Der Pfarrer Riembauer

Zu Nandelstadt im Landgerichtsbezirk Moosburg in Bayern lebte 1813 ein Pfarrer, der um seiner Gaben und Tugenden willen anderen Geistlichen als Muster vorgehalten wurde. Franz Salesius Riembauer war von kräftigem, stattlichem Wuchs; seine schönen Gesichtszüge, sein ernstes und doch freundliches Wesen sprachen für ihn, nicht minder seine wortreiche und gewandte Rede. Er war der liebreichste, zuvorkommendste Mann und trotz seiner großen Gelehrsamkeit der leutseligste Mensch im Umgange mit Geringeren. Dabei wußte er seine priesterliche Würde überall zu behaupten, und seine Sitten waren in jeder Beziehung untadelig.

Er hatte schon früher, wenn er nicht in seinem Amte tätig war, nur seinen gelehrten Studien gelebt, und den Pfarrherren, denen er als Kaplan beigegeben war, pflegte er, wenn sie seinen Eifer für die Wissenschaft bewunderten, zu antworten, das sei die wahre Bestimmung des Geistlichen; einem Diener Gottes zieme nicht, nach weltlichen Dingen zu streben. Von diesem Grundsatz wich er jedoch ab, als er sich als Kaplan in Pirkwanz ein Bauerngut gekauft hatte und mit demselben Eifer wie früher die Studien nun auch die Landwirtschaft betrieb. Seine Predigten waren voll Feuer und Salbung. Er eiferte in und außer der Kirche gegen die Ruchlosigkeit der verderbten Welt, 6  was die Kirchen, in denen er predigte, füllte und ihm einen immer größeren Ruf verschaffte.

Wer ihn aus der Kirche kommen sah mit seitwärts gesenktem Haupte, die halbgeschlossenen Augen auf den Boden geheftet, mit süßlächelndem Munde und gefalteten Händen, dem erschien er wie ein halbverklärter Frommer, der nur im Vertrauen auf Gott und in der Liebe des Nächsten lebt. Das Volk glaubte geradezu, und er widersprach diesem Glauben nicht, daß er mit der übersinnlichen Welt in näherer, ja in sehr vertrauter Verbindung stehe. Verstorbene machten ihm aus dem Fegefeuer Besuche auf seinem Zimmer, baten ihn um eine Messe und waren für immer beruhigt, sobald diese Messe gelesen war. Riembauer sah dann noch während der Messe den erlösten Geist in Gestalt einer Taube davonfliegen. Wenn er in seinem geistlichen Berufe nachts über Feld ging, traten ihm auch wohl die armen Seelen in Gestalt von Lichtchen in den Weg, wahrscheinlich um seine Benediktion zu erhalten. Sie huschten zur Rechten und zur Linken, je nachdem er seine geweihten Finger dahin oder dorthin bewegte. Sein Ruf beim Volke stieg von Jahr zu Jahr, und er war auf dem Wege, als ein Heiliger verehrt zu werden. Wenn er von einem Stuhle aufgestanden war, drängten sich viele eilig hinzu, um sich auch darauf zu setzen; denn sie hofften, daß etwas von seinem heiligen Wesen auf sie übergehen werde.

Nicht alle sahen aber den aufdämmernden Heiligenschein um sein Haupt: es gab auch Zweifler und Ungläubige. Doch auch die Leute, die eine innere Abneigung vor dem süßlächelnden Manne mit dem gesenkten Haupt empfanden, mußten seinen Eifer als Priester rühmen und wurden wider ihren Willen von seinen Predigten hingerissen. Ein Landmann, dem Riembauer persönlich zuwider war, sagte später von ihm: »Er war ein gar ehrenwerter Prediger  und hätte uns alle bekehrt, wenn er noch länger in Hofkirchen geblieben wäre. Er drückte immer die Augen zu und machte es gar kräftig.«

Mit der Zeit aber tauchten schon bestimmtere Gerüchte über den wahren Charakter des ehrwürdigen Herrn auf, und immer mehr Leute, Amtsbrüder und Laien, fingen an, ihm zu mißtrauen. In einem Dorfe sagte man sich ins Ohr, der Pfarrer sei durch einen Brief, den er von einem anderen Pfarrer erhalten habe, bei welchem Riembauer früher Kaplan gewesen sei, vor ihm gewarnt worden; er sei ein Wolf in Schafskleidern, und deswegen habe ihn jener Pfarrer möglichst schnell zu entfernen gesucht. Auch unter seinen Beichtkindern meinte der und jener schon, mit einem Menschen, der zu jedermann so süß schmeichelnd rede und dabei niemand ins Auge sehen könne, könne es nicht besonders gut bestellt sein. Ja ein sehr ehrenhafter Hausvater, der sich glücklich schätzte, wenn der junge, fromme geistliche Herr bei ihm einkehrte, glaubte doch auf seiner Hut sein zu müssen, zumal wenn Riembauer bei ihm über Nacht bleiben wollte, weil er seinen Töchtern immer eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmete.

Die Besorgnis des ehrbaren Hausvaters war begründet. Schon vor der Katastrophe, von der wir reden wollen, stellte es sich heraus, daß der heilige Mann wenigstens in einem Punkte kein Heiliger war.

Riembauer war im Jahre 1770 als der Sohn eines armen Tagelöhners geboren. In seiner Jugend diente er als Hirtenknabe. Bei guten Verstandeskräften entwickelte sich aber schon früh in ihm eine große Lernbegierde, und der Gedanke, sich den Studien zu widmen und Geistlicher zu werden, wurde immer mächtiger in ihm. Als er dreizehn Jahre alt war, bat er den Pfarrer in seinem Geburtsorte  Langquaid auf den Knieen, daß er ihn zum Gymnasium vorbereiten möchte. Sein Wunsch wurde erfüllt. Er machte reißende Fortschritte, so daß er schon nach einem Jahre für das Studium reif zu sein schien. Aber mit der Lernbegierde war zugleich eine bedrohliche Neigung zum Diebstahl in ihm aufgewachsen. Er selbst erzählte von sich, daß er als Knabe sogar einmal große Lust verspürt habe, einen anderen Knaben totzuschlagen, um ihm sein Geld zu nehmen. Dem Kaplan des Pfarrers unterschlug er dreißig Kreuzer, die er im Kegelspiel verlor. Er wurde dafür tüchtig gezüchtigt und entlief nach Regensburg, wo er sich in das Gymnasium aufnehmen ließ.

Hier indessen war sein Wandel nicht allein unsträflich, sondern ebenso ausgezeichnet wie seine Fortschritte im Lernen. Man erteilte ihm das Lob eines musterhaften Studenten, der sich und seiner Kirche dereinst Ehre bringen werde. In Kirchengeschichte und Kirchenrecht erwarb er sich ungemeine Kenntnisse. Seinen Verstand bildete er durch die Künste der Dialektik, sein Gemüt nach der Kasuistik der Jesuitenmoral aus. Die Priesterweihe erhielt er im fünfundzwanzigsten Jahre, 1795, zu Regensburg und diente dann mehrere Jahre als Kaplan in verschiedenen Pfarreien, schon da hochgerühmt als Prediger, bis er 1807 zu München die Prüfung als Pfarramtskandidat mit großen Ehren bestand und darauf eine Pfarrei zu Priel und 1810 die zu Nandelstädt erhielt.

Während dieser glänzenden Laufbahn blieb aber auch seine geheime Lebensgeschichte nicht arm an Taten und Ereignissen. Er hatte schon mit einer ganzen Reihe von jungen Mädchen fleischlichen Umgang gepflogen. Das war das erstemal zu Hofkirchen der Fall gewesen, wo er 1801 als Kaplan die dortige Pfarrköchin geschwängert hatte, die in Landshut, wohin er sie gebracht hatte, mit einem Knaben  niedergekommen war, der aber bald darauf wieder gestorben war. Diese Liebschaften hatte er dann fortgesetzt und mehrere Kinder gezeugt, ohne daß Aufsehen erregt worden wäre.

Über diese Sünden hatte sich Riembauer zu seiner Gewissensberuhigung eine eigene Moral erfunden. Es waren ihm Verirrungen der Zärtlichkeit, aber nicht Sünden, und wenn Sünden, nicht seine, sondern »die Sünden des Zölibats«. Er hatte die volle Beruhigung, daß er sie nicht allein trug. Aber aus seiner Philosophie und theologischen Moral hatte er sich zugleich eine ganze Reihe der triftigsten Beweise dafür herausgeklaubt, daß er durch das Erzeugen von unehelichen Kindern nichts Sträfliches, sondern sogar etwas dem Himmel Wohlgefälliges begehe, indem er dadurch zur Erweiterung des Reiches Gottes wesentlich beitrage.

Diese jesuitische Moral drückt er selbst in folgenden Worten aus: »Ich überlegte erstens, daß es nicht unerlaubt scheinen könne, ein Kind zu zeugen; denn eine vernünftige Kreatur, die ewig dauern soll, hervorzubringen, ist etwas Gutes. Dadurch wird der Mensch auf eine besondere Weise Gottes Bild, daß er zur Hervorbringung eines Menschen beiträgt, wie der heilige Clemens von Alexandrien sagt. Zum zweiten kann es auch nicht gegen Gottes Anordnung sein, weil dadurch die Zahl der Auserwählten einen Zuwachs erhalt. Drittens geschieht es durchaus nicht zum Schaden der Kirche, wenn nur dieser Mensch zu einem rechtschaffenen Christen gebildet wird. Endlich aber verstößt es nicht gegen die Belange des Staates, wenn ein solches Mitglied sittlichen und bürgerlichen Unterricht bekommt und so zu einem guten Staatsbürger und treuen Untertan erzogen, und wenn außerdem die beteiligte Mutter nicht verlassen wird. Mit diesen Gedanken ging ich öfters um; auch die Kirchengeschichte und die Erfahrung  unterstützten meine Grundsätze. Und so wurde es meinem Inneren leicht, mich zu solchen Zölibatsfehlern hinreißen zu lassen.«

Wenn er diese Verbindungen schloß, verfuhr er nichts weniger als leichtsinnig. Sowohl um das Gewissen der armen Geschöpfe zu beruhigen, als auch um sich ihrer Treue zu versichern, pflegte er durch eine feierliche Handlung, bei der er Priester und Bräutigam in einer Person vereinigte, eine Art Ehe mit ihnen zu schließen. Was die Förmlichkeiten betrifft, die dabei vorgenommen wurden, so bestritt er manches, was die Zeugen angaben, gestand jedoch, daß er seine Beischläferinnen über die gegenseitigen Pflichten der Ehegatten belehrt und ihnen ein förmliches Versprechen darauf gegeben und abgenommen habe, diese Pflichten treu zu erfüllen. Er ging mit der raffiniertesten Spekulation eines ausgemachten Wollüstlings zu Werke, indem er schon als junger Kaplan vor allen Dingen in den Häusern umherschlich, in denen junge aufblühende Mädchen waren. Den Eltern pflegte er dann zu empfehlen, sie sollten sie zu Pfarrköchinnen erziehen, weil das für die armen Dinger die beste Zukunft sei. Den jüngeren Mädchen, die bei ihm Religionsunterricht erhielten, suchte er den Lehrsatz praktisch begreiflich zu machen, daß sich ein Mädchen mit einem geweihten Herrn gewisse kleine Sünden wohl erlauben dürfe. Feuerbach, der diesen Kriminalfall unter dem Titel »Tartuffe als Mörder« berichtet, zitiert hier Molière, da ja Riembauers ganze priesterliche Laufbahn nichts anderes sei als ein verkörpertes Beispiel des bekannten und beliebten Grundsatzes aller Scheinheiligkeit:

Das Böse jeder Tat liegt nur im bösen Schein,
Gibt es kein Ärgernis, so ist das Arge gut;
Und Sünd‘ ist Sünde nicht, wenn man geheim sie tut.

