä­ßig dün­nen Ar­men und Bei­nen, so daß er mit sei­nen vor­ste­hen­den Au­gen an ei­nen Frosch er­in­ner­te. Das Haar war blond und spär­lich, die Au­gen hell, das glat­te Ge­sicht ro­sig. In sei­nem We­sen war er dem Deut­schen Pro­fes­sor der Flie­gen­den Blät­ter so ähn­lich, daß ich die­sen Ty­pus für in­ter­na­tio­nal hal­ten muß, nur daß er in Deutsch­land of­fen­bar viel häu­fi­ger vor­kommt, als an­ders­wo.

Die Be­deu­tung sei­ner Phi­lo­so­phie wa­ge ich nicht zu be­ur­tei­len; sie liegt, so­weit vor­han­den, nach der ent­ge­gen­ge­setz­ten Sei­te im Ver­hält­nis zu mei­nen Be­mü­hun­gen. Er ver­dank­te sein An­se­hen gleich­falls ei­nem zwei­bän­di­gen Werk, des­sen Ti­tel ich nicht mehr ge­nau an­ge­ben kann, er hieß et­wa: Die Welt und das In­di­vi­du­um. Ich hat­te es ne­ben ei­ni­gen an­de­ren Bü­chern füh­ren­der ame­ri­ka­ni­scher Phi­lo­so­phen mir als­bald aus der Uni­ver­si­täts­bü­che­rei be­schafft, um ei­nen Ein­blick in die Ge­dan­ken­welt mei­ner neu­en Kol­le­gen zu ge­win­nen; es war mir aber nicht leicht, mich zu­recht­zu­fin­den. Ei­ner­seits war mir der star­ke Wirk­lich­keits­sinn will­kom­men, der mir viel­fach ent­ge­gen­trat und in an­ge­neh­mem Ge­gen­satz zu der frucht­lo­sen Scho­las­tik stand, die da­mals in Deutsch­land un­ter den Na­men Er­kennt­nis­theo­rie mit dem vom Fort­gang der ex­ak­ten Wis­sen­schaf­ten längst über­hol­ten Ge­dan­ken­gut aus Kants Kri­ti­ken ge­trie­ben wur­de. An­de­rer­seits aber muß­te ich fest­stel­len, daß die Los­lö­sung der Phi­lo­so­phie von der Theo­lo­gie, wel­che die Vor­aus­set­zung ih­rer frei­en Ent­wick­lung ist, in Ame­ri­ka sich noch fast nir­gend voll­zo­gen hat­te, wie­der­um im Ge­gen­satz zu den Deut­schen Ver­hält­nis­sen, wo­bei wir dies­mal die Vor­ge­schrit­te­nen sind. Als äu­ße­res Zei­chen da­für mag die­nen, daß die er­wähn­ten Wer­ke al­le ge­gen den Schluß län­ge­re Ka­pi­tel mit der Über­schrift God oder ähn­lich ent­hiel­ten, zu dem Zweck, ei­nen An­schluß des üb­ri­gen In­halts an die Theo­lo­gie her­zu­stel­len. In der deut­schen phi­lo­so­phi­schen Li­te­ra­tur fin­det sich der­ar­ti­ges da­ge­gen nur als Aus­nah­me.

Pro­fes­sor Roy­ce er­in­ner­te an So­kra­tes nicht nur durch sei­ne äu­ße­re Er­schei­nung, son­dern auch durch sei­ne ste­te Be­reit­schaft, phi­lo­so­phi­sche Ge­sprä­che auf Markt und Stra­ße zu be­gin­nen; sie konn­ten nur durch An­wen­dung von Ge­walt von der an­de­ren Sei­te ab­ge­bro­chen wer­den. Nach­dem er mich ei­ni­ge Ma­le in sol­cher Wei­se ein­ge­fan­gen und fest­ge­hal­ten hat­te, bis ich mich, et­wa un­ter Ver­lust ei­nes Rock­knop­fes be­frei­te, ver­mied ich auf der Stra­ße ihm zu be­geg­nen. Man konn­te ihm leicht aus­wei­chen, denn er war meist so tief in Ge­dan­ken ver­sun­ken, daß er nicht um sich sah.

In An­we­sen­heit An­de­rer war er na­tür­lich nicht so ge­fähr­lich und man konn­te sich der rest­lo­sen Hin­ga­be und Auf­rich­tig­keit er­freu­en, mit de­nen er sei­ne Ge­dan­ken ver­folg­te und ent­wi­ckel­te. Auch war er ein gu­ter und an­re­gen­der Leh­rer, wie ich er­ken­nen konn­te, als ich ein­mal das von ihm ge­lei­te­te phi­lo­so­phi­sche Kol­lo­qui­um für Stu­den­ten mit­mach­te. Daß ich mich an der Be­sp­re­chung der von ihm auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge leb­haft be­tei­lig­te, hat er mir her­nach noch be­son­ders herz­lich ge­dankt.

Roy­ce war gleich­falls ver­hei­ra­tet und hat­te er­wach­se­ne Kin­der. Der Ge­gen­satz der Tem­pe­ra­men­te, der mir beim Ehe­paar Ja­mes auf­ge­fal­len war, wie­der­hol­te sich bei den Roy­ces, nur um­ge­kehrt. Denn dies­mal war die Frau leb­haft und welt­kun­dig; sie hat­te dunk­le Haa­re und Au­gen und ein über­aus be­weg­li­ches Ge­sicht, mit dem sie ih­re Wor­te be­glei­te­te und er­läu­ter­te. Auch hier er­fuh­ren wir herz­li­che hä­us­li­che Gast­lich­keit.

Hu­go Mün­ster­berg. We­sent­lich ver­schie­den von dem Paar Ja­mes-Roy­ce war der drit­te Phi­lo­soph in Har­ward, Hu­go Mün­ster­berg. Ich hat­te ihn als ei­nen der Or­ga­ni­sa­to­ren und Ein­la­der des Kon­gres­ses von St. Louis in Leip­zig ken­nen ge­lernt und in St. Louis und Cam­bridge wie­der­ge­se­hen; sei­ne Er­schei­nung fin­det sich II, 396 be­schrie­ben. Er stamm­te aus Deutsch­land, war Wundts Schü­ler ge­we­sen, schloß sich aber spä­ter der ein­fluß­rei­chen, von Win­del­band ge­führ­ten süd­deut­schen Grup­pe an, die sich in schar­fem Ge­gen­satz zu Wundts na­tur­wis­sen­schaft­lich be­grün­de­ter Ar­beits- und Denk­wei­se ge­stellt hat­te. Die­se Ge­gen­sätz­lich­keit sprach sich auch in sei­ner Lehr­tä­tig­keit aus: ei­ner­seits pfleg­te er die ex­pe­ri­men­tel­le Psy­cho­phy­sik, wie sie von Wundt be­grün­det war, an­de­rer­seits ver­trat er in Wort und Schrift ei­ne sehr abs­trak­te Me­ta­phy­sik des Geis­tes, in wel­che ein­zu­drin­gen ich nach ei­ni­gen ver­geb­li­chen Ver­su­chen auf­ge­ge­ben hat­te.

Auch in sei­nem We­sen un­ter­schied er sich stark von den Kol­le­gen. Er war be­deu­tend jün­ger als sie (und auch als ich), denn er war 1863 ge­bo­ren und wäh­rend je­ne of­fen­bar ent­schlos­sen wa­ren, ihr Le­ben un­ter den vor­han­de­nen zu­frie­den­stel­len­den Be­din­gun­gen fried­lich zu En­de zu füh­ren, schau­te Mün­ster­berg deut­lich er­kenn­bar nach ei­ner glän­zen­de­ren Kar­rie­re aus, als ihm die Har­ward-Uni­ver­si­tät bie­ten konn­te. Ob er sie zu­nächst in Ge­stalt ei­ner Deut­schen Pro­fes­sur such­te oder ob er an­de­re Ame­ri­ka­ni­sche Mög­lich­kei­ten im Au­ge hat­te, weiß ich nicht. Ver­mut­lich hat­te er mehr als ein Ei­sen im Feu­er.

Ein herz­li­ches Ver­hält­nis stell­te sich we­der zwi­schen uns bei­den her, noch auch zwi­schen un­se­ren Fa­mi­li­en, ob­wohl es nicht an Ent­ge­gen­kom­men fehl­te. Der sehr stark aus­ge­präg­te per­sön­li­che Ehr­geiz, den ich als den grund­le­gen­den Be­stand­teil sei­nes We­sens emp­fand, ver­hin­der­te ein Nä­her­tre­ten, zu­mal sei­ne wis­sen­schaft­li­che Be­tä­ti­gung kei­nes­wegs an­zie­hend auf mich wirk­te. Auch wur­de ich spä­ter von dor­ti­gen Freun­den auf­merk­sam ge­macht, daß ge­wis­se Hem­mungs­ver­su­che, die sich ge­gen mei­ne Tä­tig­keit rich­te­ten, von dort ih­ren Aus­gang ge­nom­men hat­ten. So en­de­ten un­se­re Be­zie­hun­gen mit mei­ner Ab­rei­se von Cam­bridge.

Th. W. Ri­chards. Auch mit dem Kol­le­gen von der an­de­ren Wis­sen­schaft ver­ban­den mich äl­te­re Be­zie­hun­gen an­ge­neh­mer Art. Pro­fes­sor der Che­mie war und ist in Har­ward Theo­do­re Wil­liam Ri­chards, ein noch jun­ger For­scher, ge­bo­ren 1868, da­mals al­so 36 Jah­re alt. Ich ha­be schon be­rich­tet, daß er ei­nen Teil sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Wan­der­jah­re in Leip­zig zu­ge­bracht hat­te, und daß von je­ner Zeit ei­ne ge­gen­sei­ti­ge Zu­nei­gung uns das Zu­sam­men­ar­bei­ten in Har­vard be­son­ders will­kom­men ge­macht hat­te. Er war der Sohn ei­nes nam­haf­ten Ma­lers und hat­te als Erb­gut ein Stück künst­le­ri­scher Nei­gung und Ge­sin­nung über­kom­men, die durch ei­ne sorg­fäl­ti­ge und er­folg­rei­che Er­zie­hung ge­stei­gert und ver­edelt war. Per­sön­lich stell­te er sich als ein hübsch ge­wach­se­ner Mann von zar­tem Kno­chen­bau, un­ter mitt­le­rer Grö­ße mit schma­lem, re­gel­mä­ßi­gen Ge­sicht und et­was ge­lock­tem brau­nen Haar dar. Sei­ne eben­so zier­li­che wie herz­li­che Höf­lich­keit, die der un­ver­stell­te Aus­druck ei­ner ent­sp­re­chen­den Ge­sin­nung war, nahm Je­der­mann als­bald für ihn ein; in­so­fern hat­te er gar nichts von dem Ame­ri­ka­ner, wie man sich ihn ge­wöhn­lich vor­stellt. Wohl aber er­wies er sich als ein An­ge­hö­ri­ger je­ner kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on der al­ten ko­lo­nia­len Fa­mi­li­en Neu­eng­lands, de­ren Ver­tre­ter man be­son­ders in Bos­ton fin­det. Man kennt sie mehr von ih­rer ko­mi­schen Sei­te, die durch das Selbst­be­wußt­sein her­vor­ge­ru­fen wird, mit wel­chem sie den Ab­stand zwi­schen sich und ih­ren spä­ter zu­ge­wan­der­ten Lands­leu­ten emp­fin­den und be­to­nen. Doch ist tat­säch­lich ein sehr ach­tungs­wer­tes Stück von ech­tem Idea­lis­mus in die­sen Krei­sen vor­han­den, der sich un­ter an­de­rem in der Frei­ge­big­keit be­tä­tigt, mit wel­cher in Bos­ton kul­tu­rel­le Un­ter­neh­mun­gen aus­ge­führt und un­ter­stützt wer­den.

Ri­chards war ver­hei­ra­tet und hat­te be­reits zwei oder drei Kin­der, die un­ge­wöhn­lich schön wa­ren, aber ei­nen et­was schwäch­li­chen Ein­druck mach­ten. Sei­ne Frau er­war­te­te eben ein wei­te­res, was zur­zeit ei­ne hä­us­li­che Gast­lich­keit aus­schloß. Sie war au­ßer­dem in ho­hem Ma­ße ner­ven­lei­dend; dies war zum gro­ßen Teil durch ei­nen schwe­ren Un­glücks­fall ver­an­laßt, durch wel­chen vor ih­ren Au­gen meh­re­re ihr na­he­ste­hen­de Men­schen zu­grun­de ge­gan­gen wa­ren. Sei­ne Schwie­ger­mut­ter leb­te gleich­falls in Cam­bridge und ich ha­be schon er­zählt, daß in ih­rem Hau­se die ers­te ge­sell­schaft­li­che Be­rüh­rung mit Har­vard statt­fand.

In wis­sen­schaft­li­cher Be­zie­hung stand Ri­chards mir na­he; doch war die Rich­tung sei­ner For­schun­gen un­ab­hän­gig von der sehr be­stimmt ge­zeich­ne­ten Li­nie, wel­che wir in Leip­zig ver­folgt hat­ten. Der Bel­gi­sche For­scher J.S. Stas hat­te im zwei­ten Drit­tel des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts durch ei­ne Rei­he von Mes­sun­gen der Atom­ge­wich­te, die in un­ge­wöhn­li­chem Maß­sta­be un­ter­nom­men und mit un­ge­wöhn­li­cher En­er­gie durch­ge­führt wa­ren, ei­ne Art Hyp­no­se bei den Che­mi­kern her­vor­ge­ru­fen, als sei nun der Hö­he­punkt sol­cher Ar­bei­ten er­reicht und als könn­ten die­se nur ver­voll­stän­digt, aber nicht ver­bes­sert wer­den. Da­bei war un­be­ach­tet ge­blie­ben, daß sei­ne Mes­sun­gen ei­gent­lich mit ei­nem in­ne­ren Wi­der­spruch, ei­ner un­auf­ge­lös­ten Dis­so­nanz ge­en­det hat­ten.

All­mäh­lich trat die­ser Wi­der­spruch zu­ta­ge, als neue un­ab­hän­gi­ge Mes­sun­gen zwar un­ter sich, nicht aber mit den von Stas an­ge­ge­be­nen Zah­len über­ein­stimm­ten. Es kos­te­te ei­ne nicht ge­rin­ge Mü­he, je­ne Hyp­no­se zu über­win­den und die Ar­beit an den Atom­ge­wich­ten neu zu be­gin­nen. Dies ge­schah von meh­re­ren Sei­ten, am aus­ge­dehn­tes­ten und er­folg­reichs­ten von Th. W. Ri­chards, der da­bei ei­ge­ne, selb­stän­di­ge We­ge ging.

Ri­chards hat­te nicht nur die Fä­hig­keit, selbst hoch­gra­dig ge­naue und zu­ver­läs­si­ge Ar­beit zu leis­ten, son­dern auch noch die an­de­re, sel­te­ne­re, ge­eig­ne­te Schü­ler zu gleich­wer­ti­gen Leis­tun­gen her­an­zu­zie­hen und zu ent­wi­ckeln. Das be­rühr­te sich mit Din­gen, wel­che ei­nen gro­ßen Teil mei­nes ei­ge­nen Le­bens als Haupt­zweck er­füllt hat­ten, und ich ließ mich da­her von ihm mit be­son­de­rer Freu­de in sein La­bo­ra­to­ri­um und sei­nen Un­ter­richts­be­trieb ein­füh­ren.

Al­les dies wirk­te zu­sam­men, daß mir un­ter mei­nen neu­en Kol­le­gen Ri­chards am nächs­ten kam und ich glau­be an­neh­men zu dür­fen, daß das Wohl­ge­fal­len ge­gen­sei­tig war. Lei­der ha­be ich mei­ner schlech­ten Ge­wohn­heit zu­fol­ge ver­säumt, her­nach das Ver­hält­nis durch ge­le­gent­li­che Brie­fe auf­recht zu er­hal­ten. Auch als er spä­ter sei­ner­seits als Aus­tausch­pro­fes­sor nach Ber­lin kam, ha­be ich mich durch das Miß­lin­gen ei­nes Ver­su­ches, ihn zu se­hen, von wei­te­ren der­ar­ti­gen Ver­su­chen ab­hal­ten las­sen und eben­so ha­be ich un­ter­las­sen, ihn als Kol­le­gen zu be­grü­ßen, als er den No­bel­preis er­hal­ten hat­te, zu dem ich ihn ei­ne Rei­he von Jah­ren vor­her wie­der­holt oh­ne Er­folg vor­ge­sch­la­gen hat­te. In jun­gen Jah­ren geht man mit Freund­schaf­ten um, wie mit den Blu­men auf der Wie­se, bei de­nen man nicht dar­an denkt, ei­ne ein­zel­ne be­son­ders zu pfle­gen. Im Al­ter merkt man zu spät, daß auch die­se Gü­ter nicht un­be­grenzt vor­han­den sind.

