Die schöne Würzkrämerin

 

[1681-1701] Eine junge reizende Frau, in Paris wohlbekannt unter dem Namen der schönen Würzkrämerin, ward von ihrem Ehemann wegen Ehebruchs belangt. Das Gericht dekretierte auf die schlagenden Indizien ihre Verhaftung. Da produzierte Gabriele Perreau einen schriftlichen Erlaubnisschein ihres Mannes, der ihr gestattete, Ehebruch zu treiben, soviel sie wolle.

Auf Grund dieses Attestes appellierte Gabriele an das Parlament, und es begann ein Prozeß, welcher, merkwürdig sich ausspinnend, der Pariser feinen Welt ein ungemeines Interesse gewährte und lange Zeit über das Modegespräch bei Hofe und in der Stadt blieb. Wie viele hatten die reizende Gabriele schon als junges Mädchen in dem Laden ihres Vaters, in der Straße St. Honoré, gekannt! Auch in der Handlung ihres Mannes, Louis Semitte, war sie kein verborgener und unbelauschter Schatz geblieben. Zwei angesehene und reiche Bankiers von Paris, Goy und Auger, hatten sich in ihre Gunst geteilt und keine Verpflichtung empfunden, ein Geheimnis über ein Vergnügen zu bewahren, welches sie vielleicht schon dadurch für hinlänglich bezahlt erachteten, daß sie Gabrieles Mann ihren Kredit eröffnet und mit geholfen hatten, ihn zu einem sehr wohlhabenden Mann zu machen.

Also schon der Persönlichkeit der Frau wegen war der Prozeß interessant. Für die blasierten Pariser erhöhte das Interesse aber noch der Charakter des Mannes. Ein Spießbürger der Rue St. Honoré, ein echter Epicier, erhob den lächerlichen Anspruch, eine liebenswürdige und ausgezeichnet schöne Frau, die er als Kaufmann den Augen des Publikums doch nicht verbergen konnte, für sich allein besitzen zu wollen. Aber unerhört war es, daß dieser selbe Mann sich ein schriftliches Attest hatte ablocken lassen, in welchem er der Fran die Untreue erlaubte! Welche Erklärung man diesem Schein auch geben wollte, ob Semitte ihn im Ernst ausgestellt oder nur im Scherz, so war die Sache in beiden Fällen neu und pikant, sie vollendete das Bild des Philisters, welcher Ausdruck dem Begriff des Pariser Epicier sich allenfalls nähert. Daß ein solcher seiner Frau faktisch die besprochene Erlaubnis zugestand, fand man in der Ordnung; daß er sie aussprach und niederschrieb, überraschend und ergötzlich; daß er aber nachher noch den Eifersüchtigen zu spielen wagte, erschien gleich einem Lustspiel aus dem Leben, wie es die Phantasie der Dichter nicht auf die Bühnen hinzuzaubern verstände.

Sei es aber auch nur ein Scherz, eine List der Frau gewesen, so war das aufgeführte Lustspiel um deswillen nicht weniger unterhaltend: der Mann hatte sich übertölpeln lassen, die Frau wagte, einen solchen Erlaubnisschein dem Gericht und aller Welt vorzuzeigen, und der Mann fürchtete nicht die Schande, den Spott und das Gelächter, klagte er doch über etwas, worüber kein feiner Franzose klagen würde, und ließ den Schein sich entgegenhalten, der in der Wirklichkeit etwas so Unerhörtes war, als in der Dichtung Shyloks Blutschein. Das Charakterbild des Epiciers war damit vollendet, sei es nun Scherz oder Ernst, der zugrunde lag; kein Dichter konnte noch einen Zug hinzusetzen.

Mit gleichem Interesse wie die Gesellschaft nahmen die Juristen sich der Sache an. Es ward ein Prozeß, in dem sie mit wahrer Lust und Liebe allen Aufwand von Gelehrsamkeit und Scharfsinn aufboten und alle Bestimmungen des römischen Rechts über die Rechte der Ehegatten, die gesetzlichen Präsumtionen hinsichtlich der Kindererzeugung usw. aus den Pandekten hervorsuchten; vielleicht weil Prozesse der Art durch die Pariser Sitten zu einer Seltenheit geworden waren und sie die Gelegenheit nicht ungenützt wollten vorübergehen lassen, das reiche Material einmal zu benutzen, vielleicht auch, weil Gabrieles Gönner und Freunde tief in ihre Beutel griffen, um der Freundin oder des Skandals willen. Es ward ein Prozeß der Juristen unter sich; diesmal werden uns die Leser daher auch in Spitzfindigkeiten derselben folgen müssen, wie gern wir auch in andern Fällen sie dieser Mühe entheben.

Louis Semitte war ein wohlhabender Bürger und als Gewürzkrämer sogar reich geworden, nachdem er früher als Bedienter bei einem vornehmen Herrn sich die Mittel zu seinem ersten Etablissement erspart hatte. Um den Bedienten ganz vergessen zu machen, hatte er sogar den Detailhandel ganz aufgegeben, eine königliche Bedienstung sich erkauft und trieb den Handel nur noch im großen, wobei der offene Kredit, den beide genannte Bankiers ihm eröffnet hatten, ihm nicht wenig half.

Sein Ehrgeiz verlangte aber noch mehr. Er wollte auch vor der Gesellschaft glänzen durch eine schöne Frau, und seine Augen fielen auf die allbewunderte Tochter des Kaufmanns Perreau in der Rue St. Honoré. Sie wird uns geschildert als ein Mädchen von vollkommener Schönheit, dem reizendsten Wuchse, dem anmutvollsten Benehmen und bezauberndem Witze. Pitaval erzählt uns als einen Beweis ihrer Beliebtheit, daß Semitte, als er sich um ihre Hand bewarb, mit der Mitgift von viertausend Livres zufrieden gewesen sei, ja »er wäre mit dem Mädchen allein zufrieden gewesen, auch wenn sie ihm gar nichts mitgebracht hätte«.

Gabriele war erst sechzehn Jahre alt; sie »fühlte, daß sie zum Gefallen gemacht sei«. Die Ehe schien im Anfange glücklich; nur durch einige eifersüchtige Grillen des Mannes ward bisweilen die Seligkeit getrübt. Der Mann hatte damals noch keinen Grund.

Der Bankier Goy kam häufig in Semittes Haus, um Geschäfte mit ihm abzumachen. Die Besuche drängten sich, anscheinend mit den Geschäften; sie erfolgten endlich fast jeden Tag. Gabrieles Reize hatten ihre Zaubermacht auf ihn ausgeübt. Ihr Hang zu Liebeshändeln war noch nicht entwickelt, aber der Trieb war da; sie war eine gelehrige Schülerin, und die unausstehlichen Eifersüchteleien des Mannes, der bis da gar kein Recht dazu gehabt hatte und mutmaßlich kein Mann war, der auf die Dauer Achtung und Liebe einflößen konnte, wirkten zugunsten des reichen und feinen Verführers.

Gabriele war bald den Schülerjahren entwachsen. Der Genuß und seine Heimlichkeit schürte das schlummernde Feuer ihrer Sinnlichkeit an; sie ward bald eine vollendete Kokette. Auch der andere Bankier, mit dem ihr Mann Geschäfte machte, fand sich häufiger und mit denselben Absichten im Hause ein. Auch er ward freundlich angesehen, erhört, ein angenommener Liebhaber. Beide Begünstigte hielten es für angemessen, untereinander kein Geheimnis von ihrer Eroberung zu machen, sondern sich in dieselbe zu teilen, um nötigenfalls ihre Rechte dem Ehemann gegenüber zu verbergen und zu hüten.

Aller Vorsicht ungeachtet merkte Semitte bald, daß er jetzt wirklichen Grund zur Eifersucht habe. Er legte sich aufs Lauschen, er wollte Beweise. Dazu mußte er seinen Unmut verschlucken; aber dies ward ihm am allerschwierigsten. Er wünschte nicht in der lächerlichen Gestalt eines eifersüchtigen Ehemanns aufzutreten, aber, eine kleine verdrießliche Seele, ging ihm die Kraft der Selbstüberwindung ab. Ehe er sich überzeugt hatte, um mit dem ganzen Zorn im Rechte des Ehemanns aufzutreten, überließ er sich nur zu oft seiner Laune, seiner Verstimmung. Er brummte, grollte, haderte und warf Anspielungen hin, die in solchen Verhältnissen nichts fruchten, als die Verstimmung zu nähren und dem Gegenteil Waffen in die Hand zu geben.

Ein pikantes Gassenlied ward damals in Paris durch alle Gassen abgeleiert, welches mit dem Refrain schloß:

»Sie verstehen mich wohl.«

Der Refrain war in aller Munde, er wurde bei jeder Gelegenheil, passend oder unpassend, angewandt.

Semitte und Gabriele zogen sich eines Tages wieder auf, halb im Ernst, halb im Scherz. Sie neckte ihn mit seiner Eifersucht, die er doch endlich einmal eingestehen solle. »Ich weiß doch, du bist nicht der Mann, der mich wie der und der (die sie nannte) machen ließe. Sie verstehen mich wohl.« Semitte, noch in der Grille, seine Eifersucht zu verbergen, setzte den Spaß fort. Er wäre wie einer ein Mann von Welt, versetzte er, und in dem Punkte so gleichgültig, daß er ihr sogar eine schriftliche Erlaubnis geben wolle. »Das ist leicht gesagt,« erwiderte sie achselzuckend, »ich weiß, du wagst es doch nicht.«?

»Ich weiß, daß ich es tue«, sagte er, und in einer Laune ergriff er ein Stück Papier, das auf dem Tische lag, und schrieb darauf folgendes: »Ich, Endesunterschriebener, erlaube meiner Frau, mit jedem, wen sie will, sich einzulassen. Sie verstehen mich wohl. So geschehen Paris, den 4. Januar 1668.«

Die Frau entriß ihm das Papier, lachte laut auf und flog damit aus dem Kontor in ihre Stube hinauf. Semitte rief ihr nach: »Sei keine Närrin; wirf den Zettel ins Feuer!«

Gabriele versicherte ihrem Mann, sie habe den dummen Wisch verbrannt; sie hatte ihn aber sorgfältig verschlossen.

Im Besitz dieses Papiers stieg ihr Übermut, Sie überließ sich ganz ihrer zügellosen Begierde, besuchte ohne Vorsichtsmaßregeln ihre beiden Liebhaber und empfing deren Besuche, Ihr schien es jetzt unnötig, noch einen Schleier über ihr Verhältnis zu werfen, gegen welches der Ehemann infolge seiner schriftlichen Erklärung nichts mehr einwenden dürfe.

Semitte gingen die Augen auf. Er ward auch auf eine andere für ihn sehr empfindliche Art daran erinnert, daß seine Frau nicht mehr sein alleiniges Eigentum sei, und krank, ergrimmt, reichte er eine Klage wider sie beim Leutnant Criminel wegen ihres ehebrecherischen Lebens ein.

Gabriele Perreau war zu ihrem Vater geflüchtet. Die ersten vernommenen Zeugen bekundeten aber so viel, daß der Richter schon nach diesen Aussagen ihre Verhaftung veranlaßte.

Gabriele appellierte an das Parlament von Paris. Ein Arrêt desselben änderte das erste Dekret dahin ab, daß sowohl die Frau als ihre zwei Liebhaber sich persönlich zum Verhör stellen sollten. Die Untersuchung war dem Chateletgerichte übertragen.

Die Verteidigung der Angeklagten ging in eine förmliche Gegenklage über; man sieht, daß sie in der Wahl ihrer Advokaten sehr wohl beraten war.

Semitte, hieß es, sei bei diesem ehelichen Zwiste der allein Schuldige. Er sei bis zur Habsucht eigennützig und ausschweifend. Beides seien die Motive zur Anklage seiner unschuldigen Ehefrau; getrieben von ihnen, habe er seine Ehre geopfert.

Er sei wohlhabend, er habe eine ansehnliche Mitgift von seiner Ehefrau erhalten; durch gute Geschäfte und die Wirtschaftlichkeit der Frau wäre das Vermögen der Eheleute noch um ein bedeutendes gewachsen. Dennoch sei der Zweck seiner Klage kein anderer gewesen, als ihr Eingebrachtes und ihren Anteil an dem gemeinschaftlichen Vermögen unter dem Scheine des Rechts an sich zu ziehen.

Der Eigennutz allein wäre vielleicht nicht eine hinlängliche Triebfeder gewesen zu einem so unerklärlichen Verfahren. Aber er habe zeither ein ausschweifendes Leben geführt und sich nicht damit begnügt, außer dem Hause und auf die ekelhafteste Art seinen Begierden nachzugehen, sondern auch im Hause seine beiden Dienstmägde, die Semitte als Zeuginnen aufgeführt habe, zu Beischläferinnen gehabt. Die eine, Jeanne Plisson, ward von Madame Semitte fortgejagt, als sie ihren Ehemann mit ihr auf frischer Tat ertappte. Catharine Labée, die andere, sei noch jetzt die Beischläferin des Klägers.

Weil er selbst auf diese Weise gegen Pflicht und Treue gesündigt habe, sei Semitte auch dem Verdachte zugänglicher geworden. Ein Ehemann, der sich selbst einer liederlichen Lebensweise hingegeben habe, schließe aus der Schwäche derjenigen Personen, die sich ihm hingegeben, auf die Schwäche der Gattin. Er komme auf natürlichem Wege zur Einbildung, daß die beleidigte Frau trachten werde, sich zu rächen und sich selbst Gerechtigkeit verschaffend mit Untreue zu vergelten; denn sie könne nicht wie der Mann (nach den damaligen französischen Gesetzen) die Züchtigung der Obrigkeit gegen die Galanterien des Mannes anrufen. Ein Mann mit solchen Vorstellungen im Kopfe betrachte nun jeden wohlgebildeten Mann, der sein Haus betritt, als einen natürlichen Rächer der Gattin, und die er selbst ins Haus geführt, sehe seine Furcht an als von der Frau hereingelockt. Wer so ohne edleres Schamgefühl die Liebe einer Dienstmagd der zärtlichen Zuneigung seiner schönen Gattin vorziehe, könne leicht von der Untreue zur Gleichgültigkeit und von der Gleichgültigkeit zur Verachtung übergehen. In solchem Falle sei die Liebe allerdings nicht so stark, daß sie die Eifersucht hervorrufen könne. Ein solcher Ehemann lasse der Frau gern alle mögliche Freiheit, um auch seinerseits frei seinen Neigungen nachgehen zu können. Wenn er eifersüchtig scheine, geschehe dies mehr, um Gelegenheit zu haben, die ihn mit Recht treffenden Vorwürfe auf den andern Teil abzuwälzen. Eifersucht, sonst die Wirkung übermäßiger Liebe, entspringe hier aus einem Mangel an Achtung. Ein Mann, der sich selbst so in Haß und Wut hineingeredet habe, schreite von Phantasien zu Erfindungen, er ersinne Geschichten, vergrößere kleine Vorfälle, vervielfältige, was einmal geschehen, bis er falsche Zeugen aufstelle, oft die liederlichen Personen selbst, mit denen er gesündigt, um das Erlogene sich und andern glaubhaft zu machen.

