Djuman

Am 21. Mai 18.. kehrten wir nach Tlemcen zurück. Die Unternehmung war glücklich gewesen; Rinder, Schafe, Kamele, Gefangene und Geiseln brachten wir mit.

Nach siebenunddreißigtägigem Feldzug oder vielmehr unaufhörlicher Jagd waren unsere Pferde mager, abgetrieben, hatten aber immer noch das lebhafte Auge voller Feuer; nicht eins war unter dem Sattel wundgerieben. Unsere von der Sonne bronzierten Leute mit langen Haaren, schmutzigem Lederzeug, abgetragenen Uniformen zeigten jene Gefahren und Unglück gegenüber sorglose Miene, die den echten Soldaten kennzeichnet.

Welcher General würde unsere Jäger nicht den schmucksten, neu eingekleideten Schwadronen für einen Sturmangriff vorgezogen haben?

Seit dem Morgen dachte ich an all die kleinen Glückseligkeiten, die meiner harrten.

Wie wollte ich in meinem Eisenbette schlafen, nachdem ich siebenunddreißig Nächte auf einem Wachstuchrechteck zugebracht hatte. Auf einem Stuhle sitzend würd‘ ich speisen. Würde weiches Brot und Salz nach Belieben haben. Dann fragte ich mich, ob Fräulein Concha eine Granaten- oder Jasminblüte im Haare tragen würde und die bei meinem Fortgehen geleisteten Schwüre gehalten hätte; doch treu oder unbeständig, ich fühlte, daß sie auf den großen Überschuß an Zärtlichkeit rechnen konnte, den man aus der Wüste mitbringt. Keinen Menschen gab’s in der Schwadron, der für den Abend nicht seine Pläne gehabt hätte.

Väterlich empfing uns der Oberst und sagte sogar, daß er mit uns zufrieden sei; dann nahm er unsern Major bei Seite und hatte fünf Minuten lang ein leise geführtes, und, soviel wir ihren Gesichtsausdrücken entnehmen konnten, mäßig angenehmes Gespräch mit ihm.

Wir beobachteten die Bewegung der oberstlichen Schnurrbartspitzen, die sich bis in Augenbrauenhöhe erhoben, während die des Majors kläglich wirr bis auf seine Brust hinunter hingen. Ein junger Jäger, den ich nicht verstehen wollte, behauptete, des Majors Nase verlängere sich zusehends; unsere verlängerten sich bald aber ebenso, als der Major zurückkam und zu uns sagte: »Man soll die Pferde fressen lassen und sich zu einem Aufbruch bei Sonnenuntergang bereit halten. Die Offiziere speisen um fünf Uhr in Felduniform beim Oberst; nach dem Kaffee wird aufgesessen… Sind Sie etwa nicht zufrieden, meine Herren?…«

Das gaben wir nicht zu und salutierten schweigend vor ihm, indem wir ihn und ebenso den Oberst im stillen zu allen Teufeln wünschten.

Nur wenig Zeit hatten wir, um unsere kleinen Vorbereitungen zu treffen. Eiligst zog ich mich um, wechselte die Kleider, und nachdem ich meinen Anzug beendigt hatte, besaß ich die Selbstüberwindung mich nicht in meinen bequemen Lehnsessel zu setzen, da ich dort einzuschlafen fürchtete.

Um fünf Uhr trat ich beim Oberst ein. Er bewohnte ein großes maurisches Haus, dessen Patio ich voller Menschen fand, Franzosen und Eingeborene, die sich um eine aus dem Süden kommende Pilger- oder Gauklerschar drängten.

Ein Greis, häßlich wie ein Affe, halb nackt unter einem durchlöcherten Burnus, mit einer Haut von Wasserschokoladenfarbe, in allen Farben tätowiert, mit krausen und so buschigen Haaren, daß man von weitem gemeint hätte, er trüge einen Kolpak auf dem Kopfe, mit einem ihn umstarrenden weißen Barte, leitete die Vorstellung.

Er sei, hieß es, ein großer Heiliger und großer Zauberer.

