Erste Amerikafahrt

Aus: Le­bens­li­ni­en 2.Teil, 14.Kap.

Der An­laß. Früh im Jah­re 1903 er­hielt ich ei­nen Brief aus der klei­nen Uni­ver­si­täts­stadt Ber­ke­ley, Ka­li­for­ni­en, bei San Fran­cis­co, von dem dor­ti­gen Pro­fes­sor der Phy­sio­lo­gie Jaques Lo­eb, der mich im Auf­tra­ge sei­ner Uni­ver­si­tät ein­lud, sein neu­es La­bo­ra­to­ri­um durch ei­ne Re­de ein­zu­wei­hen. Mir war der Na­me zwar nicht un­be­kannt, doch hat­te ich im Dran­ge so vie­ler und man­nig­fal­ti­ger Ar­bei­ten kei­nen An­laß ge­habt, mich nä­her mit sei­nen For­schun­gen zu be­schäf­ti­gen. Kol­le­ge Lo­eb schien dies vor­aus­ge­se­hen zu ha­ben, denn er hat­te gleich­zei­tig ei­ne An­zahl Bü­cher und Ab­hand­lun­gen auf den Weg ge­bracht, um mir ein ge­naue­res Bild sei­ner Be­tä­ti­gun­gen und Be­stre­bun­gen zu ge­ben. Er er­wies sich als ein glü­hen­der Be­wun­de­rer der neu­en phy­si­ka­li­schen Che­mie, der er den Haupt­teil sei­ner Er­fol­ge ver­dan­ken zu müs­sen er­klär­te, und woll­te durch mei­ne per­sön­li­che An­we­sen­heit bei sei­nem Ein­zugs­fest das Dank­ver­hält­nis zum Aus­druck brin­gen, das er un­se­rer Wis­sen­schaft ge­gen­über emp­fand.

Der Mann. Jac­ques Lo­eb war 1859 in May­en bei Ko­blenz ge­bo­ren, hat­te in Ber­lin, Mün­chen und Straß­burg stu­diert und sich durch ei­ne sehr be­mer­kens­wer­te bio­lo­gi­sche Ju­gend­ar­beit be­kannt ge­macht, in der er nach­wies, daß die an Pflan­zen wohl­be­kann­ten und von dem ge­nia­len Be­grün­der der Pflan­zen­phy­sio­lo­gie Ju­li­us Sachs ma­the­tisch ge­deu­te­ten Er­schei­nun­gen der Pho­to­tro­pie oder Licht­wen­dung sich auch bei Tie­ren nach­wei­sen las­sen, wo sie dem glei­chen Ge­setz fol­gen. Näm­lich je­des Le­be­we­sen, das licht­emp­find­lich und be­weg­lich ist, stellt sich zum Licht sym­me­trisch ein, so daß über­ein­stim­men­de Kör­per­tei­le un­ter glei­chem Win­kel vom Licht ge­trof­fen wer­den. Ist die Be­weg­lich­keit be­schränkt, wie bei Pflan­zen, so be­wirkt das Licht nur ei­ne ent­sp­re­chen­de Ein­stel­lung; ist ei­ne Be­we­gung von Ort zu Ort mög­lich, wie bei den meis­ten Tie­ren, so fin­det ein schein­ba­res Su­chen oder Flie­hen des Lich­tes statt, näm­lich je­des­mal ei­ne Be­we­g­ung zum leuch­ten­den Ort hin oder von ihm fort. Aber die­se Be­we­gun­gen sind nicht et­wa »in­stink­ti­ve« An­zie­hun­gen oder Ab­sto­ßun­gen durch das Licht, son­dern der grund­le­gen­de Vor­gang ist die Ein­stel­lung des Le­be­we­sens sym­me­trisch zum Licht­strom. Je nach­dem hier­bei der Kopf zum oder vom Licht ge­wen­det wird, er­folgt beim Be­we­gen ei­ne An­nä­he­rung oder Ent­fer­nung.

J. Lo­eb legt bei der Be­sp­re­chung sei­ner sinn­rei­chen Ver­su­che das größ­te Ge­wicht dar­auf, daß zu ih­rem Zu­stan­de­kom­men we­der ein Be­wußt­sein noch ein In­stinkt er­for­dert ist. Denn das Ver­hal­ten der Tie­re ent­spricht ge­nau dem der Pflan­zen, bei de­nen man geis­ti­ge Funk­tio­nen nicht an­zu­neh­men pflegt, und bei­de las­sen sich auf un­mit­tel­ba­re phy­sio­lo­gi­sche Wir­kun­gen zu­rück­füh­ren.

Die­sen hier mit al­ler Be­stimmt­heit ein­ge­nom­me­nen Stand­punkt, die Er­schei­nun­gen des Le­bens tun­lichst auf phy­si­ko­che­mi­sche Ur­sa­chen zu­rück­zu­füh­ren, hat dann Lo­eb wäh­rend sei­ner gan­zen wis­sen­schaft­li­chen Lauf­bahn fest­gehal­ten und er hat ihm die Ge­win­nung sei­ner spä­te­ren höchst be­mer­kens­wer­ten wis­sen­schaft­li­chen Er­geb­nis­se er­mög­licht. Da­bei hat­ten sich die da­mals noch sehr neu­en Be­grif­fe der Dis­so­zia­ti­ons­theo­rie als be­son­ders frucht­bar er­wie­sen: nicht die zahl­lo­sen ver­schie­de­nen Sal­ze als sol­che er­wie­sen sich als maß­ge­bend für die phy­sio­lo­gi­schen Vor­gän­ge, son­dern ih­re Io­nen, un­ab­hän­gig von dem be­son­de­ren Salz, durch wel­ches die­se in die Lö­sung ge­bracht wor­den wa­ren. Dies er­gab ei­ne we­sent­li­che Ver­ein­fa­chung der Ar­beit.

Als Lo­eb je­nen Brief an mich rich­te­te, hat­ten sei­ne For­schun­gen eben zu ei­nem Gip­fel­punkt ge­führt: die künst­li­che Par­the­no­ge­ne­se, d.h. die Er­zeu­gung le­bens­fä­hi­ger Jun­gen aus un­be­fruch­te­ten Ei­ern von See­igeln und an­de­ren nie­de­ren Tie­ren durch rein che­mi­sche Ein­wir­kung be­stimm­ter Io­nen von ge­eig­ne­ter Kon­zen­tra­ti­on. Die­se Ent­de­ckung hat­te ge­wal­ti­ges Auf­se­hen ge­macht; Lo­eb schien da­durch der Lö­sung des Rät­sels vom Le­ben um ei­nen gro­ßen Schritt nä­her ge­kom­men zu sein. Un­ter de­ren Ein­druck hat­te sich, wie das in Ame­ri­ka üb­lich ist, ein rei­cher Mann ge­fun­den, der die Mit­tel für den längst not­wen­di­gen Bau ei­nes an­ge­mes­se­nen La­bo­ra­to­ri­ums her­ge­ge­ben hat­te.

Daß Lo­eb dem Ver­tre­ter der phy­si­ka­li­schen Che­mie ei­ne so her­vor­tre­ten­de Stel­lung bei der Ein­wei­hung der neu­en An­stalt über­wies, war al­so nicht nur ein Aus­druck des Dan­kes, son­dern auch ei­ne kräf­ti­ge Her­vor­he­bung sei­nes wis­sen­schaft­li­chen Grund­ge­dan­kens, der Auf­klä­rung der Le­bens­er­schei­nun­gen durch phy­si­ka­lisch-che­mi­sche Mit­tel.

Die Fahrt. Ich zö­ger­te nicht, die nach vie­len Sei­ten lo­cken­de Ein­la­dung an­zu­neh­men, zu­mal der Be­such in der neu­en Welt sich wäh­rend der Fe­ri­en er­le­di­gen ließ und da­her kei­ne Stö­rung mei­ner amt­li­chen Tä­tig­keit for­der­te. Ich war jung ge­nug – noch nicht fünf­zig Jah­re – um den zu er­war­ten­den An­stren­gun­gen ent­ge­gen zu se­hen, oh­ne Sor­ge, ob ich ih­nen ge­wach­sen sein wür­de, und auf­nah­me­fä­hig ge­nug, um mit Freu­de die be­vor­ste­hen­den vie­len neu­en Ein­drü­cke zu er­war­ten. Die an­dert­halb Wo­chen See­fahrt zu Be­ginn und Schluß der Rei­se ga­ben mir die Ge­währ, daß ich er­frischt in Ka­li­for­ni­en ein­tref­fen und eben­so wie­der heim­keh­ren wür­de. Ich wähl­te ab­sicht­lich nicht die schnells­ten Schif­fe, um die­se heil­sa­me Wir­kung tun­lichst zu ver­län­gern; auch hat­ten mir Kun­di­ge ge­sagt, daß die Ge­sell­schaft auf den lang­sa­me­ren Schif­fen meist viel net­ter sei, als die vor­wie­gend aus Geld­prot­zen be­ste­hen­de Be­völ­ke­rung der schnells­ten.

So mach­te ich mich an­fang Au­gust auf den Weg nach Bre­men, um von dort zu­nächst nach New York zu fah­ren. Dort er­war­te­te mich ein frü­he­rer Schü­ler, Dr. Young, der in­zwi­schen auf der zwei­ten ka­li­for­ni­schen Uni­ver­si­tät in Pa­lo Al­to Pro­fes­sor ge­wor­den war und eben dort­hin ab­zu­rei­sen be­ab­sich­tig­te. Er woll­te mir freund­lich die tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten der lan­gen Über­land­fahrt ab­neh­men und er­wies sich als ein eben­so wil­li­ger wie ge­schick­ter Rei­se­ge­nos­se, der mir von al­ler­größ­tem Nut­zen ge­we­sen ist, da zu­fäl­lig ge­ra­de bei mei­ner Fahrt be­son­de­re Hin­der­nis­se auf­tauch­ten, de­nen ich al­lein kaum ge­wach­sen ge­we­sen wä­re.

Auf der Fahrt nach Bre­men traf ich in Mag­de­burg, wo Mit­tag­auf­ent­halt war, mit ei­nem Leip­zi­ger Kol­le­gen aus der me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät zu­sam­men, mit dem ich auf an­ge­neh­mem Fuß ver­kehr­te. Er er­kun­dig­te sich nach dem Wo­hin und auf mei­ne Ant­wort: nach Ka­li­for­ni­en, woll­te er nä­he­res wis­sen. Ich gab Aus­kunft und er be­merk­te dar­auf: Da wer­den Sie aber Tri­um­phe fei­ern. Ich be­kann­te, daß ich hier­an noch nicht ge­dacht hat­te, da für mich die ers­te Fahrt über das Welt­meer und dann die Rei­se quer durch den gan­zen trans­at­lan­ti­schen Welt­teil gänz­lich im Vor­der­grun­de mei­ner Er­war­tun­gen stan­den. Er hat aber Recht be­hal­ten, denn ich konn­te her­nach wie Lie­big sa­gen: Wür­de man von Eh­ren fett wer­den, so müß­te ich ei­nen Bauch ha­ben, wie ein Lord Ma­yor.

Die Rei­se auf dem Damp­fer »We­ser« des Nord­deut­schen Lloyd ver­lief ganz wie er­war­tet. Be­kannt­lich wa­ren vor dem Welt­krie­ge (viel­leicht ist es schon wie­der so) die deut­schen Damp­fer die schnells­ten, schöns­ten, sau­bers­ten und in je­der Be­zie­hung an­ge­nehms­ten von al­len, die auf sämt­li­chen Mee­ren der Er­de ver­kehr­ten. Das Es­sen je­des Lo­bes wert, die Ord­nung und Rein­lich­keit ta­del­los, der Ver­kehrs­ton durch den Ein­fluß der hoch­ge­bil­de­ten Schiffs­füh­rer hei­ter-be­hag­lich. Am Vor­mit­tag und zur Haupt­mahl­zeit ge­gen Abend mach­te die Schiffs­ka­pel­le gu­te Mu­sik und so kam ein Ge­fühl der Lan­ge­wei­le durch den be­schränk­ten Raum und Kreis des Schiffs um so we­ni­ger auf, als mit dem Fort­schritt der Ta­ge die per­sön­li­chen Be­zie­hun­gen der Rei­se­ge­nos­sen na­tur­ge­mäß le­ben­di­ger wur­den.

Auch die gan­ze Rei­he der Wet­ter­mög­lich­kei­ten wur­de durch­mes­sen. Die meis­ten Ta­ge wa­ren son­nig und schön, doch hat­ten wir auch zwei Ta­ge kräf­ti­gen Sturm, die ich oh­ne see­krank zu wer­den, über­stand.