Ein sprechendes Zeugnis gegen Semittes Charakter, seine Denk- und Handlungsweise, sei der Schein, den er seiner Frau ausgestellt habe; ein Dokument, welches gewiß nicht seinesgleichen habe.

Gabriele Perreau (fahren die Verteidiger fort) sei überzeugt gewesen, daß ihr Ehemann ihr das nicht hätte erlauben können, was Religion und Ehe ihr untersagten, und daß, wenn er sie auch von ihren Pflichten gegen ihn hätte lossprechen können, er doch nicht in der Macht gewesen sei, von dem sie zu lösen, was sie Gott und sich selbst schuldig sei. Weit entfernt daher, sich weder durch die Erlaubnis noch durch das Beispiel ihres Mannes zu ähnlichen Ausschweifungen für berechtigt zu halten, habe sie den Schein nur bewahrt, um einen schriftlichen Beweis in Händen zu haben, wie wenig ihr Gatte ihre Zuneigung achte und wie gerecht die Klagen gewesen wären, welche sie so oft in den Busen ihrer Freunde ausgeschüttet habe.

Diese Klagen seien der wahre Quell des ärgerlichen Prozesses. Gabriele wäre von ihrem Gatten als lästige Aufpasserin betrachtet worden, die man sich gern vom Halse schaffen wollte; der Mann hätte mehr Freiheit haben, seine Magd und Konkubine im Hause ganz als Frau walten wollen.

Catharine Labée, die Dienstmagd, sei es, die das Gemüt des Klägers durch Hinterbringungen und Aufhetzereien in seine jetzige Stimmung versetzt habe. Semitte, närrisch in diese Person verliebt, hätte mit Freuden alle diese Verdächtigungen aufgenommen. Beide hätten sich darauf an Rabulisten gewandt, welche, hier reiche Beute witternd, mit Gier auf den Prozeß losgefahren wären und den vor dem äußersten Schritte aber noch schwankenden Mann durch die vorgehaltene Lockspeise völlig gewonnen hätten, daß er durch das Resultat des Prozesses die Mitgift der Frau an sich reißen und der alleinige Eigentümer werden könne.

Semitte klagte aber seine Frau nicht allein der Untreue und Ausschweifungen an, sondern daß auch er selbst infolge derselben angesteckt worden sei. Diese schändliche Anschuldigung sei durch keine Zeugen erwiesen; wäre aber das zugrundeliegende Faktum, die Ansteckung, wahr, so sei die Vermutung dafür, daß der Mann der Urheber der Krankheit sei. Er räume ein, er sei angesteckt; dies müsse die Frau zu ihrem Besten akzeptieren, und sie habe ein Recht, alles, was zu ihrem Vorteil gereiche, daraus zu folgern.

Da Semitte seine Frau wegen Ehebruch anklage, und positiv mit den Herren Goy und Auger, so müßten doch auch diese beiden Bankiers, die nach seiner Angabe mit Gabriele in genauester Verbindung gelebt hätten, von derselben Krankheit angesteckt sein, möge dieselbe nun von der Frau dem Manne oder von dem Manne der Frau mitgeteilt worden sein. Zur Substanziierung seiner Klage müsse er angeben, wann er angeblich von seiner Frau angesteckt worden sei; demnächst, wann die beiden Bankiers mit ihr Umgang gepflogen haben sollten, und endlich demzufolge dartun, daß auch diese beiden Herren angesteckt seien. Das sei notwendig, wenn er den Beweis ihres verbotenen Umgangs mit seiner Frau führen wolle; wiewohl selbst der Nachweis, daß jene zu der Zeit an einer solchen Krankheit gelitten haben, noch kein Beweis dafür sei, daß sie dieselbe von Gabriele mitgeteilt erhalten haben, da nichts die Möglichkeit abschneide, daß sie auch durch Berührung und Umgang von einer andern Seite her infiziert worden sein könnten. Wenn aber zu der Zeit die beiden Bankiers nicht von der Krankheit behaftet gewesen seien, so sei schon dadurch die Falschheit seiner Behauptung dargetan, und die ganze Klage zerfalle in sich, da nach derselben der vermeintliche Ehebruch nur auf Gabrieles Umgang mit Goy und Auger beruhe.

Bis jene Ermittlung zu seinen Gunsten ausgeschlagen sei, streite die Präsumtion gegen ihn: er hat einen liederlichen Lebenswandel geführt, er hat eine Magd im Hause zur Konkubine, er hat durch Ausstellung des Scheins den Beweis geführt, daß alle Empfindungen der Ehre in seiner Brust erstickt sind; eheliche Liebe und Treue sind ihm so gleichgültig, daß er seine Gattin bevollmächtigte, jeden, wen sie will, zum Liebhaber zu nehmen und nach Gefallen mit demselben zu wechseln. Also wäre er, wie die Sachen stehen, schon nach allgemeinen Grundsätzen abzuweisen; das römische Recht enthalte aber ganz positive Bestimmungen, nach welchen seine Klage zurückgewiesen werden müsse.

Semitte habe geklagt, weil er gewußt habe, daß beim Verbrechen des Ehebruchs der Mann den Vorteil hat, Ankläger seiner Gattin sein zu können, ohne befürchten zu müssen, von der Frau wieder angeklagt zu werden. Aber er habe vergessen, daß eine Ehefrau nach römischem Rechte zwar ihren Mann wegen seiner Ausschweifungen nicht geradezu anklagen dürfe, daß sie aber ein Recht habe, sie zur Verteidigung ihrer selbst geltend zu machen. Der Richter muß bei der Untersuchung eines Ehebruchs wohl ins Auge fassen und nachforschen, ob auch der Mann keusch und züchtig gelebt und so der Frau ein Beispiel guter Sitte gegeben habe. Denn es scheint sehr unbillig, daß der Mann von seiner Frau die Keuschheit fordere, die er selbst nicht übt.

Gesetzt nun ? aber ihre Verteidiger behaupteten fest das Gegenteil ? daß Gabriele Perreau so schwach gewesen sei, wie man sie dessen angeschuldigt habe, so müsse dieses Gesetz ihr zu Hilfe kommen: Semitte, als selbst einem liederlichen Leben ergeben, habe schon dadurch sein Recht verwirkt, sie anzuklagen. Um seine Anklage zu vernichten, sei nicht nötig, daß er selbst den Ehebrecher bei der Gattin eingeführt, nicht nötig, daß er ihr die schriftliche Erlaubnis erteilt habe, sich jedem preiszugeben, nicht nötig, daß er es mündlich oder durch stillschweigende Einwilligung getan habe: es genüge schon, daß er durch sein böses Beispiel seine Frau der Gefahr ausgesetzt habe, verführt zu werden.

Das römische Recht enthalte aber noch zwei andere Gesetze, welche noch deutlicher den vorliegenden Fall vorsähen. Die erste Bestimmung laute: »Wenn ein Weib durch Kuppelei des Mannes zur Ehebrecherin wird, darf er von der Mitgift nichts zurückbehalten. Denn weshalb rügt ein Ehemann den sittlichen Fehltritt, den er entweder selbst veranlaßte oder doch nachher billigte?« Die zweite habe folgenden Wortlaut: »Wenn ein Mann, um seine Frau in Unehre zu bringen, selbst den Ehebrecher zu ihr läßt, damit er sie auf der Tat ertappe, dann ist der Mann ebensowohl als die Frau des Verbrechens des Ehebruchs schuldig.«

Die Anwendung dieser Gesetze springe in die Augen. In diesem Falle sei aber der Mann allein der Verbrecher, weil die Gattin nicht in die Schlinge gefallen sei, die er ihrer Jugend gelegt habe. Sie sei unschuldig in Beziehung auf das Publikum, aber noch mehr in Beziehung auf ihren Mann, weil sie ihm den Schimpf nicht angetan habe, den sie ihm nach seinem Willen habe antun sollen. Semitte müsse mit seinem Antrage vor einem französischen Gerichte mit weit mehr Recht zurückgewiesen werden, als es in ähnlichem Falle einst vor einem römischen geschehen wäre. Denn bei den Römern war der Ehebruch ein öffentliches Verbrechen, auf dessen Bestrafung jeder dringen konnte, Ehemann, Verwandte und endlich jeder Bürger. Dort wäre, wenn die Fakta richtig gewesen wären, die Frau als Ehebrecherin, der Mann wegen des Verbrechens des Lenociniums bestraft worden. Nach dem Herkommen im dermaligen Frankreich könne aber, insofern aus dem Ehebruch kein öffentliches Ärgernis hervorgegangen sei, nur der Ehemann denselben verfolgen. Aber nicht allein durch sein schlechtes Beispiel sei er nach dem frühern Gesetze, sondern auch nach den letztallegierten durch die der Frau erteilte Erlaubnis, ihren Lüsten nach Gefallen sich zu überlassen, durchaus unfähig geworden, gegen seine Frau zu klagen. Da Semitte selbst demnach ausscheide, habe niemand dazu ein Recht, indem der königliche Fiskal nur dann seine Stimme erheben könne, wenn es zur Unterstützung des klagenden Ehemanns geschehe. Wo dieser ausscheide, müsse jede Verfolgung wegfallen.

Beiläufig, und moralisch betrachtet, wie könne ein Mann, der selbst auf seine Ehre verzichtet habe, noch von Verletzung derselben reden und Genugtuung deshalb fordern?

Ferner griff der Verteidiger die ganze Beweisführung des Klägers an, indem er zuerst nachzuweisen suchte, daß sämtliche von ihm gestellte Zeugen als unglaubwürdig und verdächtig erschienen.

Jeanne Plisson und Catharine Labée, die beiden Mägde in Semittes Hause, bekundeten zwar die angeblichen Ausschweifungen ihrer Herrin, aber zugleich gestanden sie ihre eigene Schuld: sie waren nach ihrem eigenen Geständnis der Frau behilflich, ihren Ehemann zu betrügen und sich dem strafbaren Vergnügen hinzugeben.

Die Plisson erhielt nach ihrer Aussage vom Bankier Goy Geld, damit sie ihm die Stunden anzeige, während deren Semitte nicht zu Hause war. Nachdem Gabriele und Goy einig geworden wären, habe sie abermals von letzterem Geld erhalten und ihn darauf eines Morgens, als ihr Herr vom Hause entfernt gewesen sei, in das Schlafzimmer ihrer Frau gebracht, als diese noch im Bette lag oder doch erst im Ankleiden begriffen war. Sie habe, sooft beide Verliebte im Schlafzimmer beisammen gewesen wären, an der Tür Wache gestanden, damit sie nicht vom Manne überrascht würden. Schlug die Stunde, wo er kommen mußte, so habe sie ihnen ein bestimmtes Zeichen gegeben. Mehrere Male habe sie indes das Zeichen umsonst gegeben, die Entzückten hätten sich nicht trennen können; dann sei sie ins Zimmer hineingetreten und habe den Bankier und ihre Frau in Stellungen gefunden, welche die Ehrbarkeit zu beschreiben verbiete. Einige Male sei aber Semitte zu schnell zurückgekehrt; dann habe sie Goy in ihrer Kammer oder sonst in einem Winkel versteckt, bis der günstige Augenblick sich fand, ihn hinauszulassen.

Hinsichtlich Augers habe sie ungefähr dasselbe auszusagen, mit dem Bemerken, daß beide Nebenbuhler nie zusammengetroffen seien, was auf ein stilles Einverständnis deute. Zuletzt sei die Sache dem Ehemann doch aufgefallen, und da er richtig vermutet habe, daß die Liebeshändel nicht ohne Beihilfe der Magd stattfinden könnten, habe er diese, die Zeugin, fortgejagt.

Nach ihr trat Catharine Labée in Dienst. Diese schöpfte anfangs keinen Verdacht, noch ward sie von der Hausfrau in die Geheimnisse eingeweiht. Die wiederholten Besuche der beiden Bankiers erschienen ihr nicht verfänglich, da sie wußte, daß beide nahe Freunde des Hausherrn waren, viele Geschäfte mit ihm hatten, auch oft als seine Gäste von ihm zu Tisch gebeten wurden. Endlich fing sie aber doch an, Verdacht zu schöpfen wegen der langen geheimen Unterredungen, welche auch ihre Frau mit ihnen pflegte. Sie bemerkte, daß ein gewisser François Bertrand Briefe hin und her trug. Es kam ihr sonderbar vor, daß, wenn Semitte auf seinem kleinen Hofdienst in Versailles war, die Frau eine Kutsche kommen ließ, Wein, Speisen und Erfrischungen hineinpackte und abfuhr; sie erfuhr nicht, wohin. Wenn sie ohne dergleichen Vorrat abfuhr, gab sie dem Kutscher Befehl, am Hause des einen oder andern Bankiers zu halten. Ein anderes Mal sah sie beide Bankiers in einem Wagen ankommen; ihre Frau stieg ein, und sie fuhren ab. Es war morgens früh, und erst spät abends kam Gabriele von der frohen Landpartie zurück.

Als man merkte, daß die neue Magd heller sah, als man wünschte, bewarb man sich auch um deren Gunst und erkaufte sie mit gutem Gelde. Catharine erfuhr alles und ward Wächterin und Spionin gleich der frühern Jeanne Plisson. Sie hörte, sah, tat dasselbe; ja, weil die Zusammenkünfte zwischen den Liebhabern und der Frau jetzt später am Tage erfolgten, mußte sie mehrmals, ehe der Mann zurückkam, in aller Eile das bei der Unterredung in Unordnung geratene Bette wieder in Ordnung bringen.

François Bertrand, der dritte Zeuge für den Ankläger, war Semittes Bedienter oder mehr Laufbursche; er hatte die Geschäftsgänge zu besorgen und mußte daher oft zu Goy und Auger. Beide Herren fanden es daher angemessen, durch ein gutes Stück Geld ihn auf ihre Seite zu bringen. Er spielte, während er offiziell in seines Herrn Diensten ausging, den heimlichen Liebesboten, und bekannt mit den Geheimnissen und Geschäften beider Teile, fiel es ihm nicht schwer, für jeden Gang Vormunde und Ausreden zu finden. Er bestellte und arrangierte auch die ländlichen Orgien; er schaffte die Mietskutschen, die feinen Lebensmittel und Erfrischungen dazu. Gewöhnlich gingen die Partien nach dem Boulogner Hölzchen. Er servierte, und wenn man seiner nicht mehr bedurfte, hieß man ihn sich in die Büsche verlieren. Aber mit der Zeit setzte man diese Vorsicht und Zurückhaltung außer acht. Man war einmal vergnügt, man scheute sich nicht, es zu zeigen und andern einen Teil daran zu gönnen. Man ließ den geschickten Diener mit an der Tafel auf dem grünen Rasen essen und trinken; man scheute sich auch nicht, in seiner Gegenwart den Ergüssen der Zärtlichkeit sich zu überlassen, und endlich ging man so weit, daß man, ohne seine Gegenwart zu beachten, sich allen Genüssen der Liebe und Wollust hingab.

