Die Ermordung des Rittmeisters v. Krosigk

In unserem fortgeschrittenen Zeitalter sollte man erwarten, daß eine Verminderung der Verbrechen erfolge, ganz besonders, daß Morde nur noch zu den Seltenheiten gehören. Daß in der sogenannten guten, alten Zeit weniger Verbrechen vorgekommen sind, kann allerdings nicht behauptet werden. In der vormärzlichen Zeit wurden Gerichtsverhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt. Das Zeitungswesen war so wenig entwickelt, daß die Öffentlichkeit von begangenen Mordtaten nur spärlich etwas erfuhr. Es gewinnt aber fast den Anschein, als ob der kulturelle Fortschritt der Zeit wenig zur Verminderung von Kapitalverbrechen beigetragen hat. Im Gegenteil, der Fortschritt der Kultur hat nur bewirkt, daß ein größeres Raffinement bei Ausübung der Kapitalverbrechen angewendet wird. Daß ein Rittmeister, während er die von ihm befehligte Schwadron in der Reitbahn aufreiten läßt, ermordet wird, ist ein so ungeheuerlicher Gedanke, daß man ein solches Vorkommnis für unmöglich halten sollte. Und dennoch ist das Unglaubliche geschehen. In der Nähe der russischen Grenze, im äußersten Osten der preußischen Monarchie, einige Stunden hinter Königsberg, liegt das freundliche Städtchen Gumbinnen. Die Stadt ist Sitz einer Regierung und einer Oberpostdirektion und hat, wie alle Grenzstädte, eine starke militärische Besatzung. Einige Industrie wird betrieben, in der Hauptsache beschäftigen sich aber die Bewohner Gumbinnens mit Vieh –, insbesondere mit Pferdehandel und Landwirtschaft. Eine idillysche Ruhe lagert im allgemeinen über dem Städtchen, das mit der Garnison etwa15000 Einwohner zählt. Ruhig und friedlich leben hier die Bewohner. Eine geradezu ländliche Einsamkeit würde herrschen, wenn nicht die starke Garnison in das beschauliche Dasein der Gumbinner Bürgerschaft bisweilen etwas Leben brächte. Seit Menschengedenken war in dem Städtchen kein Kapitalverbrechen vorgekommen. Da, am 21. Januar 1901 ereignete sich ein Verbrechen, das in der ganzen Kulturwelt das größte Aufsehen erregte und wohl kaum jemals aufgeklärt werden wird. Trübe und regnerisch war es am 21. Januar 1901. Naßkaltes Wetter herrschte im Städtchen. Ein rauher Nordwind jagte durch die Straßen. Weit draußen in der Vorstadt, am Ende der Tilsiter Straße liegt die Kavalleriekaserne, ein stattlicher, massiver Bau, in dem das 11. Pommerische Dragonerregiment v. Wedel untergebracht war. Hinter dem großen Erxerzier- und Reitplatz erhebt sich eine sehr geräumige, massig gebaute, vollständig gedeckte Reitbahn, in der die Reiter gegen die Unbilden des Wetters geschützt sind. Gegen vier Uhr nachmittags ertönten aus der Reitbahn Kommandorufe. Rittmeister Freiherr v. Krosigk nahm mit der von ihm befehligten vierten Schwadron abteilungsweise Reitübungen vor. Plötzlich, kurz nach 4 1/2 Uhr, der Rittmeister hatte soeben kommandiert: »Eskadron halt, Front,« da ertönte ein Schuß. Der Rittmeister, der mit gezogenem Säbel, zu Fuß vor der Front der reitenden Abteilung stand, fiel mit dem Aufschrei: Ich bin geschossen zu Boden. Oberleutnant v. Hoffmann sowie alle in der Reitbahn anwesenden Offiziere und Unteroffiziere eilten schleunigst zu Hilfe. Sie trugen den anscheinend tödlich getroffenen Rittmeister auf ein frisch geschüttetes Strohlager, eine sogenannte Strohpuppe, und knöpften ihm den Uniformrock und den Hemdkragen auf. Oberleutnant v. Hoffmann erteilte sofort den Befehl, schleunigst einen Arzt herbeizurufen. Nach wenigen Minuten war auch ein Arzt in der Reitbahn eingetroffen, er vermochte aber keine Hilfe mehr zu bringen. Rittmeister v. Krosigk hatte dem Oberleutnant v. Hoffmann, als er ihm den Uniformrock aufknöpfte, zugerufen: Haben Sie geschossen? Fast in demselben Augenblick rief der Rittmeister in wehklagendem Tone: »Meine arme Frau, meine armen Kinder.« Dies waren seine letzten Worte, dann verschied er. Der Arzt konnte nur noch den Tod des Rittmeisters feststellen. stellen. Eine Kugel hatte ihn mitten ins Herz getroffen. Die Kunde von dem entsetzlichen Morde verbreitete sich naturgemäß mit Blitzeseile in den weiten Kasernenanlagen, in der Stadt Gumbinnen und wurde durch den Telegraph in alle Weltteile getragen. Oberleutnant v. Hoffmann ließ sofort die umfassendsten Nachforschungen nach dem oder den Mördern anstellen. Daß der Schuß nicht innerhalb der Reitbahn abgegeben war, lag außer Zweifel, es konnte nur von außen geschossen worden sein. Und richtig, hinter der Bandentür vor einem Guckloch, durch das man die ganze Reitbahn übersehen konnte, stand ein noch rauchender Karabiner.