Vor ihm vollführte eine aus zwei Flötenspielern und drei Tamburinschlägern bestehende Musikbande einen, des Stückes, das man spielen wollte, würdigen Höllenlärm. Nach seiner Behauptung hatte er von einem sehr berühmten Marabut jegliche Macht über Dämonen und wilde Tiere erlangt, und nach einer kleinen feierlichen Ansprache an den Oberst und das verehrliche Publikum schritt er zu einer Art Gebet oder Beschwörung unter Musikbegleitung, während seine Mitspieler unter seinen Befehlen tanzten, sprangen, sich auf einem Fuße drehten und sich mit derben Faustschlägen gegen die Brust schlugen.

Währenddem spielten die Flötenbläser und Tamburinschläger in immer beschleunigterem Tempo.

Als Müdigkeit und Taumel die Leute das bißchen Verstand, das sie besaßen, hatten verlieren lassen, nahm der Hauptzauberer aus einigen um ihn herum stehenden Körben Skorpione und Schlangen und warf sie, nachdem er gezeigt hatte, daß sie voller Leben waren, seinen Possenreißern zu, die wie Hunde über einen Knochen über sie herfielen und sie, wie’s ihnen behagte, wacker verspeisten. Von einer hohen Galerie aus sahen wir uns dies merkwürdige Schauspiel an, das uns der Oberst zweifelsohne bot, damit wir seinem Essen tüchtig Ehre antun sollten. Ich aber wandte den Blick von diesen mich anekelnden Schuften ab und belustigte mich damit, ein hübsches dreizehn- oder vierzehnjähriges Mädchen anzuschauen, das sich in die Menge einschmuggelte, um sich dem Schauspiele zu nähern.

Sie hatte die schönsten Augen der Welt und ihre Haare fielen in dünnen Flechten auf die Schultern; kleine Silberstücke hingen unten daran, die sie, wenn sie ihren Kopf voller Anmut bewegte, klingen machte. Ausgesuchter als die meisten Töchter des Landes war sie gekleidet: ein golddurchwirktes Seidentuch auf dem Kopf, ein gesticktes Seidenwams, kurze blaue Atlashosen, die ihre nackten Beine zeigten, um welche Silberringe lagen. Kein Schleier vor dem Gesicht.

War sie eine Jüdin, eine Götzendienerin? Oder gehörte sie jenen herumschweifenden Horden an, deren Ursprung unbekannt ist und die keine religiösen Vorurteile verwirren?

Während ich all ihre Bewegungen mit, ich weiß nicht welchem, Interesse verfolgte, war sie in die erste Reihe des Kreises gelangt, wo die Rasenden ihre Kunststücke ausführten.

Als sie sich noch weiter vorwagen wollte, brachte sie ein langer Korb mit schmaler Basis zu Fall. Fast zu nämlicher Zelt ließen der Zauberer und das Kind einen furchtbaren Schrei hören und eine lebhafte Bewegung entstand im Kreise, da jeder entsetzt zurückprallte.

Eine sehr große Schlange war eben dem Korbe entwischt und die Kleine hatte sie mit ihrem Fuße gedrückt. In einem Augenblicke hatte das Reptil sich um ihr Bein gerollt. Einige Bluttropfen sah ich unter dem Ringe hervorrinnen, den sie um den Knöchel trug. Weinend und die Zähne knirschend fiel sie rücklings hin. Ein weißer Schaum bedeckte ihre Lippen, während sie sich im Staube wälzte.

»Laufen Sie doch, lieber Doktor!« rief ich unserm Stabsarzte zu. »Um Gottes willen, retten Sie das arme Kind.«

»Sie Unschuldsengel,« antwortete der Stabsarzt, »sehn Sie denn nicht, daß das auf dem Programme steht? Im übrigen ist es nur mein Amt Ihnen Arme und Beine abzusäbeln. Von Schlangen gebissene Mädchen zu heilen ist Sache meines Kollegen da unten!«

Indessen war der alte Zauberer herbeigeeilt und seine erste Sorge war sich der Schlange zu bemächtigen.