Die Verteidigung machte geltend: Die Zeugen wären als Komplizen des Ehebruchs ja gewissermaßen noch sträflicher als die leichtsinnige Frau, da sie geständlich dieselbe zwei Wollüstlingen verkauft und in gewisser Art einen Handel mit ihren Reizen getrieben hätten. Die Infamie brandmarke Negozianten dieser Art, und schon nach der allgemeinen Rechtsregel »Nemo creditur, propriam allegans turpitinem«, könnte ihren Aussagen vor Gericht kein Glaube geschenkt werden.

Überdies vernichteten sich die Zeugenaussagen schon durch ihre eigene Übertreibung. Sei eine solche Szene, wie Bertrand sie schildere, denkbar: daß eine gebildete Frau mit gebildeten Männern sich nicht entblöde, in Gegenwart eines gemeinen Burschen und Dienstboten sich den äußersten Handlungen der Schamlosigkeit hinzugeben, und ohne einmal sich vorher der Treue, Anhänglichkeit und Verschwiegenheit des Dieners versichert zu haben? Sei es denkbar, daß eine kluge, eine schlaue Frau ihre gesamten Dienstboten, einen nach dem andern, ohne weiteres zu Vertrauten solcher Heimlichkeiten werde gemacht haben, deren Bekanntwerden sie ins Unglück und Verderben stürzen mußte? Die allerfrechste, ausschweifendste Frau werde doch, solange sie noch in der Gewalt des Mannes ist, gewisse Rücksichten beobachten und könne sich nicht ohne Scham und Zurückhaltung einer so grenzenlosen Liederlichkeit überlassen, als Gabriele nach den Berichten der Zeugen getan haben sollte. Gesetzt, diese Dinge waren wirklich Wahrheit, so wären sie doch so unwahrscheinlich, daß jede Obrigkeit und jeder Richter daran zweifeln müsse. Die Zeugenberichte wären aber nicht allein ihrem Inhalt nach, sondern auch nach ihrer Form verdächtig. Dies gehe schon aus der Ordnung, der Reihenfolge hervor; sie wären nach gewissen Stufen so systematisch gegliedert, daß man die Komposition merke, den Unterricht, der vorangegangen sei. Auch die wenige Verschiedenheit erweise sich als vorsätzlich, als eine Künstelei. So sei es auffällig, daß jeder Zeuge nur von einer Tatsache zeuge, kein einziges Faktum werde von zwei Zeugen zugleich bekundet. Man habe vielmehr jedem eine verschiedene Rolle zugeteilt und diese Rolle mit Fleiß und Kunst verschieden einzurichten versucht. Während einerseits diese Veranstaltung durchblicke, sei andrerseits der Beweis, auch zugegeben die Glaubwürdigkeit der Zeugen, nicht rechtsbündig geführt, da für jede Tatsache, die ein besonderes Verbrechen begreife, nur ein Zeuge auftrete, jeder also eine besondere Geschichte erzähle, von der der andere nichts weiß. Ein jeder beweise also nichts als die Wahrheit: daß die Zeugen sämtlich Lügner wären.

Eine gelehrte und witzige Verteidigung, offenbar mit Liebe für die pikante Sache entworfen und in der Absicht, der Advokaten Scharfsinn leuchten zu lassen; man kann sich aber des Gedankens schwer erwehren, daß ein satirischer Dämon hindurchblickt. Daß der Verteidiger an die Wahrheit seiner Aufstellung selbst nicht geglaubt haben kann, ergibt sich aus dem Verlauf der Sache.

Semittes Advokat bestritt alle Motive, welche der Advokat der Verklagten seinem Klienten untergeschoben habe; besonders den schmutzigen Eigennutz und die Absicht, sich einer lästigen Beobachterin zu entledigen, um seinen eigenen sündhaften Vergnügungen ungestörter nachhängen zu können. Ein Gegenbeweis sei aber unnötig, da der Beweis dafür nicht geführt, sondern das Ganze ein Gewebe leerer Ausführungen sei.

Wir übergehen die sentimentalen Versicherungen über Semiites tugendhaften Charakter, seine aufrichtige Liebe und Hochachtung für ein durch Gaben des Geistes ebenso wie durch Schönheit und Anmut ausgezeichnetes Weib. Seine Aufführung in seinem ganzen Ehestande, seine Aufmerksamkeit, Gefälligkeit gegen die Gattin und die Seelenmartern, die er über ihre Vergehungen empfunden habe bis zu der Zeit, wo er sich gezwungen sah, ihre Untreue öffentlich bekanntzumachen, seien die sichersten Bürgen für die Reinheit seiner Sitten. Das Gegenteil von allem, wodurch die untreue Gattin ihre Klage unkräftig machen wolle, sei in Paris notorisch.

Der unglückliche Ehemann habe kein anderes Motiv zur Anstellung seiner Klage gehabt, als die Ausschweifungen seiner Frau und ? die Publizität, welche dieselben in Paris erlangt hätten. Er habe seine Ehre retten müssen. Ein öffentlich bezeichneter Hahnrei, sei es ihm Pflicht gewesen, durch einen Schritt, der ohne Aufsehen nicht zu machen war, das von Ehre zu retten, was noch gerettet werden konnte. Er wollte nicht, er durfte es nicht dulden, daß sein Haus einer zweiten Messaline zum Tummelplatz diene.

Er hatte eine noch näherliegende Pflicht dazu, eine Tochter, von seiner Frau in einer Zeit geboren, wo sie noch nicht vom Pfade der Tugend abgewichen war. Er durfte das Kind nicht länger das entsetzliche Beispiel einer solchen Mutter sehen lassen.

Die Gegenanschuldigungen, welche Gabriele gegen ihren Mann vorbrachte, wären erdichtet. Daß sie selbst nicht viel darauf gäbe, beweise die Produktion des Scheines, durch welchen ihr Mann angeblich den Ehebruch in beliebiger Art ihr gestatte. Die Entstehung dieses Scheines sei ermittelt; er sei das Produkt einer Schäkerei. Daß Gabriele ihn aufbewahrt, daß sie ihn vor Gericht vorgezeigt, daß sie ernsthafterweise habe glauben können, sich damit gegen den Zorn und die Rache ihres Gatten schützen zu können, spreche für eine Verirrung ihres Verstandes, die man ihrer ausgelassenen Sinnlichkeit zuschreiben müsse, und für ein durchaus verdorbenes Herz.

Was den allgemeinen Einwand gegen die Zeugen betreffe, daß ihre Aussagen in einer zu richtigen Folge aufeinander geordnet und die Geschäfte, die sie berührten, in allen Teilen zu genau zusammenhingen; daß der eine von einem Umstand rede, von dem der andere nichts aussage, und ihre Aussagen zusammengenommen doch ein vollkommenes Gemälde darstellten, so sei dies wohl einer der sonderbarsten Einwände, welche je vor einem Gericht gemacht worden wären. Weil die Wahrheit sich zu treu in den Zeugenaussagen abspiegele, solle sie nicht wahr sein! Der Einwand bedürfte keiner Entgegnung. Ebensowenig der noch auffälligere, daß, was die Zeugen über ihre moralische Unverschämtheit ausgesagt hätten, zu unverschämt sei, als daß es wahr sein könne. In der Regel trieben allerdings wollüstige Weiber die Frechheit nicht so weit; doch habe es Messalinen zu verschiedenen Zeiten gegeben.

Endlich sei nach der Praxis ein Ehebruch auch schon dann als erwiesen anzunehmen, wenn die Wahrheit eines jeden Aktes, aus dem die Untreue zu entnehmen sei, auch nicht durch das Zeugnis zweier Personen dargetan sei, aber die verschiedenen durch Indizien und einzelne Zeugen dargetanen Akte zusammenstimmten. Desgleichen seien Hausgenossen, Domestiken, ja selbst Helfershelfer bei diesem Vergehen, vermöge seiner geheimen Natur, als vollgültige Zeugen zuzulassen. Hier sei der Fall, wo das Zeugnis solcher Mitschuldigen notwendig werde. Wenngleich die beiden Mägde bei dem Verbrechen hilfreiche Hand geleistet hätten, so seien doch einmal Bediente zum Gehorsam bestimmt; man müsse sie daher entschuldigen, wenn sie die Aufträge einer ehebrecherischen Herrschaft nicht von der Hand wiesen, sondern deren Willen nachkämen.

Die Sache war wirklich notorisch. Die Erkenntnis des Chateletgerichts vom 17. Februar 1693 konnte daher im wesentlichen niemand befremden.

Gabriele Perreau ward für hinlänglich überführt erklärt, mit Goy und Auger einen strafbaren Umgang gepflogen zu haben. Sie sollte in ein Kloster oder in ein anderes geistliches Haus gebracht werden, welches der Ehemann benennen würde, und dort durch zwei Jahre eingesperrt bleiben. Nach Ablauf dieser Frist stehe es beim Manne, ob er sie wieder zu sich nehmen wolle. Wolle er nicht, so sollten ihr nach Verlauf dieser zwei Jahre die Haare abgeschnitten werden und sie ihre ganze übrige Lebenszeit daselbst verbleiben. Demzufolge ward sie für verlustig erklärt ihres ganzen Eingebrachten, ihres Anteils am gemeinschaftlichen Vermögen und jedes ihr mit dem Heiratsvertrage zuwachsenden Vorteils.

Dasselbe Arrêt bestimmte hinsichtlich der Bankiers Goy und Auger, daß beide vor Gericht zu fordern wären, dort wegen ihrer anstößigen Lebensweise einen öffentlichen Verweis zu erhalten hätten, ihnen jede fernere Gemeinschaft mit Gabriele Perreau bei Strafe untersagt wäre und sie überdies jeder eine Geldbuße von tausend Livres zum Besten der Unterhaltung der Chateletgefangenen zu entrichten und dem Ehemann Semitte gegenüber wegen aller ihm verursachten Schäden und Unkosten aufzukommen hätten.

Aber auch Semitte ward mit einem Strafanteil bedacht, weil er durch Schrift und Unterschrift des Ehebruchscheines einen Verstoß gegen Anstand und gute Sitten begangen hatte. Der seiner Frau entzogene Vermögensanteil ward nicht ihm, sondern ihrer und seiner Tochter zugesprochen.

Gabriele appellierte natürlich. Gegen die Appellation (d. h. doch wohl nur gegen ihre aufschiebende Wirkung) tat Semitte Einspruch und erlangte ein Arrêt, welches Gabrielen befahl, sich ins Parlamentsgefängnis zu begeben, und zugleich den beiden Bankiers, sich vor dem Parlamente zu stellen.

Gabriele sah, daß sie vor Gericht gegen ihren erzürnten Ehemann nichts durchsetzen werde; sie legte sich daher auf Unterhandlungen und auf List.

Durch ihre Mutter und durch eine ihrer Freundinnen, die Dame Pasdeloup, ließ sie ihren Mann um seine Einwilligung ersuchen, daß sie sich freiwillig in ein Kloster ihrer Wahl begeben dürfe und er dann für ihren anständigen Unterhalt sorgen möge. Semitte antwortete mündlich, er sei damit zufrieden.

Gabriele aber fürchtete, daß der Appellation ungeachtet das vorige Urteil bestätigt werden müsse, daß ihr Mann dann die Wahl des Klosters habe, in welches er sie einsperren könne, daß er gewiß nicht das bequemste und angenehmste für sie aussuchen und nach zwei Jahren ihr gewiß unbarmherzig die Haare werde vom Kopfe scheren lassen. Sie traute daher der mündlichen Einwilligung nicht ganz und versuchte, sich eine zu Recht beständige zu verschaffen. Sie ging deshalb am 16. März zu einem Notar und erklärte hier zu Protokoll, daß sie der Appellation unbedingt entsage, und daß der vielbesprochene Ehebruchserlaubnisschein von ihrem Ehemanne nur im Scherz geschrieben worden und nur so zu verstehen sei, und daß derselbe allen Ernstes geglaubt habe, sie hätte ihn längst verbrannt.

Aber das ganze Manöver war nur eine List. Sie wußte, oder hatte gehört, daß eine Versöhnung, wäre sie auch nur augenblicklich, den gegen sie erhobenen Ehebruchsprozeß sofort aufheben und ganz zu Ende bringen könne, insofern die Versöhnung nur vor dem Gerichte zu erweisen sei. Sie hoffte und sann auf eine solche Gelegenheit. Die Notariatserklärung sollte eine erste Schlinge für den armen Ehemann sein und vor allem ihr Zeit verschaffen. Um sich aber nicht selbst in dieser Schlinge zu fangen, begab sie sich fast im selben Atem, da sie jene Erklärung öffentlich vor einem Notar ausgestellt hatte, zu einem zweiten und stellte hier insgeheim eine andere des Inhalts aus, daß sie gegen alles, was sie im Protokoll des ersten Notars gesagt hätte, protestiere, als nur durch den Drang der Umstände ihr abgelockt.

Semitte aber war durch ein so langes Aufziehen hinlänglich gewitzigt, er kannte die Listen seiner Frau, und als er das erste Notariatsinstrument eingehändigt erhielt, protestierte er sofort, ebenfalls vor einem Notar, mit der Erklärung dagegen, er werde sich nicht im geringsten daran kehren, sondern zu gehöriger Zeit und am rechten Orte darauf antworten.

Gabrieles Absicht war nun, irgendwo mit ihrem Manne zusammenzutreffen und ihn durch die Macht ihrer Reize zu einem Schritte zu bewegen, der für eine Aussöhnung gelten konnte. Nachdem verschiedene Versuche ihr mißlungen waren, ward ein künstlicher Anschlag entworfen. Ihre Freundin Pasdeloup sollte Semitte unter einem scheinbaren Vorwande zu sich rufen lassen. In der Stube, in welche man ihn führen würde, wollte Gabriele plötzlich aus ihrem Versteck hervorstürzen, unter Tränen ihrem Ehemann um den Hals fallen, mit der schluchzenden Stimme der Verzweiflung ihn um Verzeihung bitten. Ihre Seufzer, Tränen, Blicke und Küsse, der Druck ihrer feinen Arme müßten ihn allmählich erweichen und seine Sinnenlust erwecken. Ein Ruhebett war in der Nähe an die Wand gestellt. Er mußte in ihre Arme sinken, sie traute es sich zu. Aber neben dem Bette war eine unscheinbare Klingelschnur angebracht. In dem Augenblick, der keinen Zweifel über die wirklich erfolgte Versöhnung lassen könne, wollte sie an der Klingel reißen. Ein von ihr gewonnener Polizeikommissar sollte dann mit den zwei Zeugen in die Stube stürzen und sofort eine Registratur über eine Situation, die keine andere Auslegung erlaubte, aufnehmen.

Der Anschlag mißlang; die Pasdeloup empfand Bedenken, als er zur Ausführung kommen sollte, und weigerte ihre Beihilfe. Gabriele sah sich genötigt, im Kloster der Benediktinerinnen ihren Aufenthalt zu nehmen.