Angestellte Versuche ergaben, daß mit diesem Karabiner bequem durch das Guckloch in die Reitbahn geschossen werden konnte. Der Rittmeister stand etwa 20 Schritt von dem Guckloch. Er ging unaufhörlich, die Abteilung kommandierend, auf und ab. Obwohl der Schuß aus ziemlicher Nähe erfolgt war, muß der Mörder ein guter Schütze gewesen sein. Rittmeister Freiherr v. Krosigk stand im 42. Lebensjahre. Er stand früher in Stendal in Garnison und war einige Jahre vor dem Morde nach Stallupönen versetzt worden. Einige Zeit darauf wurde die vierte Schwadron nach Gumbinnen kommandiert. Die Leiche des erschossenen Rittmeisters wurde in der Reitbahn aufgebahrt und sofort die ganze vierte Schwadron vor die Leiche geführt. Oberleutnant v. Hoffmann gab den Befehl: die dienstfreien Unteroffiziere und Mannschaften vom Nachmittag nehmen links von der Leiche, die im Dienst gewesenen Unteroffiziere und Mannschaften rechts von der Leiche Aufstellung. Mehrere Leute fielen dem Kommandeur des Regiments, Oberst v. Winterfeld, durch große Blässe auf. Es wurde außerdem bekundet, daß der Karabiner, mit dem der tödliche Schuß abgegeben worden, noch kurz vor der Mordtat auf dem Korridor der Kaserne auf seiner richtigen Stelle in einem Schaft gestanden hatte. Der Dragoner, dem der Karabiner gehörte, konnte als Täter nicht in Betracht kommen, da er, als der tödliche Schuß fiel, sich unter den reitenden Dragonern in der Reitbahn befand. Der Verdacht der Täterschaft fiel zunächst auf den Dragoner Skopeck. Dieser war an jenem Nachmittag dienstfrei, war kurz vor dem Morde an der Bandentür gesehen worden und hatte sich auch durch Redensarten verdächtig gemacht. Er wurde am Abend des 22. Januar verhaftet, sehr bald aber wieder freigelassen, da nicht die geringsten Anhaltspunkte vorhanden waren. Dagegen wurde der 22jährige Unteroffizier Franz Marten und dessen Schwager, der 30jährige Sergeant und Quartiermeister Gustav Hickel verhaftet. Marten, Sohn des Wachtmeisters der dritten Schwadron, hatte sich verdächtig gemacht, daß er, obwohl er am fraglichen Nachmittag dienstfrei war, sich zu den Diensttuenden gestellt hatte, als die Schwadron in der Reitbahn vor der aufgebahrten Leiche Aufstellung nahm. Er war auch kurze Zeit vor dem Morde auf dem Korridor der Kaserne, etwa zwölf Schritt entfernt von dem Karabiner gesehen worden, mit dem der tödliche Schuß abgegeben war. Marten hat außerdem nicht genau angeben können, wo er sich zur Zeit des Mordes aufgehalten hat. Es fiel auch auf, daß, als er von dem Morde hörte, nicht, wie es allgemein geschah, in die Reitbahn gelaufen ist. Er gab vor, er war genötigt, zur Putzstunde zu gehen, es wurde ihm aber vorgehalten, daß er noch sieben Minuten Zeit hatte, um zur Putzstunde zu gehen. Auf die Frage, was er auf dem Korridor der Kaserne gemacht habe, da er eigentlich in der Reitbahn bei der Reitübung hätte zugegen sein müssen, erwiderte er: Er sei nicht in die Reitbahn gegangen, da es dem Rittmeister angenehm war, wenn er allein die einzelnen Abteilungen kommandieren könnte. Er sei den Korridor durchschritten, um »Drückeberger« abzufangen. Einige Dragoner erzählten jedoch: Es sei ihnen so vorgekommen, als wollte sich Unteroffizier Marten ihren Blicken entziehen. Da dies dem Marten bei dem Dragoner Bartuleit nicht gelang, so fragte er diesen, ob seine Abteilung schon reite. Außerdem hatte Marten auf die an ihn von mehreren Seiten gerichteten Fragen, ob er schon wisse, daß Rittmeister meister v. Krosigk in der Reitbahn erschossen worden sei, geantwortet: »Halts Maul, du Dammelskopp.« »Du bist wohl verrückt, Mensch.« »Was ist denn eigentlich los?« Zu einem Unteroffizier, der ihn fragte, ob ihm schon bekannt sei, daß Rittmeister v. Krosigk in der Reitbahn erschossen worden sei, sagte er: Ist es denn wirklich wahr? Es kam hinzu, daß Rittmeister v. Krosigk den alten Wachtmeister Marten so schlecht behandelt haben soll, daß dieser sich zur dritten Schwadron versetzen ließ und endlich, daß am Sonnabend vor dem Morde Marten ein junges Remontepferd nicht reiten konnte. Rittmeister v. Krosigk befahl deshalb dem Unteroffizier Marten, vom Pferde zu steigen und den Dragoner Stumbries das Remontepferd reiten zu lassen. Stumbries konnte das Pferd sehr gut reiten. Da dies vor versammelter Mannschaft geschah, geriet Marten in große Aufregung. Er hatte außerdem am Morgen des 21. Januar geäußert: »Heute muß der Hund noch rot sehen.« Marten behauptete; er habe diese und eine ähnliche Äußerung mit Bezug auf das Remontepferd »Isidor« getan, das sich so schwer reiten ließ. Das seien kavalleristische Redensarten. Dragoner Baranowski von der ersten Schwadron hatte bekundet: Er habe wenige Minuten vor dem Morde zwei Leute mit steifen Mützen und Mänteln in der Nähe der Bandentür am Guckloch stehen sehen. Er habe sich die Leute nicht näher angesehen, hen, da er sie für Vorgesetzte hielt, er wisse nur, daß einer einen schwarzen Schnurrbart hatte. Ähnliche Wahrnehmungen wollte der Dragoner Skopeck von der vierten Schwadron gemacht haben. Außer Hickel, der sein Alibi nicht genau nachweisen konnte, hatten nur noch zwei Unteroffiziere der vierten Schwadron schwarze Schnurrbärte. Diese kamen aber als Täter nicht in Betracht, da sie, als der Rittmeister erschossen wurde, im Dienst in der Reitbahn waren. Es wurde deshalb gegen Marten die Anklage wegen Mordes, gegen Hickel wegen Beihilfe und gegen den Unteroffizier Domnigk wegen Begünstigung erhoben. Ende Mai 1901 hatten sich diese drei vor dem Gericht der zweiten Division des ersten Armeekorps zu verantworten. Da sämtliche Angehörige der vierten Schwadron und viele Leute der anderen Schwadronen als Zeugen vernommen werden mußten und mehrfache Ortsbesichtigungen nötig waren, so wurde, in Ermangelung eines besseren Lokals, der in unmittelbarer Nähe der Kantine belegene Mannschaftsspeisesaal der Dragonerkaserne als Gerichtssaal hergerichtet und in diesem die Verhandlung abgehalten. Es wurden einige Tische, an denen sonst die Dragoner ihre Mahlzeiten verzehrten, zusammengestellt und grüne Decken darüber gebreitet. Nachdem so der Gerichtstisch sowie die Tische für den Vertreter der Anklage und die Verteidiger hergestellt waren, wurde ein Reiterbild bild Kaiser Wilhelms I. an die Wand gehängt. Trotzdem machte dieser »Gerichtssaal«, ein kleiner düsterer Raum, eher den Eindruck eines Stalles als eines Saales. Abends wurde das Zimmer durch Petroleumlampen erleuchtet. Ein gleichartiges, dicht neben der Kantine belegenes Vorzimmer diente als Zeugenzimmer. In diesem nahmen die als Zeugen geladenen Dragoner ungeniert ihre Mahlzeiten ein oder spielten Karten. Trotz dieser primitiven Einrichtung und des sehr beschränkten Raumes wurde den Vertretern der Presse, ganz besonders bei der zweiten Oberkriegsgerichtsverhandlung, mit einer Zuvorkommenheit begegnet, wie man sie bei bürgerlichen Gerichtshöfen nicht findet. Es ist bekannt, daß bei bürgerlichen Gerichtshöfen die Vertreter der Presse oftmals eine sehr schlechte Behandlung erfahren. Im allgemeinen finden die Berichterstatter bei Militärgerichten ein viel größeres Entgegenkommen als bei den bürgerlichen Gerichten.

