Der Mörder des Kaufmanns Max Kreiß

Seit den Ver­hand­lun­gen ge­gen Dick­hoff hat kein Mord­pro­zeß in un­se­rer Haupt­stadt ei­ne so all­ge­mei­ne und tie­fe Er­re­gung her­vor­ge­ru­fen und ei­nen so stür­mi­schen An­drang zum Schwur­ge­richts­saal ver­an­laßt wie der in den Ta­gen vom 20. bis 25. Mai 1887 un­ter Lei­tung des Land­ge­richts­di­rek­tors Krau­se vor dem Ge­schwo­re­nen­ge­richt des Land­ge­richts Ber­lin I ver­han­del­te ge­gen den Buch­hal­ter Her­mann Gün­zel, der an­ge­klagt war, am 9. April 1887, Os­ter­sonn­abend, in vor­ge­rück­ter Abend­stun­de, wahr­schein­lich kurz vor oder nach 10 Uhr, den Kauf­mann Max Kreiß in des­sen in der Adal­bert­stra­ße 60/61 ge­le­ge­nen Woh­nung er­mor­det und be­raubt zu ha­ben.
Mord­pro­zes­se sind für Ber­lin lei­der eben­so­we­nig et­was Au­ßer­or­dent­li­ches wie für die an­dern gro­ßen Haupt­städ­te. Sie bie­ten da­her auch im all­ge­mei­nen, wenn sie wie bei Gro­nack, Schu­nicht und Kel­ler nichts an­de­res sind als ent­setz­li­che Blut­ta­ten, ver­übt von den ver­kom­mens­ten und ro­hes­ten Men­schen an Op­fern, die in fast al­len Fäl­len der we­nig­be­güns­tig­ten Klas­se der Mensch­heit an­ge­hö­ren, wenn da­bei der Ver­bre­cher auf fri­scher Tat oder un­mit­tel­bar da­nach be­trof­fen wird oder so un­zwei­fel­haf­te Spu­ren hin­ter­läßt, daß er sich selbst nach kur­zem Leug­nen zu sei­ner ruch­lo­sen Tat be­ken­nen muß – sie bie­ten al­so im all­ge­mei­nen kaum noch ein an­de­res In­ter­es­se als das der Ver­ur­tei­lung des Schul­di­gen und sei­ner Aus­schlie­ßung aus der bür­ger­li­chen Ge­mein­sam­keit. Daß aber die Er­mor­dung des Kauf­manns Kreiß ei­ne un­ge­wöhn­li­che Teil­nah­me her­vor­ru­fen konn­te, fin­det sei­ne Er­klä­rung so­wohl in der Per­son und Le­bens­stel­lung des Op­fers als auch in der Per­son des des Mor­des An­ge­klag­ten, end­lich und haupt­säch­lich je­doch in den sach­li­chen Schwie­rig­kei­ten, die bei dem hart­nä­cki­gen Leug­nen des An­ge­klag­ten, der an dem Ort des Ver­bre­chens kei­ne ein­zi­ge nach­weis­ba­re Spur von sich zu­rück­ge­las­sen hat, zu über­win­den wa­ren.
Der er­mor­de­te Kauf­mann Max Kreiß leb­te in zwar be­schei­de­nen, aber durch­aus ge­re­gel­ten Ver­hält­nis­sen. Er stand an der Spit­ze ei­nes Glas­wa­ren­ge­schäfts, Kreiß & Co., des­sen Er­träg­nis­se mehr als ge­nü­gend wa­ren, um ihn von al­len ma­te­ri­el­len Sor­gen um das Da­sein zu be­frei­en. Er be­fand sich al­so in der glei­chen La­ge mit den Tau­sen­den der klei­ne­ren Ber­li­ner Ge­schäfts­leu­te. Er war ein tüch­ti­ger, ge­bil­de­ter, ein­sa­mer Mann, der in der sei­nem jä­hen En­de kurz vor­her­ge­hen­den Zeit kör­per­lich lei­dend ge­we­sen war und sich des­halb im­mer mehr von der Ge­sel­lig­keit, an der er wohl nie­mals be­son­ders Ge­fal­len ge­fun­den zu ha­ben scheint, zu­rück­ge­zo­gen hat­te.
Der des Mor­des be­schul­dig­te Her­mann Gün­zel hat das sechs­und­zwan­zigs­te Le­bens­jahr eben voll­en­det. Er ge­hört der gro­ßen Grup­pe von stel­lungs­lo­sen Kom­mis an, die die ver­räu­cher­ten Schen­ken der ent­le­ge­ne­ren Stadt­tei­le be­völ­kern, je­ner Halb­pro­le­ta­ri­er mit Spa­zier­stock, die in man­chen Fäl­len we­gen Über­fül­lung des Mark­tes zur Ar­beits­lo­sig­keit ge­zwun­gen und zu un­ver­dien­tem Elend ver­ur­teilt sind, ge­wöhn­lich aber aus Faul­heit, Leicht­sinn, schlech­tem Wil­len den an sie ge­stell­ten An­for­de­run­gen nicht ge­nü­gen, sich er­werbs­los um­her­trei­ben, von ei­ner Knei­pe in die an­de­re zie­hen, in schlech­te Ge­sell­schaft ge­ra­ten, Schul­den ma­chen und von der Not schließ­lich auf die Bahn des Ver­bre­chens ge­drängt wer­den.
Zur Ge­sell­schaft die­ser Ver­bum­mel­ten und Ver­kom­me­nen ge­hört Her­mann Gün­zel, der durch­aus nicht un­fä­hig ge­we­sen wä­re, sein Brot red­lich zu ver­die­nen, der im Ge­gen­teil so­gar mit nicht ge­rin­ger Ge­wandt­heit und ei­nem Ma­ße mitt­le­rer Bil­dung aus­ge­stat­tet ist, die ihn bei ernst­li­chem Wol­len oh­ne Zwei­fel den Kampf ums Da­sein sieg­reich hät­te be­ste­hen las­sen. Gün­zel hat es in kei­nem der Ge­schäf­te, in de­nen er an­ge­stellt ge­we­sen ist, lan­ge aus­ge­hal­ten. Von dem er­mor­de­ten Kreiß, in des­sen Diens­ten er eben­falls nur sech­zehn Ta­ge, vom 21. Ja­nu­ar bis zum 6. Fe­bru­ar 1886, ge­stan­den hat­te, war er in Un­frie­den ge­schie­den. Er war we­gen ei­ner Un­ge­hö­rig­keit plötz­lich ent­las­sen wor­den, streng­te ei­ne Kla­ge we­gen ei­ner von Kreiß noch zu zah­len­den Ge­halts­sum­me an und ge­wann sei­nen Pro­zeß. Als An­ge­stell­ter im Ge­schäft von Bo­den­burg, Ma­schi­nen­öl- und Talg­schmel­ze­rei, hat­te er am 16. Ja­nu­ar 1887 das Un­glück, den lin­ken Arm zu bre­chen, und muß­te den Arm ei­ni­ge Zeit in der Bin­de tra­gen. Zu­letzt war er als so­ge­nann­ter Stadt­rei­sen­der beim Dro­gen­händ­ler Ebe­ling in der Dres­de­ner Stra­ße be­schäf­tigt. Er gab auch die­se Tä­tig­keit bald auf, da sie ihm ein zu kärg­li­ches Ein­kom­men ge­währ­te – er war nur mit ei­nem An­teil an den von ihm be­werk­stel­lig­ten Ver­käu­fen be­tei­ligt –, und war seit An­fang Fe­bru­ar 1887 stel­len­los.
Es ging ihm jäm­mer­lich. In der ers­ten Zeit frei­lich war er vor dem Al­le­r­äu­ßers­ten ge­schützt. Er hat­te bei Frau Kaul in der Dres­de­ner Stra­ße 5 ei­ne Schlaf­stel­le und Früh­stücks­kaf­fee für mo­nat­lich 10 Mark und 50 Pfen­ni­ge, und ob­wohl er gar kein Ein­kom­men hat­te, war er doch im­stan­de, die An­sprü­che sei­ner Wir­tin da­durch zu be­frie­di­gen, daß er eben Geld ent­lieh, von gut­mü­ti­gen Ver­wand­ten, von ver­trau­ens­se­li­gen Be­kann­ten. Vor al­lem aber brauch­te er nicht zu hun­gern und auch nicht zu durs­ten. Durch Schwin­de­lei­en al­ler Art, die schließ­lich in ei­ner schwe­ren Ur­kun­den­fäl­schung gip­fel­ten, hat­te er ei­nen Gast­wirt na­mens Schoß­tag be­tört und in des­sen Wirt­schaft mit der Zeit für bei­na­he 120 Mark Spei­sen und Ge­trän­ke ver­zehrt, oh­ne da­für zu zah­len. Als der Wirt hin­ter Gün­zels Schli­che kam, setz­te er sich auf gut ber­li­ne­ri­sche Wei­se mit ihm aus­ein­an­der und warf ihn zur Tür hin­aus.
Da Gün­zel nun sein bis­he­ri­ges Stamm­lo­kal zu mei­den hat­te, tra­ten die Nah­rungs­sor­gen im­mer be­droh­li­cher an ihn her­an. Er ver­setz­te sei­nen gu­ten An­zug und sei­ne Uhr, er lieh Geld von sei­nem we­nig be­mit­tel­ten, gut­her­zi­gen Schwa­ger, dem Tisch­ler Os­ter­mann in Rix­dorf, von des­sen Frau, sei­ner ar­men Schwes­ter, die für ih­ren Bru­der so­gar den Trau­ring her­gab, von sei­nem Schlaf­ge­nos­sen bei Frau Kaul, von al­ler Welt. Sein al­ter An­zug war völ­lig ab­ge­ris­sen, sei­ne Stie­fel in auf­fäl­lig schlech­tem Zu­stan­de, er hun­ger­te, und nun hat­te er auch sei­ner Wir­tin das Geld für Mie­te und Früh­stücks­kaf­fee schul­dig blei­ben müs­sen, und die­se, die nicht in der La­ge war, die Zah­lung zu stun­den, be­dräng­te ihn. Sie so­wohl wie sei­ne an­dern Gläu­bi­ger ver­trös­te­te er im­mer mit dem be­stimm­ten Ver­spre­chen, das Geld zu Os­tern zu be­zah­len.
In schad­haf­ter Be­klei­dung, mit lee­rem Ma­gen, mit lee­rer Bör­se, be­drängt von Gläu­bi­gern, oh­ne Er­werb, in tie­fem Elend, mit der Aus­sicht, wenn er das Geld nicht schaf­fe, von sei­ner Wir­tin an die Luft ge­setzt zu wer­den und dann an die Tür des Asyls für Ob­dach­lo­se klop­fen zu müs­sen – so sah Her­mann Gün­zel dem Os­ter­fest ent­ge­gen.
Gün­zel ist mit­tel­groß. Sei­ne Fi­gur ist nicht über­mä­ßig kräf­tig, aber sie ist durch­aus nor­mal mit ver­hält­nis­mä­ßi­ger Brei­te der Brust und macht den Ein­druck des Straf­fen und Stram­men. Sei­ne Hän­de sind groß und kno­chig, und als er im Ge­richts­saal zu ei­ner ärzt­li­chen Fest­stel­lung sei­ne Ar­me ent­blö­ßen muß­te, zeig­ten die­se ei­ne un­ge­wöhn­lich star­ke Mus­ku­la­tur. Er brüs­te­te sich wohl auch ge­le­gent­lich mit sei­ner Kör­per­kraft und mach­te sich in ei­nem Wirts­hau­se an­hei­schig, ei­ne hal­be Ton­ne Bier, die über 150 Pfund wiegt, vom Bo­den auf den Stuhl zu he­ben. Es ge­lang ihm frei­lich nicht, er hob die Ton­ne nur ei­ni­ge Zen­ti­me­ter vom Bo­den auf und muß­te dann sein Be­gin­nen auf­ge­ben. Er er­klär­te das Miß­lin­gen sei­nes Ver­suchs da­mit, daß sein Arm in­fol­ge des Bru­ches die frü­he­re Kraft noch nicht wie­der­ge­won­nen ha­be. Im­mer­hin war die­ser ge­bro­che­ne Arm doch schon wie­der ge­nü­gend er­starkt, um es Gün­zel zu er­mög­li­chen, die an­dert­halb Zent­ner schwe­re Last vom Bo­den auf­zu­he­ben, wie er denn über­haupt schon seit An­fang März nir­gends ei­ne Kla­ge über sei­nen Arm ge­führt, Bil­lard und Ke­gel ge­spielt hat­te usw.
Sein Ge­sicht ist nicht un­in­ter­es­sant. Es ist fast bart­los, ein kaum be­merk­ba­rer Flaum be­deckt die Ober­lip­pe. Sei­ne halb­dunk­len Haa­re sind un­ge­wöhn­lich voll. Er trägt sie ziem­lich lang, oh­ne Schei­tel, aus dem Ge­sicht ge­kämmt, und sie stau­en sich auf dem kur­zen und brei­ten Schä­del an­spruchs­voll zu ei­ner ho­hen Tol­le auf. Die Stirn ist gut ent­wi­ckelt, die Na­se scharf ge­schnit­ten, ziem­lich groß, der Mund en­er­gisch. Die klei­nen Au­gen sind leb­haft, dun­kel, häß­lich. Gün­zel sieht aus wie der Cha­rak­ter­schau­spie­ler ei­ner her­um­rei­sen­den Schau­spiel­er­ge­sell­schaft. Sei­ne Ge­sichts­far­be, die wahr­schein­lich wäh­rend der Haft und in­fol­ge der un­ge­wöhn­li­chen Auf­re­gun­gen bei den Ver­hand­lun­gen sich we­sent­lich ver­än­dert hat, ist gelb­grau. In den Au­gen­bli­cken der stärks­ten Er­re­gung, wenn die be­last­ends­ten Aus­sa­gen ge­gen ihn ge­macht wur­den, nahm das Ge­sicht ei­ne un­heim­li­che fah­le oliv­grü­ne Fär­bung an; in sel­te­nen Fäl­len rö­te­te es sich. Dies ge­schah na­ment­lich bei der Ver­neh­mung sei­ner An­ge­hö­ri­gen und sei­ner Braut. Dann nahm auch sein Au­ge, das ge­wöhn­lich ste­chend und ge­häs­sig um sich blick­te, ei­nen freund­li­che­ren Aus­druck an. Es muß noch er­wähnt wer­den, daß Gün­zel sich auch schrift­stel­le­risch ver­sucht hat. Er hat ver­schie­de­ne ly­ri­sche Ge­dich­te ver­faßt und auch an ei­nem Dra­ma »Ca­glio­stro« sei­ne Kräf­te mes­sen wol­len. Die­se di­let­tan­ten­haf­ten Er­zeug­nis­se sind aber nicht der Re­de wert.
Die Blut­tat in der Adal­bert­stra­ße – der­sel­ben Stra­ße, in der auch der un­glück­li­che Brief­trä­ger Cossäth von Sob­be er­mor­det wor­den ist – ent­spricht ge­nau dem Bil­de, das sich bei dem Be­griff des Mor­des der ge­ängs­tig­ten Phan­ta­sie der Frau­en als Schre­cken dar­stellt: Der Mör­der schleicht sich in der Dun­kel­heit in das Haus ein, kau­ert auf der Trep­pe, die nach oben führt, oder ver­birgt sich auf dem Bo­den und er­späht nun den ge­eig­ne­ten Mo­ment, um in die Woh­nung des nichts­ah­nen­den Op­fers ein­zu­drin­gen. Das Op­fer wird nie­der­ge­schla­gen, be­raubt, der Tä­ter ent­kommt. Am Or­te der Schre­ckens­tat wird nichts ge­fun­den, das auf die­sen hin­weist. Erst ganz all­mäh­lich ge­ben ge­wis­se zu­nächst ne­ben­säch­lich er­schei­nen­de Um­stän­de der Nach­for­schung ei­ne be­stimm­te Rich­tung; und nun fügt sich Um­stand an Um­stand, der be­weist, daß der ein­ge­schla­ge­ne Weg der rich­ti­ge ist, und je­de neu­er­mit­tel­te Ein­zel­heit be­stä­tigt dies. Al­le Wahr­neh­mun­gen schlie­ßen zu­sam­men zu ei­ner ge­wal­ti­gen, fest­ge­glie­der­ten An­kla­ge, zu ei­nem un­zer­reiß­ba­ren Netz, in dem schließ­lich kei­ne Ma­sche mehr lo­cker ist, in dem sich nun der Schul­di­ge ver­strickt und ver­zap­pelt, aus dem ihn nichts mehr be­frei­en kann.
Bei die­sen Per­so­nen und die­sen Ver­hält­nis­sen, da kein le­ben­der Mensch die Tat be­zeu­gen konn­te und der un­zwei­fel­haf­te Tä­ter das Ver­bre­chen mit al­ler Ent­schie­den­heit bis zum letz­ten Au­gen­blick be­stritt, wo sich nur die stum­men, sach­li­chen Zeu­gen zu dem Schuld­be­wei­se zu­sam­men­zu­fin­den hat­ten, war die fie­ber­haf­te Auf­re­gung, mit der die Öf­fent­lich­keit den Ver­hand­lun­gen folg­te, wohl be­greif­lich. Wen­den wir uns nun zu dem Ver­bre­chen selbst.
Die Adal­bert­stra­ße liegt im süd­öst­li­chen Teil von Ber­lin. Sie läuft par­al­lel mit dem Ka­nal, wel­cher das En­gel­be­cken mit dem Tor­be­cken ver­bin­det. Die Dres­de­ner Stra­ße, in wel­cher Gün­zel wohn­te, mün­det am Kott­bu­ser Platz in spit­zem Win­kel in die Adal­bert­stra­ße. Die Rei­chen­ber­ger, Ora­ni­en-, Nau­nyn- und Wal­de­mar­stra­ße, in de­nen die wich­tigs­ten Zeu­gen ih­re Woh­nun­gen ha­ben, durch­schnei­den die Adal­bert­stra­ße recht­wink­lig. Am nörd­li­chen En­de der Adal­bert­s­tra­ße, zwi­schen der Wal­de­mar­stra­ße und dem Be­tha­ni­en­ufer, liegt das Kran­ken­haus Be­tha­ni­en mit sei­nen gro­ßen Gär­ten und da­vor öst­lich der Ma­ri­an­nen­park. Die Stra­ße am Ka­nal vom Ma­ri­an­nen­park bis zur Spree ist das Ma­ri­an­nen­ufer.
Un­weit des Un­glücks­hau­ses, in dem Sob­be den Brief­trä­ger mor­de­te, auf der an­dern Sei­te in der Adal­bert­stra­ße, auf dem Grund­stück, wel­ches die Num­mern 60 und 61 trägt, jen­seits des Ka­nals, zwi­schen dem En­gel­ufer und der Mel­chi­or­s­tra­ße, wohn­te der Kauf­mann Max Kreiß. Das Grund­stück ist auf ei­ne in Ber­lin nicht ge­wöhn­li­che Wei­se be­baut Die ziem­lich al­ten Ge­bäu­de fül­len nicht die Brei­te der Stra­ßen­front, rechts und links sind viel­mehr Sei­ten­ge­bäu­de, wel­che zwi­schen sich ei­nen grö­ße­ren Vor­hof frei las­sen, dar­an stößt dann recht­wink­lig das Quer­ge­bäu­de, das ei­nen Durch­gang zu dem zwei­ten Hof of­fen­läßt. Zwi­schen den bei­den Sei­ten­ge­bäu­den, in der Mit­te des Grund­stücks, der Stra­ße zu, liegt ein klei­nes Por­tier­haus; rechts und links zwi­schen die­sem und den bei­den Sei­ten­ge­bäu­den sind die Durch­fahr­ten frei ge­las­sen, die durch ein ei­ser­nes Git­ter ge­schlos­sen wer­den kön­nen und abends auch re­gel­mä­ßig ge­schlos­sen wer­den. Das Git­ter ist aber mit gro­ßer Leich­tig­keit zu über­stei­gen. In den Ge­bäu­den sind ver­schie­de­ne Fa­bri­ken und La­ger­räu­me: Le­der­fa­brik, Me­tall­händ­ler, Far­ben­fa­brik, ei­ne Ble­chem­bal­la­ge­fa­brik usw. Da be­fan­den sich auch die Ge­schäfts­räu­me und die Woh­nung des Kauf­manns Max Kreiß, und zwar im ers­ten Stock des rech­ten Sei­ten­ge­bäu­des.