Die Absperrung war hier nicht zu streng. Der Bankier Goy fand Mittel und Wege, zu seiner Mätresse zu dringen. Semitte erfuhr es und hielt es nach seiner Pflicht als Ehemann für angemessen, sich darüber bei der Priorin zu beschweren, worauf der Büßerin eine angeschlossene Zelle angewiesen wurde.

Aber ihm schien das für das zügellose Weib noch immer nicht zu genügen. Er drang daher darauf und erhielt am 27. September 1693 ein zweites Arrêt vom Parlament, worin die Vollstreckung des erstern befohlen und zugleich verfügt ward, Gabriele solle aus dem Kloster in das Parlamentsgefängnis gebracht werden; auch sollten Goy und Auger sich nun wirklich vor dem Parlament stellen.

Gabriele ward abgeholt und eingesperrt. Kein Ausweg, der den Prozeß verschleppen konnte, ward von ihr unversucht gelassen. Sie trat abermals als Anklägerin in einem Zwischenverfahren auf. Sie beschwerte sich in einer weitläufigen Schrift über die harte Behandlung und den Schimpf, den man ihr auf dem Wege vom Kloster in das Parlamentsgefängnis angetan; ihr Mann sei der Urheber. Das Parlament wies indes diese Intervention als zu keinem Prozeßverfahren geeignet ab.

Gabriele stand aber nun nicht mehr allein da, sie hatte unter den Gefangenen des Parlamentsgefängnisses einen Ratgeber und Freund gefunden, der auf ihre und die Geschichte ihres Prozesses von Einfluß wurde, einen in Sitten und Lebensart dem ihrigen verwandten Charakter.

Eustach le Noble, so hieß der Gefangene, war ein Mann, der seinerzeit als Schriftsteller und öffentlicher Charakter viel, wenn auch nicht viel Gutes, von sich reden machte. Von altem Adel, in den glücklichsten Vermögensumständen, in der angesehenen Stellung als Generalprokurator zu Metz, hatte er sich doch Fälschungen in eigennütziger Absicht erlaubt, die entdeckt wurden und seine Verhaftung und Verurteilung zur Folge hatten. Gegen das Erkenntnis, das ihn zur Kirchenbuße und zu neunjähriger Verbannung verurteilte, hatte er damals gerade appelliert und befand sich deshalb im Parlamentsgefängnisse in Paris. Le Nobles ganzes Leben war eine Kette von Ungefügigkeit, Unordnung, Liederlichkeit, Ausschweifung und genialen Impulsen. Oft in der Schule der Trübsal, doch nie gebessert, im Besitz von Geld und Vermögen, aber immer Verschwender und daher darbend, brachten seine Gelegenheitsschriften und historischen Abhandlungen, z. B. »Über die Republiken Holland und Genua«, »Über die Münzen der Alten«, »Über das wahrhafte Geburtsjahr Christi«, »Übersetzungen der Psalmen in Prosa und Versen, nebst Betrachtungen dazu«, den Buchhändlern große Summen ein, während er selbst in seinen letzten Lebenstagen von dem wöchentlichen Almosen in Höhe eines Louisdor lebte, den ihm der damalige Polizeileutnant d’Argenson auszahlte, und, als er 1711 starb, auf Kosten des Kirchspiels begraben werden mußte. Ein periodisches Werk Le Nobles: »Politische Unterhaltungen über die Begebenheiten gegenwärtiger Zeit«, hatte eine Zeitlang wegen mehrerer glücklicher Einfälle, aber auch trivialer Späße und Angriffe einen guten Fortgang. Aber es stieß die feinere Welt bald ab durch den gemeinen Ton, in den der Autor verfiel, und der nur zu deutlich nach den Gesellschaftskreisen schmeckte, in die er durch seine Lebensweise versunken war. Doch ihm ward die Ehre, daß seine sämtlichen Werke nach seinem Tode noch in zwanzig Bänden gesammelt erschienen. Auch die deutsche Literatur kann solche »Genies« nach dem populären Ausdrucke aufweisen, es hat sich aber noch keiner eine solche Überschrift unter sein Bildnis selbst verfertigt wie Le Noble, der, auf seinen Adel und Namen anspielend, schrieb:

Nobilitas si clara dedit nomenque genusque,

Clarior ingenio, nobiliorque micas.

Infida fortunae sic spernens tela malignae

Per scopulos virtus saepius astra petit.

Ein solcher Mann war wie vom Schicksal für die reizende, witzige, intrigante und kecke Gabriele zum Genossen ausersehen. Von einer imponierend schönen Gestalt, dem liebenswürdigsten Benehmen, einem lebhaften Kopfe, der anmutigsten Redegabe, voller Lebhaftigkeit, sprühendem Witz und schlauer Unternehmungslust und ebenso sittenlos und ohne Grundsätze wie Gabriele, mußten beide Personen schon durch ihre Schönheit und den lebhaften Blick in den Gefängnisräumen sehr bald sich begegnen, finden und verständigen. Die schöne Würzkrämerin war nämlich nicht mit den andern Frauen ein- und abgeschlossen. Sie saß in demjenigen Quartier des Gefängnisses, welches La pension genannt wurde, und dessen Bewohner die Freiheit hatten, mit den andern Gefangenen nach Wohlgefallen Umgang zu halten.

Gabriele uno Le Noble fanden und verstanden sich. Das Gefängnis ward für beide ein Patmos. Er ward ihr Liebhaber und Advokat. In allem, was sie von jetzt an unternahm und tat, war er die Seele und das Werkzeug.

Aber ihr Verhältnis hatte, ehe sie dessen gewärtig war, solche Folgen, auf welche beide am wenigsten gerechnet hatten. Sie befand sich in der Lage der Herzogin von Berry, und alles kam ihr darauf an, aus ihrem Blay herauszukommen, ehe es ruchbar würde. So erklärt sich ihre neue Eingabe des Inhalts, daß sie mit ihrem Manne ausgesöhnt sei und daß sie es beweisen wolle, und die Bitte, bis zum Austrage des Prozesses sich in ein Kloster oder zu ihren Eltern begeben zu dürfen. Ein glücklicher Zufall wollte, daß der Referent ihres Prozesses, der Parlamentsrat Le Nain, eines Tages das Gefängnis besichtigte; Gabriele fand Gelegenheit, sich ihm zu Füßen zu werfen. Ihre Schönheit, ihre Tränen rührten den Mann des Gesetzes, er brachte die Sache außer der Ordnung zum Vortrag und bewirkte ein Arrêt vom 15. Juli 1694, welches Gabriele Parreau die Erlaubnis gewährte, sich in ein Kloster oder in die Wohnung ihrer Eltern zu begeben, um von dort aus binnen drei Monaten den Beweis beizubringen, daß die Aussöhnung mit ihrem Mann wirklich erfolgt sei.

Dennoch ward ihre Absicht nicht ganz erfüllt. Semitte stand immer auf der Wacht. Er brachte es durch Gegenvorstellungen dahin, daß die ihr im Arrêt gestattete Wahl wieder zurückgenommen und Gabriele in das Kloster Unserer lieben Frauen gebracht wurde.

Aber Le Noble hielt Wache auf der andern Seite. Im Parlamentsgefängnis war der Gerichtsdiener Boursier durch ihn gewonnen. Dieser gewann für ihn die Tochter einer Hebamme, welch erstere ebenfalls im Gefängnisse saß, und diese ihre Mutter. Die Hebamme mußte sich unter irgendeinem Vorwande als Kostgängerin im Kloster Unserer lieben Frauen einschleichen. Für die geheime Niederkunft Gabrieles war also gesorgt. Es kam nunmehr nur darauf an, für die Wegschaffung des neugeborenen Kindes Sorge zu tragen, was bei der strengen Bewachung des Klosters mehr Schwierigkeiten hatte.

Gabrieles Muhme, Katharina Passy, ward in das Geheimnis und das Komplott gezogen. Sie mußte, als die Zeit der Niederkunft herannahte, täglich am Kloster vorbeigehen und acht haben, ob nicht aus einem bestimmten Fenster ein bestimmtes Zeichen heraushänge. Am 14. September 1694 erschien der Stab mit dem Tuche am Fenster, und die Passy begab sich ins Kloster, um mit einer andern Kostgängerin desselben, die gleichfalls in das Geheimnis eingeweiht war, zu sprechen. Die Paideck, so war deren Name, erschien im Sprechzimmer, das neugeborene Kind mit sich bringend. Es ward auf die Drehscheibe gelegt, die Passy empfing es und trug es fort. Das Kind ward bald darauf in der Stille unter dem Namen des Chevalier de Saint George getauft. Saint George hieß eine Baronie, welche Le Noble ehedem besessen hatte. Die Paten waren der Ehemann der Passy, ein gewisser Tachon und eine Nichte des Gerichtsdieners Boursier, die Vertraute bei Le Nobles und Gabrieles Liebeshandel.

Indessen war sowohl im Kloster als auch im Parlamentsgefängnis der Verdacht ihrer Schwangerschaft aufgetaucht.

Kaum war sie jedoch ihrer größten Sorge durch die geschickte Fortschaffung des Kindes entledigt, als sie auch den Verdacht ganz vertilgen wollte. Sie reichte am 6. Oktober 1694 eine neue Klageschrift beim Parlament ein: daß ihr Mann ehrenschänderische Nachrichten auf ihre Rechnung ausstreue, nämlich, sie sei schwanger gewesen, als man sie ins Kloster gebracht habe, und dort entbunden worden. Demnächst forderte sie Schadenersatz für ihre gekränkte Ehre.

Was Gabriele von jetzt ab in dieser Angelegenheit tat, war nur das, was Le Noble beschlossen hatte. Er leitete ihre Verteidigung und ihre Angriffe und gab der Sache mit einer Frechheit und Unverschämtheit eine Publizität, die uns schwer erklärlich ist, aber einen Beitrag zur damaligen Sittengeschichte liefert. Ja die vor ganz Paris Prostituierte gab sogar eine selbstverständlich von Le Noble verfaßte Druckschrift heraus, in der es heißt:

»Im verwichenen Junius dieses Jahres (1694) fing Herr Semitte an, überall bekanntzumachen, seine Frau sei schwanger. Da die Frau von Bretinières, die Oberin des Klosters, für Vorurteile sehr empfänglich, auch überdies für ihren Nutzen nicht unempfindlich ist, so kostete es besagtem Manne wenig Mühe, sich durch Geschenke von Zucker, gebrannten Wassern und andern Ausbeuten seines Ladens bei ihr in Gunst zu setzen. Er sagte ihr sodann, er werde seine Frau unter ihre Aufsicht geben, allein er müsse ihr auch melden, daß er sicher wisse, seine Frau sei schwanger, und sie möge wohl achtgeben, daß nicht etwa eine Hebamme heimlich ins Kloster gebracht würde. Um der Oberin diese giftige Lästerung recht glaubwürdig zu machen, bediente er sich auf Anraten seines Prokurators der verabscheuungswürdigen List und ließ durch gewisse Leute auch den Nonnen jenen schimpflichen Verdacht in die Köpfe setzen, und diese eröffneten nicht nur der Oberin das, was sie dachten, sondern verbreiteten auch die eingebildete Schwangerschaft ihrer Kostgängerin mit ihren geläufigen Zungen so sehr, als sie konnten. Die Schrift lehrt uns, daß nichts heftiger sei als der Zorn eines Weibes; allein man kann wohl sagen, daß die Lästersucht einer Nonne, die sich einmal vom Wege der christlichen Liebe entfernt hat, die heftigste Leidenschaft ist, die gefunden werden kann. Als der rechtliche Beistand der Frau Semitte von dieser boshaften Kabale Nachricht erhielt, veranlaßte er seine Klientin, am 6. Oktober beim Parlamente ein Memorial einzureichen, worin sie anführte, ihr Ehemann hätte schon seit drei Monaten das unwahre Gerücht verbreitet, sie sei schwanger; auch der schwache Kopf der Oberin sei von dieser verleumderischen Nachrede eingenommen worden, und sie hatte sich zum Werkzeuge der weitern Ausbreitung brauchen lassen. Indes sei nichts ungegründeter als diese Beschuldigung, und es läge ihr unter den Umständen, in denen sie sich befände, alles daran, die Welt vom Gegenteil zu überzeugen, und da sie mit der Nonne, die sie so verlästere, nicht länger unter einem Dache bleiben könne, so bäte sie, in ein anderes Kloster gebracht zu werden oder die Erlaubnis zu erhalten, bei ihren Eltern zu leben; auch hoffe sie, daß das Parlament die Gnade haben und ihren Ehemann zu einem solchen Ehrenersatz verurteilen werde, der jener durch ihn erlittenen groben Beschimpfung vollkommen angemessen sei. Dies war also der Augenblick, in welchem die Kabale in Verwirrung gebracht, der Ehrenschänder niedergeschlagen und alle Niedertracht des Herrn Semitte außer Kraft gesetzt wurde. Jetzt sah sich der Verleumder in der Enge ? er mußte reden und sich erklären. Und was sagte er denn in diesem entscheidenden Zeitpunkte? Kann wohl jemand glauben, daß ein solcher frecher Verleumder, daß der Mann, der seiner Gattin Ehre auf das schimpflichste angegriffen hatte, die Wahrheit gezeugt haben sollte? Sein Advokat erklärte in seinem Namen vor dem versammelten Parlamente im Angesichte der Richter und vor den Augen des Publikums, er habe niemals gesagt oder gedacht, daß Frau Semitte schwanger sei. Hier hätte diese unglückliche Frau auf einer fürchterlichen Genugtuung bestehen können; allein sie begnügte sich an einem so feierlichen Geständnisse und war viel zu gut gesinnt, als daß sie die Sache wider ihren Verleumder aufs äußerste treiben wollte.«

Die saubere Schrift enthielt noch verschiedene Beilagen. In der einen redet ein angeblicher Benediktinermönch der Priorin in ihr Gewissen, daß sie der Wahrheit um Christi willen die Ehre geben und von der höllischen Lästerung gegen die unglückliche, verleumdete Frau abstehen solle. Es galt Le Noble, die Bigotten durch fromme Redensarten für seine Geliebte zu interessieren. Für das große Publikum gab er als Beilage einen Brief, den angeblich Gabriele an ihren Mann geschrieben haben sollte.

»Mein zärtlich geliebter Gatte!

Wenn Du auch immer hartnäckig fortführest, mich zu verfolgen, so kann ich doch jenes heilige Band nicht vergessen, das uns vereinigt hat, und je mehr Du Dich bemühst, es zu zerreißen, desto eifriger suche ich, es noch fester zu verknüpfen.

