Die Ballade vom Juraj Cup

»So was kommt wirklich vor, meine Herren«, sagte nun der Gendarmeriekapitän Havelka, »manchmal zeigt sich bei Verbrechern so eine Art ganz besonderer Gewissenhaftigkeit – Ordnungssinn möchte ich es nennen. Ich könnte Ihnen allerlei darüber erzählen, aber der merkwürdigste Fall ist sicherlich der mit dem Juraj Cup. Ich habe ihn miterlebt, damals, als ich in Jasina in Karpathorußland bei der Gendarmerie war.

Es war in einer Januarnacht, wir saßen beim Juden und soffen. Da waren: der Bezirkshauptmann, ein Eisenbahninspektor, andere hervorragende Honoratioren und, wie es sich dort von selbst versteht – Zigeuner. Diese Zigeuner – Herrgott, ich weiß nicht, was für ein sonderbares Pack die sind. Ich glaube, Hamiten sind sie. Wenn die einem so ins Ohr fiedeln, immer näher kommen, immer leiser werden, diese Rattenfänger, diese verfluchten, wenn sie einem … ich möchte sagen, so ins Ohr zaubern, so … so … so ziehen sie einem einfach die Seele aus dem Leib. Ich sage Ihnen, diese Zigeunermusik – ein furchtbares und geheimes Laster ist sie. Und wenn sie sich also derart an mir festsaugten, da heulte ich auf, brüllte wie ein Hirsch, stieß das Bajonett durch die Tischplatte, zerschlug Gläser, sang und schlug den Kopf gegen die Wand; ich hätte irgend jemanden umbringen können oder lieben – ja, solche Dinge gehen in einem vor, meine Herren, den die Zigeuner behext haben. Und als wir gerade mitten drin waren, kam der Schankjude und sagte, daß draußen vor dem Wirtshaus irgendein Ruthene stehe und auf mich warte.

›So soll er weiter warten oder morgen kommen!‹ schrie ich, ›ich weine hier um meine jungen Tage und begrabe meine Träume, ich liebe eine Frau, eine schöne große Frau – spiel auf, Diebszigeuner, spiel mir den Schmerz aus der Seele!‹ – Solche Reden führte ich. Das gehört schon so dazu, das mit dem Schmerz und daß man nicht aufhören kann zu saufen. Nach etwa einer Stunde kam der Wirt wieder; der Ruthene stehe draußen in der Kälte und warte noch immer auf mich. Ich aber hatte meine jungen Tage noch lange nicht genügend beweint und mein Leid war noch nicht im Tokaier ertränkt. Ich winkte also bloß mit der Hand wie der Dschingis-Chan, mir sei alles einerlei, spielt nur, Zigeuner, spielt! Was in dieser Nacht weiter geschah, kann ich nicht mehr sagen. Aber gegen Morgen, als ich aus der Schenke trat, war der Frost so scharf, daß der Schnee unter den Schritten wie Glas klirrte – und vor der Spelunke stand in weißen Opanken, weißen Hosen und weißem Schafpelz der Ruthene. Als er mich sah, verneigte er sich tief und ein Röcheln kam aus seinem Mund.

›Was willst du, Bacsi‹, redete ich ihn an, ›wenn du mich aufhältst, kriegst du ein paar übers Maul!‹

›Großmächtiger Herr‹, sagte der Ruthene, ›mich schickt der Vorsteher aus Volova Lehota her. Man hat die Marina Matejova ermordet.‹

Ich wurde ein wenig nüchtern. Volova Lehota war ein Dorf oder eher ein Weiler von dreizehn Hütten, vielleicht dreißig Kilometer weit oben in den Bergen. Mit einem Wort, in dieser Kälte eine schöne Bescherung. ›Um Gottes willen‹, schrie ich, ›wer hat sie umgebracht?‹

›Ich habe getötet, großmächtiger Herr –‹, sagte der Ruthene demütig. ›Juraj Cup nennt man mich, Dimitri Cup’s Sohn.‹

›Und du bist gekommen, um dich selbst anzuzeigen?‹ fuhr ich ihn an.

›Der Vorsteher hat es befohlen –‹, sprach Juraj Cup ergeben. ›»Juraj«, befahl er, »geh hin und melde dem Gendarm, daß du Marina Matejova erschlagen hast!«‹

›Und warum hast du sie erschlagen?‹ brüllte ich.