»Djuman, Djuman,« sagte er im Tone freundschaftlichen Vorwurfs zu ihr.

Die Schlange rollte sich auseinander, verließ ihre Beute und fing zu kriechen an. Hurtig packte der Zauberer sie beim Schwanzende und sie mit ausgestrecktem Arme haltend, drehte er sich um sich selber und zeigte das Reptil, welches sich zischend wand, ohne sich aufrichten zu können.

Bekanntlich ist eine Schlange, die man am Schwanze hält, in jeder Beziehung wehrlos. Nur höchstens bis zu einem Drittel ihrer Länge kann sie sich aufrichten und infolgedessen nicht in die sie haltende Hand beißen.

Nach einer Minute wurde die Schlange wieder in ihren Korb gesteckt, der Deckel wohl verwahrt, und der Zauberer beschäftigte sich mit dem kleinen Mädchen, das ständig schrie und mit den Beinen zappelte. Auf die Wunde streute er eine Fingerspitze weißen Pulvers, das er aus seinem Gürtel nahm, murmelte dann dem Kind eine Beschwörung ins Ohr, deren Wirkung nicht auf sich warten ließ. Die Zuckungen hörten auf, das kleine Mädchen wischte sich den Mund ab, raffte sein Seidentuch auf, schüttelte den Staub heraus, band es wieder auf seinem Kopfe fest, stand auf, und bald sah man es fortgehen.

Einen Augenblick später kam es auf unsere Galerie, um eine Sammlung vorzunehmen, und wir legten manches Fünfzig-Centimesstück auf seine Stirn und auf seine Schultern.

Das war das Ende der Vorstellung und wir gingen zum Essen.

Ich hatte tüchtigen Hunger und wollte einem prächtigen Aal in kalter Senftunke alle Ehre erweisen, als unser Doktor, neben dem ich saß, mir sagte, er erkenne die Schlange von vorhin wieder. Unmöglich war’s mir, nur einen Mund voll davon zu essen.

Nachdem er sich über meine Vorurteile tüchtig lustig gemacht hatte, forderte der Doktor meinen Aalanteil für sich und versicherte mir, die Schlange hätte einen köstlichen Geschmack.

»Die Schufte, die wir da eben gesehen haben,« sagte er zu mir, »sind Kenner. Wie Troglodyten leben sie mit ihren Schlangen in Höhlen; sie haben hübsche Töchter. Beweis, die Kleine in blauen Hosen. Man weiß nicht, was für eine Religion sie haben, Schlauköpfe aber sind sie und mit ihrem Cheik will ich Bekanntschaft machen.«

Beim Essen hörten wir, aus welchem Grunde wir wieder auf den Feldzug mußten.

Der hitzig von Oberst R…. verfolgte Sidi-Lala suchte die marokkanischen Gebirge zu gewinnen.

Zwei Wege konnte man einschlagen: den einen im Süden von Tlemcen, indem man die Mulaia an der einzigen Stelle durchwatete, wo steile Böschungen sie nicht überschreitbar machen; den andern durch die Ebene im Norden unseres Bezirks. Dort sollte er unsern Oberst und den Hauptteil des Regiments finden.

Unsere Schwadron hatte den Auftrag, ihm den Flußübergang zu verlegen, wenn er, was wenig wahrscheinlich war, dort auf unsere Seite zu kommen versuchen sollte.

Bekanntlich fließt die Mulaia zwischen zwei hohen Felsenmauern und nur an einem Punkte, einer Art ziemlich engen Bresche, können Pferde sie überschreiten. Der Ort war mir wohlbekannt und ich begreife nicht, warum man dort noch kein Blockhaus aufgeführt hatte. Soviel stand fest, der Oberst hatte alle Aussichten dem Feinde zu begegnen, wir aber machten einen vergeblichen Ritt.

Vor dem Ende der Mahlzeit hatten mehrere Reiter des Maghzen Depeschen vom Oberst R…. gebracht Der Feind hatte Stellung genommen und zeigte scheinbar Kampflust. Er hatte Zeit verloren. Des Obersten R…. Infanterie sollte eintreffen und ihn über den Haufen werfen.