An­de­re Kol­le­gen. Im Lau­fe des Vier­tel­jahrs, das ich in Cam­bridge zu­brach­te, ha­be ich fast al­le dor­ti­gen Kol­le­gen ken­nen ge­lernt und mit vie­len in­ter­es­san­te und lehr­rei­che Ge­sprä­che ge­habt. Aber die Be­zie­hun­gen wa­ren zu kurz und sel­ten, als daß sich ein nä­he­res Ver­hält­nis hät­te ent­wi­ckeln kön­nen. So ha­be ich an­ge­neh­me Er­in­ne­run­gen an den Phy­si­ker Hall, die Ma­the­ma­ti­ker Hun­ting­ton und Peir­ce und man­che an­de­re be­wahrt, doch sind die­se Fä­den meist mit mei­nem Fort­gang ab­ge­ris­sen.

Nur ei­nes Man­nes möch­te ich noch hier ge­den­ken, der da­mals schon hoch be­jahrt, in­zwi­schen längst zur Ru­he ein­ge­gan­gen ist, Charles Nor­ton. Ich hat­te ihn in ei­nem Klub ken­nen ge­lernt, zu wel­chem W. Ja­mes mich wie­der­holt mit­ge­nom­men hat­te und der die geis­tig reg­sams­ten Män­ner von Bos­ton und Cam­bridge al­le zwei Wo­chen zu­sam­men­führ­te; wie er sich nann­te, ha­be ich ver­ges­sen. Hier­bei ge­riet ich wie­der­holt mit ei­nem al­ten klei­nen Herrn in ein Ge­spräch, das uns bei­de leb­haft fes­sel­te. Ich hat­te sei­nen Na­men nicht ver­stan­den, wie das meist geht, und frag­te ge­le­gent­lich Ja­mes dar­nach. Er nann­te ihn mir und be­schrieb mir den Mann nä­her, da mir der Na­me un­be­kannt war. Er war frü­her Pro­fes­sor für Li­te­ra­tur- und Kunst­ge­schich­te in Har­vard ge­we­sen und hat­te ei­nen sehr star­ken Ein­fluß auf die geis­ti­ge Ent­wick­lung der Uni­ver­si­tät aus­ge­übt. Mit Rus­kin, dem be­rühm­ten eng­li­schen Kunst­phi­lo­so­phen, war er be­freun­det ge­we­sen, eben­so hat­te er Emer­son und Dar­win gut ge­kannt. Ge­gen­wär­tig leb­te er im Ru­he­stan­de in sei­nem Hau­se »Schat­ten­hü­gel« (shady hill) in Cam­bridge.

Bei der nächs­ten Be­geg­nung mit Nor­ton hat­ten wir uns so viel zu sa­gen, daß er mich ein­lud, ihn wann ich woll­te abends zu be­su­chen, da er fast im­mer zu Hau­se sei. Ich mach­te von die­sem Vor­recht mehr­fach Ge­brauch und ha­be an sei­nem Ka­min Aben­de ver­bracht, de­ren kla­rer und sanf­ter Klang noch heu­te in mir nach­hallt. Mit ihm leb­ten zwei un­ver­hei­ra­te­te Töch­ter, bei­de weit über die Mäd­chen­jah­re hin­aus, ru­hig und schweig­sam, aber un­se­ren Ge­sprä­chen auf­merk­sam fol­gend, von de­nen na­ment­lich ei­ne in ih­ren blü­hen­den Jah­ren un­ge­wöhn­lich schön ge­we­sen sein muß­te; sie trug den Aus­druck ei­nes schwer über­wun­de­nen Schick­sals im Ge­sicht.

Ich wüß­te nicht mehr zu be­rich­ten, über wel­che Ge­gen­stän­de sich un­se­re Wech­sel­re­de be­wegt hat, doch weiß ich, daß ich von Nor­ton im­mer wie­der nach­denk­li­che und an­re­gen­de Aus­kunft er­hielt. Der Ver­kehr mit ihm er­in­ner­te mich viel­fach an die Jah­re, da ich mit Karl Lud­wig mich aus­sp­re­chen durf­te, dem er auch kör­per­lich et­was ähn­lich war, trotz des tief­grei­fen­den Un­ter­schie­des in dem Ge­dan­ken­krei­se und in der Welt­an­schau­ung bei­der Män­ner. Auch war Nor­ton viel mil­der in sei­nem Ur­teil über Men­schen und Din­ge. Viel­leicht ist es auf An­re­gun­gen zu­rück­zu­füh­ren, die ich da­mals emp­fing, daß ich mich spä­ter zu­neh­mend mit kunst­wis­sen­schaft­li­chen (in ei­nem neu­en Sin­ne) und kunst­phi­lo­so­phi­schen Fra­gen be­schäf­tigt ha­be, doch könn­te ich kei­ne be­wuß­ten Ver­bin­dungs­fä­den auf­wei­sen.

Be­zie­hun­gen zu Bos­ton. In Bos­ton be­fand sich das Mas­sa­chu­setts In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy, ei­ne tech­ni­sche Hoch­schu­le von gro­ßer Aus­deh­nung und gu­ter Or­ga­ni­sa­ti­on. Dort wirk­ten als Pro­fes­so­ren der Che­mie und Phy­sik zwei frü­he­re Schü­ler, der Che­mi­ker Ar­thur A. Noyes (II, 50) und der Phy­si­ker H.M. Good­win. Bei­de hat­ten aus ih­rer Stu­di­en­zeit in Leip­zig ei­ne war­me An­häng­lich­keit für mich und die Mei­nen her­über­ge­nom­men, die sich in viel­fa­chen Be­mü­hun­gen äu­ßer­ten, uns an­ge­neh­me Ein­drü­cke von ih­rem Va­ter­lan­de zu ver­schaf­fen. Ein Ge­spräch ge­le­gent­lich ei­nes im engs­ten Krei­se ver­lau­fen­den Abend­es­sens bei Noyes ist mir in der Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Es war von den Mit­teln die Re­de, die wis­sen­schaft­li­che Ar­beit in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten hö­her zu ent­wi­ckeln und ich wies auf den er­staun­lich gro­ßen Ein­fluß der Zeit und die Not­wen­dig­keit ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Tra­di­ti­on zur Her­vor­brin­gung reich­li­cher und dau­ern­der Hoch­leis­tun­gen hin. Als Bei­spiel konn­te ich die Clark-Uni­ver­si­tät an­füh­ren, die vor et­wa zehn Jah­ren mit sehr gro­ßen Mit­teln und der aus­ge­spro­che­nen Ab­sicht ge­grün­det wor­den war, ei­ne Ver­ei­ni­gung der bes­ten For­scher oh­ne Rück­sicht auf die Kos­ten her­zu­stel­len, um ei­ne gro­ße wis­sen­schaft­li­che Pro­duk­ti­on zu or­ga­ni­sie­ren. Der Ver­such war fehl­ge­sch­la­gen.

Noyes ließ sich da­durch nicht ent­mu­ti­gen und mein­te, daß man hier­bei ler­nen kön­ne, es dem­nächst bes­ser zu ma­chen, denn die Mit­tel lie­ßen sich im­mer wie­der be­schaf­fen und sein Volk ha­be den fes­ten Wil­len, auch auf die­sem Ge­biet das Höchs­te zu er­rei­chen. »Es wird noch lan­ge dau­ern, bis Sie dem Stand­punkt na­he kom­men,« sag­te ich, »den Deutsch­land schon jetzt er­reicht hat.« Un­ter Über­win­dung ei­ner leich­ten Ver­le­gen­heit, aber mit ro­ten Ba­cken und glän­zen­den Au­gen ant­wor­te­te Noyes: »Wir hof­fen, zu ge­ge­be­ner Zeit den geis­ti­gen Schwer­punkt der ge­sam­ten Mensch­heit über den At­lan­ti­schen Oze­an hier­her zu ver­le­gen.« Da Noyes stets ein über­aus ru­hi­ges, zu­rück­hal­ten­des We­sen ge­zeigt hat­te, über­rasch­te mich die­se in­ne­re Glut sehr und mach­te mich höchst nach­denk­lich. Ob der wirt­schaft­lich füh­ren­den Stel­le, wel­che die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in­zwi­schen dank der wahn­wit­zi­gen Selbst­zer­flei­schung Eu­ro­pas er­reicht ha­ben, auch ei­ne geis­ti­ge fol­gen wird, kann jetzt noch nicht mit Wahr­schein­lich­keit vor­aus­ge­se­hen wer­den. Beim Nach­den­ken dar­über drän­gen sich nach­ste­hen­de Er­wä­gun­gen auf.

Kul­tur­fern­sich­ten. Bei al­len Ent­wick­lun­gen der Völ­ker zur Kul­tur ist stets die Rei­hen­fol­ge ein­ge­hal­ten wor­den, daß zu­nächst ei­ne künst­le­ri­sche und so­dann ei­ne wis­sen­schaft­li­che Hö­he er­reicht wur­de. Dies war schon bei den Grie­chen so, hat sich dann zu Be­ginn der Neu­zeit bei den Ita­lie­nern und Fran­zo­sen wie­der­holt. Die Deut­schen hat­ten ih­re klas­si­sche Li­te­ra­tur­pe­rio­de im acht­zehn­ten Jahr­hun­dert, ih­re wis­sen­schaft­li­che im neun­zehn­ten er­reicht. Bei den sla­vi­schen Völ­kern be­ob­ach­ten wir in un­se­rer Zeit Hoch­leis­tun­gen in den Küns­ten, aber noch kei­ne in der Wis­sen­schaft.

Be­trach­ten wir un­ter die­sem Ge­sichts­punkt die Ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur, so stel­len wir fest, daß sie es noch zu kei­ner Glanz­pe­rio­de in der Kunst ge­bracht hat. Ein­zel­ne nam­haf­te Per­sön­lich­kei­ten sind in den ver­schie­de­nen Küns­ten er­folg­reich auf­ge­tre­ten, aber nir­gends hat sich ei­ne gleich­zei­tig neu­ar­ti­ge und ent­wick­lungs­fä­hi­ge, al­so über­per­sön­li­che Kunst ge­zeigt. In der Wis­sen­schaft ste­hen die Din­ge deut­lich güns­ti­ger da. Hier ist die An­zahl der For­scher, die Er­heb­li­ches ge­leis­tet ha­ben, ver­hält­nis­mä­ßig viel grö­ßer und vor al­lem macht sich in den Ge­bie­ten der Bio­lo­gie und Psy­cho­lo­gie, na­ment­lich der an­ge­wand­ten, ein kräf­ti­ges Ei­gen­le­ben gel­tend, wel­ches be­reits an ein­zel­nen Stel­len die Eu­ro­päi­sche Wis­sen­schaft zu über­flü­geln be­ginnt. Dies ist be­son­ders deut­lich in sol­chen Ge­bie­ten, wo die wis­sen­schafts­feind­li­che Pla­to­ni­sche Ein­stel­lung un­se­rer so­ge­nann­ten Geis­tes­wis­sen­schaf­ten die freie und un­be­fan­ge­ne An­wen­dung des ex­ak­ten wis­sen­schaft­li­chen Ver­fah­rens be­hin­dert. Bei den Ame­ri­ka­nern schei­nen sol­che Hin­der­nis­se in ge­rin­ge­rem Ma­ße vor­han­den zu sein.

Es ist des­halb ganz wohl mög­lich, daß bei der Ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­ent­wick­lung die bis­he­ri­ge Rei­hen­fol­ge von der Kunst zur Wis­sen­schaft nicht ein­ge­hal­ten zu wer­den braucht. Das Ame­ri­ka­ni­sche Volk ist ja nicht ein durch Jahr­tau­sen­de bo­den­stän­dig aus nie­ders­ter Kul­tur auf­ge­wach­se­nes, son­dern setzt sich aus Ein­wan­de­rern vie­ler Län­der zu­sam­men, die im Lau­fe we­ni­ger Jahr­hun­der­te sich auf ei­nem un­ge­heu­ren Ge­biet voll un­ver­brauch­ter Bo­den­schät­ze ein­ge­stellt und sehr früh zu ei­ner po­li­ti­schen Ein­heit zu­sam­men­ge­fun­den ha­ben, wo­bei ein je­der be­reits ein nicht un­er­heb­li­ches Maß äl­te­rer, an­der­weit ent­stan­de­ner Kul­tur mit­brach­te. Die Auf­ga­be war al­so nicht, die Ele­men­te der Kul­tur erst lang­sam zu ent­wi­ckeln oder auf­zu­neh­men, son­dern aus den mit­ge­brach­ten ver­schie­den­ar­ti­gen An­tei­len et­was Ge­mein­sa­mes oder Ein­heit­li­ches zu ge­stal­ten. Dies er­gab von vorn­her­ein ei­ne weit­ge­hen­de In­di­vi­dua­li­sie­rung oh­ne die Not­wen­dig­keit, den sonst die­ser vor­an­ge­hen­den Her­den­zu­stand durch­zu­ma­chen.

Da­zu kommt, daß in­zwi­schen ein Vor­gang be­gon­nen hat, den man die Ver­wis­sen­schaft­li chung der Kunst nen­nen kann. Ton- und Dicht­kunst, Ma­le­rei und Bau­kunst be­ru­hen be­züg­lich ih­rer Ge­müts­wir­kung auf den Ge­set­zen der Psy­cho­lo­gie und las­sen sich in dem Ma­ße ra­tio­na­li­sie­ren oder ver­wis­sen­schaft­li­chen, als die Psy­cho­lo­gie sich zu ei­ner ra­tio­nel­len Wis­sen­schaft ent­wi­ckelt. Hier lei­den wir Eu­ro­pä­er am meis­ten un­ter der Pla­to­ni­schen Mys­tik, wel­che der »See­le« ei­ne un­ver­mit­tel­te Son­der­stel­lung ge­gen­über den an­de­ren Na­tur­er­schei­nun­gen an­weist und ih­re wis­sen­schaft­li­che Er­for­schung und Hand­ha­bung teils als ei­ne lä­cher­li­che Un­mög­lich­keit, teils als ei­ne ver­werf­li­che Über­schrei­tung des Er­laub­ten er­schei­nen läßt. Ge­ra­de im Ge­biet der an­ge­wand­ten Psy­cho­lo­gie ge­währt die Frei­heit von Vor­ur­tei­len den Ame­ri­ka­nern ei­ne gar nicht zu ver­ken­nen­de Über­le­gen­heit.

So ist es ganz wohl denk­bar, daß auf der an­de­ren Sei­te des At­lan­ti­schen Oze­nas er­heb­lich frü­her als bei uns die Or­ga­ni­sa­ti­on des künst­le­ri­schen Schaf­fens er­reicht wer­den wird. In dem An­zei­gen­teil ei­ner viel­ge­le­se­nen Ame­ri­ka­ni­schen Mo­nats­schrift vom Jah­re 1926 bie­tet sich ei­ne Fir­ma an, ih­ren Kun­den in kur­zer Frist die Kunst bei­zu­brin­gen, kur­ze Ge­schich­ten für Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten her­zu­stel­len und ver­pflich­tet sich so­gar zur kos­ten­lo­sen Ver­triebs­ver­mit­te­lung der Er­zeug­nis­se. Auch bei uns sind An­lei­tun­gen für den glei­chen Zweck be­kannt; sie wer­den aber als Be­rufs­ge­heim­nis­se ge­hü­tet, da­mit die Krei­se der Le­ser nicht da­hin­ter kom­men, daß der­ar­ti­ges so­zu­sa­gen fa­brik­mä­ßig her­ge­stellt wer­den kann. Die­sen ge­gen­über wird viel­mehr das Mär­chen von der In­spi­ra­ti­on (an das im Grun­de nie­mand glaubt) auf­recht ge­hal­ten, und wer je­nes öf­fent­li­che Ge­heim­nis ver­rät, muß sich auf Zorn und Straf­ver­fol­gung ge­faßt ma­chen, wie sie je­den sol­chen Ver­rä­ter be­dro­hen.