Der Vor­trag. Nur ei­ne Schwie­rig­keit war zu über­win­den. In Ber­ke­ley soll­te ich ei­nen gro­ßen Vor­trag über die Be­zie­hun­gen zwi­schen phy­si­ka­li­scher Che­mie und Bio­lo­gie hal­ten. Un­ter den vie­len Ge­schäf­ten, die vor der Ab­rei­se zu er­le­di­gen wa­ren, konn­te ich nicht dar­an den­ken, ihn aus­zu­ar­bei­ten. Und ge­schrie­ben muß­te er wer­den, da er her­nach in Ber­ke­ley ge­druckt wer­den soll­te. Ich hat­te mir na­tür­lich ge­sagt, daß ich auf der lan­gen Damp­fer­fahrt reich­lich Zeit ha­ben wür­de, die­se Ar­beit aus­zu­füh­ren; ich stell­te sie mir als ei­ne sehr an­ge­neh­me Aus­fül­lung der vie­len frei­en Stun­den auf dem Mee­re vor. Doch hat­te ich, un­ge­dul­dig der neu­en Auf­ga­be ge­gen­über, schon auf der Ei­sen­bahn­fahrt mir die Haupt­ge­dan­ken zu­recht­ge­legt und ei­nen hal­ben War­te­tag, den ich in Bre­men ver­brin­gen muß­te, mit dem Be­ginn der Nie­der­schrift aus­ge­füllt.

Nach­dem der ers­te Tag der See­rei­se durch das Ken­nen­ler­nen der neu­en Um­ge­bung und das An­lau­fen von Sout­hamp­ton, wo­bei ich die wohl­be­kann­te In­sel Wight wie­der­sah, Zer­streu­ung ge­nug ge­bracht hat­ten, ge­dach­te ich ei­nes schö­nen Vor­mit­tags an die Ar­beit zu ge­hen. Zu mei­ner Ver­wun­de­rung hat­te ich gro­ße Mü­he, mei­ne Ge­dan­ken auf die vor­lie­gen­de Auf­ga­be zu rich­ten; sie ent­lie­fen wie jun­ge Hun­de im­mer wie­der der stren­gen Füh­rung und schwärm­ten ziel­los und lus­tig um­her. So mach­te die Re­de zu­nächst nur ge­rin­ge Fort­schrit­te und wur­de an­ge­sichts der lan­gen Zeit, die noch zur Ver­fü­gung stand, auf den nächs­ten Tag ver­scho­ben, was ganz ge­gen mei­ne sons­ti­ge Ge­wohn­heit war.

Am nächs­ten Ta­ge ging es mir aber nicht viel an­ders, und bald über­zeug­te ich mich, daß die­ser Zu­stand be­hag­li­cher Faul­heit ei­ne un­mit­tel­ba­re Fol­ge des Le­bens auf dem Mee­re war. Wo­her er rührt, ver­mag ich nicht zu sa­gen. Viel­leicht sind es die Spu­ren von Brom­na­tri­um aus dem Mee­re, wel­che durch Zer­stäu­bung mit­tels Wel­len­wir­kung sich der Luft mit­tei­len, vom Kör­per durch die Lun­ge auf­ge­nom­men wer­den und dort ih­re ner­ven­be­ru­hi­gen­de Wir­kung ent­fal­ten. Viel­leicht ist es auch der re­la­tiv ho­he Ba­ro­me­ter­stand, der in der Mee­res­hö­he herrscht, denn ich ha­be stets ge­fun­den, daß nied­ri­ger Luft­druck mich un­ru­hig macht und mir den sonst ge­sun­den Schlaf raubt. Viel­leicht war es auch das Ab­ge­schlos­sen­sein von den täg­li­chen Zei­tun­gen. Denn die Fun­ken­te­le­gra­phie war noch nicht er­fun­den und man führ­te auf dem Schiff ein vom Welt­lauf völ­lig ab­ge­schie­de­nes Da­sein. Da­zu kam dann noch der re­ge Ap­pe­tit, den der dau­ern­de Auf­ent­halt in der frei­en Luft be­wirk­te und des­sen Be­frie­di­gung her­nach die Ver­dau­ungs­or­ga­ne län­ger als sonst be­schäf­tig­te, wo­durch der Blut­zu­fluß zum Ge­hirn ver­min­dert wur­de. Wahr­schein­lich wirk­te al­les zu­sam­men, um je­nen un­ge­wohn­ten, aber an­ge­neh­men Zu­stand her­zu­stel­len.

Doch ließ sich die Nie­der­schrift der Re­de oh­ne An­stren­gung durch­füh­ren, und so­gar die Ar­beit an der »Schu­le der Che­mie«, die ich mit­ge­nom­men hat­te, wur­de um ei­ni­ge Bo­gen ge­för­dert.

Nach die­sen Er­fah­run­gen kann ich geis­tig. an­ge­streng­ten Per­so­nen nichts bes­se­res emp­feh­len, als ei­ne Meer­fahrt. Und zwar nicht auf ei­nem Ver­gnü­gungs­damp­fer, wo ei­nem die Mit­fah­ren­den das Be­ha­gen neh­men, son­dern wo­mög­lich auf ei­nem Fracht­damp­fer, wenn die­ser nur ei­ni­ger­ma­ßen die nö­ti­gen Be­quem­lich­kei­ten bie­tet.

Rei­se­ge­sell­schaft. Un­ter den Rei­se­ge­nos­sen, be­fan­den sich zwei Ham­bur­ger Groß­händ­ler, die sich an­fangs mit wohl­wol­len­der Iro­nie zu dem Pro­fes­sor ein­stell­ten, der ein Fach stu­dier­te und lehr­te, das es ei­gent­lich gar nicht gab. All­mäh­lich aber wur­den sie be­reit­wil­li­ger, mich und mei­ne Tä­tig­keit gel­ten zu las­sen. Der äl­te­re von bei­den er­zähl­te, es sei sei­ne Idee ge­we­sen, die Ver­frach­tung des Pe­tro­le­ums nicht wie bis­her in Fäs­sern, son­dern in ei­gens er­bau­ten Tank­schif­fen durch­zu­füh­ren, und füg­te fol­gen­des Er­leb­nis hin­zu: Im Jah­re 1890 hat­te plötz­lich der Ver­brauch von Leucht­öl merk­lich nach­ge­las­sen und die Kur­ve der lang­sa­men jähr­li­chen Zu­nah­me war von die­sem nie­de­ren Punkt wie­der ganz re­gel­mä­ßig wie vor­her an­ge­stie­gen. Es war für ihn ge­schäft­lich von Be­lang, die Ur­sa­che die­ses Aus­falls ken­nen zu ler­nen; er konn­te aber lan­ge nicht da­hin­ter kom­men. End­lich fand er die Ur­sa­che. Im glei­chen Jah­re war die mit­tel­eu­ro­päi­sche Zeit im Deut­schen Reich ein­ge­führt wor­den, nach­dem bis da­hin über­all nach Orts­zei­ten ge­rech­net wor­den war. Die Fol­ge war, daß im Wes­ten die Leu­te, wenn sie nach der Uhr um die glei­che Stun­de wie frü­her zu Bett gin­gen, tat­säch­lich die Lam­pe um rund ei­ne hal­be Stun­de frü­her aus­lösch­ten, als vor­her nach der Orts­zeit. Im Os­ten blie­ben sie da­ge­gen ei­ne hal­be Stun­de län­ger auf. Da aber der Wes­ten un­gleich dich­ter be­völ­kert ist, so be­trug der Aus­fall dort sehr viel mehr, als das Mehr im Os­ten, so daß im gan­zen der Ver­brauch an Leucht­öl ge­rin­ger war.

Ich mach­te dem al­ten Herrn we­gen sei­nes Scharf­sin­nes auf­rich­ti­ge Kom­pli­men­te und ge­stand, daß mir die­se Ent­de­ckung schwer­lich ge­lun­gen wä­re.

New York. Die Ein­fahrt in New York war al­les an­de­re als im­po­sant. Denn die Ein­rei­sen­den muß­ten sich im Spei­se­saal ver­sam­meln und dort »Schlan­ge sit­zen«, um ein­zeln vor den Zoll­be­am­ten ge­nau an­zu­ge­ben, was sie mit­brach­ten. Da ich auf die­se Ope­ra­ti­on nicht vor­be­rei­tet war, so war ich sehr in den Schwanz der Schlan­ge ge­ra­ten und hat­te so lan­ge zu war­ten, bis ich dar­an kam, daß in­zwi­schen das Schiff schon fast bis zur Län­de ge­schleppt wor­den war.

Auf dem Lan­de wur­den wir al­le wie Scha­fe in ei­ne gro­ße Hal­le mit sehr schmut­zi­gem Fuß­bo­den ge­trie­ben, wel­che an den Wän­den mit den Buch­sta­ben des ABC ge­schmückt war. Je­der muß­te sei­nen Platz bei dem An­fangs­buch­sta­ben sei­nes Na­mens ein­neh­men, wo­hin auch das Schiffs­ge­päck ge­schafft wur­de, das schon vor­her mit dem Buch­sta­ben ver­se­hen war und sei­ne Sa­chen wur­den nach end­lo­sem War­ten sehr ein­ge­hend auf Kon­tre­ban­de un­ter­sucht. Dann wur­de man end­lich frei­ge­las­sen.

Vor der Tür des Zoll­am­tes – denn es wur­de nie­mand her­ein­ge­las­sen – er­war­te­te mich Dr. Young, dem sich ein an­de­rer ame­ri­ka­ni­scher Schü­ler Dr. Heim­rod zu­ge­sellt hat­te. Sie führ­ten mich nach dem Rei­se­bü­ro im Broad­way, wo ich die Fahr­kar­te nach Ber­ke­ley er­stand. Es herrsch­te die be­kann­te un­aus­steh­li­che feuch­te Hit­ze, wel­che New York im Spät­som­mer fast un­be­wohn­bar macht, so daß al­le Tü­ren of­fen ste­hen muß­ten und die Be­am­ten in Hemd­är­meln ar­bei­te­ten. Von drau­ßen drang ein so über­wäl­ti­gen­der Lärm von den Wa­gen, Tram­bah­nen und Zei­tungs­jun­gen her­ein, daß Young sei­ne Wün­sche dem Be­am­ten ins Ohr schrei­en muß­te, denn auch in­nen war ein hal­bes Dut­zend Schreib­ma­schi­nen, Te­le­phon­glo­cken und noch man­cher­lei an­de­res in un­aus­ge­setz­ter Tä­tig­keit. Bin­nen kur­zer Frist hat­te ich wüs­te Kopf­schmer­zen und at­me­te auf, als wir zum Es­sen in ei­ne stil­le­re Ne­ben­stra­ße flüch­ten konn­ten. Die Fra­ge, ob ich mir nicht vor mei­ner Ab­rei­se nach dem Wes­ten New York an­se­hen wol­le, ver­nein­te ich schau­dernd in der Hoff­nung, dies ein­mal zu güns­ti­ge­rer Jah­res­zeit nach­ho­len zu kön­nen. Das hat sich denn auch spä­ter ver­wirk­li­chen las­sen, als ich ei­nen gan­zen Win­ter­mo­nat dort zu­brach­te. Ich war viel­mehr ei­lig, aus die­ser Höl­le des Lärms her­aus­zu­kom­men, und so fuh­ren wir be­reits am Abend ab.

Die Rei­se. Bei der Ge­päck­auf­ga­be nach San Fran­cis­co mein­te der Trä­ger, daß mein Kof­fer bes­ser noch durch ei­nen um­ge­schnall­ten Rie­men ver­schlos­sen wer­den soll­te; das kos­te ei­nen Dol­lar. Ich hielt dies für über­flüs­sig. Young aber klär­te mich auf, daß dies ei­ne Art von heim­li­cher Rei­se­ge­päck­ver­si­che­rung sei, wel­che die or­ga­ni­sier­ten Kof­fer­trä­ger über die gan­zen Ver­ei­nig­ten Staa­ten ein­ge­rich­tet hat­ten. Kof­fer mit sol­chen Rie­men wür­den be­son­ders vor­sich­tig be­han­delt und nicht ge­stoh­len, so daß sich die Aus­ga­be wohl loh­ne. Ich zahl­te und in der Tat war her­nach mein Kof­fer gut und rich­tig an­ge­kom­men, ob­wohl die Fahrt un­ter gro­ßen Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten vor sich ge­gan­gen war, wie her­nach er­zählt wer­den soll.

Die Rei­se ging zu­nächst nach Buf­fa­lo und an die Nia­ga­ra­fäl­le. Nicht nur vom land­schaft­li­chen Stand­punkt zo­gen mich die­se un­ge­heu­ren Mas­sen be­weg­ten Was­sers an, son­dern auch vom tech­ni­schen, denn es wa­ren dort vor kur­zem die ers­ten An­la­gen fer­tig ge­wor­den, um ei­nen Teil der rie­si­gen En­er­gie­men­gen nutz­bar zu ma­chen, die sich bis­her zweck­los in Wär­me ver­wan­delt hat­ten.