Wohin aber sollte er entfliehen? Wir wußten das nicht und mußten ihm auf beiden Wegen zuvorkommen. Ich rede nicht von einem letzten Entschlusse, den er fassen konnte, nämlich sich in die Wüste zu werfen; seine Herden und seine Smalah (Familie und ganzes Gefolge eines Häuptlings) würden dort bald verhungert und verdurstet sein. Man machte einige Signale ab, um sich über die feindliche Bewegung auf dem Laufenden zu halten.

Drei in Tlemcen abgegebene Kanonenschüsse sollten uns davon in Kenntnis setzen, daß Sidi-Lala in der Ebene erschiene, wir aber sollten Raketen abbrennen, um wissen zu lassen, daß wir der Unterstützung bedürften. Aller Wahrscheinlichkeit nach konnte der Feind sich nicht vor Tagesanbruch zeigen und unsere beiden Obersten hatten mehrere Stunden Vorsprung vor ihm.

Die Nacht war voll hereingebrochen, als wir aufsaßen. Ich aber befehligte den Vortrab. Ich fühlte mich müde, mir war kalt; zog meinen Mantel an und schlug den Kragen hoch. Ich fuhr in die Steigbügel und ließ meine Stute ruhig in gutem Schritte gehn, indem ich zerstreut auf den Unteroffizier Wagner hörte, der mir seine Liebschaftsgeschichte erzählte, die leider mit der Flucht einer Treulosen endigte, die ihm mit seinem Herzen eine silberne Uhr und ein Paar neue Stiefel ausgespannt hatte. Die Geschichte kannte ich schon, und sie erschien mir noch langweiliger als gewöhnlich.

Der Mond ging auf, als wir uns auf den Weg machten. Der Himmel war rein, vom Boden aber erhob sich ein leiser weißer Nebel, der dicht an der Erde dahin kroch, welche mit Baumwollflocken bedeckt schien. Auf diesen weißen Grund warf der Mond lange Schatten und alle Gegenstände nahmen ein phantastisches Aussehen an. Bald glaubte ich arabische Reiterposten zu sehen; beim Näherkommen fand ich blühende Tamarinden. Bald machte ich Halt, weil ich die Signal-Kanonenschüsse zu hören meinte: Wagner erklärte mir, es sei ein laufendes Pferd.

Wir langten an der Furt an und der Rittmeister traf seine Vorkehrungen.

Wunderbar eignete sich der Ort zu einer Verteidigung, unsere Schwadron würde genügt haben, um ein beträchtliches Korps anzuhalten. Völlige Einsamkeit auf der andern Flußseite.

Nach ziemlich langem Warten hörten wir Pferdegalopp und bald erschien ein auf einem prachtvollen Rosse sitzender Araber, der auf uns zu kam. An seinem Strohhut mit wehenden Straußenfedern, an seinem gestickten Sattel, woran eine mit Korallen und goldenen Blumen verzierte Gebira hing, erkannte man einen Häuptling; unser Führer sagte uns, es sei Sidi-Lala in eigener Person. Es war ein schöner, schlanker und kräftiger junger Mann, der sein Pferd wunderbar ritt.

Er ließ es galoppieren, warf seine lange Flinte in die Luft, fing sie wieder auf und rief uns dabei, ich weiß nicht welche verächtlichen Worte zu.

Die Zeiten der Ritterschaft sind vorüber und Wagner forderte eine Flinte, um den Marabut, wie er sagte, eins aufzubrennen. Ich aber widersetzte mich dem und bat, damit nicht gesagt würde, die Franzosen hätten sich geweigert, mit einem Araber auf einem Kampfplatze zu kämpfen, den Rittmeister um Erlaubnis, über die Furt zu reiten und mit Sidi-Lala die Klinge zu kreuzen. Die Erlaubnis wurde mir gewährt und sofort überschritt ich den Fluß, während der feindliche Häuptling sich in kleinem Galopp entfernte, um einen Anlauf zu nehmen.