Die Verhandlung vor dem Divisionsgericht fand nur zum Teil öffentlich statt. Sie endete mit der Freisprechung aller drei Angeklagten. Der Gerichtsherr legte gegen das freisprechende Urteil von Marten und Hickel Berufung ein. Aus diesem Anlaß hatte sich das Oberkriegsgericht des ersten Armeekorps vom 15. bis 20. August 1901 mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Das Oberkriegsgericht, das bekanntlich in Königsberg nigsberg i. Pr. seinen Sitz hatte, war aus denselben Gründen wie das in Insterburg domizilierte genötigt, in denselben Räumen zu verhandeln. Diese Verhandlung fand in voller Öffentlichkeit statt. Das Oberkriegsgericht gewann nach fünftägiger Verhandlung die Überzeugung von der Schuld des Angeklagten Marten und verurteilte ihn zum Tode, zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und zur Ausstoßung aus dem Heere. Hickel wurde freigesprochen. Gegen die Verurteilung Martens legte dessen Verteidiger, gegen die Freisprechung Hickels der Gerichtsherr Revision ein. In beiden Revisionsschriften wurde in der Hauptsache die gesetzwidrige Zusammensetzung des Oberkriegsgerichts gerügt. Das Reichsmilitärgericht hatte diese Rügen für berechtigt anerkannt, deshalb beide Erkenntnisse aufgehoben und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an das Oberkriegsgericht des ersten Armeekorps zurückverwiesen. Am 17. April 1902 gelangte daher die Mordtat nochmals in demselben Mannschaftsspeisesaale der Gumbinner Dragonerkaserne zur Verhandlung. Das Oberkriegsgericht bestand wohl, ebenso wie das erstemal aus dem Oberkriegsgerichtsrat Scheer als Verhandlungsführer und Kriegsgerichtsrat Dr. Rößler als richterlichen Beisitzenden. Die richtenlichen Offiziere waren jedoch sämtlich neu. Sie setzten sich zusammen aus Oberstleutnant Herhudt v. Rhoden vom Grenadierregiment »Kronprinz« als Vorsitzenden, Major Dorn vom Infanterieregiment Nr. 43, Major v. Kräwel vom Grenadierregiment Nr. 3, Hauptmann Flechtner vom Feldartillerieregiment Nr. 16 und Oberleutnant Toop vom Grenadierregiment Nr. 3 (Beisitzende). Die öffentliche Anklage vertrat wiederum Oberkriegsgerichtsrat Meyer (Königsberg i. Pr.). Die Verteidigung führten wie bisher Rechtsanwalt Burchard (Insterburg) für Marten und Rechtsanwalt Paul Horn (Insterburg) für Hickel.