Unter seinen Liebesverhältnissen scheint keines ernsthafter gewesen zu sein als das mit der Anna Eichstädter. Sie war die Tochter eines Zimmermanns zu Fürth im Landgerichtsbezirk Landshut, ein wohlgebildetes, großes, starkes und breitschultriges Mädchen. Besonders zeichnete sie sich durch zwei Reihen der schönsten Perlenzähne aus. Damals war sie die Köchin des Pfarrherrn zu Hirnheim, bei dem Riembauer als Kaplan wirkte. Sie hatte warmes Blut und schlug nicht gern eine freundliche Bitte ab. Gegen junge Männer war sie gefälliger, als sie hätte sein sollen. Sie gebar nicht bloß dem Kaplan Riembauer, sondern auch anderen außereheliche Kinder. Ob Riembauer sich deshalb von ihr trennte, oder ob es geschah aus frommer Begierde, auch mit anderen Frauen das Reich Gottes auf Erden zu vermehren, wird uns nicht gesagt. Aber völlig brach er die Verbindung mit der Eichstädter doch nicht ab. Er ließ ihr Kind in Regensburg erziehen und unterhielt mit der Mutter durch Briefe und andere Sendungen ein freundschaftliches, sogar ein vertrauliches Verhältnis. Er besuchte sie auch bisweilen und hielt sie mit der Hoffnung hin, wenn er später eine Pfarrei erhalten haben würde, solle sie als Pfarrköchin zu ihm ziehen.

Im Jahre 1804 war er als Kaplan zu Pondorf. Hier scheint es zu keiner neuen Liebschaft gekommen zu sein, die Folgen gehabt hätte. Er ließ sich von hier aus »Ärger über den Sittenverfall der Welt und die Verderbtheit der jungen Geistlichkeit« versetzen, weil einige andere Kaplane der jungen Base seines Pfarrers eine besondere Aufmerksamkeit erwiesen, die von dem Mädchen, wie es schien, erwidert wurde.

Aber als er nach Pirkwanz versetzt wurde, kam ein anderes Liebesverhältnis zustande, das das frühere  mit der Eichstädter in den Hintergrund drängte. In dem Filialorte Oberlauterbach lebte auf dem sogenannten Thomashofe die Frauenknechtsche Familie; es waren rechtliche Leute, die man ihrer Wirtschaftlichkeit, Arbeitsamkeit, ihres friedfertigen, mildtätigen und echt christlichen Wandels wegen in der ganzen Gegend achtete, die sich aber keiner sonderlichen Geistesgaben erfreuten. Ihre traurige Geschichte zeigt, wie unbegreiflich leicht sie alle das Opfer eines scheinheiligen Betrugs wurden.

Die Familie bestand aus dem alten Vater, der zwei Jahre nachher starb, aus dessen Ehefrau und zwei Töchtern, der älteren Magdalena und der jüngeren Katharina. Magdalena wird von allen, die sie kannten, als ein äußerst frommes, sanftes, stilles, engelsgutes Wesen geschildert; ihr Ruf, ehe sie Riembauer kennenlernte, war völlig unbefleckt. Ihre Fähigkeiten hielten aber mit ihrer stillen Tugend nicht Schritt.

Riembauer fand in dieser Familie, die den hochgebildeten, heiligen Herrn mit Bewunderung und Dank in ihren vier Mauern empfing, zwei Anziehungspunkte, die er mit lüsternen Augen musterte: die Tochter Magdalena und das Vermögen dieser Leute, die ebenso wirtlich wie arglos waren. Was war ihm leichter, als ihr volles Vertrauen zu gewinnen. In christlicher Demut entschlug er sich aller Ehren und schien ihresgleichen zu werden. Sooft er nach Lauterbach kam, half er der Familie in allen ihren bäuerlichen Arbeiten wie ein gedungener Knecht und ließ es sich besonders angelegen sein, die alte Mutter, der die Feldarbeiten schon sauer wurden, abzulösen. Er berief sich dabei, um sein eigenes Gewissen auch darüber zu beruhigen, daß ein Geistlicher durch Ackern, Dreschen, Pferdestriegeln und Mistfahren seiner geistlichen Würde nichts vergebe, auf die Beschlüsse des Karthaginensischen  Konzils, auf das Zeugnis des heiligen Epiphanias und das Beispiel vieler Bischöfe und Priester aus der alten Zeit, die die Handarbeit mit dem Predigeramte vereinigt hatten.

Herz und Körper der frommen Magdalena zu gewinnen, war ihm nicht schwer gewesen. Ihre jüngere Schwester, Katharina, die damals noch ein Kind war, aber einen sehr geweckten Sinn und einen Verstand besaß, der weit über ihr Alter hinaus entwickelt war, hatte sich, vermutlich weil sie etwas gemerkt hatte, hinter Riembauers Bett versteckt. Sie war hier Zeugin einer förmlichen Trauung. Der Kaplan sprach alle bei Trauungen üblichen Gebete und Ermahnungen und steckte ihrer Schwester auch einen goldenen Vermählungsring an den Finger. Riembauer selbst leugnete in der Untersuchung diesen Mißbrauch seines geistlichen Amtes.

Fast ebenso leicht betrog er die gutmütigen Menschen um ihren ganzen Besitz. Er, der keinen Kreuzer Vermögen, sondern nur Schulden hatte, kaufte den Frauenknechts ihren Thomashof am 18. Dezember 1806 für viertausend Gulden ab. Im Kaufbriefe ließ er sich fälschlich zweitausend Gulden als schon bezahlt quittieren, und als bald darauf der alte Frauenknecht starb, stellte er der Witwe eine falsche Gegenrechnung über zweitausend Gulden auf, die diese in ihrer Einfalt als richtig anerkannte. Die Familie blieb im Hause wohnen, und nach außen hin änderte sich in den Verhältnissen weiter nichts, als daß Riembauer jetzt nach Oberlauterbach hinüberzog und neben seinem geistlichen Amte die Arbeit eines richtigen Bauern versah. Als Knecht war er eingezogen, und nun war er unumschränkter Herr des Hofes und seiner Bewohner. Bei einigen Vornehmeren verehrte man in ihm eine Art ehrwürdigen Patriarchen aus der alten Zeit, die  Landleute aber schüttelten dazu den Kopf und nannten ihn den Thomasbauer.

Bei Magdalena traten bald die Folgen ihrer Verbindung mit Riembauer ein. Er schickte sie nach München, damit sie dort – das Kochen lernen sollte. In Wirklichkeit diente sie dort mehrere Monate als Magd, lebte mit ihrem Geliebten, als dieser zum Examen nach München kam, in einem Hause und kam darauf mit einem Knaben nieder. Die Kosten für diesen Kochunterricht mußte sich die alte Frauenknecht später mit fünfhundert Gulden von dem Kaufschilling des Thomashofes in Abrechnung bringen lassen.

Während er und Magdalena in München waren, kam eine stattliche, hübsche Frauensperson nach Lauterbach zu den Frauenknechts, die sich für eine Base des Kaplans ausgab und, als sie hörte, daß er verreist sei, sich den Schlüssel zu seinem Zimmer erbat. Es war Anna Eichstädter, die damals in Regensburg diente. Riembauer, der sich in Geldverlegenheiten befand, war schon seit längerer Zeit mit den Alimenten im Rückstand geblieben. Sie wollte ihn persönlich mahnen, wahrscheinlich aber auch wegen seines neuen Verhältnisses zur Rede stellen und ihn recht ernstlich an sein altes Versprechen erinnern, sie als Pfarrköchin zu sich zu nehmen. Die alte Frauenknecht fand nichts dabei, wenn sie der Base ihres lieben geistlichen Herrn dessen Zimmer öffnete. Die Fremde benahm sich, als wäre sie die Herrin des Hauses, öffnete alle Kisten und Schränke und suchte nach Geld, mit dem sie sich bezahlt machen wollte. Sie fand keins oder nur sehr wenig, ließ darauf in einem Drohbriefe, den sie in der Stube an Riembauer schrieb, ihrer Galle freien Lauf und kehrte am anderen Tage, nachdem sie im Thomashofe übernachtet hatte, verdrießlich nach Regensburg  zurück. Als Riembauer aus München heimkehrte, empfing er noch einen Brief aus Regensburg, in dem ihm die Eichstädter sogar mit gerichtlicher Anzeige drohte, wenn er nicht bald bezahle.

Dem jungen ruhmgekrönten Kaplan waren diese Drohungen äußerst unangenehm. Er machte sich selbst auf den Weg nach Regensburg und stellte, durch Überredungskünste oder durch Geld, die Eichstädter einstweilen zufrieden. Es wird behauptet, daß er bei diesem Besuche aufs neue die alten Vertraulichkeiten genossen habe. Beim Nachhausegehen begleitete ihn die ehemalige Geliebte mit ihrem Kinde und bat und beschwor ihn ohne Aufhören, doch von der Frauenknecht zu lassen und sie wieder aufzunehmen. Während sie auf einem Rain am Feldwege saß und das Kind neben sich hatte, flehte sie ihn beim Abschied himmelhoch, die Hände aufhebend, an, er soll sie als Köchin zu sich nehmen. Riembauer aber fuhr sie zornig an, sie solle sich nicht unterstehen, noch einmal heimlich nach Lauterbach zu kommen. Statt die aufgehobene Hand zu drücken, hob er seinen Stock, hieb damit zornig auf den Boden und drehte ihr den Rücken – um sie nach seiner Aussage nie wiederzusehen.

Die Eichstädter verdingte sich gegen den Herbst desselben Jahres als Köchin zu einem anderen Pfarrer auf dem Lande. Am 1. November trat sie ihren Dienst an, erbat sich aber sogleich die Erlaubnis, noch vor dem eigentlichen Beginn ihrer Arbeit ihre Verwandten besuchen zu dürfen. Als Unterpfand ließ sie ihre silberne Halskette und einige andere Sachen von Wert zurück, nahm aber vom Pfarrer, da es gerade regnete, einen grünen, leinenen Regenschirm mit, auf dessen Griff die Anfangsbuchstaben seines Namens eingegraben waren.