Der Ein­druck der Nia­ga­ra­fäl­le auf mich war sehr groß, denn sie wir­ken nicht nur durch ih­re Brei­te und Ge­walt, son­dern auch durch ih­re land­schaft­li­che Schön­heit. Das Was­ser wird aus dem obe­ren See, wo es sich hat klä­ren kön­nen, durch ei­nen zeim­lich kur­zen Fluß­lauf her­an­ge­führt und ist des­halb klar und durch­sich­tig; das na­tür­li­che Eis­blau des rei­nen Was­sers ist nur we­nig durch or­ga­ni­sche Stof­fe nach See­grün ver­färbt. Ei­ne Fül­le von schö­nen bild­mä­ßi­gen An­sich­ten bot sich dar und ich be­dau­er­te sehr, daß der mit­ge­nom­me­ne Mal­kas­ten mit dem Haupt­ge­päck nach Ber­ke­ley ge­schickt war. So nahm ich mir vor, falls ich noch­mals nach Ame­ri­ka kom­men soll­te, mir je­den­falls ei­ni­ge Ta­ge zum Ma­len an den Fäl­len vor­zu­be­hal­ten, und ich ha­be den Vor­satz auch im nächs­ten Jahr aus­füh­ren kön­nen.

Die tech­ni­sche An­la­ge er­wies sich gleich­falls in ho­hem Ma­ße lehr­reich. Mit Ge­nug­tu­ung stell­te ich deut­sche Fir­men als Her­stel­ler der fei­ne­ren Ma­schi­nen fest. Von be­son­de­rem In­ter­es­se wa­ren mir die Wer­ke ei­ner Ge­sell­schaft, wel­che Sal­pe­ter­säu­re aus Luft mit­tels elek­tri­scher Ent­la­dun­gen her­stel­len woll­te, doch war ein Zu­tritt nicht zu er­lan­gen, denn die An­la­ge war still­ge­legt. Da­ge­gen sah ich die Elek­tro­ly­se von ge­schmol­ze­nem Koch­salz zur Her­stel­lung von Chlor und Na­tron, was da­mals ein wich­ti­ger Fort­schritt war.

Von Chi­ca­go bis Co­lo­ra­do Springs. Die nächs­te Hal­te­stel­le war Chi­ca­go, wo wir ei­nen Tag blie­ben. Der ers­te Ein­druck von New York, daß näm­lich Ame­ri­ka sich vor al­len Din­gen durch un­be­schreib­li­chen Lärm her­vor­tut, ver­stärk­te sich dort noch er­heb­lich. So schien die »Ele­va­ted«, die auf Trä­gern durch die Stra­ßen ge­führ­te elek­tri­sche Bahn mit be­son­de­rer Rück­sicht dar­auf er­baut zu sein, so­viel Ge­tö­se als mög­lich aus der An­la­ge zu ge­win­nen. Die Häu­ser und Stra­ßen wa­ren schmut­zig und das Pflas­ter sehr schlecht. Da die ört­li­che Stein­koh­le jung ist, so gibt sie beim Ver­bren­nen vie­len und schwar­zen Rauch. Das Pro­fil der Stadt sah von fer­ne ganz un­eu­ro­pä­isch aus. Bei uns sieht man stets ei­ne Häu­ser­mas­se von an­nä­hernd glei­cher Hö­he, aus wel­cher die Spit­zen von Kirch­tür­men oder Kup­peln von Pracht­ge­bäu­den ein­zeln her­vor­ra­gen. Ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Groß­stadt sieht von fern wie ei­ne ver­fal­le­ne Mau­er oder ei­ne ka­riö­se Zahn­rei­he aus: es ste­hen ne­ben­ein­an­der oh­ne je­de Re­gel­mä­ßig­keit nied­ri­ge Häu­ser von drei oder vier Stock­wer­ken und ho­he von zwölf bis fünf­zehn, die na­tür­lich al­le stumpf en­den mit Dä­chern, die eben­so breit sind, wie die Grund­flä­chen. In Chi­ca­go trug je­des hö­he­re Haus ei­ne dop­pel­te Rauch­fah­ne: ei­ne schwar­ze von der Feue­rungs­an­la­ge und ei­ne wei­ße vom Aus­puff­dampf der Ma­schi­nen, wel­che die reich­lich vor­ge­se­he­nen und be­stän­dig be­trie­be­nen Fahr­stüh­le be­tä­tig­ten. Elek­tri­sche Zen­tra­len wa­ren da­mals noch nicht vor­han­den. Der Ge­samt­ein­druck der Stadt war sehr ab­sto­ßend.

An der Be­völ­ke­rung über­rasch­te die au­ßer­or­dent­li­che Gleich­för­mig­keit des Aus­se­hens. Je­der Mann trug den glei­chen Stroh­hut, den glei­chen Steh­kra­gen mit um­ge­leg­ten Ecken, die glei­che Hals­bin­de, die glei­chen Stie­feln. Eben­so be­stand die Klei­dung der be­rufs­tä­ti­gen Frau­en und Mäd­chen all­ge­mein aus Stroh­hut, wei­ßer Blu­se und schwar­zem Rock.

Von Chi­ca­go ge­dach­ten wir in drei­tä­gi­ger Fahrt San Fran­cis­co zu er­rei­chen. Da die lan­ge Rei­se an­stren­gend ge­nug war, hat­ten wir ein Son­der­ab­teil (sta­te room) im Schlaf­wa­gen ge­nom­men, das sich als viel be­hag­li­cher und prak­ti­scher er­wies, als der ge­wöhn­li­che Schlaf­wa­gen­platz. Die­sen hat­te ich von New York nach Buf­fa­lo er­probt und viel un­be­que­mer ge­fun­den, als die deut­schen Schlaf­wa­gen­plät­ze. Denn in Ame­ri­ka, wo der Schlaf­wa­gen er­fun­den und zu­erst ein­ge­führt war, war man noch bei der ur­sprüng­li­chen Form ge­blie­ben, wäh­rend in Eu­ro­pa, na­ment­lich in Deutsch­land und Schwe­den, die Ent­wick­lung sich hat­te be­tä­ti­gen kön­nen.

Der Weg führ­te durch end­lo­se Mais­fel­der, zwi­schen de­nen man nur we­ni­ge Häu­ser und fast kei­ne Men­schen sah, wohl aber zahl­lo­se Ge­schäfts­re­kla­men längs der Bahn­stre­cke. Ein­zel­ne Baum­grup­pen wa­ren hier und da sicht­bar, nir­gends je­doch ein Wald.

Am Abend brach ein Ge­wit­ter aus, von ei­ner Hef­tig­keit, wie ich es in Eu­ro­pa nicht er­lebt hat­te. Die Blit­ze folg­ten sich im­mer schnel­ler, so daß es zu­letzt über­haupt nicht da­zwi­schen dun­kel wur­de und der Don­ner un­un­ter­bro­chen tob­te. Da der mas­sen­haf­te Re­gen den we­nig so­lid her­ge­stell­ten Bahn­un­ter­bau ge­fähr­de­te, so wur­de sehr lang­sam ge­fah­ren.

Der nächs­te Mor­gen brach­te als Fol­ge des Ge­wit­ters ei­ne an­ge­neh­me Ab­küh­lung, die um so will­kom­me­ner war, als wir in­zwi­schen die Prä­rie er­reicht hat­ten. Es war ein schwach­wel­li­ges Land, mit kur­zem, dür­rem Ra­sen be­deckt. Über­all sah man die Häuf­chen, wel­che die Prä­rie­hun­de, ei­ne Art Ka­nin­chen, beim Bau ih­rer Woh­nun­gen er­rich­tet hat­ten. Meist saß ei­nes der Tie­re oben auf, was sehr drol­lig aus­sah.

All­mäh­lich ka­men die Ber­ge in Sicht, an­fangs hell­blau, dann von ei­nem un­ge­wohn­ten rei­nen Rot­veil, Farb­ton 10 nach mei­ner Be­zeich­nung. Das Land wur­de wel­li­ger und über den Bo­den wa­ren zahl­lo­se häu­ser­gro­ße, selt­sam ge­stal­te­te Fels­blö­cke zer­streut. In Den­ver er­wies sich, daß der Zug, der uns nach San Fran­zis­co brin­gen soll­te, längst ab­ge­fah­ren war. Wir reis­ten da­her nur ei­ne kur­ze Stre­cke wei­ter, nach Co­lo­ra­do Springs, um den ent­sp­re­chen­den Zug am nächs­ten Ta­ge zu er­war­ten, denn häu­fi­ger gin­gen die Zü­ge nicht.

Co­lo­ra­do Springs liegt be­reits ziem­lich hoch und wird als Som­mer­auf­ent­halt und Ge­ne­sungs­ort be­sucht. In der Nä­he be­fin­det sich der »Gar­ten der Göt­ter«, ei­ne be­son­ders auf­fal­len­de Grup­pe je­ner ein­zel­nen Fels­blö­cke. Die Gip­fel des Fel­sen­ge­birgs sind ziem­lich na­he. Sie bie­ten aber von dort nicht den ma­le­ri­schen An­blick, wie wir ihn et­wa von den Schwei­zer Al­pen ge­wohnt sind.

Bis San Fran­cis­co. Die Ab­fahrt von Co­lo­ra­do Springs ge­stal­te­te sich wie­der sehr ame­ri­ka­nisch, denn sie ge­schah mit ein­ein­halb Stun­den Ver­spä­tung, die in der Fol­ge auf sechs Stun­den aus­ge­dehnt wur­den, so daß wir al­le Hoff­nung auf­ge­ben muß­ten, den Schnell­zug zu er­rei­chen, für den wir fahr­plan­mä­ßig reich­li­che An­schluß­zeit hät­ten ha­ben sol­len. Das be­deu­te­te nicht nur ei­ne viel lang­sa­me­re Fahrt mit dem nächs­ten Bum­mel­zu­ge, son­dern viel mehr. Die Bahn war ein­glei­sig; hat­te ein Zug ein­mal Ver­spä­tung, so wur­de er wie ein Ex­tra­zug be­han­delt, d.h. er muß­te an den Aus­weichs­tel­len ste­hen blei­ben, um den re­gu­lä­ren Zug vor­bei­zu­las­sen. Das er­gab min­des­tens zwei Ta­ge Zeit­ver­lust. Da aber in je­nen Ta­gen ge­ra­de ein gro­ßes na­tio­na­les Fest, ei­ne Zu­sam­men­kunft al­ter Kriegs­teil­neh­mer und ih­rer An­ge­hö­ri­gen, in San Fran­cis­co ge­fei­ert wur­de, ström­te ei­ne un­ge­heu­re Men­schen­men­ge kon­zen­trisch auf un­ser Rei­se­ziel zu. Nun wa­ren die Ver­kehrs­mit­tel in Ame­ri­ka so ein­ge­stellt, daß sie für den nor­ma­len Be­darf eben nur reich­ten, und es ent­stand bei je­der stär­ke­ren Be­an­spru­chung ein gro­ßer Wirr­warr, in wel­chem von ein­ge­hal­te­nen Fahr­zei­ten über­haupt nicht mehr die Re­de war. Je­der sah zu, wie er vor­wärts kam. Die Ei­sen­bahn­ver­wal­tun­gen, die drü­ben Pri­vat­un­ter­neh­mun­gen sind, hat­ten im vor­lie­gen­den be­son­de­ren Fal­le ih­re letz­ten Wa­gen und Lo­ko­mo­ti­ven wie­der in den Dienst ge­stellt und es war kläg­lich zu se­hen und zu er­le­ben, wie die vor Al­ter asth­ma­tisch ge­wor­de­nen vor­sint­flut­li­chen Ma­schi­nen sich keu­chend be­müh­ten, die lan­gen Zü­ge in Be­we­gung zu set­zen.

An­fangs war dies noch nicht so schlimm; es wur­de aber im­mer är­ger, je mehr wir uns un­se­rem Zie­le nä­her­ten.

Bald hin­ter Co­lo­ra­do Springs gab es ei­nen be­rühm­ten Punkt, die Kö­nigs­klamm (Roy­al Gor­ge) ge­nannt. Man fährt fast ei­ne Stun­de lang durch ein en­ges Fluß­tal zwi­schen senk­rech­ten, viel­fach ge­spal­te­nen Fel­sen. An der engs­ten Stel­le ist für den Bahn­damm kein Raum und die Schie­nen la­gern auf Trä­gern, die von ei­ner ober­halb er­bau­ten Rei­he stäh­ler­ner Bo­gen her­ab­hän­gen. Es ging schon auf den Abend, als wir hin­ein­fuh­ren und bald brach wie­der ein Ge­wit­ter los, des­sen Blit­ze die wil­de Land­schaft phan­tas­tisch be­leuch­te­ten – ei­ne höchst ein­drucks­vol­le Fahrt.

Die Bahn stieg dann schnell auf die Paß­hö­he, et­wa 3000 m, des Fel­sen­ge­bir­ges, doch war die Nacht zu fins­ter, um et­was zu se­hen. We­gen der vie­len Keh­ren schwank­ten die Wa­gen sehr stark, so daß die nächt­li­che Ru­he ei­ni­ger­ma­ßen schwie­rig zu ge­win­nen war.

