Der Pfälzisch-badische Aufstand.

In Mainz angekommen, erfuhr ich von einem Mitgliede des dortigen demokratischen Vereins, daß Kinkel bereits durch die Stadt passiert sei, um nach der Pfalz zu gehen; der Mainzer Volksführer Zitz, der ein rhein-hessisches Korps organisiert habe, um den Pfälzern zu Hilfe zu ziehen und augenblicklich in Kirchheimbolanden stehe, könne mir wahrscheinlich näheres sagen. So machte ich mich denn zu Fuß nach Kirchheimbolanden auf den Weg, mein Gepäck in einem Tornister auf dem Rücken tragend. In der kleinen Stadt Kirchheimbolanden fand ich Zitz, einen hochgewachsenen stattlichen Mann, inmitten seiner, wie es schien, wohlausgerüsteten und auch einigermaßen disziplinierten Freischar. Das Lager machte keinen üblen Eindruck. (Zitz wurde wenige Jahre später in New York bekannt als Mitglied der Advokatenfirma Zitz und Kapp.) Nur hatte die Artillerie, die aus drei oder vier kleinen Böllern bestand, wie man sie zum Knallen bei Festlichkeiten gebraucht, etwas Spielzeugartiges. Von Zitz erfuhr ich, daß Kinkel nach Kaiserslautern, der revolutionären Hauptstadt der Pfalz, gegangen sei, um der dort sitzenden provisorischen Regierung seine Dienste anzubieten. So wanderte ich denn weiter nach Kaiserslautern. Dort fand ich auch sogleich Kinkel und Anneke, beide im besten Humor. Sie begrüßten mich herzlich und quartierten mich im Gasthof zum Schwan ein, wo ich vorläufig, wie Kinkel sagte, mich redlich nähren und einen guten pfälzischen Nachtschlaf genießen sollte; am nächsten Tage werde man mir schon etwas zu tun geben.

Am andern Morgen war ich früh auf den Beinen, erfrischt und tatendurstig. Mit besonderer Begierde beobachtete ich, wie ein in Aufstand befindliches Volk sich in der äußeren Erscheinung ausnahm. Ich fand, daß die Gäste im Wirtshaus ruhig frühstückten wie sonst. Ich hörte sagen, daß der Sohn des Schwanenwirts dieser Tage seine Hochzeit feiern werde, und daß große Vorbereitungen im Gange seien. Auf den Straßen ging es allerdings recht lebhaft zu – hier Leute, die ihre gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen schienen, da Trupps von jungen Männern in bürgerlicher Kleidung mit Musketen auf den Schultern, die offenbar zu der in der Bildung begriffenen Volkswehr gehörten; dazwischen Soldaten in der bayerischen Uniform, die zum Volk übergegangen waren – und sogar Polizisten, leibhaftige Gendarmen in ihrer Amtstracht, mit dem Säbel an der Seite und augenscheinlich in der Ausübung der gewöhnlichen Funktionen des Sicherheitsdienstes. Nun waren meinem von Rheinpreußen hergebrachten Gefühl die Begriffe „Gendarm“ und „Freiheit“ unvereinbar, und es kostete dem Schwanenwirt einige Mühe, mich verstehen zu machen, daß diese Gendarmen sich auf die Reichsverfassung hätten einschwören lassen, nun der provisorischen Regierung dienten und überhaupt ganz gute Kerle seien. Überhaupt fand ich, obgleich unzweifelhaft die Führer ihre sehr sorgenvollen Stunden hatten, die Bevölkerung im ganzen in einer in hohem Grade gemütlich heiteren Stimmung, den Reiz des Augenblicks rückhaltlos genießend, scheinbar ohne sich viel mit dem Gedanken an das zu quälen, was der kommende Tag bringen werde. Das war eine allgemeine Sonntagsnachmittagslaune, ein wahrer Picknickhumor – äußerst liebenswürdig, aber wenig mit dem Bilde übereinstimmend, das ich mir von dem Ernst dieser revolutionären Situation gemacht hatte. Bald erkannte ich, daß diese fröhlich leichte Auffassung der Dinge mit dem des pfälzischen Volkscharakters wohl übereinstimmte.

Die Rheinpfalz ist ein von der Natur außerordentlich gesegnetes Ländchen, dessen landschaftliche Schönheit und dessen Erzeugnisreichtum wohl geeignet sind, in seiner Bevölkerung einen heiteren, lebenslustigen Sinn zu nähren. Diesen haben nun auch die Pfälzer seit Menschengedenken in hohem Grade besessen und gepflegt. Dazu sind sie ein intelligentes und leicht erregbares Völkchen, gutherzig und enthusiastisch, selbstbewußt und vielleicht auch ein wenig oppositionslustig. Wirklich arme Leute – Leute, denen das Nötige fehlte – gab es, damals wenigstens, einen kleinen Landesteil abgerechnet, in der Pfalz nur in sehr geringer Anzahl. Es war also keineswegs die Not, was die Pfälzer zum Revolutionieren erregte. Bei dem großen Völkerschacher auf dem Wiener Kongreß nach den napoleonischen Kriegen war die Rheinpfalz an das Königreich Bayern gefallen. Aber wie sie geographisch nicht mit Altbayern zusammenhing, so hatte sich dort auch kein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Königreich entwickeln wollen. Ein wirklicher bayerischer Patriotismus wollte in der Pfalz nicht wachsen. Als nun die bayerische Regierung auch altbayerische Beamte in die Pfalz schickte, um die Pfälzer regieren zu helfen, wurden die gegenseitigen Beziehungen noch unfreundlicher. Die „hungrigen Altbayern“, hieß es, würden nach der reichen Pfalz geschickt, um sich füttern zu lassen. Das Verhältnis war demjenigen, das zwischen der preußischen Rheinprovinz und Altpreußen bestanden hatte, nicht unähnlich. Die Pfälzer waren daher in beständiger Opposition gegen Altbayern, und diese Opposition würde hingereicht haben, sie in die Reihen der Liberalen zu treiben, wäre nicht das geweckte, lebhafte, aufgeklärte Völkchen von Natur aus zu einer liberalen Denkweise disponiert gewesen. Daß dieser Liberalismus bei den Pfälzern einen entschieden deutsch-nationalen Charakter trug, versteht sich von selbst. In der Tat hatte sich eine der berühmtesten nationalen Demonstrationen anfangs der dreißiger Jahre, das „Hambacher Fest“ auf pfälzischem Boden abgespielt, und unter den Führern der nationalen Bewegung gab es immer Pfälzer in vorderster Reihe.

Als nun der König von Bayern die von dem Frankfurter Nationalparlament gemachte Verfassung anzuerkennen verweigerte, brach in der Pfalz sofort die allgemeine Entrüstung in hellen Flammen aus. Es verstand sich bei den Pfälzern von selbst, daß, wenn der König von Bayern nicht deutsch sein wollte, die Pfalz aufhören müsse, bayerisch zu sein. Am 2. Mai wurde in Kaiserslautern eine große Volksversammlung abgehalten, in der alle liberalen Vereine der Pfalz vertreten waren. Diese Versammlung ernannte einen „Landesverteidigungsausschuß“ welcher den gefaßten Beschlüssen gemäß die Regierung der Provinz in die Hände nehmen und für die Organisierung einer bewaffneten Macht sorgen sollte. Die Stimmung der pfälzischen Bevölkerung war so einmütig, daß, mit Ausnahme einiger Beamten- oder Militärkreise und einiger Ortschaften, in denen eine altbayerisch gesinnte Geistlichkeit besonderen Einfluß ausübte, die Autorität des Ausschusses innerhalb der Landesgrenze so ziemlich allgemeine Anerkennung fand.