Zu die­ser Woh­nung führt vom Hof aus oh­ne Tür oder sons­ti­gen Ver­schluß ei­ne teil­wei­se mit Well­blech be­dach­te Trep­pe. Vom Trep­pen­vor­flur links ge­langt man in die Woh­nung des Kreiß. Nach rechts zu im Quer­ge­bäu­de, ei­ne hal­be Trep­pe hö­her, ist die Woh­nung der Ehe­leu­te Stock­mar. Die Woh­nung des Herrn Kreiß ist von die­sem Vor­flur durch ei­ne Dop­pel­tür ab­ge­schlos­sen. Die Au­ßen­tür ist zwei­flü­ge­lig, von Holz, mit Rie­geln und Schloß ver­se­hen. Die In­nen­tür hat oben Glas­fens­ter und öff­net sich nach in­nen. Sie hat ei­ne ge­wöhn­li­che Klin­ke. Beim Öff­nen der­sel­ben schlägt ein Bü­gel an ei­ne ziem­lich hell klin­gen­de Glo­cke. Durch die­se Tür ge­langt man auf den Kor­ri­dor der Kreiß­schen Woh­nung, auf des­sen rech­ter Sei­te sich zwei Tü­ren be­fin­den; ei­ne drit­te Tür ist ge­ra­de­zu.
Die Kreiß­sche Woh­nung be­steht aus vier ver­schie­de­nen Räu­men. Der größ­te, nach der Adal­bert­stra­ße zu ge­le­gen, mit zwei Fens­tern nach der Stra­ße und ei­nem Fens­ter nach dem Vor­ho­fe, ist ein La­ger­raum. An die­sen schlie­ßen sich in der Rich­tung auf das Quer­ge­bäu­de drei ziem­lich gleich gro­ße Räu­me: zu­nächst der Mus­ter­raum mit ei­nem Fens­ter nach dem Vor­hof und ei­ner Tür nach dem Kor­ri­dor, dann das Kon­tor, eben­falls mit ei­nem Fens­ter nach dem Vor­hof und ei­ner Tür nach dem Kor­ri­dor, und end­lich das Wohn­zim­mer, des­sen bei­de Fens­ter nach dem Quer­ge­bäu­de zu lie­gen. Die Wohn­stu­be hat kei­nen Ein­gang vom Kor­ri­dor aus. Sämt­li­che Räu­me, der La­ger­raum, der Mus­ter­raum, das Kon­tor und die Wohn­stu­be, sind durch Tü­ren mit­ein­an­der ver­bun­den. Im Wohn­zim­mer stand auch das Bett des Er­mor­de­ten.
Von die­sen Räu­men hat für un­se­ren Zweck das Kon­tor ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung. Wenn man in das­sel­be vom Kor­ri­dor aus ein­tritt, so ist links der Ofen; hin­ter der Tür, die zum Mus­ter­raum führt, eben­falls auf der lin­ken Sei­te, der La­den­tisch und da­ne­ben das Geld­spind. Von die­sen nur durch ei­ne ge­rin­ge Ent­fer­nung ge­trennt, steht in der Nä­he des Fens­ters ein Dop­pel­pult, an dem Kreiß und auch Gün­zel ge­ar­bei­tet ha­ben; und zwar saß Gün­zel so, daß er es se­hen muß­te, wenn sein Chef den Geld­schrank öff­ne­te und ver­schloß. Kreiß trug den Schlüs­sel im­mer in der lin­ken Ho­sen­ta­sche. Der Geld­schrank ist von ein­fachs­ter Ein­rich­tung und kann mit dem Schlüs­sel von je­der­mann oh­ne wei­te­res ge­öff­net wer­den.
Am Sonn­abend vor Os­tern, am 9. April 1887, ver­lie­ßen et­wa halb neun Uhr abends die bei­den Haus­die­ner des Herrn Kreiß, Harz­mann und Sacha, die Woh­nung ih­res Prin­zi­pals. Max Kreiß war län­ge­re Zeit lei­dend ge­we­sen. Er war um die­se Zeit be­schäf­tigt, die In­ven­tur auf­zu­neh­men, und sein Bru­der, der Kauf­mann Jean Kreiß, und des­sen Ehe­frau wa­ren ihm bei die­ser Ar­beit be­hilf­lich. Sie wa­ren an je­nem Os­ter­sonn­abend bis 9 Uhr abends mit ihm zu­sam­men. Nach­dem Frau Jean Kreiß für ih­ren Schwa­ger noch das Abend­brot be­rei­tet hat­te, ver­ließ ihn das Ehe­paar mit dem Ver­spre­chen, am an­dern Mor­gen wie­der­zu­kom­men. Sie lie­ßen ihm, da er eben ganz al­lein in der Woh­nung war und sich noch im­mer nicht ganz wohl fühl­te, wie schon öf­ters ih­ren klei­nen Hund zu­rück, und Jean Kreiß sag­te sei­nem Bru­der, be­vor er sich ver­ab­schie­de­te, er mö­ge doch den Hund vor der Nacht noch ein­mal auf den Hof füh­ren.
Am Os­ter­sonn­tag früh, et­wa um die neun­te Stun­de, ka­men die bei­den Haus­die­ner Harz­mann und Sacha zur Ar­beit. Sie fan­den die Holz­tür, die vom Vor­flur zum Kor­ri­dor der Kreiß­schen Woh­nung führt, noch ge­schlos­sen. Es fiel ih­nen nicht be­son­ders auf, da Kreiß, wie ge­sagt, in letz­ter Zeit viel­fach ge­krän­kelt hat­te und oft ziem­lich lan­ge im Bett blieb. Sie woll­ten ih­ren Herrn des­halb auch im Schla­fe nicht stö­ren und blie­ben auf der Trep­pe und un­ter­hiel­ten sich. Et­wa um elf Uhr ka­men der Bru­der und die Schwä­ge­rin, um Max Kreiß bei den In­ven­tur­ar­bei­ten wei­ter be­hilf­lich zu sein. Jean Kreiß klopf­te und klin­gel­te, er­hielt aber kei­ne Ant­wort. Da er fürch­te­te, daß sei­nem krän­keln­den Bru­der et­was zu­ges­to­ßen sein möch­te, for­der­te er den Haus­die­ner Harz­mann auf, auf das Well­blech­dach der vom Hof her­auf­füh­ren­den Trep­pe zu stei­gen, von dem aus man oh­ne Mü­he durch das Fens­ter in die Kreiß­sche Woh­nung ge­lan­gen kann, denn un­mit­tel­bar über die­sem Dach be­fin­det sich ei­nes der Fens­ter von Kreiß‘ Wohn­stu­be, in der be­kannt­lich auch sein Bett stand. Harz­mann klopf­te an die Schei­ben. Von drin­nen kam kei­ne Ant­wort. Da ent­schloß er sich, ei­ne Schei­be ein­zu­drü­cken, und stieg durch das Fens­ter ein.
Kurz dar­auf öff­ne­te Harz­mann mit dem Aus­druck äu­ßers­ter Be­stür­zung von in­nen die Dop­pel­tür, vor der Jean Kreiß mit sei­ner Frau und Haus­die­ner Sacha war­te­te, und teil­te die­sen in größ­ter Er­re­gung mit, daß sich der Prin­zi­pal er­schos­sen ha­be, er lie­ge in sei­nem Blu­te im Kon­tor. Al­le stürz­ten nun da­hin, und es bot sich ih­nen ein schreck­li­cher An­blick.
Un­mit­tel­bar an der Tür, die zum Mus­ter­raum führt, hart am Ofen, lag die Lei­che des Max Kreiß in ei­ner gro­ßen Blut­la­che, die Fü­ße nach dem Ofen, den Kopf nach der Tür zu. Auf den ers­ten Blick war zu er­ken­nen, daß sich Harz­mann ge­irrt hat­te, daß nicht ein Selbst­mord, son­dern ein Mord vor­lag. Der Schä­del des Un­glück­li­chen war zer­schmet­tert, und um sei­nen Hals war ei­ne Hanf­schnur ge­schlun­gen und fest­ge­zo­gen. Ne­ben der Lei­che lag ei­ne zer­trüm­mer­te Lam­pe, und in nächs­ter Nä­he vor der Tür zum Mus­ter­raum war auf dem Fuß­bo­den ein gro­ßer Pe­tro­leum­fleck. Die Wän­de und die der Lei­che zu­nächst­lie­gen­den Ge­gen­stan­de wa­ren mit Blut be­spritzt, blu­ti­ge Spu­ren zeig­ten sich auch an der lin­ken Ho­sen­ta­sche des Kauf­manns, der im üb­ri­gen völ­lig be­klei­det war. Auf­fal­lend war der Zu­stand der bei­den Rol­los an dem ein­zi­gen Fens­ter des Rau­mes. Die Schnur zur Be­die­nung des in­ne­ren, dün­nen Rol­los war blut­ver­schmiert. Das äu­ße­re Wet­ter­rol­lo, das ge­wöhn­lich nicht ver­schlos­sen war, war au­gen­schein­lich von un­kun­di­ger Hand oder all­zu has­tig mit Ge­walt her­ab­ge­ris­sen wor­den: es war ein­ge­ris­sen. Der ei­ser­ne Geld­schrank war ord­nungs­ge­mäß ver­schlos­sen, der sonst in Kreiß‘ Ho­sen­ta­sche be­find­li­che Schlüs­sel fehl­te. Jean Kreiß öff­ne­te ihn mit dem in sei­nem Be­sitz be­find­li­chen Re­ser­ve­schlüs­sel und stell­te fest, daß der dar­in auf­be­wahr­te Be­trag von et­wa 700 Mark Bar­geld fehl­te – ins­be­son­de­re auch ei­ne Brief­ta­sche, in der sich, wie der Bru­der des Er­mor­de­ten mit Be­stimmt­heit zu sa­gen wuß­te, ein Hun­dert­mark­schein, ein Zwan­zig­mark­schein und ein Fünf­mark­schein be­fun­den hat­ten. Auch die Ta­schen­uhr von Max Kreiß war ver­schwun­den.
In dem Wohn­zim­mer rechts ne­ben dem Kon­tor stand auf dem Tisch der Rest des Nacht­mahls, das dem Er­mor­de­ten sei­ne Schwä­ge­rin be­rei­tet hat­te, fer­ner ei­ne lee­re und ei­ne vol­le Bier­fla­sche, ein mit Bier halb­ge­füll­tes Glas, und da­ne­ben lag auf­ge­schla­gen ei­ne Num­mer der »Flie­gen­den Blät­ter«. Das Bett war un­be­rührt. Der klei­ne Hund hat­te sich ver­kro­chen und schien zu­nächst un­auf­find­bar, kam aber dann, als er die Stim­me sei­nes Herrn er­kann­te, un­ter ei­nem Mö­bel­stück her­vor­ge­kro­chen.
Im Kon­tor fand man auf dem Fuß­bo­den zwei Zet­tel lie­gen, die nach An­ga­be der in Be­tracht kom­men­den Zeu­gen bis­her nicht im Be­sitz von Max Kreiß ge­we­sen wa­ren. Es han­del­te sich um ei­ne Steu­er­quit­tung für das ers­te Quar­tal 1886 auf den Na­men des Schuh­ma­cher­meis­ters Ha­ber­land und ein Abon­ne­ments­bil­lett für das Na­tio­nal­pan­ora­ma, auf des­sen Rück­sei­te ein Stem­pel auf­ge­drückt war mit der Auf­schrift »Zen­tral­spei­se­an­stalt von P. Schir­litz, C., Beuth­stra­ße 10«; dar­un­ter war mit blau­er Tin­te ge­schrie­ben: »K. Be­th­ge«. Auf­fal­lend war al­len vier mit den Räum­lich­kei­ten ver­trau­ten Per­so­nen, daß ei­ne Steh­lei­ter, die sich ge­wöhn­lich im La­ger­raum be­fand, jetzt dicht an die Glas­tür des Kon­tors ge­rückt war, so daß man von dort aus den ei­ser­nen Bü­gel, wel­cher an die Tür­glo­cke schlug, er­rei­chen und so bie­gen konn­te, daß die Tür beim Hin­aus­ge­hen sich öff­ne­te, oh­ne daß die Glo­cke an­schlug.
Die Lei­chen­schau er­gab, daß Max Kreiß durch meh­re­re wuch­ti­ge Schlä­ge mit ei­nem stump­fen, ziem­lich scharf­kan­ti­gen Werk­zeug, al­so mit ei­nem Beil oder ei­nem Ham­mer, er­schla­gen wor­den war. Stirn, Schä­del­dach und Schei­tel­ge­gend auf der lin­ken Sei­te wa­ren zer­trüm­mert. Die Ver­let­zun­gen wa­ren ab­so­lut töd­lich ge­we­sen. Die Sach­ver­stän­di­gen nah­men an, daß der Mör­der dem Ster­ben­den die Hanf­schnur um den Hals ge­schlun­gen ha­be, um des­sen To­des­rö­cheln zu er­sti­cken. In der Hand der Lei­che fand man ei­ni­ge Haa­re, die mit den Haa­ren des Er­mor­de­ten selbst iden­tisch schie­nen, zu­min­dest ei­ne sehr gro­ße Ähn­lich­keit hat­ten.
Al­les wies dar­auf hin, daß der Mord von je­man­dem be­gan­gen sein muß­te, der so­wohl die Woh­nungs­ver­hält­nis­se als auch die Le­bens­um­stän­de und Ge­wohn­hei­ten von Max Kreiß kann­te. Es blieb zu­nächst un­auf­ge­klärt, wie der Mör­der sich in die Woh­nung ein­ge­schli­chen ha­ben moch­te, denn durch die Tür, die vom Vor­flur zum Kor­ri­dor führ­te, konn­te er, so­lan­ge Kreiß in der Woh­nung war, kaum ge­langt sein, da der An­schlag der Glo­cke Kreiß ge­warnt ha­ben wür­de. Es blieb aber auch noch die Mög­lich­keit of­fen, daß der Ver­bre­cher von sei­nem Op­fer selbst ein­ge­las­sen wor­den war, ihm al­so be­kannt ge­we­sen sein muß­te. Auf je­den Fall hat­te der Tä­ter aber Kennt­nis da­von ge­habt, daß Max Kreiß ge­wöhn­lich ei­ne grö­ße­re Sum­me Bar­gel­des in sei­nem Geld­schrank auf­be­wahr­te und den Schlüs­sel zu die­sem stets in sei­ner lin­ken Ho­sen­ta­sche trug, denn nur aus die­ser war, wie die blu­ti­ge Spur be­wies, der Schlüs­sel ent­nom­men wor­den, der Geld­schrank da­nach oh­ne Ge­walt ge­öff­net und nach dem Raub wie­der ver­schlos­sen wor­den, wo­bei der Tä­ter den Schlüs­sel mit sich ge­nom­men hat­te.
Nach die­sem Stand der Er­mitt­lun­gen rich­te­te sich die Ar­beit der Po­li­zei­be­hör­de zu­nächst auf ei­ne ge­naue Über­prü­fung der nächst­ste­hen­den An­ge­hö­ri­gen des Op­fers und sei­ner An­ge­stell­ten, al­so auf ei­ne ex­ak­te Er­mitt­lung, wo sich Jean Kreiß und sei­ne Frau so­wie die bei­den La­den­die­ner Harz­mann und Sacha zur Tat­zeit auf­ge­hal­ten hat­ten, die man so­wohl nach den Um­stän­den am Tat­ort als auch nach dem Ob­duk­ti­ons­be­fund auf et­wa 10 Uhr abends an­zu­set­zen hat­te. Es stell­te sich sehr rasch her­aus, daß der zu­nächst über­prüf­te Per­so­nen­kreis mit ab­so­lu­ter Si­cher­heit sei­ne Ab­we­sen­heit vom Tat­ort nach­wei­sen konn­te. Auch der Schuh­ma­cher­meis­ter Ha­ber­land, des­sen Steu­er­quit­tung man am Tat­ort ge­fun­den hat­te, be­saß ein ein­wand­frei­es Ali­bi, da er sich be­reits zwei Ta­ge vor dem Mord bei sei­nen Ver­wand­ten in der Nä­he von Ber­lin be­fand und erst nach dem Os­ter­fest zu­rück­kehr­te; auf wel­che Wei­se sei­ne Steu­er­quit­tung an den Tat­ort ge­kom­men sein moch­te, blieb dem al­ten Hand­werks­meis­ter ein Rät­sel. Der Gast­wirt Schir­litz, der selbst zur Zeit der Tat nach­weis­lich in sei­nem Lo­kal sich auf­ge­hal­ten hat­te, teil­te mit, daß er vie­len sei­ner Gäs­te der­ar­ti­ge Ein­laß­kar­ten zum Na­tio­nal­pan­ora­ma für die Hälf­te des Kas­sen­prei­ses über­las­se. Ob sich un­ter den­sel­ben ein Mann na­mens Be­th­ge be­fun­den ha­be, ver­mö­ge er nicht zu sa­gen. Die Nach­for­schun­gen der Po­li­zei­be­hör­de wa­ren in die­ser Hin­sicht er­geb­nis­los; man war dort al­ler­dings auch da­von über­zeugt, daß die zu­rück­ge­las­se­nen Zet­tel zur ab­sicht­li­chen Ir­re­füh­rung vom Mör­der in der Kreiß­schen Woh­nung de­po­niert wor­den wa­ren, denn es wä­re in der Tat ei­ne äu­ßerst plum­pe Dumm­heit von ei­nem sonst mit gro­ßer Ge­schick­lich­keit ope­rie­ren­den Ver­bre­cher, so­zu­sa­gen ne­ben der Lei­che sei­ne Vi­si­ten­kar­te zu hin­ter­las­sen.
Nach­dem nun Ver­wand­te, Be­diens­te­te, Haus­be­woh­ner und an­de­re, der Tat mög­li­cher­wei­se ver­däch­ti­ge Per­so­nen aus der Lis­te der Ver­däch­ti­gen aus­ge­schie­den wa­ren, dehn­te die Po­li­zei, im­mer von der be­rech­tig­ten Aus­nah­me aus­ge­hend, daß der Tä­ter mit den lo­ka­len Ge­ge­ben­hei­ten ver­traut ge­we­sen sein müs­se, ih­re Nach­for­schun­gen auf ei­nen wei­te­ren Per­so­nen­kreis aus: auf die ehe­mals bei dem Er­mor­de­ten Be­schäf­tig­ten. Hier­bei wie­sen nun sehr schnell ver­schie­de­ne Hin­wei­se, Tat­sa­chen und Be­ob­ach­tun­gen auf Her­mann Gün­zel, der von Kreiß im Un­frie­den ge­schie­den, ei­nen Pro­zeß ge­gen ihn ge­führt und ge­won­nen, der vor dem Mord mit den bit­ters­ten Geld­sor­gen ge­kämpft und un­mit­tel­bar nach der Tat für sei­ne Ver­hält­nis­se sehr be­deu­ten­de Aus­ga­ben ge­macht hat­te, als ei­nen Men­schen, der un­ter die­sen Um­stän­den der blu­ti­gen Tat ver­däch­tigt wer­den konn­te. Kri­mi­nal­kom­mis­sar Damm, der mit der Un­ter­su­chung be­auf­trag­te Be­am­te, be­gab sich des­halb am Mitt­woch, dem 13. April, al­so drei Ta­ge nach der Ent­de­ckung des Mor­des, in die Woh­nung Gün­zels, um ers­te Er­kun­di­gun­gen ein­zu­zie­hen. Er traf Gün­zel nicht zu Hau­se an, hör­te je­doch so vie­le be­denk­li­che Din­ge bei der Un­ter­re­dung mit des­sen Wir­tin, Frau Kaul, und die Ver­dachts­mo­men­te häuf­ten sich da­durch so ent­schei­dend an, daß die so­for­ti­ge Ver­haf­tung Gün­zels be­schlos­sen wur­de. Am fol­gen­den Mor­gen in al­ler Frü­he, al­so am Don­ners­tag, dem 14. April, wur­de Gün­zel mit ei­nem Ver­hafts­be­fehl aus dem Bett ge­holt und zu ei­ner ers­ten po­li­zei­li­chen Ver­neh­mung nach dem Mol­ken­markt ge­bracht. Von da wur­de er in das Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis nach Moa­bit über­ge­führt und dem in Kri­mi­nal­sa­chen die­ser Art be­son­ders be­wan­der­ten Un­ter­su­chungs­rich­ter Land­ge­richts­rat Holl­man über­ant­wor­tet.