Sobald er mich am andern Ufer sah, raste er, die Flinte auf der Schulter, auf mich los.

»Nehmen Sie sich in acht!« schrie Wagner mir zu.

Vor Flintenschüssen eines Reiters hab‘ ich keine große Angst, und nach der uns vorgeführten Fantasia konnte Sidi-Lalas Flinte kaum mehr im stande sein Feuer zu geben. Tatsächlich drückte er drei Schritte von mir auf den Abzug, doch, wie ich es erwartet hatte, versagte die Flinte. Sofort ließ mein Mann sein Roß so schnell kehrt machen, daß ich, anstatt meinen Säbel in seine Brust zu pflanzen, nur seinen fliegenden Burnus erwischte.

Doch verfolgte ich ihn hart, ihn immer an meiner Rechten haltend und ihn wohl oder übel gegen die den Fluß umrandenden steilen Böschungen treibend. Vergebens versuchte er plötzlich die Richtung zu verändern, ich bedrängte ihn mehr und mehr.

Nach einigen Minuten rasenden Reitens sah ich sein Pferd sich plötzlich bäumen und ihn die Zügel mit beiden Händen anziehen. Ohne mich zu fragen, warum er diese seltsame Bewegung mache, prallte ich wie eine Kugel auf ihn und pflanzte ihm meinen Pallasch zu der nämlichen Zeit mitten auf den Rücken, wo der Huf meiner Stute seinen linken Schenkel berührte. Mann und Roß verschwanden; meine Stute und ich fielen ihnen nach.

Ohne es gemerkt zu haben, waren wir am Rand eines Absturzes angelangt und hatten uns hinuntergestürzt … Während ich noch in der Luft war – das Gehirn arbeitet ja so schnell – sagte ich mir, daß des Arabers Körper meinen Sturz abschwächen würde. Deutlich unter mir sah ich einen weißen Burnus mit einem großen roten Flecken: auf gut Glück würd‘ ich dort niederfallen.

Der Sprung war nicht so schrecklich, wie ich geglaubt hatte, dank der Tiefe des Wassers; es schlug mir über den Ohren zusammen; ganz betäubt schnatterte ich einen Moment im Schlamm, und dann fand ich mich, ich weiß nicht recht wie, mitten im hohen Schilfrohr an des Flusses Ufer.

Was aus Sidi-Lala und den Pferden geworden war, davon weiß ich nichts. Völlig durchnäßt, vor Kälte zitternd stand ich zwischen zwei über hundert Meter hohen Felsmauern im Schlamm. Ich machte einige Schritte in der Hoffnung eine Stelle zu finden, wo die Böschungen weniger steil waren; je weiter ich drang, desto steiler aber und unzugänglicher erschienen sie mir.

Plötzlich hörte ich über meinem Kopfe Pferdegetrappel und Klirren von Säbelscheiden, die gegen Steigbügel und Sporen stießen. Augenscheinlich war’s unsere Schwadron. Ich wollte rufen, kein Ton aber drang aus meiner Kehle; zweifelsohne hatte ich mir bei meinem Sturze die Brust verletzt.

Stellen Sie sich meine Lage vor. Ich hörte unserer Leute Stimmen, erkannte sie und konnte sie nicht zu Hilfe rufen. Der alte Wagner sagte:

»Wenn er mich nur hätte machen lassen, da lebte er noch und wäre bald Oberst geworden.«

Bald verminderte sich das Geräusch, wurde schwächer, ich hörte nichts mehr.

Über meinem Kopfe hing eine dicke Wurzel; wenn ich sie faßte, hoffte ich mich das steile Ufer hinaufziehen zu können… Eine verzweifelte Anstrengung, ich schwang mich zu ihr hoch und… Sss!… die Wurzel windet sich und entschlüpft mit einem abscheulichen Zischen… Es war eine ungeheure Schlange…

Ich fiel ins Wasser zurück; die zwischen meinen Beinen hingleitende Schlange warf sich in den Fluß, wo sie, wie mir vorkam, etwas wie eine Feuerspur hinterließ.