Das größ­te Hin­der­nis für die Ent­wick­lung ei­ner ori­gi­na­len Ame­ri­ka­ni­schen Kunst be­steht dar­in, daß dort das Kunst­pu­bli­kum so gut wie aus­schließ­lich aus Frau­en be­steht; den Män­nern fehlt die Mu­ße zum Kunst­ge­nuß. Wir ken­nen aber kei­ne gro­ße Kunst­epo­che, die nicht von Män­nern für Män­ner be­wirkt wor­den wä­re. Al­ler­dings stets un­ter be­geis­ter­ter Teil­nah­me von Frau­en, aber nie­mals un­ter de­ren Füh­rung. Ich glau­be nicht, daß die­ses bio­lo­gisch be­grün­de­te Ver­hält­nis sich än­dern kann, auch nicht un­ter den ei­gen­ar­ti­gen Ame­ri­ka­ni­schen Be­din­gun­gen, wo das Geld­er­wer­ben an sich von den Män­nern als star­ke Le­bens­freu­de emp­fun­den wird und sol­cher­ge­stalt das Be­dürf­nis nach Kunst er­setzt. In glei­chem Sin­ne wir­ken Bo­xen und Wet­ten.

Vor­trä­ge. Ich ha­be nie­mals zu zäh­len ver­sucht, wie vie­le Vor­trä­ge ich wäh­rend der vier Mo­na­te ge­hal­ten ha­be, die ich da­mals in Ame­ri­ka ver­brach­te. Sie sind un­heim­lich zahl­reich ge­we­sen. Kann ich mich doch er­in­nern, wie ich ei­nes Abends in Cam­bridge, als ich tot­mü­de ins Bett ge­gan­gen war, mich noch vor dem Ein­sch­la­fen dar­auf be­sann, daß ich in den letz­ten 24 Stun­den drei Vor­trä­ge in drei ver­schie­de­nen Städ­ten ge­hal­ten hat­te: am vo­ri­gen Abend ei­nen in New York, dann nach ei­ner Nacht­fahrt im Schlaf­wa­gen am Vor­mit­tag ei­nen zwei­ten in Cam­bridge und am Nach­mit­tag den drit­ten in Bos­ton. Ich be­schloß ge­schwind, das nicht wie­der zu tun, ha­be aber doch spä­ter in New York durch zwei Wo­chen täg­lich je zwei ein­stün­di­ge Vor­trä­ge (oh­ne aka­de­mi­sches Vier­tel) ge­hal­ten, mit nur ei­ner Stun­de Er­ho­lung da­zwi­schen, da­zu in Eng­li­scher Spra­che. So wird die Ge­samt­zahl wohl ir­gend­wo zwi­schen 100 und 200 lie­gen.

Es traf sich glück­lich, daß ich um je­ne Zeit ge­ra­de ein be­son­de­res Be­dürf­nis hat­te, ei­ne be­stimm­te An­ge­le­gen­heit mög­lichst vie­len und ver­schie­de­nen Men­schen an das Herz zu le­gen, näm­lich die in­ter­na­tio­na­le Hilfs­spra­che. Ich ha­be er­zählt (III, 33), wie ich schon auf dem Schiff da­mit be­gon­nen hat­te. Die sicht­li­che Über­ra­schung, wel­che da­mals die vor­ge­tra­ge­nen Ge­dan­ken her­vor­rie­fen, über­zeug­te mich von der Not­wen­dig­keit, sie zu ver­brei­ten und von der Wir­kung, die ich mit ih­nen her­vor­brin­gen konn­te. So be­nutz­te ich die reich­lich sich dar­bie­ten­den Ge­le­gen­hei­ten, dar­über zu sp­re­chen und hat­te schließ­lich ei­ne er­kenn­ba­re Be­we­gung in dem an­ge­streb­ten Sin­ne er­zielt, wie spä­ter be­rich­tet wer­den soll.

Wis­sen­schaft­li­che Vor­trä­ge hat­te ich au­ßer in Cam­bridge zu­nächst in Bos­ton an der tech­ni­schen Hoch­schu­le über­nom­men. Sie schil­der­ten die Ent­wick­lungs­ge­schich­te der che­mi­schen Be­grif­fe und ga­ben der­ge­stalt ein Bei­spiel da­für, was ich als die ei­gent­li­che Auf­ga­be ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Ge­schich­te der Che­mie an­se­he. Den ers­ten Vor­trag hielt ich Deutsch, wie Noyes mich ge­be­ten hat­te, weil er und die an­de­ren frü­he­ren Leip­zi­ger sich ganz und gar in je­ne schö­ne Zeit zu­rück­zu­ver­set­zen wünsch­ten. Dann aber teil­te er mir mit, das In­ter­es­se am In­halt ha­be sich bei den Hö­rern so stark gel­tend ge­macht, daß sie ihn oh­ne die Schwie­rig­kei­ten und Lü­cken auf­zu­neh­men wünsch­ten, wel­che die frem­de Spra­che un­ver­meid­lich ver­ur­sach­te. So hielt ich die üb­ri­gen Vor­le­sun­gen Eng­lisch. Aus glei­chem Grun­de wur­den sie ste­no­gra­phiert und es wur­de ei­ne Eng­li­sche Aus­ga­be der Nach­schrift oh­ne viel Durch­sicht von mei­ner Sei­te ver­an­stal­tet. Sie gab spä­ter An­re­gung zu ei­ner neu­en, durch­dach­te­ren Dar­stel­lung des glei­chen Ge­gen­stan­des in Deut­scher Spra­che, die un­ter dem Ti­tel: Leit­li­ni­en der Che­mie und in zwei­ter Auf­la­ge: Der Wer­de­gang ei­ner Wis­sen­schaft ver­öf­fent­licht wur­de (II, 386).

Auf wei­te­re Krei­se wa­ren zwei oder drei Vor­trä­ge für die Lo­well-Stif­tung be­rech­net, wel­che Licht, Far­be und Ma­le­rei zum Ge­gen­stan­de hat­ten. Hier­über war von mir so­eben (1904) ein Büch­lein: Ma­ler­brie­fe ver­öf­fent­licht wor­den, wel­ches die phy­si­ka­lisch-che­mi­schen Ge­set­ze der Mal­tech­nik zur Dar­stel­lung ge­bracht hat­te, die da­mals fast ganz un­be­kannt wa­ren. Die Brie­fe wa­ren zu­nächst in ei­ner Mün­che­ner Ta­ges­zei­tung er­schie­nen und hat­ten dort zahl­rei­che auf­merk­sa­me Le­ser ge­fun­den, wie ich aus spä­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen er­ken­nen konn­te, in de­nen von den er­lang­ten Fort­schrit­ten Ge­brauch ge­macht wur­de. Auch die Buch­aus­ga­be war bald ver­grif­fen; da ich da­mals zu ei­ner Neu­be­ar­bei­tung kei­ne Zeit fin­den konn­te, ist das nütz­li­che Werk­chen seit­dem ei­ne buch­händ­le­ri­sche Sel­ten­heit ge­wor­den.

Die Lo­well-Stif­tung di­en­te der all­ge­mei­nen Bil­dung. Der Stif­ter hat­te die Zin­sen sei­nes be­trächt­li­chen Ver­mö­gens fol­gen­der­ma­ßen zu ver­wen­den an­ge­ord­net: Zu­nächst wur­de da­von ein Di­rek­tor so aus­rei­chend be­sol­det, daß er an­de­re Ge­schäf­te auf­ge­ben und sich ganz der Stif­tung wid­men konn­te. Er wur­de tun­lichst aus der Fa­mi­lie Lo­well ge­wählt, die in Bos­ton an­säs­sig und zahl­reich ge­nug war, daß vor­aus­sicht­lich auf lan­ge Zeit die­se Be­din­gung er­füllt wer­den konn­te. Für je­den Di­rek­tor war es so­mit ei­ne Eh­ren­sa­che, die Wir­kung der Stif­tung nach al­len Kräf­ten zu stei­gern, um sei­ne Re­gie­rungs­zeit wo­mög­lich mit be­son­de­rem Ruhm zu be­de­cken.

Ein an­de­rer Teil der Ein­künf­te di­en­te da­zu, mög­lichst her­vor­ra­gen­de Red­ner zu Vor­trä­gen zu ge­win­nen. Hier­zu war das Ho­no­rar ent­sp­re­chend hoch an­ge­setzt. In dem streng pu­ri­ta­ni­schen al­ten Bos­ton vor hun­dert Jah­ren wa­ren Schau­spie­le und Kon­zer­te als zu welt­li­cher Sün­de ver­lei­tend ver­pönt und Vor­trä­ge, meist geist­li­chen In­halts, die ein­zi­ge Form öf­fent­li­cher Ver­gnü­gun­gen ge­we­sen. Da­her hat­te sich ein ganz be­son­de­res In­ter­es­se an sol­chen Ver­an­stal­tun­gen auch in un­se­re Zei­ten hin­über er­hal­ten, wo je­ne welt­li­chen Zer­streu­un­gen als zu­läs­sig be­trach­tet und reich­lich an­ge­bo­ten wur­den.

Der Zu­tritt zu den Vor­trä­gen war un­ent­gelt­lich, aber wie folgt ge­re­gelt. Auf recht­zei­ti­ges brief­li­ches An­su­chen un­ter Bei­le­gung ei­nes Um­sch­la­ges mit Brief­mar­ke und An­schrift er­hielt man die er­be­te­ne An­zahl Kar­ten für nu­me­ri­er­te Sit­ze zu­ge­schickt. Die nicht be­setz­ten Plät­ze konn­ten kurz vor dem Vor­trag von sol­chen ein­ge­nom­men wer­den, die oh­ne Kar­te ge­kom­men wa­ren, doch wur­den nur so­viel Hö­rer zu­ge­las­sen, als Plät­ze vor­han­den wa­ren. Fünf Mi­nu­ten vor Be­ginn wur­den die Tü­ren ge­schlos­sen und her­nach je­der un­er­bitt­lich ab­ge­wie­sen, so daß je­de Stö­rung des Vor­tra­ges aus­ge­schlos­sen war. Nach den Zei­tungs­be­rich­ten und den her­nach an mich ge­lan­gen­den An­fra­gen zu schlie­ßen, ha­ben auch die­se Vor­trä­ge auf­merk­sa­me und dank­ba­re Hö­rer ge­fun­den.

An­re­gung zur Far­ben­leh­re. Ei­ne be­son­ders in­ter­es­san­te Be­kannt­schaft ver­mit­tel­ten sie mir in der Per­son des Herrn A.H. Mun­sell. Die­ser war Künst­ler und Leh­rer der Ma­le­rei und hat­te ei­ne für die­sen Be­ruf un­ge­wöhn­lich gu­te wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung durch den Phy­si­ker Pro­fes­sor Og­den Rood er­hal­ten, den Ver­fas­ser ei­nes der bes­ten äl­te­ren Wer­ke über Far­ben­leh­re. Hier­durch war Mun­sell an­ge­regt wor­den, ei­ne Ord­nung und Nor­mung der Far­ben aus­zu­füh­ren und er hat­te sich wäh­rend ei­ner Rei­he von Jah­ren die­ser Auf­ga­be ge­wid­met. Er such­te mei­ne Be­kannt­schaft und zeig­te mir sein Ma­te­ri­al und ein von ihm kon­stru­ier­tes, al­ler­dings ziem­lich un­voll­kom­me­nes Pho­to­me­ter. Dar­über, daß die Ge­samt­heit der Far­ben sich nur im drei­fal­ti­gen Raum me­tho­disch ord­nen läßt, war er klar; als Farb­kör­per hat­te er die von Run­ge 1802 ein­ge­führ­te Ku­gel über­nom­men. Da er aber auch von sei­nem Leh­rer die drei un­zweck­mä­ßi­gen Ver­än­der­li­chen nach Helm­holtz: Farb­ton, Rein­heit und Hel­lig­keit über­nom­men hat­te, so war sein Un­ter­neh­men von vorn­her­ein zum Schei­tern be­stimmt. Ich war sehr neu­gie­rig, von ihm zu er­fah­ren, nach wel­chen Grund­sät­zen er den Farb­kreis an­ge­ord­net und die Rein­heits­stu­fen ge­mes­sen hat­te (für die Hel­lig­keit di­en­te sein Pho­to­me­ter); er konn­te oder woll­te mir aber kei­ne be­stimm­te Aus­kunft ge­ben und be­rief sich auf sein Ge­fühl als Künst­ler. Für den Farb­kreis hat­te er die al­te fal­sche Leh­re von den drei Grund­far­ben Gelb, Rot, Blau an­ge­wen­det und da­mit wie na­tür­lich ei­ne ganz un­rich­ti­ge Tei­lung er­hal­ten. Hier lag so­gar ein Rück­schritt ge­gen sei­nen Leh­rer Rood vor, der der rich­ti­gen Farb­kreis­tei­lung viel nä­her ge­kom­men war.

Mit be­mer­kens­wer­ter En­er­gie hat­te Mun­sell sei­ne Leh­re trotz ih­rer Un­voll­kom­men­heit in die Pra­xis zu über­tra­gen be­gon­nen. Er hat­te ent­sp­re­chen­de Bunt­stif­te, Farb­käs­ten und ver­ein­fach­te Farb­ku­geln zur Ver­an­schau­li­chung der Ord­nung her­stel­len las­sen und be­reits ei­ne ziem­lich aus­ge­dehn­te An­hän­ger­schaft un­ter den Leh­rern ge­won­nen.

Auch nach Deutsch­land hat er spä­ter sein Sys­tem zu über­tra­gen ver­sucht, oh­ne je­doch hier ei­nen Er­folg zu er­zie­len. Er ist in­zwi­schen ge­stor­ben, hat aber ei­nen Sohn hin­ter­las­sen, der sich die Ver­brei­tung der vä­ter­li­chen Leh­re un­ter Auf­wand er­heb­li­cher Mit­tel an­ge­le­gen sein läßt.

Mich hat­te da­mals die­se Sa­che leb­haft be­schäf­tigt, doch er­ga­ben wie­der­hol­te Ge­sprä­che, daß das Sys­tem Mun­sells der wis­sen­schaft­li­chen Kri­tik nicht stand­hal­ten konn­te. Aber ei­ne An­re­gung zur ei­ge­nen Be­ar­bei­tung die­ser gro­ßen und wich­ti­gen Sa­che ver­dan­ke ich doch je­ner Be­geg­nung. Es dau­er­te al­ler­dings noch ein Jahr­zehnt, bis sie sich so­weit aus­wirk­te, daß ich mich mehr als pla­to­nisch, näm­lich ex­pe­ri­men­tell mit der Auf­ga­be zu be­fas­sen be­gann.

An­de­re Vor­trä­ge. Zu die­sen me­tho­di­schen Vor­le­sun­gen ge­sell­ten sich noch zahl­rei­che ein­zel­ne Vor­trä­ge, die ich an den ver­schie­dens­ten Stel­len und aus den ver­schie­dens­ten An­läs­sen hielt. Ei­ne be­stimm­te Grup­pe un­ter ih­nen wur­de da­durch ver­an­laßt, daß wis­sen­schaft­li­che und ge­mein­nüt­zi­ge Kör­per­schaf­ten al­ler Art mich zum Eh­ren­mit­glie­de er­nann­ten, wor­auf ich den schul­di­gen Dank durch ei­nen Vor­trag ab­zu­stat­ten hat­te. In sol­chen Fäl­len wähl­te ich meist das Pro­blem der in­ter­na­tio­na­len Hilfs­spra­che zum Ge­gen­stan­de. Es ent­sprach mei­nem da­mals be­son­ders leb­haf­ten Be­stre­ben, den Ge­dan­ken aus­zu­brei­ten, den ich auch heu­te noch für ei­nen der wich­tigs­ten im Sin­ne der Be­frie­dung Eu­ro­pas hal­te und der In­halt konn­te je­des­mal gut dem be­son­de­ren Krei­se an­ge­paßt wer­den, in wel­chem der Vor­trag statt­fand.

Ei­ne An­zahl an­de­rer Ein­la­dun­gen er­hielt ich aus dem Wun­sche her­aus, mir be­son­de­re Ei­gen­tüm­lich­kei­ten der Kul­tur der Ver­ei­nig­ten Staa­ten an­schau­lich zu ma­chen, in wel­chen man sich der al­ten Welt über­le­gen fühl­te. Dies gilt ganz be­son­ders für die wis­sen­schaft­li­che Er­zie­hung des weib­li­chen Ge­schlechts.