Gün­zel be­haup­te­te, in kei­ner­lei Zu­sam­men­hang mit der Tat zu ste­hen, und leug­ne­te al­les.
Bei sei­nen ers­ten Ver­neh­mun­gen gab er auf die bei­den we­sent­li­chen Fra­gen, was er am Sonn­abend vor Os­tern und wäh­rend der Os­ter­fei­er­ta­ge an­ge­fan­gen ha­be und wo­durch er auf ein­mal in den Be­sitz von nicht un­be­trächt­li­chen Bar­mit­teln ge­kom­men sei, fol­gen­de Aus­kunft:
Am Os­ter­sonn­abend­vor­mit­tag ha­be er sich, wie schon mehr­fach, nach dem Bü­ro der »Vos­si­schen Zei­tung« be­ge­ben, um un­ter den An­zei­gen nach­zu­se­hen, ob für ihn ei­ne ge­eig­ne­te Stel­lung zu fin­den sei. Dar­auf sei er zu ei­nem Schuh­ma­cher ge­gan­gen, um ein paar Stie­fel zu kau­fen, die die­ser ihm aber, da er sie auf Kre­dit ha­be er­wer­ben wol­len, nicht ge­ge­ben ha­be. Er ha­be den Schuh­ma­cher aber ge­be­ten, ihm die Stie­fel bis zum Abend zu­rück­zu­stel­len. Dann sei er zu sei­ner Schwes­ter, Frau Os­ter­mann, nach Rix­dorf ge­gan­gen, wo er um 12 Uhr mit­tags an­ge­kom­men sei. Er ha­be sich dort fri­sche Strümp­fe ge­holt, da sei­ne Strümp­fe zer­ris­sen wa­ren, und den rech­ten Fuß ge­kühlt, der durch­ge­lau­fen ge­we­sen sei. Um halb zwei Uhr ha­be er dann mit sei­nem Schwa­ger, sei­ner Schwes­ter und sei­ner Stief­schwes­ter zu Mit­tag ge­ges­sen, wo­nach sei­ne Stief­schwes­ter ihm noch ein paar But­ter­bro­te ge­schnit­ten, die er, zu­gleich mit den ab­ge­leg­ten Strümp­fen, in ein Pa­ket ge­wi­ckelt und mit­ge­nom­men ha­be. Nun sei er nach der Ora­ni­en­stra­ße ge­gan­gen, wo er sich um ei­ne in ei­ner dort be­find­li­chen Fir­ma frei ge­wor­de­ne Stel­le ha­be be­wer­ben wol­len, ha­be aber, als er dort an­kam, be­merkt, daß schon meh­re­re jun­ge Leu­te vor der Tür stan­den und die Sa­che für ihn hoff­nungs­los sein wer­de. Des­halb sei er dann zur »Vos­si­schen Zei­tung« zu­rück­ge­kehrt, wo er zwi­schen 6 und 7 Uhr abends noch­mals die An­zei­gen ge­le­sen ha­be.
Nach Gün­zels An­ga­ben hat sich nun im Bü­ro der »Vos­si­schen Zei­tung« fol­gen­des er­eig­net: Ein Herr, der es of­fen­sicht­lich sehr ei­lig hat­te und auf der Stra­ße sei­ne Drosch­ke auf sich war­ten ließ, be­trat den Raum und hol­te am Schal­ter et­li­che Brie­fe ab. In der Ei­le ent­fie­len ihm un­be­merkt zwei Brie­fe, die Gün­zel auf­ge­ho­ben hat. Der Herr ver­ließ das Bü­ro und fuhr mit der Drosch­ke, in der ihn ei­ne Da­me er­war­te­te, da­von. Der ei­ne der von Gün­zel auf­ge­ho­be­nen Brie­fe trug ei­ne chif­frier­te Adres­se, die­sen gab er in der Ex­pe­di­ti­on der Zei­tung ab. Der an­de­re Brief er­wies sich als ein zu­sam­men­ge­fal­te­tes Pa­pier, in wel­chem sich ein Hun­dert­mark­schein, zwei Cou­pons und ei­ne Vi­si­ten­kar­te mit dem Na­men »Fritz von Wol­ten« be­fan­den. Gün­zel hat die Cou­pons weg­ge­wor­fen, weil er glaub­te, daß ihm ein Zei­tungs­jun­ge ge­folgt sei. (Spä­ter hat er aus­ge­sagt, daß er die Cou­pons ha­be wech­seln wol­len, aber fest­ge­stellt ha­be, daß die Geld­wechs­ler be­reits ge­schlos­sen hat­ten.) – Nun ist Gün­zel mit dem ge­fun­de­nen Hun­dert­mark­schein wei­ter spa­zie­ren­ge­gan­gen – trotz sei­ner wun­den Fü­ße und ob­wohl er be­reits den gan­zen Tag auf den Bei­nen war. Die Vi­si­ten­kar­te mit der Auf­schrift »Fritz von Wol­ten« hat er wäh­rend die­ses Spa­zier­gan­ges weg­ge­wor­fen. In sei­ne Woh­nung in die Dres­de­ner Stra­ße ist Gün­zel ge­gen Mit­ter­nacht zu­rück­ge­kom­men.
So­viel zu sei­ner Aus­sa­ge. Kri­mi­nal­kom­mis­sar Damm er­schien es auf­fal­lend, daß Gün­zel den gan­zen Nach­mit­tag und Abend her­um­ge­lau­fen sei, oh­ne ir­gend­wo ein­zu­keh­ren. Gün­zel ant­wor­te­te dar­auf, daß er al­ler­dings in ei­ner De­stil­la­ti­on in der Zim­mer­stra­ße ei­nen Schnaps ge­trun­ken und in der Hen­nig­schen Gast­wirt­schaft, die im Erd­ge­schoß von sei­nem Wohn­haus Dres­de­ner Stra­ße 5 liegt, vor dem Schla­fen­ge­hen ein Glas Bier ge­trun­ken und ein Ka­vi­ar­bröt­chen ge­ges­sen ha­be. In dem klei­nen Lo­kal sei­en noch ver­hält­nis­mä­ßig viel Gäs­te ge­we­sen, un­ter an­de­rem hät­ten vier da­von Kar­ten ge­spielt. Das sei kurz vor Mit­ter­nacht ge­we­sen. Er ha­be dort Zei­tun­gen ge­le­sen und sich dann in sei­ne Schlaf­stel­le bei Frau Kaul be­ge­ben.
Land­ge­richts­di­rek­tor Holl­mann sag­te Gün­zel, daß es für ihn von au­ßer­or­dent­li­cher Wich­tig­keit sei, für die spä­ten Abend­stun­den des Os­ter­sonn­abends ge­nau­es­te Aus­kunft über sei­nen Auf­ent­halt zu ge­ben, aber der Ver­haf­te­te wuß­te kei­ne an­de­ren An­ga­ben zu ma­chen, als daß er ge­gen Abend in der Zim­mer­stra­ße ei­nen Schnaps ge­trun­ken und kurz vor Mit­ter­nacht bei Hen­nig ein­ge­kehrt sei.
Ei­gen­tüm­li­cher­wei­se fiel Gün­zel dann acht Ta­ge nach sei­ner Ver­haf­tung, und nach­dem er be­reits meh­re­re Ver­hö­re hat­te be­ste­hen müs­sen, doch noch ein neu­er Um­stand ein. Er er­klär­te, daß er sich erst jetzt be­sin­ne, daß er am Os­ter­sonn­abend, we­ni­ge Mi­nu­ten vor oder nach 10 Uhr abends, in das Sadau­sche Lo­kal, Ecke Brei­te Stra­ße und Schloß­platz, ge­gan­gen sei und sich dort et­wa zwan­zig Mi­nu­ten auf­ge­hal­ten ha­be. Er irr­te sich zu­nächst im Na­men des Lo­kals und be­zeich­ne­te es als das Sau­er­sche Lo­kal, aber im üb­ri­gen wa­ren sei­ne An­ga­ben über die Ein­rich­tung und Aus­stat­tung die­ser Wirt­schaft rich­tig. Er be­zeich­ne­te auch ge­nau den Tisch, an dem er ge­ses­sen hat, und sag­te aus, daß er dort ei­ne Jau­er­sche Wurst und ein klei­nes Glas Weiß­bier ver­zehrt und da­für 25 Pfen­ni­ge be­zahlt ha­be. Die­se Er­klä­rung Gün­zels war von der al­ler­größ­ten Be­deu­tung, denn sein Auf­ent­halt in dem be­nann­ten Lo­kal fiel dem­nach ja et­wa in die Zeit, in der der un­glück­li­che Kreiß er­mor­det wor­den war. Es ist da­her nur na­tür­lich, daß der Un­ter­su­chungs­rich­ter den größ­ten Wert dar­auf le­gen muß­te, al­le Ein­zel­hei­ten die­ses Auf­ent­halts in ei­nem weit vom Ort des Mor­des ent­fern­ten Lo­kal von Gün­zel zu er­fra­gen und sich durch Zeu­gen­aus­sa­gen be­stä­ti­gen zu las­sen. Es er­wies sich, daß Gün­zel nicht nur über die Aus­stat­tung des Lo­kals ge­nau­en Be­richt ge­ben konn­te, son­dern daß er auch zwei Drosch­ken­kut­scher be­schrei­ben konn­te, die sich zur sel­ben Zeit im Lo­kal auf­ge­hal­ten ha­ben. Au­ßer­dem mach­te er die An­ga­be, daß er Frau Sa­dau, die Wir­tin, die hin­ter dem Bü­fett stand, ge­fragt ha­be, wo­hin­aus der Weg nach dem Hof ge­he. Er be­rich­te­te wei­ter, daß er nach dem Auf­ent­halt im Sadau­schen Lo­kal über die Lin­den durch die Pas­sa­ge, Fried­rich­stra­ße, Zim­mer­stra­ße, Ora­ni­en­stra­ße lang­sam sei­ner Woh­nung in der Dres­de­ner Stra­ße zu­ge­gan­gen sei. Nach der Ein­kehr im Hen­nig­schen Lo­kal ist er in sei­ner Schlaf­stel­le ein­ge­trof­fen. Sei­ne bei­den Zim­mer­ge­nos­sen, der Sohn sei­ner Wir­tin, Kon­t­or­die­ner Kaul, und der Tisch­ler Off, sei­en noch wach ge­we­sen. Gün­zel hat dem Sohn der Wir­tin die noch schul­di­gen 5 Mark und 90 Pfen­ni­ge be­zahlt und auch Off die von die­sem ent­lie­he­nen 2 Mark zu­rück­ge­ge­ben. Die­ses Geld ha­be er noch vom Er­lös des Trau­rings sei­ner Schwes­ter be­ses­sen, den er ver­pfän­det hat­te, und da ihm sei­ne Schwes­ter über­dies 9 Mark zur Ein­lö­sung des Trau­rings ge­ge­ben hat, sei er am Os­ter­sonn­abend­abend noch im Be­sitz von 12 Mark ge­we­sen.
Über den Ver­lauf der nächs­ten Stun­den und Ta­ge be­rich­tet Gün­zel nun, daß er nach sei­ner An­kunft in der Schlaf­stel­le und nach Zu­rück­zah­lung der Schul­den an sei­ne Zim­mer­ge­fähr­ten das Pa­ket, in dem sich die But­ter­bro­te und die ab­ge­leg­ten Strümp­fe be­fan­den, in die Ofen­röh­re ge­legt ha­be, ei­nem Ort, den er mehr­fach zur Auf­be­wah­rung von Ge­gen­stän­den be­nutzt ha­be. Er hat sich sei­ner Ober­klei­der ent­le­digt und dem Kon­t­or­die­ner Kaul, der noch ge­le­sen ha­be, das Licht vor der Na­se aus­ge­bla­sen, weil er mein­te, daß man von ge­gen­über ins Fens­ter se­hen kön­ne. Als Kaul ihn des­halb zur Re­de stell­te, ha­be er das Licht wie­der an­ge­zün­det.
Am an­de­ren Mor­gen ist Gün­zel nach sei­nen An­ga­ben et­wa um 8 Uhr früh wie ge­wöhn­lich auf­ge­stan­den, hat das Pa­ket aus der Ofen­röh­re an sich ge­nom­men, das Haus ver­las­sen und dann bei dem De­stil­la­teur Föll­mer am Kott­bu­ser Platz den Hun­dert­mark­schein ge­wech­selt. Beim Pfand­lei­her hat er sei­nen dort ver­setz­ten An­zug so­wie sei­ne Uhr ein­ge­löst, wo­bei er dem Pfand­lei­her an­stel­le der er­for­der­li­chen 33 Mark le­dig­lich 12 Mark und 50 Pfen­ni­ge für die Uhr ge­zahlt ha­be, da der Pfand­lei­her ge­ra­de durch an­de­re Ge­schäf­te in An­spruch ge­nom­men war und ihm irr­tüm­lich bei­de Ge­gen­stän­de aus­ge­hän­digt ha­be. Dann ist er nach Rix­dorf zu sei­ner Schwes­ter ge­fah­ren, hat sich auf dem We­ge da­hin aber erst noch ein Paar Stie­fel, ei­ne Un­ter­ho­se, ein Hemd und ei­nen Stock ge­kauft. Sei­nem Schwa­ger schul­de­te er 83 Mark, und er hat ihm bei sei­nem Ein­tref­fen in Rix­dorf 25 Mark als Ab­schlags­zah­lung auf sei­ne Schul­den aus­ge­hän­digt. Weil er von dem ge­fun­de­nen Hun­dert­mark­schein nichts er­zäh­len woll­te, hat er be­haup­tet, von ei­nem sei­ner Be­kann­ten na­mens Fried­rich Mül­ler ei­ne Ab­zah­lung auf ei­ne Geld­for­de­rung, die er an Mül­ler hat­te, er­hal­ten zu ha­ben. Er hat dann bei sei­ner Schwes­ter sei­ne Un­ter­wä­sche und den An­zug ge­wech­selt, ha­be die schmut­zi­ge Wä­sche dort ge­las­sen, weil sei­ne Schwes­ter ab und zu Klei­nig­kei­ten für ihn ge­wa­schen ha­be, und hat die Woh­nung sei­nes Schwa­gers um 12 Uhr mit­tags ver­las­sen. Er muß­te aber um­keh­ren, weil er sein Ta­schen­tuch ver­ges­sen hat­te. Dar­auf­hin sei er nach Ber­lin ge­gan­gen, aber ha­be noch ein­mal um­keh­ren müs­sen, weil er am Rollkrug be­merk­te, daß er sein Porte­mon­naie bei sei­ner Schwes­ter ver­ges­sen ha­be. In­zwi­schen war es halb zwei Uhr ge­wor­den, und nun ha­be er die Pfer­de­bahn nach der Ora­ni­en­stra­ße ge­nom­men, weil er sich um 2 Uhr mit­tags mit sei­ner Braut, die ei­ner Tau­fe in der Tho­mas­kir­che bei­wohn­te, dort ver­ab­re­det hat­te. In der Nä­he der Tho­mas­kir­che ist er war­tend auf und ab ge­gan­gen, hat auch in der na­he ge­le­ge­nen Adal­bert­stra­ße ei­nen Men­schen­auf­lauf be­merkt, sich aber nicht wei­ter dar­um ge­küm­mert, weil er ge­dacht hat, es hand­le sich um ei­ne Hoch­zeit. Von ei­nem Mord, der dort statt­ge­fun­den, hat er nichts ge­wußt. Er hat sei­ne Braut ge­trof­fen und mit ihr ei­ne Par­tie nach dem Gru­ne­wald ge­macht. Am zwei­ten Os­ter­tag ist er vor­mit­tags wie­der in Rix­dorf ge­we­sen, hat Ke­gel ge­spielt und den Nach­mit­tag wie­der­um mit sei­ner Braut ver­bracht.
So­weit die An­ga­ben von Her­mann Gün­zel, die er in über­zeu­gen­der Wei­se, un­ter Nen­nung un­zäh­li­ger Ne­ben­um­stän­de und cha­rak­te­ris­ti­scher klei­ner Ein­zel­hei­ten, dem Un­ter­su­chungs­rich­ter vor­trug.
Die po­li­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen muß­ten nun in ge­wis­sen­haf­tes­ter Wei­se die­se An­ga­ben des Ver­däch­tig­ten nach­prü­fen, denn wenn sich Gün­zels Aus­sa­gen be­stä­tig­ten, war sei­ne Un­schuld er­wie­sen.
Von Be­deu­tung wa­ren ja zu­nächst sei­ne Be­rich­te über die Art und Wei­se, wie er die Abend- und Nacht­stun­den des Os­ter­sonn­abends ver­bracht hat­te. Die er­mit­teln­de Be­hör­de hat zu die­sen Be­rich­ten ei­ne Viel­zahl von Zeu­gen ver­nom­men, und es hat sich im Ver­lauf der Un­ter­su­chun­gen fol­gen­des Bild er­ge­ben:
Für Gün­zels Auf­ent­halt in der Ex­pe­di­ti­on der »Vos­si­schen Zei­tung« ge­gen 6 Uhr abends an dem frag­li­chen Tag gibt es kei­nen Zeu­gen; dies will je­doch bei dem re­gen Ver­kehr in die­sem Bü­ro nichts be­sa­gen. Die in der Nau­nyn­stra­ße 26 woh­nen­de Zeu­gin Rie­sack will je­doch Gün­zel in der sechs­ten Abend­stun­de vor ih­rem Haus ge­se­hen ha­ben, al­so in der Nä­he des Tat­or­tes Adal­bert­stra­ße und sehr weit von der Brei­ten Stra­ße, in der sich das Ex­pe­di­ti­ons­bü­ro be­fin­det, ent­fernt. Sie kann­te Gün­zel, der mit ih­rem Mann, dem Schuh­ma­cher­meis­ter Rie­sack, gut be­kannt war, denn der hilfs­be­rei­te Hand­wer­ker hat­te Gün­zel wie­der­holt klei­ne­re Sum­men ge­lie­hen, war an je­nem Abend aber selbst nicht zu Hau­se. Gün­zel hat­te nach ih­ren An­ga­ben ans Fens­ter ge­klopft, ver­mut­lich um et­was zu lei­hen, die Schus­ters­frau hat­te je­doch nicht ge­öff­net. Will man die­ser Zeu­gin Glau­ben schen­ken, so könn­te man al­ler­dings Gün­zel zu­gu­te hal­ten, daß er sich in der Zeit ge­irrt ha­be und das Bü­ro der »Vos­si­schen Zei­tung« zu ei­ner et­was spä­te­ren Zeit auf­ge­sucht hat. Die Kri­mi­nal­po­li­zei hat nichts un­ver­sucht ge­las­sen, den Un­be­kann­ten, der in der Ex­pe­di­ti­on die bei­den Brie­fe ver­lor und dem Gün­zel al­so den Be­sitz des Hun­dert­mark­scheins ver­dank­te, zu er­mit­teln. Es ist dies je­doch eben­so­we­nig ge­lun­gen wie der Nach­weis, daß es ei­ne Per­son na­mens Fritz von Wol­ten gibt. Al­le die­se Tat­sa­chen je­doch spre­chen noch nicht da­für, daß Gün­zel die Un­wahr­heit ge­sagt ha­ben muß; sei­ne Dar­stel­lung der Er­eig­nis­se kann nach wie vor wahr sein.