Die Eichstädter kam nicht wieder. Nach mehreren Tagen  schrieb der Pfarrer an seinen Amtsbruder in Lauterbach, bei dem er seine Anna vermutete, er möge ihr doch sagen, wenn sie nicht wiederkommen wolle, könne sie immerhin bleiben, aber sie solle ihm doch den Regenschirm zurückschicken. Riembauer schrieb zurück, bei ihm sei sie nicht gewesen, und er wisse weder von ihr noch von dem Regenschirm etwas.

Die Eichstädter war und blieb seit diesem 1. November 1807 verschwunden. Einige hielten sie für ertrunken, anderer vermuteten einen Mord. Ein berüchtigter Mörder trieb um die Zeit sein Wesen in jener Gegend. Er wurde im folgenden Jahre hingerichtet, ohne jedoch etwas zu bekennen. Die Eichstädter kam nicht wieder zum Vorschein, und sie wurde mit den Jahren vergessen.

Etwa um dieselbe Zeit, als das Mädchen aus Regensburg verschwunden war, erhielt der Kaplan Riembauer den Lohn für sein trefflich bestandenes Examen: er wurde als Pfarrer nach Priel versetzt. Den Thomashof verkaufte er mit Vorteil und zog mit der Frauenknechtschen Familie in das genannte Dorf. Magdalena wurde seine junge Pfarrköchin. Die Freude dauerte indes nicht lange. Schon im folgenden Jahre starb sie plötzlich, und ihre Mutter folgte ihr einige Tage darauf. Das geschah am 16. und 21. Juni 1809. Im Frühjahr des nächstfolgenden Jahres 1810 wurde Riembauer von Priel nach Nandelstädt versetzt, wo er sich die Anna Weniger als Pfarrköchin nahm, mit der er bis zum Jahre 1813 drei Kinder zeugte.

Von der armen, betrogenen Frauenknechtschen Familie war also jetzt nur noch die jüngste Tochter, Katharina, übrig. Das damals dreizehnjährige Mädchen war schon vor dem Tode ihrer Schwester und ihrer Mutter von der Familie fortgezogen. Sie hatte sich mit der älteren Schwester entzweit, noch mehr aber trieb sie eine entschiedene  Abneigung gegen den Verführer der Schwester fort. Anfangs lebte sie einige Zeit bei dem Bruder des Pfarrers an einem anderen Orte, später stand sie bei verschiedenen Herrschaften im Dienst.

Katharina war von Natur ein heiteres, frohes Wesen. Dennoch zeigte sie, wohin sie kam, zuweilen eine auffallende Beklommenheit und Angst. Sie fürchtete sich davor, einsam in einem Hause bleiben zu müssen. Nachts war es ihr schrecklich, wenn sie allein in einem Bett schlafen sollte. Wenngleich sie nicht darüber sprach, so hieß es doch, daß sie von furchtbaren Gesichten heimgesucht werde. Statt daß diese Unruhe mit den Jahren abnahm, wurde sie nur um so größer.

Schon ahnte man, daß sie in irgendein schlimmes Geheimnis eingeweiht sei, aber niemand konnte etwas Genaueres aus ihr herausbekommen. Nur manchmal ließ sie dunkle Worte fallen von einer gewissen Frauensperson, die ihr durchaus nicht aus dem Sinn komme. Wo sie stehe und gehe, verfolge sie ihr Bild. Einem anderen Mädchen, mit dem sie in Regensburg in einer Kammer schlief, erzählte sie, nachdem sie sich ängstlich in ihr Bett verhüllt hatte, von einem gräßlichen Mord, der vom Pfarrer Riembauer verübt worden sei. Auch das führte zu keinem näheren Geständnis. Fortwährend von der entsetzlichen Last gedrückt und doch ohne Mut, sie von sich abzuwälzen, vertraute sie dieselbe Geschichte auch einer ihrer Dienstherrinnen an. Diese riet ihr, sich an einen Geistlichen zu wenden. Sie folgte dem Rate und eröffnete einem Benefiziaten die furchtbare Geschichte. Obgleich durch dieses Geständnis ein Geistlicher vier großer Verbrechen, eines groben Betrugs und dreier großer Mordtaten, bezichtigt wurde, widerriet ihr der Benefiziat eine gerichtliche Anzeige. Er empfahl ihr vielmehr, den Mann,  wenn er wirklich schuldig wäre, dem Gericht Gottes zu überlassen. Als man den Benefiziaten später darüber zur Rede stellte, verteidigte er sich damit, daß er den betreffenden Fall insgeheim mehreren Priestern vorgetragen habe, und alle hätten sein Benehmen vollkommen gebilligt.

Katharina, die der Bescheid des Benefiziaten nicht beruhigt hatte, wandte sich an einen anderen Priester, den Kooperator S., und trug ihm dieselbe Geschichte vor. Auch dieser Geistliche empfahl ihr Stillschweigen, aber er unternahm wenigstens etwas, um der Armen persönlich zu ihrem Rechte zu verhelfen. Weil sie behauptet hatte, daß Riembauer ihre Familie, deren einzige Erbin sie nun war, um mehr als zweitausend Gulden betrogen habe, schrieb er ohne Namen an Riembauer einen lateinischen Brief, der ungefähr so lautete: »Ich habe einen schweren Fall vor mir, den nur Du lösen kannst. Jemand, den Du wohl kennst, schuldet jemand anders ungefähr dreitausend Gulden. Wenn Dein Gewissen wach ist, so zahle dieser Person die Schuld. Wenn Du ihr nicht in vier Wochen Rede stehst, horrenda patefaciet ista persona. Hannibal ante portas!« Auch der Kooperator hatte zuvor einen Ortspfarrer über den kritischen Fall zu Rate gezogen, und dieser hatte gemeint, der Fall eigne sich zwar zur gerichtlichen Anzeige, allein er glaube doch, die edlen Absichten, in denen jener Warnungsbrief geschrieben sei, könnten nicht verkannt werden.

Allein diese edlen Absichten fruchteten ebensowenig wie der Hannibal ante portas. Der Empfänger ließ sich durch die Androhung der furchtbaren Schreckensdinge nicht erschrecken, Katharina erhielt kein Geld und kein Recht. Aber sie trug die Last nicht länger, und da kein geistlicher Richter sie ihr abnehmen wollte, wandte sie sich an den weltlichen. Im Jahre 1813 machte sie vor dem Patrimonialgerichte  von Oberlauterbach eine vollständige Anzeige von allem, was sie wußte, und wiederholte diese Anzeige später vor dem zu diesem Prozeß besonders zusammengerufenen Landgericht zu Landshut. Sie beschwor dann auch ihre Aussagen im folgenden Jahre 1814, als sie nach bayrischem Gesetz ihre Eidesmündigkeit erlangt hatte.

Diese furchtbare Aussage des jungen Mädchens, in der sie sich nicht widersprach, die aber in mehreren Verhören ergänzt und deutlicher wiederholt wurde, lautete im wesentlichen so:

»Als im Sommer 1807 meine Schwester Magdalena zum Kochenlernen und der geistliche Herr Riembauer, um sein Pfarrexamen zu machen, sich beide in München aufhielten, kam eine Weibsperson von zweiundzwanzig Jahren mit großer Statur, hübschem länglichen Gesicht, lichtbraunen, langen Haaren, bürgerlich schön gekleidet und mit einer Ringelhaube auf dem Kopfe eines Tages in unsere Wohnung, als sich meine Mutter gerade auf dem Felde befand. Sie gab sich für eine Base des Herrn Riembauer aus und verlangte, als ich ihr sagte, daß der geistliche Herr in München sei, die Zimmerschlüssel von mir, die ich ihr als wildfremder Person verweigerte. Meine Mutter, die bald nach Hause kam, gab ihr die Schlüssel, und die Frau ging dann auf das Zimmer des Geistlichen und suchte darin herum, als wäre sie in ihrer eigenen Wohnung. Sie blieb über Nacht bei uns und sagte uns, sie habe kein Geld gefunden, aber an den geistlichen Herrn einen Brief geschrieben, den sie in einer versiegelten Schachtel zurückgelassen habe. Ungefähr acht Tage darauf kam der Geistliche von dem Examen zurück. Ich erzählte ihm den Vorfall, und er sagte darauf, es sei eine Base von ihm gewesen, der er noch Geld schuldig sei.

Im November desselben Jahres, ich weiß nicht mehr genau den Tag (späterhin wurde er als der Allerseelentag, der 2. November, ermittelt), gegen Abend, nachdem der geistliche Herr eben Rüben von seinem Acker heimgefahren hatte, war dieselbe Base wieder auf dem Thomashof. Meine Schwester war schon mit Riembauer nach Hause gegangen, ich und meine Mutter kamen ein wenig später vom Felde zurück. Als wir uns unserem Hause näherten, hörten wir im oberen Stock, wo der geistliche Herr wohnte, menschliche Laute, von denen wir anfangs nicht wußten, ob es Weinen oder Lachen war, die uns aber bald wie ein Gewinsel vorkamen. In dem Augenblick, da wir in unsere Haustenne traten, kam uns meine Schwester weinend von der Treppe herab entgegengelaufen und erzählte uns hastig, eine fremde Weibsperson, angeblich eine Base, sei soeben zu dem geistlichen Herrn gekommen, dieser habe sie auf sein Zimmer geführt, habe ihr dann weisgemacht, daß er ihr Bier wolle bringen lassen, sei unter diesem Vorwand wieder herabgekommen, habe hier sein Rasiermesser geholt, sei damit sogleich wieder hinaufgegangen, habe sich dann (wie Magdalena, die ihm nachgeschlichen war, durch das Schlüsselloch gesehen haben wollte) der auf einem Sessel sitzenden Weibsperson genähert, sie beim Halse gepackt, als wenn er sie küssen wollte, ihren Kopf aber niedergedrückt und ihr mit seinem Rasiermesser die Gurgel durchgeschnitten. Während uns meine Schwester das in aller Hast an der Treppe erzählte, hörten wir noch immer das Winseln und die Worte des Geistlichen: ›Nandel, mach Reu und Leid! Du mußt sterben!‹ und dann wimmerte es wieder: ›Franzel, tu mir nur das nicht an. Laß mir nur mein Leben, ich will gewiß kein Geld mehr von dir.‹

Meine Mutter und meine Schwester gingen sogleich in die untere Stube, ich aber sprang aus Neugier zur Treppe hinauf und vor die Tür des Geistlichen, und dort sah ich durch das Schlüsselloch deutlich, wie Riembauer auf der am Boden liegenden, noch mit den Füßen zappelnden Weibsperson saß oder kniete und ihr mit beiden Händen Kopf und Hals festhielt, und ich sah das Blut aus ihr hervorströmen. Nun eilte ich wieder hinab in unsere Wohnstube und erzählte meiner jammernden Mutter und meiner Schwester, die noch unschlüssig waren, ob sie nicht Leute zu Hilfe herbeirufen sollten, was ich gesehen hatte. Als ich dann wieder in den Hausflur ging, kam der geistliche Herr in seiner gewöhnlichen braunen Jacke und einer weißen Schürze die Treppe herab, Hände und Schürze voll Blut, in der Rechten noch das blutige Rasiermesser, das er auf den kleinen im Hausflur stehenden Kasten legte, und begab sich alsdann zu meiner Mutter und meiner Schwester in das Zimmer. Er erzählte ihnen, wie ich an der Tür horchend vernahm, daß dieses Weibsbild ein Kind von ihm habe; sie habe ihn fortwährend um Geld gequält und auch jetzt wieder hundert bis zweihundert Gulden von ihm verlangt, und zuletzt habe sie gedroht, ihn bei seiner Obrigkeit anzuzeigen, wenn er nicht bezahlen wolle. Da er so viel Geld nicht aufbringen könne, habe er ihr, um sie loszuwerden, die Gurgel abgeschnitten.