Wäh­rend für die meis­ten Uni­ver­si­tä­ten und Kol­legs in Ame­ri­ka die Ko­edu­ka­ti­on gilt, so daß sie bei­den Ge­schlech­tern gleich zu­gäng­lich sind, wa­ren in Har­vard weib­li­che Stu­den­ten aus­ge­schlos­sen. Prä­si­dent Eli­ot war wohl der Mei­nung, daß Ernst und Stren­ge des Stu­di­ums sich leich­ter so er­hal­ten ließ, als wenn der Pro­fes­sor auch auf weib­li­che Hö­rer Rück­sicht zu neh­men hat­te. Da­für war aber par­al­lel zu Har­vard das Red­cliff-Col­le­ge ent­wi­ckelt wor­den, das aus­schließ­lich für Mäd­chen be­stimmt war und an dem die meis­ten Pro­fes­so­ren von Har­vard sich gleich­falls als Leh­rer be­tä­tig­ten. Ich ge­währ­te mei­nen Töch­tern gern den Wunsch, hier ein­zu­tre­ten und sol­che Vor­le­sun­gen zu hö­ren, an de­nen sie ein be­son­de­res In­ter­es­se nah­men. Dies wur­de als ei­ne Art An­er­ken­nung der ame­ri­ka­ni­schen Me­tho­den emp­fun­den und mit deut­li­cher Freu­de auf­ge­nom­men.

Wel­les­ley und Vas­sar. Au­ßer­dem be­stan­den in der Nä­he zwei gro­ße Col­le­ges für Mäd­chen: das Wel­les­ley-Col­le­ge bei Bos­ton und das Vas­sar-Col­le­ge bei New York. Bei­de ha­be ich auf Ein­la­dung be­sucht, um ih­re Ein­rich­tun­gen ken­nen zu ler­nen und je ei­nen Vor­trag zu hal­ten. In ei­nem ha­be ich den ver­sam­mel­ten In­sas­sin­nen, über Tau­send an der Zahl, die Ent­wick­lung des phi­lo­so­phi­schen Den­kens vom Al­ter­tum bis zur Ge­gen­wart in 45 Mi­nu­ten vor­ge­führt, und ich glau­be die Auf­ga­be nicht schlecht ge­löst zu ha­ben. Denn ich konn­te an kei­nem der mehr oder we­ni­ger hüb­schen Ge­sich­ter ei­ne Nei­gung zum Ein­sch­la­fen er­ken­nen und be­kam zum Schluß ei­nen be­täu­bend lau­ten Dank zu hö­ren. Was ich den an­de­ren vor­ge­setzt ha­be, weiß ich nicht mehr.

Die Col­le­ges wa­ren so ähn­lich an­ge­legt und ein­ge­rich­tet, daß ei­ne all­ge­mei­ne Be­schrei­bung ge­nü­gen wird. Sie be­fan­den sich auf ei­nem aus­ge­dehn­ten Ge­län­de, dem Cam­pus, in land­schaft­lich reiz­vol­ler La­ge, mit Flüß­chen und See. Ei­ni­ge Haupt­ge­bäu­de la­gen um ei­nen ge­räu­mi­gen Hof und zahl­rei­che klei­ne­re Häu­ser, die ver­schie­de­nen Zwe­cken di­en­ten, wa­ren im Cam­pus zer­streut. Die Ein­rich­tung war durch­weg sehr gut, viel­fach präch­tig; für Licht und Luft war über­all reich­lichst ge­sorgt. In den Haupt­ge­bäu­den wa­ren die Schlaf- und Wohn­räu­me der Zög­lin­ge un­ter­ge­bracht, denn es wa­ren In­ter­na­te, im Ge­gen­satz zu dem Red­cliff-Col­le­ge in Har­vard.

Stern­war­te, che­mi­sches, phy­si­ka­li­sches, bio­lo­gi­sches La­bo­ra­to­ri­um, Bü­che­rei wa­ren vor­han­den und bes­tens aus­ge­stat­tet. Für kör­per­li­che Übung wur­de auf das man­nig­fal­tigs­te ge­sorgt, eben­so durch Mu­sik­saal und Thea­ter für Kunst. Kurz, was an tech­ni­schen Ein­rich­tun­gen gu­tes zu be­schaf­fen war, fand sich vor und wur­de re­gel­mä­ßig in Ge­brauch ge­nom­men.

Nach dem Vor­bild der männ­li­chen Col­le­ges war die Stu­di­en­zeit auch hier auf vier Jah­re, et­wa von 16 bis 20 oder et­was spä­ter an­ge­setzt. Die Ein­tre­ten­den ver­pflich­te­ten sich, den gan­zen Kurs durch­zu­ma­chen.

Wäh­rend in Wel­les­ley das Haupt­ge­wicht auf den wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­richt ge­legt wur­de, schien in Vas­sar die ge­sell­schaft­li­che Aus­bil­dung mehr im Vor­der­grun­de zu ste­hen.

Was ich an wis­sen­schaft­li­cher Ar­beit in Wel­les­ley sah, hat mir aber nicht im­po­niert. Ich hat­te den Ein­druck, daß das meis­te nur ziem­lich ober­fläch­lich ge­nom­men wur­de, da­mit die Mäd­chen das be­tref­fen­de Fach »ge­habt« hat­ten. Doch ge­be ich dies Ur­teil mit al­ler Zu­rück­hal­tung ab, da ich bei dem flüch­ti­gen Be­such na­tür­lich die Din­ge nicht ein­ge­hen­der ha­be prü­fen kön­nen. Aber was mei­ne Töch­ter mir aus dem Be­trieb des Red­cliff-Col­le­ge be­rich­te­ten, war ge­eig­net, je­nen Ein­druck zu un­ter­stüt­zen.

Von Wel­les­ley nahm ich ei­nen un­ge­wöhn­lich hüb­schen Ein­druck mit. Als ich in die Au­la ge­führt wur­de, um dort mei­nen Vor­trag zu hal­ten, muß­te ich das in der Mit­te an­ge­leg­te Trep­pen­haus durch­schrei­ten, das sich vier oder fünf Stock­wer­ke hoch mit hel­lem Ober­licht er­hob und von Gän­gen mit Git­tern in je­dem Stock­werk um­ge­ben war. An die­sen Git­tern wa­ren in der Hö­he meh­re­re Mäd­chen­chö­re auf­ge­stellt, die mir an­fangs ab­wech­selnd, spä­ter ge­mein­sam den Gruß des Hau­ses zu­san­gen. Die fri­schen Stim­men klan­gen ent­zü­ckend in dem rie­si­gen Raum.

Was ich ins­ge­samt von die­ser Art der Mäd­chen­er­zie­hung ken­nen ge­lernt ha­be, ist mir nicht nach­ah­mungs­wür­dig er­schie­nen. Vor al­len Din­gen fand ich es un­er­träg­lich, daß die Töch­ter in den Jah­ren zwi­schen 16 und 20, wo sie meist am net­tes­ten sind, das Haus auf gan­ze vier Jah­re ver­las­sen sol­len. Das ist ent­we­der ein Zei­chen, daß es ein Fa­mi­li­en­le­ben nicht gibt, in wel­chem man ih­re Ab­we­sen­heit emp­fin­den wür­de, oder es ist ein Mit­tel, um dort, wo es ein Fa­mi­li­en­le­ben gibt, dies zu zer­brö­ckeln. Was die Mäd­chen da­für an »all­ge­mei­ner Bil­dung« ein­tau­schen, scheint mir den Ver­lust nicht wert. Denn um die­se han­delt es sich in den Col­le­ges, nicht um fach­li­ches Kön­nen ir­gend­wel­cher Art.

Brook­lyn. Um Mit­te No­vem­ber er­hielt ich von dem In­sti­tut für Wis­sen­schaf­ten und Küns­te in Brook­lyn bei New York die Mit­tei­lung der Er­nen­nung zum Eh­ren­mit­glie­de und die Ein­la­dung, an ei­nem Eh­ren­fest­mahl teil­zu­neh­men, das man mir aus die­sem An­laß ge­ben woll­te. Für die Dau­er mei­ner dor­ti­gen An­we­sen­heit hat­te Kol­le­ge Her­ter, Pro­fes­sor der Phar­ma­ko­lo­gie, Gast­freund­schaft mir und mei­ner Frau an­ge­bo­ten. Da auch sei­tens der Deut­schen Ge­sandt­schaft aus Wa­shing­ton ein Ver­tre­ter hin­ge­sandt wor­den war – es war dies der ers­te amt­li­che Gruß, den ich sei­tens der Deut­schen Re­gie­rung er­hielt – war ei­ne Ab­leh­nung aus­ge­schlos­sen. Wa­rum ge­ra­de das Brook­ly­ner In­sti­tut mir die­se Aus­zeich­nung er­wie­sen hat, konn­te ich nicht er­mit­teln.

Der Emp­fang beim Fest­mahl war über­aus herz­lich. Es hat­ten sich et­wa 100 Her­ren aus Brook­lyn, New York und Um­ge­bung, Pro­fes­so­ren und an­de­re, ge­fun­den, wel­che Ge­wicht dar­auf leg­ten, mit mir der­ge­stalt in per­sön­li­che Be­rüh­rung zu kom­men. Ei­ner von ih­nen er­zähl­te mir beim Aus­ein­an­der­ge­hen, daß er vom Lan­de ge­kom­men und weil er den Zug ver­paßt hat­te, 40 Mei­len mit dem Au­to ge­fah­ren war – da­mals ei­ne un­ge­wöhn­li­che Leis­tung. Er sei aber von Grund aus zu­frie­den mit dem Un­ter­neh­men. Man hat­te mich auf­merk­sam ge­macht, daß mei­ne Gast­ge­ber ei­ne Re­de von mir er­hoff­ten, und daß sie am liebs­ten Mit­tei­lun­gen über mei­nen per­sön­li­chen Ent­wick­lungs­gang hö­ren wür­den. Um mir hier­bei nicht selbst lä­cher­lich zu wer­den, ver­setz­te ich mei­ne Re­de mit ei­nem reich­li­chen An­teil Selbst­iro­nie, was ih­rer Wir­kung auf die Zu­hö­rer of­fen­bar zu­gu­te kam.

Am an­de­ren Ta­ge zeig­te man mir den Neu­bau ei­ner gro­ßen tech­ni­schen Lehr­an­stalt, die von op­fer­wil­li­gen Bür­gern er­rich­tet wur­de und ei­ne An­zahl an­de­rer Merk­wür­dig­kei­ten. In ei­ner kost­ba­ren pri­va­ten Bil­der­samm­lung be­merk­te ich ne­ben dem ge­wöhn­li­chen Pa­ri­ser im­pres­sio­nis­ti­schen Ge­mü­se von Mo­net, Manet usw. drei Bil­der von Böck­lin aus sei­ner Ju­gend­zeit, wo er ita­lie­ni­sche Land­schaf­ten mal­te, wohl­tä­tig ab­ste­chend von je­nen in der le­ben­di­gen Har­mo­nie ih­rer Far­ben. Der Be­sit­zer schien nicht zu wis­sen, daß sie et­was be­son­de­res wa­ren.

In Pro­fes­sor Her­ter lern­te ich ei­ne Ver­bin­dung von Mil­lio­när und Wis­sen­schafts­mann ken­nen, wie ich sie drü­ben zu mei­ner Freu­de noch mehr­fach an­ge­trof­fen ha­be. Er hat­te von sei­nem Va­ter ein gro­ßes Ver­mö­gen und die Fer­tig­keit ge­erbt, es durch er­folg­rei­che Bör­sen­ge­schäf­te nach Wunsch zu ver­meh­ren. Wie er mir er­zähl­te, ver­brauch­te er für das täg­li­che Le­ben – er be­wohn­te ein gro­ßes Haus in vor­nehms­ter Ge­gend – un­ge­fähr die Zin­sen sei­nes Ver­mö­gens, wo­bei der Un­ter­richt, den er durch die bes­ten er­reich­ba­ren Leh­rer sei­nen vier Kin­dern zu­kom­men ließ, ei­nen er­heb­li­chen Teil aus­mach­te. Für be­son­de­re Aus­ga­ben wen­de­te er sich je­nen Ge­schäf­ten zu, die ihm vom Mo­nat höchs­tens zwei Ta­ge weg­nah­men. Da aber ein chro­ni­sches Ma­gen­lei­den (dem er we­ni­ge Jah­re spä­ter er­le­gen ist) ihm für sei­ne wis­sen­schaft­li­che Ar­beit nur we­nig En­er­gie üb­rig ließ, ge­dach­te er auch dies auf­zu­ge­ben. Für sei­ne For­schun­gen hat­te er in sei­nem Hau­se ein reich­lich aus­ge­stat­te­tes La­bo­ra­to­ri­um mit zwei As­sis­ten­ten er­rich­tet.

Wa­shing­ton. Ei­ne an­de­re Vor­trags­ein­la­dung sei­tens der Na­tio­na­len Aka­de­nie der Wis­sen­schaf­ten führ­te mich nach Wa­shing­ton, wo­bei ich Ge­le­gen­heit hat­te, mich dem Prä­si­den­ten der Uni­on, Th. Roo­se­velt, vor­zu­stel­len. Wäh­rend der Deut­sche Kai­ser den Ame­ri­ka­ni­schen Aus­tausch­pro­fes­sorr mit gro­ßen Eh­ren emp­fan­gen und per­sön­lich des­sen An­tritts­vor­le­sung an­ge­hört hat­te, wa­ren sei­tens der Ame­ri­ka­ni­schen Re­gie­rung kei­ner­lei Schrit­te zu mei­ner Be­grü­ßung ge­sche­hen. Ich hat­te des­halb auch un­ter­las­sen, mei­ner­seits Be­zie­hun­gen dort­hin zu su­chen. Als ich aber je­ne Ein­la­dung er­hal­ten hat­te, die ich nicht ab­leh­nen woll­te, glaub­te ich Wa­shing­ton nicht be­su­chen zu kön­nen, oh­ne den Prä­si­den­ten zu be­grü­ßen.

Mei­ne dor­ti­gen Freun­de über­nah­men die vor­be­rei­ten­den Schrit­te da­zu und es wur­de mir bei dem täg­li­chen Emp­fang, für den je­der Ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger das Recht des Zu­tritts hat, ein be­stimm­ter Zeit­punkt frei­ge­hal­ten. Klei­dung: Stra­ßen­an­zug. Roo­se­velts Aus­se­hen ist wohl noch so be­kannt, daß ich es nicht zu be­schrei­ben brau­che. Beim Sp­re­chen zeig­te er auf­fäl­lig die Zäh­ne. Er nahm das Wort zu ei­ner freund­li­chen Be­grü­ßung, setz­te vor­aus, daß mir Ame­ri­ka sehr gut ge­fal­le und sprach dann un­un­ter­bro­chen wei­ter, meist über Völ­ker­ver­brü­de­rung, oh­ne mir Zeit zu ei­nem Wort zu las­sen, bis ich mich ver­ab­schie­de­te.

Im üb­ri­gen war die Zeit in Wa­shing­ton völ­lig aus­ge­füllt. Ich lern­te dort F.W. Clar­ke von der Geo­lo­gi­schen Reichs­an­stalt ken­nen, mit dem ich seit lan­gem im Brief­wech­sel stand. Er hat­te, wäh­rend ich am ers­ten Ban­de mei­nes Lehr­bu­ches ar­bei­te­te, ei­ne Zu­sam­men­stel­lung und Neu­be­rech­nung der bis da­hin durch­ge­führ­ten Ar­bei­ten für die Be­stim­mung der Atom­ge­wich­te der che­mi­schen Ele­men­te her­aus­ge­ge­ben. Ob­wohl die Ar­beit kei­nes­wegs ers­ten Ran­ges war und im Rech­nungs­ver­fah­ren sehr be­denk­li­che Män­gel auf­wies, wur­de er, da da­mals die ma­the­ma­ti­sche Bil­dung der Che­mi­ker nicht aus­rei­chend war, um sie zu ei­ner Be­ur­tei­lung die­ser Sei­te des Wer­kes zu be­fä­hi­gen, seit­dem oh­ne Zu­tun von sei­ner Sei­te als ei­ne Au­to­ri­tät in Atom­ge­wichts­fra­gen an­ge­se­hen.