Ver­däch­ti­ger je­doch schien es, daß Gün­zel erst acht Ta­ge nach sei­ner Ver­haf­tung plötz­lich sich er­in­ner­te, ge­ra­de um die frag­li­che Zeit des Mor­des das Sadau­sche Lo­kal be­sucht zu ha­ben, zu­mal er von dem Un­ter­su­chungs­rich­ter von An­fang an auf die Be­deu­tung ei­nes Ali­bis für die spä­ten Abend­stun­den hin­ge­wie­sen wor­den war. Je­doch auch da­für gibt es in der Ge­richts­pra­xis ge­nü­gend Bei­spie­le, daß ei­nem un­schul­dig An­ge­klag­ten ge­ra­de die wich­tigs­ten Zeug­nis­se für sei­ne Un­schuld in der ers­ten Er­re­gung und An­span­nung durch die Ver­hö­re nicht ge­gen­wär­tig sind. Land­ge­richts­rat Holl­mann mach­te es sich des­halb zur be­son­de­ren Pflicht, durch ei­ne gro­ße An­zahl von Zeu­gen­ver­neh­mun­gen, durch Lo­kal­be­sich­ti­gung und ähn­li­ches ein ge­nau­es Bild dar­über zu er­hal­ten, in­wie­weit Gün­zels Aus­sa­gen der Wahr­heit ent­spra­chen. Es kann kein Zwei­fel dar­über be­ste­hen, daß der Ver­däch­ti­ge das Lo­kal kennt. Dies al­ler­dings ist nicht ver­wun­der­lich, denn er ist viel durch die Ber­li­ner Gast­wirt­schaf­ten ge­bum­melt; und wes­halb soll­te er das in der Nä­he der Ex­pe­di­ti­on der »Vos­si­schen Zei­tung« ge­le­ge­ne Gast­haus nicht ge­le­gent­lich be­sucht ha­ben? Nur kommt es dar­auf an, ob er an dem be­sag­ten Abend zu der ge­nann­ten Zeit dort ge­we­sen ist! – An je­nem Abend wa­ren et­wa zur zehn­ten Stun­de bei Sa­dau un­ter an­de­ren ver­schie­de­ne Per­so­nen an­we­send, die bei den in der Nä­he woh­nen­den Hof­ju­we­lie­ren Ge­brü­der Fried­la­en­der be­schäf­tigt sind und das Sadau­sche Lo­kal häu­fig be­su­chen. Sie er­in­nern sich al­ler­dings an ei­nen jun­gen Mann, den sie ei­ne Jau­er­sche Wurst ha­ben es­sen se­hen, je­doch an ei­nem an­de­ren Tisch, als Gün­zel an­ge­ge­ben hat. Nun ge­hört der Ver­zehr ei­ner Jau­er­schen Wurst und ei­ner »klei­nen Wei­ßen« zu den gän­gigs­ten Be­stel­lun­gen in die­sem Lo­kal wie in vie­len ähn­li­chen. Sie ha­ben au­ßer­dem Gün­zel bei ei­ner Ge­gen­über­stel­lung nicht wie­der­er­kannt; da­zu kommt, daß die­ser für das Ver­zehr­te 25 Pfen­ni­ge ge­zahlt ha­ben will, wäh­rend der Preis bei Sa­dau da­für 30 Pfen­ni­ge be­trägt. Die bei­den Drosch­ken­kut­scher, die Gün­zel ge­se­hen hat, sind den be­frag­ten Gäs­ten nicht auf­ge­fal­len. Mehr noch als die­se Zeu­gen­aus­sa­gen hat je­doch ei­ne an­de­re Tat­sa­che Gün­zels An­ga­ben sehr un­wahr­schein­lich ge­macht. Gün­zel will Frau Sa­dau ge­fragt ha­ben, wie man auf den Hof ge­langt, und als ihm Frau Sa­dau zum ers­ten Ma­le ge­gen­über­ge­stellt wird, be­haup­tet er mit volls­ter Be­stimmt­heit: »Ja, das ist die Frau, die ich ge­fragt ha­be und die mir Be­scheid ge­ge­ben hat.« Und er bleibt fest bei die­ser Be­haup­tung. Dem steht je­doch ent­ge­gen, daß Frau Sa­dau wäh­rend der Os­ter­ta­ge über­haupt nicht in Ber­lin war, son­dern von Kar­frei­tag bis zum drit­ten Os­ter­tag ver­reist. Nun lenkt Gün­zel ein, daß er sich ge­irrt ha­ben kön­ne, es sei viel­leicht die Schwes­ter des Wirts ge­we­sen, die hin­ter dem Bü­fett ge­stan­den ha­be. Die­se Schwes­ter, die er ver­mut­lich von frü­he­ren Be­su­chen des Lo­kals kennt, hat aber an be­sag­tem Abend das Schan­klo­kal über­haupt nicht be­tre­ten, son­dern sich nach ih­ren und den über­ein­stim­men­den An­ga­ben vie­ler Zeu­gen aus­schließ­lich in der Kü­che auf­ge­hal­ten, und sie hat mit Nach­druck er­klärt, daß nie­mand an sie ei­ne sol­che Fra­ge nach dem Weg zum Hof ge­stellt hat.
Wenn schon die Aus­sa­gen Gün­zels über sei­nen Auf­ent­halt im Sadau­schen Lo­kal be­rech­tig­te Zwei­fel an der Wahr­heit sei­ner Dar­stel­lung hin­ter­las­sen, so er­gibt die Be­fra­gung des Gast­wirts Hen­nig, der im glei­chen Haus wie Gün­zel wohnt und den­sel­ben sehr ge­nau kennt, den si­che­ren Ein­druck, daß Gün­zel in die­sem Punkt ge­lo­gen hat. We­der der Wirt noch ei­ner der am Os­ter­sonn­abend an­we­sen­den Gäs­te ha­ben den Ver­däch­tig­ten dort ge­se­hen; sie er­klä­ren über­ein­stim­mend, daß die vie­len Ein­zel­an­ga­ben, die Gün­zel über sei­nen Auf­ent­halt bei Hen­nig kurz vor Mit­ter­nacht ge­macht hat, sich auf Vor­gän­ge be­zie­hen, die sich et­wa vier­zehn Ta­ge vor dem Os­ter­fest in der Gast­wirt­schaft ab­ge­spielt ha­ben. Da Gün­zel dort al­len Gäs­ten bes­tens be­kannt ist und de­ren Ver­neh­mung nur we­ni­ge Ta­ge nach dem Os­ter­fest er­folg­te, wo al­len die Vor­gän­ge des Os­ter­sonn­abends noch voll­kom­men ge­gen­wär­tig sein konn­ten, be­steht wohl kein Zwei­fel mehr, daß der Un­ter­su­chungs­rich­ter in die­sem Punkt Gün­zel kei­ner­lei Glau­ben schen­ken konn­te. Gün­zel ist ent­schie­den nicht dort ge­we­sen. Es kommt da­zu, daß das Hen­nig­sche Lo­kal um Mit­ter­nacht schließt, auch an die­sem Os­ter­sonn­abend, daß Gün­zel aber nach den über­ein­stim­men­den Er­klä­run­gen sei­ner bei­den Zim­mer­ge­fähr­ten erst um halb eins zu­rück­ge­kehrt sei. Man be­den­ke: aus ei­ner Gast­wirt­schaft, die sich im glei­chen Haus be­fin­det! Und auf die Fra­ge sei­ner Schlaf­ge­fähr­ten, wo­her er denn jetzt kä­me, ant­wor­tet er nicht, daß er noch bei Hen­nig war, son­dern sagt, daß er sich bei sei­nem Schwa­ger in Rix­dorf beim Bier­trin­ken ver­spä­tet ha­be.
Über­haupt ha­ben die Aus­sa­gen sei­ner Zim­mer­mit­be­woh­ner Gün­zel in kei­ner Wei­se ent­las­tet, son­dern eher noch neue Ver­dachts­mo­men­te zu den vor­han­de­nen hin­zu­ge­fügt. Da ist zu­nächst das schma­le Pa­ket, das er in der Ofen­röh­re ver­staut, wel­ches den bei­den auf­fällt und das ei­gent­lich viel zu schmal ist, um But­ter­bro­te und schmut­zi­ge Strümp­fe zu ent­hal­ten; die bei­den hat­ten da­mals eher den Ein­druck, er hät­te ei­ne Brief- oder Zi­gar­ren­ta­sche dar­in ein­ge­wi­ckelt. Daß Gün­zel beim Aus­klei­den be­zie­hungs­wei­se kurz nach Be­tre­ten des Rau­mes das Licht ein­fach aus­bläst, er­schien ih­nen zu­min­dest un­ge­wöhn­lich. Schwer­wie­gend aber wer­den die Aus­sa­gen von Kaul und Off in be­zug auf die Vor­gän­ge am Os­ter­sonn­tag­mor­gen. Gün­zel will die Woh­nung kurz vor acht Uhr ver­las­sen ha­ben. Sei­ne Stu­ben­ge­fähr­ten wis­sen aber ganz be­stimmt, daß er be­reits kurz nach 5 Uhr früh auf­ge­stan­den ist und et­wa ein Vier­tel nach 6 Uhr das Zim­mer ver­las­sen hat, nach­dem er das schma­le Pa­ket aus der Ofen­röh­re wie­der an sich ge­nom­men hat. Gün­zel hat auf das ent­schie­dens­te die­se Zeit­an­ga­ben sei­ner Schlaf­ge­fähr­ten be­strit­ten. Es hat sich je­doch im Lau­fe der Un­ter­su­chung ei­ne wei­te­re Zeu­gin für die Rich­tig­keit der An­ga­ben von Kaul und Off ge­fun­den, an die Gün­zel ver­mut­lich nicht mehr ge­dacht hat. Ei­ne Zei­tungs­aus­trä­ge­rin ist et­wa 20 Mi­nu­ten nach 6 Uhr Gün­zel auf der Trep­pe des Hau­ses Dres­de­ner Stra­ße 5 be­geg­net; er hat ihr ei­ne Zei­tung ab­ver­langt und ihr da­für 10 Pfen­ni­ge ge­ge­ben, daß sie ihm das Ex­em­plar zum Durch­blät­tern ließ, wäh­rend sie ei­ne Zei­tung im vier­ten Stock des Hau­ses ab­lie­fer­te. Sie kommt zu­rück, und wäh­rend er ihr die Zei­tung zu­rück­gibt, sagt er: »Es steht heu­te nichts drin von ei­nem Mord, nicht wahr?« Sie ver­las­sen ge­mein­sam das Haus, sie sieht, daß er in Rich­tung auf das Kott­bu­ser Tor, al­so in Rich­tung Rix­dorf geht.
Die Un­ter­su­chungs­be­hör­de ge­wann aus all­dem den si­che­ren Ein­druck, daß Gün­zel sei­ne Woh­nung tat­säch­lich be­reits kurz nach 6 Uhr früh am Os­ter­sonn­tag ver­las­sen hat­te, und nach den be­stimm­tes­ten Aus­sa­gen sei­ner Schwes­ter und sei­nes Schwa­gers ist er auch be­reits um drei Vier­tel sie­ben bei ih­nen in der Rix­dor­fer Woh­nung. Die Fra­ge war nun, wes­halb es Gün­zel so sehr dar­auf an­kam, al­le Vor­gän­ge an die­sem Os­ter­sonn­abend­mor­gen auf ei­ne spä­te­re Stun­de zu ver­schie­ben?
Er hat­te da­für ei­nen sehr gu­ten Grund. Durch die Ver­neh­mung der Ehe­leu­te Os­ten­mann hat­te Land­ge­richts­di­rek­tor Holl­mann er­fah­ren, daß Gün­zel gleich bei sei­nem Ein­tref­fen in Rix­dorf sei­nem Schwa­ger ei­ne Ab­schlags­zah­lung von 25 Mark ge­leis­tet hat­te. Nach Aus­sa­gen bei­der Ehe­leu­te er­folg­te die­se Zah­lung mit ei­nem Zwan­zig­mark- und ei­nem Fünf­mark­schein! Man er­in­nert sich, daß sich ne­ben ei­nem Hun­dert­mark­schein die­se bei­den Schei­ne in der Brief­ta­sche be­fan­den, die im Geld­schrank Max Kreiß‘ auf­be­wahrt war. Woll­te nun Gün­zel die Geld­mit­tel, die er so un­ver­mu­tet be­saß, auf den glück­li­chen Fund des Hun­dert­mark­scheins im Bü­ro der »Vos­si­schen Zei­tung« zu­rück­füh­ren, so muß­te er die­sen Schein un­be­dingt ge­wech­selt ha­ben, be­vor er sei­nem Schwa­ger die Rück­zah­lung von 25 Mark leis­ten konn­te. Daß die Zah­lung in den Früh­stun­den er­folgt war, konn­te er nun frei­lich nicht in Ab­re­de stel­len, aber so früh, wie es tat­säch­lich war, durf­te es nicht sein, denn zu der Zeit hat­te noch kein La­den of­fen.
Er­schwe­rend kam da­zu, daß die Ver­neh­mung des De­stil­la­teurs Föll­mer vom Kott­bu­ser Platz, bei dem Gün­zel den Hun­dert­mark­schein am Os­ter­sonn­tag früh ge­wech­selt ha­ben will, er­gab, daß der Zeu­ge aufs ent­schie­dens­te be­stritt, über­haupt in den Os­ter­ta­gen ei­nen sol­chen Schein ge­wech­selt zu ha­ben, auch die Ge­gen­über­stel­lung mit Gün­zel ver­moch­te sei­ne Aus­sa­ge nicht zu än­dern. Jetzt plötz­lich be­sann sich die­ser und gab an, sich ge­irrt zu ha­ben: nicht bei Föll­mer ha­be er den Geld­schein ge­wech­selt, son­dern in der Klei­der­hand­lung Si­mon in der Ora­ni­en­stra­ße 161. Er ha­be da­selbst in den Mor­gen­stun­den des Os­ter­sonn­tags ei­nen im Schau­fens­ter aus­ge­stell­ten Paletot für 24 Mark ge­kauft und von dem Lehr­ling, der ihn be­dien­te, auf sei­nen Hun­dert­mark­schein 76 Mark zu­rück­er­hal­ten, und zwar 50 Mark in Gold, ei­nen Zwan­zig­mark- und ei­nen Fünf­mark­schein so­wie ei­ne Mark. Dies sei das Geld, wo­von er sei­nem Schwa­ger dann die 25 Mark zu­rück­ge­zahlt ha­be.
Der Un­ter­su­chungs­rich­ter über­prüf­te auch die­se An­ga­ben aufs ge­nau­es­te. Die Be­sit­ze­rin des Ge­schäf­tes, Frau Si­mon, be­haup­te­te bei ih­rer Ver­neh­mung, daß Gün­zel den Kauf zwar tat­säch­lich in ih­rem Ge­schäft ge­tä­tigt hat­te, daß er aber erst kurz vor 12 Uhr mit­tags ge­kom­men sei. Sie selbst ha­be ihn ge­se­hen, und ein Ein­kauf schon in den ers­ten Mor­gen­stun­den sei nicht mög­lich ge­we­sen, da das Ge­schäft zwar um 8 Uhr be­reits ge­öff­net war, sie selbst aber erst ge­gen 10 Uhr dort ein­ge­trof­fen sei. Der Ge­schäfts­füh­rer der Frau Si­mon, Hol­lan­der, be­stä­tig­te die An­ga­ben sei­ner Prin­zi­pa­lin eben­so wie der Lehr­ling, der den Paletot ver­kauft hat­te. Ent­ge­gen Gün­zels An­ga­ben wur­den ihm die 76 Mark al­ler­dings nur in Gold und Sil­ber aus­ge­zahlt, und zwar in Form von drei Zwan­zig­mark­stü­cken, ei­nem Zehn­mark­stück und zwei Drei­mark­stü­cken; nach An­ga­ben al­ler drei Zeu­gen hat­te sich an die­sem Tag über­haupt kein Pa­pier­geld in der Kas­se be­fun­den.
Die­se Tat­sa­chen wa­ren für Gün­zel äu­ßerst be­las­tend. Wenn er, wie un­zwei­fel­haft er­wie­sen schien, den Hun­dert­mark­schein erst in der Mit­tags­stun­de ge­wech­selt hat­te, dann muß­te er au­ßer die­sem Schein noch den Zwan­zig- und Fünf­mark­schein be­ses­sen ha­ben, mit dem er be­reits um 7 Uhr früh sei­nen Schwa­ger Os­ter­mann be­zahl­te. Ge­nau drei sol­che Geld­schei­ne, wie sie of­fen­sicht­lich am Os­ter­sonn­tag früh, al­so am Mor­gen nach dem Mord an Kreiß, in Gün­zels Be­sitz wa­ren, hat­ten sich in dem am Tat­ort aus­ge­raub­ten Geld­schrank be­fun­den. War Gün­zel aber schul­dig, so muß­ten sich noch wei­te­re Hin­wei­se fin­den las­sen! Land­ge­richts­di­rek­tor Holl­mann hat­te da­bei den be­son­de­ren Um­stand im Au­ge, daß sich am Tat­ort zahl­rei­che Blut­spu­ren und Blut­sprit­zer ge­fun­den hat­ten, die ver­mut­lich auch die Klei­dung des Mör­ders be­schmutzt ha­ben könn­ten, und da nach Gün­zels ei­ge­nen An­ga­ben er sei­ne Wä­sche und den An­zug bei sei­ner Schwes­ter in Rix­dorf ge­wech­selt hat­te, ver­an­laß­te der Un­ter­su­chungs­rich­ter ei­ne so­for­ti­ge Haus­su­chung so­wohl in der Woh­nung der Ehe­leu­te Os­ter­mann als auch in Gün­zels Schlaf­stel­le in der Dres­de­ner Stra­ße.
Die Haus­su­chung in Rix­dorf er­wies sich als äu­ßerst auf­schluß­reich. Die von Gün­zel ab­ge­leg­te schmut­zi­ge Wä­sche fand sich noch in­mit­ten ei­nes Kor­bes mit an­de­ren zu wa­schen­den Klei­dungs­stü­cken in der Woh­nung sei­ner Schwes­ter vor; sie ent­hielt, be­son­ders an den Man­schet­ten des Hem­des, zahl­rei­che Blut­spu­ren. Ganz hin­ten im Klei­der­schrank der Frau Os­ter­mann ver­steckt fand man die dem Ver­däch­tig­ten ge­hö­ri­ge Ho­se, die er am Os­ter­sonn­abend ge­tra­gen hat­te. Sie zeig­te noch ver­schie­de­ne Blut­sprit­zer-, der obe­re Teil war of­fen­bar aus­ge­wa­schen, man sah ver­wa­sche­ne Fle­cke, und bei der Be­rüh­rung des Tu­ches fühl­te man noch die Feuch­tig­keit. Auch am Rock des An­ge­klag­ten wa­ren klei­ne­re Blut­sprit­zer, die ihm ver­mut­lich ent­gan­gen sind. Er hat wahr­schein­lich nur den gro­ßen Blut­fleck auf der Ho­se ge­se­hen und zu be­sei­ti­gen ver­sucht. Gün­zels Stie­fel, die er am Abend des Ver­bre­chens ge­tra­gen hat, sind, wie er selbst sagt, von ihm weg­ge­wor­fen und nicht wie­der auf­ge­fun­den wor­den; an die­sen wä­ren ver­mut­lich eben­falls Blut­spu­ren nach­zu­wei­sen ge­we­sen.