Nun schlich ich mich aus Neugier in Riembauers Zimmer und sah die gleiche Person, die schon den Sommer in unserem Hause gewesen war, wie sie mit durchschnittenem Hals, zerzaustem Haar und zerrissenem Halstuch und Korsett ohne alle Lebenszeichen auf dem Boden in ihrem Blute schwamm. Ich schrie und weinte und ließ vor Schreck das Licht auf den Boden fallen, das ich mitgenommen hatte.

Als ich wieder in das untere Zimmer herabgekommen war, sah ich, wie der geistliche Herr seine blutigen Hände wusch, und ich sagte ihm, daß ich nun die Person, die im Sommer dagewesen sei, auf seinem Zimmer tot habe liegen sehen. Er streichelte mich, sagte, ich hätte nicht recht gesehen, versprach mir alle möglichen schönen Kleider und schärfte mir ein, über alles, was ich gesehen und gehört hätte, mit niemand zu sprechen. Meine Mutter jammerte noch immer fort und erklärte immer wieder, daß sie den Vorfall anzeigen werde. Aber Riembauer fiel ihr mehrmals zu Füßen und beschwor sie, ihn doch nicht zu verraten. Als meine Mutter bei ihrer Erklärung blieb, da das Stillschweigen ja ohnehin keinen Zweck habe, weil die Nachbarsleute die Fremde bei uns gesehen und jedenfalls auch das Getöse gehört haben müßten, äußerte Riembauer, dann müsse er sich das Leben nehmen.

Er zog seinen Rock an, holte aus dem Stadel einen Strick und lief mit ihm dem Walde zu. Meine Mutter und meine Schwester folgten ihm von ferne, sahen, daß er wirklich ernst machen wollte, und da sie glaubten, daß das Unglück ärger sei, wenn der geistliche Herr sich auch noch aufhänge, so liefen sie zu ihm und hielten ihn durch das Versprechen, nichts zu verraten, von der Ausführung seines Vorhabens ab.

Als er mit meiner Mutter und meiner Schwester wieder nach Hause gekommen war, sprach er in meinem Beisein von einem sicheren Ort, wo man den Leichnam beerdigen könne, und wählte dazu das kleine Seitenkämmerchen linker Hand in seinem neuerbauten Stadel. Die Meinigen beruhigte er vor allem durch das Versprechen, selbst für die Beerdigung sorgen zu wollen, und dann werde gewiß nichts entdeckt werden, wenn nur das kleine Mädchen –  ich war damals erst zwölf Jahre alt – niemand etwas davon sage.

Um Mitternacht zwischen zwölf und ein Uhr steckte er eine Kerze in eine Laterne und ging mit einer Grabschaufel in das linke Seitenkämmerchen seines Stadels, in dem er das Loch ausgrub, in das der Leichnam hineinkommen sollte. Nach einiger Zeit hörte ich über mir ein Rumoren, machte unsere Stubentür auf, sah eine Kerze neben dem Keller stehen und den Herrn Riembauer selbst, wie er von oben herab den noch völlig bekleideten Leichnam bei den Achseln, so daß der Kopf herunterhing, rücklings über die Treppe herabschleifte. Es überfiel mich ein Grauen, und ich weiß nicht, wie er den Leichnam in den Stadel hineingebracht hat; nachher aber ging ich doch hin, und meine Mutter, meine Schwester und ich, wir sahen von der Tür aus, wie der geistliche Herr die Ermordete, die noch in ihren Kleidern war, schon in dem Loche hatte und sie eben mit Erde bedeckte.

Die Blutflecken vom Hause bis zum Stadel wischte er noch in derselben Nacht weg, Haus und Zimmer reinigte er aber erst am folgenden Morgen, und zwar mit kaltem und dann mit heißem Wasser.

Aber in seinem Zimmer war das Blut schon eingetrocknet; das Abwaschen half nichts; ich mußte ihm daher von dem nächsten Nachbar, dem blauen Michel, einen Hobel borgen; mit dem hobelte er aus den Dielen das Blut hinweg und warf die Spane im unteren Zimmer in den Ofen.

Am Morgen nach der Ermordung, als ich eben zur Schule ging, sah ich unseren Hund einen blutigen Frauenschuh im Hofe herumzerren. Riembauer, den ich darauf aufmerksam machte, trug mir auf, ihn in die untere Stube zu tragen. Ich hob ihn, weil es mich grauste, an einem  Stöckchen auf, warf ihn in der Stube auf den Boden und weiß nun nicht mehr, was mit ihm geschehen ist.

Die Nachbarn fragten uns, was in unserem Hause für ein Lärmen und Weinen gewesen sei. Wir sagten darauf, wie uns Riembauer zuvor eingeschärft hatte, wir hätten wegen unseres Vaters und der zweitausend Gulden geweint, die uns Herr Riembauer abgedrückt hätte, was ja ohnehin schon hofmarkskundig war.

Die Ermordete hatte einen grünen Regenschirm, der dem Pfarrer zu Pr. gehörte, mit in den Thomashof gebracht. Der geistliche Herr behielt ihn und besaß ihn noch als Pfarrer zu Priel.

Ungefähr vierzehn Tage nach der Beerdigung der Ermordeten verbreitete sich im Stadel ein abscheulicher Gestank. Die Frauenspersonen, welche das Getreide ausdraschen, beschwerten sich darüber bei Riembauer, der ihnen antwortete, daß er sich nicht denken könne, woher er käme. Gleich nachher trug es sich zu, daß eine Drescherin, die in das Seitenkämmerchen gegangen war, mit ihrem Fuße an etwas stieß und, weil es darin dunkel war, nach Licht rief, um nachzusehen, was es wäre, weil das Ding, an das sie gestoßen hatte, etwas anderes sein müsse als ein Stein. Riembauer verhinderte das, eilte auf sein Zimmer und legte ein Schloß vor die Tür des Kämmerchens, das vorher immer offengestanden hatte. In der Stube erzählte er uns das alles und sagte, es sei ein aus dem Grabe hervorragender Fuß der Nandel gewesen. Am Abend desselben Tages trug er Sand an diese Stelle und füllte das Grab besser auf.«

So lautete Katharinas Aussage. Aber es war mit diesem entsetzlichen Verbrechen, dessen sie den Pfarrer Riembauer bezichtigte, noch nicht genug: ihre Anschuldigung ging noch weiter. Es war ihre feste Überzeugung, daß der  Mörder der Eichstädter auch den Tod ihrer Schwester und ihrer Mutter auf dem Gewissen habe. Sie beteuerte, er habe beide vergiftet, und führte dafür mehrere Indizien an, die für die scharfe Auffassungsgabe des jungen Mädchens zeugten.

Nachdem Katharina eine Weile von Hause weggewesen war und unter fremden Leuten gelebt hatte, wurde sie eilends aus Regensburg, wo sie sich gerade aufhielt, nach Hause ins Pfarrhaus zurückgerufen, um die Küche zu versorgen, da ihre Schwester plötzlich erkrankt sei. Sie kam, um zwei Todkranke und bald zwei Leichen zu finden. Riembauer rief keinen ordentlichen Arzt zur Pflege herbei. Die Arzneien besorgte er selbst bei einem Bader, gab sie ihrer Schwester selbst ein, ja drängte sie ihr gegen ihren Willen auf. Er ließ keinen Geistlichen zu ihr. Eines Tages hatte Katharina vom Bader eine Arznei holen müssen. Nachdem Magdalena diese Arznei eingenommen hatte, wurde sie ohnmächtig und starb. Der Leichnam war ungewöhnlich aufgedunsen und voller Brandflecke. Das Blut lief ihm zu Nase und Mund heraus. Der Bader vermutete, die Tote sei schwanger gewesen. Übrigens hatte die Mutter, wie auch Magdalena selber, mit Riembauer oft Streit gehabt, und Magdalena hatte sogar mehreremal ihren Dienst verlassen wollen trotz des nahen Verhältnisses, das sie an Riembauer band. Daher habe Riembauer in beständiger Angst geschwebt, daß sie einmal im Zorn die Tat verraten könne. Die Leute im Dorfe, die nichts von diesem Ereignis wußten, hätten aber jedenfalls gemeint, die Magdalena sei von ihm schwanger gewesen, und alle habe ihr plötzlicher Tod erschreckt. Ähnlich sei es bei dem Tode der Mutter hergegangen.

Noch ein drittes Verbrechen warf Katharina dem Pfarrer  vor: er sei damit umgegangen, auch sie selbst ums Leben zu bringen.

Schon vor längerer Zeit hatte ihre Schwester Magdalena warnend zu ihr gesagt, Riembauer hätte geäußert, er wolle zweihundert, ja dreihundert Gulden nicht ansehen, wenn er nur jemand fände, der sie aus der Welt schaffe. »Denn das Mädel wird immer größer und verständiger, und am Ende kann man ihr nicht mehr Heiratsgut genug geben, um sie zum Schweigen zu bringen.« – Nach Magdalenas Tode hatte sie Riembauer durchaus nicht von sich lassen wollen. Ja er hatte ihr achttausend Gulden Heiratsgut versprochen, wenn sie bleiben würde.

Aber Katharina ließ sich nicht überreden, und sie blieb nicht. Da Riembauer sich alle Habseligkeiten der Magdalena ohne weiteres angeeignet hatte, sagte sie beim Fortgehen zu ihm: »Herr Pfarrer, ich vergesse das Vergangene nicht.« Riembauer erwiderte darauf: »Es wird dich mehr treffen als mich; ich weiß schon, was ich zu sagen habe. Deine Mutter und deine Schwester sind tot, die können nicht mehr reden; und die zwei, werde ich sagen, haben die Weibsperson umgebracht.« Auch späterhin machte er noch Versuche, sie wieder in seine Dienste zu ziehen, und Katharina schwor darauf, daß sie es nur ihrer Weigerung und Vorsicht zu verdanken habe, daß sie noch am Leben sei.