Die heillose Verworrenheit, welche die Weigerung des Königs von Preußen, die Reichsverfassung und die Kaiserkrone anzunehmen, über Deutschland gebracht hatte, trat nun kraß zutage. Wie schon erwähnt, forderte das Nationalparlament am 4. Mai durch Beschluß „die Regierungen, die gesetzgebenden Körper, die Gemeinden der Einzelstaaten, das gesamte deutsche Volk auf, die Verfassung des deutschen Reichs zur Anerkennung und Geltung zu bringen“. Da nun der König von Bayern die Reichsverfassung anzuerkennen verweigerte, so fühlten die Pfälzer mit vollem Recht, daß sie, indem sie sich gegen die bayerische Regierung erhoben, im Sinne des Beschlusses des Nationalparlamentes handelten, – in der Tat, daß sie einem Befehl der höchsten nationalen Autorität in Deutschland zu gehorchen suchten. Der Landesausschuß wandte sich also in durchaus logischer Weise durch die pfälzischen Abgeordneten im Nationalparlament an dieses und an die provisorische Reichszentralgewalt um Anerkennung und Schutz. Die Reichszentralgewalt, an deren Spitze, wie bekannt, der österreichische Erzherzog Johann stand, schickte darauf einen Reichskommissar, Dr. Eisenstuck, einen Altliberalen nach der Pfalz, um an Ort und Stelle „im Namen der Reichsgewalt alle zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Gesetze in jenem Lande erforderlichen Maßregeln zu ergreifen“, und insbesondere Fürsorge zu treffen, daß gewisse vom Landesausschusse gefaßten Beschlüsse wieder aufgehoben werden möchten. Der Reichskommissar erklärte auch die betreffenden Beschlüsse für aufgehoben, „bestätigte“ aber den „Landesausschuß für Verteidigung und Durchführung der deutschen Reichsverfassung“ und erklärte denselben für berechtigt, die Volkswehr zu organisieren, zu bewaffnen und auf die Reichsverfassung zu vereidigen, und „gegen gewaltsame Angriffe auf die Reichsverfassung in der Pfalz äußersten Falls selbständig einzuschreiten“. Damit war nun dem Erzherzog-Reichsverweser keineswegs gedient.

Der Erzherzog Johann war ursprünglich dadurch, daß er eine „Bürgerliche“ geheiratet, und daß er sich auch durch politisch freisinnige Äußerungen bei dem österreichischen Hofe mißliebig gemacht, in den Geruch liberaler Gesinnungen gekommen und bei dem großen Publikum populär geworden. Dies hatte ihm im Jahre 1848 die Wahl zum Amt des Reichsverwesers eingetragen. Es war nun nicht unnatürlich, daß ihn darauf der Wunsch und die Hoffnung erfaßte, er möge selbst die deutsche Kaiserkrone empfangen. Die Wahl des Königs von Preußen enttäuschte ihn gewaltig, und er machte seinem Unmut dadurch Luft, daß er dem Präsidium des Nationalparlaments sofort seine Abdankung von dem Reichsverweseramte ankündigte. Doch ließ er sich überreden, diese Abdankung vorläufig zurückzuhalten, und er tat dies denn auch um so williger, als er von dem österreichischen Hofe die dringende Weisung empfing, ein so wichtiges Amt, solange es bestehe, nicht fahren zu lassen, da er darin den dynastischen Interessen Österreichs sehr wichtige Dienste leisten könne. Das dynastische Interesse Österreichs wurde aber damals so verstanden, daß unter keiner Bedingung ein König von Preußen deutscher Kaiser werden, und daß überhaupt keine Konstituierung des deutschen Reichs, in der nicht die österreichische Gesamtmacht Platz fände und die Führerrolle spielte, zustandekommen dürfe. Die vom Nationalparlament gemachte Reichsverfassung war also dem österreichischen Hofe ein Greuel und ihre Einführung mußte mit allen Mitteln verhindert werden. Nun mag der Liberalismus des Erzherzogs Johann ursprünglich immer so echt gewesen sein – gewiß ist, daß ihm das monarchische Interesse im allgemeinen und das österreichische im besonderen viel mehr am Herzen lag als die Reichsverfassung und die deutsche Einheit.

Da stellte sich denn folgende wahrhaft groteske Lage der Dinge heraus: Das deutsche Nationalparlament hatte sich in der „provisorischen Zentralgewalt“, an deren Spitze der Reichsverweser Erzherzog Johann gestellt worden war, ein exekutives Organ gegeben, um seinem Willen Achtung zu verschaffen und seine Beschlüsse praktisch durchzuführen. Die bei weitem wichtigste seiner Willensäußerung bestand in der von ihm gemachten deutschen Reichsverfassung und der Wahl des Königs von Preußen als deutscher Kaiser. Der König von Preußen weigerte sich die Reichsverfassung als zu Recht bestehend anzuerkennen und die auf ihn gefallene Kaiserwahl anzunehmen. Das Nationalparlament forderte darauf nicht nur alle deutschen Regierungen, sondern auch die gesetzgebenden Körper und die Gemeinden der deutschen Einzelstaaten, ja das ganze deutsche Volk auf, die Reichsverfassung zur Anerkennung und Geltung zu bringen. Das Volk der Pfalz tat genau das, wozu das Nationalparlament das deutsche Volk aufforderte. Es stand für die Reichsverfassung auf gegen den König von Bayern, welcher der Reichsverfassung seine Anerkennung versagte. Ein von der Reichszentralgewalt in die Pfalz geschickter Reichskommissar fühlte sich durch eine Loyalität dem Nationalparlament gegenüber und durch die Logik der Umstände gezwungen, den pfälzischen „Landesausschuß für Verteidigung und Durchführung der Reichsverfassung“ zu bestätigen und zur Zurückweisung gewaltsamer Angriffe auf die Reichsverfassung für berechtigt zu erklären. Und was tat darauf der Reichsverweser, der zu dem Zwecke geschaffen worden und dessen oberste Pflicht darin bestand, den Willen des Nationalparlaments und besonders die Reichsverfassung zur Anerkennung und Geltung zu bringen? Er rief den Reichskommissar sofort zurück und schickte sich an, die Volksbewegung, die in Übereinstimmung mit dem Aufruf des Nationalparlaments zur Verteidigung und Durchführung der Reichsverfassung begonnen worden war, mit Waffengewalt zu unterdrücken. Und zu diesem Zweck wurden hauptsächlich preußische Truppen gewählt – Truppen desselben Königs, der im März 1848 feierlich versprochen hatte, sich an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen und Preußen in Deutschland aufgehen zu lassen, der dann zum Deutschen Kaiser gewählt worden und nun diejenigen tot zu schießen bereit war, die ihn tatsächlich zum Kaiser machen wollten.

Es ist zur Verteidigung dieser unerhörten Handlungsweise gesagt worden, daß dem Volksaufstand für die Reichsverfassung in der Pfalz und besonders demjenigen in Baden starke republikanische Tendenzen, „Umsturzgelüste“, beigemischt waren. Das ist richtig. Es ist aber ebenso wahr, daß, hätten die deutschen Fürsten in loyaler Weise, wie sie im März 1848 dem deutschen Volke das volle Recht gegeben hatten, von ihnen zu erwarten, die Reichsverfassung angenommen, sie alle republikanischen Bestrebungen in Deutschland brachgelegt haben würden. Das deutsche Volk würde im ganzen und großen zufrieden gewesen sein; ja es würde sich unzweifelhaft sogar einige Änderungen der Reichsverfassung im monarchischen Sinne haben gefallen lassen. Und es ist nicht weniger wahr, daß die Weise, in welcher die Machthaber nach so vielen schönen Versprechungen die Hoffnung des deutschen Volkes auf nationale Einigung zu vereiteln suchten, nur zu gut geeignet war, allen Glauben an die nationale Gesinnung und die Loyalität der Fürsten zu zerstören und die Meinung zu verbreiten, daß nur auf republikanischem Wege eine einheitliche deutsche Nation geschaffen werden könne. Die Haltung des Königs von Preußen sowie der Könige von Bayern, Hannover und Sachsen stellten den national gesinnten Deutschen vor die klare Alternative, entweder alle deutschen Einheitsbestrebungen und alles, was damit an nationaler Freiheit, Macht und Größe zusammenhing, vorläufig aufzugeben, oder dieselben auf dem Wege weiter zu führen, der von den Regierungen als revolutionär bezeichnet wurde. Die klägliche Geschichte Deutschlands während des nächsten Dezenniums hat schlagend bewiesen, daß diejenigen, welche die Situation im Jahre 1849 im Lichte dieser Alternativen auffaßten, sie richtig auffaßten.