Nun schien es der Er­mitt­lungs­be­hör­de an der Zeit, ge­gen Gün­zel An­kla­ge we­gen Mor­des an dem Kauf­mann Max Kreiß in Zu­sam­men­hang mit Raub zu er­he­ben. Bei sei­ner neu­er­li­chen Vor­füh­rung vor den Un­ter­su­chungs­rich­ter leug­ne­te der Be­schul­dig­te je­doch hart­nä­ckig, die Tat be­gan­gen zu ha­ben. Die Blut­spu­ren an sei­ner Man­schet­te er­klär­te er da­mit, daß er da­mals ein klei­nes Ge­schwür ge­habt ha­be, daß er sich mit­un­ter blu­tig kratz­te, weil es ihn durch Ju­cken be­hel­lig­te. Die Blut­spu­ren an sei­nem An­zug rühr­ten von ei­ner Prü­ge­lei her, die je­doch von den an­geb­lich Be­tei­lig­ten nach Be­fra­gen über­ein­stim­mend in Ab­re­de ge­stellt wur­de.
Die Haus­su­chung in Gün­zels Schlaf­stel­le in der Dres­de­ner Stra­ße er­gab wei­te­re be­las­ten­de Mo­men­te, zu­gleich aber auch Ant­wort auf die Fra­ge, wel­ches Werk­zeug Gün­zel bei der Tat be­nutzt ha­ben kön­ne und wie er es ver­bor­gen gehal­ten ha­be.
Bei der Un­ter­su­chung der Klei­dungs­stü­cke in Gün­zels Zim­mer fand man ein zu­sam­men­ge­näh­tes Che­mi­sett, das in­nen aus­ge­pols­tert war. An der ei­nen Sei­te war es of­fen, so daß es ei­ne Art ge­pols­ter­ter Ta­sche bil­de­te. In die­ser Ta­sche wa­ren Rost­fle­cke. Fer­ner wur­de bei der Be­fra­gung sei­ner Wir­tin, Frau Kaul, fest­ge­stellt daß die­se et­wa Mit­te März ihr Hand­beil ver­mißt hat­te. Sie fand es ei­nes Ta­ges ganz un­ten un­ter Gün­zels Wä­sche in des­sen Kom­mo­den­kas­ten. Sie nahm es wie­der an sich; das Beil ver­schwand wie­der­um. Sie und ihr Sohn wur­den nun auf­merk­sam und be­merk­ten, daß das Beil am Mor­gen stets da war, im Lau­fe des Nach­mit­tags aber im­mer ver­schwand. Des­halb frag­ten die Wir­tin und ihr Sohn Gün­zel di­rekt, was er denn mit dem Beil an­fan­gen wol­le? Er gab dar­auf zur Ant­wort, daß er bei sei­nem Prin­zi­pal Re­ga­le da­mit ein­zu­schla­gen ha­be. Ein an­der­mal sag­te er, er ha­be Fäs­ser da­mit ge­öff­net.
Er nahm aber auch noch ein Beil von sei­ner Schwes­ter mit sich fort, und sei­ne Stief­schwes­ter hol­te es bei ihm ab. Die­ser sag­te er zur Er­klä­rung für die Mit­nah­me des Beils, daß er ei­nen Kof­fer ha­be öff­nen müs­sen. Noch von sei­nem Schwa­ger be­fragt, was er denn mit dem Beil ei­gent­lich wol­le, be­haup­te­te er, er wol­le sich da­mit die Ab­sät­ze sei­ner schief­ge­lau­fe­nen Stie­fel ge­ra­de­klop­fen.
Von Land­ge­richts­rat Holl­mann be­fragt, was ihn da­zu ha­be ver­an­las­sen kön­nen, das Beil der Frau Kaul und das sei­ner Schwes­ter wo­chen­lang mit sich her­um­zu­schlep­pen, gab er ei­ne Ant­wort, die man ko­misch nen­nen könn­te, wenn in die­ser grau­si­gen Tra­gö­die von Ko­mik die Re­de sein dürf­te: er sag­te, er ha­be sich mit dem Beil ver­gif­ten wol­len! Er war tat­säch­lich im Be­sitz von Zy­an­ka­li (wir er­in­nern uns an sei­ne Tä­tig­keit bei dem Dro­gen­händ­ler Ebe­ling) und sag­te nun, daß er das Zy­an­ka­li auf dem Beil ha­be ver­rei­ben wol­len. Auf die Vor­hal­tung, daß man doch nicht vier­zehn Ta­ge brau­che, um et­was Zy­an­ka­li zu zer­rei­ben, sag­te er, er sei sehr oft da­bei ge­stört wor­den und sei noch un­be­hol­fen mit sei­ner Hand ge­we­sen. Die An­ga­ben, die er der Fa­mi­lie Kaul so­wie sei­ner Schwes­ter ge­macht ha­be, sei­en er­lo­gen ge­we­sen, weil er doch nicht ha­be sa­gen kön­nen, daß er mit Selbst­mord­ge­dan­ken um­ge­gan­gen sei. Er ha­be sich mit sei­ner Braut über­worfen ge­habt und dar­an ge­dacht, sich zu ver­gif­ten.
Es kann kei­nem Zwei­fel un­ter­lie­gen, daß Gün­zel das Beil in der von ihm ge­fer­tig­ten Che­mi­sett-Ta­sche auf blo­ßem Lei­be ge­tra­gen hat. Er hat die Ta­sche aus­ge­pols­tert, weil ihn sonst das Ei­sen drück­te. Sei­ne Zim­mer­ge­fähr­ten ha­ben ge­se­hen, daß er ei­nes Abends, als er nach Hau­se kam, vor die Kom­mo­de ge­tre­ten ist, sei­nen Kas­ten auf­ge­zo­gen, sei­ne Bein­k­lei­der auf­ge­knöpft und dann et­was her­aus­ge­nom­men hat, das er un­ten in der Kom­mo­de ver­barg. An der­sel­ben Stel­le hat Frau Kaul spä­ter das Beil ge­fun­den.
Die­se neu­en Er­kennt­nis­se und Zeu­gen­aus­sa­gen wur­den dem An­ge­klag­ten vor­ge­hal­ten, und er er­wi­der­te dar­auf, daß er das Che­mi­sett aus­ge­pols­tert ha­be, um sich ei­ne statt­li­che­re Fi­gur zu ge­ben, die Rost­fle­cken kön­ne er sich nicht er­klä­ren, zu­mal er es nie als ei­ne Ta­sche be­nutzt ha­be. Bei dem Ge­gen­stand, den er in sei­nem Kom­mo­den­kas­ten ver­bor­gen ha­be, müs­se es sich um sei­ne Schlitt­schu­he ge­han­delt ha­ben.
Wenn auch Gün­zel nach wie vor be­stritt, mit dem Mord in der Adal­bert­stra­ße das Ge­rings­te zu tun zu ha­ben, so schien es der Un­ter­su­chungs­be­hör­de doch er­wie­sen, daß er sich schon seit län­ge­rer Zeit mit dem Ge­dan­ken ge­tra­gen hat, ein Ver­bre­chen wie das an Kreiß be­gan­ge­ne zu ver­üben, um sei­ne schlech­te fi­nan­zi­el­le La­ge ein für al­le­mal zu ver­bes­sern. Dem Zi­gar­ren­ma­cher Wer­ner ge­gen­über, mit dem er ge­le­gent­lich im Ma­ri­an­nen­park spa­zie­ren­ging, hat er sich in be­zug auf sei­ne ei­ge­ne schwie­ri­ge La­ge ge­äu­ßert, daß man am bes­ten ei­nen rei­chen Ju­den tot­schla­gen müs­se, man dür­fe sich je­doch nicht da­bei krie­gen las­sen. Die­se Äu­ße­rung ge­winnt durch die er­wie­se­nen Ver­dachts­mo­men­te na­tür­lich an Be­deu­tung.
Nun ist je­doch nicht an­zu­neh­men, daß die Bei­le der Frau Kaul oder der Fa­mi­lie Os­ter­mann die Tat­werk­zeu­ge sind. Sie sind zur Stel­le und wä­ren wohl nicht ganz un­be­merkt von Zeu­gen in ge­säu­ber­tem Zu­stand wie­der an ih­re üb­li­chen Auf­be­wah­rungs­or­te zu­rück­zu­brin­gen ge­we­sen. Da­ge­gen er­hielt der Un­ter­su­chungs­rich­ter star­ke An­halts­punk­te für den Schluß auf das Werk­zeug, des­sen sich Gün­zel be­dient ha­ben könn­te, bei der Ver­neh­mung des Gast­wirts Schoß­tag, bei dem der An­ge­klag­te län­ge­re Zeit als Stamm­gast ver­kehr­te und dem er ei­ne ho­he Ze­che schul­dig blieb. Schoß­tag be­merk­te im März ei­nes Ta­ges das Feh­len ei­nes ziem­lich gro­ßen Ham­mers, der im­mer am Schank­tisch ge­le­gen hat­te, und zwar so, daß er sehr leicht von ei­nem Gast hät­te ent­wen­det wer­den kön­nen. Gün­zel er­in­nert sich die­ses Ham­mers, des­sen Vor­han­den­sein al­len Stamm­gäs­ten des Lo­kals be­kannt war, aber er leug­net na­tür­lich, ihn mit­ge­nom­men zu ha­ben. Der Ham­mer ist nicht wie­der auf­ge­taucht, und die schreck­li­chen Wun­den, die dem un­glück­li­chen Kreiß bei­ge­bracht wor­den sind, könn­ten nach der Mei­nung der Sach­ver­stän­di­gen sehr wohl von den Schlä­gen mit ei­nem gro­ßen Ham­mer her­rüh­ren.
So er­schien al­so Her­mann Gün­zel, der in den Diens­ten des Er­mor­de­ten ge­stan­den, der die Ein­rich­tung der Woh­nung kann­te und wuß­te, wo Kreiß sei­nen Geld­schrank­schlüs­sel auf­be­wahr­te, der am Os­ter­sonn­abend noch mit­tel­los, am Os­ter­sonn­tag da­ge­gen im Be­sitz der drei be­wuß­ten Geld­schei­ne war, der sich ei­ligst sei­ner noch am Sonn­abend ge­tra­ge­nen Klei­der, die zahl­rei­che Blut­spu­ren auf­wie­sen, ent­le­dig­te, der kein si­che­res Ali­bi für sei­nen Auf­ent­halt in der Tat­zeit er­brin­gen kann, des be­gan­ge­nen Ver­bre­chens in höchs­tem Gra­de ver­däch­tig; ein Ver­dacht, der ver­stärkt wur­de durch die ho­he Wahr­schein­lich­keit, daß Gün­zel sich seit län­ge­rer Zeit mit Mord­ge­dan­ken ge­tra­gen hat.
Frei­lich hört man viel­fach sa­gen: Es hat ja nie­mand das Ver­bre­chen ge­se­hen, der Tä­ter leug­net es, und wenn auch die Ver­dachts­grün­de sehr star­ke sind, ist ein Irr­tum doch mög­lich. Auch in der Recht­spre­chung, na­ment­lich bei Kri­mi­nal­fäl­len, sind ja bei der Un­voll­kom­men­heit al­ler mensch­li­chen Ein­rich­tun­gen die Irr­tü­mer nicht aus­zu­schlie­ßen, und sie wer­den dann im­mer be­son­ders ver­häng­nis­voll: sie kön­nen zum Jus­tiz­mord füh­ren.
In die­sen Fäl­len, in de­nen es sich um Le­ben und Tod han­delt, ist die al­ler­strengs­te Ge­wis­sen­haf­tig­keit, die pein­lichs­te Prü­fung je­des be­las­ten­den und je­des ent­las­ten­den Mo­ments strengs­te Pflicht. Man kann je­doch die Über­zeu­gung ha­ben, daß in die­sem be­son­de­ren Fall un­se­re Be­hör­den die­ser Pflicht bis aufs äu­ßers­te ge­nügt ha­ben. Je­de Aus­sa­ge des An­ge­klag­ten, auch die un­sin­nigs­te, auf hand­greif­li­cher Lü­ge be­ru­hen­de, ist sorg­sam ge­prüft wor­den. Es sind über sech­zig Zeu­gen ver­nom­men wor­den. Soll man glau­ben, daß die­se un­be­schol­te­nen, meist völ­lig un­be­tei­lig­ten Leu­te, die gar kei­ne Be­rüh­rung mit­ein­an­der ha­ben, sich zu dem ver­bre­che­ri­schen Werk zu­sam­men­fin­den, un­ter dem Zwan­ge des Ei­des ein Lü­gen­ge­we­be spin­nen, um ei­nen Un­glück­li­chen zu ver­nich­ten? Denn in die­ser Be­zie­hung ist die­ser Pro­zeß auch ein ein­zig­ar­ti­ger zu nen­nen: es hat näm­lich nicht ein ein­zi­ger Ent­las­tungs­zeu­ge den An­ge­klag­ten ent­las­tet; im Ge­gen­teil, al­le Zeu­gen, so­wohl die von der Staats­an­walt­schaft wie die von der Ver­tei­di­gung ge­la­de­nen, ha­ben glei­cher­ma­ßen, mit­tel­bar oder un­mit­tel­bar für die Schuld des An­ge­klag­ten zeu­gen müs­sen.
Ja, wirft man ein, aber Zeu­gen ir­ren sich. Sie ma­chen un­ter Um­stän­den un­rich­ti­ge Aus­sa­gen, nicht aus Bos­heit oder Nie­der­tracht, son­dern un­will­kür­lich; sie bil­den sich un­ter Um­stän­den in ih­rem Kopf ei­ne fes­te Vor­stel­lung von Vor­gän­gen, die sie ge­nau be­ob­ach­tet zu ha­ben glau­ben und die trotz­dem sach­lich nicht rich­tig sind. Sie hal­ten die­se Vor­stel­lung für die Wahr­heit und glau­ben die­sel­be mit reins­tem Ge­wis­sen be­schwö­ren zu kön­nen, und sie ir­ren doch! Es kom­men ja die un­glaub­lichs­ten Sa­chen in die­ser Be­zie­hung vor. Die Wir­tin, bei der der Mör­der Sob­be ge­wohnt hat­te, schil­der­te den­sel­ben als ei­nen ziem­lich gro­ßen, schlan­ken Mann, blond – und Sob­be war kaum mit­tel­groß, breit­schul­te­rig, mit ei­nem schwar­zen Bart und schwar­zen Haa­ren. Als die Wir­tin ge­fragt wur­de, wie sie zu ih­rer so fal­schen Schil­de­rung kä­me, sag­te sie treu­her­zig: »Jetzt se­he ich, daß mein Mie­ter an­ders aus­sieht, als ich mir ge­dacht ha­be. Ich ha­be im­mer ge­glaubt, er wä­re blond.« – Ge­wiß ist na­ment­lich in ei­nem Fall wie dem vor­lie­gen­den äu­ßers­te Vor­sicht ge­bo­ten, und der ge­wis­sen­haf­te Rich­ter wird wohl dar­an tun, eher zu­we­nig als zu­viel von dem zu glau­ben, was den An­ge­klag­ten be­las­tet.
Aber dar­auf ist doch zu er­wi­dern, daß da, wo sich aus den ver­schie­dens­ten Krei­sen, die mit­ein­an­der ab­so­lut nichts zu schaf­fen ha­ben, von den ver­schie­dens­ten Zeu­gen, die sich nie im Le­ben ge­se­hen, nie mit­ein­an­der ver­kehrt ha­ben, über grund­ver­schie­de­ne Din­ge An­ga­ben ge­macht wer­den, de­ren Be­deu­tung die­se selbst kaum fas­sen kön­nen, und wo sich nun al­le die­se An­ga­ben streng lo­gisch zu­sam­men­glie­dern und zu ei­nem ein­zi­gen fes­ten, un­er­schüt­ter­li­chen Gan­zen ver­ei­ni­gen, daß da ent­we­der die Ge­samt­zeu­gen­schaft von ei­nem epi­de­misch kon­ta­giö­sen Irr­tum be­fal­len ist oder daß die Glaub­wür­dig­keit der Zeu­gen in al­lem We­sent­li­chen er­här­tet er­scheint.
Und dann sind da in die­sem Fal­le noch die In­di­zi­en. Es ist ei­ne al­te kri­mi­na­lis­ti­sche Er­fah­rung, daß Rechts­irr­tü­mer ge­wöhn­lich her­bei­ge­führt wor­den sind durch Zeu­gen­aus­sa­gen, nicht durch In­di­zi­en. Der le­ben­de Zeu­ge kann sich ir­ren, der sach­li­che Zeu­ge, das In­diz, irrt nicht, lügt nicht. Ab­ge­se­hen von der blut­be­su­del­ten Klei­dung des An­ge­klag­ten ha­ben hier die drei Geld­schei­ne für ihn ei­ne ver­häng­nis­vol­le Rol­le ge­spielt. Es ist ein in wei­ten Krei­sen ver­brei­te­ter Irr­tum, daß es zur Über­füh­rung ei­nes Ver­däch­tig­ten wenn nicht ei­nes Au­gen­zeu­gen, so doch min­des­tens ei­nes un­wi­der­leg­ba­ren Be­weis­stü­ckes, das aus dem Be­sitz des Op­fers in den Be­sitz des Ver­bre­chers ge­lang­te, un­um­gäng­lich be­dür­fe. Das Geld, das in gleich­ar­ti­ger Ge­stalt über­all ver­brei­tet und über­haupt da­zu be­stimmt ist, von Hand zu Hand zu ge­hen und den Be­sit­zer zu wech­seln, muß­te Gün­zel für völ­lig un­ver­fäng­lich hal­ten. Er be­dach­te nicht, daß ihm die grö­ße­re Sel­ten­heit der klei­nen Bank­schei­ne von 20 und 5 Mark ge­fähr­lich wer­den könn­te. Er konn­te auch nicht wis­sen, daß der Bru­der des Er­mor­de­ten sich zu­fäl­li­ger­wei­se ge­nau des Um­stan­des er­in­ner­te, daß sol­che Schei­ne ge­raubt wor­den wa­ren. Er hat­te in kei­ner Wei­se da­mit ge­rech­net, daß man die Fra­ge stel­len könn­te, in wel­chen Münz­sor­ten die Zah­lung an sei­nen Schwa­ger er­folgt sei. Es hat sich hier in der Tat der in der Ge­schich­te der Kri­mi­nal­pro­zes­se un­glaub­lich sel­te­ne, viel­leicht kaum da­ge­we­se­ne Fall er­eig­net, daß Geld in gang­ba­ren Wert­zei­chen zu ei­ner schwer­wie­gen­den Be­las­tung für den Be­schul­dig­ten ge­wor­den ist.
So war denn das von den Kri­mi­nal­be­am­ten und dem Un­ter­su­chungs­rich­ter zu­sam­men­ge­tra­ge­ne Ma­te­ri­al für den Staats­an­walt die Grund­la­ge, mit un­an­fecht­ba­rer Lo­gik in kla­rer und an­schau­li­cher Glie­de­rung Stein auf Stein zu­sam­men­zu­fü­gen zu ei­nem Bild von den Vor­gän­gen und Er­eig­nis­sen, die zur Er­mor­dung des Kauf­manns Max Kreiß führ­ten und die wir hier in ei­ner zu­sam­men­hän­gen­den Dar­stel­lung wie­der­ge­ben wol­len. Ne­ben schon Be­kann­tem wird der Le­ser man­che neue Ein­zel­hei­ten, wie sie sich aus den vie­len Zeu­gen­aus­sa­gen er­ge­ben ha­ben, er­fah­ren.
Wie wir wis­sen, ging es dem Hand­lungs­die­ner Her­mann Gün­zel zu An­fang des Jah­res 1887 herz­lich schlecht. Er war schon im Jah­re vor­her oft län­ge­re Zeit oh­ne Stel­lung und Er­werb ge­we­sen und hat­te sich von die­sem oder je­nem sei­ner Ver­wand­ten und Be­kann­ten Geld bor­gen müs­sen. Da hat­te er das Un­glück, sich den Arm zu bre­chen, was ihn nun oh­ne sein Ver­schul­den für län­ge­re Zeit er­neut er­werbs­los mach­te.