Die Angeklagten lehnten Oberkriegsgerichtsrat Scheer und Kriegsgerichtsrat Dr. Rößler wegen Besorgnis der Befangenheit ab, diese Ablehnungen wurden aber nicht für begründet erachtet. Es wurde zwölf Tage lang in voller Öffentlichkeit mit einer ganz seltenen Gründlichkeit verhandelt. Die richterlichen Offiziere, ganz besonders der Vorsitzende, Oberstleutnant Herhudt v. Rhoden, legten ein ganz außergewöhnliches Interesse für die Sache an den Tag. Dem Vorsitzenden war auch in der Hauptsache die große Zuvorkommenheit für die Vertreter der Presse zu danken. Es wurde in der Verhandlung, gegenüber den erwähnten verdächtigen Umständen, von Zeugen bekundet: Marten hatte keine Ursache, den Rittmeister zu erschießen. Der Rittmeister war mit Marten, der mit 18 Jahren freiwillig in die Schwadron eingetreten, sehr zufrieden. Er hatte dies auch dem alten Wachtmeister Marten mehrfach gesagt. Der Rittmeister hatte außerdem Marten, als dieser kaum 20 Jahre alt war, zum Unteroffizier befördert und ihm eine Rekrutenabteilung zur Ausbildung übergeben. Bei der ersten Vorstellung der Abteilung hat der Rittmeister dem Marten ein großes Lob erteilt. Er hat alsdann Marten auf die Telegraphenschule nach Berlin gesandt. In Berlin wurde Marten der Vorschlag gemacht: er solle bei dem zweiten Gardeulanenregiment in Berlin kapitulieren, er habe dies aber mit den Worten abgelehnt: Das kann ich meinem Rittmeister nicht antun.