Am Mor­gen be­fan­den wir uns in ei­ner Hoch­ebe­ne von un­frucht­ba­rem Aus­se­hen; als Bäu­me er­schie­nen nur nied­ri­ge Wa­chol­der, die sich im­mer am Ran­de der Wüs­ten zeig­ten. Die­se ver­schwan­den bald und nun ent­wi­ckel­te sich das groß­ar­tigs­te Bild, das ich auf die­ser Rei­se ge­se­hen ha­be. Der Bo­den trug nur noch hier und da die grau­en ku­gel­för­mi­gen Bü­sche ei­nes Wüs­ten­ge­wäch­ses und rings­um türm­ten sich Ge­bir­ge von un­ge­wöhn­li­cher Grö­ße und Form auf. Es wa­ren nicht Fel­sen­gip­fel, die durch Er­he­bung ent­stan­den wa­ren, son­dern die Über­res­te ei­ner un­ge­heu­ren Fels­plat­te, die durch Glet­scher und Strö­me in man­nig­fal­tigs­ter Wei­se zer­schnit­ten war. Al­so ei­ne Bil­dung, wie sie im Elb­sand­stein­ge­bir­ge, der Säch­si­schen Schweiz vor­han­den ist, nur ins Un­ge­heu­re ver­grö­ßert und ganz oh­ne Pflan­zen­le­ben. Die selt­sams­ten Bur­gen, Mau­ern und Tür­me er­ho­ben sich an al­len Sei­ten und er­ga­ben ei­nen stets wech­seln­den Vor­der­grund.

Das Un­ge­wohn­tes­te wa­ren aber die Far­ben. Das Ge­stein hat ei­ne ziem­lich leb­haf­te gel­bro­te Far­be, et­wa drit­tes Kreß. Hier­über la­gert sich das Luft­blau, das sich in der kla­ren, ganz rauch­frei­en Hö­hen­luft in nie­ge­se­he­ner Rein­heit ent­wi­ckelt. Dies er­gibt als vor­herr­schen­de Far­be der Land­schaft im hells­ten Son­nen­schein ein leuch­ten­des Rot­veil, Farb­ton 10, das sich mit zu­neh­men­der Fer­ne bis zum rei­nen Hell­blau, Farb­ton 15, ab­stuft. Letz­te­res war die Far­be ei­nes fer­nen Ge­bir­ges, das sich links über die Hoch­ebe­ne er­hob und uns ei­nen hal­ben Tag be­glei­te­te, so weit war es ent­fernt. Die Bahn lief ein Flüß­chen ent­lang, das kla­res, see­grü­nes Was­ser führ­te, im Ge­gen­satz zu den Flüs­sen der Ebe­ne, die wir vor­her ge­se­hen hat­ten. Der Mis­sou­ri, den wir ei­ni­ge Ta­ge vor­her über­quert hat­ten, ent­hielt ein so schmut­zi­ges Was­ser, daß ich mich frag­te, wo die Fi­sche sich wa­schen kön­nen, wenn sie ein­mal ein Be­dürf­nis nach Rein­lich­keit spür­ten.

Am Nach­mit­tag wur­de die Ge­gend ebe­ner, der Wa­chol­der er­schien, zum Zei­chen, daß wie­der der Rand der Wüs­te er­reicht war. Ihm ge­sell­ten sich Kie­fern zu, die aber nicht wie un­se­re ro­te Stäm­me hat­ten, son­dern dunk­le, so daß sie der Land­schaft ein fins­te­res Aus­se­hen ga­ben.

Am Abend ge­lang­ten wir nach Utah, dem Lan­de der Mor­mo­nen. Durch aus­ge­dehn­te Was­ser­lei­tun­gen in Ge­stalt von höl­zer­nen Rin­nen, ähn­lich wie ich sie in Me­ran ge­se­hen hat­te, wa­ren sie des dür­ren Kli­mas Herr ge­wor­den. Der Er­folg war groß­ar­tig; mit­ten in der Wüs­te er­schie­nen üp­pi­ge Obst­gär­ten und Fel­der, wel­che die über­reich­li­che Son­nen­strah­lung bes­tens aus­nutz­ten. Auf­fal­lend war mir die mas­sen­haf­te An­pflan­zung der ita­lie­ni­schen Pap­pel, wel­che nicht nur die Stra­ßen säum­te, son­dern auch das Land in gro­ße qua­dra­ti­sche Fel­der teil­te. Wo­zu sie di­en­ten, ha­be ich nicht er­fah­ren.

An­fangs er­hiel­ten wir noch re­gel­mä­ßi­ge Ver­pfle­gung, denn es wur­de mor­gens ein Spei­se­wa­gen an­ge­hängt. Aber am nächs­ten Mor­gen wur­de uns mit­ge­teilt, daß es Früh­stück auf ei­ner fol­gen­den Sta­ti­on ge­ben wür­de. Hier ent­stand ein Wett­lauf nach ei­nem höl­zer­nen Schup­pen, wo man an lan­gen Ti­schen Kaf­fee, Brot usw. be­kam.

Wir ge­lang­ten nun in den gott­ver­las­sens­ten Teil Ame­ri­kas, die Al­ka­li­wüs­te, die sich als Hoch­ebe­ne zwi­schen dem Fel­sen­ge­bir­ge und der Si­er­ra Ne­va­da er­streckt. Der Na­me be­zieht sich auf den er­heb­li­chen Ge­halt an Na­tri­um­kar­bo­nat im Bo­den, das durch die Ver­wit­te­rung des Ge­steins ent­stan­den ist und nicht wie an­ders­wo durch den Re­gen aus­ge­wa­schen wird. Ich spür­te dies bald sehr an dem un­aus­steh­lich bei­ßen­den Staub, der durch al­le Rit­zen und Fu­gen in den Wa­gen drang und die Schleim­häu­te hef­tig reiz­te. Das Land sieht weiß­lich grau aus und zeigt zahl­lo­se fla­che Hü­gel von Dü­nen­ge­stalt. Tie­re sieht man gar nicht, der Pflan­zen­wuchs be­schränkt sich auf ver­ein­zel­te Klum­pen ei­nes nied­ri­gen gin­s­ter­ar­ti­gen Ge­wäch­ses, das kaum ei­ne Spur Grün auf­weist. Nur längs der Ei­sen­bahn sind An­sied­lun­gen mög­lich.

Am nächs­ten Mor­gen hat­ten wir das Früh­stück in ei­ner sol­chen, die meist von Chi­ne­sen be­wohnt schien. Es soll­te um 9 Uhr sein, wir ka­men aber erst um 101/2 Uhr an. Ein Wett­lauf brach­te uns in ei­ne Scheu­ne; die Ti­sche be­stan­den aus Kis­ten, über wel­che ro­he Bret­ter ge­legt wa­ren. Zwei­fel­haf­ter Schin­ken und un­zwei­fel­haf­tes Kuh­fleisch von höchst wi­der­stands­fä­hi­ger Be­schaf­fen­heit er­war­te­te uns auf Tel­lern, die hier ih­re letz­ten Ta­ge zu­brach­ten. Ei­ni­ge we­nig rein­li­che Wei­ber gin­gen mit gro­ßen Wasch­krü­gen her­um und teil­ten Zi­cho­ri­en­brü­he aus. But­ter und Brot, bei­de ziem­lich alt, stan­den auf dem Tisch. Je­der aß, was er er­lan­gen oder sich aus der an­gren­zen­den Kü­che ho­len moch­te. Dr. Young sorg­te müt­ter­lich für mich, so daß ich mei­ne Nah­rungs­mit­tel mit mei­nem Nach­bar tei­len konn­te; er war ein zit­te­ri­ger Greis, der wie ein er­folg­lo­ser Gold­grä­ber aus­sah und das Es­sen mit den Fin­gern in den Mund be­för­der­te.

Sehr be­mer­kens­wert war, daß al­le die­se Din­ge von den Be­tei­lig­ten mit Hu­mor und oh­ne je­den Zank er­le­digt wur­den. Ich ha­be auch bei vie­len an­de­ren Ge­le­gen­hei­ten be­ob­ach­ten kön­nen, daß die durch­schnitt­li­chen Ame­ri­ka­ner bei al­ler Un­be­küm­mert­heit ih­res Ver­hal­tens ein­an­der be­reit­wil­lig gel­ten las­sen und sich au­gen­blick­lich den vor­han­de­nen Ver­hält­nis­sen so an­pas­sen, daß je­der den ihm zu­kom­men­den An­teil leid­lich er­hält. Wie schon er­wähnt, sind Über­fül­lun­gen der Ver­kehrs­mit­tel all­täg­li­che Er­schei­nun­gen; sel­ten ha­be ich, we­der da­mals noch bei mei­nen spä­te­ren Be­su­chen des Lan­des Schimp­fen und Strei­ten da­bei ent­ste­hen ge­se­hen. Ich muß­te mir be­schämt sa­gen, daß in die­ser Be­zie­hung die Ame­ri­ka­ner uns Deut­schen kul­tu­rell über­le­gen sind. Es mag hier­bei noch ein Rest aus den Zei­ten der ers­ten An­sied­lun­gen nach­wir­ken, wo je­der auf das Wohl­wol­len sei­ner we­ni­gen und fer­nen Nach­barn bei den häu­fi­gen Schwie­rig­kei­ten und Ge­fah­ren an­ge­wie­sen war. In Übung wird die­se in gu­tem Sin­ne de­mo­kra­ti­sche Ein­stel­lung wohl auch da­durch er­hal­ten, daß der Ame­ri­ka­ner viel häu­fi­ger in die La­ge kommt, sich mit vie­len An­de­ren sol­chen Son­der­zu­stän­den an­zu­pas­sen. Je­den­falls kann ich nur wün­schen, daß un­ter den vie­len Din­gen, die bei uns jetzt den Ame­ri­ka­nern ab­ge­se­hen und nach­ge­ahmt wer­den, sich auch die­ses be­fin­den möch­te.

Noch är­ger ging es beim »Din­ner« her. Der Zug, der in­zwi­schen sehr lang ge­wor­den war, hielt zu die­sem Zweck an ei­nem grü­nen Fleck mit dem an­hei­meln­den Na­men Hum­boldt, be­ste­hend aus ei­ni­gen Hüt­ten, wo die An­sied­lung durch Er­boh­rung ei­nes Brun­nens für die Be­wäs­se­rung der Gär­ten mög­lich ge­wor­den war. Wir hat­ten den gan­zen Tag nichts zu es­sen be­kom­men und un­ser Ne­ger war schon ganz grün ge­wor­den, als wir ihm mit ei­ni­gem Ge­bäck, das Young vor­sich­ti­ger­wei­se in Co­lo­ra­do Springs be­sorgt hat­te, wie­der auf die Bei­ne hal­fen. Ich fand in mei­ner Rei­se­ta­sche noch et­was Scho­ko­la­de aus der Hei­mat vor, die in­zwi­schen in der Hit­ze ge­schmol­zen war. Da­mit hat­ten wir uns ei­ni­ger­ma­ßen ge­fris­tet; vie­le Mit­rei­sen­de wa­ren aber oh­ne Mund­vor­rat ge­we­sen. So fan­den wir die Eß­scheu­ne mit ei­ner zahl­rei­chen und ziem­lich auf­ge­reg­ten Men­schen­men­ge ge­füllt, die sich hung­rig um die Ti­sche dräng­te, im­mer aber noch un­ter Be­ob­ach­tung ei­ner ge­wis­sen Hal­tung; auch dies­mal ent­stand kein lau­ter Streit. Nur die Ne­ger hat­ten al­le Selbst­be­herr­schung ver­lo­ren und saus­ten joh­lend und heu­lend durch den Raum. Mit Hil­fe ei­nes Ex­tra­dol­lars er­lang­te Young für je­den von uns ei­ne ei­ser­ne Pfan­ne, die eben vom Grob­schmied ge­kom­men schien, mit ei­ner Ap­fel­pas­te­te dar­in, da­zu Kaf­fee, der schlecht und Milch, die gut war.

Ziem­lich stumpf­sin­nig von all die­sen un­er­war­te­ten Er­leb­nis­sen war ich am Abend ein­ge­sch­la­fen und be­müh­te mich am Mor­gen, den Schlum­mer tun­lichst zu ver­län­gern. Doch stand ich im­mer­hin noch ziem­lich früh auf. Ein Blick nach drau­ßen ließ mich glück­lich auf­at­men. Wir hat­ten wäh­rend der Nacht die Si­er­ra über­quert und be­fan­den uns be­reits in Ka­li­for­ni­en. Die Ge­gend war sehr hübsch: an­mu­tig ber­gig, reich­lich mit Bäu­men und Bü­schen von leb­haf­tes­tem Grün be­stan­den. Die Far­be wur­de durch den Kon­trast mit der Bo­den­far­be stark ge­ho­ben, denn die­se war leb­haft rot, fast oh­ne Ra­sen.

Statt um 6 Uhr mor­gens, wie uns mit­ge­teilt war, kä­men wir um 12 Uhr mit­tags in San Fran­cis­ko an.Mit ei­nem Früh­stück hat­te sich der Zug nicht auf­ge­hal­ten und wir such­ten die letz­ten Res­te un­se­rer Nah­rungs­mit­tel zu­sam­men. In San Fran­cis­ko emp­fing Pro­fes­sor Lo­eb mich per­sön­lich auf dem Bahn­hof und brach­te mich nach Ber­ke­ley in sein Haus, nach­dem ich mich von Dr. Young mit herz­li­chem Dank für sei­ne werk­tä­ti­ge Hil­fe auf die­ser aben­teu­er­li­chen Fahrt ver­ab­schie­det hat­te. Denn die­ser setz­te die Rei­se nach Pa­lo Al­to fort, wo er an der Uni­ver­si­tät Pro­fes­sor war.