Wer brachte nun alle diese furchtbaren Anschuldigungen vor? Es war ein siebzehnjähriges Bauernmädchen, das von Ort zu Ort, von Dienst zu Dienst zog und wegen seines träumerischen Wesens und seiner aufgeregten Phantasie überall bekannt war. Es zeugte gegen einen Priester, der beim Landvolke im höchsten Ansehen, ja im Rufe der Heiligkeit stand, und gegen den auch nicht der geringste Verdacht vorlag, denn was wir von seinem Lebenswandel wissen, war nur einzelnen und auch denen nur zum Teil  bekannt. Sein Ruf war nicht etwa nur durch Scheintugenden erworben worden: Riembauer war ein in den ernstesten Studien bewährter Mann, ein ausgezeichneter Kanzelredner, treu in seiner Pflicht und hatte erst vor kurzem durch ein glänzendes Examen den Ausspruch bewährt, den seine Lehrer früher beim Abgange vom Gymnasium über ihn getan hatten, nämlich daß er eine Zierde seiner Kirche werden würde.

Darf man sich wundern, daß man zunächst geneigt war, diese gräßliche, abenteuerliche und ungeheuerlich erscheinende Geschichte für die Erfindung einer kranken, aufgeregten Einbildungskraft zu halten? Aber das Bauernmädchen erzählte so zusammenhängend, so eingehend und so bestimmt. Es zeigte Verstand, Ruhe, Unbefangenheit und Zuversicht, so daß ihm der Richter unwillkürlich dann doch Glauben schenken mußte, und da es die Mittel zur Nachprüfung seiner Erzählung selbst an die Hand gab, so leitete man sogleich die Untersuchung ein.

Der Thomashof zu Oberlauterbach, der früher dem Pfarrer Riembauer gehört hatte, war jetzt in der dritten Hand und Riembauer an einem weit entfernten Ort angestellt. In aller Stille durchsuchte man daher den Hof. Die Örtlichkeit war ganz so, wie Katharina sie geschildert hatte. In dem vom Pfarrer Riembauer errichteten Stadel fand man linker Hand ein Seitenkämmerchen. In sehr geringer Tiefe schon entdeckte man beim Nachgraben einen Frauenschuh und ein weibliches Gerippe mit einem Schädel, der an beiden Kiefern die schönsten weißen Zähne aufwies.

Auf den Dielen in dem Zimmer, das Riembauer bewohnt hatte, waren eine Menge Flecke. Sie wurden auf den ersten Blick als Blutflecke erkannt. Als man sie mit warmem Wasser befeuchtete, stellten sie sich in heller  Blutröte dar. Außerdem waren an den Dielen Unebenheiten sichtbar, die offenbar von ungeschickten Versuchen mit dem Hobel herrührten. Zu allem Überflusse bekundete auch der Nachbar, der sogenannte blaue Michel, daß vor ungefähr sechs Jahren die Frauenknechtschen bei ihm einen Hobel geborgt hätten.

Auf diese starken Verdachtsmomente hin, die die Glaubwürdigkeit der Anzeige in hohem Grade unterstützten, wurde Riembauer verhaftet und nach Landshut gebracht.

Sein Benehmen dabei war sehr merkwürdig. Er erschien weder entrüstet noch verwundert. Er beteuerte weder seine Unschuld, noch sprach er von einem Mißverständnis. Vielmehr kam er seinen Richtern offen entgegen und sagte ihnen, darüber wundere er sich durchaus nicht, was man gegen ihn vornehme, er sei vielmehr nach dem unglückseligen Vorfall, in den er ohne seine Schuld verwickelt worden wäre, darauf vorbereitet, und er wolle dadurch, daß er alles, was er wisse, offen bekenne, dem Richter entgegenkommen. Ehe ihm noch der Grund seiner Verhaftung mitgeteilt worden war, erklärte er, er könne sich sehr wohl denken, daß es sich um die Anna Eichstädter handle, und gab aus freien Stücken folgende Erklärung zu Protokoll:

Mit dem unglücklichen Mädchen sei er schon von seiner früheren Anstellung in Hirnheim her in allen Ehren bekannt gewesen. Sie habe stets großes Vertrauen in ihn gesetzt und ihm fünfzig Gulden von ihrem Ersparten zum Aufheben gegeben und ihn auch immer gebeten, sie als Köchin anzunehmen, wenn er später einmal eine Pfarre erhalten habe. Er habe es ihr versprochen, doch nur unter der Bedingung, daß sie sich gut aufführe. Nachdem er von Hirnheim versetzt worden sei, habe er nichts weiter von ihr gehört, als daß sie ihn ab und zu um Rückgabe  eines Teils jener fünfzig Gulden gebeten habe. Während er aber zur Prüfung in München gewesen sei, habe sie ihn in Lauterbach aufgesucht und die Familie Frauenknecht durch ihre Angabe, daß er sie als Köchin bei sich aufnehmen werde, nicht wenig erschreckt.

Von ihrem traurigen Tode dagegen wußte er die genauesten Mitteilungen zu geben. Es sei am 3., 4. oder 5. November gewesen, als er von Pirkwanz, wo ein Herr von Härter beerdigt worden sei, nach dem Leichengottesdienst in der Dämmerung nach Lauterbach zurückgekehrt sei.

»Ich ging sogleich«, fuhr er fort, »auf mein Zimmer, fand die Tür offen, die damals noch kein Schloß hatte, und sah auf dem Boden eine Person liegen. Ich meinte, es wäre jemand von den Leuten im Haus, und rief daher laut: ›Was ist das? Was gibt’s?‹ Ich erhielt aber keine Antwort, befühlte nun die auf dem Boden liegende Person und merkte jetzt zu meinem unaussprechlichen Schrecken, daß sie völlig leblos war. Voll Entsetzen lief ich in die untere Stube, wo ich die Bäuerinmutter mit ihrer Tochter Magdalena traf, die sich aneinander anhielten und wie Espenlaub zitterten. Auf meine erste Frage: ›Was ist da oben geschehen?‹ergriffen mich Mutter und Tochter unter Weinen und Schreien bei den Händen und baten mich, vor allem zu schweigen. Dann erfuhr ich zu meinem größten Erstaunen, daß die gleiche Frau, die mich schon während meines Münchener Aufenthaltes hatte besuchen wollen, an diesem Nachmittag wieder in den Thomashof gekommen sei und in mein Zimmer habe gehen wollen. Mutter und Tochter seien nun mit ihr in einen Streit geraten, dabei habe die Eichstädter, denn die sei es gewesen, zugestochen oder zustechen wollen, Magdalene habe daraufhin mein Rasiermesser ergriffen und die andere in den Hals geschnitten. Die Ursache dieses erbitterten  Streites sollte gewesen sein, daß die Eichstädter geäußert hatte, sie wolle Köchin bei mir werden und habe hierauf mein Versprechen erhalten, und Mutter und Tochter Frauenknecht müßten deshalb nun aus dem Hause ziehen.

Später zündete ich mir ein Licht an und erkannte wirklich in der auf meinem Zimmer liegenden Person die Eichstädter.

Nun sagte ich den Frauenknechtschen, nach einem solchen Auftritte könne ich nicht mehr bei ihnen bleiben, und wollte aus dem Thomashof fortgehen. Sie aber hielten mich mit beiden Händen fest, sagten unter Weinen und Jammern, um alles in der Welt, sie wollten mir geben, was ich verlange, und von dem Kaufpreis für den Thomashof so viel ablassen, wie ich wolle. So ließ ich mich denn endlich überreden, schaffte mein in dem oberen Zimmer stehendes Bett in den Hausflur herab und übernachtete hier.

Am anderen Morgen ganz früh ging ich fort, der Leichnam blieb unterdessen in meinem Zimmer. Als ich gegen Abend wieder auf meine Stube kam, sah ich hier die tote Eichstädter schon auf einer Misttrage liegen. Mutter und Tochter sagten mir, sie wollten sie in dem Seitenkämmerchen des Stadels vergraben. Ich erwiderte ihnen, sie möchten sie hintun, wo sie wollten, ich könne ihnen nicht helfen.

Abends zwischen acht und neun Uhr trugen nun Mutter und Tochter den Leichnam auf einer Misttrage in das Stadelkämmerchen und bedeckten ihn mit der Erde, die sie schon ausgehoben hatten.

Am anderen Morgen besah ich mir die Stelle und fand, daß nur die lockere Erde über den Leichnam gebreitet war. Nachdem ich beide darauf aufmerksam gemacht und zu ihnen gesagt hatte, daß die Sache leicht entdeckt werden  könne, wenn ein Mensch oder ein Tier in den Stadel komme, nahmen sie Sand und Steinbrocken und überdeckten damit die Grabstätte.

Einige Nächte schlief ich noch in der Hausflur; nachdem aber mein Zimmer gereinigt worden war, zog ich wieder hinauf und blieb auch zur Nacht oben.«

Ein gemeiner Verbrecher hätte vielleicht alles in Abrede gestellt, frech geleugnet und abgewartet, was ihm bewiesen werden könnte. Riembauer zeigte sich als ein klug berechnender Mann. Indem er dem Richter in aller Offenheit mit einer vollständigen Aussage entgegenkam, wollte er dessen Vertrauen gewinnen und die Mine, die man ihm gelegt hatte, durch eine Kontremine sprengen. Schritt für Schritt erzählte er mit geringen Abweichungen die Geschichte so, wie er annehmen mußte, daß die Anklägerin sie vorgebracht haben würde. Er zeigte sich schuldbewußt, aber seine Schuld bestand nur darin, daß er aus christlichem Mitleid geschwiegen hatte, weil er doch die Tat nicht ungeschehen machen konnte, und aus einem Angeklagten wurde so ein Ankläger, freilich nur gegen Personen, auf deren Mund der Tod ein Siegel gelegt hatte.

Der Tatbestand des Verbrechens stand also fest. Nur über die Täterschaft lagen widersprechende Angaben vor. Nach Riembauers Angabe sollten also Magdalena Frauenknecht und ihre Mutter die entsetzliche Mordtat begangen haben, und zwar deshalb, weil die Eichstädter Pfarrköchin werden wollte und die Magdalena es schon war. Die Eifersucht ist ein furchtbares Motiv und hat furchtbare Taten hervorgebracht. Aber wie unbedeutend erschien hier der Grund. Magdalene war im vollen Genuß aller Rechte, die sie überhaupt besitzen konnte, die Eichstädter hatte sie einmal vor langen Jahren besessen, und es hatte durchaus nicht den Anschein, als ob sie sich wieder in den Besitz  dieser Rechte setzen könnte; denn die Frauenknechts hatten den Pfarrer ganz auf ihrer Seite. Dafür sprach außerdem die Aufgebrachtheit der Eichstädter, die den Frauenknechts bekannt war, und zu der sie keinen Grund gehabt hätte, wenn Riembauer ihr mehr gewogen gewesen wäre und sie der Magdalena gern vorgezogen hätte.