Rittmeister v. Uckermann bekundete als Zeuge: Sein Bruder, der im Elsaß stehe, brauchte Kapitulanten, die dort schwer zu haben seien. Er habe deshalb den alten Marten gefragt, ob sein Sohn nach dem Elsaß gehen wolle, er würde dort sehr schnell zum Unteroffizier befördert werden. Wachtmeister Marten antwortete Meinem Sohn gefällt es beim Herrn Rittmeister v. Krosigk derartig, daß er sich schwerlich entschließen wird, nach dem Elsaß zu gehen, zumal ihm der Rittmeister versprochen hat, ihn zeitig zum Unteroffizier zu befördern.

Interessant war die Aussage des Wachtmeisters Marten. Dieser bekundete auf Befragen des Verhandlungsleiters: Er sei vom 12. Mai 1897 bis 3. Juli 1898 Wachtmeister der 4. Schwadron gewesen. Rittmeister v. Krosigk sei sehr streng, aber auch sehr gerecht recht gewesen. Der Rittmeister habe ihm bisweilen Vorhaltungen gemacht, wie das jeder Vorgesetzte tue, beschimpft habe er ihn aber niemals. Er habe sich hauptsächlich zur dritten Schwadron versetzen lassen, weil er an Rheumatismus gelitten habe und er den Anforderungen, die der Rittmeister an ihn stellte, nicht mehr ganz gewachsen war. Er habe eingesehen, daß der Rittmeister eine jüngere Kraft als Wachtmeister wünsche. Den Antrag auf Versetzung habe im übrigen seine Tochter gestellt, als er in Bad Teplitz war. Der Rittmeister habe ihn auch nach seiner Versetzung oftmals freundschaftlich angeredet und sich ganz besonders lobend über seinen (des Zeugen) Sohn ausgesprochen. Der Rittmeister habe Weihnachten 1900 zu ihm gesagt: Ich bin mit Ihrem Sohn sehr zufrieden, ich werde ihm auch deshalb einen längeren Urlaub geben. Sein Sohn habe auch niemals über den Rittmeister geklagt, sondern im Gegenteil oftmals gesagt: Der Rittmeister ist wohl sehr streng, aber sehr gerecht. Als ich aus Teplitz kam, so fährt der Zeuge fort, habe ich meinen Sohn, der damals auf der Telegraphenschule in Berlin war, besucht. Mir war von dem Leutnant v. Wohrenbruch der Vorschlag gemacht worden, meinem Sohn zuzureden, beim zweiten Gardeulanenregiment in Berlin zu kapitulieren, denn es sei doch bedeutend angenehmer in Berlin als in Gumbinnen zu stehen, mein Sohn sagte aber: »Das kann ich meinem Herrn Rittmeister, der mich zeitig zum Unteroffizier befördert und mich auf die Telegraphenschule geschickt hat, nicht antun.«

Verhandlungsführer: Haben Sie den Rittmeister nicht noch kurz vor dem Morde gesprochen?

Zeuge: Jawohl, etwa zwei Stunden vor dem Morde rief mich der Rittmeister in den Stall, zeigte mir ein Pferd und fragte mich über mein Urteil. Der Rittmeister hatte mir sogar 1898 vor der Front zum Geburtstag gratuliert.

Verh.-Führer: Ist Ihnen erinnerlich, daß in Stallupönen zweimal in die Wohnung des Rittmeisters geschossen wurde.

Zeuge: Jawohl, einmal wurden auch dem Rittmeister die Wagenpolster zerschnitten. Ich war darüber sehr entrüstet und wollte in der 4. Schwadron Nachforschungen anstellen, der Rittmeister sagte aber: Unter den Leuten der 4. Schwadron brauchen Sie nicht zu suchen, meine Leute sind mir sämtlich treu ergeben. Ich will noch etwas anführen. Nach einem Zeitungsbericht soll Herr Oberst v. Winterfeld gesagt haben: Rittmeister v. Krosigk habe die 4. Schwadron als verloddert bezeichnet. Ich kann mir das absolut nicht denken. Als der Rittmeister nach Stallupönen kam, holte ich ihn vom Bahnhof ab. Da sagte der Rittmeister zu mir: Ich habe die 4. Schwadron schon sehr loben hören, man ist überall von der 4. Schwadron dron des Lobes voll, ich bin daher sehr neugierig auf die Schwadron. Der Rittmeister hat mir später mehrfach gesagt, daß das Lob, das er über die 4. Schwadron gehört, vollständig berechtigt sei.

Vors. Oberstleutnant Herhudt v. Rhoden: Sie sind ja ein alter Wachtmeister, ist es den Unteroffizieren gestattet, auch im Winter Pferde aus dem Stall zu nehmen und außer dem Dienst zu reiten? Zeuge: Jawohl, das ist wenigstens häufig vorgekommen. Rittmeister v. Krosigk wünschte ausdrücklich, daß schwierige Pferde auch außerdienstlich von den Unteroffizieren geritten werden.