Kehren wir nun zur Pfalz nach der Abberufung des Reichskommissars Eisenstuck zurück. Zuerst wurden mit kleinen Truppenkörpern Versuche gemacht, der pfälzischen Bewegung Einhalt zu tun. Da dies jedoch nicht gelang und unterdes auch durch den Aufstand des Volkes und der Armee in Baden die Lage der Dinge viel ernster geworden war, so fing die preußische Regierung an, ein paar Armeekorps mobil zu machen und sich auf einen förmlichen Feldzug vorzubereiten. Es waren gerade diese Vorbereitungen, die durch die verschiedenen Aufstandsversuche in den preußischen Westprovinzen hatten verhindert werden sollen. Die Pfalz blieb nun mittlerweile eine Zeitlang unangegriffen, und das gutmütige, zu sanguinischen Anschauungen geneigte Völkchen sah in dieser zeitweiligen Ruhe ein Zeichen, daß die Fürsten, auch der König von Preußen, sich doch scheuten, einen offenen Waffengang zu unternehmen, weil sich für die große Sache der deutschen Einheit und Freiheit wahrscheinlich die anderen Völkerschaften ebenso begeistern würden wie die Pfälzer und die Badenser. Man gab sich daher gern dem Glauben hin, daß die Erhebung ebenso heiter enden werde, wie sie begonnen hatte; und dies erklärt die Tatsache, daß die lustige Stimmung inmitten der revolutionären Ereignisse, die ich als Picknickhumor beschrieb, eine gute Weile vorhielt. Nicht wenige der Führer wiegten sich auch in diese Vertrauensseligkeit ein, und als nun der „Landesausschuß“ gar den offiziellen Titel einer „provisorischen Regierung“ annahm, da freute man sich des Gefühls, daß nun die „Fröhliche Pfalz, Gott erhalts“ der bayerischen Wirtschaft für immer ledig sei und als hübsche kleine Republik und Bestandteil des großen deutschen Freistaates sich fortan werde ersprießlich selbst regieren können.

Die Verständigeren und Weitersehenden verhehlten sich jedoch nicht, daß, wie die Dinge sich nun einmal gestaltet hatten, es sich hier um einen Entscheidungskampf mit einer antinationalen und antiliberalen Reaktion handle, die bei dieser Gelegenheit ihre ganz wohlorganisierte Macht, wenn nötig, bis zu den letzten Reserven, aufbieten werde, und daß dieser Macht gegenüber sich die Hülfsmittel der Pfalz und Badens bedenklich gering ausnahmen. In der Pfalz hatte allerdings eine kleine Zahl bayerischer Soldaten sich für die „Sache des Volkes“ erklärt, – d. h. die hatten sich von den Mitgliedern oder Emissären des Landesausschusses auf die Reichsverfassung einschwören lassen und dann an Stelle der Offiziere, welche die Eidesleistung verweigerten, ihre Unteroffiziere zu Offizieren erwählt. Aber ihrer waren nur wenige Hunderte. Außerdem verfügte die provisorische Regierung über die Bürgerwehren der pfälzischen Städte, die natürlich nur zum lokalen Dienst tauglich und nur schlecht bewaffnet waren; dann über das rhein-hessische Korps unter Zitz, 6–700 Mann stark, über ein ähnliches Korps unter Blenker, der sich später in Amerika einen Namen machte, und schließlich über die in größerem Maßstabe erst zu organisierenden Volkswehren. Es würde wahrscheinlich nicht schwer gewesen sein, in der Pfalz ein aus rüstigen jungen Leuten bestehendes Armeekorps von 20–25000 Mann zu bilden, wäre die provisorische Regierung mit dem nötigen Kriegszeug versehen gewesen. Freiwillige meldeten sich in Menge; aber da man ihnen keine Musketen in die Hände geben, sondern sie nur darauf verweisen konnte, sich so gut es ging mit Sensen und Spießen zu bewaffnen, so verliefen sich viele davon. Ein Versuch, Musketen von Belgien einzuführen, mißlang, da man naiverweise die Ladung durch preußisches Gebiet den Rhein herauf hatte kommen lassen, wo sie natürlich von den wachsamen Preußen abgefaßt wurde. Eine Überrumpelung der in der Pfalz gelegenen Festung Landau, die bedeutende Vorräte enthielt, schlug ebenfalls fehl. So blieb denn der Waffenmangel eine der drückendsten Sorgen der provisorischen Regierung.

Diese bestand aus durchaus ehrenwerten, wohlmeinenden, braven Männern, denen man es nicht übel anrechnen darf, daß sie den Schwierigkeiten ihrer Situation, welche nur ein eminentes Genie, verbunden mit höchster Tatkraft, hätte überwinden können, nicht gewachsen waren. Ebensowenig gelang es ihnen, gerade solche Leute, wie sie eine so gewaltige Arbeit erfordert, in ihren Dienst zu ziehen. Den Oberbefehl über die bereits bestehenden und noch zu organisierenden Streitkräfte gaben sie zuerst einem ehemaligen Kommandeur der Bürgergarde in Wien, Fenner von Fenneberg, – einem Mann, der sich zum professionellen Revolutionär entwickelt hatte und seine Zeit hauptsächlich damit zubrachte, in bissigem Gerede andern die Schuld zuzuschreiben, wenn nichts geleistet wurde. Später schrieb er ein Buch, um die Unfähigkeit der provisorischen Regierung nachzuweisen, bei welcher Gelegenheit er seine eigene aufs schlagendste dokumentierte. Fenneberg mußte bald abtreten, und das Kommando ging dann provisorisch an eine Militärkommission über, die hauptsächlich aus ehemaligen preußischen Offizieren bestand, wie Techow, Schimmelpfennig, Anneke und Beust. Diese waren durchweg sehr tüchtige Leute, aber mehr geeignet für die Führung bereits fertiger Truppenkörper im Felde, als für die Schöpfung einer Armee in einem Lande, dessen Bevölkerung dem an stramme Disziplin und rasches Gehorchen gewöhnten preußischen Offizier nicht recht verständlich war und auch diesen mit seinem kurz angebundenen Wesen nicht besonders sympathisch fand. Doch leistete diese Kommission alles, was von ihr erwartet werden konnte. Mittlerweile aber engagierte die provisorische Regierung um schweres Geld, die Summe von 10000 Gulden, die Dienste eines alten polnischen Generals namens Sznayde, dem nachgesagt wurde, daß er eigentlich Schneider heiße. Offiziere, die in den großen polnischen Befreiungskämpfen gefochten hatten, erschienen damals noch von dem Nimbus des revolutionären Heldentums umflossen. Die volkstümliche Legende schrieb ihnen nicht allein außerordentliche Tapferkeit, sondern auch alle möglichen militärischen Talente und eine besondere Kenntnis aller Geheimnisse der Kriegskunst zu. Es war, als würde an den Sammelplätzen der polnischen Flüchtlingschaft, besonders in Paris und in der Schweiz, ein Vorrat von Feldherren auf Lager gehalten, um gelegentlich in irgend einem Teile der Welt an vorkommende revolutionäre Unternehmungen abgesetzt zu werden. Unter diesen polnischen Offizieren gab es unzweifelhaft Männer von bedeutenden Fähigkeiten, wie Dembinsky, Bem, Mieroslawksi und andere, – aber auch viel wertloses oder abgestandenes Material. Wie nun die provisorische Regierung der Pfalz auf den General Sznayde verfallen war, weiß ich nicht. Er soll in dem polnisch-russischen Kriege von 1830 und 1831 ein recht tapferer Reiteroffizier gewesen sein; aber im Jahre 1849 hätte man schwerlich einen General finden können, der zum Kommandeur der pfälzischen Volkswehren schlechter gepaßt hätte. Er war ein sehr dicker und sehr schwerfälliger alter Herr, dessen Aussehen vermuten ließ, daß er Messer und Gabel viel mehr zu handhaben liebte als den Säbel, und dem es um seine Nachtruhe offenbar mehr zu tun war als um wildes Kriegsgetümmel. Auch konnte er das sehr wenige, das er zu sagen hatte, auf Deutsch kaum oder gar nicht verständlich machen. Das Feld der Wirksamkeit, auf welches er sich versetzt sah, war ihm wildfremd. Seine Leistungen als Organisator des Volksheeres bestanden hauptsächlich darin, daß er die Tätigkeit der Militärkommission behinderte. Die Folge war, daß, während die provisorische Regierung es an Aufrufen, Verordnungen und Befehlen nicht fehlen ließ, die meisten davon ohne Ausführung blieben. Nach etwa sechswöchentlicher Arbeit hatte man in der Pfalz nicht mehr als 7–8000 Mann zum großen Teil schlecht bewaffneter und durchaus schlecht disziplinierter Truppen.

In Baden war man viel besser bestellt. Die gesamte Infanterie und Artillerie sowie der größte Teil der Kavallerie des Großherzogtums Baden hatten sich der Volksbewegung angeschlossen und präsentierten ein wohlausgerüstetes Armeekorps von etwa 15000 Mann. Zugleich war die Festung Rastatt mit ihren Waffen-, Munitions- und Montierungsvorräten in die Hände der Aufständischen gefallen. Neugebildete Organisationen konnten also bequem mit dem Nötigen versehen werden, und so hätte sich dort ohne allzu große Schwierigkeit eine mehr oder minder schlagfähige Armee von 40–50000 Mann herstellen lassen. Freilich hatten sich, mit wenigen Ausnahmen, die Offiziere zum Großherzog gehalten und von ihren Truppen getrennt. Aber ihre Stellen waren mit avancierten Unteroffizieren besetzt worden, und unter diesen gab es tüchtige Leute in hinreichender Anzahl, um unter den Liniensoldaten die Disziplin einigermaßen aufrecht zu halten. So erschien denn der badische Aufstand in ziemlich stattlicher Rüstung.

