Der Farbenhändler im Ruhestand

An diesem Morgen war Sherlock Holmes in trübseliger, philosophischer Stimmung. Seine hellwache, praktische Natur führte immer wieder zu solchen Reaktionen.
»Haben Sie ihn gesehen?« fragte er.
»Sie meinen den alten Burschen, der gerade von hier weggegangen ist?«
»Genau den.«
»Ja, ich habe ihn an der Haustür getroffen.«
»Was denken Sie von ihm?«.
»Ein Mitleid erregendes, unbedeutendes, gebrochenes Individuum.«
»Ganz recht, Watson. Mitleid erregend und unbedeutend. Aber ist nicht das ganze Leben Mitleid erregend und unbedeutend? Ist seine Geschichte nicht ein Mikrokosmos des Großen Ganzen? Wir strecken die Hand aus. Wir greifen zu. Und was bleibt uns am Ende in der Hand? Ein Schatten. Oder noch weniger als ein Schatten – bloßes Elend.«
»Ist er einer von Ihren Klienten?«
»Nun, ich glaube, ich kann ihn so bezeichnen. Der Yard hat ihn zu mir geschickt. Gerade so wie Mediziner gelegentlich ihre unheilbaren Fälle zum Quacksalber schicken. Sie behaupten, sie könnten nichts mehr tun, und dass, was immer dem Patienten noch widerfahren kann, nicht schlimmer sein kann als es ohnehin schon ist.«
»Worum geht es denn?«
Holmes nahm ein ziemlich fleckige Visitenkarte vom Tisch. »Josiah Amberley. Er sagt, er wäre der Juniorpartner von Brickfall und Amberley gewesen, die Hersteller von Künstlerbedarf sind. Sie können ihren Namen auf vielen Farbenkästen lesen. Er machte ein wenig Geld, zog sich im Alter von einundsechzig aus dem Geschäft zurück, kaufte sich ein Haus in Lewisham und ließ sich dort nieder nach einem Leben voll von rastloser Plackerei. Man sollte also meinen, seine Zukunft wäre einigermaßen gesichert.«
»In der Tat.«
Holmes überflog ein paar Notizen, die er auf die Rückseite eines Umschlags gekritzelt hatte.
»Zur Ruhe gesetzt hat er sich 1896, Watson. Anfang 1897 heiratete er eine Frau, die zwanzig Jahre jünger war als er – eine gut aussehende Frau obendrein, wenn ihre Fotografie nicht lügt. Ein Auskommen, eine Frau, viel freie Zeit – es schien, als ob ein angenehmes Leben vor ihm lag. Und doch wurde er, wie Sie gesehen haben, in nur zwei Jahren zur gebrochensten, elendsten Kreatur, die unter der Sonne kriecht.«
»Aber was ist denn passiert?«
»Die alte Geschichte, Watson. Ein verräterischer Freund und eine treulose Frau. Es sieht so aus, als ob Amberley nur ein Hobby im Leben hat, und das ist das Schachspiel. Nicht weit von ihm in Lewisham lebt ein junger Arzt, der auch Schach spielt. Ich habe mir seinen Namen aufgeschrieben: Dr. Ray Ernest. Ernest besuchte ihn oft, und eine natürliche Folge war, dass es zu Intimitäten mit Mrs. Amberley kam, denn wie Sie zugeben müssen, hat unserer unglücklicher Klient nur wenige äußere Vorzüge, was immer seine inneren Werte auch sein mögen. Letzte Woche brannte das Paar gemeinsam durch – mit unbekanntem Ziel. Und mehr noch, das treulose Weib nahm die Urkundenkassette als ihr persönliches Gepäck mit und einen Großteil seiner Ersparnisse. Können wir diese Dame aufspüren? Können wir ihm das Geld wiederbeschaffen? Ein gewöhnlicher Fall, soweit er sich bis jetzt entwickelt hat, und doch lebenswichtig für Josiah Amberley.«
»Was werden Sie in dieser Sache unternehmen?«
»Nun, die eigentliche Frage, mein lieber Watson, ist vielmehr die, was Sie tun werden – falls Sie so gut sein werden, für mich einzuspringen. Sie wissen ja, dass ich ziemlich beansprucht bin von diesem Fall mit den zwei koptischen Patriarchen, der heute zur Aufklärung gebracht werden sollte. Ich habe wirklich keine Zeit, nach Lewisham hinauszufahren, andererseits ist eine Beweisaufnahme vor Ort von besonderem Wert. Der alte Bursche hat sehr darauf bestanden, dass ich hinausfahren sollte, aber ich habe ihm meine Schwierigkeiten geschildert. Und er ist bereit, einen Stellvertreter von mir zu empfangen.«
»Aber ja,« antwortete ich. »Doch ich muss gestehen, dass ich nicht sehen kann, wie ich von großem Nutzen sein kann, aber ich bin bereit, mein Bestes zu tun.«
Und so kam es, dass ich mich an einem Sommernachmittag nach Lewisham aufmachte und mir träumerisch ausmalte, wie in einer Woche die Affäre, in die ich mich einschaltete, Gegenstand eifriger Debatten in ganz England sein würde.
Erst spät abends kehrte ich in die Baker Street zurück und erstattete Bericht über meine Mission. Holmes lag mit seiner ausgemergelten Gestalt ausgestreckt in seinem tiefen Sessel, aus seiner Pfeife kräuselten sich langsam Wölkchen von beißendem Tabakrauch, seine Augenlider waren träge geschlossen, so dass er geschlafen haben könnte, wenn sie sich nicht wieder bei jedem Innehalten oder jeder fragwürdigen Passage meiner Erzählung halb geöffnet hätten und mich seine grauen Augen, so hell und scharf wie ein Stoßdegen mit ihrem forschenden Blick durchbohrt hätten.