Eine Minute später hatte ich meine Kaltblütigkeit wiedererlangt; dies auf dem Wasser zitternde Licht war nicht verschwunden. Es war, wie ich dann merkte, der Widerschein einer Fackel. Zwanzig Schritte von mir entfernt, füllte ein Weib mit einer Hand einen Krug im Flusse und in der andern hielt sie ein Stück harzigen Holzes, das brannte. Meine Gegenwart ahnte sie nicht. Ruhig setzte sie ihren Krug auf den Kopf und verschwand mit der Fackel in der Hand in den Schilfflächen. Ich folgte ihr und befand mich an einem Höhleneingang.

Ganz ruhig ging das Weib weiter und stieg einen ziemlich steilen Abhang hinan, eine Art Treppe, die in die Seitenwand eines riesenweiten Saales eingehauen war. Beim Fackelschimmer sah ich den Boden dieses Saales, der sich nicht viel über die Wasserfläche erhob, konnte aber nicht entdecken, wie groß seine Ausdehnung war. Ohne allzu genau zu wissen, was ich tat, ging ich auf der Treppe dem fackeltragenden Weibe nach und folgte ihr in einiger Entfernung. Von Zeit zu Zeit verschwand ihr Licht hinter einer Felskrümmung, dann aber fand ich es bald wieder.

Ich glaubte noch die dunkle Öffnung großer Galerien zu sehen, die mit dem Hauptsaal in Verbindung standen. Man hätte es eine unterirdische Stadt mit ihren Straßen und Straßenecken nennen können. Ich machte Halt, da es vermutlich gefährlich war allein in diesem ungeheuren Labyrinth auf Abenteuer auszugehen.

Plötzlich erstrahlte eine der Galerien unter mir in einer lebhaften Helligkeit. Ich sah eine große Masse Fackeln, die gleichsam aus den Flanken des Felsens hervorkamen, um etwas wie eine große Prozession zu bilden. Zur nämlichen Zeit erhob sich ein monotoner Gesang, der an die Psalmodie der Araber erinnerte, wenn sie ihre Gebete aufsagen.

Bald unterschied ich eine große Menschenmenge, die langsam vorwärts schritt. Voran ging ein schwarzer, fast nackter Mann, dessen Kopf mit einer ungeheuren Menge gesträubter Haare bedeckt war. Sein weißer, auf die Brust fallender Bart stach grell ab gegen die braune Farbe seiner mit bläulichen Tätowierungen bedeckten Brust. Sofort erkannte ich in ihm meinen Zauberer vom Nachmittage wieder und gleich darauf sah ich bei ihm das kleine Mädchen, das die Rolle der Euridyke gespielt, mit seinen schönen Augen, seinen seidenen Hosen und seinem gestickten Kopftuche.

Weiber und Kinder, Männer jeglichen Alters folgten ihnen, alle mit Fackeln, alle in seltsamen Gewändern in lebhaften Farben, Schleppkleidern und hohen Mützen, einige waren aus Metall, und spiegelten auf allen Seiten das Fackellicht wider.

Gerade unter mir blieb der alte Zauberer stehen, und die ganze Prozession mit ihm. Tiefes Schweigen ward. Ich befand mich zwanzig Schritte über ihm, von großen Steinen geschützt, hinter denen ich alles zu sehen hoffte, ohne selber bemerkt zu werden. Zu des Greises Füßen bemerkte ich eine breite fast runde Steinplatte, in deren Mitte ein eherner Ring eingelassen war.

Er stieß einige Worte in einer mir unbekannten Sprache aus, die – dessen glaube ich sicher zu sein – weder arabisch noch kabylisch war. Ein ich weiß nicht wo an Rollen aufgehängter Strick fiel zu seinen Füßen nieder; einige der Anwesenden knüpften ihn an dem Ringe fest und auf ein Zeichen zogen zwanzig kräftige Arme zugleich an. Der Stein, welcher sehr schwer zu sein schien, richtete sich auf und man stellte ihn zur Seite.