Aber die Leidenschaft ist blind. Sie handelt oft ohne Not gegen ihr eigenes Interesse. Jedenfalls aber muß der sonstige Charakter der angeschuldigten Personen für die Möglichkeit einer verbrecherischen Handlung sprechen. Magdalena aber besaß, wie Riembauer selbst angab, ein sanftes, gutartiges weibliches Gemüt. Sie war ein furchtsames, ängstlich schüchternes Mädchen. Es ist nicht einzusehen, was sie plötzlich in eine rücksichtslose Mörderin umgewandelt haben sollte. Außerdem war die Eichstädter stark, groß, breitschultrig, von kräftigem Muskelbau, Magdalena dagegen klein, mager, schmächtig und schwächlich. Wie wäre es möglich gewesen, daß die kleine Schwache der großen Starken die Gurgel hätte durchschneiden können? Und das sollte noch dazu mit einem Rasiermesser geschehen sein. Greift aber eine Frauenhand nach dieser Waffe, die bei ihrer Beweglichkeit sehr unsicher ist und häufig denen, die sie gebrauchen, Schaden bringt? Im offenen Streite, von dem Riembauer spricht, kann man jemand wohl damit verwunden, aber um der Eichstädter die Gurgel abzuschneiden, hätte sie sich nicht wehren dürfen, sondern stillhalten müssen wie eine Puppe.

Damit war für den Richter die völlige Unmöglichkeit, daß Magdalena die Täterin gewesen sein könne, dargetan, und die Schuld fiel mit verdoppeltem Gewicht auf Riembauer zurück, der die Tat selbst eingeräumt hatte und nur einen falschen Täter vorgeschoben haben mußte. Überdies lieferte sein Benehmen während der Gefangenschaft unzweideutige  Beweise dafür, daß er sich seiner Schuld wohl bewußt war. Er suchte seine Wächter zu bestechen und schrieb an alle Personen seiner näheren Bekanntschaft ausführliche Briefe mit Anweisungen, wie sie für ihn Zeugnis ablegen sollten. Er bat darum, sie möchten aussagen, daß die verstorbene Magdalena sich ihnen gegenüber selbst als Mörderin an der Eichstädter bekannt habe. So drang er in den Pfarrer K., er solle das Gewünschte aussagen, und zwar einmal um ihrer brüderlichen Liebe willen, dann aus Rücksicht auf die »gute Nandel«, seine Köchin, weiter in Hinsicht auf seine, Riembauers, Freunde, ferner, um das Ansehen der Geistlichkeit nicht zu schmälern, auf die der Fall einen Schatten werfen könnte, und endlich und vor allem wegen der Gläubigen, denen diese Dinge ein Ärgernis sein müßten. Seiner Köchin Anna Weniger schärfte er ein, ja den grünen Regenschirm schleunigst auf die Seite zu schaffen. Außerdem machte er den freilich vergeblichen Versuch, durch Bestechung Einsicht in die Untersuchungsakten zu erlangen. Das alles wurde entdeckt. Er wurde in ein anderes Gefängnis gebracht und erhielt andere Wächter. Sogleich erkannte er den Grund dieser Maßnahme und verfiel auf eine neue List, um die Beweise, die für sein Schuldbewußtsein sprachen, zu entkräften. Er erklärte dem Richter, eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben, nämlich die, daß seine Verstandeskräfte geschwächt seien und daß er aus der leicht erklärlichen Mißstimmung über seine Lage in den letzten Wochen in einen vorübergehenden Wahnsinn verfallen sei und in diesem Zustande Dinge getan und geschrieben habe, über die er keine Rechenschaft geben könne. Dabei bemühte er sich, nach irgendeiner Jesuitenlogik auseinanderzusetzen, daß jemand in gewissen Tagen wohl den sensus externus und auch den sensus internus besitzen könne, trotzdem aber bei seinen  Handlungen des sensus intimus ermangle. Dieser sensus intimus nun, auf den alles ankomme, habe ihm in der letzten traurigen Zeit vollkommen gefehlt.

Vier Jahre lang, in neunundneunzig Verhören, blieb Riembauer, ohne einen Umstand zurückzunehmen, bei der Angabe, die Magdalena habe die Eichstädter ermordet, und er habe nur aus christlicher Liebe und durch eine falsch verstandene Priesterpflicht verleitet, dazu geschwiegen. Er könne von dieser Aussage nicht abweichen, »wenn man ihm auch, wie dem heiligen Bartholomäus, die Haut über den Kopf ziehe. Ja, wenn er schon auf dem Schafott stehe und tausend Teufel hinter ihm, werde er sie noch mit seinem letzten Hauche in die Welt hinausrufen.«

Riembauer fiel in diesen vier Jahren nie aus seiner Rolle. In den Verhören zeigte er stets die ruhige Gelassenheit eines Dulders und pflegte die Fragen des Richters mit einem süßen Lächeln zu beantworten. Fuhr er einmal auf wie im Gefühle schwerbeleidigter Unschuld, so stimmte er sich sogleich wieder zum milden Tone der Sanftmut herab und bat, ihm seine »Wärme« nicht übelzunehmen, die bei einem Menschen begreiflich sei, dem Wahrheiten, die doch auf der Hand lägen, immer und immer wieder nicht geglaubt würden, und der einem wehrlosen Schaf gleiche, das von den bissigen Hunden angefallen werde. Zuweilen, wenn ihm der Richter einmal recht scharf zuleibe ging, redete er zu ihm im Tone des Kanzelredners, dann aber brach er wieder über die unerhörten Lügen, »die der Teufel gegen ihn erfunden habe«, in helles Gelächter aus. Zu Tränen brachte er es nie, obwohl er sich große Mühe gab, welche zu vergießen.

Der Richter versuchte, Riembauer von der Ungereimtheit seines Märchens zu überzeugen, indem er an seinen gesunden Menschenverstand appellierte. Es half nichts.  Kein Widerspruch war so seltsam, daß er nicht sogleich eine ausgleichende Hypothese für ihn bereit hatte. Machte man ihn auf Magdalenas sanften Charakter aufmerksam, so hielt er eine große Rede über die Macht der Eifersucht und die Leidenschaftlichkeit des weiblichen Geschlechts im allgemeinen. Zeigte man ihm die Unmöglichkeit der Tat, so streifte er mit seiner wie gewöhnlich lächelnden Miene die Halsbinde ab und machte an seinem eigenen Halse auf das anschaulichste deutlich, wie die Operation leicht und schnell habe verrichtet werden können. Sei auch ein Rasiermesser eine zweifelhafte Waffe und eine Mädchenhand schwach, so sei in der Natur doch ein gewisser Motus primo primus, der in dem Augenblick, in dem das Messer einmal angesetzt wäre, sogleich in der Hand zu wirken anfange und ihr eine mehr als gewöhnliche Kraft verleihe.

Vor allem kam es ihm darauf an, die Glaubwürdigkeit der Katharina zu verdächtigen. Ganz besonders aber suchte er bei den Gegenüberstellungen auf die Zeugen einzuwirken, indem er einmal ihr Mitleid zu erregen, ein andermal sie durch Gefühle der Ehrfurcht für seinen heiligen Stand zu beeinflussen und ihnen endlich durch eine gemachte Amtswürde und salbungsvolle Predigten zu imponieren suchte. Gelangen ihm alle seine Künste nicht, so verdächtigte er die Zeugen und rief in heiligem Zorn über die Verruchtheit der Menschen alle Strafen des Himmels auf ihr Haupt herab. Als er einst von den Zeugen bis zur Evidenz der Unwahrheit überführt war und seine Künste ihn verließen, rief er mit funkelnden Augen aus: » Quis contra torrentem! Wenn dreißigtausend Menschen daständen und sagten, der Teufel sei weiß, so werde ich doch allezeit behaupten, der Teufel sei schwarz, so wie ich auch jetzt behaupten muß, daß ich die Wahrheit  geredet habe, und nicht jene.« Dabei versicherte er oft, sein Gemüt gleiche einer Taube ohne Galle, und er wünsche dem Richter nur einen Zauberspiegel, in dem er die Reinheit seiner Seele lesen könne. Ja, einst gab er folgende wörtliche Erklärung: »Mein Herz schaudert bei einer solchen Beschuldigung. Um zu begreifen, wie unwahrscheinlich sie ist, bitte ich, nur einmal meinen priesterlichen Charakter zu erwägen. Ich habe gewußt, daß der Priester durch Mord sogleich irregularis wird, excommunicationem majorem ispo facto illatam incurrere, und daß David die Schuld am Tode des Urias teuer gebüßt hat und nicht mehr würdig war, den Tempelbau zu beginnen. Wie wäre es nun möglich, daß ich, indem ich Gott, Seele und Seligkeit und ewige und zeitliche Strafgerichte vergaß, mit Händen, die noch von unschuldigem Blute rauchten, mich in das Heiligtum des Herrn hätte hineinwagen, die Geheimnisse der Religion hätte ausspenden und mich so hätte von Abgrund zu Abgrund stürzen können?«

Da es nutzlos gewesen war, an den Verstand des Angeschuldigten zu appellieren, wandte der Richter sich nun an sein Herz und an seine Einbildungskraft. Am Allerseelentage 1815, dem Tage, an dem acht Jahre vorher der Mord begangen worden war, wurde nachmittags um vier Uhr das achtundachtzigste Verhör eröffnet. Es zog sich bis in die Nacht hin. Riembauer blieb unerschütterlich. Da redete ihm der Richter noch einmal eindringlich zu Herzen und hob plötzlich ein Tuch auf, unter dem auf einem schwarzen Kissen ein Totenkopf lag, an dem zwei Reihen der schönsten Zähne noch deutlich zu erkennen waren.

Riembauer sprang empor, riß die Augen auf, starrte den Richter an, lächelte dann wie gewöhnlich, trat rasch  drei Schritte zur Seite, um dem Schädel nicht in die drohenden Augenhöhlen sehen zu müssen, faßte sich aber bald wieder, und indem er zweimal von der Seite her auf den Schädel zeigte, sprach er: »Mein Gewissen ist ruhig. Wenn dieser Totenkopf hier reden könnte, würde er sagen: Riembauer ist mein Freund, er war nicht mein Mörder. – – Ich fühle mich – ich brauche nicht Luft zu schöpfen; aber das schmerzt mich, daß ich so einem Verdacht ausgesetzt werde und mir so Schlimmes zur Last gelegt wird. Morgen (Riembauer verlegte absichtlich von Anfang an den Mordtag auf den folgenden Tag, den 3. November, um auch dadurch die Genauigkeit der Aussage Katharinens zu verdächtigen), morgen jährt es sich, daß ich, als ich von Pirkwanz zurückkehrte, nicht nur wie heute diesen Totenkopf, sondern den ganzen Körper tot in meinem Zimmer fand. Als Staatsbürger bedarf ich immer der Gnade Sr. Majestät, aber als Verbrecher bedarf ich ihrer nicht.« Am Schluß der Verhandlung führte ihn der Richter noch einmal vor den Totenkopf. Sein innerer Kampf war fühlbar, aber mit heuchlerischem Lächeln und in feierlichem Tone sprach er zu dem Schädel: »O, wenn du sprechen könntest, so würdest du meine Aussage bestätigen.«

Die Akten umfaßten, als sie im Oktober 1816 zur Verhandlung eingesandt wurden, zweiundzwanzig Foliobände. Als darauf im Oktober 1817 in der achten Sitzung mit Erstattung des Hauptvortrages angefangen worden war, wurde er durch eine Meldung des untersuchenden Gerichts unterbrochen. Riembauer hatte zwar nicht bekannt, aber die Aussage verändert, jedenfalls um das Urteil zu verzögern. Er habe den Heiligen Geist um volle Erinnerung angefleht, sagte er, und dieser habe ihm gezeigt, daß er sich geirrt habe. Er habe nicht aus eigener Wissenschaft gesprochen,  als er die Katharina entschuldigte, jetzt erinnere er sich genau, daß er eines Tages von einer Frau W. gehört habe, eine gewisse Katharina Schmidt habe ihr eine Äußerung der Magdalena Frauenknecht mitgeteilt, nach der nicht diese, sondern ganz allein ihre Mutter die Eichstädter ermordet haben sollte.