Zu hun­gern brauch­te er je­doch nicht. Er hat­te die Be­kannt­schaft des Wir­tes Schoß­tag ge­macht und sich des­sen Ver­trau­en er­wor­ben, in­dem er ihm er­zählt hat­te, sei­ne El­tern be­ab­sich­tig­ten, um die Os­ter­zeit 1887 nach Ber­lin zu über­sie­deln und ei­ne Gast­wirt­schaft zu kau­fen, und es wür­de sich wohl so ein­rich­ten las­sen, daß sie sich für den An­kauf der Schoß­tag­schen Re­stau­ra­ti­on ent­schlie­ßen wür­den. Gün­zel, der ei­ne nicht ge­wöhn­li­che Re­de­ge­wandt­heit be­sitzt, führ­te ei­ne gan­ze Rei­he von Ein­zel­hei­ten an, die sei­nen Mit­tei­lun­gen den Schein der Wahr­heit ga­ben. Und wenn die El­tern Os­tern kom­men wür­den, er­zähl­te er dem Wirt, so wür­den sie auch viel Geld mit­brin­gen und na­tür­lich sei­ne Schul­den be­zah­len. Dar­auf­hin ließ sich Schoß­tag, den die Aus­sicht auf ein gu­tes Ge­schäft leicht­gläu­big ge­macht hat­te, her­bei, sei­nem Stamm­gast, der frü­her re­gel­mä­ßig ge­zahlt hat­te, die Zah­lun­gen zu stun­den. Als aber das Schuld­kon­to Gün­zels all­mäh­lich zu ei­ner un­ge­wohn­ten Hö­he an­stieg, wur­de der Wirt miß­trau­isch, und Gün­zel war nun dar­auf be­dacht, ihm die Über­zeu­gung bei­zu­brin­gen, daß er, ab­ge­se­hen von der ver­wandt­schaft­li­chen Hil­fe, auch noch in der nächs­ten Zeit mit ei­ner Ein­nah­me zu rech­nen ha­be, die mehr als ge­nü­gend sei, um sei­ne Schul­den zu til­gen. Er er­zähl­te dem Wirt, daß der in ei­ner Ak­ti­en­ge­sell­schaft an­ge­stell­te Fried­rich Mül­ler ihm die Zah­lung von 300 Mark ver­spro­chen ha­be, für ei­nen Dienst, den ihm Gün­zel in ei­nem Pro­zeß mit ei­nem Eid zu leis­ten im­stan­de war. Schoß­tag kann­te Mül­ler und brach­te wohl auch ein­mal das Ge­spräch auf die­se an­geb­li­che For­de­rung von 300 Mark, und Mül­ler mach­te ei­ne Be­mer­kung, die den Wirt in­so­fern be­ru­hig­te, als er dar­aus ent­nahm, daß an der Sa­che wirk­lich et­was Wah­res sei. Mül­ler glaub­te wohl selbst da­mals noch dar­an, daß er Gün­zel die 300 Mark wer­de zah­len kön­nen, und gab ihm, viel­leicht als Vor­schuß auf die­se Sum­me, viel­leicht aus an­de­ren Grün­den, ab und zu ei­ni­ge Mark.
Gün­zel hat­te bei Frau Kaul in der Dres­de­ner Stra­ße 5 ei­ne Schlaf­stel­le. Er teil­te die Stu­be mit dem Sohn der Wir­tin und dem Tisch­ler Off. Dort muß­te er die wö­chent­li­che Mie­te re­gel­mä­ßig ent­rich­ten, denn Frau Kaul war selbst in dürf­ti­gen Ver­hält­nis­sen und konn­te nicht war­ten. War er nun völ­lig mit­tel­los und muß­te das Geld ge­zahlt wer­den, so schlug er den Weg nach Rix­dorf ein. Dort wohn­te in der Her­mann­stra­ße sei­ne Schwes­ter, die mit dem Tisch­ler Os­ter­mann ver­hei­ra­tet war. Die Rix­dor­fer hat­ten frei­lich auch nicht viel, sie hat­ten so­gar kaum das Al­ler­nö­tigs­te, aber es wa­ren gut­mü­ti­ge Leu­te, und sie lie­ßen sich im­mer wie­der her­bei, dem Bru­der be­zie­hungs­wei­se Schwa­ger, des­sen Not­la­ge ih­nen be­kannt war und der auch hier sei­ne vol­le Be­red­sam­keit an­wand­te, um Geld zu be­kom­men und die pünkt­li­che Zu­rück­zah­lung in si­che­re Aus­sicht zu stel­len, ein paar Mark zu ge­ben. Auch da wuchs mit der Zeit die Schuld so hoch her­an, daß Gün­zel ein­sah, viel wer­de da nicht mehr zu ho­len sein.
So ver­düs­ter­te sich sei­ne La­ge im­mer mehr. Er schlen­der­te rat­los am Was­ser ent­lang, am Ma­ri­an­nen­ufer, durch­streif­te den Park bei Be­tha­ni­en, im­mer und ein­zig mit dem ei­nen Ge­dan­ken be­schäf­tigt: Wie kommt man zu Geld?
»Man müß­te ei­nen rei­chen Ju­den tot­schla­gen«, sag­te er in ei­ner sol­chen Stim­mung ge­le­gent­lich dem Zi­gar­ren­ma­cher Wer­ner. Und das war in die­sem Fal­le mehr als die üb­li­che und ge­schmack­lo­se Re­dens­art, de­ren sich der ei­ne oder an­de­re schon vor Gün­zel be­dient hat, oh­ne des­halb zum Mör­der zu wer­den. Denn als ihn der Zi­gar­ren­ma­cher dar­auf auf­merk­sam mach­te, daß ihm das nicht viel nüt­zen wür­de, füg­te er hin­zu: »Ja, aber man darf sich nicht da­bei krie­gen las­sen.« Im Mun­de ei­nes Man­nes, der sich wirk­lich schon mit düs­te­ren Ge­dan­ken trug, hat­te die­se Re­dens­art ei­ne erns­te­re Be­deu­tung. Und er trug sich mit düs­te­ren Ge­dan­ken.
Er hat­te sich zu je­ner Zeit be­reits das Zy­an­ka­li aus dem Dro­gen­han­del, in dem er be­schäf­tigt ge­we­sen war, an­ge­eig­net, und er woll­te da­von Ge­brauch ma­chen. Im schlimms­ten Fal­le woll­te er sich selbst das Le­ben neh­men. Sich – oder viel­leicht auch ei­nem an­de­ren. Die­ser furcht­ba­re Ge­dan­ke reif­te all­mäh­lich. Er war aus­ge­reift an dem Ta­ge, da Gün­zel das Beil in der Kü­che sei­ner Wir­tin zum ers­ten Ma­le heim­lich fort­nahm und zu sich steck­te.
War aber die­ser Ge­dan­ke ein­mal ge­faßt, so dräng­te sich da­mit zu­gleich die Fra­ge auf, wer das Op­fer sein soll­te? Und da stieg ihm die Er­in­ne­rung an den Kauf­mann Max Kreiß auf, mit dem er sich über­wor­fen hat­te, der ihn nach vier­zehn Ta­gen an die Luft ge­setzt hat­te, der ihm die Zah­lung sei­nes Ge­halts ver­wei­ger­te und ge­gen den er ei­nen Pro­zeß hat­te an­stren­gen müs­sen. Der Mann hat­te Geld, und Gün­zel wuß­te, wie man zu die­sem Geld ge­lan­gen konn­te. Der Geld­schrank, in dem stets Sum­men auf­be­wahrt wur­den, die für Gün­zels Ver­hält­nis­se er­heb­lich wa­ren, hat­te kei­ne be­son­de­ren Si­cher­heits­vor­rich­tun­gen, son­dern konn­te mit ei­nem ein­fa­chen Dre­hen des Schlüs­sels ge­öff­net wer­den. Und Gün­zel wuß­te, daß Kreiß die­sen Schlüs­sel im­mer bei sich trug, und zwar in sei­ner lin­ken Ho­sen­ta­sche.
Es war Mit­te Fe­bru­ar, als Gün­zel mit sei­nem Plan, Kreiß zu be­rau­ben, fer­tig war. Da­bei war er sich völ­lig im kla­ren dar­über, daß Kreiß wohl kaum frei­wil­lig ihm den Geld­schrank­schlüs­sel ein­hän­di­gen wür­de, von dem le­ben­den Kreiß, der ihn auch wie­der­er­ken­nen wür­de, al­so kein Geld zu er­war­ten war. Gün­zels ge­bro­che­ner Arm war in­zwi­schen voll­kom­men ge­heilt, und zum Schla­ge mit dem Beil be­durf­te es auch nur ei­nes Ar­mes. Er trug das Beil jetzt be­stän­dig bei sich. Das Ei­sen drück­te ihn. Aus dem al­ten Che­mi­sett fer­tig­te er sich ei­ne aus­ge­pols­ter­te Ta­sche, die groß ge­nug war, um das Ei­sen des Beils in sich auf­zu­neh­men, und ganz da­zu an­ge­tan, den Druck zu ver­min­dern.
Aber Frau Kaul ver­mißt ihr Beil. Sie fin­det es wie­der bei Gün­zel, und zwar ver­steckt un­ter der Wä­sche in der Kom­mo­de. Sie fragt ihn, was er denn mit dem Beil wol­le? Er gibt die Ant­wort, er wol­le Re­ga­le da­mit ein­schla­gen. Die Wir­tin nimmt ihr Ei­gen­tum wie­der in Be­schlag. Das Beil ver­schwin­det wie­der­um. Sie fragt er­neut da­nach. Nun wird ihm die Sa­che doch be­denk­lich, er muß ein an­de­res Beil ha­ben. Er geht nach Rix­dorf zu sei­ner Schwes­ter und holt sich de­ren Beil.
»Wo­zu brauchst du denn das Beil?«
»Ich ha­be ei­nen Kof­fer zu öff­nen.«
Auch die­ses Beil be­hält er meh­re­re Ta­ge, bis sei­ne Stief­schwes­ter es aus sei­ner Woh­nung ab­holt.
In­zwi­schen um­kreist er die Stät­te, die er sich zum Voll­brin­gen sei­ner grau­si­gen Tat aus­er­se­hen hat. Er geht so oft vor dem Hau­se auf und ab, bald auf der Sei­te des Wohn­hau­ses, bald auf der ge­gen­über­lie­gen­den, daß es schließ­lich der Frau ei­nes Gast­wirts, die in der Nä­he wohnt, auf­fällt. Denn Gün­zel ist ei­ne auf­fäl­li­ge Er­schei­nung. Das bart­lo­se, scharf­ge­schnit­te­ne Ge­sicht mit dem vol­len Haar prägt sich der Er­in­ne­rung gut ein.
Zur sel­ben Zeit, al­so Mit­te Fe­bru­ar, trifft Frau Stock­mar, die ei­ne hal­be Trep­pe hö­her als Kreiß in dem ein­gangs be­schrie­be­nen Quer­ge­bäu­de in der Adal­bert­stra­ße 60/61 wohnt, auf der nach dem Bo­den hin­auf­füh­ren­den Trep­pe ei­nen Un­be­kann­ten.
»Was wol­len Sie denn hier?« fragt sie.
»Ich woll­te da oben et­was nach­se­hen«, ant­wor­tet der Mann und ent­fernt sich schleu­nig. Frau Stock­mar hat ihn im vol­len Licht der Gas­flam­me deut­lich ge­se­hen und Gün­zel mit al­ler Be­stimmt­heit bei der Ver­neh­mung wie­der­er­kannt.
Er wird noch mehr­mals, auch von an­de­ren Per­so­nen, in dem Haus ge­trof­fen. Da­mals hat­te er un­zwei­fel­haft ein Beil bei sich, ent­we­der das der Frau Kaul oder das sei­ner Schwes­ter.
Aber da so­wohl sei­ne Wir­tin wie Frau Os­ter­mann wuß­ten, daß er ihr Beil an sich ge­nom­men hat­te, war es ihm doch zu be­denk­lich, die­ses Werk­zeug noch fer­ner mit sich her­um­zu­tra­gen. Da lag nun bei Schoß­tag am Schank­tisch, an dem er täg­lich vor­über­ging, ein schwe­rer ei­ser­ner Ham­mer, der zu der Tat, über die er brü­te­te, ge­ra­de­so ge­eig­net war wie das Beil. Und dies­mal fing er es schlau­er an: er stahl den Ham­mer und ver­barg ihn gut.
Sei­ne La­ge war in­zwi­schen im­mer ver­zwei­fel­ter ge­wor­den. Zwar war er als Stadt­rei­sen­der auf ganz kur­ze Zeit be­schäf­tigt ge­we­sen, aber er ver­dien­te da­bei so gut wie nichts und gab die Stel­le auf. Nun dräng­ten aber die Gläu­bi­ger – und dräng­ten bit­ter.
»Zu Os­tern zah­le ich«, ver­trös­te­te er je­den. Im­mer zu Os­tern!
Aber dem Wirt Schoß­tag wuchs die Ge­schich­te doch nun all­mäh­lich über den Kopf. Gün­zels Rech­nung be­lief sich bei ihm auf 119 Mark und 50 Pfen­ni­ge. Er ver­lang­te bes­se­re Bürg­schaf­ten als die ewi­ge Ver­trös­tung auf Os­tern, auf den An­kauf sei­ner Wirt­schaft durch Gün­zels El­tern, als die durch nichts be­wie­se­nen An­sprü­che Gün­zels an Fried­rich Mül­ler auf Zah­lung von 300 Mark.
»Die Sa­che stimmt am En­de nicht«, sag­te Schoß­tag, »wer weiß, ob Sie das Geld von Mül­ler krie­gen?«
»Ich ha­be ja ei­nen Schuld­schein!«
»Ei­nen rich­ti­gen Schuld­schein? Den möch­te ich se­hen.«
»Ich wer­de ihn mor­gen mit­brin­gen.«
Gün­zel fälsch­te nun ei­nen Schuld­schein über 300 Mark und setz­te Mül­lers Na­men dar­un­ter. Wie die schlau­es­ten Leu­te manch­mal die größ­ten Dumm­hei­ten be­ge­hen, so war es auch bei Gün­zel der Fall. Er hat­te die Fäl­schung ziem­lich plump aus­ge­führt und nicht be­dacht, daß Schoß­tag auf ei­ner Über­las­sung des Schuld­scheins be­ste­hen wür­de, weil er sich bei Mül­ler er­kun­di­gen woll­te, wie es um die gan­ze Sa­che ste­he. Da nun aber Gün­zel in dem be­sag­ten Pro­zeß nichts von Be­lang hat­te aus­sa­gen kön­nen und da der Pro­zeß für die Par­tei, an der Mül­ler In­ter­es­se hat­te, ver­lo­ren­ging, so dach­te Mül­ler gar nicht dar­an, Gün­zel 300 Mark zu zah­len, und ent­deck­te über­dies bei dem Ge­spräch mit Schoß­tag den ge­fälsch­ten Schuld­schein. Dar­auf be­ga­ben sich die bei­den Män­ner in Gün­zels Woh­nung. Sie fan­den den, den sie such­ten, über­schüt­te­ten ihn mit Schmä­hun­gen und ga­ben ih­rer Ent­rüs­tung auch hand­greif­li­chen Aus­druck. Es kam zu ei­ner Prü­ge­lei, und es hat Ohr­fei­gen ge­setzt. Schoß­tag ver­bot Gün­zel sein Lo­kal, und da­mit war die­sem nun in sei­ner ver­zwei­fel­ten La­ge die letz­te fes­te Stüt­ze ent­zo­gen. Er wuß­te nun tat­säch­lich nicht mehr, wo­von er le­ben soll­te; er war am Ver­hun­gern.
In sei­ner Wut und Ver­zweif­lung schrieb er ei­nen Brief an Schoß­tag und droh­te ihm mit ei­ner Scha­dens­kla­ge, weil er von ihm in ent­setz­li­cher Wei­se miß­han­delt wor­den sei: er ha­be ei­ne Ge­hirn­er­schüt­te­rung da­von­ge­tra­gen, und das Trom­mel­fell sei ihm ge­sprun­gen. In ei­nem Brief an Mül­ler droh­te er die­sem, an ge­eig­ne­ter Stel­le An­zei­ge da­von zu ma­chen, daß ihm für ei­ne Zeu­gen­aus­sa­ge ei­ne Be­loh­nung in Aus­sicht ge­stellt wor­den sei, falls Mül­ler ihm nicht die 300 Mark zah­len wür­de. Aber bei­de, Schoß­tag und Mül­ler, lie­ßen sich nicht ein­schüch­tern, und Gün­zel muß­te sich sa­gen, daß nun auch an­de­rer­seits die bei­den Brie­fe, die er un­vor­sich­ti­ger­wei­se ab­ge­sandt hat­te, als Be­weis für ei­nen dop­pel­ten Er­pres­sungs­ver­such ge­gen ihn ver­wen­det wer­den konn­ten.
Al­so hat­te er nach wie vor kein Geld, und die Not stieg und stieg. Von sei­nem Schwa­ger konn­te er kaum noch et­was be­kom­men; sei­ne gut­mü­ti­ge Schwes­ter gab ihm ih­ren Trau­ring zum Ver­set­zen, mehr hat­te auch sie nicht mehr üb­rig. Es ließ sich noch der ei­ne oder an­de­re zu ei­nem ge­le­gent­li­chen klei­nen Dar­le­hen her­bei, so der Schuh­ma­cher Rie­sack und der Tisch­ler Off. Aber sei­ne Wir­tin konn­te er in der Wo­che vor Os­tern nicht mehr be­zah­len, und sie dräng­te ihn ernst­lich. Und die an­de­ren dräng­ten auch. Das Os­ter­fest stand vor der Tür und kei­ne Hil­fe in Aus­sicht! Und so setz­te sich in dem Ge­hirn des Ver­zwei­fel­ten nun der Ent­schluß fest: Die Tat muß ge­sche­hen, und sie muß bald ge­sche­hen!
Es war der 9. April, Os­ter­sonn­abend. Rat­los lief der Un­glück­li­che durch Ber­lin. Viel­leicht war er auch noch in Rix­dorf, viel­leicht ließ er sich an je­nem Tag noch ein But­ter­brot mit­ge­ben, da er nicht wuß­te, wie er sei­nen Hun­ger am Abend stil­len wür­de. Viel­leicht ging er auch noch ein­mal wie schon so oft nach der »Vos­si­schen Zei­tung«, um nach­zu­se­hen, ob er ei­ne Stel­le fin­den wür­de. Aber nichts! Noch­mals klopf­te er bei dem Schuh­ma­cher Rie­sack an, der ihm schon ei­ne Klei­nig­keit ge­lie­hen hat­te, der ein gut­mü­ti­ger Mann war. Rie­sack war nicht zu Hau­se. Das war um die sechs­te Abend­stun­de und in der Nau­nyn­stra­ße, ei­ner Quer­stra­ße der Adal­bert­stra­ße. Es muß­te bald dun­kel wer­den. Der Ma­ri­an­nen­park, in dem er so oft auf und ab ge­schlen­dert war, be­fand sich in nächs­ter Nä­he. Da moch­te er das Her­ein­bre­chen der Dun­kel­heit ab­ge­war­tet ha­ben.
Und nun, um die ach­te Stun­de et­wa, da die Stra­ße noch sehr be­lebt war, nahm er den ihm wohl­be­kann­ten Weg und trat in das ihm wohl­be­kann­te Haus ein. Er war mit den Ge­wohn­hei­ten des Hau­ses ge­nü­gend ver­traut, um zu wis­sen, wie er sich bei dem Por­tier auf ge­schick­te Wei­se vor­über­drü­cken konn­te.
Dann stieg er vor­sich­tig die ihm wohl­be­kann­te Trep­pe hin­an, die zur Kreiß­schen Woh­nung führt. Er schlich bei der be­kann­ten Holz­tür vor­über, ei­ne Trep­pe hö­her nach dem Bo­den zu. Da drück­te er sich in ei­nen Win­kel, just wie an je­nem Abend, an dem ihn Frau Stock­mar über­rascht hat­te. Den Ham­mer von Schoß­tag hat­te er bei sich – und an­de­re Sa­chen auch. Und nun war­te­te er und horch­te.
