Der Mord von Boscombe Valley

Wir saßen eines Morgens beim Frühstück, meine Frau und ich, als uns das Dienstmädchen eine Depesche hereinbrachte. Sherlock Holmes telegraphierte folgendes:

»Hast du zwei Tage frei? Werde soeben telegraphisch nach Westengland gerufen wegen des Mordes im Tale von Bascombe. Freute mich, wenn du mitkämest. Luft und Gegend köstlich. Ab Paddington 11.15.«

»Was meinst du, lieber Mann, fährst du mit?« fragte meine Frau, zu mir herüberblickend.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll; meine Krankenliste ist eben jetzt ziemlich lang.«

»Ach was, Anstruther wird dich vertreten. Du siehst in letzter Zeit etwas angegriffen aus, und ein Ausspannen tut die gut; überdies interessieren dich ja Sherlock Holmes‘ Fälle stets ganz besonders.«

»Wie sollten sie auch nicht, da ich ja einem derselben deine Bekanntschaft verdanke. Soll ich aber wirklich mit, so muß ich mich beeilen, es bleibt mir ja nur eine halbe Stunde.«

Das Lagerleben in Afghanistan hat wenigstens den Vorteil gehabt, aus mir einen jederzeit fix und fertigen Reisenden zu machen. Ich brauchte nicht viel unterwegs, saß deshalb bald mit meiner Reisetasche im Wagen und rollte dem Bahnhof von Paddington zu. Sherlock Holmes schritt bereits dort auf und ab; seine hohe, hagere Gestalt erschien im langen, grauen Reisemantel und in der knappen Tuchmütze noch größer und abgemagerter als sonst.

»Das ist wirklich hübsch von dir, daß du kommst, Watson«, sagte er. »Für mich ist’s ein großer Vorteil, einen ganz zuverlässigen Begleiter bei mir zu haben. Hilfe am Ort ist stets entweder wertlos oder parteiisch. Laß uns zwei Eckplätze belegen, hier habe ich die Fahrkarten.«

Wir blieben allein im Abteil mit einem ganzen Stoß Zeitungen und Papieren, die Holmes mitgebracht hatte.

Bis zur Station Reading blätterte er hin und her, las, schrieb Notizen auf und dachte dazwischen nach. Dann raffte er plötzlich alles zusammen und warf es oben in das Gepäcknetz.

»Hast du schon von dem Fall gehört?« fragte er.

»Kein Wort; ich las in den letzten Tagen keine Zeitung.«

»Die Londoner Presse brachte wenig ausführliche Berichte. Ich sah soeben die neuesten Zeitungen durch, um die Einzelheiten zu überblicken. Wie mir scheint, ist es einer jener ganz einfachen Fälle, die so außerordentlich schwierig sind.«

»Das lautet etwas widersprechend.«

»Und doch liegt tiefe Wahrheit darin. Je weniger absonderlich, je gewöhnlicher ein Verbrechen ist, desto schwieriger läßt es sich entdecken. In diesem Fall liegt eine schwere Anklage gegen den Sohn des Ermordeten vor.«

»Also handelt es sich um einen Mord?«

»Wenigstens nimmt man einen solchen an. Ich aber nehme nichts an, ehe ich nicht die Sache persönlich geprüft habe. Ich will dir in aller Kürze den Tatbestand mitteilen, soweit ich ihn selbst zu erkennen vermag.

Das Tal von Bascombe ist ein Landbezirk, nicht gar weit von Roß in Herefordshire gelegen. Der größte Landbesitzer dort ist ein Herr John Turner, der in Australien reich wurde und vor Jahren in die alte Heimat zurückkehrte. Eines seiner Güter, es heißt Hatherley, war an Herrn Charles Mc Carthy verpachtet – gleichfalls ein ehemaliger Australier. Die beiden Männer hatten sich in den Kolonien kennen gelernt, und so war es begreiflich, daß sie sich möglichst nahe beisammen niederließen. Turner war offenbar der reichere von beiden, deshalb wurde Mc Carthy sein Pächter, was ihn jedoch nicht abgehalten zu haben scheint, auf völlig gleichem Fuße mit jenem zu verkehren. Mc Carthy hatte einen Sohn von achtzehn Jahren, Turner eine Tochter in gleichem Alter, und beide waren Witwer. Sie scheinen jeden Verkehr mit den englischen Familien der Umgegend gemieden zu haben und lebten sehr zurückgezogen, obwohl Vater und Sohn Mc Carthy den Sport liebten und sich oft bei den Pferderennen der Nachbarschaft einfanden. Mc Carthy hielt zwei Dienstboten, einen Diener und eine Köchin, während Turner deren weit mehr, wenigstens ein halbes Dutzend, im Hause hatte. Das ist so ziemlich alles, was ich über die Familien zu erfahren vermochte. Und nun zu den Tatsachen, die mit dem Verbrechen selbst zusammenhängen.

Am 3. Juni – also vorigen Montag – verließ Mc Carthy sein Haus in Hatherley ungefähr um 3 Uhr nachmittags und ging hinab nach dem Bascombe-Teich, einem kleinen See, der durch die plötzliche Verbreiterung des Flusses unten im Tal entsteht. Am Morgen war er mit seinem Diener in Roß gewesen und hatte sich diesem gegenüber geäußert, er müsse sich beeilen, weil er auf 3 Uhr eine wichtige Besprechung verabredet habe; von dieser kehrte er nicht mehr lebendig zurück.

Das Pachthaus Hatherley liegt eine Viertelmeile vom Teich entfernt, und auf dem Wege dahin wurde Mc Carthy von zwei Personen gesehen: von einer alten Frau, deren Name nicht genannt wird, und von William Crowder, einem Wildhüter im Dienste Herrn Turners. Beide Zeugen sagen aus, daß Mc Carthy allein ging. Der Wildhüter fügt hinzu, er sei, wenige Minuten nachdem Mc Carthy vorübergegangen, auch dessen Sohne, John Mc Carthy, mit einer Flinte unterm Arm, auf demselben Wege begegnet, und er glaubt gewiß, der Vater müsse noch in Sicht gewesen sein, als ihm der Sohn folgte.

Er habe nicht weiter an die Sache gedacht, bis er abends von dem schrecklichen Ereignis hörte.

Auch noch später wurden die beiden Mc Carthy gesehen, nachdem sie der Wildhüter aus den Augen verloren hatte. Der Bascombe-Teich ist rings von dichtem Wald umgeben, nur hart am Ufer wächst ein Streifen Gras und Rohr. Patience Moran, die Tochter des Gutsaufsehers von Bascombe, war gerade im Walde, um Blumen zu pflücken. Sie sagt aus, daß sie von dort Herrn Mc Carthy und seinen Sohn dicht am Teich in augenscheinlich heftigem Streit gesehen habe; sie hörte, wie der Vater dem Sohn sehr harte Worte zurief, und sah auch, daß letzterer die Hand erhob, als wolle er den Vater schlagen. Über die Heftigkeit der beiden Männer erschrocken, rannte das junge Mädchen nach Hause, erzählte der Mutter, was sie bei dem Bascombe-Teich gesehen, und äußerte ihre Befürchtung, die beiden könnten zu Tätlichkeiten übergehen. Kaum hatte sie dies gesprochen, so stürzte auch schon der junge Mc Carthy herbei. Er rief, er habe seinen Vater tot im Walde gefunden, und bat den Aufseher um Hilfe. Er war sehr aufgeregt, trug weder Hut noch Gewehr, und an seiner rechten Hand und am rechten Ärmel waren Blutspuren sichtbar. Die Leute folgten dem jungen Mann und fanden die Leiche des Vaters im Grase neben dem Teich ausgestreckt. Der Schädel war durch wiederholte Schläge mit einer stumpfen Waffe eingeschlagen worden. Die Verletzungen konnten sehr wohl vom Flintenkolben des Sohnes herrühren; die Flinte lag nur wenige Schritte von der Leiche entfernt im Grase. Unter diesen Umständen wurde der junge Mann sofort verhaftet, und da nach der Voruntersuchung am Dienstag die Anklage auf »vorsätzliche Tötung« lautete, wurde er am Mittwoch der Staatsanwaltschaft von Roß zugeführt, die den Fall vor die nächste Schwurgerichtssession bringen wird. Das ist der einfache Hergang, wie er sich vor dem Untersuchungsrichter und auf dem Polizeiamt herausgestellt hat.«