Die Untersuchung begann aufs neue, wurde aber wieder durch einen Zwischenfall unterbrochen.

Ein Jude, der einen Mord begangen hatte und den seltsamen Namen Lammfromm führte, wurde zur Hinrichtung abgeführt. Es geschah am 20. November. Riembauer sah ihn von seinem Gefängnis aus den Weg zum Schafott antreten. Seine Standhaftigkeit, seine Ruhe und seine Heiterkeit befremdeten ihn. Als er seine Verwunderung darüber äußerte, wie ein Mörder, und noch dazu ein Jude, zu einer solchen Freudigkeit im Sterben habe gelangen können, antwortete man ihm, Lammfromm sei erst von dem Augenblick an, da er aufrichtig bekannt und sich mit seinem Gewissen ausgesöhnt habe, in diese Stimmung versetzt worden, die ihn dann bis zu seinem Tode nicht verlassen habe.

Riembauer wurde von nun an unruhig, er aß und trank wenig und ließ um ein Verhör bitten, weil er an einer Krankheit seines Gewissens leide, »die vielleicht durch eine aufrichtige Beichte geheilt werden könne«. Im Verhör, es war gerade das hundertste, fiel er auf die Kniee nieder und sprach dann davon, daß er das Leben satt habe, und von allerhand Visionen, die ihn während der Nacht plagten. Auf die Bemerkung des Richters, daß die Ursache seiner Gemütszerrüttung nur in seiner eigenen Schuld zu suchen sei, antwortete er jedoch, nein, nur die schlaflosen Nächte seien Ursache seiner Ermattung, die Geschichte sei so gewesen, wie er sie erzählt habe. Der Richter strengte nun  seine letzte Kraft an, ihn zu bewegen, daß er durch ein unumwundenes Geständnis der Wahrheit endlich einmal sein Herz erleichtern möge. Da brach die Rinde. Er bekannte, nachdem er um den Schutz der Regierung für seine unschuldigen Kinder und für seine letzte Köchin gefleht hatte: »Ich bin es, der die Anna Eichstädter ums Leben gebracht hat.«

Sein neues Bekenntnis, das er in dreizehn folgenden Verhören wiederholte, berichtigte und ergänzte, stimmt freilich im allgemeinen mit dem überein, was wir aus der Aussage der Katharina Frauenknecht bereits wissen, es ist aber psychologisch von solcher Wichtigkeit, daß wir es im wesentlichen hier aufführen müssen.

Die Eichstädter hatte ihm durch Mahn- und Drohbriefe, vor allem aber durch ihr Verlangen, sie als Pfarrköchin ins Haus zu nehmen, einen solchen Schrecken eingejagt, daß er befürchtete, durch ihre leidenschaftlich unbesonnene Zudringlichkeit vor aller Welt entlarvt, um Ehre und guten Namen gebracht, vielleicht sogar abgesetzt oder wenigstens von der Beförderung ausgeschlossen zu werden. Alle seine Vorstellungen halfen nichts. Seine Ehre, sein Stand, sein öffentliches Ansehen, alles, was ihm heilig und teuer sein mußte, war durch die Ankunft der Eichstädter in Oberlauterbach bedroht. Da fiel ihm der Grundsatz des Pater Benedikt Stattler in dessen Ethica christiana ein, nach dem erlaubt ist, einem anderen das Leben zu nehmen, wenn man seine eigene Ehre und seinen eigenen guten Ruf nicht anders zu retten vermag, denn die Ehre sei noch ein höheres Gut als das Leben, und gegen denjenigen, der unsere Ehre angreift, müsse uns das gleiche Recht zur Notwehr zustehen wie gegen einen Räuber. Er dachte nun über diesen Grundsatz nach, den der Professor Stattler ihm als jungem Geistlichen in seinen Lektionen expliziert  hatte, fand, daß er ganz auf seinen Fall paßte, und machte sich ein dictamen practicum daraus. Meine Ehre, dachte er sich, geht durch die Eichstädter, wenn sie nach Lauterbach kommt und ihre Drohungen wahr macht, verloren, ich werde vom Konsistorium removiert, auch mein ganzes Vermögen ist dann verloren, und mein Ruf in der Diözese ist dahin. Schon seit dem Auftritt bei Kumpfmühl bis zu Ankunft der Eichstädter am 2. November 1807 hatte er oft über jenen Stattlerschen Grundsatz nachgedacht, aber es blieb alles noch Idee, und er dachte noch nicht an die Art und Weise seiner Anwendung.

Da nahte der verhängnisvolle November 1807, in dem Riembauer der Eichstädter dreißig Gulden Kostgeld für ihr Kind vorausbezahlen sollte, aber keinen Kreuzer, sondern nur Schulden hatte. Jeden Augenblick mußte er erwarten, daß sie kommen würde. Am Allerseelentage nun, als er abends mit der Magdalena Rüben vom Felde nach Hause fuhr, sah er zu seinem größten Schrecken wirklich die Eichstädter in den Thomashof treten. Er traf sie in der unteren Stube und nahm sie nach einer kurzen Unterredung mit hinauf. Einen Augenblick dachte er daran, sie über die Treppe hinabzuwerfen. Da ihm aber einfiel, daß sie durch den Fall nur etwas brechen und das Übel noch ärger werden könnte, unterließ er es und nahm sie mit in sein Zimmer.

Die Eichstädter erklärte ihm hier, sie wolle jetzt ein für allemal wissen, woran sie sei; sie verlange, daß er sie als Köchin aufnehme und die Magdalena entlasse. Aber auch nachdem er ihr seine Verhältnisse und die Unmöglichkeit, ihr Verlangen zu erfüllen, auseinandergesetzt hatte, so umständlich und so eindringlich er konnte, bestand sie auf ihrem Willen. Da ging er hinunter, angeblich um Bier zu holen, in Wahrheit aber, um sein Rasiermesser und ein  Brotmesser zu sich zu stecken. An dieser Stelle aber nimmt der Verbrecher noch in seinem letzten Bekenntnis zu einer höchst unwahrscheinlichen und unmotivierten Lüge seine Zuflucht, um wenigstens einen Teil der Schuld von sich auf eine Tote abzuwälzen. Er sagt, die Magdalena habe ihn in der Unterstube dringend aufgefordert, die Eichstädter zu ermorden.

Eine ganz genaue Erzählung des eigentlichen Mordfalles hat man aus Riembauers Munde nicht erhalten. Er warf einzelne Momente zusammen, um das Gräßliche des Vorfalls abzuschwächen. Wahrscheinlich suchte er, als er wieder in die Oberstube trat, die Tobende zu beschwichtigen, schmeichelte ihr durch freundliche Worte, bog ihren Kopf mit einer Gebärde, als ob er sie küssen wolle, rückwärts und begann dann sein grausiges Werk, Auch jetzt, erklärte er, sei ihm der Grundsatz des Pater Stattler wieder eingefallen. Er ergriff zuerst das Brotmesser und stieß es der Ahnungslosen in den Hals. Als er zu starken Widerstand fand, hielt er sie von hinten beim Halse fest, schlug sie unerwartet auf den Kopf und steckte ihr den Finger in den Mund, um sie zu erdrosseln. Dabei rief er ihr zu: »Mach Reu und Leid, du mußt sterben.« Sie bat ihn flehentlich um ihr Leben. Er aber »nahm nun das Rasiermesser aus der Tasche, brachte, indem er die Eichstädter von hinten umarmte, mit der rechten Hand die Schneide an ihren Hals und half mit der linken Hand das Messer mit der Fingerspitze in die Gurgel eindrücken.« Sie stand noch drei bis vier Minuten, nachdem er das Messer hatte fallen lassen, ganz aufrecht da. Er flehte sie an: »Mariandl, ich bitte dich und Gott um Verzeihung. Du wolltest es selber so. Bitte zu Gott um Verzeihung deiner Sünden, und ich gebe dir die Absolution.«

Er gab ihr die Absolution als in casu necessitatis. Nun brachen ihr die Kniee, er faßte sie rücklings in beide Arme und ließ sie sanft auf den Boden nieder, damit sie nicht falle. Dann sprach er der Liegenden noch geistliche Trostsprüche zu, bis sie mit den Füßen zu zappeln anfing und ihre Lebensgeister entflohen. Darauf stieg er die Treppe hinunter und befahl den Frauenknechtschen das tiefste Schweigen.

Als er sich die Hände waschen wollte, hörte er, wie oben das Zappeln und Trampeln wieder begann. Eine der Frauen rief: »Jesus Maria! Die wird wieder lebendig.« Er sprang sogleich wieder die Treppe hinan, fiel von neuem über sie her und drehte ihr die Halsbinde enger zusammen, um ihren Tod zu beschleunigen und ihre Leiden abzukürzen.

Nach seiner Aussage blieb der Leichnam den ganzen folgenden Tag auf seinem Zimmer liegen, und erst in der Nacht zum 4. November wurde die Ermordete im Seitenkämmerchen des Stadels begraben. Er selbst grub das Loch. Magdalena und ihre Mutter halfen ihm den Leichnam auf einer Misttrage von oben bis in den Stadel zu tragen. Es ist möglich, daß Katharina, die den Vorgang von unten her beobachtete, nur den Pfarrer sah, da der voranging. Riembauer selbst schildert diese Begräbnisszene so: »Das für den Leichnam gegrabene Loch schien zu kurz und zu flach, weshalb der Kopf und die Arme, die in einer bittenden Stellung steif geworden waren, noch weit aus dem darübergebreiteten Sand herhervorragten. Ich trat daher mit beiden Füßen auf Kopf und Leib des Leichnams und ging mit aller Gewalt meines Körpers auf ihm umher, wobei ich im Leib der Toten ein dumpfes Knurren vernahm.« Er bedeckte den Leichnam noch einmal mit Sand, und eine Weile später warf er noch  eine Anzahl Ziegelbrocken über das Loch, da sich einer seiner Drescher, der in das Kämmerchen gegangen war, an den herausragenden Händen gestoßen hatte und das auch Riembauer selbst einmal begegnet war. Im Frühjahr trug er deshalb mit der Magdalena übriggebliebenen Bausand in die Kammer und ebnete damit den Boden. Nun erst störte ihn die Eichstädter nicht mehr.