Per­sön­lich er­wies er sich als ein freund­li­cher al­ter Herr, lang und ma­ger, mit läng­li­chem, ro­ten, fri­schen Ge­sicht und spär­li­chem Haar­wuchs, der frü­her auch rot ge­we­sen war. Er er­wies mir lie­bens­wür­di­ge Gast­freund­schaft und brach­te kei­nes­wegs die ihm zu­teil ge­wor­de­ne et­was zu ho­he Ein­schät­zung in sei­nem Ver­hal­ten zur Gel­tung. Er zeig­te mir die La­bo­ra­to­ri­en sei­ner An­stalt, in de­nen ich un­ter Lei­tung des Dr. Day, ei­nes Schwie­ger­soh­nes von F. Kohl­rausch, die Denk- und For­schungs­mit­tel der jun­gen phy­si­ka­li­schen Che­mie in för­der­lichs­ter prak­ti­scher An­wen­dung fand, was da­mals in Deutsch­land an den amt­li­chen Stel­len noch kei­nes­wegs die Re­gel war. Ich nahm leb­haf­ten An­teil an die­sen Ar­beits­ge­dan­ken und ha­be her­nach an die­ser und je­ner Stel­le nutz­ba­re Fol­gen der da­ma­li­gen Ge­sprä­che er­ken­nen zu dür­fen ge­glaubt.

Ei­nen gan­zen Tag ver­wen­de­te ich auf den Be­such der Na­tio­na­len An­stalt der Nor­men, ei­nes un­se­rer phy­si­ka­lisch-tech­ni­schen Reichs­an­stalt nach­ge­bil­de­ten La­bo­ra­to­ri­ums für die phy­si­ka­li­schen Be­dürf­nis­se der ame­ri­ka­ni­schen Re­gie­rung. Ich sah dort viel Lehr­rei­ches, lern­te ei­ne gro­ße An­zahl der Mit­ar­bei­ter ken­nen, mit de­nen ich mich in man­cher­lei Aus­spra­chen ver­tief­te, und hat­te ein ein­ge­hen­des Ge­spräch mit dem Di­rek­tor der An­stalt. Am Abend gab es ei­nen »Smo­ker«, ei­nen zwang­lo­sen Abend bei Bier, Frank­fur­ter Würst­chen mit Sau­er­kraut und viel Ta­bak, bei dem ich sehr zahl­rei­che Ge­sell­schaft an­traf. Auf die üb­li­che Auf­for­de­rung, ei­ne Re­de zu hal­ten, bat ich die An­we­sen­den, mir lie­ber ih­rer­seits Fra­gen vor­zu­le­gen, auf die sie mei­ne An­sicht ken­nen ler­nen woll­ten. Nach ei­ni­gem Zö­gern fing ei­ner an, dann ka­men meh­re­re und schließ­lich gab es ein le­ben­di­ges Hin und Wi­der. Zu­letzt kam aber doch die un­ver­meid­li­che Lob­re­de auf mich, bei wel­cher der Red­ner her­vor­hob, daß sich die Ame­ri­ka­ner bei der Aus­tauschs­a­che wie­der ein­mal als die ge­schick­te­ren Händ­ler er­wie­sen hät­ten, da sie bei wei­tem das bes­se­re Ge­schäft ge­macht hät­ten. Die­se freund­lich-lus­ti­ge Wen­dung ist dann an­schei­nend von Mund zu Mund wei­ter ge­gan­gen, da ich sie in der Fol­ge­zeit noch oft zu hö­ren be­kam. An­de­rer­seits be­rich­tet van’t Hoff (II, 129) in sei­nem Ta­ge­buch un­ter dem 17. No­vem­ber 1905: M. er­zähl­te mir, daß der Ame­ri­ka­ni­sche Aus­tausch­pro­fes­sor kei­ne Hö­rer mehr hat.«

Fei­er­li­cher war ei­ne Sit­zung der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten von Wa­shing­ton, die mich zum Eh­ren­mit­glied auf­ge­nom­men hat­te und der ich ei­nen Vor­trag über die Welt­spra­che hielt. Es wa­ren da­zu ei­ni­ge Alt­phi­lo­lo­gen von der na­hen Johns-Hop­kins-Uni­ver­si­tät in Bal­ti­mo­re her­über­ge­kom­men und ich konn­te fest­stel­len, daß die Vor­ur­tei­le auf bei­den Sei­ten des At­lan­ti­schen Oze­ans sich der glei­chen Schein­grün­de be­di­en­ten.

Den deut­schen Ge­sand­ten Speck von Stern­burg fand ich bei mei­nem Be­such nicht zu­hau­se, doch kam um­ge­hend ei­ne Ein­la­dung zum Früh­stück am nächs­ten Ta­ge. Er er­wies sich als ein klei­ner und ma­ge­rer Herr von sehr un­ge­sun­dem Aus­se­hen. Ich traf dort den Lei­ter der eben mit sehr rei­chen Mit­teln ge­grün­de­ten Car­ne­gie-An­stalt, Wood­ward, der sich über ei­ni­ge Fach­ge­nos­sen Aus­kunft er­bat, die er für sei­ne Zwe­cke ins Au­ge ge­faßt hat­te. Auch die Fra­ge, ob ich ge­ge­be­nen­falls mit­ma­chen woll­te, wur­de be­rührt; es ist aber nichts dar­aus ge­wor­den.

Mit die­sen und an­de­ren ge­sel­li­gen Ver­an­stal­tun­gen wa­ren die drei für Wa­shing­ton be­stimm­ten Ta­ge bis zum Ran­de ge­füllt, so daß ich auf­at­me­te, als ich mich end­lich am letz­ten Abend in den Schlaf­wa­gen be­ge­ben konn­te, der mich noch eben recht­zei­tig für die Vor­le­sung am nächs­ten Mor­gen nach Cam­bridge brach­te.

Die Un­sterb­lich­keits-Vor­le­sung. Un­ter den vie­len Stif­tun­gen, wel­che die Har­vard-Uni­ver­si­tät zu ver­wal­ten hat­te, be­fand sich ei­ne, nach ih­rem Stif­ter die In­ger­soll-Vor­le­sung ge­nannt, aus de­ren Er­trä­gen all­jähr­lich ein nam­haf­ter Red­ner ho­no­riert wer­den soll­te, der sich zur Fra­ge der Un­sterb­lich­keit der mensch­li­chen See­le zu äu­ßern hat­te. Es war aus­drück­lich an­ge­ord­net wor­den, daß kei­nes­wegs Geist­li­che oder Theo­lo­gen hier­zu vor­wie­gend zu be­ru­fen sei­en, son­dern es soll­te je­der zu Ge­hör kom­men, der Ei­ge­nes zur Sa­che bei­zu­brin­gen hat­te, un­ab­hän­gig da­von, ob sei­ne Mei­nung mit der Kir­chen­leh­re über­ein­stimm­te oder nicht.

Vom Ver­wal­tungs­rat der Stif­tung, des­sen Vor­sit­zen­der Prä­si­dent Eli­ot war, wur­de mir die Ein­la­dung zu­teil, den auf das En­de des lau­fen­den Jah­res fäl­li­gen Vor­trag zu über­neh­men. Ich mach­te Eli­ot auf­merk­sam, daß mei­ne per­sön­li­che Ein­stel­lung zu der Fra­ge so ab­wei­chend von der lan­des­üb­li­chen sei, daß ich mit ih­rer öf­fent­li­chen Äu­ße­rung An­stoß zu er­re­gen fürch­te. Er ant­wor­te­te, daß es im Sin­ne der Stif­tung lie­ge, mög­lichst ver­schie­de­ne An­sich­ten zu Wor­te kom­men zu las­sen, da nur so die Wahr­heit (oder viel­mehr Wahr­schein­lich­keit) ge­fun­den wer­den konn­te, und daß ich un­be­denk­lich die An­sicht ent­wi­ckeln möch­te, zu der ich nach reif­li­cher Prü­fung ge­langt sei.

Ei­ni­ge Ta­ge dar­auf er­schien W. Ja­mes (der ei­ni­ge Jah­re vor­her ei­ne sol­che Vor­le­sung ge­hal­ten hat­te) in gro­ßer Un­ru­he bei mir. Er hat­te aus frü­he­ren Ge­sprä­chen zu sei­ner pein­li­chen Über­ra­schung er­fah­ren, daß ich ei­ne be­stimm­te Ant­wort auf sol­che Fra­gen kei­nes­wegs ab­lehn­te, wel­cher Agnos­ti­zis­mus da­mals in den wis­sen­schaft­li­chen Krei­sen des Lan­des üb­lich war, son­dern daß ich halt­ba­re Grün­de nur ge­gen die An­nah­me ei­ner Un­sterb­lich­keit der mensch­li­chen »See­le« ge­fun­den hat­te, aber kei­nen ein­zi­gen da­für. Er ließ sich die­se mei­ne An­sicht wie­der­ho­len und mein­te er­schro­cken, daß ich sie doch nicht so be­stimmt und oh­ne Vor­be­halt aus­sp­re­chen dür­fe; das könn­te mir ernst­lich übel ge­nom­men wer­den. Er be­schwor mich, in ir­gend­ei­ner Form Rück­sicht auf die öf­fent­li­che Mei­nung zu neh­men und ihr we­nigs­tens ei­ne Mög­lich­keit der Un­sterb­lich­keit zu­zu­ge­ste­hen. Ich war mei­ner­seits er­schro­cken, daß der auf­rich­tig ver­ehr­te und lie­be Kol­le­ge ei­ne sol­che Zu­mu­tung an mich stel­len konn­te und wei­ger­te mich ent­schie­den. Je­de Kon­zes­si­on müß­te ich als ei­ne be­wuß­te Täu­schung mei­ner Zu­hö­rer an­se­hen, wel­che ei­nen An­spruch dar­auf hat­ten, mei­ne wah­re Mei­nung ken­nen zu ler­nen. Ver­zwei­felt wand­te sich Ja­mes an mei­ne Töch­ter, die zu­fäl­lig im glei­chen Zim­mer (wir hat­ten ja nur ei­nes) ge­ses­sen und un­ser Ge­spräch an­ge­hört hat­ten und frag­te in der Hoff­nung auf ein Ja, ob sie denn auch nicht an die Un­sterb­lich­keit glaub­ten. Oh­ne Be­sin­nen ant­wor­te­ten bei­de: nein, und Ja­mes ent­fern­te sich fas­sungs­los.

Die Nach­richt von der Be­schaf­fen­heit mei­ner Ant­wort auf die al­te Fra­ge hat­te sich schnell ver­brei­tet und am Vor­trags­abend fand ich den gro­ßen Saal, der hier­für her­ge­rich­tet war, bis auf den letz­ten Platz mit ei­ner ge­spannt auf­mer­ken­den Zu­hö­rer­schaft ge­füllt, über der ei­ne laut­lo­se Stil­le la­ger­te.

Den Wort­laut des Vor­tra­ges ha­be ich im sechs­ten Ban­de der An­na­len der Na­tur­phi­lo­so­phie vom Jah­re 1907 ver­öf­fent­licht (S. 31–57); ich kann mich al­so hier mit ei­ner kur­zen In­halts­an­ga­be be­gnü­gen.

Der Vor­trag be­gann mit dem Hin­weis, daß der Be­griff der Dau­er auf der be­son­de­ren Be­schaf­fen­heit un­se­res Geis­tes be­ruht, ver­mö­ge de­ren er Er­in­ne­run­gen hat. Im Fel­de un­se­res Be­wußt­seins zie­hen fort­wäh­rend neue Er­leb­nis­se vor­über. Die über­ein­stim­men­den wer­den als »das­sel­be« Ding auf­ge­faßt, wel­chem dem­ge­mäß Dau­er zu­ge­schrie­ben wird. Wir er­war­ten, daß wir auch künf­tig glei­ches er­le­ben wer­den, sp­re­chen dem Ding da­her auch Dau­er in die Zu­kunft zu, und ewi­ge Dau­er, wenn wir nicht ab­se­hen, wa­rum sich die über­ein­stim­men­den Er­leb­nis­se nicht un­be­grenzt wie­der­ho­len soll­ten. Nun hat zwar der wis­sen­schaft­li­che Ma­te­ria­lis­mus die selb­stän­di­ge Exis­tenz ei­ner See­le un­ab­hän­gig vom Kör­per und des­halb auch die Un­sterb­lich­keit in Ab­re­de ge­stellt. Nach­dem er durch die En­er­ge­tik er­setzt wur­de, ist ei­ne neue Un­ter­su­chung nö­tig ge­wor­den, da nicht mehr das geis­ti­ge Le­ben als ei­ne Be­we­gung der Ato­me an­ge­se­hen wer­den kann, das ver­schwin­det, wenn die­se Be­we­gun­gen durch die Zer­stö­rung des Ge­hirns nach dem To­de auf­hö­ren. Die En­er­ge­tik macht sol­che me­cha­ni­sche An­nah­men nicht und gibt Raum für an­de­re Mög­lich­kei­ten. Die Un­ter­su­chung muß al­so da­hin ge­rich­tet wer­den, ob die Tat­sa­chen der Na­tur sich mit dem Ge­dan­ken der Un­sterb­lich­keit ver­ei­ni­gen las­sen oder nicht, und zwar auf brei­tes­ter Grund­la­ge.

Die­se er­gibt sich, wenn man nach den Din­gen fragt, die un­zer­stör­bar die Wand­lun­gen der Zeit über­dau­ern. Als sol­che stel­len sich her­aus: die che­mi­schen Ele­men­te, die Mas­se, die En­er­gie. Aber die Ele­men­te ha­ben sich in letz­ter Zeit dem Wan­del un­ter­wor­fen ge­zeigt (es war eben von Ram­say die Ent­ste­hung von He­li­um aus Ra­di­um nach­ge­wie­sen wor­den), für die Mas­se sind ähn­li­che An­deu­tun­gen vor­han­den, so daß zur­zeit nur die En­er­gie sich als dau­er­haft er­weist.

Die­se mehr oder we­ni­ger dau­er­haf­ten Din­ge zei­gen die Ei­gen­schaft, daß man sie nicht in­di­vi­dua­li­sie­ren kann. Zwei Mas­sen Was­ser, die man ver­mischt hat, las­sen sich nie mehr so tren­nen, daß die frü­he­re Ver­tei­lung der Ato­me wie­der ein­ge­tre­ten ist; sie wahr­ten ih­re In­di­vi­dua­li­tät nur so lan­ge, als sie räum­lich ge­trennt wa­ren. Das­sel­be gilt für die En­er­gie. In­di­vi­dua­li­tät und Un­sterb­lich­keit ste­hen al­so in ei­nem aus­schlie­ßen­den Ge­gen­satz, der sich über­all zeigt, wo man ei­ne ent­sp­re­chen­de Un­ter­su­chung an­stellt.

Ins­be­son­de­re be­steht das Le­ben in ei­ner un­auf­hör­li­chen Wech­sel­wir­kung des Le­be­we­sens mit sei­ner Um­ge­bung, wel­che ei­ne be­stän­di­ge Än­de­rung im Zu­stan­de und der Be­schaf­fen­heit des We­sens be­dingt. Än­de­rung und ewi­ger Be­stand sind aber Be­grif­fe, die sich wech­sel­sei­tig aus­schlie­ßen. Es blei­ben da­her nur zwei Mög­lich­kei­ten, falls nach dem kör­per­li­chen To­de von der Per­sön­lich­keit des Men­schen et­was üb­rig bleibt. Ent­we­der setzt es sich in Be­zie­hun­gen zu an­de­ren We­sen: dann kann es nicht ewig sein. Oder es be­steht ab­so­lut be­zie­hungs­los wei­ter: dann kann es ein ewi­ges Da­sein ha­ben, aber es kann kei­ner­lei Zu­sam­men­hang, we­der mit den Über­le­ben­den noch mit den frü­her Ge­stor­be­nen be­tä­ti­gen, d.h. es ist für al­le tot. In bei­den Fäl­len ist ei­ne Un­sterb­lich­keit, wie man sie sich vor­zu­stel­len pflegt, aus­ge­schlos­sen und wir müs­sen al­le der­ar­ti­gen An­sich­ten als wis­sen­schaft­lich un­durch­führ­bar auf­ge­ben. Ein Über­le­ben des ein­zel­nen fin­det nur in­so­fern statt, als die­ser wäh­rend sei­nes Le­bens die Welt und die Mit­men­schen be­ein­flußt hat. Aber sol­che Ein­flüs­se sind nie­mals ewig. Sie ver­lie­ren im Lau­fe der Zeit zu­neh­mend ih­re in­di­vi­du­el­le Be­schaf­fen­heit und ord­nen sich zu­letzt un­un­ter­scheid­bar dem all­ge­mei­nen Kul­tur­er­be ein, wel­ches ein Ge­schlecht der Sterb­li­chen dem an­de­ren über­macht. Das all­ge­mei­ne Ge­setz des zu­neh­men­den Aus­glei­ches, wel­ches sich in der Dif­fu­si­on der Ma­te­rie und der En­er­gie aus­drückt, hat auch für die mo­ra­li­schen und in­tel­lek­tu­el­len Wer­te Gel­tung, die von den ein­zel­nen ge­schaf­fen wer­den.