Verhandlungsführer: Sind Ausdrücke wie: ich werde mein Pferd ordentlich spornieren, der Hund muß heute noch Farbe bekennen, üblich? Zeuge: Herr Oberkriegsgerichtsrat, solche Ausdrücke oder auch: »Der Hund muß heute noch Öl lassen oder Blut lassen,« sind allgemein kavalleristische Ausdrücke.

Kriminalkommissar v. Bäckmann (Berlin), der die polizeilichen Ermittelungen leitete, gab auf Befragen der Verteidiger zu, daß er zu Domnigk gesagt habe: »Sie stehen schon mit einem Fuß im Grabe« und ein anderes Mal: »Sie stehen da wie ein Ölgötze.« Das seien polizeitechnische Ausdrücke.

Im Laufe der Verhandlung meldeten sich auch einige Frauen als Zeuginnen, die über allerhand Vorkommnisse, die mit dem Mord keinen Zusammenhang hatten, Aussagen machten.

Eines Tages eröffnete der Verhandlungsführer, Oberkriegsgerichtsrat Scheer, die Verhandlung mit der Mitteilung: Er habe einen anonymen Brief aus Berlin erhalten. In diesem heißt es: »Die Richter können bei jedem Zeugen genau feststellen, ob er die Wahrheit sagt. Wenn die Richter in die linke Hand ein warmes Gefühl bekommen, dann sagt der Zeuge die Wahrheit. Bekommen aber die Richter in die linke Hand ein kaltes Gefühl, dann sagt der Zeuge die Unwahrheit.« (Allgemeine Heiterkeit.) Eines Abends bei Besichtigung der Reitbahn steckte sich Hickel einen dunkelbraunen Schnurrbart an. Baranowski und Skopeck, die davon nichts wußten, bezeichneten diesen angesteckten Schnurrbart auch als schwarz. Beide Zeugen vermochten nicht genau anzugeben, ob die Männer mit den steifen Militärmützen, die vor dem Guckloch gestanden haben, Schirme an den Mützen hatten. Sie könnten auch nicht genau angeben, ob die Männer Militärmäntel trugen.

Es wurde außerdem bekundet, daß oftmals Zivilpersonen an der Bandentür gestanden haben. Noch am Sonnabend vor dem Morde sollen Zivilpersonen die Eingangstür zur Reitbahn während der Reitübung geöffnet und dadurch den Unwillen des Rittmeisters hervorgerufen haben. Es sollen sich oftmals Zivilpersonen auf dem Kasernenhof aufgehalten haben.

Schließlich meldete sich in der zweiten Oberkriegsgerichtsverhandlung die Frau des Proviantamtsarbeiters Eckert und bekundete: Sie sei am 21. Januar 1901 nachmittags zwischen 4-5 Uhr mit ihrem zehnjährigen Sohn bei der Dragonerkaserne vorübergegangen. Plötzlich habe sie einen Schuß gehört. In demselben Augenblick habe sie zwei Männer, sie glaube bestimmt, es waren Zivilisten, aus dem Kasernentor die Dragonerstraße entlang in die Lazarettstraße hineinlaufen sehen. Die Zeugin, die anfänglich behauptete: es sei an einem Sonnabend gewesen, bemerkte alsdann auf wiederholtes Vorhalten des Verhandlungsführers mit ebensolcher Bestimmtheit, es war an einem Montag. Sie habe zwei Leute aus dem Kasernentor laufen sehen, da es mondhell war. Es wurde jedoch festgestellt, daß an jenem Abend der Mond bedeckt war. Die Zeugin, die in Gumbinnen wohnte, vermochte nicht zu erklären, weshalb sie ihre wichtigen Wahrnehmungen so spät gemeldet habe. Sie habe nicht gewußt, daß Marten und Hickel wegen Verdachts des Mordes verhaftet seien und auch nicht, daß Marten zum Tode verurteilt worden sei. Im Laufe der Verhandlung erschien auch ein Metzgermeister als Zeuge: Im Herbst 1900 sei Rittmeister v. Krosigk mit seiner Gattin über den Magazinplatz geritten. Ein vorübergehender Offizier grüßte den Rittmeister. Kaum war das geschehen, da versetzte der Rittmeister seiner Gattin mit einer Reitgerte zwei Schläge auf den Rücken. Ob dies willkürlich geschah, könne er (Zeuge) nicht sagen. Der Offizier, der dies beobachtete, sagte halblaut: »Lange wird er die Frau nicht mehr schlagen.« Er (Zeuge) wisse nicht, ob der Offizier ein Kavallerie- oder ein Infanterieoffizier war.