»The Haven, das ist der Name von Mr. Josiah Amberleys Haus,« erklärte ich. »Ich denke, das könnte Sie interessieren, Holmes. Es ist wie ein heruntergekommener Patrizier, der auf das Niveau seiner Untergebenen herabgesunken ist. Sie kennen dieses Viertel ja, die eintönigen Straßen mit den Backsteinhäusern und die schlecht gepflasterten Vorortstraßen. Und ziemlich genau mittendrin, wie eine kleine Insel von altertümlicher Kultiviertheit und Bequemlichkeit, liegt dieses alte Haus, umgeben von einer hohen, verwitterten Mauer, die von Flechten gesprenkelt und mit Moos bedeckt ist, die Art von Mauer –«
»Lassen Sie die Poesie weg,« sagte Holmes streng. »Ich stelle fest, dass es eine hohe Backsteinmauer ist.«
»Genau. Ich wäre nie darauf gekommen, welches Haus The Haven ist, wenn ich nicht einen Burschen gefragt hätte, der rauchend auf der Straße herumlungerte. Ich habe einen Grund, warum ich ihn erwähne. Er war ein großer, finsterer, ziemlich militärisch aussehender Kerl mit einem dicken Schnurrbart. Auf meine Frage nickte er als Antwort zu dem Haus hin und betrachtete mich mit einem neugierigen, fragenden Blick, der mir wenig später wieder in Erinnerung kam.
»Ich hatte gerade den Torweg betreten, als Mr. Amberley mir auch schon entgegen kam. Heute Morgen hatte ich ihn ja nur flüchtig gesehen, und schon da hatte ich den Eindruck einer eigenartigen Person, aber als ich ihn im hellen Tageslicht sah, kam er mir noch seltsamer vor.«
»Natürlich habe ich mich auch schon damit beschäftigt, und doch würde es mich interessieren, wie er auf Sie wirkte.«
»Er kam mir vor wie ein Mann, der buchstäblich von seinen Sorgen gebeugt worden ist. Sein Rücken war gekrümmt wie unter einer schweren Last, und doch war er nicht der Schwächling als den ich mir zunächst vorgestellt hatte, denn seine Schultern und sein Brustkorb haben den Bau eines Riesen, wenngleich seine Figur in einem Paar spindeldürrer Beine ausläuft.«
»Der linke Schuh faltig, der rechte glatt.«
»Das ist mir nicht aufgefallen.«
»Natürlich nicht. Mir fiel seine Prothese durchaus auf. Aber fahren Sie fort.«
»Ich war beeindruckt von den schlangenartigen Locken von grauem Haar, die sich unter seinem alten Strohhut hervorwanden, und von seinem grimmigen, verbissenen Gesicht und den tief eingegrabenen Falten.«
»Sehr gut, Watson. Und was sagte er?«
»Er floss förmlich über von der Geschichte mit seinem Kummer. Gemeinsam gingen wir den Weg entlang, und natürlich blickte ich mich gründlich um. Ich habe noch nie ein so verkommenes Grundstück gesehen. Der Garten war vollkommen verwildert und bot den Anblick einer Wildnis, in der die Pflanzen ganz sich selbst überlassen worden waren. Ich weiß wirklich nicht, wie eine anständige Frau solche Zustände toleriert haben konnte. Auch das Haus war völlig verkommen, aber der arme Mann schien sich dessen durchaus bewusst zu sein und versuchte, dem abzuhelfen, denn ein großer Topf mit grüner Farbe stand mitten in der Eingangshalle und er hielt einen dicken Pinsel in der linken Hand. Er hatte gerade Holz gestrichen.
Er führte mich in sein schmuddeliges Arbeitszimmer, und wir hatten ein langes Gespräch. Natürlich war er enttäuscht, dass Sie nicht selbst gekommen waren. ‚Ich habe auch kaum erwartet,‘ sagte er, ‚dass ein so einfacher Mann wie ich, besonders nach seinem schweren finanziellen Verlust, die vollständige Aufmerksamkeit eines so berühmten Mannes wie Mr. Sherlock Holmes beanspruchen kann.‘
Ich versicherte ihm, dass die finanzielle Frage überhaupt keine Rolle spielen würde. ‚Nein, natürlich, für ihn ist es l’art pour l’art,‘ sagte er, ‚aber selbst vom kriminalistischen Standpunkt aus, könnte er hier einiges finden, das der Untersuchung wert wäre. Und die menschliche Natur, Dr. Watson – vor allem ihre schwarze Undankbarkeit! Wann habe ich jemals einen ihrer Wünsche abgelehnt? Ist eine Frau jemals so verzärtelt worden? Und dieser Kerl – er hätte mein eigener Sohn sein können. Mein Haus stand ihm offen. Und wie haben sie es mir gedankt! Oh, Dr. Watson, es ist eine furchtbare, furchtbare Welt!‘