Der Gast­freund. Jac­ques Lo­eb er­wies sich als ein ma­ge­rer Mann un­ter Mit­tel­grö­ße, mit dich­tem schwar­zem Haar, bläu­li­chem Schein um Kinn und Ba­cken, dunk­len Au­gen und ei­nem gleich­sam spit­zen Ge­sicht: spit­ze Na­se, spit­zes Schnurr­bärt­chen, spit­zes Kinn. Sein We­sen war leb­haft, et­was ner­vös. Die Be­wun­de­rung, die er für mich äu­ßer­te, er­schien mir bei al­ler of­fen­kun­di­gen Auf­rich­tig­keit ein we­nig pa­tho­lo­gisch. Sie war wohl we­sent­lich be­dingt durch sein sehr star­kes Ge­fühl für öf­fent­li­che wis­sen­schaft­li­che An­er­ken­nung. Die­se war ihm für sei­ne her­vor­ra­gen­de Erst­lings­ar­beit (II, 321) nicht in dem Ma­ße zu­teil ge­wor­den, wie er es er­war­tet und ver­dient hat­te, wäh­rend er bei mir ei­nen schnel­len Auf­stieg ge­wahr­te, den er mir per­sön­lich zu­gu­te schrieb, oh­ne die Rei­he von güns­ti­gen Zu­fäl­len in Rech­nung zu set­zen, die mei­ne Lauf­bahn er­leich­tert hat­ten.

In­zwi­schen hat­ten sei­ne Ent­de­ckun­gen über die che­mi­sche Be­fruch­tung von See­ige­lei­ern, d.h. der Nach­weis, daß ein rein che­mi­scher An­stoß ge­nü­gen kann, um die Ent­wick­lung des ru­hen­den Eis aus­zu­lö­sen, sei­nen Na­men in Ame­ri­ka sehr po­pu­lär ge­macht. Nach der Wei­se der dor­ti­gen Ta­ges­schrei­ber wa­ren die Tat­sa­chen, die schon an sich merk­wür­dig ge­nug wa­ren, für das gro­ße Pu­bli­kum phan­tas­tisch ver­zerrt wor­den, so daß er zu je­ner Zeit täg­lich ei­ne gro­ße Post mit den ab­sur­des­ten An­fra­gen und An­lie­gen er­hielt: vor­herr­schend Bit­ten kin­der­lo­ser Vä­ter oder Müt­ter, ih­nen auf Grund sei­ner Ent­de­ckun­gen zur er­sehn­ten Nach­kom­men­schaft zu ver­hel­fen. Auch dies ver­stimm­te ihn, wie er denn über­haupt ei­ne be­son­de­re Nei­gung zeig­te, sich un­glück­lich zu füh­len. Daß er mich ganz ge­gen­tei­lig or­ga­ni­siert fand, wird wohl sei­ne Freu­de an un­se­rem Nä­her­tre­ten er­heb­lich ge­stei­gert ha­ben.

Mit sel­ten so stark ge­fühl­tem Be­ha­gen be­zog ich das küh­le, luf­ti­ge Zim­mer mit an­lie­gen­dem Bad, in dem er mich be­her­berg­te und ent­le­dig­te mich der Über­zü­ge, wel­che die lan­ge und hei­ße Rei­se auf mir zu­rück­ge­las­sen hat­te. Dann wur­de ich mit der Fa­mi­lie be­kannt ge­macht. Frau Pro­fes­sor Lo­eb war ei­ne hoch­ge­wach­se­ne, kräf­ti­ge Ge­stalt von hei­ter-ru­hi­gem Ge­ha­ben, al­so dem Tem­pe­ra­ment nach das Ge­gen­teil von ih­rem Man­ne, was für die­sen zwei­fel­los ein gro­ßer Se­gen war. Zwei halb­er­wach­se­ne mun­te­re Jun­gen und ein ein­jäh­ri­ges Töch­ter­chen er­gänz­ten den Kreis, der sich um den Tisch sam­mel­te.

Die Spei­sen wur­den von ei­nem selt­sa­men We­sen auf­ge­tra­gen, von dem ich nicht zu sa­gen ver­moch­te, wel­chem Ge­schlecht es an­ge­hör­te. Auf mei­ne Fra­ge wur­de mir der Be­scheid, daß es der Haus­chi­ne­se sei, der die Kü­che und Haus­ar­beit be­sorg­te. Frau Lo­eb er­klär­te, daß sie mit ihm sehr zu­frie­den sei. Er ma­che al­les or­dent­lich und zu­ver­läs­sig, nur auf sei­ne ei­ge­ne Wei­se, in die er sich nicht her­ein­re­den ließ. Er be­sorg­te aus der Haus­halt­kas­se, die er ver­wal­te­te, al­le klei­nen Ein­käu­fe für die Kü­che usw. und rech­ne­te täg­lich mit der Haus­frau ab. Sie war der Mei­nung, daß er viel­leicht ein we­nig zu sei­nen Guns­ten rech­ne­te, doch sei dies ein sehr mä­ßi­ger Pro­zent­satz, der durch die zä­he Ver­tre­tung der In­ter­es­sen des Hau­ses ge­gen­über den Händ­lern reich­lich ein­ge­bracht wür­de. In sei­nen wei­ßen Klei­dern, die Ho­sen wa­ren so breit, daß sie wie ein Wei­ber­rock aus­sa­hen, mit dem um den Kopf ge­schlun­ge­nen Zopf und dem völ­lig bart­lo­sen al­ten Ge­sicht sah er tat­säch­lich wie ein Neu­trum aus. Frau Lo­eb dach­te mit gro­ßem Be­dau­ern dar­an, daß sie ihn nicht lan­ge wür­den be­hal­ten kön­nen. Denn er hat­te sich wie die meis­ten sei­ner Lands­leu­te vor­ge­setzt, ein be­stimm­tes, nicht sehr gro­ßes Ka­pi­tal zu er­wer­ben, um dann in sei­ne Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren. Denn in va­ter­län­di­scher Er­de be­gra­ben zu wer­den, war ihm nicht nur ein Wunsch, son­dern ei­ne ganz un­be­ding­te Not­wen­dig­keit.

Be­grü­ßun­gen. Be­reits der Abend des­sel­ben Ta­ges brach­te den Be­ginn der zahl­lo­sen Fest­lich­kei­ten, zu de­ren Ge­gen­stand ich ge­macht wur­de. Denn die ka­li­for­ni­sche Staats­uni­ver­si­tät Ber­ke­ley fühl­te sich noch et­was jung und ihr Be­such durch ei­nen Pro­fes­sor der alt­be­rühmteh Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät wur­de als ei­ne Art Aus­zeich­nung emp­fun­den. Daß sie durch Lo­eb be­wirkt und ihm zu ver­dan­ken war, trug man­ches zur Ver­bes­se­rung sei­ner Stel­lung bei, wie er mir wie­der­holt un­ter Dan­kes­äu­ße­run­gen aus­sprach. Ähn­li­che Ge­füh­le be­stan­den bei den nicht zahl­rei­chen An­ge­hö­ri­gen der Wis­sen­schaft in San Fran­cis­co, die na­tür­lich mit der Uni­ver­si­tät in en­ger Füh­lung stan­den.

Es war die­ser wei­te­re Kreis, in dem ich den ers­ten Abend ver­brach­te. Ein er­folg­rei­cher und sehr wohl­ha­ben­der prak­ti­scher Arzt in San Fran­cis­co, Dr. Herz­feld, hat­te sich von Lo­eb als be­son­de­re Gunst aus­ge­be­ten, mich be­wir­ten zu dür­fen. Nach­dem ich noch ei­nen Tag frü­her tat­säch­lich Hun­ger ge­lit­ten, wenn auch nicht eben sehr, hat­te ich nun ein Fest­es­sen von grö­ße­rem Lu­xus zu ver­zeh­ren, als ich je ei­nes mit­ge­macht hat­te. Der Tisch war un­ter Be­zug­nah­me auf Lo­ebs Ar­bei­ten mit Mu­scheln, Ko­ral­len Krab­ben- und See­igel­ge­häu­sen usw. ge­schmückt, da­zwi­schen herr­li­che, zum Teil ganz fremd­ar­ti­ge Blu­men und klei­ne elek­tri­sche Lämp­chen, das Gan­ze un­ge­wöhn­lich, aber ge­schmack­voll. Im Ne­ben­zim­mer spiel­te ei­ne klei­ne Mu­sik und von Zeit zu Zelt trat ein wohl­ge­nähr­ter Herr im Frack auf, der ei­ni­ges vor­trug. Wie man mir sag­te, war es ein dort be­rühm­ter Spaß­ma­cher oder Vor­trags­künst­ler. Mein Eng­lisch reich­te nicht aus, um ihn zu ge­nie­ßen, denn es ist viel leich­ter, die­se Spra­che zu sp­re­chen, als sie zu ver­ste­hen, wenn sie von an­de­ren ge­spro­chen wird. Der be­son­de­ren Le­cker­bis­sen er­in­ne­re ich mich nicht mehr, bis auf ei­nen Fisch, der flach wie ein Flun­der war, nur viel klei­ner, sil­bern glänz­te und als ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Kost­bar­keit aus den ja­pa­ni­schen Ge­wäs­sern her­ge­bracht war. Das Be­son­de­re war, daß je­des ein­zel­ne Ex­em­plar in ei­nen Um­schlag von Pa­pier ge­steckt und so in hei­ßer But­ter gar ge­macht wur­de. Er schmeck­te nicht viel an­ders, als ein hei­mat­li­cher Ström­ling (ei­ne Art Sprot­ten) und um mei­net­wil­len hät­te er die Rei­se über den Stil­len Oze­an nicht zu ma­chen ge­braucht.

Das Ge­spräch ging hei­ter und leb­haft in deut­scher und eng­li­scher Spra­che vor sich. Man mach­te mich von vorn­her­ein auf­merk­sam, daß die Ka­li­for­ni­er ei­ne ganz an­de­re Na­ti­on sei­en, als die Ost­ame­ri­ka­ner Neu­eng­lands, viel mehr auf Kunst, Wis­sen­schaft und Le­bens­freu­de ein­ge­stellt, als je­ne. Man setz­te mit Recht vor­aus, daß mir ei­ne sol­che Ein­s­tel­lung bei wei­tem die will­kom­me­ne­re sein wür­de.

Tat­säch­lich ha­be ich dies bei den vie­ler­lei Be­rüh­run­gen mit den Be­woh­nern je­nes schö­nen Lan­des reich­lich be­stä­tigt ge­fun­den. Der dor­ti­ge Men­schen­schlag ge­hört zu dem schöns­ten, den ich ken­nen ge­lernt ha­be. Dies gilt eben­so für die Män­ner, wie die Frau­en. Bei­de sind hoch­ge­wach­sen, mit gut aus­ge­bil­de­ten Glie­dern, ent­sp­re­chend dem reich­li­chen Auf­ent­halt in frei­er Luft und der eif­ri­gen Pfle­ge sport­li­cher Kör­per­übun­gen. Das häu­fi­ge Vor­kom­men dunk­len Haars mag den Res­ten spa­ni­schen Blu­tes zu­ge­schrie­ben wer­den, das von den frü­he­ren Be­sied­lern je­ner Ge­gen­den her­stammt; der Wuchs und die all­ge­mei­ne Kör­per­be­schaf­fen­heit rührt aber zwei­fel­los da­her, daß der Haupt­teil der jet­zi­gen Be­völ­ke­rung die Ein­wan­de­rer zu Vor­el­tern hat, die aus dem Os­ten un­ter Über­win­dung un­be­schreib­li­cher Schwie­rig­kei­ten ins Land ge­zo­gen wa­ren. Es war schon ei­ne Aus­le­se der Kühns­ten und Un­ter­neh­mungs­lus­tigs­ten, die sich sei­ner­zeit da­zu ent­schlos­sen hat­ten, und von die­sen wa­ren nur die Kräf­tigs­ten und Mu­tigs­ten ans Ziel ge­langt und hat­ten ih­rer Nach­kom­men­schaft ein ent­sp­re­chen­des Erb­gut über­macht.

Ob­jek­tiv be­stä­ti­gen sich die­se per­sön­li­chen Ein­drü­cke da­durch, daß der grö­ße­re Teil der ame­ri­ka­ni­schen Künst­ler, Schrift­stel­ler und Phi­lo­so­phen aus Ka­li­for­ni­en stammt.

Die Fei­er. Am nächs­ten Mor­gen setz­te man mich in ei­nen Wa­gen, da­mit ich wo­hin ich woll­te fah­ren könn­te. Doch war das von ge­rin­gem Er­trag, da ich die Stadt und Um­ge­bung noch nicht kann­te und da­her kei­ne Zie­le an­zu­ge­ben wuß­te. Dann gab es Lunch bei dem Prä­si­den­ten der Uni­ver­si­tät Whee­ler. Die­ser er­wies sich als ein wohl aus­se­hen­der Mann mitt­le­rer Grö­ße von an­ge­neh­men Um­gangs­for­men, der mit sicht­li­cher Ge­nug­tu­ung den fein­ge­bil­de­ten Welt­mann zur Gel­tung brach­te. Er war ver­glei­chen­der Sprach­for­scher und dem­ge­mäß nicht frei von den Be­schrän­kun­gen, die so sel­ten von den Ver­tre­tern der »Geis­tes­wis­sen­schaf­ten« über­wun­den wer­den. Der Ver­kehrs­ton war auch hier hei­ter und frei von zweck­lo­sem For­ma­lis­mus.