Sehr nach­drück­li­che Bei­falls­äu­ße­run­gen vor Be­ginn und nach Schluß des Vor­tra­ges lie­ßen mich er­ken­nen, daß un­ter mei­nen Zu­hö­rern vie­le be­reit wa­ren, sich die­sen Ge­dan­ken­we­gen an­zu­schlie­ßen. Prä­si­dent Eli­ot, der sich zu mei­nen Töch­tern ge­setzt hat­te, mach­te ein sehr erns­tes Ge­sicht und Pro­fes­sor Mün­ster­berg trug Sor­ge, er­ken­nen zu las­sen, daß er durch­aus nicht ein­ver­stan­den war. Die Zu­hö­rer ver­hiel­ten sich wäh­rend der gan­zen et­wa an­dert­halb stün­di­gen Re­de voll­kom­men still, so daß je­des Wort durch den sehr gro­ßen Raum hall­te, als ob er leer wä­re. Die gan­ze Stim­mung war die ei­nes au­ßer­or­dent­li­chen Ge­sche­hens. Auch der Red­ner selbst konn­te sich die­sem Ein­druck nicht ent­zie­hen und form­te sei­ne Sät­ze fei­er­li­cher, als er sonst pfleg­te.

Kri­tik. Bei dem sehr gro­ßen Ein­fluß, den die Kir­che in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten noch heu­te hat, und der durch die ent­schlos­se­ne An­teil­nah­me der Geist­li­chen an den Fra­gen des Ta­ges le­ben­dig er­hal­ten wird, er­reg­te die­ser Wi­der­spruch ge­gen die von al­len christ­li­chen Kir­chen trotz sons­ti­ger Ver­schie­den­hei­ten ge­mein­sam fest­ge­hal­te­ne Un­sterb­lich­keits­leh­re ein nicht ge­rin­ges Auf­se­hen. Po­lar ent­ge­gen­ge­setz­te Ur­tei­le ka­men mir zu. Auf der ei­nen Sei­te sprach mir die be­jahr­te hoch­ge­bil­de­te Frau Thay­er, Pro­fes­sor Ri­chards Schwie­ger­mut­ter (III, 40), ih­ren war­men Dank da­für aus, daß ich ihr durch die Aus­sicht auf ewi­ge Ru­he das be­vor­ste­hen­de Ster­ben leicht ge­macht hat­te. Auf der an­de­ren Sei­te wur­de ich in der kon­ser­va­ti­ven und kirch­li­chen füh­ren­den Zei­tung, dem »Bos­ton Tran­script« als ein Kind Sa­tans be­schrie­ben und Prä­si­dent Eli­ot muß­te sich durch Be­ru­fung auf den aus­drück­li­chen Wort­laut der In­ger­soll-Stif­tungs­ur­kun­de, nach wel­cher Ver­tre­ter al­ler An­schau­un­gen zu Wor­te kom­men soll­ten, ge­gen hef­ti­ge Vor­wür­fe von kirch­li­cher Sei­te ver­tei­di­gen, daß er ei­nen sol­chen Ket­zer und Hei­den hat­te re­den las­sen.

Der Wort­laut der Vor­le­sung wur­de von ei­nem dor­ti­gen Ver­lag ver­öf­fent­licht, der sämt­li­che frü­he­ren In­ger­soll-Vor­trä­ge in glei­chem For­mat her­aus­ge­ge­ben hat­te und die ziem­lich star­ke Auf­la­ge ist, wie ich aus den Ab­rech­nun­gen er­se­hen ha­be, im Lauf der Jah­re voll­stän­dig ver­kauft wor­den. Bei die­ser Ge­le­gen­heit stell­te sich her­aus, daß Mün­ster­berg, der ei­ne Ein­la­dung zu ei­nem sol­chen Vor­trag nicht er­hal­ten hat­te, sei­ne An­sich­ten über die Un­sterb­lich­keit gleich falls in ei­ner Ab­hand­lung ähn­li­chen Um­fan­ges nie­der­ge­legt und Sor­ge ge­tra­gen hat­te, daß sie in der glei­chen Aus­stat­tung in den Buch­han­del ge­lang­te, wie die wirk­li­chen In­ger­soll-Vor­le­sun­gen. Die von ihm mit­ge­teil­ten Ge­dan­ken ge­stat­te­ten ganz wohl ei­nen An­schluß an die kirch­li­chen Leh­ren.

Auch ein Ein­fluß mei­nes Vor­tra­ges auf mei­ne Stel­lung an der Har­vard-Uni­ver­si­tät ließ sich bald er­ken­nen. Die mir et­was fer­ner ste­hen­den Kol­le­gen rück­ten um ei­nen klei­nen aber deut­lich er­kenn­ba­ren Schritt von mir ab. Ein öf­fent­lich aus­ge­spro­che­ner Ge­gen­satz zur Kir­che wur­de dort ähn­lich wie in Eng­land nicht nur als ein mo­ra­li­scher, son­dern noch mehr als ein ge­sell­schaft­li­cher Ver­stoß an­ge­se­hen: ei­ne Ein­stel­lung, die als be­son­ders wirk­sam von der Geist­lich­keit mit Ei­fer und Er­folg ge­pflegt wird. Nicht nur ich be­kam dies zu spü­ren, son­dern auch mei­ne Frau und Töch­ter.

Weih­nacht in der Frem­de. Der Herbst 1905, den ich in Cam­bridge zu­brach­te, war von un­ge­wöhn­lich schö­nem Wet­ter be­güns­tigt. Bei der Ord­nung der re­gel­mä­ßi­gen Vor­le­sun­gen war zu­fäl­lig der Mitt­woch ganz frei ge­blie­ben und da ich die­sen Wo­chen­tag auch tun­lichst von an­de­ren Be­an­spru­chun­gen frei hielt, so be­nutz­te ich ihn, um die Um­ge­bung ken­nen zu ler­nen, die dank der man­nig­fal­ti­gen Stra­ßen- und Ei­sen­bah­nen in ei­nem ziem­lich wei­ten Um­kreis leicht er­reich­bar war. Mei­ne Töch­ter be­glei­te­ten mich fast im­mer; mei­ne Frau muß­te lei­der aus Rück­sicht auf ih­re Ge­sund­heit mehr und mehr ver­zich­ten. Die äl­te­re Toch­ter und ich pfleg­ten den Mal­kas­ten mit­zu­neh­men und wir brach­ten rei­che Aus­beu­te heim, da die viel­fach fremd­ar­ti­gen Bil­der, die sich uns dar­bo­ten, die Lust zur Wie­der­ga­be stark an­reg­ten. Erst An­fang De­zem­ber fiel über Nacht Schnee, der uns am nächs­ten Mor­gen ins Freie lock­te. Un­ter­wegs konn­ten wir meh­re­re be­kann­te Pro­fes­so­ren be­grü­ßen, wel­che mit Schip­pe und Be­sen vor ih­ren Woh­nun­gen den Weg zwi­schen Stra­ße und Haus­tür frei mach­ten. Da die­se Ar­beit nicht zu den Ob­lie­gen­hei­ten der Haus­an­ge­stell­ten ge­rech­net wird, macht der Haus­herr sie der Kür­ze we­gen selbst. Doch hielt sich der Schnee nicht, und wir hat­ten zwi­schen stür­mi­schen und fins­te­ren Re­gen­ta­gen bald wie­der Son­nen­schein und blau­en Him­mel.

Als Aus­gleich ge­gen­über den star­ken ge­dank­li­chen Be­an­spru­chun­gen – die In­ger­soll-Vor­le­sung hat­te am 13. De­zem­ber statt­ge­fun­den, – rich­te­te ich mir das Ge­rät her, um zu Hau­se grö­ße­re Bil­der nach mei­nen Skiz­zen zu ma­len; es ist auch ei­ne An­zahl fer­tig ge­wor­den, die ich al­le dort ver­schenkt ha­be. In Bos­ton hat­te ich die Be­kannt­schaft ei­nes tüch­ti­gen Land­schaf­ters En­ne­king ge­macht, den ich wie­der­holt über sei­ne An­schau­un­gen und schöp­fe­ri­schen Er­leb­nis­se aus­pump­te, was er sich üb­ri­gens be­reit­wil­lig ge­fal­len ließ. Doch ge­lang es mir nicht, We­sent­li­ches von ihm zu er­fah­ren. Er schien haupt­säch­lich auf gut Glück los­zu­ma­len und über­mal­te dann den ers­ten Ent­wurf be­hufs Ver­bes­se­rung so lan­ge, bis er un­ge­fähr das er­zielt hat­te, was ihm vor­schweb­te. Da­durch ent­stan­den zu­wei­len sehr di­cke Farb­schich­ten; ein sol­ches Bild von et­wa 50 cm Sei­te, das er mir in die Hand gab, und das die Stim­mung ei­nes Spät­herbst­mor­gens im Wal­de gut zum Aus­druck brach­te, wog ei­ni­ge Ki­lo­gramm we­gen des vie­len auf­ge­tra­ge­nen Blei­weiß. Ich sah hier wei­te Mög­lich­kei­ten in der be­wuß­ten Ge­stal­tung der ge­woll­ten Bild­wir­kung ge­gen­über der ganz auf die Gunst des Au­gen­blicks an­ge­wie­se­nen un­ter­be­wuß­ten Art der Ar­beit, die von den Künst­lern und Kunst­schrei­bern als die ein­zig »künst­le­ri­sche« an­ge­se­hen und in den Him­mel ge­ho­ben wird, ob­wohl sie zwei­fel­los ei­ne pri­mi­ti­ve­re, d.h. nied­ri­ge­re Ent­wick­lungs­stu­fe ge­gen­über der be­wuß­ten Ar­beit dar­stellt. Mit gro­ßer Stär­ke kam über mich der Wunsch, bei der nach der Heim­kehr be­vor­ste­hen­den Neu­ge­stal­tung mei­nes Le­bens Ma­ler zu wer­den. Zwan­zig Jah­re spä­ter ha­be ich die­sen Wunsch als Drei­und­sieb­zig­jäh­ri­ger ver­wirk­licht; frei­lich kommt es in die­sem Al­ter nicht mehr viel dar­auf an, wie man das Rest­chen Ar­beit be­nennt, die man noch leis­ten kann.

Ei­ne be­son­de­re Freu­de zum be­vor­ste­hen­den Weih­nachts­fes­te für mich und die Mei­nen war der Be­such mei­nes äl­tes­ten Soh­nes Wolf­gang, der da­mals As­sis­tent bei J. Lo­eb (II, 338) in Ber­ke­ley, Cal. war. Die­ser hat­te wie­der­holt sehr güns­ti­ge Nach­rich­ten über ihn ge­schickt und wir hat­ten al­le den Wunsch, zu se­hen, wie die vor­über­ge­hen­de Ver­pflan­zung in den frem­den Bo­den auf ihn per­sön­lich ge­wirkt hat­te. Er traf denn auch am Abend vor Weih­nacht ein und er­wies sich, ab­ge­se­hen von sei­ner geis­ti­gen Wei­ter­ent­wick­lung, als we­sent­lich un­ver­än­dert. Na­tür­lich ge­rie­ten Mut­ter und Schwes­tern in weib­li­ches Ent­set­zen, als sie den Zu­stand sei­ner Wä­sche und an­de­ren Hab­se­lig­kei­ten fest­ge­stellt hat­ten und es gab in der nächs­ten Zeit ein man­nig­fal­ti­ges Ein­kau­fen zum Er­satz.

Freund­li­che Ga­ben. Zum Weih­nachts­abend wur­den uns von den Kol­le­gen und an­de­ren Be­kann­ten zahl­rei­che hüb­sche Über­ra­schun­gen ge­schenkt, in de­nen sich die man­cher­lei an­ge­neh­men und herz­li­chen per­sön­li­chen Be­zie­hun­gen aus­spra­chen, die sich wäh­rend der drei Mo­na­te un­se­rer An­we­sen­heit an­ge­spon­nen und ent­wi­ckelt hat­ten, Das ge­wich­tigs­te Ge­schenk an mich war ein fünf­bän­di­ges Werk von dem al­ten Pro­fes­sor der Geo­lo­gie Sha­ler, der uns be­son­ders in sein noch im­mer ju­gend­f­rich füh­len­des Herz ge­schlos­sen hat­te. Es war aber kei­nes­wegs wie ich ver­mu­tet hat­te ein wis­sen­schaft­li­ches Opus, son­dern ent­hielt fünf Dra­men, wel­che die Re­gie­rungs­zeit der Kö­ni­gin Eli­sa­beth von Eng­land zum Ge­gen­stan­de hat­ten und et­wa in der Art der Kö­nigs­dra­men Shake­speares ge­dacht wa­ren.

Sha­ler hat­te mir er­zählt, daß er aus Ken­tu­cky ge­bür­tig war, wo sei­ne El­tern als An­sied­ler ein­sam in der Wild­nis ge­lebt hat­ten. Un­ter­richt gab es lan­ge kei­nen, bis end­lich durch ir­gend­ei­nen Zu­fall dort ein Deut­scher Stu­dent ge­lan­det war, der zu­fol­ge der De­mo­kra­ten­ver­fol­gun­gen aus Deutsch­land hat­te flüch­ten müs­sen. Er war ein fa­na­ti­scher He­ge­lia­ner, der al­les auf die Tria­de: Spruch, Wi­der­spruch, Ver­ei­ni­gung zu­rück­führ­te und dem jun­gen Hin­ter­wäld­ler ei­ne höchst wun­der­li­che Vor­stel­lung von der Welt und der Wis­sen­schaft über­mit­tel­te. Doch er­klär­te Sha­ler, daß er nach­träg­lich an sei­nen Leh­rer nur mit Dank zu­rück­den­ken kön­ne, da er trotz des­sen wun­der­li­cher Au­ßen­sei­te in ihm die Fä­hig­kei­ten schar­fen Den­kens und ge­nau­er Be­griffs­bil­dung gut ent­wi­ckelt ha­be.

Wie sich Sha­lers wei­te­re Ent­wick­lung bis zum Pro­fes­sor in Cam­bridge ge­stal­tet hat, ist mir nicht im Ge­dächt­nis ge­blie­ben. Die er­wähn­ten Eli­sa­be­th­dra­men ver­dank­ten ih­re Ent­ste­hung der Über­le­gung, daß al­le Kunst auf be­stimm­ten ge­dank­li­chen und tech­ni­schen Mit­teln be­ruht, de­ren Kennt­nis und Be­herr­schung es mög­lich ma­chen muß, Kunst­wer­ke so­zu­sa­gen künst­lich, d.h. oh­ne dich­te­ri­sche In­spi­ra­ti­on zu er­zeu­gen. Um ex­pe­ri­men­tell zu er­mit­teln, was oder wie­viel an die­sem Ge­dan­ken rich­tig ist, mach­te er sich als­bald ans Werk, wähl­te fünf kenn­zeich­nen­de Er­eig­nis­se aus je­ner Zeit und be­werk­stel­lig­te ih­re dra­ma­ti­sche Ge­stal­tung. Die ge­wähl­te Form war der von Shake­speare be­nutz­te Blank­vers, die fünf­fü­ßi­gen Jam­ben. Sha­ler er­zähl­te mir, daß er wäh­rend je­ner Zeit so sehr in den Rhyth­mus sol­cher Ver­se hin­ein­ge­kom­men war, daß sein Text oh­ne wei­te­res Zu­tun die­se Ge­stalt an­nahm; er hat­te lan­ge Stre­cken des Dra­mas ge­schrie­ben, oh­ne daß sei­ne Ver­se beim Ent­ste­hen über­haupt über die Schwel­le des Be­wußt­seins tra­ten, und hat sie her­nach beim be­wuß­ten Durch­le­sen kaum zu ver­bes­sern ge­braucht. Es ist mir nicht be­kannt, ob die Dra­men ei­nen li­te­ra­ri­schen Er­folg ge­habt ha­ben.