»Ich kann mir kaum einen Fall denken«, bemerkte ich, »wo alle Umstände so bestimmt auf den Täter hinweisen, wie hier.«

»Mit diesen Indizienbeweisen steht es oft mißlich«, meinte Holmes nachdenklich. »Oft weisen sie sehr deutlich auf einen bestimmten Punkt hin, verändert man aber den eigenen Standpunkt nur ein klein wenig, so ergibt sich leicht, daß sie in ebenso unzweideutiger Weise ganz wo anders hinzielen. Hier freilich treten die Tatsachen sehr ernst gegen den jungen Mann auf, und es ist wohl möglich, daß er der Schuldige ist. Jedoch glauben einige in der Nachbarschaft – unter diesen auch Fräulein Turner, die Tochter des benachbarten Gutsherrn – an seine Unschuld; sie hat Lestrade, den du aus einer andern Geschichte kennst, [Fußnote] gebeten, den jungen Mann zu verteidigen. Lestrade, dem die Sache etwas rätselhaft erschien, übertrug sie mir, und darum fahren wir zwei gesetzte Herren jetzt eben mit dem Schnellzug nach Westen, statt behaglich daheim unser Frühstück zu verdauen.«

»Ich fürchte, die Tatsachen sprechen hier so unverkennbar, daß für dich bei dieser Geschichte wenig Ruhm zu holen ist.«

»Nichts täuscht leichter als eine ›unverkennbare Tatsache‹«, erwiderte Holmes lachend. »Außerdem haben wir vielleicht Glück und stoßen auf eine andere ›unverkennbare Tatsache‹, die Herr Lestrade trotzdem verkannte. Nun – ohne ruhmredig sein zu wollen, was ich nicht bin, wie du weißt – möchte ich doch behaupten, daß ich seine Theorie entweder bestätigen oder zu nichte machen werde durch Mittel, zu deren Anwendung er nicht fähig ist, und die er vielleicht nicht einmal begreift. Nehmen wir einmal das erste Beispiel: Ich weiß genau, wenn ich dich ansehe, daß das Fenster in deinem Schlafzimmer auf der rechten Seite liegt, und doch bezweifle ich, ob Herr Lestrade selbst etwas so Unverkennbares bemerken würde.«

»Wie in aller Welt – – –?«

»Mein lieber Freund, ich kenne dich genau, kenne deine ganze militärische Pünktlichkeit. Du rasierst dich jeden Morgen, und zu dieser Jahreszeit rasierst du dich bei Tageslicht; da aber dein Rasieren immer mangelhafter wird, je weiter es nach links kommt, ja an der Rundung der Kinnlade geradezu nachlässig ist, so muß offenbar die linke Seite nicht so hell beleuchtet sein, wie die rechte. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß ein Mann wie du mit einem solchen Ergebnis zufrieden wäre, wenn er sich in gleichmäßigem Licht rasierte. Ich erwähne dies nur als ein geringfügiges Beispiel von Beobachtung und Folgerung. Darin eben liegt mein Handwerk, und möglicherweise wird es in der uns bevorstehenden Untersuchung von einigem Nutzen sein. Es sind einige nebensächliche Punkte in der Voruntersuchung zur Sprache gekommen, die der Betrachtung wert sind.«

»Und diese wären?«

»Wie es scheint, wurde der junge Mann nicht sofort verhaftet, sondern erst nach seiner Rückkehr im Pachthof von Hatherley. Als ihm seine Verhaftung angezeigt wurde, meinte er, das überrasche ihn nicht, er habe nichts anderes erwartet. Diese Bemerkung aus seinem Munde mußte selbstverständlich jeden Zweifel, den die Gerichtsleute noch hegen konnten, beseitigen.«

»Es war ein Geständnis,« rief ich aus.

»Nein, denn es folgten ihm Unschuldsbeteuerungen.«

»Zum Schluß einer solchen Reihe belastender Umstände war es wenigstens eine höchst verdächtige Bemerkung.«

»Im Gegenteil, Watson; für den Augenblick sehe ich es als den hellsten Lichtpunkt an, der die finsteren Wolken durchbricht. Wenn er noch so unschuldig ist, müßte er doch ein arger Dummkopf sein, um nicht einzusehen, wie schwer alles gegen ihn zeugt. Hätte er bei der Verhaftung Überraschung gezeigt oder Entrüstung geheuchelt, so wäre mir das höchst verdächtig erschienen, denn diese Empfindungen wären nach Lage der Sache unnatürlich gewesen, konnten aber doch dem Verbrecher als das Klügste erscheinen. Das offene Auftreten des Sohnes kennzeichnet entweder seine Unschuld oder seine große Festigkeit und Selbstbeherrschung. Was nun jene Äußerung betrifft, er habe nichts anderes erwartet, so war auch sie nicht unnatürlich, wenn du bedenkst, daß er vor dem entseelten Körper seines Vaters stand, und daß er zweifellos an jenem Tage seine kindliche Pflicht so weit vergessen hatte, um mit seinem Vater in Streit zu geraten, ja sogar – nach der so wichtigen Aussage des jungen Mädchens – die Hand wie zum Schlage wider ihn zu erheben. Der Selbstvorwurf und die Reue, die in seiner Bemerkung liegen, scheinen mir eher auf eine reine als auf eine schuldige Seele zu deuten.«

Ich schüttelte den Kopf. »Gar mancher wurde auf schwächere Beweisgründe hin gehenkt.«

»So ist’s – und gar mancher wurde unschuldig gehenkt.«

»Was sagt der junge Mann selbst über die Sache aus?«

»Ich fürchte, was er sagt, ist für seine Verteidiger wenig ermutigend; dennoch sind einige Punkte wohl zu beachten. Hier steht es. Lies selbst.«

Holmes suchte in seinem Aktenbündel eine Nummer des Lokalblattes von Herefordshire, und nachdem er die Seite durchflogen, deutete er auf den Abschnitt, in dem über die Aussage des unseligen jungen Mannes selbst berichtet wurde. Ich setzte mich bequem in die Ecke und las den Verhandlungsbericht mit Aufmerksamkeit:

Nunmehr wurde Herr James Mc Carthy, der einzige Sohn des Verstorbenen, vorgeführt; er sagte folgendes aus: »Ich war drei Tage von Hause abwesend und kehrte erst am Montagmorgen, am 3., von Bristol zurück. Bei meiner Ankunft traf ich meinen Vater nicht daheim, und das Dienstmädchen sagte mir, er sei mit dem Diener, John Cobb, nach Roß hinübergefahren. Kurz nach meiner Rückkehr hörte ich seinen Wagen im Hofe einfahren. Ich trat an das Fenster, sah ihn aussteigen und sich rasch vom Hofe entfernen – nach welcher Richtung hin, wußte ich selbst nicht. Da nahm ich mein Gewehr und schlenderte auf den Teich von Bascombe zu, mit der Absicht, auf der andern Seite desselben den Kaninchenbau zu durchsuchen. Unterwegs sah ich William Crowder, den Wildhüter, was derselbe bereits bestätigte; nur irrt er in seiner Annahme, daß ich dem Vater folgte. Ich hatte keine Ahnung, daß er vor mir ging. Etwa hundert Schritt vom Teich entfernt vernahm ich den Ruf: ›Cooee‹, [Fußnote] das gewöhnliche Zeichen zwischen meinem Vater und mir. Ich eilte der Stimme nach und fand meinen Vater am Wasser. Mein Erscheinen schien ihn etwas zu überraschen, und er fragte ziemlich barsch, was ich da wolle. Es entspann sich ein Gespräch, das bald zum Wortwechsel, ja fast zu Tätlichkeiten führte, denn mein Vater war ein sehr jähzorniger Mann. Als ich sah, daß sein Zorn keine Grenzen mehr kannte, verließ ich ihn und ging nach dem Pachthof von Hatherley zurück. Kaum war ich etwa 150 Schritte weit fort, so hörte ich hinter mir einen furchtbaren Schrei, der mich veranlaßte zurückzulaufen. Ich fand meinen Vater sterbend am Boden mit einer schweren Verletzung am Kopf. Ich warf mein Gewehr weg und hielt ihn in den Armen, doch starb er unmittelbar darauf. Ein Weilchen kniete ich neben ihm, dann eilte ich zum Gutswächter des Herrn Turner, dessen Haus zunächst lag, und bat um Hilfe. Als ich zurückkehrte, sah ich niemand in der Nähe meines Vaters, habe auch keine Ahnung, wie er zu seinen Verletzungen gekommen ist. Er war nicht eben beliebt, da in seinem Benehmen etwas Kaltes und Abweisendes lag; doch, soviel mir bekannt ist, hatte er keine wirklichen Feinde. Weiter weiß ich nichts zu sagen.«