Aber die pfälzischen und badischen Führer hätten von vornherein mit der Tatsache rechnen müssen, daß die äußerste Anstrengung der Kräfte der beiden kleinen Länder nicht hinreichen konnte, der vereinigten Macht der deutschen Fürsten, oder selbst Preußen allein, die Spitze zu bieten. Es gab keine Hoffnung des Erfolges, wenn sich nicht die Volkserhebung über Baden und die Pfalz hinaus auf das übrige Deutschland ausbreitete. Zu diesem Ende hätten die beiden provisorischen Regierungen alle nur einigermaßen marschfähigen Leute über die Grenzen werfen sollen, um die Truppen und die Bevölkerung der benachbarten Staaten, zuerst die von Hessen und Württemberg, in die aufständische Bewegung hineinzuziehen und, im Falle des Gelingens, auf dieselbe Weise immer weiter vorzudringen. Ein junger badischer Offizier, Franz Sigel, der von der provisorischen Regierung zum Major avanciert worden war, erkannte dies klar genug und riet zur Invasion von Württemberg. Die provisorische Regierung erlaubte ihm eine Bewegung auf hessisches Gebiet mit schwachen Kräften. Aber er wurde bald zurückbefohlen. Zu einem offensiven, propagandistischen Vorgehen konnten sich die provisorischen Regierungen von Baden und der Pfalz nicht entschließen. Sie sahen nicht, daß defensives Erwarten der feindlichen Streitkräfte die unfehlbare Niederlage der Volkstruppen und das totale Fehlschlagen der Erhebung bedeutete. Sie klammerten sich noch immer an die Hoffnung, daß die preußische Regierung doch noch im letzten Augenblick von einem tatsächlichen Angriff auf die Verteidiger der Reichsverfassung zurückschrecken, oder, wenn nicht, daß die preußische Landwehr sich weigern werde, auf ihre für das gemeinsame Recht aufgestandenen Brüder zu schießen. Was die Landwehr nun auch getan haben möchte, hätte ein mit kühner Entschlossenheit und Siegesmut vordringendes Volksheer sie auf ihrem eigenen Boden aufgesucht und so an ihre Sympathie appelliert – man könnte schwerlich von ihr erwarten, daß sie sich für eine ängstlich zurückhaltende und anscheinend sich selbst aufgebende Sache opfern werde. Aber wie klar dies auch zurzeit den badischen und pfälzischen Führern hätte sein sollen, die provisorischen Regierungen beharrten darauf, innerhalb der Landesgrenzen den Angriff zu erwarten.

Ich kann mich nicht rühmen, die Situation damals so klar durchschaut zu haben wie später. Freilich hatte ich eine Ahnung davon; aber dann tröstete ich mich mit dem Gedanken, die Führer, viel ältere Leute als ich, müßten doch besser wissen, was zu tun sei; und schließlich hielt mich mein hoffnungsvoller Jugendmut aufrecht, der mir wieder und wieder sagte, eine so gerechte Sache, wie die unsrige, könne unmöglich untergehen. Schon am Tage nach meiner Ankunft in Kaiserslautern hatte ich mich in eins der Volkswehrbataillone, die organisiert wurden, als Soldat wollen einreihen lassen. Aber Anneke riet mir, damit nicht zu eilig zu sein, sondern mich ihm anzuschließen; da er Chef der pfälzischen Artillerie sei, so könne er mir eine meinen Fähigkeiten mehr angemessene Stellung verschaffen. In der Tat brachte er mir ein paar Tage darauf ein Leutnantspatent, das er mir von der provisorischen Regierung erwirkt hatte, und so wurde ich Aide-de-Camp im Stabe des Artilleriechefs. Kinkel fand Verwendung als einer der Sekretäre der provisorischen Regierung. Die pfälzische Artillerie bestand nur aus den Böllern der rheinhessischen Freikorps, aus einem halben Dutzend ähnlicher kleiner Kanonen, von denen man sagte, sie würden im Gebirgskriege recht nützlich sein, und aus einer später von der badischen provisorischen Regierung erstandenen Sechspfünderbatterie. Das Wirkungsfeld des Artilleriechefs und seines Stabes war also ein sehr beschränktes, und ich ließ mir’s gefallen, bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten auch in politischen Angelegenheiten beschäftigt zu werden. So hatte ich zuweilen bei Volksversammlungen mitzuwirken, welche man zur Anfeuerung des patriotischen Eifers veranstaltete; und einmal wurde mir sogar der Auftrag, als Kommissar der provisorischen Regierung die Verhaftung eines katholischen Pfarrers zu bewerkstelligen, der seinen Einfluß in seiner Gemeinde – einem großen Bauerndorf von etwa 3000 Einwohnern – offen dazu benützte, die jungen Leute von dem Eintritt in die Volkswehr abzuhalten. Dies galt nun für eine Art von Hochverrat an der neuen Ordnung der Dinge. Da der Pfarrer für desperat genug gehalten wurde, sich dem Verhaftsbefehl der provisorischen Regierung gegenüber zur Wehr zu setzen, so wurde mir eine Abteilung Volkswehr von etwa 50 Mann mitgegeben, um mir bei der Ausführung meines Auftrags Hülfe zu leisten. Diese bewaffnete Macht sah allerdings nicht sehr achtunggebietend aus. Der sie kommandierende Leutnant war in gewöhnlichen Zivilkleidern, aber mit einem befiederten Kalabreserhut, einer schwarz-rot-goldenen Schärpe und einem Säbel ausgestattet. Bei der Mannschaft gab es nur eine einzige militärische Uniform, und zwar die eines französischen Nationalgardisten, der aus Straßburg herübergekommen war, um das Revolutionsvergnügen in der Pfalz mitzumachen. Die übrigen Leute trugen ihre bürgerlichen Kleider etwa mit einem Federschmuck auf dem Hut. Musketen fanden sich in der Truppe weniger als ein Dutzend; darunter einige mit alten Feuersteinschlössern. Der Rest der Bewaffnung bestand aus Spießen und geradegestellten Sensen. Ich selbst zeichnete mich als Regierungskommissar durch eine über Schulter und Brust geworfene schwarz-rot-gelbe Schärpe und einen Schleppsäbel aus. Außerdem trug ich im Gürtel eine Pistole ohne Munition. So ausgerüstet, marschierten wir über Land dem Dorfe zu, in dem der hochverräterische Pfarrer sein Unwesen trieb. In der Nähe des Dorfes angelangt, machten wir Halt, und da unter meinen Leuten niemand war, der in dem Dorfe Bescheid wußte, so wurden drei Mann ohne Waffen vorausgeschickt, um die Lage des Pfarrhauses auszukundschaften. Zwei von ihnen sollten, um es zu beobachten, dort bleiben, und der dritte zu uns zurückkehren, um der Expedition als Wegweiser zu dienen. So geschah es.

Als ich an der Spitze meiner bewaffneten Macht in das Dorf einmarschierte, fand ich die Straßen wie ein Bild stillen Friedens. Es war ein schöner, sonniger Sommernachmittag. – Die männliche Bewohnerschaft, Ackerbauer, arbeitete auf dem Felde. Nur einige alte Leute und kleine Kinder ließen sich an den Türen der Häuser oder an den Fenstern sehen, unsern abenteuerlichen Aufzug mit blöder Verwunderung anstarrend. Ich muß gestehen, daß ich mir einen Augenblick recht sonderbar vorkam. Aber meine amtliche Pflicht ließ mir keine Wahl. Rasch wurde mit einer Abteilung meiner Truppe das Pfarrhaus umzingelt, damit mir mein Hochverräter nicht etwa durch eine Hintertür entwischen könne. Die Hauptmacht blieb in Reih und Glied auf der Straße stehen. Ich selbst klopfte an die Tür des Hauses und befand mich bald in einer einfachen, aber behaglich ausgestatteten Stube dem Pfarrer gegenüber. Er war ein noch junger Mann, etwa 35 Jahre alt, kräftige untersetzte Gestalt, wohlgebildeter Kopf mit lebhaften, klug blitzenden Augen. Ich suchte eine strenge, martialische Miene anzunehmen und machte ihn sofort in kurzen Worten mit meinem Auftrag bekannt, legte ihm, wie ich gehört und gelesen hatte, daß es beim Verhaften üblich sei, die Hand auf die Schulter und nannte ihn meinen Gefangenen. Zu meinem Erstaunen brach er in ein helles Lachen aus, das echt schien.