Das war das Thema seines Liedes für eine Stunde oder länger. Er hatte, wie es scheint, keinerlei Verdacht einer Intrige gehabt. Sie hatten allein für sich gelebt, abgesehen von einer Hausbesorgerin, die tagsüber kommt und jeden Abend um sechs wieder geht. An diesem bewussten Abend hatte der alte Amberley zwei Plätze im zweiten Rang im Haymarket Theater besorgt, um seiner Frau eine Freude zu machen. Aber im letzten Moment klagte sie über Kopfschmerzen und weigerte sich mitzukommen. Er ging allein. Er scheint keinen Zweifel daran zu geben, denn er zeigte mir die unbenutzte Eintrittskarte für seine Frau.«
»Das ist bemerkenswert – höchst bemerkenswert,« sagte Holmes, dessen Interesse an dem Fall zuzunehmen schien. »Bitte fahren Sie fort, Watson. Ich finde Ihre Schilderung äußerst fesselnd. Haben Sie die Eintrittskarte selbst in Augenschein genommen? Und Sie haben sich wohl nicht zufällig die Nummer gemerkt?«
»Zufällig habe ich das,« antwortete ich mit einem gewissen Stolz. »Zufällig war es meine alte Schulnummer, einunddreißig, deshalb ist sie mir im Gedächtnis hängen geblieben.«
»Ausgezeichnet, Watson! Demnach war sein Sitz entweder dreißig oder zweiunddreißig.«
»Ganz recht,« erwiderte ich einigermaßen verwirrt. »Und in der Reihe B.«
»Das ist höchst zufriedenstellend. Was hat er Ihnen sonst noch erzählt?«
»Er zeigte mir seine Stahlkammer, wie er es nannte. Und tatsächlich ist es eine Stahlkammer – wie in einer Bank – mit einer Tür und Fensterläden aus Eisen – einbruchsicher, wie er behauptete. Aber seine Frau scheint einen zweiten Schlüssel gehabt zu haben, und zusammen haben sie ungefähr siebentausend Pfund in bar und in Effekten mitgenommen.«
»Effekten! Wie könnten sie die einlösen?«
»Er sagte, er hätte der Polizei eine Liste gegeben und hoffte, sie würden unverkäuflich sein. Gegen Mitternacht war er aus dem Theater zurückgekehrt und hatte die Stahlkammer ausgeraubt vorgefunden, Tür und Fenster offenstehend und die Flüchtigen auf und davon. Es gab keinen Brief oder irgendeine Botschaft, und er hat von ihnen seither kein Wort mehr gehört. Sofort alarmierte der die Polizei.«
Einige Minuten lang brütete Holmes vor sich hin.
»Sie sagten, dass er Anstreicharbeiten machte, was malte er denn an?«
»Er strich den Flur. Und er hatte schon die Tür und die Holzteile in dem Raum, von dem ich gerade gesprochen habe, angestrichen.«
»Kommt Ihnen das unter den gegebenen Umständen nicht als eine recht seltsame Beschäftigung vor?«
»’Man muss etwas tun, um seinem schweren Herz etwas Erleichterung zu verschaffen.‘ Das war seine Erklärung. Zweifellos war es exzentrisch, aber er ist eben auch ein exzentrischer Mann. Vor meinen Augen zerriss er eine Fotografie seiner Frau – zerriss sie wütend in einem leidenschaftlichen Ausbruch. ‚Ich will ihr verdammtes Gesicht nie wieder sehen,‘ kreischte er.«
»Sonst noch was, Watson?«
»Ja, und zwar etwas, dass mir mehr aufgefallen ist als alles andere. Ich war zur Blackheath Station gefahren und hatte dort den Zug bestiegen, als ich, gerade als er abfuhr, einen Mann in das Abteil neben meinem hechten sah. Sie wissen, ich habe ein gutes Auge für Gesichter, Holmes. Es war ganz ohne Zweifel der große, finstere Mann, den ich auf der Straße angesprochen hatte. Ich habe ihn noch einmal an der London Bridge gesehen, und dann habe ich ihn in der Menge verloren. Aber ich bin mir sicher, dass er mich verfolgt hat.«
»Zweifellos, zweifellos!« sagte Holmes. »Ein großer Mann mit dickem Schnurrbart, sagen Sie, mit einer grau getönten Sonnenbrille?«
»Holmes, Sie sind ein Hexer. Das habe ich Ihnen nicht erzählt, aber er hatte tatsächlich eine grau getönte Sonnenbrille.«
»Und eine Anstecknadel der Freimaurer?«
»Holmes!«
»Ganz einfach, mein lieber Watson, ganz einfach. Aber lassen Sie uns erst mal einen Blick auf die Tatsachen werfen. Ich muss zugeben, dass der Fall, der mir so einfach und kaum meiner Aufmerksamkeit wert zu sein schien, doch rapide ein ganz anderes Aussehen annimmt. Obwohl Sie bei Ihren Ermittlungen so ziemlich alles von Bedeutung übersehen haben, geben doch jene Dinge, die sich Ihrer Aufmerksamkeit aufgedrängt haben, Anlass zu einer ernsten Betrachtung.«
»Was habe ich denn übersehen?«