›Gott hat es befohlen‹, sagte Juraj, als ob es sich um eine selbstverständliche Sache handelte. ›»Töte Marina Matejova«, befahl der Herr, »deine leibliche Schwester, die vom bösen Geist besessen ist!«‹

›Aber wie zum Teufel bist du aus Volova Lehota hierher gekommen?‹

›Mit Gottes Hilfe‹, antwortete fromm der Juraj Cup. ›Der Herr hat mich beschützt, damit ich nicht im Schnee umkomme. Sein Name sei gelobt!‹

Wenn Sie wüßten, meine Herren, was so ein Schneesturm in den Karpathen bedeutet; wenn Sie wüßten, was das heißt, wenn dort der Schnee zwei Meter hoch liegt. Wenn Sie dieses kleine schwache Geschöpf Gottes Juraj Cup gesehen hätten, diesen Mann, der sechs Stunden in dem furchtbaren Frost vor der Schenke wartete, um sich selbst anzuzeigen und um mir zu bekennen, daß er die unwürdige Dienerin Gottes Marina Matejova umgebracht hat – ich weiß nicht, wie Sie sich verhalten hätten. Ich – ich habe mich bekreuzigt, und auch der Juraj Cup schlug ein Kreuz; dann habe ich ihn verhaftet. Ich wusch mir das Gesicht mit Schnee, legte Schneeschuhe an und mit einem zweiten Gendarmen, Kroupa hieß er, machte ich mich auf den Weg hinauf nach Volova Lehota. Und wenn der Gendarmeriegeneral selbst mir entgegengetreten wäre und mir gesagt hätte: ›Havelka, du Rindvieh, nirgends gehst du hin, bei so einem Schnee kostet der Weg das Leben!‹ – so hätte ich salutiert und hätte gesagt: ›Melde gehorsamst, Herr General, Gott hat es befohlen‹, und wäre doch gegangen. Und der Kroupa wäre auch gegangen, und zwar weil er aus Žižkov war; ich habe noch nie einen Žižkover gesehen, der nicht dabei gewesen wäre, wenn es sich darum handelte zu zeigen, was einer kann, an einem Bravourstück oder sonst an einem Unsinn. Also fuhren wir los.

Ich habe nicht die Absicht, Ihnen den Weg zu schildern. Nur soviel will ich Ihnen sagen, daß der Kroupa zuletzt vor Angst und vor Müdigkeit schluchzte wie ein kleines Kind. An die zwanzig Mal sagten wir uns: Jetzt ist es zu Ende. Jetzt bleiben wir auf der Stelle. Elf Stunden brauchten wir, um die dreißig Kilometer hinter uns zu bringen; von einer Nacht bis zur anderen. Das sage ich nur, damit Sie einen Begriff bekommen, wie es war.

Gendarmen haben Roßnaturen, meine Herren. Wenn so einer schon in den Schnee fällt und heult, daß er nicht weiter könne, dann muß es schon so arg sein, daß es sich einfach nicht schildern läßt. Ich ging wie im Traum und sagte mir nur immer wieder: Der Juraj Cup ist diesen Weg gegangen, dieses Menschlein, und er hat dann noch sechs Stunden in der Kälte gewartet, weil es ihm der Vorsteher so befohlen hatte, Juraj Cup in den nassen Opanken, Juraj Cup im Schneesturm, Juraj Cup mit Gottes Hilfe. Nicht wahr, wenn Sie sähen, daß ein Stein aufwärts fällt statt abwärts, so würden Sie das ein Wunder nennen? Aber von diesem Weg des Juraj Cup, der kam, um sich selbst anzuzeigen, spricht niemand als von einem Wunder, und dennoch war es ein größeres Zeichen und eine gewaltigere Kraft war darin als in dem aufwärtsfallenden Stein. Warten Sie, so sag‘ ich es vielleicht am besten: Wenn einer Wunder sehen will, dann muß er, meine ich, die Menschen ansehen und nicht die Steine.

Als wir schließlich in Volova Lehota ankamen, wankten wir wie Schatten, wir waren wahrhaftig mehr tot als lebendig. Wir pochten an die Tür des Ortsvorstehers – alles schlief. Endlich kam der Vorsteher mit seinem Gewehr heraus, so ein bärtiger Riese, und als er uns sah, kniete er nieder und band uns die Skier los, aber er sprach kein Wort. Wenn ich mich all dessen erinnere, so ist mir, als erblickte ich irgendwelche seltsame Bilder feierlich vereinfacht: wie uns der Vorsteher wortlos in eine der Hütten führte; in der Stube brannten zwei Kerzen; vor der Ikone kniete eine schwarze Frau, auf dem Bett lag im weißen Hemd die Leiche der Marina Matejova, den Hals bis zur Wirbelsäule durchschnitten. Es war eine furchtbare Wunde, aber dabei so sonderbar sauber, wie wenn der Fleischer ein Schwein teilt. Das Gesicht war ganz unirdisch weiß, so weiß wie nur Menschen, die bis zum allerletzten Tropfen ausgeblutet sind. Ohne ein Wort zu sprechen, führte uns der Vorsteher wieder zurück. In seiner Stube hatten sich indessen elf Männer in ihren Schafspelzen eingefunden. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie diese Pelze stinken: es ist ein beklemmender und irgendwie alttestamentarischer Geruch. Der Vorsteher hieß uns am Tische Platz nehmen, spuckte aus, verneigte sich und sprach: ›Im Namen Gottes klagen wir euch den Tod der Dienerin des Herrn Marina Matejova. Der Herr sei ihr gnädig!‹

›Amen!‹ sagten elf Bauern und bekreuzten sich. Der Vorsteher begann nun: Es war vor zwei Tagen, da habe er in der Nacht ein Kratzen gehört, als ob draußen vor der Tür jemand scharrte. Er habe es für einen Fuchs gehalten, sein Gewehr genommen und geöffnet. Auf der Schwelle lag ein Weib. Er hob sie auf, ihr Kopf fiel nach hinten. Es war Marina Matejova und ihre Kehle war durchschnitten; auch die Luftröhre, mithin war sie stumm.