„Mich verhaften wollen Sie?“ rief er. „Das ist nicht übel. Sie sind offenbar Student. Ich bin auch Student gewesen. Ich kenne das. Die ganze Geschichte ist ja nur ein Witz. Trinken Sie eine Flasche Wein mit mir.“ Dabei öffnete er die Stubentür und rief einem Dienstmädchen zu, sie möge Wein bringen.

Es verdroß mich, daß er in mir sogleich den Studenten entdeckt hatte, und daß ihm der Ausdruck amtlicher Autorität in meinen Mienen nicht imponieren wollte. „Machen Sie sich fertig, Herr Pastor“, entgegnete ich in möglichst strengem Ton. „Dies ist kein Spaß. Sie haben in Ihrer Gemeinde die Organisation der Volkswehr verhindert. Solch verräterisches Treiben kann die provisorische Regierung nicht dulden. Im Namen der provisorischen Regierung habe ich Sie verhaftet. Sie müssen mit. Machen Sie keine Umstände. Ihr Haus ist von Soldaten umzingelt. Zwingen Sie mich nicht, Gewalt zu brauchen!“

„Gewalt! Das möchte ich sehn!“ rief er, und in seinen Augen flammte etwas auf wie Zorn und Herausforderung. Aber er bezwang sich und fuhr in ernstem, aber ruhigem Ton fort: „So große Eile hat es doch wohl nicht, daß Sie nicht noch ein Wort anhören könnten. Da kommt das Mädchen mit dem Wein, und wenn ich doch fort muß, erlauben Sie mir noch ein Glas mit Ihnen zu trinken, auf Ihr Wohl. Es ist ja richtig; ich habe meine armen Bauernburschen nicht in die Volkswehr wollen eintreten lassen, um sich für nichts und wieder nichts totschießen zu lassen. Sie denken doch auch nicht, daß dieser kopflose Aufstand gewinnen kann. In wenigen Tagen werden die Preußen Ihre provisorische Regierung über die Grenze gejagt haben. Wozu denn dieser Unsinn, der noch vielen Leuten das Leben kosten kann?“ Dabei zog er den Pfropfen aus der Flasche und schenkte zwei Gläser voll. Ich hatte nicht Zeit zu überlegen, ob ich, durstig wie ich war, mit meinem Gefangenen trinken sollte oder nicht, als ich die Glocke des nahen Kirchturms heftig anschlagen hörte, und dann immer heftiger und rascher. Das konnte nichts anderes sein als Sturmgeläute. Hatten die Bauern von der ihrem Pastor drohenden Gefahr Wind bekommen und rief diese Sturmglocke sie zu seinem Schutze zusammen? Der Pfarrer schien die Sache sogleich zu verstehen. Ein schlaues Lächeln flog über seine Züge.

„Wie viel Mann haben Sie denn da draußen?“ fragte er.

„Genug“, antwortete ich.

Ich öffnete das Fenster und sah, wie von allen Seiten Bauern herbeikamen mit Dreschflegeln, Heugabeln und Knütteln bewaffnet. Meine Leute standen noch in Reih und Glied auf der Straße. Einige von ihnen fingen an, sich ein wenig ängstlich nach den herbeieilenden Bauern umzusehen. Ich befahl dem Leutnant, unsere Mannschaft mit dem Rücken gegen das Haus zu stellen und niemanden herein zu lassen. Im Falle eines Angriffs solle er die Tür bis aufs äußerste verteidigen. Ich wies ihn an, denselben Befehl den Leuten zu schicken, welche die Hintertür des Pfarrhauses bewachten. Die Menge der herzueilenden Bauern schwoll immer mehr an. Drohende Ausrufe ließen sich hören. Die Situation wurde offenbar bedenklich. Ob die Handvoll Volkswehrleute dem großen Haufen fanatischer Bauern gewachsen sein würde, schien sehr fraglich.

Der Pfarrer lächelte noch immer. „Meine Pfarrkinder lassen sich für mich totschlagen“, sagte er. „Es scheint mir, daß Ihre bewaffnete Macht in der Gewalt dieser Bauern ist.“

Da schoß mir ein glücklicher Gedanke durch den Kopf. „Jedenfalls sind Sie, Herr Pastor, in meiner Gewalt“, antwortete ich, indem ich meine Pistole aus dem Gürtel zog und den Hahn spannte. Der Pfarrer würde noch mehr gelächelt haben, hätte er gewußt, daß die Pistole nicht geladen war. Er hielt sie offenbar für gefährlich und sein Lächeln verschwand plötzlich. „Was wollen Sie von mir?“ fragte er.

„Ich will“, sagte ich mit einer äußerlichen Kaltblütigkeit, die ich innerlich nicht fühlte, „ich will, daß Sie unverzüglich an dieses Fenster treten und ihre Bauern recht eindringlich ermahnen, sofort ruhig nach Hause zu gehen. Sie werden hinzusetzen, daß Sie mit der Regierung Geschäfte im Interesse Ihrer Gemeinde haben, daß Sie in Beleitung Ihres Freundes hier, das bin ich, nach der Stadt gehen werden, um diese Geschäfte abzumachen, und daß diese bewaffneten Volkswehrmänner dazu gekommen sind, Sie unterwegs gegen alle Gefahr und Belästigung zu schützen. Während Sie diese Rede an die Bauern halten, stehe ich mit dieser Pistole hinter Ihnen. Machen Sie Ihre Sache gut, Herr Pastor. Die provisorische Regierung wird es Ihnen anrechnen.“

Der Pfarrer sah mich einen Augenblick verdutzt an und lächelte wieder; aber es war ein verlegenes Lächeln. Die Pistole in meiner Hand gefiel ihm augenscheinlich nicht. Dann trat er wirklich ans Fenster und wurde von den Bauern mit lauten Ausrufen empfangen. Er gebot Ruhe und sagte genau das, was ich ihm vorgeschrieben hatte. Er machte seine Sache vortrefflich. Die Bauern gehorchten ihm ohne Zaudern, und es wurde still auf der Straße. Der Pfarrer und ich tranken nun unsere Flasche Wein in aller Gemütlichkeit. Bei eintretender Dämmerung verließen wir das Haus durch die Hintertür und wanderten miteinander über Land der Stadt zu, wie zwei alte Freunde, in heiterem Gespräch, die bewaffnete Macht ein paar hundert Schritte hinter uns. Unterwegs spielte ich mit meiner Pistole, indem ich sie in die Luft warf und mit der Hand wieder auffing. „Nehmen Sie sich doch in acht“, sagte der Pfarrer, „die Pistole könnte losgehen.“

„Unmöglich, Herr Pastor“, antwortete ich. „Sie ist ja gar nicht geladen.“

„Was“, rief er, „nicht geladen? Und ich – na, das ist ein kapitaler Spaß!“

Wir blickten einander an und brachen beide in helles Gelächter aus. Ich berichtete der provisorischen Regierung, wie der Pfarrer mir und meinen Leuten aus der Patsche geholfen, und er wurde sehr glimpflich behandelt und bald wieder nach Hause geschickt. Man hatte auch an viel wichtigere Dinge zu denken.

Der Angriff, den die fröhlichen Pfälzer, wenigstens viele davon, so lange für unwahrscheinlich gehalten hatten, kam nun wirklich. Am 12. Juni rückte eine Abteilung preußischer Truppen über die Grenze. Wären die Flüche, die das sonst so gutmütige Völkchen den Preußen entgegenschleuderte, alle Kanonenkugeln gewesen, so hätte das preußische Korps schwerlich standhalten können. Aber die wirklichen Streitkräfte, über welche die provisorische Regierung der Pfalz gebot, waren so gering und befanden sich in einem so wenig schlagfertigen Zustande, daß an eine erfolgreiche Verteidigung des Landes nicht zu denken war. Man mußte daher ein Zusammentreffen mit den Preußen vermeiden; und so kam es, daß die erste militärische Operation, an der ich teilnahm, in einem Rückzug bestand.