Untersuchungsrichter: »Hat Ihnen Ihr Vater vor seinem Tode irgend welche Mitteilung gemacht?«

Zeuge: »Er murmelte einige Worte, doch konnte ich nur etwas wie ›a rat‹ (eine Ratte) verstehen.«

Untersuchungsrichter: »Um was handelte es sich bei Ihrem letzten Streit mit Ihrem Vater?«

Zeuge: »Ich bitte, mir die Antwort auf diese Frage zu erlassen.«

Untersuchungsrichter: »Ich bedaure, darauf dringen zu müssen.«

Zeuge: »Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen. Doch vermag ich Ihnen die Versicherung zu geben, daß es durchaus in keiner Beziehung zu dem stand, was nachher geschah.«

Untersuchungsrichter: »Darüber hat der Gerichtshof zu entscheiden. Ich brauche Sie nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß Ihre Weigerung, zu antworten, Ihrer Sache im bevorstehenden Verfahren nur Nachteil bringen kann.«

Zeuge: »Und dennoch muß ich es ablehnen.«

Untersuchungsrichter: »Verstehe ich Sie recht, so war der Ruf ›Cooee‹ das gewöhnliche Zeichen zwischen Ihnen und dem Vater?«

Zeuge: »Ja«.

Untersuchungsrichter: »Wie kam es wohl, daß er den Ruf ausstieß, ehe er Sie gesehen, ja ehe er überhaupt wußte, daß Sie aus Bristol zurückgekehrt waren?«

Zeuge – in sichtlicher Verlegenheit: »Das weiß ich nicht.«

Ein Beisitzer: »Haben Sie in dem Augenblick, wo Sie auf den Ruf Ihres Vaters zurückeilten und Ihren Vater schwer verletzt auffanden, nichts wahrgenommen, das Ihren Argwohn erregt hätte?«

Zeuge: »Nichts Bestimmtes.«

Untersuchungsrichter: »Was meinen Sie damit?«

Zeuge: »Ich war so ergriffen und aufgeregt, als ich aus dem Walde ins Freie lief, daß ich an nichts anderes denken konnte als an meinen Vater. Doch habe ich eine dunkle Vorstellung, als hätte ich beim Vorwärtsstürzen einen Gegenstand zu meiner Linken liegen sehen. Es schien mir etwas graufarbiges – irgend ein Rock oder vielleicht ein Plaid. Als ich mich wieder von meinem Vater aufrichtete, sah ich danach; doch es war fort.«

Untersuchungsrichter: »Meinen Sie, daß der Gegenstand verschwand, ehe Sie Hilfe holten?«

Zeuge: »Ja, er war fort.«

Untersuchungsrichter: »Sie können nicht sagen, was es war?«

Zeuge: »Nein, mir war nur, als läge dort etwas.«

Untersuchungsrichter: »Wie weit weg von der Leiche?«

Zeuge: »Etwa zwölf Schritt.«

Untersuchungsrichter: »Und wie weit vom Saum des Waldes?«

Zeuge: »Ungefähr ebensoweit.«

Untersuchungsrichter: »Mithin wäre der Gegenstand entfernt worden, während Sie nur zwölf Schritt davon standen?«

Zeuge: »Ja, während ich demselben den Rücken zukehrte.«

Hiermit schloß das Verhör.

»Wie ich sehe«, sagte ich, indem ich den Bericht vollends überflog, »lautet die Schlußfolgerung des Untersuchungsrichters ernst für den jungen Mc Carthy. Er weist – und das mit Recht – auf den Widerspruch hin, wonach der Vater den Sohn gerufen, bevor er ihn gesehen habe, sowie auf die Weigerung des Verhafteten, Näheres über sein Gespräch mit dem Vater mitzuteilen, und auf die sonderbaren Angaben über die letzten Worte des Sterbenden. Das alles spricht, wie er bemerkte sehr gegen den Sohn.«

Holmes lachte leise in sich hinein und streckte sich auf dem Polster aus. »Du und der Untersuchungsrichter, ihr habt euch beide alle Mühe gegeben«, sagte er, »die allerstärksten Punkte zu Gunsten des jungen Mannes herauszusuchen. Siehst du denn nicht, daß ihr ihm einerseits zu viel, andrerseits zu wenig Erfindungsgabe zutraut? Zu wenig, wenn er nicht einmal imstande sein soll, einen Anlaß des Streites zu erfinden, wodurch er sich die Teilnahme des Gerichtshofes sichern könnte; zu viel, wenn er aus freien Stücken etwas so Überspanntes erfände, wie die Erwähnung einer Ratte von seiten eines Sterbenden und den Vorfall mit dem verschwundenen Kleidungsstück. Nein, Watson, ich betrachte diese Angelegenheit von dem Standpunkt aus, daß das, was der junge Mann sagt, wahr ist; wir wollen sehen, wohin uns diese Annahme führt. Und nun hole ich mir meinen Plutarch aus der Tasche und sage kein Wort mehr über die ganze Sache, ehe wir an Ort und Stelle sind. – Wir frühstücken in Swindon, in zwanzig Minuten sind wir dort, wie ich eben sehe.«

Erst kurz vor vier Uhr erreichten wir das hübsche Landstädtchen Roß, nachdem wir durch das schöne Tal von Stroud und über den breiten, glitzernden Severn gefahren waren. Ein hagerer Mann mit schlauem, verschmitztem Blick erwartete uns auf dem Bahnsteig. Trotz des hellbraunen Staubmantels und der Ledergamaschen, die er wohl der ländlichen Umgebung zu Ehren trug, erkannte ich auf den ersten Blick Lestrade, den bekannten Londoner Detektiv. Mit ihm fuhren wir nach den »Hereford Arms«, wo bereits ein Zimmer für uns bestellt war.

»Unten steht ein Wagen für uns«, sagte Lestrade, als wir bei einer Tasse Tee saßen; »ich kenne Ihre Energie und weiß, daß sie nicht rasten werden, ehe Sie den Schauplatz des Verbrechens aufgesucht haben.«

»Das war von Ihnen ebenso lobenswert wie liebenswürdig. Unsere Fahrt hängt gänzlich vom Barometer ab.«

Lestrade schien überrascht.

»Ich begreife nicht recht« – sagte er.

»Wie steht das Wetterglas? Gut – auf neunundzwanzig. Kein Wind, keine Wolke am Himmel. Ich habe hier ein Kästchen Zigaretten, die geraucht sein wollen, und das Sofa scheint mir besser, als die sonst im Gasthof üblichen Martersitze. Also werde ich heute sehr wahrscheinlich den Wagen nicht brauchen.«

Lestrade lächelte fast nachsichtig. »Zweifellos haben Sie sich bereits Ihre Ansicht über den Tatbestand aus den Zeitungsberichten gebildet. Die Sache ist so klar wie Wasser, und je länger man sich damit beschäftigt, desto klarer wird sie. Doch darf man einer Dame – obendrein einer, die so bestimmt auftritt – nicht widersprechen, obwohl ich ihr wiederholt versicherte, daß Sie, Herr Holmes, auch nichts anderes tun können, als was ich bereits getan habe. Wahrlich! da hält ihr Wagen an der Tür!«

Lestrade hatte kaum ausgesprochen, da stürzte auch schon eine der lieblichsten Jungfrauen herein, die ich je gesehen. Ihre Veilchenaugen leuchteten, ihre Lippen waren halb geöffnet, ihre Wangen glühten, und bei ihrer überwältigenden Aufregung und Sorge war jeglicher Gedanke an Zurückhaltung gegenüber einem Fremden von ihr gewichen.