Der Vorsteher habe Marina in die Stube getragen und sie aufs Bett gelegt. Dann habe er den Hirten befohlen Alarm zu blasen und alle Bauern aus Volova Lehota zu ihm zu rufen. Als sie beisammen waren, wandte er sich an Marina und sprach: ›Marina Matejova, bevor du stirbst, lege Zeugnis ab, wer dich gemordet hat! Marina Matejova, habe ich dich getötet?‹

Marina konnte nicht den Kopf schütteln, so schloß sie nur die Augen.

›Marina, war es der hier, dein Nachbar Vlaho, Vasils Sohn?‹

Marina schloß wieder die anklagenden Augen.

›Marina Matejova, war es dieser Bauer hier, war es Kohut, den man Vanka heißt? War es jener hier, der Martin Dudasch, dein Nachbar? – Marina, war es der da, Baran, Sandor genannt? – Marina, war es, der hier steht, Andrej Vorobec? – Marina Matejova, war es der Klimko ohne Ohr, der hier vor dir steht? – Marina, war es dieser dort, Stephan Bobot? – Marina, war Tatka dein Mörder, der Bergbauer, der Sohn Mihal Tatkas? Marina –‹

In diesem Augenblick tat die Tür sich auf, und herein trat Marina Matejovas Bruder, Juraj Cup. Marina erzitterte und riß die Augen auf.

›Marina‹, fuhr der Vorsteher fort, ›wer hat dich getötet? War es der hier, Fodor, genannt Terentik?‹

Marina aber antwortete nicht mehr. ›Betet!‹ sagte Juraj Cup, und alle Bauern fielen auf die Knie. Schließlich erhob sich der Vorsteher zuerst und sagte: ›Laßt die Frauen herein!‹

›Noch nicht!‹ sprach da der alte Dudasch. ›Marina Matejova, verstorbene Dienerin des Herrn, gib in Gottes Namen ein Zeichen: Hat Duro, der Hirt dich umgebracht?‹

Es war still.

›Marina Matejova, so hat Toth Ivan, Ivan’s Sohn dich getötet?‹

Nicht einmal ein Atmen ging durch den Raum.

›Marina Matejova, in Gottes Namen, so hat also dein leiblicher Bruder Juraj Cup dich gemordet.‹

+++

›Ich habe es getan‹, sprach Juraj Cup. ›Der Herr hat es befohlen. »Töte Marina«, sprach der Herr, »die vom bösen Geiste besessen ist!«‹

›Drückt ihr die Augen zu!‹ ordnete der Vorsteher an. ›Juraj, du gehst jetzt nach Jasina und stellst dich den Gendarmen. »Ich habe«, wirst du sagen, »Marina Matejova ermordet.« Ehe du es gesagt hast, wirst du dich nicht niedersetzen und wirst keinen Bissen zu dir nehmen. Geh, Juraj!‹ Dann habe er die Tür geöffnet und die Weiber eingelassen, damit sie an der Leiche wehklagten.

Ich weiß nicht, ob es der Geruch der Schafspelze war oder die Müdigkeit oder die wunderliche Schönheit und Würde, die in all dem lag, was ich gesehen und gehört hatte; jedenfalls trieb es mich hinaus in die Kälte, weil mein Kopf sich zu drehen schien. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, in mir stieg etwas hoch, als ob ich aufstehen und sagen müßte: Kinder Gottes! Kinder Gottes! Wir – wir werden den Juraj Cup nach menschlichem Gesetz richten; in euch aber ist Gottes Gesetz! – Mir war, als müßte ich mich tief vor diesen Leuten verneigen – aber ein Gendarm tut so etwas nicht, und darum ging ich hinaus und fluchte so lange vor mich hin, bis ich meine Gendarmenseele wieder gefunden hatte.

Es ist ein rauhes Handwerk, das Handwerk der Gendarmen. Am Morgen stöberte ich in Juraj Cup’s Hütte einige Dollarnoten auf, die die verstorbene Marina von ihrem Manne aus Amerika bekommen hatte. Selbstverständlich mußte ich das melden, und die Juristen machten aus dem Falle einen Raubmord. Juraj Cup wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. Mir aber wird kein Mensch einreden können, daß er den Weg von Volova Lehota nach Jasina durch menschliche Kraft zurückgelegt hat. Ich weiß sehr gut, was Menschenkraft ist. Ich glaube, ich weiß auch ein wenig, was Gottes Gericht – und was das Gewissen ist.«

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