Einer der Schuhe der Ermordeten war beim Herabtragen auf den Boden gefallen. Er hatte ihn in kleine Stücke zerhackt und auf den Düngerhaufen geworfen. Den Regenschirm des Pfarrers, den die Elchstädter mitgebracht hatte, hatte er zu sich genommen, ebenso ihre silberne Florschnalle und ihren Geldbeutel mit etwa zwei Gulden.

Zum Schluß sagte er: »Sonst weiß ich über die traurige Geschichte nichts mehr anzuführen als meinen Jammer und mein stilles Leid, und daß ich öfters für die Eichstädter Messen gelesen habe.«

Von einer wahrhaften Herzenszerknirschung und aufrichtigen Reue aber fand sich in seinen Bekenntnissen keine Spur. Mit jesuitischen Kunststücken suchte er den Mord vor sich selbst zu rechtfertigen: seine Hände seien durch Schrecken, Furcht und Fassungslosigkeit regiert worden, und auf diese Weise sei der Mord zustande gekommen, ohne daß die Vernunft dabei eine Stimme gehabt habe. Auch mit dem von ihm angeführten Stattlerschen Grundsatze wußte er diese willenlose Handlung in Einklang zu bringen, denn dieser Grundsatz hätte seine Vernunft eingeschläfert, sagte er, und zwar so sehr, daß alle weiteren Handlungen rein mechanisch vor sich gegangen seien. Er bemühte sich, darzutun, daß er im Grunde genommen einen guten Zweck im Auge gehabt habe, also könne seine Tat eigentlich kein Verbrechen sein. »Ich hatte keine andere Absicht, als den öffentlichen Skandal zu verhüten, den vielen  Sünden und Übeln vorzubeugen, die, wenn das Volk davon erfahren hätte, hätten entstehen müssen, und die Achtung vor meinem ehrwürdigen Stand und die Ehre des Klerus aufrecht zu erhalten. Hätte ich bei dem Volke nicht in so hohem Ansehen gestanden, so hätte ich mir eine Bloßstellung eher gefallen lassen können. So aber konnte ich voraussehen, daß die Entdeckung meiner Verbrechen eine Menge Übel zur Folge haben werde. Nun würden sich die Menschen mancherlei Sünden erlaubt, manche würden nicht mehr an Gott geglaubt, andere dies und jenes nicht mehr für so hoch und heilig geachtet haben. Da ich diese meine Absicht auf keine andere Weise als durch Ermordung der Eichstädter zu erreichen wußte, so räumte ich sie eben hinweg; diese Tat war also nur das Mittel zur Erreichung meines guten Zwecks. Ich kann daher unmöglich glauben, daß meine Absicht ein Verbrechen sei, indem ich mein öffentliches Ansehen sowie die Achtung des Klerus zu erhalten und den öffentlichen Skandal zu vermeiden suchte.«

Also zum Ruhme Gottes und der Kirche wurde er ein Mörder, und zum gleichen Zwecke leugnete er vier Jahre lang seine Tat ab, wie er selbst gestand. »Nachdem ich es aber«, sagte er weiter aus, »als eine Bestimmung Gottes einsehen gelernt hatte, daß meine Tat von mir selbst entdeckt werden sollte, so gab ich alles zu.« Ja dieses Leugnen hielt er sogar noch für ein verdienstvolles Verhalten. »Ich glaube deswegen Schonung zu verdienen, weil ich meine Handlungen so einrichtete, daß sie kein öffentliches Ärgernis gaben.«

Was nun die zweite Anschuldigung betrifft, die die junge Katharina Frauenknecht gegen den Pfarrer erhoben hatte, daß er nämlich ihre Schwester und ihre Mutter durch Gift aus der Welt geschafft habe, so blieb sie so fest dabei  wie bei der anderen durch Riembauers endliches Geständnis in allen Hauptumständen erwiesenen Anklage. Magdalena und ihre Mutter waren bekanntlich beide plötzlich im Jahre 1809 erkrankt und erstere nach drei, die andere nach acht Tagen gestorben. Es war auch erwiesen, daß Riembauer nur unwissende Quacksalber zu Rate gezogen und der Magdalena die Arznei selbst gereicht hatte. Als man im Dezember 1813 die Leichname auf dem Kirchhofe zu Priel ausgrub, zeigten sich an beiden auffällige Erscheinungen. Das Gehirn der Magdalena war nur eingeschrumpft und beinahe so gut erhalten wie das einer frischen Leiche; das Muskelfleisch in der Bauchhöhle war zu einer zähen, bastartigen, noch faserigen Masse zusammengeschrumpft wie bei einer Mumie. Alles das erinnerte an die Kennzeichen einer Arsenikvergiftung, wie man sie etwa bei den Leichen im Ursinusschen Falle wahrgenommen hatte. Aber bei der chemischen Untersuchung des kleinen Restes der Eingeweide konnte man keine Spur von Gift entdecken. Das Medizinalkollegium sprach sich in seinem Gutachten dahin aus, daß beide Personen, wie die während ihrer Krankheit beobachteten Erscheinungen zeigten, eines natürlichen Todes gestorben seien. Ein Nervenfieber habe damals in der ganzen Donaugegend gewütet, und in der Pfarrgemeinde Priel seien fünfzehn Personen befallen gewesen. Wahrscheinlich habe ein österreichischer Soldat, der im Pfarrhofe von Mutter und Tochter aus Mitleid verpflegt worden sei, die beiden Frauen angesteckt. Vor diesem Gutachten mußten die Indizien zurücktreten. Riembauer selbst leugnete natürlich alles, obwohl die Motive zu einer solchen Tat nahe genug lagen. Auch die Angabe Katharinas, daß er ihr ebenfalls nach dem Leben getrachtet habe, wurde durch keinerlei tatsächliche Anhaltspunkte unterstützt und höchstens noch wahrscheinlich  gemacht durch den Beweggrund, den man für die Tat annehmen konnte: auch diese letzte Mitwisserin aus dem Wege zu räumen. Um dem Richter einen Beweis seiner Aufrichtigkeit zu geben, bekannte dagegen Riembauer mit zuvorkommender Bereitwilligkeit, daß er zweien seiner Geliebten, darunter auch seiner letzten Köchin – die es jedoch leugnete – Mittel zur Abtreibung ihrer Leibesfrucht gegeben habe. Sein und ihr Gewissen hatte er jedoch damit beruhigt, daß ein Kind in den ersten Monaten der Schwangerschaft nach der Auffassung des Kanonischen Rechts noch als kein foetus animatus zu betrachten sei. Ebenfalls um seine Aufrichtigkeit zu beweisen und zugleich den Satz zu erläutern, daß Gedankensünden keine Verbrechen seien, gestand er, daß ihm einmal der Gedanke gekommen sei, einem Wirte, der ihm ein Darlehen verweigerte, das Haus wegzubrennen. Dann habe er auch einmal zu Gott gebetet, daß er einen Menschen, den er haßte, töten möchte. Gott habe sein Gebet erhört, und der Mensch sei wirklich gestorben.

Der an der Eichstädter begangene Mord blieb der Hauptgegenstand der richterlichen Entscheidung gegen den Verbrecher. Man sollte meinen, hier hätten keine Bedenken obgewaltet, da alles klar ermittelt war, Tat, Täter, Motiv, da bei vollem Geständnis kein Gegenbeweis versucht und kein Alibi aufgestellt worden war und Riembauers ganze Verteidigung auf seiner jesuitischen Logik beruhte. Auch die Zeugenaussagen stimmten völlig mit dem Geständnis des Mörders überein und schlossen die Möglichkeit einer falschen Selbstanklage oder einer durch eine aufgeregte Phantasie hervorgebrachten Irrung unbedingt aus. Zu allem Überfluß hatte man die Leiche gefunden, und zwar in der Stellung, die der Mörder selbst bezeichnet hatte.

So fehlte also nichts zur Feststellung des ganzen Tatbestandes des Verbrechens als die förmliche Obduktion der Leiche, wie sie das Gerichtsverfahren vorschrieb. Da der Leichnam aber über sechs Jahre in feuchtem Boden begraben gelegen hatte und nichts als das Gerippe und selbst das nicht ganz vollständig übriggeblieben war, konnte nicht mehr ermittelt werden, ob die eigentliche Tötung durch Abschneiden des Halses oder durch Erdrosselung erfolgt sei.

Dieser Mangel erschien den erkennenden Gerichten in Bayern so wichtig, daß Franz Sales Riembauer sowohl in erster als auch in zweiter Instanz (1818) zwar als des Mordes schuldig erkannt, aber nicht zum Tode, sondern zur Festungsstrafe auf unbestimmte Zeit verurteilt wurde. Die zweite Instanz verschärfte nur den Grad der Festungsstrafe.

Feuerbach hat sich in seiner ausgezeichneten Darstellung dieses Falles der Mühe unterzogen, den Beweis zu führen, wie in dem Verfahren der Mangel einer förmlichen Leichenschau durch das eigene Bekenntnis des Verbrechers in Verbindung mit den anderen Beweisen auf das vollkommenste ersetzt und dadurch diejenige Gewißheit erlangt worden sei, die den Richter berechtigte, den Angeklagten zur ordentlichen Strafe zu verurteilen. Wir glauben vor unseren juristischen wie vor unseren nichtjuristischen Lesern dieser Ausführung überhoben zu sein. Wenn der Tod eine Strafe für den vollbrachten Mord ist, welcher Mörder hätte ihn dann vollständiger verdient als Franz Sales Riembauer, gleichviel ob der Tod seines Opfers durch den Schnitt in die Gurgel oder durch das spätere Erwürgen erfolgt ist, und das allein ist es, was überhaupt zweifelhaft blieb. In beiden Fällen hatte Riembauer den festen und  bestimmten Willen, die Eichstädter umzubringen, und das Resultat war, daß sie unter seinen Händen starb.

Noch viel seltsamer aber mutet der zweite Grund an, den auch der Richter der zweiten Instanz anführte, wenn er die ordentliche Strafe ausschloß, »weil Riembauer sonst als Verbrecher nicht berüchtigt und derselbe nicht kraft besonderer, hinreichend erwiesener, nicht aus dem Geständnisse des Inquisiten selbst, sondern anderswoher erhellender Umstände mit Bestimmtheit als eine Person zu betrachten ist, zu welcher man sich eines Mordes versehen kann.« Zu wem kann man sich denn dann eines bestimmten Verbrechens versehen, wenn die Taten und Gesinnungen eines Riembauer diesen nicht als fähig bezeichnen, ein Verbrechen zu begehen? Wenn ein Erbschleicher in Verdacht des Vatermordes gerät, muß er denn dann schon früher einmal seinen Vater ermordet haben, damit man ihn für fähig halten kann, die Tat zu begehen?

Es bedarf keines Wortes mehr darüber, daß für dieses Verbrechen die ordentliche Strafe in ihrer ganzen Schwere gerechtfertigt gewesen wäre.

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