»Ach, Herr Holmes!« rief sie, während ihr Blick zwischen ihm und mir hin und her schweifte, bis er mit dem sicheren Gefühl des Weibes auf meinem Gefährten haften blieb, »Herr Holmes, ich bin so froh, daß Sie gekommen sind. Ich fuhr rasch her, um Ihnen das zu sagen. Ich weiß bestimmt, daß James unschuldig ist, und Sie sollen es auch wissen, ehe Sie Ihre Tätigkeit beginnen – Sie dürfen keinen Augenblick daran zweifeln. Wir sind von Kindheit an zusammen gewesen, und ich weiß seine Fehler wie sonst niemand; er ist zu herzensgut, um nur einer Fliege wehe zu tun. Wer ihn kennt, muß eine solche Anklage für die größte Torheit halten.«

»Ich hoffe, es gelingt uns, ihn zu rechtfertigen, Fräulein Turner«, sagte Sherlock Holmes. »Verlassen Sie sich auf mich – was in meinen Kräften steht, daß soll geschehen.«

»Sie haben doch die Anklage gelesen? Sie haben Schlüsse daraus gezogen – sehen Sie keinen Ausweg, keine Rettung? Halten Sie ihn nicht selbst für unschuldig?«

»Mir erscheint seine Unschuld sehr wahrscheinlich.«

»Sehen Sie wohl!« rief das junge Mädchen aus und warf einen triumphierenden Blick auf Lestrade. »Da hören Sie’s! Er gibt mir Hoffnung.«

Lestrade zuckte die Achseln: »Ich fürchte, mein Kollege ist etwas voreilig in seinen Schlüssen.«

»Aber er hat recht – ich weiß, daß er recht hat. Nun und nimmer hat James das getan. Und was den Streit mit seinem Vater betrifft, so bin ich überzeugt, daß er nur deshalb im Verhör nicht darüber berichten wollte, weil es sich um mich handelte.«

»Inwiefern?« fragte Holmes.

»Es wäre unrecht, jetzt noch etwas verbergen zu wollen. James hatte oft Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vater wegen mir. Herr Mc Carthy wünschte dringend, daß wir uns heiraten sollten. James und ich lieben einander von jeher wie Geschwister, aber er ist jung, hat noch wenig vom Leben gesehen und – und – daher mochte er sich noch nicht binden. So gab es denn oft Streit, und gewiß handelte es sich auch diesesmal darum.«

»Und war Ihr Vater solcher Verbindung geneigt?« fragte Holmes.

»Nein. Er war ganz dagegen. Nur Herr Mc Carthy war dafür.« Das frische, junge Gesicht erglühte, als Holmes seinen fragenden, durchdringenden Blick auf sie heftete.

»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung«, sagte er. »Werde ich Ihren Herrn Vater treffen, wenn ich morgen vorspreche?«

»Ich fürchte, der Arzt wird es nicht erlauben.«

»Der Arzt?«

»Mein armer Vater kränkelt schon seit Jahren, und der schreckliche Vorfall hat ihn vollends ganz niedergeworfen. Er liegt zu Bett, und Dr. Willows erklärt, seine Nerven seien ganz zerrüttet. Herrn Mc Carthys Tod ging Vater um so näher, als derselbe sein einziger Bekannter aus der Zeit war, die er in Viktoria zugebracht hat.«

»So – in Viktoria! Das ist wichtig.«

»Ja, er war in den Minen.«

»Richtig – in den Goldminen, wo Herr Turner – soviel ich gehört habe – sein Vermögen erworben hat.«

»Jawohl.«

»Ich danke Ihnen, Fräulein Turner. Sie sind mir wesentlich von Nutzen gewesen.«

»Nicht wahr, Herr Holmes, Sie lassen es mich wissen, wenn Sie morgen Neues erfahren haben sollten. Gewiß werden Sie James im Gefängnis aufsuchen; ach, bitte, dann sagen Sie ihm, daß ich von seiner Unschuld überzeugt bin.«

»Das will ich tun, Fräulein Turner.«

»Jetzt muß ich heimeilen, denn Papa ist schwer krank, und er vermißt mich sehr, wenn ich nicht bei ihm bin. Leben Sie wohl, und Gott helfe Ihnen weiter.«

Rasch, wie das junge Mädchen gekommen, eilte sie jetzt davon, und wir vernahmen von der Straße her das Rollen ihres Wagens.

»Fast sollte ich mich Ihrer schämen, Holmes«, sprach Lestrade würdevoll nach kurzem Schweigen. »Warum Hoffnungen erwecken, denen Enttäuschung folgen muß? Ich bin nicht sonderlich weichherzig – das nenne ich aber grausam.«

»Ich glaube eben bestimmt, James Mc Carthys Freisprechung erlangen zu können«, sagte Holmes. »Haben Sie einen Erlaubnisschein, ihn im Gefängnis aufzusuchen?«

»Ja, aber nur für Sie und mich.«

»Da will ich meinen Entschluß, heute nicht mehr fortzugehen, doch noch einmal überlegen. Haben wir noch Zeit, um den Zug nach Hereford zu benützen und den Angeklagten zu sehen?«

»Reichlich genug.«

»So wollen wir hin. Watson, laß dir die Zeit nicht lang werden, ich bleibe nur wenige Stunden fort.«

Ich begleitete die beiden an den Bahnhof, schlenderte dann durch die Straßen der kleinen Stadt und kehrte schließlich in meinen Gasthof zurück; dort streckte ich mich aus und versuchte, mich in einen Roman zu vertiefen. Die Geschichte war jedoch so flach und unbedeutend im Vergleich zu dem düstern Geheimnis, das uns beschäftigte, daß meine Gedanken fortwährend von der Dichtung in die Wirklichkeit schweiften, bis ich schließlich das Buch beiseite warf und mich ganz meinen Betrachtungen über die Ereignisse des heutigen Tages hingab. Angenommen, der unglückliche Jüngling hätte die Wahrheit gesprochen, welches völlig unerwartete, unselige Ereignis, welcher teuflische Umstand konnte eingetreten sein in der kurzen Zeit zwischen seinem Weggehen vom Vater und dem Augenblick, da er durch den Angstschrei zu ihm zurückgerufen wurde? Es mußte etwas Schreckliches sein. Aber was? Könnte vielleicht die Art der Verletzung meinem ärztlichen Blick Näheres verraten? Ich klingelte und verlangte das Wochenblatt, welches einen wörtlichen Bericht über das Verhör enthielt. Nach Aussage des Wundarztes war am Kopfe das hintere Drittel des linken Scheitelbeins und die linke Hälfte des Hinterhauptbeins durch einen heftigen Schlag mit einer stumpfen Waffe zerschmettert worden. Ich bezeichnete die Stelle an meinem eigenen Kopf. Offenbar mußte ein solcher Schlag von rückwärts geführt worden sein. Gewissermaßen war das für den Angeklagten ein entlastender Umstand, denn als man ihn mit dem Vater streiten sah, stand er diesem gegenüber. Ganz stichhaltig war es freilich nicht, denn der Alte konnte sich auch umgedreht haben, ehe der Hieb fiel. Dennoch lohnte es sich vielleicht, Holmes darauf aufmerksam zu machen. Dazu kam die sonderbare Hinweisung des Sterbenden auf eine Ratte. Was mochte das bedeuten? Delirium war es nicht. Ein Mann, der einen plötzlichen Tod erleidet, spricht nicht leicht irre. Nein – wahrscheinlicher ist’s, daß er damit angeben wollte, wie ihn das Schicksal ereilt habe. Aber worauf konnte es sich beziehen? Ich zerbrach mir den Kopf hierüber; – und nun noch das graue Tuch, das der junge Mc Carthy gesehen haben wollte. Beruhte das nicht auf Täuschung, so mußte der Mörder auf der Flucht ein Kleidungsstück, wahrscheinlich den Überzieher, verloren und die Frechheit gehabt haben umzukehren, um das Vermißte zu holen, in dem Augenblick, wo der Sohn kaum zwölf Schritte entfernt am Boden kniete und ihm den Rücken zuwandte. Welch ein geheimnisvolles Gewebe von Unwahrscheinlichkeiten bot die ganze Geschichte! Lestrades Auffassung wunderte mich nicht, und doch traute ich so fest auf meines Freundes Einsicht, daß ich die Hoffnung nicht aufgab; schien doch jeder neue Nebenumstand ihn in seiner Überzeugung von der Unschuld des jungen Mannes zu bestärken.