Wahr­schein­lich mag er ur­sprüng­lich den Plan ge­faßt ha­ben, ab­zu­war­ten, bis Kreiß ein­ge­schla­fen sei. Um dann aus dem Flur­fens­ter auf das Well­dach zu stei­gen, die Schei­be des Wohn­stu­ben­fens­ters ein­zu­drü­cken und auf dem­sel­ben We­ge, auf dem am Mor­gen nach dem Mor­de der Haus­die­ner Harz­mann in das Zim­mer des Un­glück­li­chen stieg, ge­walt­sam ein­zu­drin­gen. Er brauch­te aber die­se Ge­walt nicht an­zu­wen­den.
Er hör­te um die neun­te Stun­de, wie der Bru­der und die Schwä­ge­rin von Max Kreiß sich ent­fern­ten. Nach ei­ner Wei­le hör­te er auch Stock­mar in Be­glei­tung von des­sen Schwes­ter, die bei den Ehe­leu­ten zu Be­such weil­te, nach Hau­se kom­men.
Nun darf er sich ziem­lich si­cher füh­len, nun ist kaum noch ei­ne Stö­rung zu er­war­ten. Nur noch Ge­duld, bis Kreiß schläft! Noch brennt sei­ne Lam­pe im Wohn­zim­mer.
Der erst vor kur­zem von der Krank­heit ge­ne­se­ne Max Kreiß, der den Tag über mit der In­ven­tur ei­ne sehr an­stren­gen­de Be­schäf­ti­gung ge­habt hat, sitzt auf sei­nem So­fa, ver­zehrt sein ein­fa­ches Abend­brot und trinkt da­zu ein Glas Bier. Um sich auf­zu­hei­tern, liest er die »Flie­gen­den Blät­ter«. Das Hünd­chen sei­nes Bru­ders, das in letz­ter Zeit oft bei ihm ge­blie­ben war, macht sich be­merk­bar, und Kreiß denkt nun dar­an, daß er das klei­ne Tier, das sich we­delnd an ihn drückt, noch vorm Schla­fen­ge­hen auf den Hof füh­ren müs­se.
So hört Gün­zel, der noch im­mer oben auf der Lau­er steht und sich jetzt viel­leicht schon dem Tat­ort ganz sacht ge­nä­hert hat, die Klin­gel der in­ne­ren Glas­tür an­schla­gen. Die höl­zer­ne Au­ßen­tür wird ge­öff­net. Er hält den Atem an und lauscht. Kreiß führt den Hund nach dem Hof hin­un­ter, und da er gleich wie­der­kom­men wird, da die zehn­te Stun­de be­reits ge­schla­gen hat und kein Mensch mehr in das Haus kommt, läßt er die Tür ru­hig of­fen. So­bald Kreiß die Trep­pe hin­ab­ge­stie­gen ist, kriecht Gün­zel, der nicht ah­nen konn­te, daß es ihm so leicht ge­macht wer­den wür­de, aus sei­nem Ver­steck her­vor, huscht durch die of­fe­ne Dop­pel­tür des Vor­flurs, durch die of­fe­ne Tür des Kon­tors, das halb be­leuch­tet wird von der Lam­pe, die im Ne­ben­zim­mer rechts auf dem Tisch vor dem So­fa steht, eilt an dem Ofen vor­bei und ver­birgt sich im dunk­len Mus­ter­raum hin­ter der Tür und war­tet.
Kreiß kommt ah­nungs­los mit dem Hünd­chen zu­rück. Er schließt die Tür, die Glo­cke er­tönt wie­der. Kreiß setzt sich nie­der und lä­chelt über die Spä­ße der »Flie­gen­den Blät­ter«.
Da hört er plötz­lich ein Ge­räusch, auch der Hund spitzt die Oh­ren. Ab­sicht­lich oder un­ab­sicht­lich hat der Ver­bor­ge­ne sich ge­rührt. Gün­zel darf nicht län­ger zö­gern. Die Tat muß schnell voll­bracht sein. Er muß zu ei­ner Stun­de, die nicht auf­fäl­lig ist, wie­der zu Hau­se sein.
Kreiß horcht auf, er­hebt sich, nimmt die Lam­pe und tritt in das Kon­tor. Er sieht sich um. Er durch­schrei­tet den klei­nen Raum bis zur ge­gen­über­lie­gen­den Tür, die zum Mus­ter­raum führt.
In dem­sel­ben Au­gen­blick springt ein Mensch aus dem Dun­kel her­vor und ver­setzt dem Un­glück­li­chen mit dem Ham­mer ei­nen furcht­ba­ren Schlag auf den Kopf, der die Schä­del­de­cke zer­trüm­mert und ihn be­sin­nungs­los zu Bo­den streckt. Die Lam­pe fällt aus sei­nen Hän­den, das Be­cken der Lam­pe zer­bricht, und das Pe­tro­le­um er­gießt sich auf die Die­len.
Nun ist es dun­kel. Fällt trotz­dem aus dem Kor­ri­dor ein ge­nü­gend star­ker Licht­schein? Oder hat der Tä­ter, der das Ver­bre­chen mit der kühls­ten Über­le­gung vor­be­rei­tet, der ei­nen Ham­mer, ei­nen Strick, wahr­schein­lich auch das Gift und ir­re­lei­ten­de Do­ku­men­te zu sich ge­steckt hat, auch Für­sor­ge da­für ge­trof­fen, daß er Licht ma­chen kön­ne? Wer kann es sa­gen?
Aber Gün­zel hat ge­se­hen, gut ge­se­hen, und trotz der zer­trüm­mer­ten Lam­pe ist es im Zim­mer hell, viel zu hell! Die Nach­barn wa­chen noch, sie kön­nen ins Zim­mer bli­cken. Das Zeug des Vor­hangs ist zu dünn, man kann viel­leicht doch durch­se­hen, und die un­ge­wohn­ten Be­we­gun­gen, die jetzt vor­ge­nom­men wer­den, könn­ten auf­fal­len.
Her­un­ter das Wet­ter­rol­lo! Aber der da am Bo­den stöhnt noch und rö­chelt, und er soll ein stil­ler Mann wer­den. Und noch ein paar fürch­ter­li­che Schlä­ge auf den Schä­del und, da das Rö­cheln noch im­mer an­dau­ert, die Schnur um den Hals ge­schlun­gen und fest­ge­zo­gen.
So, jetzt ist al­les still, to­ten­still. Auch der Hund hat sich ver­kro­chen und läßt nicht ein­mal ein Win­seln hö­ren. Aber die Hand des Mör­ders ist blu­tig, und blu­tig ist auch die Man­schet­te, und hier und da ist wohl auch ein Trop­fen Blut an­ge­spritzt. Da liegt ein Stück Zei­tungs­pa­pier, da wird die blu­ti­ge Hand ab­ge­wischt.
Und nun das Rol­lo ge­schlos­sen! Es will nicht her­un­ter, es leis­tet Wi­der­stand. Ein ge­walt­sa­mer Ruck, ein krampf­haf­tes Zer­ren, und es senkt sich tief ge­nug und zer­reißt.
Nun kann nie­mand mehr in das Zim­mer se­hen, und nun faßt die blu­ti­ge Hand des Mör­ders in die lin­ke Ho­sen­ta­sche des Er­mor­de­ten. Und sie fin­det den Schlüs­sel.
Der Schrank wird ge­öff­net. Da liegt die Brief­ta­sche. Er steckt sie zu sich. Und da Gold, viel Gold, blin­ken­de Gold­stü­cke in der Schwin­ge! Und Sil­ber! Er füllt da­mit sei­ne Ta­schen. Nun hat er al­les ge­nom­men. Er schließt die Tür des Geld­schranks, die nur an­ge­drückt zu wer­den braucht, um ins Schloß zu fal­len. Und das Ent­setz­li­che ist voll­bracht. Da wer­den noch ein paar Zet­tel hin­ge­legt, ein Steu­er­zet­tel, ein an­de­rer Zet­tel mit ei­nem Na­men. Wenn man die bei der Lei­che fin­det, so wird man nach den Be­sit­zern der Zet­tel fahn­den, und nie­mand weiß, daß der Mör­der sie be­ses­sen hat. Und die Uhr mit der Ket­te wird auch noch dem Op­fer ab­ge­nom­men.
Aber wie nun ent­kom­men? Das klei­ne Hünd­chen ist zwar nicht zu fürch­ten, das bleibt in sei­nem Ver­steck. Aber die Glo­cke an der Glas­tür schlägt beim Öff­nen an. Der Bü­gel ist in­des­sen leicht zu­rück­zu­bie­gen. Der Mör­der holt aus dem Mus­ter­raum die Steh­lei­ter. Ehe er je­doch zu die­ser mü­he­vol­le­ren Ar­beit zu schrei­ten braucht, fällt sein Blick auf ei­nen Stock des Er­mor­de­ten. Viel­leicht läßt sich mit dem schon die Glo­cke an­hal­ten. Der Ver­such wird ge­macht und ge­lingt. Ge­räusch­los wird die Glas­tür ge­schlos­sen, vor­sich­tig die höl­zer­ne Au­ßen­tür an­ge­drückt, daß das Schloß ein­schnappt. Und nun ist al­les gut. Der Geld­schrank ist ge­schlos­sen, die Woh­nung ist ge­schlos­sen, der Mör­der be­fin­det sich auf dem Vor­flur und hat sei­nen Raub in der Ta­sche.
Be­hut­sam schleicht er die Trep­pe hin­ab, tas­tet sich auf den Hof.
Oh­ne vom Por­tier be­merkt zu wer­den, über­steigt er den nied­ri­gen Tor­weg mit Leich­tig­keit. Und nun geht er ru­hig sei­nes We­ges wie je­der an­de­re Harm­lo­se, als ob nichts ge­sche­hen sei. Kein Mensch ach­tet auf ihn.
Aber das ge­raub­te Gut muß ge­bor­gen wer­den, es müs­sen auch ver­schie­de­ne an­de­re Din­ge be­sei­tigt wer­den. Das Gold blinkt und klingt, er darf es nicht bei sich be­hal­ten. Und das Gold ist wi­der­stands­fä­hig, jahr­hun­der­te­lang kann es ver­scharrt blei­ben, es ver­liert nichts an sei­nem Wert.
Im Ma­ri­an­nen­park und sonst­wo gibt es stil­le Plät­ze, und in der elf­ten Stun­de ist es da men­schen­leer. Mit ei­nem Ham­mer läßt sich gut schau­feln. Es braucht ja kein tie­fes Loch zu sein. Er al­lein weiß, wo der ge­raub­te Schatz liegt, und er hat sich schon ein Plätz­chen aus­ge­sucht, wo es so leicht nie­mand ver­mu­tet und wo er al­lein es je­der­zeit fin­den kann. Er will al­so nur das Al­ler­not­wen­digs­te bei sich be­hal­ten, nur das Pa­pier­geld, die 125 Mark, und dann viel­leicht noch ein Gold­stück und et­was Sil­ber. Mehr ge­wiß nicht. Eben nur das, was ab­so­lut nö­tig ist, um die drü­ckends­ten Schul­den zu zah­len, die nö­tigs­ten An­schaf­fun­gen zu be­strei­ten und um lus­ti­ge Os­tern mit der Braut zu ver­brin­gen, nicht mehr. Was er spä­ter braucht, kann er ja je­der­zeit ho­len. Schon mit den 125 Mark, die er in Pa­pier be­sitzt, kommt man weit. So­viel hat er seit Jah­ren nicht zu­sam­men be­ses­sen.
Und nun ist auch das Ge­schäft be­sorgt. Gold und Uhr sind ge­bor­gen. Und nun weg mit dem Ham­mer, der in den Ka­nal fliegt, und weg mit dem Schlüs­sel. Auch die ei­ne be­son­ders blu­ti­ge Man­schet­te wirft er weg, das Vor­hemd und die Kra­wat­te – al­les in den Ka­nal.
Die Spu­ren der furcht­ba­ren Tat sind be­sei­tigt, und nach den ent­setz­li­chen An­stren­gun­gen fühlt sich der Mör­der er­schöpft und be­darf der Samm­lung. Er muß sich be­herr­schen. Aber er be­sitzt die Ga­be der Selbst­be­herr­schung in ho­hem Ma­ße. Er muß sehr bald nach Hau­se kom­men, es ist schon Mit­ter­nacht. Sei­ne Schlaf­ge­nos­sen dür­fen ihm nicht das ge­rings­te an­mer­ken.
So be­ginnt der Os­ter­sonn­tag, der Tag der Auf­er­ste­hung, als der Mör­der sein Hand­werk be­en­det hat Er eilt sei­ner Woh­nung zu.
Als er in das Haus ge­tre­ten ist, be­merkt er, daß er noch im­mer den Stock des Er­mor­de­ten, mit dem er die Tür­glo­cke zum Schwei­gen brach­te, in der Hand trägt. Er hat in der Auf­re­gung ver­ges­sen, sich die­ses Sto­ckes zu ent­äu­ßern, und die­ser Ge­gen­stand könn­te zum Ver­rä­ter wer­den; viel­leicht zeigt er auch Blut­spu­ren. Er stellt den Stock vor der Kaulschen Woh­nung in ei­ne dunk­le Ecke. Er will am an­dern Mor­gen in al­ler Frü­he vor al­len an­dern auf­ste­hen, das Haus ver­las­sen und dann den Stock mit­neh­men.
Um halb ein Uhr nachts be­tritt Gün­zel sein Zim­mer. Zu sei­ner gro­ßen, un­an­ge­neh­men Über­ra­schung fin­det er sei­ne bei­den Stu­ben­ge­fähr­ten noch wach.
»Wo­her kommst du denn so spät?« fragt ei­ner.
»Ich bin bei mei­nem Schwa­ger ge­we­sen. Er hat lan­ge auf sich war­ten las­sen. Wir ha­ben noch ein Glas Bier ge­trun­ken«, ant­wor­tet Gün­zel. »Ich bin Ih­rer Mut­ter auch noch Geld schul­dig«, fügt er hin­zu und be­zahlt Kaul die schul­di­gen 5 Mark und 90 Pfen­ni­ge. »Und dir auch noch, Off.« Und er zahlt ihm die 2 Mark.
Die bei­den se­hen zu ih­rem Er­stau­nen, daß Gün­zel ein ziem­lich vol­les Porte­mon­naie hat. Dem Off fällt das auf. »Du bist wohl bei ei­nem Gol­don­kel ge­we­sen?« sagt er.
Gün­zel ant­wor­tet nicht dar­auf. Mit ei­ner ge­wis­sen auf­fäl­li­gen Vor­sicht legt er ein schma­les Pa­ket, das wohl ei­ne Briefta­sche ent­hal­ten könn­te und sie wohl tat­säch­lich ent­hält, in die Ofen­röh­re hin­ter den Zi­gar­ren­kas­ten.
Die an­de­ren wer­den nun neu­gie­rig, und Gün­zel be­merkt, daß er der Ge­gen­stand be­son­de­rer Auf­merk­sam­keit ist. Es ist ihm nicht recht, daß er so viel an­ge­se­hen wird. Viel­leicht ist doch noch ein Trop­fen Blut zu se­hen. Er bürs­tet sei­ne Klei­der, und rich­tig, an der Ho­se ist ein gro­ßer Fleck!
Da tritt er, oh­ne ein Wort zu sa­gen, an das Bett des Kaul und bläst die­sem die Lam­pe vor der Na­se aus.
»Sind Sie ver­rückt?« sagt die­ser. »Ich le­se ja noch!«
Gün­zel macht sich klar, daß er ei­ne Dumm­heit be­gan­gen hat. Jetzt darf er nichts Auf­fäl­li­ges tun.
»Ich ha­be nicht ge­wußt, daß Sie noch le­sen, ich wer­de die Lam­pe wie­der an­ste­cken!« Er tut es. »Ich muß mor­gen früh wie­der hin­aus nach Rix­dorf«, fügt er hin­zu, »wol­len Sie mich um sechs Uhr we­cken?«
Aber er braucht nicht ge­weckt zu wer­den. In der Nacht wälzt er sich un­ru­hig auf sei­nem La­ger hin und her, der Schlaf flieht ihn, und es sind kei­ne fünf Stun­den ver­gan­gen, so ist er schon wie­der auf den Bei­nen und macht sich zum Aus­ge­hen zu­recht. Zwi­schen fünf und halb sechs Uhr steht er auf. Er zieht sich lei­se an, macht sich an sei­nem Kof­fer zu schaf­fen und nimmt das Pa­ket aus der Röh­re.
Off wacht und sieht nun, wie Gün­zel, als er das Pa­ket ein­wi­ckelt, zit­tert, hef­tig zit­tert, mit den Hän­den schlägt.
Da moch­te sich dem Mör­der wohl der fürch­ter­li­che Vor­gang des Abends vor­her ver­ge­gen­wär­ti­gen!
Kurz nach 6 Uhr ver­läßt er das Zim­mer und nimmt den Stock, den er drau­ßen hat ste­hen­las­sen. Als er so die Trep­pe hin­un­ter­steigt, be­geg­net ihm ei­ne Zei­tungs­trä­ge­rin, die von un­ten kommt und im vier­ten Stock ei­ne Zei­tung ab­zu­ge­ben hat.
»Wol­len Sie mir ei­ne Zei­tung ver­kau­fen?«
»Ich ha­be kei­ne üb­rig.«
»Dann bor­gen Sie mir wohl ein Ex­em­plar, bis Sie wie­der her­un­ter­kom­men?«
»Ja­wohl.« Sie gibt ihm die Zei­tung und steigt die Trep­pe hin­auf. Gün­zel ent­fal­tet das gan­ze Blatt und durch­sucht es. Als die Zei­tungs­frau zu­rück­kommt, legt er das Blatt zu­sam­men und gibt es ihr zu­rück mit den Wor­ten: »Es steht heu­te nichts drin von ei­nem Mord, nicht wahr?«
»Was denn? Ist denn schon wie­der ein Mord ge­sche­hen?«
»Ja, es wird er­zählt.«
Er gibt ihr 10 Pfen­ni­ge. Sie ver­las­sen zu­sam­men das Haus. Gün­zel schlägt die Rich­tung nach dem Kott­bu­ser Tor ein. Er schlen­dert wei­ter bis zur Kott­bu­ser Brü­cke, und das Was­ser, das so viel schon von ihm zu ver­ber­gen hat, nimmt auch den Stock auf, des­sen er sich noch zu ent­le­di­gen hat. Dann be­gibt er sich nach Rix­dorf und ist um drei Vier­tel sie­ben bei sei­nem Schwa­ger.
Nun zahlt er auf die Schuld, die ins­ge­samt mehr als 80 Mark be­trägt, ei­nen Ab­schlag von 25 Mark, und zwar den Zwan­zig- und den Fünf­mark­schein aus der ge­raub­ten Brief­ta­sche. Schwes­ter und Schwa­ger sind ei­ni­ger­ma­ßen ver­wun­dert.
»Wo­her hast du denn so viel Geld?« fragt Os­ter­mann.
»Mül­ler hat mir von den drei­hun­dert Mark, die er mir schul­dig ist, ei­ne Ab­schlag­zah­lung ge­macht. Ich be­kom­me bald noch mehr, dann ge­be ich Euch auch noch was.«
Aber es ist ihm läs­tig, daß er noch im­mer an der Wä­sche, die er trägt, leich­te Blut­spu­ren hat. Er ver­läßt al­so die Sei­ni­gen bald und kauft in der Nä­he ir­gend­wo vor al­lem Hemd und Stie­fel. Er zieht die neu­en Stie­fel gleich an, und die al­ten wirft er weg. Die Wä­sche wech­selt er bei sei­ner Schwes­ter, und nun, bei ge­naue­rer Be­trach­tung sei­nes An­zu­ges, sieht er auch hier und da klei­ne Blut­sprit­zer.
Er ver­ab­schie­det sich noch ein­mal und nimmt am Rollkrug die Pfer­de­bahn bis zum Ora­ni­en­platz. Da ist in nächs­ter Nä­he das Pfand­leih­haus, in dem er sei­nen gu­ten An­zug ver­setzt hat­te. Den löst er mit sei­ner Uhr ein.