Frau Rittmeister v. Krosigk geb. v. Saldern bestritt als Zeugin das Vorkommnis auf dem Magazinplatz und bekundete auf Befragen des Verhandlungsführers: Ihr Mann habe geklagt, daß die 4. Schwadron sehr verloddert sei. Ihr Mann sei im Dienst sehr streng gewesen, Wachtmeister Marten habe aber nicht den ersten Anforderungen der militärischen Disziplin entsprochen.

Verhandlungsführer: Inwiefern hat Wachtmeister Marten den Erfordernissen der militärischen Disziplin nicht entsprochen? Zeugin: Er hat z.B., wenn mein Mann mit ihm sprach, nicht stramm gestanden. Mein Mann hat aber auf solche Dinge sehr genau gesehen. Die Zeugin bekundete im weiteren: Ihr Mann hatte eine große Abneigung gegen die Familie Marten. Wenn Ihr Mann später mit Marten Wein getrunken, ihm zum Geburtstag gratuliert und ihn wegen eines Remontepferdes um Rat gefragt habe, so sei das daraus zu erklären, daß Marten nicht mehr bei der 4. Schwadron war. Ihr Mann sei eben nicht nachtragend gewesen. Sie sei aber der Meinung, daß sowohl die anonymen Briefe als auch das Schießen und das Zerschneiden der Wagenpolster in Stallupönen auf die Familie Marten zurückzuführen seien. Sie sei der Überzeugung: Der Täter in Stallupönen sei in der 4. Schwadron gewesen. Wachtmeister Marten habe allerdings äußerlich Nachforschungen angestellt, er hatte aber gar nicht die Absicht, den Täter zu ermitteln. Wenn er gewollt hätte, dann wäre es ihm gelungen, den Täter zu ermitteln. Wachtmeister Marten hatte das Bestreben, ihren Mann aus Stallupönen fortzubekommen.

Verhandlungsführer: Haben Sie irgendeinen Verdacht, wer Ihren Herrn Gemahl erschossen haben mag? Zeugin: Das kann ich nicht sagen, ich bin aber der Meinung, es war jemand von der 4. Schwadron.

Verhandlungsführer: Halten Sie es für ausgeschlossen, daß es eine Zivilperson war? Zeugin: Jawohl, das halte ich für ausgeschlossen. Ich bin der Meinung, es muß doch ein ganz verschlagener Mensch gewesen sein, der mit den Verhältnissen sehr genau Bescheid wußte. Eine Zivilperson hatte keine Veranlassung, meinen Mann zu erschießen. Ich glaube auch nicht, daß sich mein Mann einmal aus Furcht vor Zivilpersonen hat nach Hause begleiten lassen. Die Zeugin bekundete ferner auf Befragen: Mit dem Angeklagten Marten sei ihr Mann dienstlich zufrieden gewesen, er habe ihr aber gesagt: Der Mensch habe einen schlechten Charakter, er komme ihm unheimlich vor, er wollte ihn am liebsten möglichst weit los werden.

Verhandlungsführer: Ihr Herr Gemahl hat doch aber den Marten frühzeitig zum Unteroffizier befördert und ihn nach Berlin auf die Telegraphenschule geschickt?

Das hat mein Mann höchstwahrscheinlich getan, um den Menschen los zu werden.

Verteidiger R.-A. Burchard: Ich bin dieser Aussage gegenüber ja machtlos, ich erlaube mir aber die Frau Zeugin zu fragen: Haben Sie das, was Sie über Marten bekundet haben, von Ihrem Herrn Gemahl gehört oder ist das Ihre Ansicht? Zeugin: Das ist meine Ansicht.

Verteidiger: Ich muß bemerken, daß die Zeugin bei jeder Vernehmung mehr weiß, ich beantrage daher, Ihre früheren Aussagen zu verlesen.

Vertreter der Anklage: Ich schließe mich diesem Antrage an, da daraus hervorgehen wird, daß die Zeugin ganz konsequent in ihren Aussagen geblieben ist.

Zeugin: Wenn ich heute vielleicht etwas präziser war, dann ist das daraus zu erklären, daß ich in der ersten Zeit über den Verlust meines Mannes naturgemäß sehr aufgeregt und es mir auch peinlich war, vor einem Kriegsgericht als Zeugin zu erscheinen.

Der Gerichtshof beschloß, die früheren Aussagen zur Verlesung zu bringen.

Alsdann stellte der Verteidiger R.-A. Horn an die Zeugin die Frage, ob nicht auch schon in Stendal auf ihre Wohnung geschossen worden sei. Die Zeugin bestritt das mit voller Entschiedenheit.