Einige Tage vorher hatte mein Chef, der Oberstleutnant Anneke, mich instruiert, zu jedem Augenblick marschbereit zu sein, was mir nicht schwer fiel, da mein Gepäck sehr bescheiden war. Es wurde mir auch ein Pferd zugewiesen, ein hübsches, hellbraunes Tier; und da ich das Reiten noch nicht verstand, so schickte mich Anneke in eine Reitbahn, wo ein Reitmeister mich aufsitzen hieß, mir in kurzen Worten den Schluß mit den Beinen und die Handgriffe der Führung erklärte, worauf er mit seiner Peitsche auf das Pferd einhieb, das in ziemlich wilden Sätzen mit mir umhersprang, bis ich seiner mächtig wurde. „So“, sagte der Reitmeister, „jetzt haben Sie genug für diese Gelegenheit. Das andere lernen Sie schon auf dem Marsch.“ Ich wurde auch mit einer Kavalleriereithose ausgestattet, die so schwer mit Leder besetzt war, daß sich nur mit Mühe darin zu Fuß gehen ließ. Der Reitmeister hatte Recht gehabt. Die fortwährende Übung im aktiven Dienst machte mich bald zu einem sattelfesten und nicht ungeschickten Reiter.

Obgleich der Einmarsch der Preußen und der Befehl zum Rückzuge der pfälzischen Truppen von den Wohlunterrichteten schon mehrere Tage erwartet worden, so hatten diese Ereignisse doch die Wirkung, die gemütliche Verwirrung, die seit dem Ausbruch des Aufstandes in Kaiserslautern geherrscht hatte, bedeutend zu erhöhen und zu einer recht ungemütlichen zu machen. Des Befehlens und Anordnens und Widerrufens von Befehlen war kein Ende, und das Durcheinander wuchs von Stunde zu Stunde, bis es endlich zum wirklichen Aufbruch kam. Wenn ich nicht irre, war es in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni. Mit unserer Artillerie gab’s allerdings nicht viel Schwierigkeit, da sie, wie schon erzählt, aus sehr wenigen Stücken bestand. Um zwei Uhr nachts stiegen wir zu Pferde. Ein Nachtmarsch ist fast immer eine trübselige Geschichte, besonders aber ein Nachtmarsch rückwärts. Doch muß ich gestehen, daß mich das dumpfe Rollen der Räder auf der Straße, das summende und schnurrende Geräusch der Marschkolonne, das leise Schnauben der Pferde und das Klirren der Säbelscheiden in der Finsternis als etwas besonders Romantisches berührte. Darin fand ich viel Sympathie bei der Frau meines Chefs, Mathilde Franziska Anneke, einer noch jungen Frau von auffallender Schönheit, vielem Geist, großer Herzensgüte, poetisch feurigem Patriotismus und ausgezeichneten Charaktereigenschaften, die ihrem Mann auf diesem Zuge zu Pferde begleitete. Ich erinnere mich noch des gemeinsamen Entzückens, als wir in jener Nacht bei einem Wirtshause an der Straße vorüberritten, wo einige Freischärler, bärtige Gesellen in schwarzen befiederten Filzhüten und phantastisch ausgeschmückten Blusen, die Kugelbüchsen über die Schultern gehängt, sich bei dem matten Schein einer Kerze um die Wirtin drängten, die ihnen Wein einschenkte. Das Bild hätte eine Illustration zu Schillers Räubern vorstellen können. Überhaupt gab es unter unsern Kriegsvölkern malerische Effekte in Fülle. Da der bei weitem größte Teil der pfälzischen Volkswehr nicht uniformiert war und jeder Soldat mit Ausnahme der Waffen, so ziemlich für seine eigene Ausstattung zu sorgen hatte, so fand der individuelle Geschmack verführerischen Spielraum. Manche der Leute bestrebten sich, als Krieger möglichst wild und schreckhaft auszusehen, und so ließen sie nicht allein dem Bartwuchs alle erdenkliche Freiheit, sondern bedeckten ihre Hüte mit Federn, unter denen die roten besonders beliebt waren, trugen Überwürfe in schreienden Farben, und steckten, wenn sie deren habhaft werden konnten, mörderisch blinkende Dolche oder Jagdmesser in ihre Gürtel. So gab es denn unter uns Wallensteinslagergestalten genug, die fürchterlich erschienen wären, hätten sie nicht gar so gutmütige Gesichter gehabt.

Mit Sonnenaufgang nach diesem ersten Nachtmarsch fanden wir uns bei Frankenstein in einem scharf eingeschnittenen Tal zwischen mittelhohen Bergrücken, wo wir quer über die Straße nach Neustadt eine Defensivstellung einnahmen. Ein kalter Morgen bringt unter solchen Umständen ein Gefühl durchaus unromantischer Nüchternheit mit sich, und ich machte die Erfahrung, daß dann ein warmer Trunk, sei der Kaffee auch noch so dünn, und ein Stück Brot zu den großen Wohltaten des Lebens gehört. Die Preußen drängten nicht scharf nach, und wir blieben den Tag über durchaus ungestört bei Frankenstein im Biwak. Am 15. und 16. Juni wurden die pfälzischen Truppen bei Neustadt an der Hardt und Edesheim zusammengezogen. In dieser reichen Gegend bezeugte uns die Dorfbevölkerung ihre freundliche Gesinnung vorzüglich damit, daß sie an den Türen vieler Häuser große Eimer voll Wein und dabei blecherne Schöpflöffel aufstellte, damit die vorüberziehenden Truppen sich daran laben möchten. Der geleerte Eimer wurde gewöhnlich sofort durch einen vollen ersetzt. Dort sah ich auch zum erstenmal den damaligen Freischarenführer und Obristen Blenker, der später in der ersten Periode des Rebellionskrieges in den Vereinigten Staaten als Brigadegeneral viel von sich reden machte. Er war eine ausnehmend stattliche, martialische Gestalt und vortrefflicher Reiter, und wie er, glänzend ausstaffiert, an der Spitze seines Stabes dahersprengte, imponierte er mir gewaltig. Der Anblick mehrerer wohlbewaffneter Bataillone erfrischte einigermaßen den durch den Rückzug getrübten Mut unserer Truppen, und es erscholl hier und da der Ruf, daß man nun die „sakermentschen Preußen“ erwarten solle. Aber der Rückzug wurde doch fortgesetzt und die Pfalz ohne Schwertstreich gänzlich aufgegeben. Am 19. Juni gingen wir, etwa 7 bis 8000 Mann stark, bei Knielingen über den Rhein auf badisches Gebiet und marschierten nach Karlsruhe.

Unser Einzug in die saubere, geschniegelte Hauptstadt des Großherzogtums Baden brachte unter den Einwohnern eine Sensation hervor, die dem pfälzischen Korps von Freiheitskämpfern keineswegs schmeichelhaft war. Die an das schmucke großherzogliche Militär gewöhnten Karlsruher Bürger schienen das Malerische und Romantische in dem Aussehen der pfälzischen Truppen durchaus nicht zu würdigen, sondern eher geneigt zu sein, ihre Türen und Läden zu schließen und ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen, wie man sich vor einer Räuberbande zu retten sucht. Wenigstens trugen die Gesichter vieler der Leute, die unseren Einmarsch beobachteten, unverkennbar den Ausdruck entschiedenen Widerwillens und ängstlicher Besorgnis. Wir trösteten uns mit dem Gedanken, der auch recht kräftigen Ausdruck fand, daß die Einwohnerschaft dieser Residenzstadt hauptsächlich aus Hofgesinde und Beamtenvolk bestehe und daß sie im Grunde des Herzens gut großherzoglich gesinnt sei und die Revolution grimmig hasse, wenn auch manche davon in den letzten Wochen die Republikaner gespielt hätten. Übrigens war der Wunsch der Karlsruher, die pfälzischen Gäste möglichst bald los zu sein, so groß, daß man diesen nicht einmal Gelegenheit gab, den furchtsamen Seelen zu beweisen, was für ehrliche und friedliebende Menschen unter diesen wilden Bärten, roten Federbüschen und dolchgespickten Gürteln versteckt waren. Noch am demselben Tage wurden uns Lager außerhalb der Stadt angewiesen und schon am 20. Juni marschierten wir nordwärts zur Unterstützung der badischen Armee, die unterdessen ins Gedränge gekommen war.