Könnten meine Martern mir endlich Dein Herz wiedergewinnen, so wollte ich sie mit größtem Vergnügen erdulden. Allein, bester Mann, muß es denn sein, daß Du mich immer tiefer zu unterdrücken suchst, je sehnlicher ich trachte, mich mit Dir von ganzem Herzen wieder auszusöhnen? Haben denn meine Leiden Dich noch nicht ermüdet? Ich habe ein schimpfliches Urteil anhören müssen, habe meiner Appellation, so wie Du gewollt hast, entsagt; habe mich in das Kloster begeben, das Du gewählt hattest; Du hast mich ein zehnmonatiges Gefängnis aushalten, hast mich den bittern Kelch trinken lassen, in einem äußerst erniedrigenden Zustande vor meinen Richtern erscheinen zu müssen; Du hast mir in dem Kloster, wo ich jetzt bin, die geringsten Bedürfnisse versagt, hast eine neue schimpfliche Nachrede wider mich ausgebracht und mich dadurch den Verfolgern einer unbarmherzigen Oberin preisgegeben: und doch wollte ich alle diese herzergreifenden Drangsale für nichts achten, wenn ich Deine Liebe dadurch erkaufen könnte.

Selbst das Parlament hat Mitleid mit Deiner so sehr verfolgten Gattin, und durch die Gerechtigkeit, die es mir widerfahren läßt, gibt es Dir deutlich genug zu erkennen, daß Dein hartes Verfahren wider mich ihm verhaßt sei, auch zeigt jede seiner Verfügungen in unsrer Sache, daß es keinen andern Endzweck habe, als jene Ruhe und Einigkeit, die wir so lange Zeit haben entbehren müssen, zwischen uns wieder herzustellen. Gott selbst will unsere Aussöhnung; unsere Tochter, das Unterpfand unserer Zärtlichkeit, fordert uns dazu auf, und Dein Nutzen, der mir stets teuer ist und sein wird, verlangt einen solchen Schritt. Ich werfe mich also hiermit in Deine Arme; öffne sie, mein Geliebter, und empfange eine Gattin, die bloß lebt, um Dir in allem, was Du von ihr fordern kannst, gefällig zu sein.

Wäre ich auch wirklich die Verbrecherin, für die mich die Welt nach Deinem Willen ansehen soll, würden alsdann nicht die Leiden, die Du mich so reichlich hast erfahren lassen, meine Vergehungen gebüßt haben, und sollte mein aufrichtiges Verlangen, Dir Genugtuung zu leisten, nicht Deinen Zorn entwaffnen? Laß uns also, liebster Gatte, alles Vergangene vergessen. Laß uns dem zu Fuß fallen, der uns täglich weit größere Sünden vergibt. Ich bitte ihn unaufhörlich, daß er Dein Herz erweichen möge, und eben jetzt, da ich inbrünstig für Dich zu Gott gebetet habe, wage ich es, Dir diesen Brief zu schreiben, ehe noch die Sache weitergeht.

Ich habe den Beweis unserer geschehenen Aussöhnung, der mir, wie Du weißt, rechtskräftig nachgelassen worden ist, bloß deshalb noch nicht angetreten, weil ich wünsche und hoffe, Du werdest Dich zu einer nochmaligen, herzlichen und aufrichtigen Aussöhnung bereit finden lassen.

Es liegt nun also bloß an Dir, mein teurer, ewig geliebter Mann; mit tränenden Augen beschwöre ich Dich, laß meine Hoffnung nicht vergebens sein. Befiehl mir alles, was Du willst, ich werde Dir gehorchen, wenn Deine, meine und unserer Tochter Ehre gesichert ist.

So gewiß ich mir auch schmeicheln kann, daß das Urteil gerechter Richter endlich günstig für mich ausfallen werde, daß die bösen Anschläge Deiner Ratgeber scheitern müssen, so bin ich doch bereit, alles aufzuopfern, um den Frieden wieder zu erlangen, um den ich Dich anflehe. Gewähre, liebster Mann, diesen Frieden einer Gattin, die ungeachtet der äußersten Strenge, mit der Du sie behandelst, dennoch leben und sterben wird als

Deine Dich liebende gehorsame und getreue Dienerin

Marie Gabriele Perreau.«

So wurde also die Presse damals entweiht, in Privatprozessen die Stimme des Publikums zu gewinnen und zu verführen. Dagegen scheint die Zensur nichts einzuwenden gehabt zu haben. Diese und andere Schriften in dieser Sache sind aber ein Zeichen, welche Teilnahme die Angelegenheit im Publikum erregt haben mußte, und was es auch schon damals galt, die öffentliche Stimme für sich zu gewinnen. Dagegen kann man sich der Vorstellung nicht erwehren, daß Le Noble, von einem diabolischen Kitzel getrieben, durch die Schrift nicht sowohl die Angelegenheit seiner Geliebten hat bessern wollen, sondern daß er mehr darauf ausging, ihren Ehemann an den Pranger zu stellen. So erzählt er eine Anekdote von dem Advokaten Audoyer, der Semitte bediente. »Ich bitte um Vergebung, meine Herren,« hatte dieser einst zu einigen Advokaten gesagt, »daß ich Sie einige Zeit warten ließ; ich hatte einmal mein Vieh bei den Hörnern und konnte es nicht sogleich fahren lassen. Ich bin mit dem Hahnrei Semitte bei seinen Richtern gewesen.«

Gabrielens Beschwerden gegen die Priorin des Klosters wurden so heftig, daß man ihnen abermals nachgab und sie in ein anderes Kloster, dasjenige, in welchem sie bei ihrer ersten Verhaftung gewesen war, hinüberschaffen hieß.

Aber ehe dieses Arrêt zur Ausführung kam, gelang es ihr, zu entfliehen. Sie hatte keine Lust mehr am Klostelleben und sehnte sich nach dem vollen Genuß der Freiheit. Am 4. Dezember 1694 war sie entschlüpft.

Ihre erste Handlung war eine neue kühne List. Es galt ihr alles, die Versöhnung mit ihrem Manne glaublich zu machen. Die Deduktion, daß sie erfolgt sei, überließ sie ihrem Buhlen, der mit seiner Feder ebenso schnell fertig wurde als mit seinem Gewissen. Sie hatte ihn nur mit Details zu versehen, auf denen er bauen und auf die er sich stützen konnte.

Der Pastetenbäcker Buguet, dessen Laden in dem Hause war, in welchem Semitte wohnte, hatte im ersten Stockwerk eine Wohnstube, welche an Semittes Schlafstube stieß. Buguet war schon früher, oder jetzt, von Gabrielen ins Vertrauen gezogen worden. Er gewährte ihr in seiner Stube einen heimlichen Aufenthalt, damit sie nach dem entworfenen Plane am andern Morgen, sobald Semitte ausgegangen wäre, mittels eines Nachschlüssels sich in dessen Zimmer begeben könne. Hier wollte sie sich schnell entkleiden und in das Bett des Mannes legen. Dann sollte jemand, der im Komplott war, sich auf der Straße von Gerichtsdienern verfolgen lassen. Er sprang in das Haus, er versteckte sich dort, die Gerichtsdiener mußten Haussuchung halten, dabei Semittes Stube mit Gewalt öffnen und Gabriele im Bette ihres Mannes finden, die dann empört aufschreien sollte, was man sich unterstände! Sie habe die Nacht in den Armen ihres rechtmäßigen Mannes geruht, der nur eben aufgestanden und seinen Geschäften nachgegangen sei.

Semittes Spürhunde hatten indes Gabriele beim Pastetenbäcker eintreten sehen. Er, jeder List von ihrer Seite gewärtig und stets auf seiner Hut, kehrte mit einem Polizeikommissar und einem Notar in sein Haus unter großem Lärm zurück, und Gabriele mußte nicht allein ihren Plan aufgeben, sondern sich noch glücklich schätzen, daß sie unter dem Schleier der Nacht entschlüpfen konnte.

Indes war Semitte jetzt in die äußerste Wut versetzt, er wollte auch die verfolgen, welche seiner ehebrecherischen Frau Vorschub geleistet hatten, und selbst die, welche ihr zur Flucht aus dem Kloster behilflich gewesen waren, und bereitete deshalb Klagen vor gegen Gabrielens Schwager Alix und den Ehemann ihrer Muhme Passy, besonders gegen letzteren, welcher ihre Flucht aus dem Kloster mit zehn bewaffneten Männern unterstützt und geschützt haben sollte.

Diese ernsthaften Maßregeln erschreckten auch ein so freches Weib, wie Gabriele war. Sie hielt es geraten, auf einige Zeit vom großen Schauplatz zu verschwinden. Ihre abenteuerlichen Reisen durch Flandern, wo sie Le Nobles Schriften verkaufte und entweder davon oder, was wahrscheinlicher ist, von ihren Reizen lebte, sind nur teilweise bekannt geworden.

Aber schon im April 1695 war es Le Noble gelungen, aus dem Parlamentsgefängnisse zu entwischen. Er hielt sich in Paris verborgen und ließ seine Geliebte gleichfalls dahin kommen. Unter immer wechselnden Namen bezogen sie hier verschiedene Wohnungen, immer als Mann und Frau lebend. Einmal hießen sie Herr und Madame de l’Isle, ein anderes Mal Herr und Frau von Noyers.

Am 24. August 1696 kam Gabriele mit einem zweiten Kinde von Le Noble nieder, einer Tochter, welche in der Taufe die Namen Katharina Louise, Tochter von Eustach le Gentilhomme (Eustach Le Noble), Ritter, Herrn von Noyers, und Marie Le Brun, seiner Gattin, empfing. Auch der Name Noyers war eine Anspielung; Le Noble hatte vor kurzem eine Posse »Die Nußbäume« (Les Noyers) herausgegeben.

Aber gleich nach der Geburt und Taufe verließen und änderten sie schon wieder Namen und Wohnung. Wir finden sie im Hause eines Herrn Cuvier 1697 unter dem Namen Herr Le Brun des Vois und Gattin. Mehrere Zeugen berichten auch hier über das Zusammenleben der beiden. Einer Hebamme erschien das Benehmen der jungen Frau, als sie von ihr zu Rate gezogen wurde, so frech, daß sie ihre Verwunderung nicht verbergen konnte. Gabriele erwiderte: »Ich sehe wohl, meine liebe Frau, daß Sie nicht gewohnt sind, mit Damen von Stande umzugehen.«

Im April 1697 ward Le Noble entdeckt, verhaftet und abermals ins Parlamentsgefängnis gebracht. Gabriele mußte nach Lyon verschwinden, bis es Le Noble gelang, nach einer demütigenden Buße wieder auf freien Fuß zu kommen, worauf er nach wie vor mit seiner Geliebten als Mann und Frau lebte.

Inzwischen hatte Semitte ein Arrêt erhalten, daß seine Frau, sobald man ihrer habhaft werde, sofort ins Zuchthaus gebracht werden solle. Aber seine Kundschafter hatten lange Zeit vergeblich nach ihr gesucht, da sie stets, wenn sie endlich die Spur entdeckt hatten, ein leeres Nest fanden und die Verfolgte unter einem andern Namen in einem entfernten Stadtteil ein neues Leben anfing.

Endlich ward sie in einer Garküche als eine Madame Destournelle, die eines Prozesses wegen aus Lyon gekommen war, am 6. Oktober 1698 ergriffen und ins Zuchthaus gebracht. Da aber Semitte auch wegen der neu hinzugekommenen Ausschweifungen seiner Frau eine Untersuchung verlangte, sollte sie abermals, und desgleichen Le Noble, ins Parlamentsgefängnis gebracht werden.

Dies kam beiden höchst ungelegen. Gabriele war gerade zum dritten Male schwanger; nach diesen Präzedenzien war es fast unmöglich, ihre Niederkunft vor den Augen der Obrigkeit und ihres Mannes zu verbergen. Le Noble wagte Gewalt. Mit einem Trupp von ihm bezahlter und bewaffneter Leute wollte er auf dem Wege vom Zuchthaus nach dem Parlamente die Gerichtsdiener überfallen und Gabriele befreien. Aber Semitte war auch darauf vorbereitet. Auch er ließ die Zahl der Gerichtsdiener verstärken und bewaffnen, und Le Noble mußte den Angriff aufgeben.

Gabrielens Schwangerschaft konnte kein Geheimnis sein. Als sie im Gefängnis entbunden ward, hatte Semitte schon durch ein neues Arrêt dafür gesorgt, daß das Kind, abermals eine Tochter, welches am 7. April zur Welt kam, ohne Vatersnamen als Anna Katharina in einer Kirche des Parlamentskirchspiels getauft würde.

Le Noble war der Verhaftung entgangen. Aus seinem Verstecke schleuderte er neue Pamphlete in die Stadt, als gebe es für Paris keinen wichtigern Gegenstand als den Ehebruchsprozeß zwischen dem Würzkrämer Semitte und seiner Frau. Was später vor Gericht durchgefochten werden sollte, ward in diesen Druckschriften schon für das Publikum als sichere Tatsache aufgestellt: daß Semitte der wahrhafte Vater aller seit diesem ärgerlichen Prozesse von Gabriele geborenen Kinder sei, daß er aber in unnatürlichster Verstockung seines Herzens allen Vatergefühlen Hohn spreche und die Kinder als Bastarde, von seiner Frau im Ehebruch erzeugt, darzustellen suche, um den heiligsten Pflichten, welche die Natur uns auferlegt, sich zu entäußern. Bestimmt ward ihm vorgeworfen, daß das am 24. August 1696 zu Paris geborene Kind, getauft am 27. unter dem Namen Katharina Louise unter dem fingierten Vatersnamen eines Eustach le Gentilhomme, nicht allein sein Kind gewesen sei, sondern daß er dasselbe noch obendrein durch seine Magd und Beischläferin habe beiseiteschaffen, vor die Tür eines Schuhmachers aussetzen und später ins Findelhaus bringen lassen! Als Probe der Sprache, welche dieser freche Abenteurer zu führen wagte, hier nur eine Stelle.

»Die Tränen dieses unschuldigen weggesetzten Kindes flehen zu Gott um die Rechte seiner Geburt, die ihm die Beischläferin seines Vaters entrissen hat, und die ächzende Stimme der Mutter erbittet diese Rechte von ihren Richtern. Gott, der nach dem Rate seiner unerforschlichen Weisheit oftmals den Verbrecher bei aller vermeinten Klugheit blind macht, hat es auch hier so gefügt, daß dieser widernatürliche Vater selbst ganz unwidersprechliche Beweise von der Geburt dieses Kindes uns hat in die Hand geben müssen. Sollte also die menschliche Gerechtigkeit bei den Klagen einer Mutter, die ihr unterdrücktes Kind zurückfordert, taub sein? Sollen Seufzer dieser bekümmerten Mutter und dieses unglücklichen Kindes erstickt werden? Soll das Verbrechen eines ausschweifenden Mannes und einer liederlichen Vettel unbestraft bleiben? Necare videtur non tantum is, qui partum perforeat, sed et is, qui abjicit. Die Gattin des Semitte ist in Gegenwart ihrer Schwestern und mehr als zehn anderer Personen entbunden worden; sie hat ihr Kind öffentlich taufen lassen, und über hundert Leute haben die Taufhandlung mit angesehen; hat man aber wohl je gesehen, daß eine Ehebrecherin ihre Niederkunft so öffentlich abgewartet hat? Ist wohl jemals die Frucht ehebrecherischer Ausschweifungen auf so eine Art zur Taufe gebracht worden?«

Wenn es, woran wir keinen Grund zu zweifeln haben, in ganz Paris bekannt war, daß Le Noble Gabrielens Liebhaber und der Vater ihrer Kinder war, so scheint die Zurücksetzung aller Scham in diesen schandbaren Behauptungen freilich unglaublich, wenn man nicht annimmt, daß es diesem depravierten Genie mehr darum zu tun gewesen ist, seinen satanischen Witz spielen zu lassen gegen den armen Hahnrei und seine fruchtlosen Anstrengungen, vor einer erbärmlichen Gerichtsbarkeit sein Recht zu erlangen.