Ich sah dann etwas wie die Öffnung eines Brunnens, dessen Wasser einen Meter wenigstens unter dem Rande stand. Wasser, hab‘ ich gesagt? Ich weiß nicht was für eine gräßliche Flüssigkeit es war, die eine irisierende Haut bedeckte, welche wiederum von freien Stellen unterbrochen und zerrissen ward und einen schwarzen und häßlichen Schlamm sehen ließ.

Aufrecht bei der Brunnenbrüstung hielt der Zauberer seine linke Hand auf das Haupt des kleinen Mädchens. Mit der Rechten beschrieb er seltsame Gesten, während er inmitten der allgemeinen Andacht eine Art Beschwörung hersagte.

Von Zeit zu Zeit erhob er die Stimme, wie wenn er jemanden riefe; Djuman! Djuman! schrie er. Niemand aber kam. Währenddem rollte er die Augen, fletschte er die Zähne und ließ rauhe Schreie hören, die aus keiner Menschenbrust hervorzugehen schienen. Des alten Schurken Gaukeleien reizten und entrüsteten mich. Ich war versucht ihm einen der Steine, die ich unter der Hand hatte, an den Kopf zu werfen. Zum dreißigstenmal etwa hatte er den Namen Djuman gebrüllt, als ich die irisierende Haut des Brunnens beben sah. Auf dies Zeichen hin warf sich die ganze Menge rückwärts; der Greis und das kleine Mädchen blieben allein am Rande des Loches.

Plötzlich erhob sich ein breiter Sprudel bläulichen Schlammes im Brunnen und aus diesem Schlamm kam der ungeheure Kopf einer fahlgrauen Schlange mit ihren phosphoreszierenden Augen hervor…

Unwillkürlich tat ich einen Schritt zurück; ich hörte einen leisen Schrei und das Geräusch eines schweren Körpers, der ins Wasser fiel…

Als ich wieder nach unten blickte, zehn Sekunden etwa später, bemerkte ich den Zauberer allein am Rande des Brunnens, dessen Wasser noch sprudelte.

Inmitten der Überbleibsel der irisierenden Haut schwamm das Tuch, welches des kleinen Mädchens Kopf bedeckt hatte…

Schon war der Stein in Bewegung und fiel auf die Öffnung des gräßlichen Schlundes zurück. Dann erloschen alle Fackeln zugleich, und ich blieb in der Finsternis inmitten so tiefen Schweigens, daß ich deutlich das Klopfen meines Herzens hörte…

Sobald ich mich von der furchtbaren Szene ein bißchen erholt hatte, wollte ich aus der Höhle herausgehen. Wenn ich meine Kameraden je wieder erreichte, beabsichtigte ich, das schwor ich, zurückzukommen und die abscheulichen Gäste dieser Orte, Menschen und Schlangen, auszurotten.

Es handelte sich darum einen Weg zu finden; meiner Berechnung nach hatte ich etwa hundert Schritte in die Höhle hineingetan; die Felsmauer hatte ich zu meiner Rechten.

Ich machte eine halbe Wendung, bemerkte aber kein Licht, das die Öffnung des unterirdischen Gewölbes anzeigte. Doch erstreckte es sich nicht in gerader Linie. Und überdies war ich vom Flußufer ab immer gestiegen. Mit der linken Hand tastete ich den Felsen ab, in der Rechten hielt ich meinen Säbel, mit dem ich das Terrain untersuchte, indem ich langsam und vorsichtig vorwärts ging.

Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten… eine halbe Stunde vielleicht marschierte ich, ohne den Eingang zu finden.