Per­sön­lich war Pro­fes­sor Sha­ler ein leb­haf­ter, weiß­haa­ri­ger al­ter Herr, ma­ger und schlank mit dunk­len Au­gen und höchst be­weg­li­chen Zü­gen. Er er­wies mir und den Mei­nen mit sei­ner lie­ben Frau herz­lichs­tes Ent­ge­gen­kom­men, das rein mensch­lich ge­fühlt und ge­meint war, denn wis­sen­schaft­li­che Fra­gen wur­den bei un­se­rem Zu­sam­men­sein kaum je­mals be­rührt.

Ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­so­phen. Er­wäh­nung ver­dient noch aus die­ser Zeit ein Kon­greß der ame­ri­ka­ni­schen Phi­lo­so­phen, der ge­gen Neu­jahr in Cam­bridge tag­te. Es war eben ein neu­es Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de fer­tig ge­wor­den, wel­ches Emer­son Hall ge­nannt wur­de und des­sen Haupt­teil für Mün­ster­bergs Tä­tig­keit be­stimmt war, der ne­ben sei­ner abs­trak­ten Phi­lo­so­phie ein psy­cho­phy­si­sches La­bo­ra­to­ri­um nach Wundt­schem Mus­ter zu lei­ten hat­te. Auch mei­ne phi­lo­so­phi­sche Vor­le­sung wur­de in die neue An­stalt ver­legt, in der ich in­des­sen nur noch sehr kur­ze Zeit vor­zu­tra­gen hat­te. Ich wur­de ein­ge­la­den, die Ver­samm­lun­gen der Phi­lo­so­phen mit­zu­ma­chen und ei­nen Vor­trag zu hal­ten. Ich sprach über die Be­zie­hung zwi­schen Geist und Kör­per im Licht der En­er­ge­tik und fand freund­li­che Auf­nah­me, die sich in leb­haf­ten Kund­ge­bun­gen des Bei­falls äu­ßer­te. Eben­so wur­de ich zur Be­tei­li­gung an den Aus­spra­chen über an­de­re Vor­trä­ge ver­an­laßt. Von den Ame­ri­ka­ni­schen Phi­lo­so­phen wur­de ich durch­aus als zum Fach ge­hö­rig an­ge­se­hen und be­han­delt, was in Deutsch­land we­der da­mals, noch spä­ter ge­schah. In sei­nem Schluß­wort hat­te der Vor­sit­zen­de der Ta­gung die na­tio­na­len Be­son­der­hei­ten der Phi­lo­so­phen da­hin ge­kenn­zeich­net, daß er den Deut­schen die Tie­fe des Den­kens, den Fran­zo­sen die Klar­heit der Form und den Ame­ri­ka­nern den ge­sun­den Men­schen­ver­stand zu­sprach.

Ab­schied von Cam­bridge. Um die Mit­te des Ja­nu­ar 1906 en­de­ten mei­ne Lehr­ver­pflich­tun­gen an der Har­vard-Uni­ver­si­tät, doch nicht mein Auf­ent­halt in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Denn schon et­wa ei­nen Mo­nat vor­her hat­te ich un­ter Ab­leh­nung meh­re­rer an de­rer Ein­la­dun­gen die Ver­pflich­tung über­nom­men, zwei Rei­hen Vor­le­sun­gen an der Co­lum­bia-Uni­ver­si­tät in New York zu hal­ten. Auch dies­mal han­del­te es sich so­wohl um Che­mie wie um Phi­lo­so­phie. Die che­mi­sche Vor­le­sung war ei­ne Wie­der­ho­lung oder viel­mehr Neu­ge­stal­tung ei­ner in Bos­ton ge­hal­te­nen über die ge­schicht­li­che Ent­wick­lung der che­mi­schen Be­grif­fe; in der phi­lo­so­phi­schen soll­te ich mei­ne ei­ge­ne Phi­lo­so­phie, et­wa im Sin­ne mei­ner Vor­le­sun­gen über Na­tur­phi­lo­so­phie, nur ge­kürzt, ver­dich­tet und um die in­zwi­schen ge­mach­ten Fort­schrit­te er­wei­tert zur Dar­stel­lung brin­gen. Die ers­te Rei­he war durch den dor­ti­gen Che­mie­pro­fes­sor Chand­ler (II, 403) ver­an­laßt und ver­mit­telt wor­den, die zwei­te durch den Psy­cho­lo­gen J. McKe­en Cat­tell, ei­nen frü­he­ren Schü­ler Wundts und ein­fluß­rei­chen Or­ga­ni­sa­tor des wis­sen­schaft­li­chen Nach­rich­ten­we­sens in Ame­ri­ka. Da­zu ka­men noch ei­ni­ge Ein­zel­vor­trä­ge in wis­sen­schaft­li­chen An­stal­ten und Ver­ei­nen. Das Gan­ze ließ sich in die Zeit von et­was über zwei Wo­chen zu­sam­men­drän­gen, so daß ich Schiffs­kar­ten zur Heim­fahrt auf den 6. Fe­bru­ar nahm. Ich hat­te mich schon in Cam­bridge wäh­rend der letz­ten Zeit wie­der­holt er­schöpft ge­fühlt und sah für New York ei­ne noch er­heb­lich ge­stei­ger­te An­stren­gung vor­aus, zu der ich mich nur in Hin­blick auf die Ru­he­zeit ent­schloß, die mir auf dem Schiff be­vor­stand.

Nun galt es, für die man­cher­lei Be­zie­hun­gen, wel­che sich in Cam­bridge und Bos­ton ent­wi­ckelt hat­ten, ei­nen Ab­schluß zu ge­stal­ten. Dies ge­schah zu­nächst durch ein Her­ren-Ab­schieds­es­sen, zu wel­chem ich die mir nä­her ge­tre­te­nen Kol­le­gen und an­de­ren Per­so­nen, zwi­schen 30 und 40 Gäs­te ein­lud. Dr. Mor­se be­währ­te auch hier sei­ne hilf­rei­che As­sis­ten­ten­tä­tig­keit, in­dem er mir al­les Tech­ni­sche (Saal, Spei­se­fol­ge usw.) ab­nahm und es ta­del­los er­le­dig­te. Mei­ne Töch­ter hat­ten die Tisch­kar­ten mit Ma­le­rei­en und an­de­rem Schmuck ver­se­hen und der Di­rek­tor Goo­da­le des bo­ta­ni­schen Gar­tens hat­te für den Pflan­zen­schmuck ge­sorgt. Die Ein­la­dun­gen wur­den recht­zei­tig ver­sen­det und al­le dan­kend an­ge­nom­men. Nur Prä­si­dent Eli­ot muß­te mit­tei­len, daß es ihm un­mög­lich sei, ei­ne Ver­pflich­tung auf­zu­he­ben, die ihn ge­ra­de an je­nem Abend zu ei­ner Rei­se zwang. So muß­te das Es­sen um ei­ni­ge Ta­ge ver­scho­ben und den Gäs­ten die ent­sp­re­chen­de Nach­richt mit­ge­teilt wer­den; auch die­ser er­schwe­ren­de Um­stand brach­te mir kei­ne ein­zi­ge Ab­sa­ge.

Als der leib­li­che Teil der Zu­sam­men­kunft zur Zu­frie­den­heit er­le­digt war, be­grüß­te ich mei­ne Gäs­te mit ei­ner län­ge­ren An­spra­che, in wel­cher ich den Ge­winn be­schrieb, den mir die Tä­tig­keit in Cam­bridge ge­bracht ha­be. Ich hob zu­nächst den Ge­gen­satz zwi­schen dem Deut­schen und dem Ame­ri­ka­ni­schen Pro­fes­sor be­züg­lich ih­rer äu­ße­ren Stel­lung her­vor: der Ame­ri­ka­ner wird auf Zeit be­ru­fen und muß ge­ge­be­nen­falls mit ei­ner Kün­di­gung rech­nen, der Deut­sche ist auf Le­bens­zeit im Amt und ei­ne Kün­di­gung kann nur sei­ner­seits ge­sche­hen. Der In­halt sei­ner Leh­re ist nur durch sein Wis­sen und Ge­wis­sen be­grenzt und er ist voll­kom­men frei, die Er­geb­nis­se sei­nes Den­kens und Ar­bei­tens den Stu­den­ten mit­zu­tei­len. Ne­ben die­ser po­si­ti­ven Sei­te steht aber die ne­ga­ti­ve, daß sein Ge­sichts­kreis nur zu leicht durch die Bü­cher sei­nes Stu­dier­zim­mers oder die Fla­schen sei­nes La­bo­ra­to­ri­ums be­grenzt sei, wäh­rend bei sei­nem Ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen die fri­sche Luft des öf­fent­li­chen und prak­ti­schen Le­bens auch in die­se Räu­me hin­ein­we­he. Von die­ser fri­schen Luft sei auch ein Zug er­qui­ckend durch mei­nen Kopf ge­gan­gen und hät­te mich zu grö­ße­rer Ent­schluß­freu­dig­keit für die Ge­stal­tung mei­ner äu­ße­ren Ver­hält­nis­se ge­bracht, als ich vor­her be­saß.

Ein zwei­tes, was ich mit be­son­de­rem Dank er­lebt ha­be, ist die be­reit­wil­li­ge Re­so­nanz ge­we­sen, die ich hier auch für Ge­dan­ken ge­fun­den ha­be, die au­ßer­halb der an­er­kann­ten Ge­bie­te der Wis­sen­schaft la­gen.

So ha­be ich ei­ne Rei­he von Mo­na­ten fast un­un­ter­bro­che­nen Son­nen­scheins er­le­ben dür­fen, so­wohl me­teo­ro­lo­gi­schen wie mo­ra­li­schen. Die Zeit hat zwar an mei­ne Ar­beits­fä­hig­keit über­durch­schnitt­li­che An­sprü­che ge­stellt; sie ha­ben sich aber leicht be­frie­di­gen las­sen in der At­mo­sphä­re all­ge­mei­nen gu­ten Wil­lens, freund­schaft­li­chen Ent­ge­gen­kom­mens und lie­bens­wür­di­ger Nach­sicht, von der ich mich um­ge­ben ge­fühlt ha­be. Tat­säch­lich hat­te ich kein un­an­ge­neh­mes Er­leb­nis ir­gend­wel­cher Art, das von au­ßen ge­kom­men wä­re, zu über­win­den ge­habt. Es ist fast un­glaub­lich, daß der­ar­ti­ges auf un­se­rer un­voll­kom­me­nen Er­de mög­lich sein soll; im vor­lie­gen­den Fal­le sei das Un­wahr­schein­li­che Er­eig­nis ge­wor­den.

Zum Schluß bat ich mei­ne Gäs­te, statt des Ame­ri­ka­ni­schen Ge­brau­ches ei­nes Toast­meis­ters dies­mal sich der Deut­schen Sit­te zu fü­gen, daß je­der, den der »Geist treibt«, das Wort er­greift.

Aus­wer­tung. Die­ser all­ge­mei­nen Ein­la­dung kam zu­nächst Prä­si­dent Eli­ot nach. Er be­stä­tig­te die von mir her­vor­ge­ho­be­ne Be­reit­wil­lig­keit der Ame­ri­ka­ner, neu­en Ge­dan­ken vor­ur­teils­frei nach­zu­ge­hen und be­ton­te, welch gro­ßen Dank die Ame­ri­ka­ni­sche Wis­sen­schaft den Deut­schen Uni­ver­si­tä­ten schul­de. Im vor­lie­gen­den Fal­le sei der Dank be­son­ders leb­haft, da nicht nur die Stu­den­ten, son­dern ganz be­son­ders die Pro­fes­so­ren wert­vol­le An­re­gun­gen durch den Be­such emp­fan­gen hät­ten. Aber er dür­fe hof­fen, daß nun auch die Ame­ri­ka­ni­sche Wis­sen­schaft be­gin­ne, die­sen Dank durch ent­sp­re­chen­de Leis­tun­gen ab­zu­tra­gen. Der Ge­dan­ke des Pro­fes­so­ren­aus­tau­sches ha­be durch die­sen ers­ten Ver­such ei­ne gro­ße Stär­kung er­fah­ren.

Es spra­chen dann Ri­chards (Che­mi­ker), Good­win (Phi­lo­lo­ge), Sha­ler (Geo­lo­ge), Wright (His­to­ri­ker), Fran­ke (Ger­ma­nist), Hall (Phy­si­ker), Noyes (Che­mi­ker), Mün­ster­berg (Phi­lo­soph) und Roy­ce (Phi­lo­soph). Ri­chards gab an, von mir ge­lernt zu ha­ben, wie man das Schiff der Wis­sen­schaft si­cher an den Klip­pen un­frucht­ba­rer Hy­po­the­sen vor­bei zu steu­ern ha­be. Good­win, ein al­ter Phi­lo­lo­ge, der sich mit sei­ner lie­ben Frau ganz be­son­ders per­sön­lich zu mir und den Mei­nen hin­ge­zo­gen ge­fühlt hat­te, pries die Gast­freund­schaft der Deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, Sha­ler be­ton­te den be­le­ben­den Ein­fluß des Gas­tes auf die jün­ge­ren Mit­glie­der der Uni­ver­si­tät, die noch et­was ler­nen könn­ten; er selbst sei lei­der zu alt da­zu. Er sei von ei­nem Deut­schen und He­ge­lia­ner er­zo­gen wor­den, des­sen Phi­lo­so­phie er in­zwi­schen voll­kom­men ver­ges­sen ha­be. Sie hät­te aber ei­nen so gro­ßen lee­ren Raum in sei­nem Ge­hirn hin­ter­las­sen, daß er ei­ne gan­ze Men­ge sei­ner spä­te­ren Wis­sen­schaft ha­be hin­ein­pa­cken kön­nen. Ver­trau­en in das ei­ge­ne Den­ken sei das bes­te, was er von den Deut­schen ge­lernt ha­be. Wright dank­te nicht nur mir, son­dern auch mei­ner Fa­mi­lie für ihr Kom­men. Fran­ke sag­te, daß be­kannt­lich nichts so schwer sei, als durch ei­ne of­fe­ne Tür zu ge­hen. Die­se of­fe­ne Tür sei das all­ge­mei­ne Ge­fühl des Dan­kes, aus dem er kei­ne Ein­zel­heit her­vor­he­ben kön­ne, oh­ne Un­zu­läng­lich­keit nach an­de­rer Rich­tung. Er schloß mit Goe­thes Ver­sen, die ich mir nicht ver­sa­gen kann her­zu­set­zen, weil sie das aus­drü­cken, was ich so gern möch­te von mir den­ken dür­fen:

Wei­te Welt und brei­tes Le­ben,

Lan­ger Jah­re red­lich Stre­ben,

Stets ge­forscht und stets ge­grün­det,

Nie ge­schlos­sen, oft ge­rün­det,

Äl­tes­tes be­wahrt mit Treue,

Freund­lich auf­ge­faß­tes Neue,

Hei­tern Sinn und rei­ne Zwe­cke:

Nun! man kommt wohl ei­ne Stre­cke.

Ei­ne sehr hüb­sche Re­de hielt Mün­ster­berg, von dem ich sie nicht er­war­tet hat­te. Er führ­te aus, daß die Schil­de­run­gen der wun­der­ba­ren Ei­gen­schaf­ten des Deut­schen Pro­fes­sors sei­tens be­geis­ter­ter Ame­ri­ka­ner, wel­che in Deutsch­land stu­diert hat­ten, von den Zu­hau­se­ge­blie­be­nen meist sehr un­gläu­big auf­ge­nom­men wür­den. Man ver­mu­te in die­sen Krei­sen all­ge­mein, daß die­ser Ty­pus gar nicht wirk­lich exis­tiert, son­dern ein für päd­ago­gi­sche Zwe­cke er­dach­tes Phan­tom sei, ähn­lich wie der ärm­lich aber rein­lich ge­klei­de­te ar­ti­ge Kna­be in den Ju­gend­schrif­ten. Er be­trach­te­te es als ein Haupt­ver­dienst, daß ich die­se Zwei­fel be­sei­tigt und durch mei­ne un­be­streit­ba­re Wirk­lich­keit be­wie­sen ha­be, daß je­ne Be­schrei­bun­gen des Deut­schen Pro­fes­sors eher zu we­nig als zu­viel ge­sagt hät­ten.