»Nehmen Sie’s nicht tragisch, mein lieber Watson. Sie wissen ja, ich bin immer ein bisschen unpersönlich. Niemand hätte es besser machen können. Und einige möglicherweise nicht einmal so gut. Aber Sie haben ohne Zweifel ein paar ganz wichtige Punkte ausgelassen. Was ist die Meinung der Nachbarn über diesen Mann Amberley und seine Frau? Das ist bestimmt von Bedeutung. Wie steht’s mit Dr. Ernest? War er der fidele Schürzenjäger, den man erwarten würde? Mit den Ihnen von der Natur geschenkten Anlagen, Watson, könnten Sie jede Lady zu Ihrer Gehilfin und Komplizin machen. Was ist zum Beispiel mit dem Mädchen im Postamt, oder der Frau des Gemüsehändlers? Ich könnte Sie mir auch vorstellen, wie Sie mit der jungen Wirtin vom Blauen Anker flirten und im Gegenzug einige harte Fakten erhalten. All das haben Sie nicht getan.«
»Es kann immer noch nachgeholt werden.«
»Es ist schon erledigt. Dank des Telefons und der Hilfe vom Yard kann ich normalerweise alles Wesentliche erfahren, ohne dieses Zimmer verlassen zu müssen. Meine Informationen bestätigen tatsächlich die Geschichte unseres Klienten. Er hat da draußen den Ruf eines Geizkragens und eines groben, pingeligen Ehemannes. Dass er eine große Geldsumme in seiner Stahlkammer aufbewahrte ist ebenfalls sicher. Auch dass dieser junge Dr. Ernest, ein unverheirateter Mann, mit Amberley Schach spielte und ihn möglicherweise mit seiner Frau betrog. All das scheint ziemlich klar zu sein, und man möchte annehmen, dass dem nichts weiter hinzu zu fügen ist – und doch! – und doch!«
»Wo ist das Problem?«
»Vielleicht nur in meiner Einbildung. Nun gut, Watson, lassen wir es erst mal dabei bewenden. Wir wollen der ermüdenden Arbeitswelt durch die Tür zur Musik entkommen. Heute Abend singt Carina in der Albert-Hall, und wir haben noch Zeit genug, um uns umzuziehen, zu Abend zu essen und zu genießen.«
Am nächsten Morgen war ich bei Zeiten auf, aber Toastkrümel und zwei leere Eierschalen, zeigten mir, dass mein Freund noch früher aufgestanden war. Auf dem Tisch fand ich eine gekritzelte Mitteilung.

Lieber Watson:
Es gibt da noch ein, zwei Punkte, über die ich mich gerne mit Mr. Josiah Amberley unterhalten würde. Wenn ich das erledigt habe, können wir den Fall schließen – oder auch nicht. Ich möchte Sie nur darum bitten, sich so gegen drei Uhr zur Verfügung zu halten, da ich Sie möglicherweise brauchen werde.
S.H.

Den ganzen Tag über sah ich nichts von Holmes, aber zur angegebenen Stunde kam er zurück, ernst, gedankenverloren und abwesend. Bei solchen Gelegenheiten war es besser, ihn nicht zu stören.
»Ist Amberley schon hier gewesen?«
»Nein.«
»Ah! Ich erwarte ihn nämlich.«
Er wurde nicht enttäuscht, denn augenblicklich erschien der alte Knabe mit einem sehr besorgten und verwirrten Ausdruck in seinem ernsten Gesicht.
»Ich habe ein Telegramm erhalten, Mr. Holmes. Aber ich werde nicht schlau daraus.« Er übergab es, und Holmes las es laut vor:

»Kommen Sie sofort ohne Verzug. Habe Informationen für Sie über Ihren kürzlichen Verlust. ELMAN. Pfarramt.«

»Aufgegeben um zwei Uhr zehn in Little Purlington,« sagte Holmes. »Little Purlington liegt in Essex, nicht weit von Frinton, soviel ich weiß. Gut, natürlich werden Sie sofort aufbrechen. Das kommt offensichtlich von einer zuverlässigen Person, dem örtlichen Pfarrer. Wo ist mein Crockford? Hier haben wir ihn: ‚J.C. Elman, M.A., lebt in Moosmoor bei Little Purlington.‘ Suchen Sie mal einen Zug heraus, Watson.«
»Um fünf Uhr zwanzig geht einer ab Liverpool Street.«
»Ausgezeichnet. Am besten, Sie begleiten ihn, Watson. Vielleicht braucht er Hilfe oder einen Ratschlag. Es ist klar, dass wir langsam zur Krisis der Angelegenheit kommen.«
Aber unser Klient schien keineswegs erpicht darauf aufzubrechen.
»Das ist vollkommen absurd, Mr. Holmes,« sagte er. »Was kann dieser Mann von den Ereignissen wissen? Es ist reine Zeit- und Geldverschwendung.«
»Er würde Ihnen nicht telegrafiert haben, wenn er nicht etwas wüsste. Kabeln Sie ihm sofort, dass Sie kommen werden.«
»Ich glaube nicht, dass ich fahren werde.«
Holmes setzte seine eindringlichste Miene auf.
»Mr. Amberley, es würde sowohl auf die Polizei wie auch auf mich den denkbar schlechtesten Eindruck machen, wenn Sie einer so offensichtlichen Spur nicht nachgehen würden. Wir müssten dann annehmen, dass Sie an dieser Untersuchung nicht ernstlich interessiert sind.«
Unser Klient schien entsetzt zu sein bei dieser Vorstellung.
»Schön, natürlich werde ich fahren, wenn Sie es so betrachten,« sagte er. »Auf den ersten Blick scheint es absurd, dass diese Person irgend etwas weiß, aber wenn Sie glauben –«
»Ja, ich glaube,« versetzte Holmes mit Nachdruck.