Von dort gin­gen wir ge­mein­sam nach dem »Cam­pus«, dem aus­ge­dehn­ten Ge­län­de der Uni­ver­si­tät, auf wel­chem die ver­schie­de­nen Ge­bäu­de so­wohl für den Un­ter­richt wie für die Be­her­ber­gung der Mehr­zahl der Stu­den­ten in zer­streu­ter Bau­art zwi­schen Bäu­men und Wie­sen­flä­chen sich be­fin­den. Ich wur­de in den schwar­zen Ta­lar ge­steckt, der für of­fi­ziel­le Ge­le­gen­hei­ten un­um­gäng­lich ist und nach der gro­ßen Hal­le ge­lei­tet, wo die Er­öff­nungs­fei­er­lich­keit vor sich ge­hen soll­te. Ich nahm auf ei­ner Es­tra­de zwi­schen den Pro­fes­so­ren Platz und wir be­ob­ach­te­ten den Ein­zug der Stu­den­ten­schaft.

Die­se ist in Kor­po­ra­tio­nen or­ga­ni­siert, de­ren Na­men meist aus zwei oder drei grie­chi­schen Buch­sta­ben ge­bil­det wer­den und die in ih­rer Ver­fas­sung den deut­schen Corps ähn­lich sind, was den en­gen Zu­sam­men­halt der Mit­glie­der an­langt, der weit über die Uni­ver­si­täts­jah­re hin­aus­reicht. Von die­sen un­ter­schei­den sie sich vor­teil­haft durch die Ab­leh­nung des Trin­kens und der Men­su­ren, an de­ren Stel­le an­de­re Ge­bräu­che tre­ten, die teil­wei­se von den Ur­ein­woh­nern des Lan­des, den In­dia­nern über­nom­men schei­nen, so grau­sam sind sie. In sol­chem Sin­ne hat je­de Kor­po­ra­ti­on ih­ren Kriegs­ruf. Ich be­kam die gan­ze Samm­lung zu hö­ren, denn je­de Grup­pe mar­schier­te ge­schlos­sen in den Saal, stell­te sich an ih­rem Plat­ze auf und ließ dann den Kriegs­ruf in scharf rhyth­mi­schem Chor er­schal­len, be­vor sie sich setz­te.

Die Fei­er­lich­keit wur­de mit ei­nem Ge­bet er­öff­net, das von kon­fes­sio­nel­len Fär­bun­gen sorg­fäl­tig frei ge­hal­ten war. Es kam dann ei­ne Re­de des Prä­si­den­ten, mein Vor­trag und schließ­lich ei­ner von Lo­eb. Ich hat­te von vorn­her­ein die Be­din­gung ge­stellt, daß ich Deutsch sp­re­chen wür­de, wie es denn auch ge­schah. Doch hör­te ich spä­ter oft das Be­dau­ern aus­drü­cken, daß ich nicht Eng­lisch ge­spro­chen hat­te. Denn wenn auch fast al­le Kol­le­gen ge­läu­fig Deutsch le­sen konn­ten, so emp­fan­den sie doch Schwie­rig­kei­ten, ei­nem ge­spro­che­nen Vor­trag zu fol­gen. Bei den Stu­den­ten war dies na­tür­lich noch viel mehr der Fall. Doch un­ter­lie­ßen sie nicht, mei­nen Vor­trag kräf­tig zu be­klat­schen, was ich als all­ge­mei­nen Dank für mein per­sön­li­ches Er­schei­nen auf­fas­sen durf­te.

Der Tag schloß mit ei­nem fest­li­chen Din­ner bei Lo­eb, wo ich ei­ne An­zahl Re­den auf und über mich an­hö­ren muß­te. Mit der ame­ri­ka­ni­schen Freu­de an Su­per­la­ti­ven hat­te man mich zum »größ­ten le­ben­den Che­mi­ker« er­nannt und die Re­den wa­ren auf die­sen Ton ge­stimmt. In mei­nen Ant­wor­ten be­müh­te ich mich, vom Per­sön­li­chen auf das Sach­li­che über­zu­ge­hen und stell­te mir die Auf­ga­be, je­des­mal, wo ich zum Sp­re­chen ge­nö­tigt war, et­was Ei­ge­nes zu sa­gen. Dies wur­de so freund­lich, ja be­geis­tert auf­ge­nom­men, daß die, wel­che mein Deutsch nicht ver­stan­den, ganz ge­kränkt gel­tend mach­ten, sie möch­ten auch et­was da­von ha­ben. So ver­such­te ich zu­letzt auch mich Eng­lisch aus­zu­drü­cken, was mit lär­men­dem Dank ver­gol­ten wur­de.

San Fran­cis­co. Die ge­schil­der­ten Vor­gän­ge hat­ten sich in der klei­nen Uni­ver­si­täts­stadt Ber­ke­ley zu­ge­tra­gen, wel­che ei­ne hal­be Stun­de von San Fran­cis­co ent­fernt liegt. Der fol­gen­de Tag galt der Haupt­stadt und den Ver­tre­tern ih­res geis­ti­gen Le­bens. Nach ei­nem Lunch im Uni­ver­si­täts-Club führ­te man mich zu ei­nem Kol­le­gen von der an­de­ren Sei­te, näm­lich dem Land­schafts­ma­ler Keith, der als der bes­te dor­ti­ge Künst­ler auf die­sem Ge­bie­te galt. Ich wur­de sehr freund­lich emp­fan­gen, was wie man mir sag­te bei Keith nicht die Re­gel war und wir hat­ten ei­ne hei­te­re Aus­spra­che über Kunst­fra­gen. Er be­klag­te sich, daß er um Geld zu ver­die­nen sei­nen Auf­trag­ge­bern ganz be­stimm­te Ge­gen­den ma­len muß­te, an de­nen sie ein In­ter­es­se nah­men, al­so gleich­sam land­schaft­li­che Por­träts. Für die Wer­ke, die er nach sei­nem Her­zen ma­le, fän­de er kei­ne Käu­fer. Es wa­ren dies phan­tas­ti­sche Na­tur­ein­drü­cke, die mit flüch­ti­ger Hand aus­drucks­voll ge­nug hin­ge­wor­fen wa­ren. Ich ver­miß­te das spe­zi­fisch Ame­ri­ka­ni­sche der Land­schaft da­bei, das sich mir schon deut­lichst ein­ge­prägt hat­te, so kurz mein Auf­ent­halt in dem Lan­de ge­we­sen war. Ins­be­son­de­re Ka­li­for­ni­en schien mir ei­ne Fül­le schöns­ter Land­schaf­ten zu bie­ten. Ihm aber wa­ren das ge­wohn­te Din­ge, die ihn nicht fes­sel­ten. Sein Ide­al war, wie er mir er­öff­ne­te, so zu ma­len, wie Hob­be­ma sei­ner­zeit ge­malt hat­te, was ich nicht oh­ne Wi­der­spruch gel­ten las­sen woll­te. Zum Ab­schied schenk­te er mir ei­ne Skiz­ze von sei­ner Hand, in sei­nem per­sön­li­chen Stil, da­mit ich her­nach ge­le­gent­lich an ihn den­ken soll­te. Ich be­wah­re sie noch auf.

Von Keith ging es in den Zi­geu­ner­klub (Bo­he­mi­an Club), die Künst­ler­ge­sell­schaft San Fran­cis­cos. Die Räu­me wa­ren mit zahl­rei­chen Wer­ken äl­te­rer und jün­ge­rer Mit­glie­der ge­schmückt, und ich muß­te fest­stel­len, daß die Kunst der ame­ri­ka­ni­schen Ma­ler noch ganz und gar von Eu­ro­pa, haupt­säch­lich Pa­ris ab­hän­gig war. Ir­gend­ei­ne bo­den­stän­di­ge ame­ri­ka­ni­sche Schu­le war nicht er­kenn­bar. Da­mit stand im Zu­sam­men­han­ge, daß die Leis­tun­gen durch­weg mitt­le­res Maß nicht über­stie­gen. Man konn­te nicht recht er­ken­nen, wo­zu die vie­len Bil­der über­haupt ge­malt wa­ren.

Der Reiz, wel­cher den Wer­ken man­gel­te, war aber an den Per­sön­lich­kei­ten vor­han­den, wie sich schon bei dem kur­zen Bei­sam­men­sein gel­tend mach­te, mit dem ich mich be­gnü­gen muß­te. Man schil­der­te mir in leb­haf­ten Far­ben das all­jähr­li­che gro­ße Künst­ler­fest, das in Ge­stalt ei­nes fan­tas­ti­schen Zi­geu­ner­la­gers wäh­rend meh­re­rer Ta­ge im Wal­de ge­fei­ert wur­de und leg­te mir na­he, mei­nen nächs­ten Be­such so ein­zu­rich­ten, daß ich es mit­ma­chen konn­te. Lei­der ist es da­zu nicht ge­kom­men, denn der da­ma­li­ge Be­such in dem schö­nen Lan­de, ei­nem der schöns­ten, das ich ken­nen ge­lernt ha­be und je­den­falls un­ver­hält­nis­mä­ßig viel schö­ner, als Ita­li­en, ist der ein­zi­ge ge­blie­ben, den mir das Schick­sal ge­gönnt hat. Um so mehr fiel es mir auf, daß sich noch kein ein­hei­mi­scher Land­schafts­ma­ler ge­fun­den hat­te, der die­se Schön­hei­ten in dau­ern­den Wer­ken aus­zu­wer­ten ver­mocht oder auch nur an­ge­strebt hat­te. Auch spä­ter beim Be­such an­de­rer Tei­le Ame­ri­kas ha­be ich flei­ßig Aus­schau nach dem Ent­de­cker der ame­ri­ka­ni­schen Land­schaft ge­hal­ten, oh­ne ihn zu fin­den.

Am Abend die­ses Ta­ges war ein gro­ßes Fest­es­sen der dor­ti­gen che­mi­schen Ge­sell­schaft, an der die nä­he­ren Fach­ge­nos­sen der nä­he­ren und fer­ne­ren Um­ge­bung teil­nah­men, et­wa 60 Per­so­nen. Ei­ne sol­che Sum­me von Lob und Preis hat­te sich noch nie über mein Haupt er­gos­sen, wie bei die­sem An­laß. Den Ton ga­ben ei­ni­ge mei­ner frü­he­ren Schü­ler an, die in­zwi­schen Pro­fes­su­ren an ver­schie­de­nen An­stal­ten er­hal­ten hat­ten und in de­nen ne­ben der Er­in­ne­rung an die glück­li­chen Jah­re ei­ner rei­nen und hei­te­ren Ar­beits­ge­mein­schaft mit gleich­stre­ben­den, oft hoch be­gab­ten Ge­nos­sen noch der Dank für die in mei­nem Hau­se er­fah­re­ne Gast­freund­schaft mit­wirk­te. So wur­de auch mei­ner Frau wie­der­holt wärms­tens ge­dacht und de­nen, die nicht den Vor­zug ge­habt hat­ten, im Leip­zi­ger In­sti­tut zu stu­die­ren, wur­de der Mund nach je­nem Pa­ra­die­se wäss­rig ge­macht.

Da kei­ner der Red­ner von mir her­nach ir­gend­ei­nen Vor­teil zu er­war­ten hat­te, durf­te ich die­se Äu­ßer­run­gen ab­züg­lich der ame­ri­ka­ni­schen Su­per­la­ti­ve als Aus­druck ei­ner tat­säch­lich vor­han­de­nen freund­li­chen Ge­sin­nung ent­ge­gen­neh­men und mich den ent­sp­re­chen­den glück­li­chen Emp­fin­dun­gen hin­ge­ben. Die­se stei­ger­ten na­tür­lich er­heb­lich den Schwung der mehr­fa­chen Ant­wor­ten, zu de­nen ich mich in mei­nem Na­men und dem mei­ner Frau ver­pflich­tet sah, und die ich in Rück­sicht auf die Lan­des­spra­che teils Deutsch, teils Eng­lisch, wohl auch bei­des durch­ein­an­der sprach, so daß schließ­lich ei­ne freund­schaft­lich-be­geis­ter­te Hoch­stim­mung ent­stand, die mir und viel­leicht auch man­chem an­de­ren Teil­neh­mer un­ver­geß­lich ge­blie­ben ist.