Unruhe überkam mich. Sollte ich, ohne es gemerkt zu haben, in eine Seitengalerie eingeschwenkt sein, anstatt auf den Weg zurück zu kommen, dem ich zuerst gefolgt war? …

Immer ging ich weiter, mich dem Felsen entlang tastend, als ich plötzlich statt des kalten Steines einen Teppich fühlte, der, unter meiner Hand zurückweichend, einen Lichtstrahl durchließ. Mit verdoppelter Vorsicht entfernte ich geräuschlos den Teppich und befand mich in einem kleinen Verbindungsgang, der zu einem sehr hellen Zimmer führte, dessen Tür offen stand. Ich sah, daß dies Zimmer mit geblümten Goldbrokatstoff bespannt war. Unterschied einen türkischen Teppich, ein Stück von einem Sammetdivan. Auf dem Teppich gab’s ein silbernes Nargileh und Räucherpfannen, kurz, es war ein prunkvoll eingerichtetes Gemach in türkischem Geschmack.

Auf Zehenspitzen näherte ich mich bis zur Tür. Ein junges Weib saß zusammengekauert auf dem Divan, neben den ein kleiner niedriger eingelegter Tisch gestellt worden war, der ein großes hochrotes Präsentierbrett trug, auf welchem Tassen, Flaschen und Blumensträuße standen.

Beim Betreten dieses unterirdischen Raumes fühlte man sich von ich weiß nicht was für einem köstlichen Parfüm berauscht.

Alles in diesem Stübchen atmete Wollust, überall sah ich Gold, reiche Stoffe, seltene Blumen und die verschiedensten Farben gleißen. Zuerst erblickte mich das junge Weib nicht, sie neigte das Haupt und rollte mit nachdenklicher Miene die gelben Perlen eines bernsteinernen Rosenkranzes zwischen den Fingern. Sie war wirklich schön. Ihre Züge glichen denen des unglücklichen Kindes, das ich eben gesehen hatte, besaßen aber mehr Form, waren regelmäßiger, wollüstiger… Schwarz wie Rabenflügel war ihr Haar.

»Und von der Länge eines Königsmantels.«

Es flutete über die Schultern, den Divan und bis auf den Teppich zu ihren Füßen. Ein durchschimmerndes Seidenhemd mit breiten Streifen ließ wunderbare Arme und Brüste erraten. Ein mit Gold benähtes Sammetwams schnürte ihre Taille ein und aus ihren blauatlassenen kurzen Hosen kam ein wunderbar kleiner Fuß hervor, an dem ein vergoldeter Pantoffel hing, den sie mit einer neckischen und anmutsvollen Bewegung tanzen ließ.

Meine Stiefel knarrten, sie hob den Kopf und erblickte mich.

Ohne sich stören zu lassen, ohne die mindeste Überraschung zu zeigen, einen Fremdling mit dem Säbel in der Hand bei sich eintreten zu sehen, klatschte sie vor Freude in die Hände und gab mir ein Zeichen näher zu treten. Ich grüßte sie, indem ich die Hand an Herz und Kopf führte, um ihr zu beweisen, daß ich mit muselmanischen Sitten vertraut sei. Sie lächelte mir zu und entfernte mit ihren beiden Händen die den Divan bedeckenden Haare; damit wollte sie mir bedeuten; an ihrer Seite Platz zu nehmen. Ich glaube alle Wohlgerüche Arabiens entströmten diesen schönen Haaren.

Mit bescheidener Miene setzte ich mich auf das äußerste Divanende, indem ich mir versprach, sogleich näher zu rücken. Sie nahm eine Tasse von dem Brett, und sie an der filigranenen Untertasse haltend, goß sie einen sprudelnden Kaffee hinein, und, nachdem sie daran genippt, bot sie ihn mir an:

»Ach, Rumi, Rumi!…« sagte sie.

»Nicht wahr, wir trinken doch am frühen Morgen kein Schnäpschen, Herr Leutnant?«…

Bei diesen Worten riß ich die Augen wie Scheunentore so groß auf. Die junge Frau hatte einen enormen Schnurrbart; sie war das wirkliche Abbild des Unteroffiziers Wagner… Tatsächlich stand Wagner vor mir und bot mir eine Tasse Kaffee an, während ich, auf dem Halse meines Pferdes liegend, ihn ganz verblüfft anschaute.

»Es scheint, wir haben grade geschlafen, Herr Leutnant. Wir find hier an der Furt und der Kaffee ist kochend heiß!«

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