Und so brachen wir zu unserer Reise auf. Bevor wir das Zimmer verließen, nahm Holmes mich beiseite und gab mir einen Ratschlag, der zeigte, dass er diese Sache für wirklich wichtig hielt. »Was immer Sie auch tun, achten Sie darauf, dass er tatsächlich fährt,« sagte er. »Sollte er Ihnen ausbüxen oder wieder zurückfahren, gehen Sie zum nächsten Fernsprechamt und geben Sie nur ein Wort durch: ‚Abgehauen.‘ Ich werde Sorge tragen, dass es mich erreicht, wo immer ich auch bin.«
Little Purlington ist nicht einfach zu erreichen, denn es liegt an einer Nebenstrecke. Ich habe keine angenehmen Erinnerungen an diese Reise, denn es war heiß, der Zug langsam und mein Reisegefährte mürrisch und schweigsam, kaum zu einem Wort aufgelegt abgesehen von einer gelegentlichen höhnischen Bemerkung über die Vergeblichkeit unseres Vorhabens. Als wir schließlich die kleine Bahnstation erreicht hatten, war es noch eine Fahrt von zwei Meilen, bis wir bei dem Pfarrhaus ankamen, wo uns ein großer, ernster und ziemlich pompöser Geistlicher in seinem Arbeitszimmer empfing. Unser Telegramm lag vor ihm auf dem Schreibtisch.
»Nun, Gentlemen,« fragte er, »was kann ich für Sie tun?«
»Wir kommen auf Ihr Telegramm hin,« erklärte ich.
»Mein Telegramm! Ich habe Ihnen kein Telegramm geschickt.«
»Ich meine das Telegramm, dass Sie an Mr. Josiah Amberley über seine Frau und sein Geld geschickt haben.«
»Wenn das ein Scherz ist, dann ist es ein ziemlich schlechter,« sagte der Pfarrer ärgerlich. »Ich habe niemals etwas gehört von dem Herrn, den Sie erwähnen, und ich habe an überhaupt niemanden ein Telegramm geschickt.«
Unser Klient und ich blickten uns erstaunt an.
»Vielleicht liegt eine Verwechslung vor,« sagte ich, »gibt es vielleicht zwei Pfarrämter? Hier ist das Telegramm, unterzeichnet mit Elman und mit dem Absender Pfarramt.«
»Hier gibt es nur ein Pfarramt und einen Pfarrer, Sir, und dieses Telegramm ist eine skandalöse Fälschung, deren Urheber sicherlich von der Polizei ermittelt werden wird. Bis dahin sehe ich keinen Grund, diese Unterhaltung noch fortzusetzen.«
So fanden Mr. Amberley und ich uns wieder am Straßenrand im, wie es mir schien, primitivsten Dorf Englands. Wir gingen zum Telegrafenbüro, aber es war schon geschlossen. Doch im kleinen Railway Arms gab es ein Telefon, mit dem ich mit Holmes Verbindung aufnehmen konnte, der unsere Verblüffung über das Ergebnis unserer Reise teilte.
»Höchst ungewöhnlich!« sagte seine ferne Stimme. »Höchst bemerkenswert! Ich fürchte sehr, mein lieber Watson, dass heute kein Zug mehr zurück geht. Ungewollt habe ich Sie zu den Schrecken eines Landgasthauses verdammt. Aber da draußen gibt es jede Menge Natur, Watson – Natur und Josiah Amberley – und mit beiden können Sie nun vertrauten Umgang pflegen.« Ich hörte noch ein trockenes Kichern, als er auflegte.
Es wurde schnell deutlich, dass mein Reisegefährte nicht unverdient im Rufe stand, ein Geizhals zu sein. Er hatte schon über die Kosten für die Reise gemurrt und darauf bestanden, dass wir dritter Klasse fuhren, und nun beklagte er sich lautstark über die Hotelrechnung.
Als wir schließlich am nächsten Morgen wieder in London eintrafen, war schwer zu sagen, wer von uns in schlechterer Stimmung war.
»Am besten Sie kommen noch zur Baker Street mit,« sagte ich. »Möglicherweise hat Mr. Holmes neue Anweisungen für uns.«
»Wenn sie nicht mehr Wert haben als seine letzten, dann werden sie ziemlich nutzlos sein,« sagte Amberley mit finsterem Gesicht. Nichtsdestoweniger begleitete er mich. Ich hatte Holmes unsere Ankunftszeit telegrafisch mitgeteilt, aber wir fanden eine Nachricht vor, dass er in Lewisham war und uns dort erwartete. Schon dies war eine Überraschung, aber eine noch größere war es, ihn nicht allein im Wohnzimmer unseres Klienten anzutreffen. Ein durchdringend blickender, regloser Mann saß neben ihm, ein finsterer Mann mit grau getönter Brille und einer großen Freimaurer-Anstecknadel an seiner Krawatte.
»Dies ist mein Freund Mr. Barker,« sagte Holmes. »Er hat sich ebenfalls für Ihre Geschäfte interessiert, Mr. Josiah Amberley, wenngleich wir auch unabhängig voneinander gearbeitet haben. Aber wir haben dieselbe Frage an Sie!«
Mr. Amberley ließ sich schwer in einen Sessel fallen. Er spürte drohende Gefahr. Ich sah es an seinem angespannten Blick und dem Zucken in seinem Gesicht.
»Was ist das für eine Frage, Mr. Holmes?«
»Nur diese: Was haben Sie mit den beiden Leichen gemacht?«
Mit einem heiseren Schrei sprang der Mann auf. Mit seinen knochigen, klauenartigen fuhr er durch die Luft. Sein Mund stand offen, und für einen Augenblick sah er aus wie ein schrecklicher Greifvogel. Blitzartig bekamen wir einen Blick auf den wirklichen Josiah Amberley, ein missgestalteter böser Gnom, in seinem Inneren ebenso verformt wie an seinem Körper. Als er sich in den Sessel zurückfallen ließ, schlug er sich mit der Hand vor den Mund wie um ein Husten zu unterdrücken. Holmes sprang ihm an die Kehle wie ein Tiger und drehte sein Gesicht auf den Boden. Ein weißes Kügelchen fiel ihm aus dem schnappenden Mund.