Eben­falls un­mit­tel­bar da­bei ist auch der La­den von Si­mon. Da kauft er ei­nen Paletot und wech­selt bei der Ge­le­gen­heit den Hun­dert­mark­schein.
Was soll er nun mit den al­ten Sa­chen an­fan­gen? Bei der Schwes­ter sind sie am si­chers­ten ge­bor­gen. Er kehrt al­so schnell zu­rück, fährt wie­der bis zum Rollkrug und er­scheint zum Er­stau­nen sei­ner Schwes­ter noch ein­mal.
Für die noch­ma­li­ge Wie­der­kehr gibt er als Er­klä­rung an, er ha­be sein Porte­mon­naie ver­ges­sen. Er hat es nicht ver­ges­sen, denn er hat eben den Hun­dert­mark­schein ge­wech­selt.
Nun klei­det er sich um, voll­stän­dig. Er nimmt noch schnell von dem Mit­tags­mahl ei­ne Klei­nig­keit zu sich und eilt dann wie­der mit der Pfer­de­bahn nach der Ge­gend zu­rück, in der er wohnt – in der auch der Mord be­gan­gen ist –, denn sei­ne Braut er­war­tet ihn an der Tho­mas­kir­che.
Da konn­te er al­ler­dings durch die Adal­bert­stra­ße ge­hen, und er sieht da ei­nen Auf­lauf. Der Mord war be­kannt ge­wor­den. Er fragt aber nicht, wes­halb sich da die Leu­te zu­sam­men­rot­ten, er braucht nicht zu fra­gen. »Ich dach­te, es wä­re ei­ne Hoch­zeit«, sagt er spä­ter. Und nun trifft er sei­ne Braut und ver­bringt mit ihr ei­nen ver­gnüg­ten Nach­mit­tag im Gru­ne­wald.
Am an­dern Tag kehrt er nach Rix­dorf zu­rück.
»Bist du schon wie­der da?«
»Mei­ne Wir­tin ist zur Kind­tau­fe ge­gan­gen, und ich kann nicht in die Woh­nung«, lügt er. Er hat in der Tat ei­nen gu­ten Grund, um nach Rix­dorf zu­rück­zu­kom­men; denn ges­tern hat er kei­ne Zeit ge­habt, den ver­däch­ti­gen gro­ßen Blut­fleck am Schen­kel­teil der Ho­se zu be­sei­ti­gen. Heu­te ge­lingt es ihm. Er wäscht sie aus mit der Sei­fe, die er ei­gens mit­ge­bracht hat, und dann ver­steckt er die Ho­se ganz hin­ten im Schrank. Nun, meint er, ist je­de Spur ver­wischt.
Frei­lich mag er un­heim­li­che Stun­den wäh­rend der Fei­er­ta­ge und der bei­den fol­gen­den Ta­ge ver­bracht ha­ben, und es muß­te ihn durch­schau­ern, wenn er von dem Mord spre­chen hör­te – und man sprach von nichts an­de­rem in Ber­lin. Wie mag er die Zei­tun­gen durch­stö­bert ha­ben, ob sie ir­gend et­was bräch­ten, das dar­auf hin­wie­se, wie man dem Mör­der auf der Spur sei. Aber was er las, konn­te ihn nur be­ru­hi­gen. Man such­te nach den Be­sit­zern der rät­sel­haf­ten Zet­tel, und er hat­te nichts Ver­däch­ti­ges mehr an sich. Das Geld war ge­bor­gen, je­der Tag, je­de Stun­de wa­ren für ihn ein Ge­winn. Die Tat muß­te sich im­mer mehr ver­dun­keln. Nur noch ei­ni­ge Ta­ge, und al­les war gut!
Schon vier­mal hat­te sich Gün­zel in sein Bett ge­legt, schon vier­mal war er auf­ge­stan­den, oh­ne daß je­mand ir­gend­ei­nen Ver­dacht ge­gen ihn zu he­gen schien. Nur noch ein paar Ta­ge wei­ter und vor­läu­fig die äu­ßers­te Vor­sicht, kei­ne auf­fäl­li­gen Aus­ga­ben. Er moch­te sich klar­ma­chen, daß er schon zu­viel Geld aus­ge­ge­ben hat­te, und zwar über hun­dert Mark. Ei­nen Hun­dert­mark­schein konn­te er al­len­falls ge­fun­den ha­ben. Ein sol­cher Fund ge­hör­te ja nicht zu den Un­mög­lich­kei­ten. Aber jetzt nur um kei­nen Preis mehr ei­ne Hand­lung, die ir­gend­wie vom Ge­wöhn­li­chen ab­wich!
Und so leg­te er sich denn zum fünf­ten Mal zur Ru­he. Und da – am fünf­ten Mor­gen wur­de er von ei­nem frem­den Mann ge­weckt, der ihm in dienst­li­chem To­ne be­fahl, sich an­zu­klei­den und ihm zu fol­gen. Er wuß­te so­fort ge­nau, um was es sich han­del­te. Aber er folg­te dem Kri­mi­nal­be­am­ten nach dem Mol­ken­markt in der ru­hi­gen Ge­wiß­heit, daß ihm nichts be­wie­sen wer­den könn­te, da ihn nie­mand vor, wäh­rend oder nach der Tat un­ter ver­däch­ti­gen Um­stän­den ge­se­hen und da man bei ihm kei­nen Ge­gen­stand fin­den konn­te, der dem Be­raub­ten ge­hört hat­te. Bei al­ler Klug­heit be­saß er die un­glaub­li­che Dumm­heit zu mei­nen, daß das ein­fa­che Ab­leug­nen und Lü­gen ge­nü­gen wür­de.
Wäh­rend sei­ner nur fünf Wo­chen wäh­ren­den Un­ter­su­chungs­haft hat Gün­zel bei al­len Ver­neh­mun­gen die von ihm ein­mal ein­ge­nom­me­ne Hal­tung des hart­nä­cki­gen Ab­leug­nens bei­be­hal­ten. In sei­ner Zel­le mag es ihm aber doch all­mäh­lich klar­ge­wor­den sein, daß die Un­ter­su­chungs­be­hör­de klü­ger war, als er ver­mu­tet hat­te. Mit Schau­dern muß­te er nach sei­ner je­des­ma­li­gen Ver­neh­mung die Wahr­neh­mung ma­chen, wie sich die ihn be­las­ten­den Mo­men­te zu im­mer er­drü­cken­de­rer Wucht zu­sam­men­ball­ten. In sei­ner Rat­lo­sig­keit ver­fiel er beim Grü­beln dar­über, was er wohl noch zu sei­ner Ret­tung er­sin­nen könn­te, auf ein Mit­tel, von dem er viel­leicht glaub­te, daß er es er­fun­den ha­be, daß es neu und des­halb wirk­sam sei.
Mit ver­stell­ter Hand­schrift fer­tig­te er ei­ne An­zahl von Schrift­stü­cken, die da­zu be­stimmt wa­ren, dem Un­ter­su­chungs­rich­ter in die Hän­de ge­spielt zu wer­den. In die­sen vor­geb­lich an­ony­men Nie­der­schrif­ten wur­de be­teu­ert, Gün­zel sei un­schul­dig an dem Ver­bre­chen, wo­bei der Ver­dacht auf Un­ge­nann­te ge­lenkt wur­de und cha­rak­te­ris­ti­sche klei­ne Ein­zel­hei­ten hin­zu­ge­fügt wur­den – ei­ne Gün­zels gan­zem Lü­gen­sys­tem an­haf­ten­de Ei­gen­tüm­lich­keit –, die der An­ga­be ei­ne grö­ße­re Wahr­schein­lich­keit ge­ben soll­ten. Gün­zel schrieb auch auf ei­nen ab­ge­ris­se­nen Fet­zen das Bruch­stück ei­nes Brie­fes, der den An­schein er­we­cken soll­te, als rüh­re er von dem ei­gent­li­chen Tä­ter her. Der Brief war aus ei­nem Ha­fen­ort da­tiert, und der Un­ter­su­chungs­rich­ter soll­te an­neh­men, daß der Schrei­ber über das Meer ent­wischt sei. Gün­zel glaub­te sehr schlau ge­han­delt zu ha­ben. In Wahr­heit hat er ei­ne für ihn äu­ßerst ver­häng­nis­vol­le Dumm­heit be­gan­gen, denn nicht nur, daß ähn­li­che Ver­su­che al­len kri­mi­na­lis­tisch er­fah­re­nen Män­nern längst be­kannt sind und Un­schul­di­ge im all­ge­mei­nen sol­che Ma­chen­schaf­ten nicht be­trei­ben, so hat­te Gün­zel zu­dem noch den schwer­wie­gen­den Feh­ler be­gan­gen, zur Her­stel­lung die­ser Zet­tel ei­nen Blau­stift zu be­nut­zen, den er dem Un­ter­su­chungs­rich­ter wäh­rend der Ver­neh­mung ent­wen­de­te, und hat sich zur Ur­he­ber­schaft der Mit­tei­lun­gen teil­wei­se selbst be­ken­nen müs­sen. Mit gu­tem Recht durf­te da­her der Staats­an­walt her­vor­he­ben, daß die­se Ver­su­che nur da­zu an­ge­tan sei­en, die Schuld des An­ge­klag­ten noch au­gen­schein­li­cher zu ma­chen.
Auch vor dem Ge­richt hat Gün­zel sein Be­neh­men nicht ver­än­dert. Wenn er sich nicht zur Schuld be­ken­nen woll­te, blieb ihm auch in der Tat nichts an­de­res üb­rig, als bei sei­ner ein­mal ein­ge­nom­me­nen Hal­tung zu ver­har­ren. Er hat­te sich so ver­rannt, daß es nun kei­nen an­de­ren Aus­weg für ihn ge­ben konn­te als das reu­mü­ti­ge, of­fe­ne Ge­ständ­nis. Daß er aber da­durch sei­ne La­ge nicht bes­sern wür­de, war ihm klar. Es ist er­staun­lich, daß wäh­rend der gan­zen Ver­hand­lung die Quel­le sei­ner Lü­gen nie ver­sieg­te, daß er im­mer be­reit war, auf je­de ge­stell­te Fra­ge ir­gend­ei­ne Ant­wort zu ge­ben, selbst wenn die­se Ant­wort im nächs­ten Au­gen­blick als of­fen­kun­dig un­wahr er­kannt wur­de. Da­bei sprach er im­mer mit gro­ßer Ge­wandt­heit, und die­se Ge­wandt­heit ist ihm von ei­nem Teil der Zu­hö­rer an­schei­nend hoch – mei­nes Er­ach­tens viel zu hoch – an­ge­rech­net wor­den; denn dar­auf al­lein läßt es sich zu­rück­füh­ren, daß man hier und da ge­sagt hat, daß der An­ge­klag­te ei­nen »güns­ti­gen Ein­druck« ma­che.
Staats­an­walt Ot­to, der sich schon in den Pro­zes­sen ge­gen Con­rad und Dick­hoff au­ßer­or­dent­lich be­währt hat, hat in sei­ner Be­grün­dung der An­kla­ge ein wah­res Meis­ter­werk ge­lie­fert. Mit ein­dring­li­cher Be­red­sam­keit und un­an­fecht­ba­rer Lo­gik, de­ren Wir­kung sich nie­mand – auch nicht der An­ge­klag­te – ent­zie­hen konn­te, hat er die Schuld Gün­zels nach­ge­wie­sen und aus tiefs­ter Über­zeu­gung das Haupt des Mör­ders ge­for­dert.
Nicht min­der ver­dienst­lich ist die Tä­tig­keit des Ver­tei­di­gers, Rechts­an­walt Wron­ker, ein­zu­schät­zen, der für die ver­lo­re­ne Sa­che mit un­er­müd­li­chem Ei­fer, mit schar­fem Ver­stand und glän­zen­der Be­red­sam­keit ein­ge­tre­ten ist. Schritt auf Schritt ist er der Be­weis­füh­rung des Staats­an­walts ge­folgt und hat al­le Mo­men­te gel­tend ge­macht, die ir­gend­wie da­zu ge­eig­net er­schie­nen, die Be­tei­li­gung sei­nes Schutz­be­foh­le­nen an dem Mord als nicht er­wie­sen hin­zu­stel­len. Al­les, was zu­guns­ten des An­ge­klag­ten vor­ge­bracht wer­den konn­te, hat er ge­sagt.
Land­ge­richts­di­rek­tor Krau­se hat sich in den fünf über­lan­gen Sit­zun­gen durch sei­ne ru­hi­ge, streng sach­li­che Lei­tung auf das glück­lichs­te bei uns ein­ge­führt; er hat be­kun­det, daß er das rie­si­ge Ma­te­ri­al voll­kom­men be­herrsch­te, er hat der An­kla­ge den­sel­ben brei­ten Spiel­raum ge­währt wie der Ver­tei­di­gung. Nicht ei­nen Au­gen­blick hat ihn die Ru­he ver­las­sen, und das war bei dem Ver­hal­ten des An­ge­klag­ten, des­sen be­stän­di­ges Lü­gen auch den Ge­dul­digs­ten ner­vös ma­chen muß­te, der im­mer be­strebt war, das Ein­fachs­te zu ver­wir­ren, kei­ne Klei­nig­keit.
Auch die Ge­schwo­re­nen ha­ben wäh­rend die­ser Ver­hand­lung ih­re erns­tes­te Teil­nah­me und ihr volls­tes Ver­ständ­nis in un­ge­wöhn­li­cher Wei­se durch sach­ge­mä­ße Fra­gen und be­deu­tungs­vol­le An­re­gun­gen be­kun­det. Ih­rer Mit­wir­kung ist zu dan­ken, daß man­ches Zwei­fel­haf­te klar­ge­stellt wor­den ist.
Be­vor sich die Ge­schwo­re­nen in das Be­ra­tungs­zim­mer zu­rück­zo­gen, er­hob sich der An­ge­klag­te und schwor bei Gott dem All­mäch­ti­gen, daß er un­schul­dig sei.
Die Ge­schwo­re­nen hat­ten auf die bei­den Haupt­fra­gen zu ant­wor­ten: Ob Gün­zel den Kauf­mann Max Kreiß »mit Über­le­gung« ge­tö­tet (ge­mor­det) und ob er ihn be­raubt und bei dem Rau­be ge­tö­tet ha­be?
Die ers­te Fra­ge, die Tö­tung be­tref­fend, ha­ben die Ge­schwo­re­nen mit der Ein­schrän­kung be­jaht, daß Gün­zel den Kauf­mann Max Kreiß zwar ge­tö­tet, aber »oh­ne Über­le­gung« ge­tö­tet ha­be. Die zwei­te Fra­ge ha­ben sie be­jaht.
Die Tö­tung ei­nes Men­schen, wenn sie nicht mit Über­le­gung aus­ge­führt wird, ist als Tot­schlag mit Zucht­haus nicht un­ter fünf Jah­ren zu be­stra­fen. Die Be­rau­bung ei­nes Men­schen wird, wenn bei dem Rau­be durch die ge­gen das Op­fer ver­üb­te Ge­walt der Tod des­sel­ben ver­ur­sacht wor­den ist, mit Zucht­haus nicht un­ter zehn Jah­ren oder mit le­bens­läng­li­chem Zucht­haus be­straft. Der Staats­an­walt stell­te den An­trag, über Gün­zel das höchs­te Straf­maß zu ver­hän­gen. Dem­ent­sp­re­chend hat auch der Ho­he Ge­richts­hof Gün­zel zu le­bens­läng­li­chem Zucht­haus und dau­ern­dem Ehr­ver­lust ver­ur­teilt.
Der Wahr­spruch der Ge­schwo­re­nen ent­zieht sich na­tür­lich der Kri­tik. Ei­ne sach­ge­mä­ße, ru­hi­ge Er­ör­te­rung des­sel­ben wird in­des­sen ge­wiß nicht ver­übelt wer­den kön­nen. Die Fra­ge, die zur Ent­schei­dung lag, war eben­so ein­fach wie de­ren Be­ant­wor­tung fol­gen­schwer. Die Ge­schwo­re­nen hat­ten sich die Mei­nung dar­über zu bil­den: Ist der An­ge­klag­te die Per­son, die Max Kreiß ums Le­ben ge­bracht und be­raubt hat oder nicht? Wenn er der Tä­ter war, dann war er auch der Mör­der, nicht der Tot­schlä­ger, dann war er, so hart es das Ge­wis­sen der Ge­schwo­re­nen be­drän­gen moch­te, un­be­dingt we­gen Mor­des mit dem To­de zu be­stra­fen. Denn daß Gün­zel sein Ver­bre­chen auf das reif­lichs­te durch­dacht, lang­sam vor­be­rei­tet und mit volls­ter Über­le­gung aus­ge­führt hat, er­scheint über al­len Zwei­fel er­ha­ben. Aber da nun der Mör­der nicht auf fri­scher Tat er­tappt wor­den ist, so mö­gen die Ge­schwo­re­nen, die mensch­li­chen Re­gun­gen zu­gäng­lich sind und zu­gäng­lich sein sol­len, doch vor der äu­ßers­ten Kon­se­quenz der Ver­ur­tei­lung we­gen Mor­des zu­rück­ge­schreckt sein. Sie mö­gen sich ge­sagt ha­ben, daß, wenn es auch zu den al­ler­größ­ten Un­wahr­schein­lich­kei­ten ge­rech­net wer­den müs­se, doch noch im­mer die al­ler­ent­fern­tes­te Mög­lich­keit kon­stru­iert wer­den kön­ne, daß Gün­zel doch kein Mör­der sei. Sie ha­ben es für ih­re Pflicht ge­hal­ten, die­sen Men­schen dau­ernd un­schäd­lich zu ma­chen, aber sie ha­ben ihn nicht dem Bei­le des Scharf­rich­ters über­lie­fern wol­len. Und auch in die­sem Fal­le ha­ben die Ge­schwo­re­nen mit der Wir­kung ih­res Spruchs an­schei­nend den Wün­schen der gro­ßen Mehr­heit ih­rer Mit­bür­ger ent­spro­chen.
Nach­dem Gün­zel das Ur­teil, das ihn für al­le Zei­ten aus der bür­ger­li­chen Ge­mein­sam­keit aus­schließt, ver­nom­men hat­te, er­griff er noch ein­mal das Wort, um zu er­klä­ren, daß er über das Ur­teil ent­rüs­tet sei und sich bei dem­sel­ben nicht be­ru­hi­gen wer­de. Der Vor­sit­zen­de sah sich ge­nö­tigt, den An­ge­klag­ten auf das Un­ge­bühr­li­che sei­nes Ver­hal­tens auf­merk­sam zu ma­chen.
Da­mit hat die­ser Pro­zeß sein En­de er­reicht, ein Pro­zeß, der in sei­ner Art als ein Mus­ter an­ge­führt wer­den kann. Sel­ten ist es in der Tat ge­lun­gen, ei­nen über­zeu­gen­de­ren In­di­zi­en­be­weis zu er­brin­gen als in die­sem Fal­le. Nie­mand hat Gün­zel in das Haus hin­ein­schlei­chen und aus dem Haus ent­kom­men se­hen. Das Werk­zeug, mit dem der Mord ver­übt wor­den ist, ist nicht ge­fun­den wor­den. Der größ­te Teil des Rau­bes ist noch im­mer ir­gend­wo ver­bor­gen, und das, was der Mör­der da­von ver­wen­det hat, ist so all­ge­mein ver­brei­tet, daß auch hier der Nach­for­schung je­der An­halt zu feh­len schien. Und doch sind die un­schein­ba­ren Geld­schei­ne zu fürch­ter­li­chen An­klä­gern ge­wor­den. Nie­mand hat ge­se­hen, was im Dun­kel der Os­ter­nacht in dem un­heim­li­chen Sei­ten­ge­bäu­de der Adal­bert­stra­ße sich er­eig­net hat, und man weiß al­les. Die Son­ne bringt es an den Tag!

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