Sherlock Holmes kehrte erst spät zurück; er kam allein, denn Lestrade hatte sein Quartier in der Stadt genommen.

»Der Barometer steht noch sehr hoch«, bemerkte er sich niederlassend. »Es ist wichtig, daß wir den Schauplatz besuchen, ehe es regnet; andererseits ist es aber auch vonnöten, daß sich der Mensch frisch und gestärkt an eine so peinliche Arbeit macht. Von langer Fahrt ermüdet, möchte ich sie nicht unternehmen. Ich habe indessen den jungen Mc Carthy gesehen.«

»Und was erfuhrst du von ihm?«

»Nichts.«

»Vermochte er nichts aufzuklären?«

»Gar nichts. Erst neigte ich zu der Annahme, er kenne den Täter und wolle ihn oder sie nur schonen, jetzt aber bin ich überzeugt, er weiß so wenig davon, wie die andern. Er scheint nicht gerade aufgeweckt zu sein, macht aber einen angenehmen und gutherzigen Eindruck.«

»Sein Geschmack aber imponiert mir wenig«, warf ich ein, »wenn er wirklich nicht geneigt sein sollte, ein so reizendes Geschöpf wie Fräulein Turner zu heiraten.«

»Das hängt freilich mit einer mißlichen Geschichte zusammen. Der junge Mensch ist bis über die Ohren in sie verliebt, aber vor zwei Jahren, noch ehe er das junge Mädchen recht kannte, welches fünf Jahre in der Pension war, fiel das Bürschchen (das damals kaum die Kinderschuhe ausgetreten hatte) in die Netze einer Kellnerin in Bristol und heiratete diese vor dem Standesamt. Kein Mensch weiß davon, und nun begreifst du, in welcher heillosen Lage der junge Mann steckt. Es geschah aus reiner Verzweiflung, daß er seine Hände gen Himmel erhob, als ihn sein Vater bei ihrer letzten Begegnung drängte, um Fräulein Turner anzuhalten. Sein Vater – wie ich allgemein hörte, ein harter Mann – würde ihn einfach verstoßen haben, hätte er die Wahrheit erfahren. Der Junge hatte sich die letzten drei Tage bei seiner Frau Kellnerin in Bristol aufgehalten, und sein Vater wußte nicht, wo er war. Beachte diesen Umstand wohl; er ist wichtig. Die Sache nahm jedoch für den jungen Mc Carthy einen glücklichen Verlauf; denn kaum hatte die Kellnerin aus der Zeitung vernommen, in welcher mißlichen Lage sich ihr Gatte befand, und daß er möglicherweise gehenkt würde, so gestand sie ihm, daß sie bereits einen Ehemann in den Bermuda-Dockyards habe, ihre Ehe also ungültig sei. Ich glaube, diese angenehme Nachricht hat den jungen Mann für alles Erlittene getröstet.«

»Aber wenn er unschuldig ist, wer hat es dann getan?«

»Ja, wer? Ich möchte dich nur auf zwei Punkte aufmerksam machen. Erstens hatte der Ermordete eine Verabredung mit jemand unten am Teich, sein Sohn konnte dieser jemand nicht sein, denn er war abwesend, und der Vater wußte nicht, wann er zurückkehren würde. Zweitens wurde der Ruf ›Cooee‹ aus dem Munde des Ermordeten vernommen, ehe er von der Rückkehr des Sohnes wußte. Das sind die beiden Angelpunkte, um die sich der Fall bewegt. Und nun laß uns, bitte, von anderen Dingen reden und alles übrige auf morgen verschieben.«

Wie es Holmes vorausgesehen, regnete es nicht, und der Morgen brach klar und wolkenlos an. Lestrade holte uns um neun Uhr mit dem Wagen ab, und wir fuhren nach dem Pachthof von Hatherley und dem Bascombe-Teich.

»Heute morgen ist eine ernste Nachricht eingetroffen«, sagte Lestrade, »es heißt, Herr Turner sei so krank, daß man an seinem Aufkommen zweifelt.«

»Wohl ein älterer Mann?« fragte Holmes.

»Vielleicht ein Sechziger. Der überseeische Aufenthalt hat seine Konstitution zerrüttet, und er kränkelt seit geraumer Zeit. Dieser Unglücksfall hat ihn übel mitgenommen. Er war ein alter Freund Mc Carthys und, wie mir scheint, sein Wohltäter, denn, wie ich hörte, überließ er ihm Hatherley pachtfrei.«

»Wirklich? Das ist recht interessant!« sagte Holmes.

»Ja, er hat Mc Carthy auch sonst in jeder Weise geholfen. In der Umgegend rühmt jeder, was er alles für ihn tat.«

»Wirklich? Kommt es Ihnen nicht etwas sonderbar vor, daß dieser Mc Carthy, der doch sehr unvermöglich war und Turner so viel verdankte, in so zuversichtlicher und bestimmter Weise von einer Verbindung seines Sohnes mit Turners Tochter – der künftigen Gutsherrin – gesprochen hat, als ob dies die einfachste Sache von der Welt wäre. Und dies wird um so befremdlicher, als bekanntlich Turner der Heirat abgeneigt war. Die Tochter gab uns das deutlich zu verstehen. Läßt Sie das nicht auf etwas schließen?«

»Da wären wir also schon glücklich bei den Schlüssen und Folgerungen angelangt«, sagte Lestrade und zwinkerte mir zu. »Ich finde es schon schwer genug, Herr Holmes, die bloßen Tatsachen festzuhalten, ohne ausgedachten Theorien nachzujagen.«

»Sie haben recht«, sagte Holmes spöttisch, »es fällt Ihnen sehr schwer, die Tatsachen zu fassen.«

»Und doch ist mir eine Tatsache klar, die Sie nur schwer festzuhalten vermögen, wie mir scheint«, meinte Lestrade etwas erregt.

»Und das wäre?«

»Daß Mc Carthy senior seinen Tod von der Hand Mc Carthys juniors erlitt, und daß alle gegenteiligen Annahmen eitel Mondschein sind.«

»Zum Glück ist Mondschein heller als Nebel«, versetzte Holmes lachend, »doch irre ich nicht, so ist hier zur Linken der Pachthof von Hatherley.«

»Ja, allerdings.« – Vor uns lag ein geräumiges, hübsch ausgestattetes Wohnhaus, zwei Stockwerke hoch und mit Schiefer gedeckt. Indessen verliehen die herabgelassenen Jalousien und die rauchlosen Kamine dem Gebäude ein totes Aussehen, es war, als laste die begangene Freveltat darauf. Wir klopften an, und auf Holmes‘ Nachfrage zeigte uns die Magd die Stiefel, welche ihr Herr am Todestag getragen, sowie ein Paar des Sohnes, wenn auch nicht diejenigen, die er damals angehabt hatte. Nachdem Holmes diese sehr genau nach sieben bis acht Richtungen gemessen hatte, ließ er sich in den Hof führen, von wo aus wir den gewundenen Pfad nach dem Teich von Bascombe folgten.

Sherlock Holmes war geradezu verwandelt, wenn er sich, wie eben jetzt, auf frischer Fährte befand. Wer nur den ruhigen Denker und Logiker aus der Bakerstraße kannte, hätte ihn hier für einen andern Menschen gehalten. Sein Gesicht war gerötet und schien dunkler. Seine Augenbrauen liefen in zwei scharfe, schwarze Linien zusammen, unter welchen die Augen mit stählernem Glanze hervorleuchteten. Sein Blick war zur Erde gerichtet, seine Schultern nach vorn gebeugt, die Lippen zusammengepreßt, und an seinem langen, sehnigen Hals traten die Adern wie gespannte Saiten hervor. Seine Nasenflügel schienen vor wilder Jagdlust zu beben, und er war so voll und ganz bei der Sache, daß er eine an ihn gerichtete Frage oder Bemerkung kaum vernahm und höchstens mit einem raschen, ungeduldigen Knurren erwiderte. Schnell und schweigsam schritt er auf dem Pfad durch die Wiesen und dann durch den Wald nach dem Teich. Der Boden war, wie in der ganzen Umgegend, feuchter Moorboden, und es fanden sich auf dem Pfade selbst wie auf dem schmalen Grasstreifen daneben viele Fußspuren. Bald eilte Holmes voran, bald stand er regungslos da, und einmal ging er eine kurze Strecke auf die Wiese. Lestrade und ich schritten hinter ihm drein; der Detektiv gleichgültig und würdevoll, während ich jeder Bewegung meines Freundes gespannt folgte, denn ich wußte genau, daß alles, was er tat, einen bestimmten Zweck hatte.