»Keine Abkürzungen, Josiah Amberley. Die Dinge müssen mit Anstand und ordentlich geregelt werden. Was sollen wir mit ihm machen, Barker?«
»Ich habe draußen eine Droschke warten,«  sagte unser wortkarger Gefährte.
»Bis zur Polizeiwache sind es bloß ein paar hundert Meter. Wir werden zusammen hinfahren. Sie können hier bleiben, Watson. In einer halben Stunde bin ich wieder zurück.«
Der alte Farbenhändler hatte die Kraft eines Löwen in seiner Brust, aber in den Händen der beiden kampferprobten Detektive war er hilflos. Sich windend und drehend wurde er zu der wartenden Droschke gezerrt, und ich war allein auf meiner einsamen Wache in diesem Haus, das unter einem so unglücklichen Stern stand.
Schneller als er gesagt hatte, war Holmes wieder zurück in Begleitung eines intelligenten jungen Polizeiinspektors.
»Ich habe Barker auf der Polizeiwache gelassen, um die Formalitäten zu erledigen,« sagte Holmes. »Sie haben Barker noch nicht gekannt, Watson. Er ist mein wenig geliebter Rivale von der Surrey-Küste. Als Sie mir von einem großen, dunklen Mann erzählten, war es nicht schwer für mich, mir ein vollständiges Bild zu machen. Er hat ein paar gute Fälle auf seinem Konto, oder, Inspektor?«
»Er hat sich einige Male in Ermittlungen eingemischt,« antwortete der Inspektor zurückhaltend.
»Seine Methoden sind zweifellos unkonventionell, wie die meinigen. Die unkonventionellen sind manchmal ganz nützlich. Sie zum Beispiel mit Ihren zwanghaften Warnungen, dass alles, was er sagen würde, gegen ihn verwendet werden könnte, hätten diesen Strolch niemals dazu verleiten können, was de facto einem Geständnis gleichkommt.«
»Vielleicht nicht. Trotzdem kommen wir auch zum Ziel, Mr. Holmes. Bilden Sie sich nicht ein, dass wir uns nicht unsere eigene Meinung gebildet hätten zu diesem Fall und dass wir diesen Mann nicht auch geschnappt hätten. Sie müssen schon entschuldigen, dass es uns ärgert, wenn Sie mit Methoden, die uns nicht gestattet sind, in einen Fall springen und uns so die verdiente Anerkennung rauben.«
»Es wird keinen solchen Raub geben, MacKinnon. Ich versichere Ihnen, dass ich mich von nun an im Hintergrund halten werde, ebenso wie Barker, der nichts getan hat, außer was ich ihm gesagt habe.«
Der Inspektor schien sichtlich erleichtert.
»Das ist sehr nett von Ihnen, Mr. Holmes. Lob oder Tadel kann Ihnen nicht viel ausmachen, aber für uns ist das ganz etwas anderes, wenn die Zeitungen erst einmal anfangen, Fragen zu stellen.«
»Ganz recht. Aber sie werden Ihnen sicherlich trotzdem Fragen stellen, es wäre also ganz gut, Antworten parat zu haben. Was werden Sie zum Beispiel antworten, wenn ein intelligenter und rühriger Reporter Sie fragt, was genau die Punkte waren, die Ihren Verdacht erregten und Ihnen schließlich die sichere Überzeugung von den wirklichen Tatsachen gaben?«
Der Inspektor machte ein verwirrtes Gesicht.
»Im Augenblick haben wir anscheinend noch keine wirklichen Beweise, Mr. Holmes. Sie sagten, dass der Festgenommene in der Gegenwart von drei Zeugen versucht hätte, Selbstmord zu begehen, und damit gestanden hätte, dass er seine Frau und ihren Liebhaber umgebracht hätte. Was für Beweise haben Sie noch?«
»Haben Sie alles für eine Durchsuchung vorbereitet?«
»Drei Konstabler sind auf dem Weg hierher.«
»Dann werden Sie bald den eindeutigsten Beweis überhaupt haben. Die Leichen können nicht weit sein. Suchen Sie im Keller und im Garten. Es sollte nicht zu lange dauern, die wahrscheinlichsten Stellen aufzugraben. Dieses Haus ist älter als die Wasserleitungen. Irgendwo muss es noch einen stillgelegten Brunnen geben. Versuchen Sie da mal Ihr Glück.«
»Aber wie wussten Sie davon. Und wie hat er es gemacht?«
»Zunächst werde ich Ihnen zeigen, wie die Tat begangen wurde, und dann werde ich Ihnen die Erklärung geben, die ich Ihnen schuldig bin und mehr noch meinem schwer geprüften Freund hier, der mir durchweg eine unschätzbare Hilfe war. Aber erst mal werde ich Ihnen einen Einblick in die Mentalität dieses Mannes geben. Sie ist sehr ungewöhnlich – so ungewöhnlich, dass ich glaube, dass er eher in der Irrenanstalt von Broadmoor enden wird als auf dem Schafott. Er hat in hohem Maße die Art von Geisteszustand, die man mehr mit mittelalterlichen italienischen Naturen in Verbindung bringt als mit modernen Briten. Er war ein elender Geizkragen, der seine Frau mit seiner knickrigen Art so unglücklich machte, dass sie zur leichten Beute für jeden Abenteurer wurde. So einer erschien auf der Bildfläche in Gestalt des Schach spielenden Doktors. Amberley spielte vorzüglich Schach – ein Zeichen für einen planenden Verstand, Watson. Wie alle Geizhälse war er ein eifersüchtiger Mann, und seine Eifersucht wurde zur rasenden Besessenheit. Zu Recht oder zu Unrecht witterte er einen Ehebruch. Er beschloss, Rache zu nehmen, und er plante sie mit teuflischer Schlauheit. Kommen Sie mal hierher!«
Holmes führte uns durch den Flur, so sicher, als ob er immer schon in diesem Haus gelebt hätte, und blieb an der offenen Tür zu der Stahlkammer stehen.