Endlich erreichte Gabriele Perreau am 20. Juni 1699 eine neue Eingabe (natürlich von Le Noble verfaßt und von ihm zugleich als Druckschrift publiziert), in welcher sie außer anderm ihren Hauptantrag richtete um rechtliches Verhör wider das Arrêt, in welchem untersagt worden war, den Namen des Vaters ihrer am 7. April zur Welt gebrachten Tochter in das Taufregister einzuschreiben; vielmehr hoffe und erwarte sie, daß dem Parlament gefällig sein werde, die in dem Arrêt besagte Anna Katharina und eine andere am 24. August 1696 geborene Tochter namens Louise Katharina bei ihrem Stande und Namen als wahre und eheliche Kinder von Louis Semitte und Gabriele Perreau, seiner Frau, zu schützen und zu erhalten, auch den Vater dahin anzuweisen und zu verurteilen, daß er ihnen den gehörigen Unterhalt reichen solle, und diese Kinder unter unmittelbaren obrigkeitlichen Schutz zu nehmen. Auch bäte sie, daß Louise Katharina aus dem Findelhause genommen werden möge und die Veranstaltung getroffen werde, daß die Taufregister des Kirchspiels, wo diese zwei Kinder getauft worden seien, in Beziehung auf sie abgeändert und die Namen von Louise Semitte und Gabriele Perreau an die Stelle derjenigen, die durch Semittes Bosheit eingeschrieben worden seien, gesetzt werden mögen; auch würde ihr Ehemann alle verursachten Unkosten zu bezahlen schuldig sein.

Die Klägerin gründete ihren Antrag auf drei Momente:

Erstens: Semittes Verfolgungen gegen seine Frau hätten keine andere Quelle als seine Ausschweifungen. Er habe sie früher geliebt, geachtet, dann sei er ihrer satt, sie sei ihm widerwärtig, verhaßt geworden; darum habe er sie von sich gestoßen.

Aber zweitens: sobald er sie wieder gesehen habe, sei auch seine sinnliche Neigung wieder erwacht. Trotz seines Hasses und seiner Verfolgungen habe er keine Gelegenheit unbenutzt gelassen, wieder mit ihr Umgang zu pflegen, daher seien alle von ihr inzwischen zur Welt gebrachten Kinder seine Kinder, die Frucht einer zeitweiligen Aussöhnung zwischen den Ehegatten.

Drittens streite schon dafür auch ohne Beweise die gesetzliche Präsumtion, das römische Gesetz: Pater est, quem justae nuptiae demonstrant. Die Kinder einer verheirateten Frau haben in den Augen des Gesetzes keinen andern Vater als den Ehemann der Mutter.

Wir übergehen den ersten Punkt, die Anschuldigungen gegen Semittes Lebenswandel, die in ekelhaften Erörterungen sich ergehen.

Zum zweiten Punkt aber galt es nun, für die Geschichte dieser zeitweiligen Aussöhnung bestimmte Momente und Beweise aufzuführen.

Im März 1693 hatten, sagt Gabriele, beide Eheleute eine Zusammenkunft bei der schon erwähnten Freundin Pasdeloup. Sie speisten zusammen in einer Gesellschaft von vier bis fünf Personen, tranken sich gegenseitig Gesundheit zu und stießen mit den Gläsern an. Nach der Mahlzeit umarmte der Mann seine Frau in Gegenwart aller Anwesenden. Tränen flossen aus seinen Augen. Beide gingen darauf in das Schlafkabinett der Pasdeloup, blieben dort länger als eine Stunde eingeschlossen, und als sie zurückkehrten, sah jedermann, daß das Bette in Unordnung war. Semitte gab Gabriele zwei Louisdor ?- sagt Gabriele ? und führte sie am Arm in ihre Wohnung. Sie hätten später in demselben Hause noch mehrere Zusammenkünfte der Art gehabt.

Semitte war zum Entschluß gekommen, seine Frau wieder zu sich zu nehmen. Nur sollte sie ihrer Appellation gegen das Erkenntnis des Chatelet entsagen und erklären, daß der Zettel, worin er ihr die Erlaubnis erteilt »Sie verstehen mich wohl!« von ihm nur zum Scherz geschrieben sei. Die unglückliche Gabriele Perreau hoffte, aber zweifelte ? sie unterschrieb den Schein, den ihr Mann aufgesetzt und durch die Pasdeloup ihr zugestellt hatte ?- aber sie protestierte sogleich vor einem Notar dagegen. Als sie ihrem Manne den ersteren Schein in seine Wohnung brachte, küßte und liebkoste er sie, sie mußte mit ihm zu Mittag essen, und nach Tische erfolgte abermals eine Schäferstunde wie im Hause der Pasdeloup.

Beide wurden darauf einig ? sagt Gabriele ? daß es am besten sei, wenn sie einstweilen in ein Kloster gehe, bis der Lärm, den ihr Prozeß gemacht hatte, sich gelegt habe. Sie tat es am 17. März 1693. Semitte besuchte sie dort mehr als einmal, unterhielt sich mit ihr aufs zärtlichste, küßte sie durchs Gitter und umarmte sie an der Pforte, und das in Gegenwart der Priorin und anderer Klosterfrauen.

Vor seiner Abreise nach Flandern nahm er im Kloster förmlich von ihr Abschied, umarmte sie wieder und versprach ihr, nach seiner Rückkehr sie wieder ins Haus zu nehmen. Aus Flandern schrieb er ihr einen Brief, von anderer Hand zwar, aber von ihm unterzeichnet.

Aber aus Flandern zurückgekehrt, war wieder die Liebe verraucht, der Haß loderte auf, die Verfolgungen fingen aufs neue an.

Dies dauerte bis zum Oktober 1695. Da war auch sein Haß wieder verraucht, er bekam Dilucida intervalla seines Eifersuchtsfiebers (so Le Nobles Sprache) und spielte bei Herrn Alix, Gabrielens Schwager, darauf an, er sei bereit, sich mit seiner Gattin wieder auszusöhnen, wenn sie aus Flandern (wohin sie geflüchtet war) zurückkehren wolle.

Sie kam zurück. Beide Ehegatten hatten verschiedene Zusammenkünfte bei Alix. Infolge dieser versöhnlichen Zusammenkünfte ward sie schwanger und brachte am 24. August 1695 ein Kind zur Welt. Le Noble, damals zweihundert Lieues von Paris entfernt, könne daher unmöglich der Vater desselben gewesen sein.

Über die folgende Aussöhnung, die vorgefallen sein sollte, als Gabriele zum zweiten Male in Verhaft gebracht wurde, geht die Schrift kurz hinweg. Dagegen führt sie die vierte und letzte umständlicher auf. Die Unterhandlungen begannen am 6. Juni 1698 und dauerten bis Ende Juli. Der Beweis sei ? daß Gabriele am 7. April 1699 von einem Kinde entbunden worden sei! Ein anderer Beweisumstand für diese Aussöhnung: daß die Zusammenkünfte zwischen den getrennten Eheleuten im Hause der Guerins stattgefunden hätten, welche ganz auf Semittes Seite gestanden hätten und durch deren Hilfe die Verhaftung am 6. Oktober 1698 zustande gekommen wäre. Da Gabriele wußte, daß ihr Gatte einen Verhaftbefehl gegen sie in Händen hatte, da Guerins seine Anhänger waren, würde sie sich blindlings in deren Hände geliefert haben, würde sie sich fünfundzwanzigmal binnen zwei Monaten in deren Haus begeben haben, und in den Tagen und Stunden, wo ihr Mann dort war, wenn sie nicht auf eine völlige Aussöhnung mit demselben gerechnet hätte?

Dies die Ausführung über den zweiten Punkt, die angeblich eingetretene Versöhnung. Aber ungleich wichtiger als dieser sei es nun bewiesene oder noch zu beweisende Umstand ist das dritte Moment, der Rechtsgrundsatz, der seit dem römischen Recht unter allen gebildeten Nationen Eingang gefunden hat: Pater est, quem justae naptiae demonstrant.

Die Ehe ist der Beweis der Vaterschaft. Ein Kind, in der Ehe geboren, gilt für das Kind des Vaters. Der Mann mag immerhin zweifeln, auf wie starke Gründe gestützt, als es auch sei, das Gesetz glaubt an seiner Stelle und überhebt ihn der Mühe, seinen Zweifel zu untersuchen, denn auf welches Resultat er auch komme, das Gesetz hat das seine schon ausgesprochen.

Schon die Möglichkeit ? sagt Gabrielens Anwalt ? daß ein Ehemann mit seiner Gattin ehelichen Umgang gepflogen haben könne, ist hinlänglich, die in der Ehe zur Welt gekommenen Kinder bei den Rechten ihrer Geburt zu schützen. Der nicht widersprochene Umstand, daß die letzte von Gabriele Perreau geborene Tochter, Anna Katharine ohne Vatersnamen (höchst unrechtmäßigerweise, obgleich auf Parlamentsbefehl) getauft, von derselben während der noch bestehenden Ehe zur Welt gebracht worden sei, sei hinreichend, daß sie vor dem Gesetz als die rechtmäßige Tochter von Louis Semitte, dem angetrauten Ehemann ihrer Mutter, gelten müsse. Gesetzt, alle Richter der Welt wollten ihr heute ihre eheliche Geburt absprechen, so würde sie doch später und zu jeder Zeit von jedem gewissenhaften Richter solchen wider das gemeine und das französische Recht ergangenen Richterspruch anfechten und umstoßen können.

Angenommen selbst, sie sei des ehebrecherischen Umgangs mit Le Noble oder einem andern überführt, und selbst zu der Zeit, wo sie ihre Kinder empfangen haben konnte; angenommen, sie hätte selbst den Ehebruch eingestanden und erklärt, daß der Ehebrecher der Vater ihrer Kinder sei; ja angenommen, dieser genannte Ehebrecher hatte die Kinder für die seinen, und durch eine förmliche Urkunde, erklärt oder zu Erben eingesetzt ? so würde alles das den festen angenommenen Grundsatz nicht umstoßen. Zugunsten der Kinder bliebe die Annahme bestehen: ihr Vater ist der rechtmäßig angetraute Mann ihrer Mutter.

Diese gesetzliche Annahme, die durch vielfache richterliche Entscheidungen, durch die Gutachten der berühmtesten Juristen festgehalten und bekräftigt ist, lasse sich nur dadurch umstoßen, daß der Ehemann nachweise, daß er physisch unvermögend sei oder gewesen sei, seiner Gattin in der bewußten Zeit ehelich beizuwohnen. Ohne diese positiven Nachweise könne nicht die größte Macht auf Erden, kein richterlicher Ausspruch, ja nicht die Machtvollkommenheit des Königs den während der Ehe von der Gattin zur Welt gebrachten Kindern ihre eheliche, rechtmäßige Geburt entreißen. Und wollten tausend Arrêts, eines immer feierlicher als das andere, sie für Bastarde erklären, »so könnten diese Kinder selbst, wenn sie selbständig geworden wären, ihre Rechte geltend machen und die tausend Arrêts umstoßen lassen.«

Dieser uralte römische Grundsatz, zum Heil des Familienlebens und des Staates aufgestellt, um die störende Ungewißheit zu entfernen, werde im christlichen Staate noch insbesondere durch die Würde des Sakraments unterstützt, die nicht erlaube, zu vermuten, daß sich jemand unterfangen werde, dessen Heiligkeit zu verletzen, die unverbrüchlichste Bündigkeit des feierlichsten aller Verträge, wodurch die Vermutung ausgeschlossen wird, daß die wechselseitige Treue beider Ehegatten, der Hauptpunkt des Vertrages, wankend sei.

Im Munde eines sitten- und ruchlosen Vagabunden, desselben Ehebrechers, welcher den unglücklichen Würzkrämer zum Hahnrei gemacht hat und ihm die von ihm erzeugten Kinder aufdringen will, klingen diese von Religiosität triefenden Tugendphrasen wie ein fürchterlicher Hohn. Und doch ist dies der stärkste Punkt in der Verteidigung und dem Angriffe; der Grundsatz, wie er auch dem Gefühl und der Wahrheit widerstreiten mag, stand und steht noch heute fest, eine unheilige Fiktion, an die das Gesetz sich klammert, um Wirrwarr und Zerwürfnisse zu vermeiden, die zu schlichten und zu ordnen es sich selbst nicht Stärke genug zutraut ? eine Reihe merkwürdiger Fälle, in welchen französische Gerichte so zugunsten der ehelichen Geburt entschieden, wurden von Gabrielens Advokaten heraufzitiert. In einem derselben fand sich: Eingeständnis der Mutter zum Nachteil der Kinder; Aufenthalt der Frau außer dem Hause ihres Mannes; bösliche Verlassung sogar verbunden mit Diebstahl; Niederkunft elf Monate nach der Trennung vom Manne; ununterbrochene Wohnung der Mutter bei ihrem Liebhaber; freie Erklärung dieses Liebhabers, daß er Vater des im Ehebruch erzeugten Kindes sei, und ein Vermächtnis für dieses Kind ? und dennoch hielt das gerichtliche Erkenntnis das eheliche Geburtsrecht des Knaben aufrecht.

Semittes Verteidiger hatte die Aufgabe, die verschiedenen angeblichen Aussöhnungen zu widerlegen und demnächst zu deduzieren, daß jener gesetzliche Grundsatz bei der besondern Bewandtnis des gegenwärtigen Falles keine Anwendung finde, denn auf den ersten Punkt, die Widerlegung der angeblichen eigenen Ausschweifungen des Ehemanns, welche die Frau veranlaßt haben sollten, endlich zur Wiedervergeltung zu schreiten, ließ er sich gar nicht ein, weil sie nicht allein durch nichts erwiesen wären, sondern Gabriele auch nicht einmal den Beweis sich vorbehalten habe. Diese ganze Anschuldigung erschien als leer und aus der Luft gegriffen, um in der Verzweiflung aus Mangel an Gründen bei Verteidigung einer ungerechten Sache doch ein Fundament zu finden.

Der angeblichen Aussöhnungen sollten vier vorgefallen sein. Die erste im Jahre 1693. Semitte sollte da zum Entschluß gekommen sein, seine Frau wieder zu sich zu nehmen, nachdem er verschiedene vertrauliche Zusammenkünfte mit ihr gehabt haben sollte, und dieser Entschluß sollte bis zu seiner Rückkehr aus Flandern gedauert haben.