Der Bascombe-Teich, eine kleine, mit Schilf umsäumte Wasserfläche von etwa fünfzig Meter, liegt an der Grenze zwischen dem Pachtgut von Hatherley und dem Park des Herrn Turner.

Drüben, über den Wäldern des jenseitigen Ufers, konnten wir die roten Türme sehen, die zu der Besitzung des reichen Eigentümers gehörten. Auf der nach Hatherley zu gelegenen Seite des Teiches stand der Wald sehr dicht; nur ein schmaler Rand frischen Grases zog sich zwischen den Bäumen und dem Rohr hin, das den Teich begrenzte. Lestrade wies uns die genaue Stelle, wo die Leiche aufgefunden worden war; der Boden war so feucht, daß ich deutlich die Spuren sehen konnte, die der Fall des Körpers verursacht hatte. Holmes – das las man auf seinen gespannten Zügen und in seinem forschenden Blick – entnahm dem zertretenen Grasplatz noch viele anderen Dinge. Wie ein Jagdhund, der Beute wittert, lief er umher und wandte sich dann an meinen Gefährten.

»Warum sind Sie denn ins Wasser gegangen?« fragte er.

»Ich fischte mit einem Rechen umher. Ich hoffte irgend eine Waffe oder sonst eine Spur zu entdecken. Aber wie in aller Welt wissen Sie…?«

»Ach, papperlapapp! Jetzt habe ich keine Zeit! Ihr linker Fuß, mit seiner Drehung nach innen, ist ja allenthalben sichtbar. Dem vermöchte sogar ein Maulwurf zu folgen! Und hier verschwinden Ihre Schritte im Rohr. Ach! wie einfach wäre vieles gewesen, hätte ich hier sein können, ehe alles wie von einer Büffelherde niedergestampft wurde. Hier kam die Gesellschaft mit dem Aufseher her, und sie hat wahrhaftig sieben bis acht Fuß um die Leiche herum alle Spuren vertrampelt. Aber hier – hier sind drei abgesonderte Abdrücke ein und desselben Fußes.« Holmes zog ein Vergrößerungsglas hervor und legte sich auf seinen Regenmantel nieder, um genauer sehen zu können, wobei er mehr mit sich selbst als mit uns sprach: »Das sind des jungen Mc Carthys Spuren. Zweimal ging er ruhig, und einmal lief er so geschwind, daß die Sohlen sehr kräftig, die Absätze nur ganz flüchtig eingedrückt sind. Darin liegt seine ganze Geschichte. Er lief, als er seinen Vater am Boden sah. Ferner sind hier die Fußstapfen des Vaters, als er auf- und abging – was ist aber das? Das Kolbenende des Gewehrs an der Stelle, wo der Sohn stand und aufhorchte. – Und dies? – Ha! ha! Was haben wir hier? Fußspitzen! Fußspitzen! Und das sind breite – ganz ungewöhnliche Stiefel! Sie kommen – gehen – kommen wieder – natürlich wegen des Mantels. Wo aber kamen sie her?« Holmes lief auf und ab, bald fand er die Spur, bald verlor er sie, bis wir an der Waldecke zu einer Buche, dem größten Baum der Umgegend, gelangten. Holmes ging weiter im Schatten des Baumes, legte wieder das Gesicht an den Boden und stieß einen leisen Ruf der Befriedigung aus. Lange Zeit blieb er in dieser Lage, durchsuchte Blätter und trockene Zweige, nahm, wie mich dünkte, etwas Staub in einen Briefumschlag und untersuchte mit seinem Glas nicht allein den Boden, sondern sogar die Rinde des Baumes, so hoch er reichen konnte. Ein spitzer Stein lag im Moos, auch den betrachtete er genau und nahm ihn zu sich. Dann folgte er einem Fußweg durch den Wald bis zur Landstraße, wo jede Spur verschwand.

»Das war ein höchst merkwürdiger Fall«, bemerkte er und nahm wieder sein gewohntes Wesen an. »Ich denke, das graue Haus dort muß die Wohnung des Aufsehers sein. Ich werde wohl hineingehen, ein paar Worte mit Moran reden und vielleicht einige Zeilen schreiben. Nachher können wir zum Frühstück zurückfahren. Gehen Sie gefälligst voraus zum Wagen, ich folge sogleich.«

Ungefähr zehn Minuten später waren wir auf dem Wege nach Roß; Holmes hielt noch immer den Stein, den er im Walde aufgelesen hatte.

»Das könnte Sie interessieren, Lestrade«, bemerkte er und wies auf den Stein, »der Mord wurde damit ausgeführt.«

»Ich sehe keinerlei Anzeichen an dem Stein.«

»Es sind auch keine daran.«

»Wie wollen Sie es dann wissen?«

»Das Gras wuchs darunter, also lag der Stein erst seit wenigen Tagen dort. Die Stelle wo er weggenommen worden war, ließ sich nicht finden. Er paßt genau zu den Verletzungen. Von einer anderen Waffe ist keine Spur vorhanden.«

»Und der Mörder?«

»Ist ein großer Mann, der links ist, mit dem rechten Fuß hinkt, starksohlige Jagdstiefel und einen grauen Mantel trägt, indische Zigarren raucht, eine Zigarrenspitze benutzt und ein stumpfes Federmesser in der Tasche hat. Noch einige andere Indizien sind vorhanden, doch mögen diese genügen, um uns auf die rechte Fährte zu bringen.«

Lestrade lachte. »Ich gehöre leider noch immer zu den Ungläubigen«, sagte er. »Theorien sind schön und gut, aber, wie Sie wissen, haben wir’s mit einem hartschlägigen englischen Schwurgericht zu tun.«

»Nous verrons«, meinte Holmes gelassen. »Sie arbeiten nach Ihrer Methode – ich nach meiner. Heute nachmittag habe ich zu tun und werde wahrscheinlich mit dem Abendzug nach London zurückkehren.«

»Und die Sache hier im Stich lassen?«

»Nein – beendigt.«

»Aber das Geheimnis?«

»Ist gelöst.«

»Wer war denn also der Mörder?«

»Der Herr, den ich beschrieb.«

»Aber wer ist er?«

»Das herauszufinden wird gewiß nicht schwer sein. Allzu bevölkert ist ja die Umgegend nicht.«

Lestrade zuckte mit den Achseln. »Ich bin ein Praktiker«, sagte er, »und kann wirklich nicht im Lande umherlaufen, um einen lahmen Herrn, der links ist, zu suchen. Ich würde ja damit bei der ganzen Polizei zur Zielscheibe des Spottes.«

»Schon gut«, meinte Holmes gelassen. »Meine Schuld ist’s nicht, wenn Sie sich blamieren. – Hier ist Ihre Wohnung. Leben Sie wohl. Vor meiner Abreise schreibe ich Ihnen noch ein Wort.«

Nachdem wir Lestrade abgesetzt hatten, fuhren wir nach unserm Hotel, wo das Frühstück bereits auf dem Tisch stand. Holmes schwieg und saß in Gedanken versunken mit schmerzlichem Ausdruck da, wie jemand, der sich in einer verwickelten Lage befindet.