»Pah! Was für ein fürchterlicher Farbengestank!« rief der Inspektor aus.
»Das war unser erster Hinweis,« sagte Holmes. »Sie können Dr. Watsons Beobachtungsgabe dafür danken, obwohl er nicht die richtigen Schlüsse daraus zog. Aber das brachte mich auf die richtige Spur. Warum sollte dieser Mann zu so einem Zeitpunkt sein Haus mit penetranten Gerüchen verpesten? Offensichtlich, um einen anderen Geruch zu überdecken, den er verheimlichen wollte – einen üblen Geruch, der Argwohn erregen würde. Dann kam mir die Idee mit einem Raum so, wie Sie ihn hier sehen, mit Fensterläden und einer Tür aus Eisen – ein hermetisch abgeschlossener Raum. Fügen Sie diese beiden Fakten zusammen, und wo führt uns das hin? Das konnte ich nur feststellen, indem ich das Haus selbst untersuchte. Ich war mir schon sicher, dass der Fall ernst war, denn ich hatte mir den Sitzplan im Haymarket-Theater angesehen – noch einer von Watsons Volltreffern – und festgestellt, dass weder B dreißig noch zweiunddreißig im zweiten Rang an diesem Abend belegt worden waren. Amberley war also nicht im Theater gewesen, und damit war sein Alibi im Eimer. Er machte einen schweren Fehler, als er meinem scharfsinnigen Freund erlaubte, einen Blick auf die Sitznummer der Karte für seine Frau zu werfen. Nun erhob sich die Frage, wie ich es bewerkstelligen könnte, das Haus zu untersuchen. Ich schickte jemanden in das abgelegenste Dorf, das ich mir denken konnte, und bestellte ihn zu so einer Zeit dorthin, dass er unmöglich wieder zurückkommen konnte. Um jegliches Misslingen auszuschließen, ließ ich ihn von Dr. Watson begleiten. Den Namen des guten Pfarrers habe ich natürlich meinem Crockford entnommen. Ist so weit alles klar?«
»Es ist meisterlich,« sagte der Inspektor mit ehrfürchtiger Stimme.
»Da nun keine Unterbrechung mehr zu befürchten war, machte ich mich daran, in das Haus einzubrechen. Einbruch wäre für mich schon immer eine berufliche Alternative gewesen, wenn ich eine gesucht hätte, und ich hege keinen Zweifel, dass ich es in diesem Geschäft weit gebracht hätte. Sehen Sie sich einmal an, was ich gefunden habe. Sie sehen die Gasleitung entlang der Sockelleiste hier. Sehr gut. In der Wandecke steigt sie hoch und dort im Winkel befindet sich eine Abzweigung , die hinaus in die Stahlkammer führt, wie Sie sehen können, und in dieser Stuckkassette in der Mitte der Decke endet, wo sie von den Ornamenten verdeckt wird. Dieses Ende ist völlig offen. In dem Moment, wo man draußen den Absperrhahn öffnet, wird dieser Raum mit Gas gefüllt. Wenn die Tür und die Fensterläden geschlossen sind und der Absperrhahn voll geöffnet ist, würde es für jemanden, der in dieser kleinen Kammer eingeschlossen ist, keine zwei Minuten mehr bei vollem Bewusstsein geben. Unter welchem teuflischen Vorwand er sie hierher gelockt hat, weiß ich nicht, aber als sie erst einmal hinter dieser Tür waren, waren sie ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.«
Interessiert untersuchte der Inspektor die Gasleitung. »Einer unserer Beamten erwähnte den Geruch von Gas,« sagte er, »aber natürlich waren da das Fenster und die Tür schon weit geöffnet, und die Farbe – oder etwas davon – war schon aufgetragen. Seinen Angaben zufolge hatte er mit den Malerarbeiten schon am Tag zuvor angefangen. Aber wie ging es weiter, Mr. Holmes?«
»Dann kam es zu einem Zwischenfall, der ziemlich unerwartet für mich kam. Ich glitt gerade in der frühen Abenddämmerung aus dem Fenster der Speisekammer wieder hinaus, als ich eine Hand in meinem Kragen spürte und eine Stimme sagte: ‚He, du Strolch, was machst du hier?‘ Als ich meinen Kopf wieder etwas drehen konnte, blickte ich direkt in die getönten Brillengläser meines alten Freundes und Rivalen Mr. Barker. Es war ein komisches Zusammentreffen und wir mussten beiden lachen. Er war anscheinend von der Familie von Dr. Ray Ernest beauftragt worden, einige Nachforschungen anzustellen und war auch zu demselben Schluss gekommen, dass hier was faul war. Einige Tage lang hatte er das Haus überwacht und hatte dann Dr. Watson erblickt als eine der offensichtlich verdächtigen Figuren, die hier immer wieder vorsprachen. Er hatte Watson schlecht festnehmen können, aber als er einen Mann tatsächlich aus dem Speisekammerfenster klettern sah, war es mit seiner Zurückhaltung vorbei. Natürlich sagte ich ihm, wie die Dinge standen und von da an verfolgten wir den Fall gemeinsam.«
»Warum mit ihm? Warum nicht mit uns?«
»Weil ich im Sinn hatte, diesen kleinen Test durchzuführen, der so wunderbar funktioniert hat. Ich fürchte, Sie wären nicht so weit gegangen.«
Der Inspektor lächelte.