Um­ge­bung. Der fol­gen­de Tag war der Er­ho­lung ge­wid­met. Er be­gann mit ei­ner Fahrt in den pracht­vol­len Stadt­park nach dem Klip­pen­haus am Meer mit den be­rühm­ten See­lö­wen. Die Aus­sicht war lei­der durch Ne­bel be­engt. Her­nach fuh­ren wir mit ei­ner klei­nen Zahn­rad­bahn auf den Tamel­pais, ei­nem Aus­sichts­berg, der ei­nen wei­ten und schö­nen Blick, na­ment­lich über die Bai von San Fran­cis­co mit ih­rer Öff­nung nach Wes­ten dem »Gol­de­nen Tor« ge­währt. Die Auf­fahrt ist land­schaft­lich sehr schön; ins­be­son­de­re sieht man zahl­rei­che Grup­pen der Ka­li­for­ni­schen Rie­sen­fich­te, ei­nes nicht nur ge­wal­tig gro­ßen son­dern auch schön­ge­bau­ten Bau­mes. Der Bahn­bau selbst weist nichts be­son­ders Her­vor­ra­gen­des auf, so daß die Un­ter­neh­mer zu­nächst Schwie­rig­kei­ten ge­habt zu ha­ben schei­nen, wo und wie sie den un­um­gäng­li­chen Ame­ri­ka­ni­schen Su­per­la­tiv an­brin­gen konn­ten. Schließ­lich fan­den sie das Ge­such­te: sie er­klär­ten ih­re Bahn we­gen der vie­len Keh­ren für die krumms­te in der gan­zen Welt und ver­wen­de­ten die­ses Kenn­zei­chen aus­gie­bigst in ih­ren Pla­ka­ten und sons­ti­gen Re­kla­men.

Zu die­ser Aus­fahrt hat­te sich uns ein jun­ges Ehe­paar an­ge­schlos­sen, mit dem ich be­kannt ge­macht wur­de; der Mann war Kauf­mann und beim Ge­spräch er­wies sich, daß er kei­ner­lei be­son­de­res In­ter­es­se für mei­ne wis­sen­schaft­li­chen oder sons­ti­gen Be­schäf­ti­gun­gen hat­te. Die Frau war ei­ne ty­pi­sche Ka­li­for­nie­rin: hoch und schön ge­wach­sen, ein wun­der­schö­nes Ge­sicht, leich­te, elas­ti­sche Be­we­gun­gen. Sie zeig­te ei­ne ge­wis­se Ver­le­gen­heit und da bei­de nur Eng­lisch spra­chen, gab es nur ei­ne dürf­ti­ge Un­ter­hal­tung. Ich frag­te her­nach Lo­eb, wie wir zu der Ge­sell­schaft ge­kom­men wä­ren. Er ant­wor­te­te, daß ich mei­ne An­er­ken­nung der Schön­heit der Ka­li­for­nie­rin­nen so deut­lich aus­ge­spro­chen hät­te, daß Dr. Herz­feld aus dem gro­ßen Kreis sei­ner Be­kann­ten und Pa­ti­en­ten die schöns­te Frau aus­ge­wählt und sie be­wo­gen hat­te, mit ih­rem Mann uns zu be­glei­ten, da­mit ich mich ih­res An­blicks län­ger und man­nig­fal­ti­ger er­freu­en kön­ne, als bei kur­zer ge­sell­schaft­li­cher Be­geg­nung mög­lich ge­we­sen wä­re.

Bei der Rück­fahrt lern­te ich zum ers­ten, aber nicht zum letz­ten Ma­le die Ka­li­for­ni­sche Freu­de an hals­bre­chen­den Fahr­ten ken­nen. Wir wur­den in ei­nem klei­nen Wag­gon oh­ne Zahn­rad und Lo­ko­mo­ti­ve un­ter­ge­bracht; vorn saß ein Füh­rer an der Brem­se. Ein Stoß brach­te den Wa­gen auf der ab­schüs­si­gen Bahn ins Rol­len, das bald sehr ge­schwind wur­de. Die Kunst des Fah­rers be­stand dar­in, an den zahl­lo­sen Keh­ren die Ge­schwin­dig­keit nur so weit zu mä­ßi­gen, daß der Wa­gen eben nicht aus den Schie­nen sprang. Be­son­ders ge­lun­ge­ne Fäl­le be­glei­te­te er mit ent­sp­re­chen­den kräf­ti­gen Laut­äu­ße­run­gen, wel­che das Rol­len des Wa­gens über­tön­ten und ihn selbst im­mer stär­ker be­geis­ter­ten, so daß die wil­de Fahrt in er­staun­lich kur­zer Zeit, aber oh­ne Un­fall durch­ge­führt wur­de.

Die Lick-Stern­war­te. Nach­dem ich die nä­he­re Um­ge­bung von San Fran­cis­co ken­nen ge­lernt hat­te, wur­den ei­ni­ge wei­te­re Aus­flü­ge un­ter­nom­men. Der ers­te galt der Lick-Stern­war­te mit ih­rem be­rühm­ten gro­ßen Fern­rohr auf dem Ha­mil­ton­berg. Ich hat­te de­ren Di­rek­tor Camp­bell auf dem Fest­es­sen ken­nen und schät­zen ge­lernt und war von ihm drin­gend ein­ge­la­den wor­den. Der Berg ist ei­ne Art Ri­gi, der die gan­ze Um­ge­bung über­ragt und be­herrscht und da sei­ne Spit­ze weit ober­halb der Ne­bel­hö­he liegt, so sind die Luft­ver­hält­nis­se für as­tro­no­mi­sche Ar­bei­ten be­son­ders güns­tig.

Bis San José, ei­nem Städt­chen am Fu­ße der Ber­ges ging die Fahrt wie ge­wöhn­lich mit Ei­sen­bahn und Dampf­schiff. Den Berg hin­auf brach­te uns ein Zwei­spän­ner mit drei­ma­li­gem Pfer­de­wech­sel. Der Weg geht oft hart an Ab­grün­den hin und der Fah­rer be­nutz­te gern die äu­ße­re Kan­te, die nicht durch Mau­ern oder Stei­ne ge­si­chert war. In et­wa drei Stun­den er­reich­ten wir die Stern­war­te.

Oben fan­den wir ein gan­zes Dörf­chen, von et­wa 50 Per­so­nen be­wohnt, da al­le wis­sen­schaft­li­chen, tech­ni­schen und wirt­schaft­li­chen Be­am­ten mit ih­ren Fa­mi­li­en dort an­ge­sie­delt wa­ren; eben hat­te man ei­ne ge­mein­sa­me Schu­le für die her­an­wach­sen­de Ju­gend ein­ge­rich­tet. Pro­fes­sor Camp­bell war mit ei­ner lie­bens­wür­di­gen Frau ver­hei­ra­tet; sie hat­ten drei Söh­ne und wir er­ör­ter­ten mit gro­ßem Ei­fer päd­ago­gi­sche Fra­gen, wo­bei die Ge­gen­sät­ze Deut­scher und Ame­ri­ka­ni­scher An­schau­un­gen deut­lich zu­ta­ge tra­ten.

Auf der Stern­war­te sah ich vie­le Din­ge, die mich leb­haft fes­sel­ten, ob­wohl mir sonst as­tro­no­mi­sche Fra­gen nur mä­ßi­ge Teil­nah­me er­we­cken kön­nen. In ei­ner Samm­lung wun­der­schö­ner Mond­fo­to­gram­me be­merk­te ich ei­ne ei­gen­tüm­li­che Ril­le auf ei­ner sonst glat­ten Flä­che und frag­te Camp­bell nach der Deu­tung. Er sag­te: wir se­hen dies als die Spur ei­nes gro­ßen Me­teo­ri­ten an, der den Mond tan­gen­ti­al ge­streift und we­gen der ge­rin­gen Gra­vi­ta­ti­on wie­der ver­las­sen hat.

Na­tür­lich muß­te ich auch den gro­ßen Re­frak­tor be­wun­dern, in wel­chem mir Sa­turn in blen­den­der Hel­lig­keit ge­zeigt wur­de. Der Stif­ter Lick war ein er­folg­rei­cher Ge­schäfts­mann oh­ne wis­sen­schaft­li­che Bil­dung ge­we­sen. Daß er bei sei­ner Stif­tung die As­tro­no­mie be­dacht hat­te, war durch die himm­li­sche Be­schaf­fen­heit ih­rer Ob­jek­te be­wirkt wor­den. Sie kam ihm da­durch wie ei­ne from­me oder hei­li­ge Wis­sen­schaft vor. Die­se Ein­stel­lung ist sehr ver­brei­tet; für kei­ne an­de­re Wis­sen­schaft wer­den in Ame­ri­ka so vie­le Stif­tun­gen ge­macht, wie für die­se. Un­ter dem So­ckel des gro­ßen Re­frak­tors hat Lick sich be­gra­ben las­sen und auf den Sei­ten des So­ckels kann der Be­schau­er in gol­de­nen Buch­sta­ben sei­nen Na­men und Nä­he­res über die Stif­tung le­sen. Die Stern­war­te ist sehr po­pu­lär und wird viel vom gro­ßen Pu­bli­kum be­sucht, zum gro­ßen Miß­be­ha­gen des Di­rek­tors, der ei­ge­ne Be­am­te hier­für an­stel­len und den Zu­tritt auf be­stimm­te Ta­ge und Stun­den be­schrän­ken muß­te. Of­fen­bar hat sich der al­te Herr Lick es als be­son­ders be­hag­lich vor­ge­stellt, wie er für al­le Zu­kunft hier in sei­nem Gra­be lie­gen und das Lob des Vol­kes für sei­ne groß­ar­ti­ge Stif­tung an­hö­ren wür­de, die ihn zu­dem per­sön­lich ei­gent­lich gar nichts ge­kos­tet hat­te, da sie erst nach sei­nem To­de aus­ge­führt wur­de.

Es fand sich noch die Zeit, ei­ni­ge Bil­der zu ma­len. Als Camp­bell sie sah, sag­te er, in­dem er auf ei­ne Stel­le hin­wies: ich se­he, Sie ha­ben un­se­re Golf­schlucht (nicht Wolf­schlucht) ge­malt. Ich frag­te und er­hielt die Auf­klä­rung, daß die dor­ti­ge Be­völ­ke­rung sich lei­den­schaft­lich dem Golf­spiel er­ge­ben ha­be. Hier­bei wer­den be­kannt­lich klei­ne mas­si­ve Bäl­le von Gut­ta­per­cha mit fe­dern­den Keu­len ge­sch­la­gen, wo­bei sie sehr wei­te Sprün­ge ma­chen. Das Spiel er­for­dert al­so ein wei­tes flas­hy;meis­hy;su­s­hy;ss­hy;ners­hy;chen Jahs­hy;sche Kas­hy;shy;he, Sie ha­ches Ge­län­de, das oben auf dem Ber­ge nicht vor­han­den war. Da­her kam es be­stän­dig vor, daß ein Ball über die Gren­ze des Fel­des in die an­lie­gen­de Schlucht ge­sch­la­gen wur­de, die un­zu­gäng­lich war, so daß er dort lie­gen blieb. Als Che­mi­ker muß­te ich be­mer­ken, daß Gut­ta­per­cha un­ge­wöhn­lich be­stän­dig ge­gen Näs­se und Koh­len­säu­re ist; es wür­de sich al­so im Lau­fe der Zeit ei­ne geo­lo­gi­sche Schicht aus die­sem dau­er­haf­ten Ma­te­ri­al an­sam­meln und die künf­ti­gen Geo­lo­gen müß­ten sich dann hoff­nungs­los den Kopf dar­über zer­bre­chen, wel­ches vor­welt­li­che Tier die­se ei­gen­tüm­li­chen Res­te hin­ter­las­sen ha­be.

Die Heim­fahrt ge­schah in ei­nem gro­ßen vier­spän­ni­gen Post­wa­gen, der ei­ne Grup­pe der von Camp­bell ge­haß­ten Sonn­tags­be­su­cher ge­bracht hat­te. Wie­der ent­wi­ckel­te der Kut­scher sei­ne Ka­li­for­ni­sche Ge­schick­lich­keit, in­dem er im Ga­lopp ab­wärts fuhr und die Keh­ren an der kon­ve­xen Sei­te mit un­heim­li­cher Ge­schwin­dig­keit nahm. Der ner­vö­se Lo­eb litt sicht­lich dar­un­ter und auch mir wur­de es zu­wei­len un­be­hag­lich. Doch ka­men wir oh­ne Un­fall un­ten an.

Die Le­land Stan­ford-Uni­ver­si­tät. Vom Ha­mil­ton­berg kehr­ten wir nicht nach Ber­ke­ley zu­rück, son­dern wand­ten uns nach der zwei­ten Uni­ver­si­tät Ka­li­for­ni­ens, der Le­land Stan­ford-Uni­ver­si­tät in Pa­lo Al­to. Wäh­rend Ber­ke­ley ei­ne Staats­uni­ver­si­tät ist, die vom ka­li­for­ni­schen Staa­te un­ter­hal­ten wird (was al­ler­dings die be­reit­wil­li­ge Ent­ge­gen­nah­me pri­va­ter Stif­tun­gen nicht aus­schließt), ist die in Pa­lo Al­to be­ste­hen­de An­stalt ganz ei­ne pri­va­te Stif­tung. Sie ist zum An­den­ken an ei­nen früh ver­stor­be­nen be­gab­ten Jüng­ling von sei­nen rei­chen El­tern, de­ren ein­zi­ges Kind er war, auf sei­nen Na­men er­rich­tet wor­den. Zur Zeit mei­nes Be­su­ches leb­te nur noch die Mut­ter.