Im Anfange, was voraus zu bemerken ist, hatte Gabriele im Prozeß nichts von dem Kinde erwähnt, welches am 16. September 1694 innerhalb der Klostermauern zur Welt gekommen war. Sie hatte sich damals geschmeichelt, daß ihre Niederkunft für Semitte ein undurchdringliches Geheimnis geblieben sei. Erst als sie erfahren hatte, daß er auch davon Nachricht bekommen habe, stellte sie die Behauptung auf, daß er ihr im Parlamentsgefängnisse verschiedene Besuche gemacht und das Kind die natürliche Folge dieser Besuche wäre. Diese wirkungsreichen Besuche im Gefängnis mußten stattgefunden haben, sonst stimmten der Zeitpunkt der Geburt und der der Empfängnis nicht zusammen. Aber den Beweis, daß Semitte sie im Gefängnis besucht habe, mußte sie an Ermangelung aller Zeugen, wie man sich auch darum bemühte, aufgeben. Diese eine Vaterschaft blieb also im Ungewissen schweben.

Dagegen hatte sie vor der erfolgten Aussöhnung jene wirren Geschichten aufs umständlichste erzählt: von dem Mittagessen bei der Dame Pasdeloup, der Entfernung mit ihrem Manne nach der Mahlzeit, dem in Unordnung gefundenen Bette, den zwei Louisdor, welche er ihr für die Schäferstunde in die Hand gedrückt haben sollte usw. Solche Umstände und sonderbare Angaben dürften doch nicht aus der Luft gegriffen sein; es waren so viele bekannte Personen als Zeugen genannt, daß man wenigstens auf einen Fonds von Wahrheit rechnen konnte, der nur von der phantasiereichen Frau und ihrem spitzfindigen Geliebten anders ausgeschmückt und gedreht worden war.

Aber sämtliche von ihr benannte Zeugen, die Pasdeloup, deren Ehemann, ein Herr Poussay de Fontenay und eine Demoisellc Groizat, wußten nicht mehr als folgendes:

Nachdem das Chatelet das erste Urteil gesprochen hatte, ließ Gabriele Perreau ihren Gatten bitten, er solle sie doch nicht einschließen lassen, sondern sie in ein Kloster bringen, wo sie zeitlebens bleiben wolle. Semitte schlug diese Bitte ab. Hierauf ließ sie ihm abermals hinterbringen, sie wolle ihrer Appellation entsagen, wenn er ihr den Aufenthalt in einem Kloster bewilligen würde. Er antwortete denen, die diese Botschaft ausrichteten: »Sucht mir ein Kloster für sie aus und macht alsdann, daß ich gar nicht mehr von diesem schändlichen Weibe reden höre.« Eines Tages warf sie sich ihm vergebens zu Füßen und wollte um Vergebung bitten, allein er stieß sie mit Gewalt zurück. Sie suchte die Pasdeloup dahin zu bringen, daß sie ihr eine Unterredung mit ihrem Manne verschaffe, sie einige Minuten allein lasse und alsdann zurückkommen solle: sie wolle sodann in dem Augenblicke, da die Pasdeloup in die Tür treten würde, ihren Mann umarmen. Sie versprach für diese Gefälligkeit fünfzig Louisdor. An dem Tage, da sie in das Kloster ging, kam ihr Mann zu der Pasdeloup und wollte dieser das Kostgeld für seine Frau aufs erste Quartal geben und sie bitten, es im Kloster zu bezahlen. Wider Vermuten fand er seine Frau mit einigen andern Personen dort bei Tische sitzen. Als die Perreau ihren Mann hereintreten sah, stand sie auf und weinte, er hingegen sagte weiter nichts als, das Weinen sei jetzt vergeblich, sie habe in ein Kloster zu gehen verlangt, und nun habe sie auch weiter nichts zu tun, als so geschwind wie möglich hineinzugehen. Ehe sie sich auf den Weg ins Kloster machte, wollte sie ihn noch einmal umarmen, allein er sträubte sich und stieß sie von sich. Als sie im Kloster war, beschwerte sie sich, die Matratze, die er ihr ins Kloster geschickt habe, sei sehr schlecht, und er bekümmere sich gar nicht um sie. Er antwortete den Personen, die mit ihm von diesen Beschwerden redeten, sie sei ein schlechtes Weib, und die Sachen, die er ihr ins Kloster gegeben hatte, wären für sie noch viel zu gut; er würde sich lieber aufhängen lassen, als sie wieder zu sich zu nehmen, und möge überhaupt gar nicht mehr von ihr reden hören.

Aber als sie im Kloster war, sollte er sich aufs zärtlichste mit ihr unterhalten, sie durchs Gitter geküßt und an der Pforte noch einmal umarmt haben; die Priorin und die andern Klosterfrauen hätten es gesehen. Die Priorin und die Nonnen, darüber vernommen, erzählten, Semitte sei eines Tages im Sprechzimmer gewesen und habe sich mit dem Gesichte dem Gitter genähert, sogleich habe seine Frau ihn küssen wollen. Die Nonnen hätten ihm hierauf stark zugesetzt, daß er sich mit ihr aussöhnen solle, allein er hätte damals und bei mehreren Gelegenheiten ausdrücklich zu erkennen gegeben, er würde sie nimmermehr wieder annehmen, sondern verlange einen rechtlichen Ausspruch. Niemand im Kloster hätte jemals gesehen, daß er sie oder sie ihn geküßt hätte, auch hätte niemand ein Wort von einer Aussöhnung von Semitte gehört. Er hätte eines Tages Holz für sie anfahren lassen und sei selbst mit ins Kloster gekommen. Da nun das Klostertor geöffnet worden sei, um den Wagen hineinzulassen, habe sie nebst der Oberin dagestanden, und diese hätte zu ihr gesagt: »Umarmen Sie Ihren Gatten!« Sie wäre auch auf Semitte zugegangen und habe ihn umarmen wollen, allein er hätte sie von sich gestoßen. Auch hätte sie sich im Kloster vielmals beklagt, daß sie verschiedene Briefe an ihn nach Flandern geschrieben, er ihr aber niemals geantwortet hätte.

Endlich hatte Gabriele zwar allerdings einen Brief aus Flandern produziert, den eine Flamländerin namens Louret, die mit Branntwein handelte, an sie geschrieben haben sollte, worin sie die Empfängerin versicherte, sie habe im Herzen ihres Gatten Empfinden neuer Zärtlichkeit für sie entdeckt und hoffe bald eine völlige Vereinigung zwischen den Gatten zu bewirken; aber der Brief und die Briefschreiberin erschienen gleich apokryphisch, und im besten Falle konnte der Brief nichts beweisen.

So stand es mit dem Beweise für die erste Aussöhnung. Wir mögen über die folgenden kürzer hinweggehen. Le Noble wollte zur Zeit, wo das zweite Kind aus der ehebrecherischen Verbindung empfangen sein mußte, fern von Paris in der Provence gelebt haben. Er hatte aber den Alibibeweis nicht geführt; im Gegenteil ergab sich aus verschiedenen von ihm ausgestellten Quittungen, daß er um jene Zeit in Paris im Versteck gelebt hatte. Die Zusammenkünfte Semittes mit seiner Frau bei deren Schwager Alix stellten sich als reine Erdichtungen heraus, denen selbst jeder scheinbare Beweis abging.

Wenn eins der Kinder, welche die Perreau während ihres vagabundierenden Lebens erzeugt, wirklich die Frucht einer Aussöhnung zwischen ihr und dem Gatten gewesen wäre, warum hätte sie denn nötig gehabt, Schwangerschaft und Geburt so sorgfältig zu verbergen? Hätte sie nicht vielmehr ihre Schwangerschaft überall freudig bekanntmachen und nichts sich eifriger angelegen sein lassen müssen, als die Geburt ihres Kindes anzukündigen, eines Unterpfandes der Liebe, welches ihr die Vergebung alles Vergangenen sicherte? Würde sie dann noch immer inkognito mit Le Noble aus einer Wohnung in die andere, aus einer Namensmaske in die andere gezogen sein? Würde sie nach ihrer Niederkunft abermals nach Lyon und andere Orte auf Abenteuer ausgezogen sein? Würde sie, zuletzt wieder in Verhaft gebracht, im Verhör am 21. Februar 1699 angegeben haben, sie hätte weiter kein Kind als das, mit welchem sie eben schwanger ging? Würde sie bis ins Jahr 1700 gewartet haben, ihre zwei frühern Entbindungen einzugestehen? So würde wenigstens keine Frau handeln, die sich mit ihrem Ehemann vollkommen ausgesöhnt hat.

Das am 7. April 1699 im Gefängnis zur Welt gekommene, ohne Angabe eines Vatersnamens auf Befehl des Parlaments getaufte Kind sollte die Frucht einer vierten Aussöhnung sein. Neun Monate zurückgerechnet, sei diese Aussöhnung vermittels vielfacher Zusammenkünfte der Ehegatten im Guerinschen Hause erfolgt. Aber diese Zusammenkünfte hatten nicht stattgefunden.

Die Guerin und ihr Mann, welche einen offenen Laden hielten, wußten zwar, daß Semitte um jene Zeit öfters zu ihnen gekommen sei, Gabriele und er hätten sich aber niemals, weder von ungefähr, noch auf Verabredung, bei ihnen getroffen. Gabriele war nachmals in ihren Laden getreten; da Semitte dies wußte, hatte er später, bei seiner Rückkehr vom königlichen Hoflager in Versailles, die Guerins gebeten, ihre Wohnung auszuforschen, was auch geschehen wäre, worauf sicher ihre Verhaftung erfolgt wäre.

Die Ehebrecherin und ihr Beistand mußten nun das Zeugnis der Guerinschen Eheleute verdächtigen; sie konnten aber keine Beweise aufführen, daß sie unzuverlässigen und schlechten Charakters wären, im Gegenteil hatten sie sich selbst dadurch dem Zeugnis derselben unterworfen, daß sie darauf provoziert hatten. Aus den früheren Versuchen der liederlichen Gabriele, bei der Pasdeloup und beim Pastetenbäcker Buguet eine Zusammenkunft mit ihrem Manne zu erschleichen, entsprang übrigens der Verdacht, daß sie auch bei den Guerins ein solches Zusammentreffen oder wenigstens den Schein dessen zu ertrotzen versucht hätte.

Semittes Anwalt zieht hieraus den Schluß, daß Semitte vom Augenblick an, da seine Frau ihr Haus verließ, sich nicht wieder mit derselben ausgesöhnt habe. Hören wir indes ihn selbst sprechen, in der Stelle, wo er die Beschuldigungen gegen den sittlichen Charakter seines Klienten seiner Frau zurückgibt. Es sind kräftige Pinselstriche zur Zeichnung des sittlichen Charakters jenes goldenen Zeitalters.

Le Noble hatte behauptet, nur schwarzgallige Eifersucht sei der Grund des von dem Gatten gegen die Gattin erhobenen und mit so unnatürlicher Konsequenz verfolgten Prozesses, während in guten Stunden Hochachtung und Liebe mit jenen Anfällen gewechselt hätten.

»Was?« ruft der Advokat Gillet, »Eifersucht für Gabriele Perreau, die erklärte Beischläferin von Auger, Goy, Le Noble und hundert andern? Für dieses schandbare Weib, bei dem die liederlichsten Jünglinge von Paris und Lyon ihre Lust büßten; diesen ekelhaften Auswurf des Parlamentsgefängnisses und der Garnison zu Dornik; Hochachtung für Gabriele Perreau, für ein Weib, deren Verstand zu nichts als Betrug und Intriguen geschärft ist, deren Seele die schmutzigste Wollust befleckt, und deren Herz so viele schändliche Leidenschaften völlig verdorben haben; für dieses Weib, deren Körper noch mit dem schändlichen Aussatze behaftet ist, den sie der unglücklichen Frucht ihrer ehebrecherischen Ausschweifungen, dem im Kloster geborenen Kinde, mitteilte?

Was? Liebe in dem Herzen dieses Mannes für Gabriele Perreau, diesen unglücklichen Brand, der das Feuer der Zwietracht in seiner Familie angezündet hat; diese Betrügerin, diese Taschenspielerin, die immer aufpaßte, ihn zu überraschen und zu hintergehen; die ihre Tränen, ihre Freundlichkeit, ihre falschen Liebkosungen bloß anwendete, um ihre Untreue, ihre unverschämten Entwürfe zu bedecken; diese berüchtigte Ehebrecherin, die ihn so öffentlich verunehrte, zum Narren der Nation machte und sein ganzes Vermögen zugrunde richtete; diese Furie, die seine Ehre mit den schwärzesten Lästerungen antastete und sogar einen Versuch machte, ihn durch eine teuflische Schrift dem schmählichsten Tode zu überliefern, ja die sich nicht scheute, öffentlich zu sagen, sie würde noch Feuer und Schwert wider ihn brauchen?«

Die letztere Anspielung bezog sich auf ein Memorial ohne Unterschrift, welches Le Noble dem Könige hatte zugehen lassen. Semitte wird darin begangener Blutschande, Unterdrückung eines Kindes und des Kindermordes beschuldigt. Le Noble ging darin so weit, anzudeuten, Semitte hätte sich sogar des Verbrechens der beleidigten Majestät im höchsten Grade schuldig gemacht. Der Verfasser der Schrift ward indes ermittelt, und die Schrift blieb für den Denunzierten glücklicherweise ohne Wirkung.

Le Nobles Eifer in der Verfolgung dieser Sache bleibt indessen immer rätselhaft. Ein Charakter seiner Art verfolgt wohl schlechte Dinge mit allen Mitteln und allem Ungestüm, in der Ausdauer läßt er jedoch nach, wo ihm keine sittlichen Motive zugrunde liegen können und sobald die Erreichung des Zweckes ihm keine besonderen Vorteile mehr verspricht. War seine Liebe für eine öffentliche Person wie Gabriele wirklich von so nachhaltiger Leidenschaft, oder interessierte er sich so für die mit ihr erzeugten Kinder, die er doch zum Teil aussetzen ließ, um für sie alles zu wagen, oder endlich, gewährte ihm die Sache an und für sich, weil sie schlecht, kitzlich und gefährlich war, weil es galt, mit Rabulistenkunst die natürlichsten Dinge zum Gegenteil zu verdrehen, eine so besondere Lust, daß er ihr seine ganze Kraft, seine Zeit und sein Talent opferte?

Eine Aussöhnung war nicht erwiesen, aber der Grundsatz damit nicht umgestoßen: daß der Gatte der Vater aller von seiner Ehefrau erzeugten Kinder bleibt, solange nicht erwiesen ist, daß er überhaupt zeugungsunfähig ist oder zur Zeit der Zeugung der Ehefrau nicht beigewohnt haben könne.