Verteidiger: Sind nicht sogleich nach der Versetzung Ihres Mannes nach Stallupönen anonyme Briefe gekommen, also zu einer Zeit, in der Ihr Herr Gemahl in Stallupönen noch gar nicht bekannt war? Zeugin: Es sind allerdings in der ersten Zeit nach Stallupönen einige anonyme Briefe aus Stendal an meinen Mann gekommen. Diese kamen höchstwahrscheinlich von sozialdemokratischer Seite, da die Sozialdemokraten meinen Mann haßten. Diese Briefe hörten aber im Juli 1897 auf. Die späteren anonymen Briefe begannen im April 1898, hatten also mit den ersten nicht den geringsten Zusammenhang. Diese zweite Serie anonymer Briefe war augenscheinlich geschrieben, um meinen Mann aus Stallupönen fortzubekommen.

Verteidiger R.-A. Horn: Woraus entnahmen Sie, daß mit dieser zweiten Serie anonymer Briefe bezweckt wurde, Ihren Herrn Gemahl aus Stallupönen fortzubekommen? Zeugin: Das entnahm ich aus dem Inhalt der Briefe. In diesen stand u.a.: »Weshalb haben Sie denn den alten Wachtmeister Marten so schlecht behandelt? Ich rate Ihnen, schleunigst aus Stallupönen fortzumachen usw.«

Vert. R.-A. Horn: Sind diese Briefe noch vorhanden? Zeugin: Bruchstücke kann ich noch geben.

Vert.: Dann beantrage ich, diese Briefe, soweit sie noch vorhanden, zur Stelle zu schaffen.

Verhandlungsführer: Wie hat sich Ihr Mann über Hickel geäußert? Zeugin: Mein Mann hat es sehr ungern gesehen, daß Hickel in die Familie Marten hineinheiratete. Im übrigen sagte er: Hickel sei ein schlechter Quartiermeister, der ungemein nachlässig im Dienst sei. In einem Buch hat mein Mann am 21. Januar 1901 verzeichnet: Quartiermeister Sergeant Hickel ist weder am 19. noch am 20., wie befohlen, zum Dienst gewesen, er hat heute abend 8 Uhr bei mir anzutreten.

Der Verhandlungsführer ersuchte, dies Buch, wenn möglich, dem Gerichtshof einzureichen.

Wachtmeister a.D. Marten bemerkte darauf: Er müsse es als unwahr bezeichnen, daß er die ersten Erfordernisse der militärischen Disziplin außer acht gelassen habe. Er sei selbst sehr streng im Dienst gewesen und habe selbstverständlich auch seinen Vorgesetzten gegenüber die militärische Disziplin nie außer acht gelassen. Er müsse es auch als vollständig unwahr bezeichnen, daß die 4. Schwadron verloddert war. Er behaupte, Herr Rittmeister v. Krosigk sei entgegengesetzter Ansicht gewesen. Als ihm der Rittmeister ster zum Geburtstage gratulierte, sei er noch bei der 4. Schwadron gewesen.

Vizewachtmeister Bunkus und Sergeant Schiedat bekundeten: Hickel sei, als der Mord bekannt wurde, bereits zehn Minuten im Stall gewesen; eine Anzahl Dragoner bekundete dagegen, daß sie Hickel nicht im Stall gesehen haben. Weiter wurde bekundet: Der Rittmeister habe mehrfach geäußert: Hickel ist ein guter Quartiermeister, aber ein schlechter Reiter. Der Rittmeister habe Hickel des schlechten Reitens wegen bisweilen mit heftigen Worten getadelt.

Am zwölften Verhandlungstage fanden die Plädoyers statt. Der Vertreter der Anklage, Oberkriegsgerichtsrat Meyer, führte etwa folgendes aus: Meine Herren! Das Oberkriegsgericht beschäftigt sich zum zweiten Male mit einer Strafsache, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus das größte Aufsehen erregt hat. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um die Straftat zweier Unteroffiziere, die sich angeblich verabredet haben, ihren eigenen Eskadronchef zu ermorden. Ich will Sie nicht lange durch einleitende Worte aufhalten. Wir sind alle von der furchtbaren Bedeutung der Untat, die auch in hohem Maße nach der disziplinarischen Seite ihre Strahlen wirft, durchdrungen. Ich will sofort auf die Sache selbst eingehen, und da drängt sich zunächst die Frage auf: Wer ist der Täter? Soviel ist allen Einsichtigen klar, die Tat muß von zwei Personen ausgeführt worden sein. Dafür sprechen alle Tatumstände und auch der Umstand, daß Skopeck stets mit voller Bestimmtheit behauptete, er habe zwei Personen an der Bandentür stehen sehen. Wenn beim Zivil ein ähnlicher Mord geschieht, ich denke an den Sekathsche