Noyes sag­te, daß er mich vor 17 Jah­ren nur als Leh­rer und For­scher ken­nen ge­lernt ha­be, jetzt aber mir ha­be mensch­lich nä­her tre­ten dür­fen und die­se Sei­te noch bes­ser ge­fun­den ha­be, als je­ne. Be­son­de­res Ge­wicht leg­te er au­ßer­dem auf die Viel­sei­tig­keit mei­ner Be­tä­ti­gun­gen, die ih­rer Gründ­lich­keit nicht Ein­trag ge­tan ha­be.

Roy­ce er­zähl­te, daß vor ei­ni­gen Jah­ren in sei­nem phi­lo­so­phi­schen Se­mi­nar die da­mals er­schie­ne­ne »Na­tur­phi­lo­so­phie« Ge­gen­stand aus­ge­dehn­ter Be­sp­re­chun­gen ge­we­sen sei. Als dann vor kur­zem in dem­sel­ben Se­mi­nar ich per­sön­lich er­schien und mich an den Ver­hand­lun­gen be­tei­lig­te, ha­be dies auf ihn wie ei­ne wun­der­sa­me Fort­set­zung je­ner längst ver­gan­ge­nen Sit­zun­gen ge­wirkt.

Auf die An­re­gung Eli­ots, die Rei­he der Re­den ab­zu­schlie­ßen, ließ ich mei­nen Dank für die vie­le Freund­lich­keit und Lie­be, die mir der Abend ge­bracht hat­te, in den über­per­sön­li­chen Ge­dan­ken von der Völ­ker und Men­schen ver­bin­den­den Kraft der Wis­sen­schaft aus­klin­gen, wel­che auch dies be­glü­cken­de Er­geb­nis zu­stan­de ge­bracht hat­te. Tat­säch­lich sei die Wis­sen­schaft ein voll­kom­men ge­mein­sa­mes Gut al­ler Kul­tur­völ­ker, von de­nen je­des be­strebt ist, so­viel es kann, zu die­sem Schat­ze bei­zu­tra­gen. Das ein­zi­ge, was hier noch fehlt, ist die ge­mein­sa­me Spra­che, wel­che je­dem oh­ne Aus­nah­me rest­los den gan­zen In­halt die­ses größ­ten Schat­zes der Mensch­heit zu­gäng­lich ma­chen wür­de.

So schloß der Abend, wie es sich ge­hört, nicht mit ei­nem Ver­wei­len im Ver­gan­ge­nen, son­dern mit ei­nem Aus­blick auf die Zu­kunft; nicht mit der Be­trach­tung ei­ner ein­zel­nen Per­son, son­dern mit all­ge­mein­mensch­li­chen Ge­dan­ken.

Der Stu­den­ten­tee und an­de­res. In et­was an­de­rer Form nahm ich Ab­schied von Cam­bridges Stu­den­ten. Ich hat­te man­cher­lei Be­rüh­run­gen über die Vor­le­sun­gen hin­aus mit ih­nen ge­habt; als letz­te ver­an­stal­te­te ich ei­nen Col­le­ge-Tee, auf den an ei­nem Sonn­tag­nach­mit­tag je­der ein­ge­la­den war, der kom­men woll­te. Mei­ne Töch­ter und ei­ne An­zahl ih­rer dort ge­won­ne­nen Freun­din­nen bo­ten Tee, Ge­bäck und Bröt­chen an und man be­weg­te sich un­ter Kom­men und Ge­hen et­wa zwei Stun­den lang in den für den Zweck be­son­ders ge­schmück­ten Räu­men. Auch dies wur­de mit hei­te­rem Dank auf­ge­nom­men.

Mit be­son­de­rer Rüh­rung ver­ab­schie­de­ten sich die Haus­ge­nos­sen, ins­be­son­de­re das schwar­ze Per­so­nal, von den Mei­nen.

Ich bin nicht im­stan­de, die vie­len ein­zel­nen Di­ners auf­zu­zäh­len, zu de­nen man mich in Cam­bridge und Bos­ton in den letz­ten Wo­chen ein­ge­la­den hat, um mir noch ei­ni­ge freund­li­che Ab­schieds­wor­te zu sa­gen. Sie brach­ten mich noch ein­mal mit der gan­zen geis­ti­gen Hö­hen­schicht bei­der Städ­te zu­sam­men, die ich wäh­rend der ver­flos­se­nen Mo­na­te ken­nen ge­lernt hat­te, wenn auch lei­der meist nur flüch­tig, und ha­ben mir den Ein­druck kräf­ti­gen Stre­bens und idea­ler Ge­sin­nung als der Grund­zü­ge die­ser Ge­sell­schaft dau­ernd hin­ter­las­sen. Das aus­ge­präg­te Selbst­be­wußt­sein der An­ge­hö­ri­gen die­ses öst­li­chen Kul­tur­zen­trums, wel­ches die an­de­ren Ame­ri­ka­ner na­ment­lich den Bos­to­nern nach­sa­gen, und das sich dem all­ge­mei­nen Ame­ri­ka­ni­schen Selbst­be­wußt­sein noch über­la­gert, ha­be ich nie pein­lich zu emp­fin­den ge­habt, da die Bos­to­ner be­son­de­ren Wert auf gu­te ge­sell­schaft­li­che For­men le­gen.

Im­mer­hin ver­langt aber die ge­schicht­li­che Ge­nau­ig­keit die Nach­richt, daß das amt­li­che Ab­schieds­es­sen bei dem Prä­si­den­ten Eli­ot, zu dem nur noch die an­de­ren amt­li­chen Ver­tre­ter der Uni­ver­si­tät ge­la­den wa­ren, oh­ne be­son­de­re Wär­me ver­lief. Ich hat­te den Ein­druck, daß ir­gend et­was an mei­nem We­sen oder Ver­hal­ten Eli­ots Bil­li­gung nicht ge­fun­den hat­te. Es kam dies we­der in Wor­ten noch in Ge­bär­den zum Aus­druck, wohl aber dar­in, daß die hei­te­re Herz­lich­keit, an die man mich ge­wöhnt hat­te, sich dies­mal nicht ent­wi­ckeln woll­te. Ver­mut­lich ist her­nach man­chem be­kannt ge­wor­den, was die Ur­sa­che die­ser Ein­stel­lung des von mir auf­rich­tig ver­ehr­ten Man­nes war. Aber in sol­chen Fäl­len hat ge­ra­de der, den es am nächs­ten an­geht, am we­nigs­ten Aus­sicht, die Wahr­heit zu er­grün­den; mir ist es auch nicht ge­lun­gen.

Nach New York. Bei schöns­tem Son­nen­schein ver­lie­ßen wir am 22. Ja­nu­ar 1906 Cam­bridge und ka­men nach kur­zer Rei­se in New York an, wo wir als­bald von Freun­den in Emp­fang ge­nom­men wur­den. Pro­fes­sor Her­ter hat­te uns ein­ge­la­den, bei ihm zu woh­nen; da aber von dort der täg­li­che Weg nach der Co­lum­bia-Uni­ver­si­tät am Nor­den­de der Stadt zu weit ge­we­sen wä­re, zog ich mit mei­ner Frau in ei­nen na­he ge­le­ge­nen stil­len Gast­hof, wäh­rend mei­ne bei­den Töch­ter, wel­che die gan­ze Fa­mi­lie Her­ter von ei­nem frü­he­ren Be­such her lieb­ge­won­nen hat­te, bei die­ser blie­ben.

Die nicht ganz zwei Wo­chen in New York wa­ren bei wei­tem die an­ge­streng­tes­te Zeit, wel­che ich als Aus­tausch­pro­fes­sor durch­zu­ma­chen hat­te. Täg­lich gab es zwei Stun­den Vor­le­sun­gen in Eng­li­scher Spra­che vor 300 bis 500 Zu­hö­rern, so­viel, als die Hör­sä­le fas­sen konn­ten.

Bei­de oh­ne aka­de­mi­sches Vier­tel und nur durch ei­ne Stun­de Er­ho­lungs­pau­se ge­trennt, wa­ren schon an sich ei­ne star­ke Be­las­tung. Da­zu kam aber noch das Be­wußt­sein, daß es sich hier nicht um ge­wöhn­li­che Vor­le­sun­gen han­del­te, son­dern dar­um, den Ame­ri­ka­ni­schen Hö­rern und Hö­re­rin­nen (denn Frau­en wa­ren sehr zahl­reich ver­tre­ten) ei­nen mög­lichst star­ken und gu­ten Ein­druck von Deut­scher Wis­sen­schaft zu ver­mit­teln. We­gen der ge­misch­ten Be­schaf­fen­heit der Zu­hö­rer­schaft durf­ten es kei­ne nüch­ter­nen Fach­vor­trä­ge sein; die künst­le­ri­sche Sei­te der Dar­bie­tun­gen ver­lang­te al­so be­son­de­re Be­rück­sich­ti­gung und je­de ein­zel­ne Vor­le­sung muß­te die Ge­stalt ei­nes selb­stän­di­gen Es­say tra­gen.

Ich glau­be be­rich­ten zu dür­fen, daß mir das gut ge­lun­gen ist. Aus Ei­tel­keit hat­te ich ei­ne An­stalt für Zei­tungs­aus­schnit­te be­auf­tragt, mir die zu­ge­hö­ri­gen Nach­rich­ten zu schi­cken. Sie ka­men in reich­lichs­ter Fül­le und die Rech­nung da­für wur­de viel grö­ßer als ich ver­mu­tet hat­te. Der In­halt ließ er­ken­nen, daß ich die an­ge­streb­te Wir­kung er­reicht hat­te.

Al­ler­dings muß­te ich hier­zu mei­ne letz­ten Kräf­te her­ge­ben; al­le Re­ser­ven wur­den auf­ge­braucht. In ei­ner der letz­ten Stun­den hat­te ich mit­ten im Vor­trag ei­nen auf­stei­gen­den Ohn­machts­an­fall zu be­kämp­fen, oh­ne da­bei die Re­de un­ter­bre­chen zu dür­fen. Ich ha­be her­nach ei­ni­ge be­freun­de­te Zu­hö­rer be­fragt; sie er­klär­ten aber, nichts be­son­de­res be­merkt zu ha­ben.

Denn ne­ben bei­den Rei­hen gab es noch ei­ne An­zahl Ein­zel­vor­trä­ge zu hal­ten, die ich nicht wohl ab­leh­nen konn­te oder woll­te. Da­zu kam fast täg­lich ein Früh­stück oder Abend­es­sen mit Kol­le­gen aus den ver­schie­de­nen Ge­bie­ten, oft bei­des an dem­sel­ben Ta­ge, wo­bei ich als »her­vor­ra­gen­der Gast« Re­den zu hal­ten und hun­dert Fra­gen zu be­ant­wor­ten hat­te, al­so mich fort­dau­ernd un­ter geis­ti­gem Hoch­druck hal­ten muß­te.

Und was das schwers­te war: mei­ne Frau war recht ernst­lich er­krankt. Schon in Cam­bridge hat­te sie sich zu­neh­mend von den ge­sell­schaft­li­chen Ver­an­stal­tun­gen zu­rück­zie­hen müs­sen, weil sie über ih­re Kräf­te gin­gen. Da­zu kam, daß sie durch die Ver­ord­nung des zu Ra­te ge­zo­ge­nen Arz­tes nur krän­ker ge­wor­den war und auch noch die­se Be­nach­tei­li­gung zu über­win­den hat­te. In New York wur­de es aber viel schlim­mer, so daß sie ta­ge­lang das Bett nicht ver­las­sen konn­te. Über die Art des Lei­dens er­gab sich bald Klar­heit; es war nicht un­mit­tel­bar le­bens­ge­fähr­lich, for­der­te aber größ­te Scho­nung.

Glück­li­cher­wei­se war das Wet­ter dau­ernd gut. Die Tem­pe­ra­tur war al­ler­dings un­ter Null ge­sun­ken; der Him­mel blieb aber klar und die kur­zen Ta­ge brach­ten so viel Licht, als der Ka­len­der ge­stat­te­te. Die Mor­gen­spa­zier­gän­ge in den An­la­gen am Was­ser, wo je­der Zweig im Rauh­reif sil­bern glänz­te, wa­ren so er­fri­schend, daß sie nicht we­nig da­zu bei­tru­gen, mir das Durch­hal­ten zu er­mög­li­chen.

Heim­rei­se. Am 7. Fe­bru­ar war end­lich al­les er­le­digt und wir konn­ten uns auf das Schiff be­ge­ben, wo wir un­se­re Ka­bi­nen mit Blu­men, Früch­ten und Zu­cker­werk ge­füllt vor­fan­den, die uns von Freun­den als Ab­schieds­gruß ge­stif­tet wa­ren. Mit dem Ge­fühl, daß ich der­ar­ti­ges nicht zum zwei­ten Ma­le wür­de durch­füh­ren kön­nen, sah ich das un­re­gel­mä­ßi­ge Pro­fil New Yorks am Ho­ri­zont ver­schwin­den.

Das Wet­ter war bei der Ab­fahrt noch schön, aber die eis­be­deck­ten Schif­fe, die uns ent­ge­gen­ka­men, be­rei­te­ten uns auf an­de­re Ver­hält­nis­se drau­ßen im frei­en Oze­an vor. Tat­säch­lich fuh­ren wir in ei­nen zu­neh­mend schwe­re­ren Sturm hin­ein. Die Hälf­te der Fa­mi­lie wur­de als­bald see­krank; ich und ei­ne Toch­ter hiel­ten uns noch ei­nen Tag; dann muß­ten auch wir dar­an glau­ben. Auf mei­nen frü­he­ren Fahr­ten hat­te ich schlim­me­res Wet­ter gut über­stan­den; der er­schöpf­te Zu­stand, mit dem mich Ame­ri­ka ent­ließ, hat­te auch hier mei­ne Wi­der­stands­fä­hig­keit ge­bro­chen. Das Lei­den mei­ner Frau ver­schlim­mer­te sich na­tür­lich un­ter die­sen Um­stän­den und auch als nach zwei Ta­gen die See­krank­heit bei mir und der kräf­ti­ge­ren Toch­ter über­wun­den war, blieb die Stim­mung ge­drückt und un­froh. Von mei­nen sechs Fahr­ten über den Oze­an wur­de die­se die un­er­freu­lichs­te; doch dau­er­te sie nur kur­ze Zeit.

Mit den Ge­füh­len der Er­lö­sung be­grüß­ten wir bei der Ein­fahrt in Bre­mer­ha­ven das va­ter­län­di­sche Ufer. Wir wur­den von mei­nem zwei­ten Sohn emp­fan­gen, der uns die wei­te­ren Rei­se­sor­gen ab­nahm und nach Leip­zig be­glei­te­te, wo wir das Haus in bes­ter Ord­nung an­tra­fen. Wir fühl­ten uns un­be­schreib­lich glück­lich in den ge­wohn­ten Räu­men und Ver­hält­nis­sen und ge­lob­ten uns, nicht so bald ähn­li­che Rei­sen zu un­ter­neh­men. Es ist auch nicht ge­sche­hen.

Zu Hau­se hat­te ich zu­nächst noch zwei Mo­na­te Fe­ri­en und di­en­te dann das letz­te Se­mes­ter ab, zu dem ich mich ver­pflich­tet hat­te. Ich hat­te al­so reich­lich Zeit, die Über­sied­lung in mein Land­haus En­er­gie vor­zu­be­rei­ten, das ich für den Zweck hat­te um­bau­en las­sen. Das Se­mes­ter ver­lief in ge­wohn­ter Wei­se, doch oh­ne den Schwung und die Ar­beits­freu­de, wel­che es frü­her so er­freu­lich ge­macht hat­ten. Da­für war die tech­ni­sche Her­stel­lung von Sal­pe­ter­säu­re aus Am­mo­ni­ak durch Dr. Brau­ers un­er­müd­li­che Ar­beit so weit ge­die­hen, daß der re­gel­mä­ßi­ge Be­trieb be­gon­nen hat­te und oh­ne Hin­der­nis­se durch­ge­führt wer­den konn­te. Da­mit hat­te ich die be­ru­hi­gen­de Si­cher­heit ge­won­nen, daß Deutsch­land im Fal­le ei­nes Krie­ges nicht nach kur­zer Frist durch Man­gel an Schieß­pul­ver wehr­los wer­den müß­te. Als das Se­mes­ter zu En­de war, ver­ließ ich die Uni­ver­si­tät Leip­zig, oh­ne daß sie ei­ne Teil­nah­me an die­sem Vor­gang zu er­ken­nen gab.

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