»Komm her, Watson«, sagte er, als der Tisch abgeräumt war, »setze dich bequem in diesen Stuhl und laß mich dir ein Weilchen vorpredigen. Ich weiß nicht recht, was ich tun soll. Rate du mir. Stecke deine Zigarre an und höre.«

»Bitte, sprich.«

»Bei näherer Betrachtung fielen dir und mir in der Erzählung des jungen Mc Carthy sofort zwei Umstände auf; mich nahmen sie zu seinen Gunsten, dich aber gegen ihn ein. Der erste ist, daß, wie er sagt, sein Vater ›Cooee!‹ rief, ehe er ihn gesehen, der andere ist die wunderliche Erwähnung der Silben ›a rat‹ aus dem Munde des Sterbenden. Er murmelte noch mehr, aber dies was bekanntlich das einzige, was der Sohn verstand. Von diesen zwei Momenten müssen nunmehr unsere Nachforschungen ausgehen, und wir wollen sie mit der Voraussetzung beginnen, daß der junge Mann die reine Wahrheit sprach.«

»Wie erklärst du dir denn dieses ›Cooee‹?«

»Augenscheinlich galt es nicht dem Sohne. Seines Wissens war ja der Sohn in Bristol, und es war bloßer Zufall, daß er sich in Hörweite befand. Das ›Cooee‹ sollte die Aufmerksamkeit dessen erwecken, mit dem er sich zu einer Begegnung verabredet hatte. ›Cooee!‹ ist ein entschieden australischer Ruf, der unter Australiern gebräuchlich ist. Die Vermutung liegt nahe, daß die Person, die Mc Carthy am Teich von Bascombe treffen sollte, in Australien gewesen war.«

»Was wollte er aber mit dem Worte ›a rat‹?«

Holmes zog ein zusammengefaltetes Blatt aus der Tasche und glättete es auf dem Tisch. »Hier ist eine Karte der Kolonie Viktoria«, sagte er. »Ich bestellte sie gestern abend telegraphisch in Bristol.« Er bedeckte nun mit der Hand einen Teil der Karte. »Was steht hier?« fragte er mich. Ich las ›arat‹.

»Und hier?« Er hob die Hand auf.

» Ballarat«.

»Richtig. Das war offenbar das Wort, das der Sterbende stammelte, und von dem der Sohn nur die letzte Silbe vernahm. Er versuchte es, den Namen seines Mörders zu nennen: der Soundso aus Ballarat.«

»Ganz wunderbar!« rief ich aus.

»In der Tat! Und nun siehst du, ist der Kreis schon bedeutend enger gezogen. Der Besitz eines grauen Kleidungsstückes ist ein dritter Punkt, der in Übereinstimmung mit der Aussage des Sohnes konstatiert wurde. So gelangen wir jetzt aus düsterer Unklarheit zu dem sehr bestimmten Begriff eines Australiers aus Ballarat mit einem grauen Mantel.«

»Gewiß.«

»Und zwar muß es ein Mensch sein, der in der Umgegend wohnt, denn der Teich kann nur vom Pachthof oder vom Park aus erreicht werden, wohin Fremde schwerlich kommen.«

»Ganz recht.«

»Nun folgt unsere heutige Expedition. Der Untersuchung an Ort und Stelle entnahm ich die Einzelheiten über die Persönlichkeit des Verbrechers, die ich dem Dummkopf, dem Lestrade, mitteilte.«

»Aber wie bist du darauf gekommen?«

»Du kennst meine Methode. Sie beruht auf der Beobachtung von Kleinigkeiten.«

»Ich weiß, daß du aus der Länge der Schritte auf die Körpergröße zu schließen verstehst. Auch die Art der Stiefel verraten die Fußstapfen.«

»Ja, es waren absonderliche Stiefel.«

»Aber das Hinken?«

»Der Abdruck des rechten Fußes trat stets schwächer hervor als der des linken. Der Mann drückte weniger damit auf. Warum? Weil er hinkte – er war lahm.«

»Warum soll er linkshändig sein?«

»Dich selbst befremdete die Art der Verletzungen, wie sie der Arzt bei der Untersuchung feststellte. Der Schlag kam unmittelbar von rückwärts und traf dennoch die linke Seite. Wie könnte das sein, wäre nicht der Mörder links? Während der Unterredung zwischen Vater und Sohn muß er hinter dem Baum gestanden haben. Ja, er hat sogar dort geraucht. Ich fand Zigarrenasche, und bei meiner genauen Kenntnis der Tabakasche konnte ich zweifellos feststellen, daß sie von einer indischen Zigarre herrührte. Wie du weißt, habe ich mich eingehend damit beschäftigt und eine kleine Abhandlung über 140 verschiedene Arten von Pfeifen-, Zigarren- und Zigarettentabak geschrieben. Nachdem ich die Asche entdeckt, suchte und fand ich richtig den Stummel im Moos, wohin er ihn geschleudert hatte. Es war der Rest einer indischen Zigarre, wie man sie in Rotterdam rollt.«

»Und die Zigarrenspitze?«

»Ich sah, daß die Zigarre nicht im Munde gewesen war. Also bediente er sich einer Spitze. Das Ende war abgeschnitten, aber nicht glatt, woraus ich auf ein stumpfes Federmesser schloß.«

»Holmes, du hast diesen Menschen so fest umsponnen, daß er nicht mehr entkommen kann, und einen Unschuldigen so sicher vom Tode gerettet, als hättest du den Strick durchgeschnitten, mit dem er bereits am Galgen hing. Ich sehe, wohin dies alles zielt. Der Schuldige ist –«

»Herr John Turner«, meldete der Kellner mit lauter Stimme, indem er unsre Zimmertür öffnete, um den Fremden hereinzulassen.

Der Eintretende war eine fremdartige, auffallende Erscheinung. Sein langsamer, hinkender Gang und die vorgebeugten Schultern ließen ihn hinfällig erscheinen; doch verrieten seine harten, rauhen Züge sowie sein hünenhafter Körperbau eine ungewöhnliche Geistes- und Leibeskraft. Der starke Bart, das ergraute Haar, die buschigen, vorstehenden Augenbrauen verliehen seinem Äußeren Würde und Ansehen, aber sein Gesicht war von aschgrauer Färbung, und ein fast bläulicher Schein lag um die Lippen und die Nasenflügel. Auf den ersten Blick sah ich, daß der Mann einem chronischen, tödlichen Leiden verfallen war.

»Nehmen Sie gefälligst auf dem Sofa Platz«, bat Holmes freundlich. »Sie erhielten mein Briefchen?«

»Ja, der Aufseher hat es mir gebracht. Sie wünschten mich hier zu sprechen, um jedes Aufsehen zu vermeiden.«

»Ich fürchtete das Gerede der Leute, wenn ich zu Ihnen käme.«

»Und warum wünschten Sie mich zu sehen?« Er blickte mit seinen müden Augen so verzweifelt auf meinen Gefährten, als sei die Frage bereits beantwortet.

»Ja«, sagte Holmes, mehr Turners Blick als seine Worte erwidernd, »es ist so. Ich weiß alles über den Tod Mc Carthy’s.«

Der alte Mann verbarg sein Gesicht in den Händen.

»Gott stehe mir bei!« rief er aus. »Den jungen Menschen hätte ich aber nicht ins Elend kommen lassen. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf – wäre er vom Gericht für schuldig erklärt worden, dann hätte ich alles gestanden.«

»Ich freue mich, das von Ihnen zu hören«, versetzte Holmes sehr ernst.

»Schon jetzt würde ich gesprochen haben, wäre es mir nicht um mein geliebtes Kind zu tun. Es hätte ihr das Herz gebrochen – es wird ihr das Herz brechen, erfährt sie meine Verhaftung.«

»Vielleicht kommt es nicht dazu«, sagte Holmes.

»Was?«

»Ich bin kein Gerichtsbeamter. Soviel ich weiß, war es Ihre Tochter, die mich hierherkommen ließ, und so vertrete ich Fräulein Turners Interesse. Der junge Mc Carthy muß natürlich freikommen.«

»Ich bin ein aufgegebener Mann«, sagte der alte Turner. »Seit Jahren leide ich an Zuckerkrankheit, mein Arzt hält es für fraglich, ob ich in vier Wochen noch lebe. Nur stürbe ich gern unter dem eigenen Dach – nicht im Zuchthaus.«

Holmes stand auf und setzte sich an den Tisch; er ergriff die Feder und legte einige Bogen Papier vor sich.