Diese badische Armee hatte die Nordgrenze des Großherzogtums gegen den Reichsgeneral Peuker verteidigt. Gerade beim Ausbruch der Feindseligkeiten erhielt auch sie ihren Polen, den General Mieroslawski, zum Oberkommandeur. Er war ein noch junger Mann, hatte im letzten polnischen Aufstand Fähigkeit und Bravour bewiesen, besaß aber keine Kenntnis der örtlichen Verhältnisse und konnte nicht deutsch sprechen. Jedenfalls war er dem alten Sznayde weit vorzuziehen. Am 20. Juni gingen die Preußen bei Philippsburg von der Pfalz aus über den Rhein und kamen so der badischen Armee in den Rücken. Mieroslawski wendete sich mit einer raschen Bewegung gegen sie, hielt sie durch einen entschlossenen Angriff bei Waghäusel fest und führte dann einen geschickten Flankenmarsch aus, welcher ihn zwischen den Preußen und den Peukerschen Reichstruppen durchführte und mit dem pfälzischen Korps und den vom Oberlande herankommenden badischen Reserven in Verbindung brachte. Das Gefecht bei Waghäusel war für die badischen Truppen keineswegs ein unrühmliches. Wir hörten den Kanonendonner, als wir über Bruchsal heranmarschierten, und bald gingen auch Gerüchte von einem großen über die Preußen erfochtenen Siege um. Die weitere Nachricht, daß Mieroslawski auf dem Rückzuge sei, die württembergische Grenze entlang, und daß wir seine Flanke zu decken hätten, störte uns wenig in dem Glauben an den „Sieg bei Waghäusel“, dessen Früchte, wie es hieß, durch den „Verrat“ des Dragonerobersten, der den geschlagenen Feind verfolgen sollte, verloren gegangen seien. Am 23. Juni rückten wir nach Ubstadt vor, und dort empfingen wir die Kunde, daß wir am nächsten Morgen mit dem preußischen Vortrab zusammentreffen und uns zu schlagen haben würden. Die Aufträge, die ich von meinem Chef empfing, hielten mich bis nach Einbruch der Dunkelheit zu Pferde, und es war spät, als ich mein Quartier im Wirtshaus zu Ubstadt erreichte. Mein Chef hatte sich schon zur Ruhe gelegt. Von allen Seiten hörte ich das Schnarchen der Schlafenden. Nur die Wirtstochter, eine stramme Jungfrau von 25 Jahren und sehr resolutem Wesen, schien noch geschäftig zu sein. Ich bat sie um einen Bissen Brot und eine Lagerstätte und erhielt beides mit einem kräftigen Sprüchlein über die „verfluchten Preußen“, die in dem „badischen Ländle“ nichts zu tun hätten, und die wir tüchtig durchklopfen und dann heimschicken sollten. Nun erwartete ich die feierliche Stimmung „am Abend vor der Schlacht“, von der ich hier und da gelesen hatte. Aber sie kam nicht. Ich schlief sogleich ein, nachdem ich mich auf mein Lager hingestreckt hatte.

Auch am andern Morgen, dem „Morgen vor der Schlacht“, wollte mir nicht feierlich zumute werden. Es schien mir fast, als ob über solche „Stimmungen“ sehr viel Unwirkliches phantasiert würde. In meinem späteren Leben habe ich die Erfahrung gemacht, daß sie allerdings vorkommen, aber doch nur ausnahmsweise. Gewöhnlich wenden sich die Gedanken am Morgen vor der Schlacht einer Menge von Dingen prosaischer Natur zu, unter denen das Frühstück eine nicht unwichtige Stelle einnimmt. So ging es uns auch an jenem Morgen in Ubstadt. Wir waren beizeiten im Sattel und sahen bald in einiger Entfernung vor unserer Front blinkende Lanzenspitzen auftauchen, die sich uns mit mäßiger Schnelligkeit näherten. Dies bedeutete, daß die Preußen eine oder mehrere Schwadronen Ulanen als Plänkler vorgeschickt hatten, denen die Infanterie und Artillerie demnächst zum Angriff folgen würden. So verschwanden denn die Ulanen, nachdem sie aus ihren Karabinern einige Schüsse abgegeben, die von unserer Seite erwidert wurden, und dann entwickelte sich immer lebhafter das Geknatter des Infanteriefeuers. Bald wurden auch auf beiden Seiten Geschütze aufgefahren und die Kanonenkugeln flogen mit ihrem eigentümlichen Sausen herüber und hinüber, ohne viel Schaden zu tun. Anfangs war meine Aufmerksamkeit gänzlich in Anspruch genommen durch die Befehle, die mein Chef mir zu überbringen oder auszuführen gab. Aber nachdem unsere Artillerie postiert war und wir ruhig zu Pferde in ihrer Nähe hielten, hatte ich Muße genug, mir meine Gedanken und Gefühle zum Bewußtsein kommen zu lassen. Ich erlebte da wieder eine Enttäuschung. Ich war zum erstenmal „im Feuer“. Ganz ruhig fühlte ich mich nicht. Die Nerven waren in nicht gewöhnlicher Erregung. Aber diese Erregung war weder die der heroischen „Kampfesfreude“, noch die der Furcht. Da die feindlichen Geschütze zunächst ihr Feuer auf unsere Artillerie richteten, so sauste eine Kanonenkugel nach der anderen dicht über unsere Köpfe, wo wir standen. Ich fühlte zuerst eine starke Neigung, wenn ich dies Sausen recht nahe über mir hörte, mich zu ducken; aber es fiel mir ein, daß sich dies für einen Offizier nicht schicke, uns so blieb ich denn stramm aufrecht. Ebenso zwang ich mich, nicht zu zucken, wenn eine Musketenkugel dicht bei meinem Ohr vorbeipfiff. Die Verwundeten, die vorübergetragen wurden, erregten mein lebhaftes Mitgefühl; aber der Gedanke, daß mir im nächsten Augenblick ähnliches passieren könne, kam mir nicht in den Sinn. Ich sah ein Volkswehrbataillon, welches gegen eine feindliche Batterie geführt worden war, in Unordnung zurückkommen und sprengte, einem plötzlichen Impuls gehorchend, hinüber, um das Bataillon ordnen und wieder vorführen zu helfen, – war aber auch ganz zufrieden, als ich bemerkte, wie der Bataillonsführer dies selbst besorgte. Als nun später mein Chef mich wieder mit Befehlen hin und herschickte, verging mir das bewußte Empfinden ganz, und ich dachte an nichts als den auszuführenden Auftrag und den Gang des Gefechts, wie ich ihn beobachten konnte. Kurz, ich fühlte wenig oder nichts von jenen stürmischen, unwiderstehlichen Erregungen, die ich mir als unzertrennlich von einer Schlacht gedacht hatte, glaubte jedoch die Überzeugung gewonnen zu haben, daß ich mich unter ähnlichen Umständen immer werde anständig benehmen können.

Übrigens war das Gefecht bei Ubstadt eine verhältnismäßig geringfügige Affäre, – von unserer Seite nur dazu bestimmt, den Feind eine kurze Weile in seinem Vormarsch aufzuhalten, bis sich die badische Armee wieder in unserem Rücken geordnet haben könne, und uns langsam auf diese zurückzuziehen. Bei Ubstadt wurde diese Instruktion in ziemlich ordentlicher Weise ausgeführt. Daß sich solche Dinge nicht mit hastig zusammengerafften und schlecht disziplinierten Volkswehren ebenso regelrecht vollbringen lassen, wie mit geschulten Linientruppen, versteht sich von selbst. Am nächsten Tage hatten wir ein ansehnliches Gefecht mit der preußischen Vorhut bei Bruchsal, welches wieder mit einem Rückzuge endete, diesmal aber nicht in gleicher Ordnung. Wie das bei Volksaufständen nicht selten ist, fingen die aufgeregten Leute an, den unglücklichen Verlauf des Unternehmens dem „Verrat“ irgend eines Führers zuzuschreiben, und bei dieser Gelegenheit erhob sich dieser Schrei gegen den armen General Sznayde, der auf dem Rückzug bei Durlach plötzlich von einer Rotte meuterischer Freischärler umringt und vom Pferde gerissen wurde. Er verschwand dann vom Schauplatze der Aktion, und die pfälzischen Truppen wurden dem badischen Armeekommando unterstellt.