»Auch diese Regel muß wie eine jede Ausnahmen haben«, deduziert der Anwalt. »Ohne eine solche würde sie den Ausschweifungen der Weiber ein weites Feld eröffnen; sie würden darin eine sichere Freistatt wider den rächenden Arm der Obrigkeit finden. Auch überführt, verurteilt, dürften sie nur, wie Gabriele Perreau, davonlaufen und sich so viel Kinder als möglich verschaffen lassen. Je größer deren Zahl, um so mehr wären sie gesichert, ihre ehebrecherische Lebensart ungestraft treiben zu können.

Wenn je wo, tritt eine solche Ausnahme hier ein. Das Parlament selbst hat schon darauf erkannt, als es verfügte, daß die letztgeborene Tochter der liederlichen Gabriele nicht auf des Vaters Namen getauft werden sollte.

Auch das römische Recht läßt schon Fälle zu, wo der Beweis des Gegenteils gegen den Grundsatz Pater is est, quem nuptiae demonstrant stattfindet: im Titel der Digesten De his, qui sui vel alieni juris sunt heißt es: Sed mihi videtur, quod et Scaevola probat, si constat, maritum aliquamdiu cum uxore non concubuisse, infirmitate, vel alia causa, vel si ea valetudine pater familias fuit, ut generare non possit, hunc, qui in domo natus est, licet vicinis scientibus, filium non esse: Doch scheint es mir, und auch Scävola ist der Meinung, wenn bewiesen wird, daß der Ehemann schon seit geraumer Zeit seiner Frau nicht ehelich beigewohnt hat, entweder weil eine Krankheit oder eine andere Ursache ihn daran hinderte, oder weil er überhaupt von solcher körperlicher Beschaffenheit war, daß er keine Kinder zeugen konnte, daß alsdann das Kind, welches sein Weib im Hause zur Welt bringt, mit Wissen der Nachbarn, nicht für das seinige zu halten sei.«

Demnächst führte der Anwalt den Satz aus, daß eine wegen Ehebruch verurteilte Frau alle Rechte der Ehe verliere, und zwar so, daß sie, das Band des Sakramentes abgerechnet, in Ansehung der bürgerlichen Befugnisse nicht mehr die Frau ihres Mannes wäre.

»Eine Frau, des begangenen Ehebruchs überführt und deshalb verurteilt, kann in Beziehung auf die bürgerlichen Wirkungen der Ehe nicht mehr als Ehefrau betrachtet werden. Der Verlust aller durch die Ehe erlangten Rechte ist ein Teil der Strafe für ihren Bundbruch; sie verliert nicht nur ihr Eingebrachtes, ihr Leibgedinge, den Anteil am gemeinschaftlichen Vermögen und jeden anderen Vorteil, der ihr nach dem Ehekontrakt zustände, sondern auch alle Rechte der ehelichen Genossenschaft, der gemeinschaftlichen Wohnung und des Ehebettes.

Wenn jene Vermutung, aus welcher die Regel Pater is est, quem justae nuptiae demonstrant entspringt, ein Vorzug und ein Vorrecht der Ehe ist, so muß demnächst eine Ehebrecherin dieses Vorrecht verlieren. Jener blinde Glaube des Gesetzes ist angenommen zur Beförderung der Ruhe im Hause, zur Sicherheit in den Familien; der Grundsatz ist ein Schutzbrief für den Stand der Kinder. Er versichert ihnen nebst den Familienrechten auch die eines Bürgers im Staate, deren sie durch den Eigensinn, die Grille eines Vaters oder einer Mutter jeden Augenblick könnten verlustig gehen. Schon die Sittlichkeit, die Achtung, die ein Mensch dem anderen schuldig ist, verlangt, daß man einen Ehebruch nicht vermute, wie man allüberall Tugend und Rechtlichkeit, nicht aber Laster und Ausschweifungen präsumiert.

Hat aber eine Frau einmal ihre Pflicht vergessen, ist der vollbrachte Ehebruch rechtserforderlich erwiesen, dann kann man nicht mehr blindlings glauben, daß ein darauf von ihr zur Welt gebrachtes Kind das Kind des Ehemannes sei. Es tritt vielmehr gerechte Ursache zur Furcht ein, daß es die Frucht einer Vergehung sei; die Vermutung streitet nicht mehr zu ihrem Vorteil. Die Vermutung konnte ja nur auf Wahrscheinlichkeit begründet sein, und die Wahrscheinlichkeit entsprang aus der Natur der ehelichen Genossenschaft überhaupt, welche eine innige Vereinigung zwischen Mann und Frau, dieselbe Lebensart, ein Beieinanderwohnen bedingt. Daran denkt das Gesetz, wenn es ausspricht, daß der Ehemann, der immer bei seiner Frau gewesen ist, kein Gehör verdient, wenn er ein von ihr zur Welt gebrachtes Kind nicht für das seinige erkennen will. Es muß also ein wirkliches Beisammenwohnen, ein bleibender Aufenthalt vorhanden sein, wenn die Rechtsregel Gültigkeit haben soll.

Wenn nach dem Gesetz bei sonst einträchtiger Ehe lange Abwesenheit oder abgesonderte Wohnung hinreichen, die Vermutung zu entkräften und dem Gegenbeweise die Tür aufschließen, wie vielmehr wird dies bei einer uneinträchtigen und faktisch getrennten Ehe der Fall sein, ja einer, wo der Mann durch richterlichen Spruch berechtigt ist, sein Weib von sich zu stoßen und einsperren zu lassen.

Nach dem Wortlaut der römischen Gesetze schränkt sich der Gegenbeweis gegen die Regel auf zwei Punkte ein: auf natürliches Unvermögen ( valetudo) oder physische Unmöglichkeit ( absentia). Die letztere muß aber nach ihrem Sinne verstanden werden, und es finden sich selbst in den Gesetzstellen die abgesonderte Wohnung und das getrennte eheliche Leben erwähnt. Am gegenwärtigen Falle ist aber mehr, es ist eine vom Richter befohlene, eine legale Trennung vorhanden, die alle Verbindlichkeiten der Ehe auflöst, das eheliche Band zerreist und verursacht, daß eine Vermutung nicht mehr Platz greift, die sich ganz allein auf das Bestehen dieses Bandes gründet.

Demnächst gilt nach Annahme der bewährtesten Rechtsgelehrten jener Grundsatz nur für die während des noch zu vollen Rechten bestehenden ehelichen Bandes geborenen und erzeugten Kinder. Die drei Kinder der Gabriele Perreau, von denen die Rede ist, wurden aber sämtlich nach dem Urteile, welches beide Eheleute voneinander trennte, empfangen und geboren.«

So steht im Prinzip fest, daß jener Grundsatz, eine schützende Mauer vor dem Heiligtum der Ehe, bei den hier gegebenen Bedingungen von selbst zusammenfällt; aber er wird durch den positiv gegebenen Fall von Gabrielens liederlichem Leben, ihrem Herumziehen und Zusammenhalten mit Le Noble in Grund und Boden erschüttert. Alle Welt wußte, sie ist seine Konkubine, ein freches, bis auf die untersten Stufen der Gemeinheit herabgesunkenes Weib; ihr unverschämtes, liederliches Leben, ihre Intrigue mit ihrem Liebhaber Le Noble gegen den unglücklichen, verspotteten Ehemann waren der Gegenstand des allgemeinen Gespräches. Wäre es der Rabulistenkunst dieses verworfenen Menschen gelungen, seine und ihre Bastarde dem unschuldigen Ehemann aufzudringen, daß er sie als seine Kinder hätte annehmen, erziehen und zu Erben einsetzen müssen, so wäre das materielle Unrecht im Verhältnis noch gering gewesen gegen das moralische; unter der Form der Gesetzlichkeit wäre es eine Verspottung, ein Hohn gegen Sitte und Gesetz gewesen.

Wir können nicht anders glauben, als daß Le Noble nur aus diesem Gesichtspunkte die Sache betrieb. Die Aufgabe, dem Gesetz, den Richtern und der Sitte eine Nase zu drehen, war ihm die Hauptsache, mit Tugendfloskeln, mit frommen Sprüchen, eine niederträchtige, offenkundig verwerfliche Sache zu verteidigen. Der mit aller Welt verfallene, in sich zerrissene Mensch wollte sich an der gesetzlichen Ordnung rächen, die ihn ausgestoßen hatte. Sonst, wenn es ihm um die Sache selbst ernst gewesen wäre, wenn er mehr gewollt hätte, als sie hinziehen und die Richter durch seine Kunststücke aufziehen und zu persiflieren, würde er vielleicht anders, vorsichtiger, bescheidener aufgetreten sein. Sein Pathos, seine Beteuerungen von Gabrielens Tugend und Schamhaftigkeit tragen die Hörner des Schalkes zu deutlich an der Stirn.

Nebenher wollte er einen Gewinn, möglicherweise durch Einschüchterung einen erträglichen Vergleich; war es ja auch nicht unmöglich, wenigstens nicht vor einem französischen Parlamente, daß der von ihm allegierte Buchstabe des Gesetzes doch durchdrang und Gabriele den Prozeß gewann. Gewiß aber wollte er etwas in seiner Lage Wichtiges gewinnen, was ihm vollkommen gelang: durch das Aufsehen Ruf und Geld. Der skandalöse langwierige Handel ward für ihn zu einer Goldgrube. Er überschwemmte die Buchläden mit immer neuen und neuen kleinen Druckschriften über den Prozeß seiner Geliebten; sie wurden gekauft, verschlungen, und Le Noble und Gabriele lebten mehrere Jahre lang von der Publikation ihrer eigenen Schande und von der Spottlust der Pariser über den unglücklichen Ehemann, Welche Einblicke in eine Zeit, wo mehr als sechs Jahre lang die Pamphlets über den Kriminalprozeß gegen eine liederliche Weibsperson die Hauptstadt Frankreichs so beschäftigen und interessieren konnten!

Wem noch ein Zweifel obschwebte, was Le Noble wollte, dem wird er verschwinden, wenn er seine doppelte Stellung als Advokat und Schriftsteller vergleicht. Als jener nannte er in Bittschriften, Defensionen und anderen Prozeßschriften Semitte einen Träumer, der sich närrischen Einbildungen hingebe, um sich zu quälen; einen kranken Mann, mit dem Eifersuchtsfieber behaftet, der seine schlimmen, aber auch seine guten Stunden habe; einen Narren, dessen Unsinn seine Ebbe und Flut, seine Intervalla lucida und obscura habe; einen unnatürlichen Vater, der seine eignen Kinder verleugne und verstoße.

Als Schriftsteller kann er aber zur selben Zeit diesen selben Semitte nicht lächerlich genug als Träger seiner offenkundigen Schande darstellen; da nennt er ihn »Herr Cornificius«, »Seigneur von Ingwerkasten«, »Marquis von Pfeffersack«, »gehörnter Zimmetreiter«, »Hanswurst von der Wurstbüchse«. Eine seiner Broschüren, die Semitte allein zum Gegenstande hatte, führte den Titel: »Die vier Haimonskinder, oder die Findelkinder, ein Büchlein, welches wunderseltsame Betrachtungen über das weisheitsvolle Betragen des berühmten Cornifizius enthält und zugleich zeigt, wie derselbe durch Herumschüttelung des Füllhorns, dessen wahrer Besitzer er ist, das sonderbare Glück gehabt hat, zwo schöne kleine Nymphen herauszubringen, die ihm gleichen wie zween Tropfen Wasser.« In einem anderen Sendschreiben, an Semitte gerichtet, sagte er: »Ein solcher Mann muß schlechterdings kein Gehirn im Kopfe haben, der dasjenige entdeckt, woraus er ein ewiges Geheimnis machen sollte, und nichts dadurch erlangt, als daß das Publikum auf seine Kosten sich lustig macht.« Diese Frage wird manchem Leser von selbst aufgestoßen sein. Die Erklärung seines Verteidigers, Semitte hätte bei den Ausschweifungen eines solchen Weibes nicht gleichgültig bleiben können, wenn er nicht selbst hätte wollen infam und für den Unterhändler dieses Wollustteufels in weiblicher Gestalt gehalten werden, befriedigt uns nicht vollkommen. Diese Erklärung könnte doch nur für den ersten Teil des Prozesses gelten, bis Semitte durch einen Richterspruch Gabrieles ledig war. Daß er sie später auf Schritt und Tritt verfolgen ließ, rechtfertigt sich in unseren Augen erst dann, als er der Besorgnis sein mußte, daß ihre inzwischen geborenen Kinder ihm aufgebürdet werden dürften. Aber gewiß wird selten ein Epicier von Paris zu ähnlichem Ruf gekommen sein, selten aber auch ein Schriftsteller zu ähnlichen Zwecken sein Talent vergeudet haben.

Endlich, am 1. Dezember 1701, sprach das Pariser Parlament das Schlußurteil in dieser so lange hingezogenen Sache:

Gabriele Perreau ward verurteilt, zwei Jahre im Zuchthause von Paris in genauer Verwahrung zu bleiben. Während dieser Zeit sollte es ihrem Mann freistehen, sie zu besuchen und nach Gutbefinden auch wieder zu sich zu nehmen.

Wenn er dies innerhalb zweier Jahre nicht getan habe, sollte ihr das Haar abgeschnitten werden und sie auf Lebenszeit im Zuchthause eingesperrt bleiben.

Semitte sollte für sie jährlich einhundertundfünfzig Livres zu ihrer Unterhaltung zahlen, und zwar aus dem Vermögen der Verbrecherin, und wenn dieses nicht zureiche, aus seinem eigenen.

Gabriele ward aller Anrechte auf ihr Eingebrachtes, ihr Leibgedinge, den Anteil ihres gemeinschaftlichen Vermögens usw. für verlustig erklärt. Dasselbe sollte ihrer und Semittes minderjährigen Tochter zufallen. Auch das Parlament war der Ansicht des Chatelet, daß Semitte sein Anrecht darauf durch den berüchtigten Erlaubnisschein verwirkt habe.

Das von Gabriele im September 1694 zur Welt gebrachte, als Charles de Saint Georges ins Taufregister eingetragene Kind, sowie ihre beiden Töchter, die im August 1696 und im April 1699 geborenen und Katharina Louise und Anna Katharina getauften Töchter wurden für Bastarde und im Ehebruch erzeugte Kinder erklärt und ihnen untersagt, Louis Semittes Namen zu führen.

Le Noble und auch die Bankiers Goy und Auger wurden auf drei Jahre aus Paris, dessen Vorstädten und Weichbilde verwiesen und jeder mit fünfzig Livres bestraft und alle zur Erstattung der Kosten an Semitte verurteilt.

Le Noble ward auferlegt, die benannten drei Kinder so lange zu erhalten und zu erziehen, bis sie imstande wären, ihr Brot selbst zu verdienen. Die in seinen Schriften wider Semitte gebrauchten ehrenrührigen Ausdrücke sollten vertilgt werden.

Semitte fand sich nicht gemüßigt, seine Frau nach Ablauf der zwei Jahre wieder zu sich ins Haus zu nehmen. Sie blieb auf Lebenszeit eingesperrt; dagegen trat jene gewöhnliche Verwandlung ein: aus der Buhlerin ward eine Betschwester, und Gabriele starb zwar im Zuchthause, aber als vollendete Maria Magdalena.

 

 

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