»Sagen Sie uns einfach die Wahrheit«, bat er. »Ich schreibe die Tatsachen auf; Sie setzen Ihren Namen darunter, und Watson hier dient uns als Zeuge. So kann ich Ihr Bekenntnis, sobald es unumgänglich nötig ist, um den jungen Mc Carthy zu retten, vorlegen; ich gelobe Ihnen jedoch, nur im äußersten Notfall davon Gebrauch zu machen.«

»Das geht«, meinte der alte Herr, »ob ich bis zu der Schwurgerichtssitzung noch lebe, ist fraglich, also kommt für mich wenig darauf an; nur meine Alice möchte ich vor der Schande bewahren. Und nun will ich Ihnen alles erklären.

Sie haben den Toten – diesen Mc Carthy – nicht gekannt! Es war der leibhaftige Teufel, das kann ich Ihnen wohl sagen. Gott bewahre Sie vor den Klauen eines solchen Menschen! – Seit zwanzig Jahren hielt er mich mit eisernem Griffe fest und hat mir das Dasein vergällt. Erst sollen Sie erfahren, wie ich in seine Gewalt kam.

Es war Anfang der sechziger Jahre, als ich in Australien unter die Goldgräber ging. Ich war noch ein junger Kerl, heißblütig, tollkühn, zu allem bereit; ich geriet in schlechte Gesellschaft, gewöhnte mich an das Trinken, hatte Pech mit meiner Grube, schlug mich in die Wälder und wurde, um es kurz zu sagen, was man hier einen Straßenräuber nennt. Wir waren unser sechs beisammen; lebten frei und wild – bald überfielen wir ein Lager, bald die Wagen, die nach den Minen fuhren. Mich kannte man als Black Jack of Ballarat, und unser Ballaratbund ist in der Kolonie noch heute nicht vergessen.

Eines Tages lauerten wir einem Zug mit Gold auf, der von Ballarat nach Melbourne ging, und griffen ihn an. Sechs Führer waren dabei und auch wir unser sechs – also stand die Sache fraglich. Beim ersten Anprall hoben wir vier Mann aus den Sätteln. Von den unsrigen fielen drei, ehe wir den Schatz erlangten. Ich hielt dem Führer des Zuges – eben diesem Mc Carthy – meine Pistole an den Kopf. Wollte Gott, ich hätte damals losgedrückt! Doch ich verschonte ihn, obwohl ich seine kleinen, boshaften Augen auf mich gerichtet sah, als wollten sie sich jeden meiner Züge einprägen. Es gelang uns, mit dem Gelde zu entkommen; wir waren nun reich und kehrten nach England zurück, ohne daß ein Verdacht auf uns fiel. Hier trennte ich mich von den bisherigen Gefährten und beschloß, von nun an ein ruhiges, ehrbares Leben zu führen. Ich kaufte dieses Landgut, das eben ausgeboten wurde, und war bemüht, das schlecht erworbene Geld aufs beste zu verwenden. Damals heiratete ich, doch starb meine Frau frühzeitig und hinterließ mir meine geliebte Alice. Schon als kleines Kind verstand sie es, mich auf den rechten Pfad zu leiten, wie das niemand außer ihr vermocht hatte. Kurz, ich begann ein neues Leben und tat, was ich konnte, um mein vergangenes Unrecht wieder gutzumachen. Das schien mir auch zu gelingen, bis ich Mc Carthy in die Klauen geriet.

Um Kapital anzulegen, war ich zur Stadt gefahren, da traf ich ihn in Regent-Street in dürftiger, zerlumpter Kleidung.

»Da sind wir, Jack«, sagte er und faßte meinen Arm, »du darfst uns künftig als deine Angehörigen betrachten. Wir sind unser zwei – ich und mein Sohn – und du wirst für unsern Unterhalt sorgen. Tust du’s nicht – nun so herrscht in England Gesetz und Recht, und die Polizei ist stets zur Hand.«

Die beiden kamen denn auch hierher; ich wurde sie nicht wieder los, und sie lebten von der Zeit an pachtfrei auf meinem besten Grund und Boden. Meine Ruhe war dahin, ich fand keinen Frieden mehr, kein Vergessen; wohin ich auch ging, so grinste sein schlaues Gesicht dicht neben mir. Je älter Alice wurde, um so schlimmer ward es, denn er merkte sehr wohl, daß ich meine Vergangenheit noch ängstlicher vor ihr als vor den Gerichten verbarg. Alles, was er brauchte, forderte er, und er mochte fordern, was er wollte, ich gab es ihm willig: Land, Geld, Häuser; schließlich aber forderte er, was ich ihm nicht zu geben vermochte – meine Alice.

Sein Sohn war herangewachsen und meine Tochter auch. Er wußte, daß meine Gesundheit untergraben war, und so dünkte es ihm ein guter Fang, wenn sein Junge zu meinem ganzen Besitz käme. Hierin aber blieb ich fest. Mc Carthy drohte. Ich war zum äußersten Widerstand entschlossen. Wir verabredeten uns zu einer Besprechung unten am Teich, der in gleicher Entfernung von meiner wie von seiner Wohnung liegt.

Als ich dort hinkam, fand ich ihn im Gespräch mit seinem Sohn; ich steckte mir eine Zigarre an und wartete hinter einem Baum, bis er allein sein würde. Als ich hörte, wovon zwischen ihnen die Rede war, stiegen Gift und Galle in mir auf; der Vater drang darauf, daß der Sohn meine Tochter heiraten solle, ohne im geringsten nach ihrem Willen zu fragen, gerade als wäre sie eine hergelaufene Dirne. Der Gedanke, daß alles, was mir lieb und teuer war, in den Händen eines solchen Mannes sei, trieb mich zum Wahnsinn. Vermochte ich denn nicht die Fesseln zu sprengen? Ich war ein dem Tode Verfallener, ein Verzweifelter. Wenn auch klaren Geistes und noch ziemlich kräftig, wußte ich doch, daß mein Schicksal besiegelt war. Ach, aber mein Andenken! meine Tochter! Beide waren gesichert, wenn es mir gelang, diese Lästerzunge zum Schweigen zu bringen. Ich tat es, Herr Holmes. Ich täte es wieder! Mein Unrecht war groß gewesen, aber ich hatte durch ein wahres Marterleben dafür gebüßt. Daß aber mein Kind in dieselben Fesseln geraten sollte, in denen ich geschmachtet, das war mehr, als ich zu ertragen vermochte. Ich schlug ihn nieder, und es reute mich nicht mehr, als sei er ein garstiges, giftiges Tier gewesen. Auf sein Schreien kehrte sein Sohn zurück; schon hatte ich den Schatten des Waldes erreicht, als ich umkehren mußte, um meinen Mantel zu holen, den ich bei der Flucht verloren hatte. So und nicht anders hat sich alles zugetragen.«

»Mir kommt es nicht zu, Sie zu verurteilen«, sprach Holmes, als der alte Mann den niedergeschriebenen Bericht unterzeichnete. »Möge uns Gott vor einer ähnlichen Versuchung bewahren.«

»Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?«

»Im Hinblick auf Ihren Gesundheitszustand – nichts. Sie wissen ja selbst, daß Sie sich in kurzer Frist vor einem höheren Richter zu verantworten haben. Ich nehme Ihr Bekenntnis an mich; wird Mc Carthy verurteilt, so bin ich gezwungen, damit hervorzutreten, – wenn nicht, so wird es kein Menschenauge je erblicken, und mögen Sie tot oder lebendig sein, Ihr Geheimnis ist bei uns sicher aufgehoben.«

»So leben Sie denn wohl«, sprach der alte Mann feierlich. »Sie werden beide dereinst sanfter auf dem Sterbelager ruhen im Bewußtsein, daß Sie mich haben im Frieden scheiden lassen.« Zitternd und gebrochen wankte die Hünengestalt langsam hinaus.

»Gott stehe uns bei!« sagte Holmes nach langem Schweigen. »Warum spielt das Schicksal so tückisch mit den armen, hilflosen Erdenwürmern?«

James Mc Carthy wurde auf Grund zahlreicher Einwände freigesprochen, welche Holmes erhoben und dem Verteidiger zur Verfügung gestellt hatte. Der alte Turner lebte noch sieben Monate nach unserer Unterredung. Jetzt ruht er im Grabe, und aller Voraussicht nach werden Sohn und Tochter der feindlichen Väter ein glückliches Paar werden, ohne je zu ahnen, welche dunkle Wolke auf ihrer Vergangenheit lastet.