An der Murglinie, den linken Flügel an die Festung Rastatt angelehnt, nahm das vereinigte badisch-pfälzische Heer seine letzte Defensivstellung und schlug sich am 28., 29. und 30. Juni teilweise recht brav, wenn auch erfolglos. Am Nachmittag des 30. Juni schickte mich mein Chef mit einem Auftrage, Artilleriemunition betreffend, in die Festung Rastatt und instruierte mich, ihn im Fort B, einer der großen Bastionen, von denen man das Gefechtsfeld draußen übersah, zu erwarten; er werde bald nachkommen. Ich entledigte mich meines Auftrags, begab mich an den von Anneke bestimmten Platz, band mein Pferd an die Laffete eines Festungsgeschützes und setzte mich auf den Wall nieder, wo ich, nachdem ich das Gefecht eine Zeitlang beobachtet hatte, trotz dem Kanonendonner fest einschlief. Als ich erwachte, war die Sonne am Untergehen. Ich fragte die umstehenden Artilleristen nach Anneke, aber niemand hatte ihn gesehen. Ich wurde unruhig und bestieg mein Pferd, um die Stadt zu verlassen und meinen Chef draußen aufzusuchen. Am Tore angekommen, empfing ich von dem wachhabenden Offizier die Nachricht, daß ich nicht mehr hinauskönne; unser Hauptkorps sei gegen Süden zurückgedrängt worden und die Festung von den Preußen vollständig eingeschlossen. Ich galoppierte nach dem Hauptquartier des Festungskommandanten auf dem Schloß und erfuhr dort die Bestätigung des Gehörten. Der Gedanke, in der Stadt bleiben zu müssen und Preußen ringsumher, traf mich wie ein unheilvolles Schicksal. Ich konnte mich nicht drein ergeben und fragte immer wieder, ob denn da gar kein Ausweg sei, bis endlich ein dabeistehender Offizier mir sagte: „Mir ist gerade so zu Mut, wie Ihnen. Ich gehöre auch nicht hierher und habe an allen Punkten versucht, durchzubrechen, aber es war umsonst. Wir müssen uns eben fügen und hier bleiben.“ Von Anneke fand ich keine Spur. Er hatte entweder die Stadt längst verlassen oder war vielleicht gar nicht hereingekommen.

Nachdem ich alle Hoffnung des Entkommens aufgegeben, meldete ich mich bei dem Gouverneur der Festung, Oberst Tiedemann. Er war ein schlanker, hochgewachsener Mann mit feinen, regelmäßigen Zügen und einem kühnen, entschlossenen Gesichtsausdruck. Sohn des Geheimrats Tiedemann, eines berühmten Professors der Medizin an der Heidelberger Universität, hatte er eine gute Erziehung genossen. Schon früh war er seiner Neigung zum Soldatenleben gefolgt und Offizier in der griechischen Armee geworden. Die badische Revolution fand ihn zu Hause und die provisorische Regierung vertraute ihm das Kommando der Festung Rastatt an. Er empfing mich freundlich und attachierte mich seinem Stab. Es wurde mir bei einem Konditor namens Nusser, dessen Haus am Marktplatz stand, Quartier angewiesen. Mein Wirt und seine Gattin, offenbar Bürgersleute vortrefflichen Charakters, großer Herzensgüte und guter Lebensart, hießen mich herzlich willkommen, stellten mir ein freundliches Schlafzimmer zur Verfügung und baten mich, Gast an ihrem Tisch zu sein. Auch mein Bursche Adam, ein junger pfälzischer Volkswehrmann, der glücklicherweise mir in die Festung gefolgt, darin zurückgeblieben und mit mir zusammengetroffen war, fand im Hause behaglich Platz.

Alles dies ließ sich angenehm genug an. Aber als mein Wirt und Adam mich allein gelassen hatten und ich in der Stille meines Zimmers mir meine neue Lage ruhig überdachte, wurde mir das Herz recht schwer. Daß unsere Sache, wenn nicht ein Wunder geschah, verloren war, konnte ich mir nun nicht mehr verhehlen. Und was ein solches Wunder hätte sein mögen, konnte selbst meine jugendliche Hoffnungsfreudigkeit sich nicht mehr vorstellen. Übergehen der preußischen Landwehren zum Volksheer? Das wäre nur möglich gewesen am Anfange des Feldzuges, wenn überhaupt. Nach einer Reihe von Niederlagen war diese Möglichkeit geschwunden. Ein großer Sieg der Unsrigen im Oberlande? Undenkbar, da der Rückzug von der Murglinie unzweifelhaft unsere Streitmacht mehr durch Demoralisation schwächen mußte, als sie durch Zuzug verstärkt werden konnte. Große Siege der Ungarn im Osten? Aber die Ungarn waren weit entfernt und die Russen im Anzuge gegen sie. Eine neue Volkserhebung in Deutschland? Aber der revolutionäre Impuls hatte sich offenbar erschöpft. Da saßen wir denn in einer Festung, von den Preußen eingeschlossen. Eine längere Verteidigung der Festung konnte unserer Sache nicht mehr dienen, – oder nur insofern, als sie bewies, daß ein Volksheer auch Mut besitzen und der militärischen Ehre Rechnung tragen kann. Aber unter allen Umständen konnte die Festung sich nur eine beschränkte Zeit halten. Und dann? Kapitulation. Und dann? Wir würden den Preußen in die Hände fallen. Nun war der Oberbefehlshaber der preußischen Truppen in Baden der „Prinz von Preußen“, in welchem damals niemand den später so populären und gefeierten Kaiser Wilhelm I. vermutete. Er galt zu jener Zeit für den schlimmsten Feind aller freiheitlichen Bestrebungen. Das allgemein geglaubte Gerücht, daß er es gewesen sei, der am 18. März 1848 in Berlin den Befehl gegeben habe, auf das Volk zu schießen, hatte ihm im Volksmunde den Titel „der Kartätschenprinz“ eingetragen. Die Aufregung der Massen gegen ihn war während jener Märztage in der Tat so stark, daß der König für gut hielt, ihn auf einige Zeit nach England zu schicken, und daß diese Reise in einer Weise ausgeführt wurde, die einer sehr eiligen Flucht nicht unähnlich sah. Daß er im Jahre 1849, als seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone angeboten wurde, zu denen gehörte, die eine günstige Erwägung dieses Anerbietens empfahlen, und daß, wäre er statt seines Bruders König von Preußen gewesen, die Krisis wahrscheinlich eine den deutschen Einheitsbestrebungen ersprießlichere Lösung gefunden haben würde, wußte man damals noch nicht. Auch würde eine solche Kunde schwerlich geglaubt worden sein, denn man hielt den Prinz von Preußen für einen ehrlichen und durchaus unverbesserlichen Absolutisten, der standhaft daran glaubte, daß die Könige von Gott eingesetzt und nur Gott Rechenschaft schuldig seien; daß das Volk nichts mit den Geschäften der Regierung zu tun haben dürfe; daß eine Auflehnung gegen die Königsgewalt einer direkten Beleidigung Gottes gleichkomme, und daß es eine gebieterische Pflicht der Gewalthaber sei, über ein solches Verbrechen die erdenklich schwerste Strafe zu verhängen. So erschien der Prinz von Preußen dem Volke auch als ein fanatischer Soldat, dem die preußische Armee ein Herzensidol war – der in ihr das Schwert Gottes, das Bollwerk der Weltordnung sah; in dessen Augen ein preußisches Landeskind, das gegen die preußische Armee kämpfte, ein unsühnbares, dem Elternmorde an Fluchwürdigkeit nicht nachstehendes Verbrechen beging, und von dem ein solcher Verbrecher keine Gnade erwarten dürfe. Wir geborenen Preußen hatten also, wenn wir in die Hände des Prinzen Wilhelm fielen, die beste Aussicht, standrechtlich erschossen zu werden – besonders diejenigen, die, wie ich, gerade in den militärdienstpflichtigen Jahren standen. Und dabei erinnerte ich mich, daß ich kurz vor der Siegburger Affäre vor der königlichen Aushebungskommission hatte erscheinen müssen, welche, indem sie meine Eingabe um Zulassung als „Einjährig-Freiwilliger“ willkürlich übersah, mich für ein Kürassierregiment bestimmte, mit Aussicht auf baldige Einberufung. Für mich würde es also gewiß keine Nachsicht geben. – Mit diesen schweren Gedanken ging ich zu Bette. Aber dennoch schlief ich gesund und wachte nicht auf bis am hellen Morgen.

Die Pflichten, die der Gouverneur mir zuwies, als ich mich wieder bei ihm meldete, waren nicht schwer. Ich hatte zu gewissen Stunden oben auf der höchsten Galerie des Schloßturmes mit einem Fernrohr versehen den Feind zu beobachten und von dem, was ich sah, Meldung zu machen. Dann sollte ich periodisch gewisse Wälle und Tore abgehen und die Wachtposten inspizieren, schließlich noch solche Dinge tun, die der Gouverneur, wenn ich eben zur Hand war, mir auftragen mochte. Um mir das nötige äußere Ansehen zu geben, wurde ich mit der Uniform eines regulären badischen Infanterieleutnants ausgestattet, die den abenteuerlich kostümierten pfälzischen Freischärler in einen recht anständig erscheinenden Offizier verwandelte und mir ein bis dahin kaum geahntes militärisches Gefühl gab.

Es gelang dem Obersten Tiedemann in der teils aus Volkswehren, teils aus regulären badischen Soldaten bestehenden Garnison ziemlich gute Zucht zu halten. Nur einmal, s