»Nun, vielleicht nicht. Ich denke doch, dass ich Ihr Wort habe, Mr. Holmes, dass Sie sich jetzt von diesem Fall zurückziehen und uns Ihre Ermittlungsergebnisse überlassen.«
»Sicher doch, so wie es immer meine Gewohnheit ist.«
»Nun, dann danke ich Ihnen im Namen der Polizeibehörde. Es scheint ein klarer Fall zu sein, so wie Sie ihn dargelegt haben, und es wird wohl nicht allzu schwer sein, die Leichen zu finden.«
»Ich werde Ihnen noch ein makaberes kleines Beweisstück zeigen,« sagte Holmes, »und ich bin mir sicher, dass Amberley es nie entdeckt hat. Sie kommen immer zu Ergebnissen, Inspektor, wenn Sie sich in die andere Person hinein versetzen und überlegen, was Sie an ihrer Stelle getan hätten. Es erfordert einiges an Einbildungskraft, aber es zahlt sich aus. Nun wollen wir einmal annehmen, dass Sie in diesem kleinen Raum eingeschlossen wären und keine zwei Minuten mehr zu leben hätten, aber Sie wollten es Ihrem Feind heimzahlen, der Sie vielleicht noch von der anderen Seite der Tür verspottet. Was würden Sie dann tun?«
»Eine Botschaft schreiben.«
»Genau. Sie wollten es alle Welt wissen lassen, wie Sie gestorben sind. Es hätte keinen Zweck, etwas auf Papier zu schreiben. Das würde entdeckt und beseitigt werden. Aber wenn Sie etwas an die Wand schreiben würden, dann könnte jemand darauf stoßen. Jetzt sehen Sie mal hier! Gerade knapp über der Sockelleiste steht mit blauem Kopierstift gekritzelt: ‚Wir si–‘ Das ist alles.«
»Was entnehmen Sie daraus?«
»Nun, es befindet sich nicht mal einen halben Meter über dem Boden. Der arme Teufel lag schon sterbend auf dem Boden, als er es schrieb. Er verlor das Bewusstsein, bevor er zu Ende schreiben konnte.«
»Er schrieb gerade, ‚Wir sind ermordet worden.’«
»So verstehe ich es. Wenn Sie bei der Leiche einen Kopierstift finden –«
»Wir werden danach Ausschau halten, darauf können Sie sich verlassen. Aber diese Effekten? Natürlich gab es überhaupt keinen Diebstahl. Und er besitzt diese Papiere immer noch. Wir haben das überprüft.«
»Sie können sicher sein, dass er sie an einem sicheren Ort versteckt hat. Wenn die ganze Fluchtgeschichte schon Teil der Geschichte geworden wäre, würde er sie plötzlich entdeckt und verkündet haben, dass die Übeltäter weich geworden wären und den Plunder zurückgeschickt oder ihn auf dem Weg fallen gelassen hätten.«
»Sie haben bestimmt alle Schwierigkeiten gemeistert,« sagte der Inspektor. »Natürlich musste er uns hinzuziehen, nur warum ist er dann auch noch zu Ihnen gegangen, das verstehe ich nicht.«
»Reine Angeberei!« antwortete Holmes. »Er hielt sich für so schlau und selbstsicher, dass er sich einbildete, dass niemand ihn zu fassen kriegen würde. Er konnte zu jedem misstrauischen Nachbarn sagen, ‚Sehen Sie nur, was ich alles unternommen habe. Ich bin nicht nur bei der Polizei gewesen, sondern sogar auch bei Sherlock Holmes.’«
Der Inspektor lachte.
»Wir müssen Ihnen Ihr ’sogar‘ nachsehen, Mr. Holmes,« sagte er, »es ist der am fachmännischsten erledigte Fall, an den ich mich erinnern kann.«
Einige Tage später warf mir mein Freund ein Ausgabe des vierzehntägig erscheinenden North Surrey Observer herüber. Unter einer Reihe flammender Überschriften, die begannen mit ‚Der Haven Horror‘ und endeten mit ‚Glänzende Polizeiermittlungen,‘ stand eine dicht beschriebene Zeitungsspalte, die den ersten zusammenhängenden Bericht über den Fall gab. Der Schlussabsatz ist bezeichnend für den ganzen Artikel. Er lautete so:

Der bemerkenswerte Scharfsinn mit dem Inspektor MacKinnon aus dem Geruch von Farbe folgerte, dass ein anderer Geruch, beispielsweise der von Gas, überdeckt werden sollte, die kühne Schlussfolgerung, dass die Stahlkammer ebenso gut auch eine Todeszelle gewesen sein konnte und die anschließende Untersuchung, die zu der Entdeckung der Leichen in einem stillgelegten Brunnen, der schlau mit einem Hundezwinger getarnt war, sollte in die Kriminalgeschichte dauerhaft als ein Beispiel eingehen für den Scharfsinn unserer professionellen Polizeidetektive.

»Nun gut, MacKinnon ist ein ganz patenter Kerl,« sagte Holmes mit einem nachsichtigen Lächeln. »Sie können den Fall in unserem Archiv ablegen, Watson. Und eines Tages werden Sie dann ja vielleicht einmal die wahre Geschichte erzählen.«