Die An­stalt ist wie al­le dor­ti­gen Uni­ver­si­tä­ten in ei­nem sehr aus­ge­dehn­ten Park oder Cam­pus er­rich­tet, und zwar in dem dort hei­mi­schen alt­spa­ni­schen Mis­si­ons­stil: nied­ri­ge Ge­bäu­de mit fla­chen Dä­chern, die ei­ni­ge gro­ße Hö­fe um­schlie­ßen. Bo­gen­gän­ge be­glei­ten al­le Fron­ten und ge­ben Schat­ten bei dem be­reits sehr tro­pi­schen Son­nen­schein. Pal­men und an­de­re Ge­wäch­se der hei­ßen Zo­ne sind über­all vor­han­den.

Der Prä­si­dent der Uni­ver­si­tät hieß Jor­dan und war von sei­nem Kol­le­gen in Ber­ke­ley sehr ver­schie­den. Hoch­ge­wach­sen und sport­li­chen Be­tä­ti­gun­gen trotz sei­ner Jah­re – zwi­schen 50 und 60 – eif­rig er­ge­ben, kehr­te er in ers­ter Li­nie den Na­tur­men­schen im Ge­gen­satz zum Kul­tur­men­schen Whee­ler her­aus. Sehr aus­ge­prägt war sein Ka­li­for­ni­scher und Ame­ri­ka­ni­scher Stolz; er hielt sich und sei­ne Ge­nos­sen bei al­lem Wohl­wol­len für An­de­re selbst­ver­ständ­lich für An­ge­hö­ri­ge ei­ner bes­se­ren Ras­se und war eif­rig be­müht, sei­nen Zeit­ge­nos­sen und Stu­den­ten die dar­aus sich er­ge­ben­den Rech­te aber auch Pflich­ten ein­zu­prä­gen. Sei­nem Be­ruf nach war er Zoo­lo­ge und ge­hör­te der äl­te­ren be­schrei­ben­den Rich­tung an. Eben ar­bei­te­te er über Fi­sche aus den ja­pa­ni­schen Ge­wäs­sern und ich sah mit gro­ßem In­ter­es­se zu, wie ein ja­pa­ni­scher Künst­ler un­ter sei­ner Auf­sicht mit sub­ti­lem Pin­sel Ab­bil­dun­gen der neu­en Ar­ten an­fer­tig­te.

Die An­stal­ten wa­ren nicht be­son­ders se­hens­wert. In der Bü­che­rei zeig­te mir der Bi­blio­the­kar mit Stolz ei­ne ziem­lich lan­ge Rei­he von Bü­chern un­ter O: ei­ne voll­stän­di­ge Samm­lung mei­ner wis­sen­schaft­li­chen Wer­ke. Jor­dan klag­te, daß es schwer hal­te, von Frau Stan­ford die nö­ti­gen Gel­der für die Aus­ge­stal­tung der wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen zu er­lan­gen; sie hat­te sich die Ent­schei­dun­gen über die Ver­wen­dung der Ein­künf­te ih­rer Stif­tung vor­be­hal­ten. Für Bau­ten und Äu­ßer­li­ches wur­den die Mit­tel da­ge­gen be­reit­wil­lig an­ge­wie­sen. So be­fand sich im ers­ten Hof ein gro­ßes Denk­mal aus Bron­ze, die Stan fords, Va­ter, Mut­ter und Sohn über­le­bens­groß in sehr na­tu­ra­lis­ti­scher Dar­stel­lung auf­wei­send; der Stu­den­ten­witz nann­te es die hei­li­ge Drei­ei­nig­keit. Fer­ner war ein präch­tig ein­ge­rich­te­tes Mu­se­um da, wel­ches un­ter an­de­rem in zahl­rei­chen Schrän­ken al­le die kost­ba­ren Ro­ben, wie in ei­nem Mo­den­ge­schäft auf Ge­stel­len aus­ge­brei­tet auf­wies, wel­che Frau Stan­ford bei ver­schie­de­nen fei­er­li­chen Ge­le­gen­hei­ten ge­tra­gen hat­te.

Prä­si­dent Jor­dan fuhr uns, Lo­eb und mich, dann per­sön­lich in ei­nem Ein­spän­ner durch das sehr aus­ge­dehn­te Ge­län­de der Uni­ver­si­tät, das vie­ler­lei land­schaft­li­che Rei­ze ei­ner süd­li­chen Na­tur dar­bot. Auch al­ler­lei fremd­ar­ti­ges Ge­tier ließ sich se­hen. Am meis­ten fiel mir ei­ne rie­si­ge Ei­che auf, an der ei­ne An­zahl Spech­te be­schäf­tigt wa­ren, run­de Lö­cher in die Rin­de zu klop­fen und in je­des Loch ei­ne ge­nau pas­sen­de Ei­chel zu häm­mern, so daß sie zur klei­ne­ren Hälf­te her­aus­rag­te. Es be­fan­den sich am Baum be­reits zahl­lo­se sol­che Pfrop­fen. Jor­dan er­klär­te mir auf Be­fra­gen, daß es Vor­rats­kam­mern der Spech­te sei­en, wel­che auf die­se Wei­se Nah­rung für ma­ge­re Mo­na­te auf­be­wahr­ten. Doch konn­te er mir nicht sa­gen, ob je­der Specht sein per­sön­li­ches Ei­gen­tum in­ner­halb der Ge­samt­an­la­ge wahrt, und auf wel­che Wei­se.

Am stil­len Oze­an. Nach all die­sen ver­schie­de­nen Or­ten und Men­schen war für Lo­eb und mich ei­ne an­ge­neh­me, ja not­wen­di­ge Er­ho­lung der Be­such von Pa­ci­fic Gro­ve, ei­nem klei­nen Ba­de­ort an der Küs­te des stil­len Oze­ans, in wel­chem die Le­land Stan­ford-Uni­ver­si­tät ein klei­nes zoo­lo­gi­sches La­bo­ra­to­ri­um er­rich­tet hat­te. Es wur­de von dort zur Zeit nicht ge­braucht und war Lo­eb für sei­ne For­schun­gen ein­ge­räumt wor­den. Dort hat­te er das Ma­te­ri­al an See­igeln für sei­ne wich­ti­gen Ent­de­ckun­gen zur Hand ge­habt.

Wir wa­ren in ei­nem be­schei­de­nen aber sau­be­ren Gast­hof gut un­ter­ge­bracht und ge­nos­sen die Stil­le und Ru­he nach den über­reich er­füll­ten Ta­gen mit be­son­de­rem Be­ha­gen. Ein glüh­ro­ter groß­ar­ti­ger Son­nen­un­ter­gang über dem Meer war mir wie ei­ne be­son­de­re Of­fen­ba­rung der neu­ar­ti­gen Land­schaft, die ich in die­sen Ta­gen er­lebt hat­te und die mir hier be­vor­stand.

Mit leb­haf­tem In­ter­es­se nahm ich am nächs­ten Mor­gen die Küs­te des größ­ten Oze­ans in Au­gen­schein. Sie ist dort von weiß­gel­bem Dü­nen­sand ge­bil­det, wie ich ihn von mei­ner Hei­mat kann­te, nur sind die Dü­nen viel hö­her, ent­sp­re­chend der un­ge­stör­ten Wind­wir­kung über Tau­sen­de von Ki­lo­me­tern. In der fla­chen Bucht la­gen ein­zel­ne gro­ße Stei­ne, die zum Teil aus dem Was­ser her­vor­rag­ten und oben mit ei­nem schnee­wei­ßen Über­zu­ge be­deckt wa­ren. Als Ver­fas­ser er­wie­sen sich Scha­ren von Kor­mo­ra­nen, die dort wild wie Mö­ven le­ben, von den Stei­nen aus ih­re Fisch­jagd be­trei­ben und auf ih­nen die End­er­geb­nis­se ih­res Stoff­wech­sels ab­la­gern. Hin­ter den Dü­nen er­hob sich ein Wald von üp­pi­gem aber un­re­gel­mä­ßi­gem Wuchs, dar­un­ter pracht­vol­le Ex­em­pla­re der schö­nen Rie­sen­fich­te, de­ren au­ßer­or­dent­li­che Grö­ßen­ver­hält­nis­se ich aus nächs­ter Nä­he stu­die­ren konn­te. Ein Spa­zie­ren­ge­hen im Wal­de wie bei uns wur­de durch das dich­te Un­ter­holz ver­hin­dert, so daß man ihn über­all nur von den We­gen aus be­trach­ten konn­te.

In ru­hi­ger Mu­ße mal­te ich ei­ni­ge be­son­ders kenn­zeich­nen­de Stel­len, be­sah dann die schlich­ten La­bo­ra­to­ri­ums­räu­me, die mich sehr an­spra­chen, da Lo­ebs Ar­beits­wei­se, was das Tech­ni­sche an­langt, in der frei­wil­li­gen Be­schrän­kung auf die ein­fachs­ten Mit­tel der mei­ni­gen ähn­lich war.

In der Um­ge­bung sa­hen wir ei­ni­ge chi­ne­si­sche und ja­pa­ni­sche An­sie­de­lun­gen: graue, nied­ri­ge, eng zu­sam­men­ge­dräng­te Hüt­ten, die ei­nen fremd­ar­ti­gen Ein­druck mach­ten und kei­nes­wegs zum nä­he­ren Be­such ein­lu­den.

Nach ei­nem mit Be­wußt­sein in schöns­tem Son­nen­wet­ter ver­bum­mel­ten Ta­ge kehr­ten wir er­frischt nach Ber­ke­ley zu­rück. Das lan­ge, un­un­ter­bro­che­ne Zu­sam­men­sein hat­te we­der bei mir, noch so­viel ich er­ken­nen konn­te bei Lo­eb je­ne ab­sto­ßen­de Re­ak­ti­on er­zeugt, die so leicht bei sol­chem ver­län­ger­ten Auf­ein­an­der­an­ge­wie­sen­sein ent­steht.

Neue Fes­te. Nach Ber­ke­ley zu­rück­ge­kehrt fand ich ei­ne Ein­la­dung zu ei­nem »Smo­ker« im Fa­kul­täts­hau­se der Uni­ver­si­tät vor. Dies ist ein zwang­lo­ses Bei­sam­men­sein bei Bier und But­ter­brot, von den deut­schen Kom­mer­sen vor­teil­haft durch die Ab­we­sen­heit je­des Ze­re­mo­ni­ells ver­schie­den; auch be­wegt man sich viel mehr durch­ein­an­der und ist nicht an ei­nen Platz ge­fes­selt.

Dies­mal kam doch al­ler­lei Of­fi­zi­el­les zur Spra­che. Nach­dem man et­was warm ge­wor­den war, wur­de zu­nächst ei­ne Re­de an mich ge­hal­ten, wel­che in mei­ne Er­nen­nung zum Mit­glie­de des Fa­cul­ty-Club aus­ging. Ich dank­te herz­lich und dach­te: nun gibt es für den Abend Ru­he. Aber bald er­hob sich der Prä­si­dent Whee­ler mit schwe­re­rem Ge­schütz. Er hielt mir ei­ne al­ler­liebs­te Re­de, reich an scherz- und schmei­chel­haf­ten Wen­dun­gen, in wel­cher die 4000 Mei­len, die ich ih­ret­we­gen ge­reist war, wie schon frü­her ei­ne be­son­de­re Rol­le spiel­ten und über­reich­te mir schließ­lich mit ei­ner ge­schick­ten Wen­dung ins Ernst­haf­te und Fei­er­li­che ein Di­plom auf Per­ga­ment, das mei­ne ein­stim­mi­ge Er­nen­nung zum Eh­ren­mit­glie­de der ka­li­for­ni­schen Staats­uni­ver­si­tät zu Ber­ke­ley be­zeug­te. Dies und mei­ne dank­ba­re Ant­wort wur­de mit Ju­bel auf­ge­nom­men und der Abend ver­lief in hoch­ge­stimm­ter Freu­de.

Der Pro­fes­sor für che­mi­sche Tech­no­lo­gie Chris­ty, der als ei­ner der ers­ten in Ame­ri­ka die neue Leh­re von den Io­nen in sei­ne Vor­trä­ge und Schrif­ten über­nom­men und mit dem ich mehr­fach brief­lich ver­kehrt hat­te, bat mich, sei­nen Stu­den­ten ei­nen be­son­de­ren kur­zen Vor­trag zu hal­ten; als The­ma hat­te er ei­nen Be­richt über mei­ne mal­tech­ni­schen Ar­bei­ten vor­ge­sch­la­gen, über die ich in mei­nen »Ma­ler­brie­fen« und in ei­ni­gen Ab­hand­lun­gen Nach­richt ge­ge­ben hat­te. Ich er­füll­te gern sei­nen Wunsch.

Dann lern­te ich ei­ne nach­ah­mens­wer­te Ei­gen­tüm­lich­keit der dor­ti­gen Uni­ver­si­tä­ten ken­nen. Der Zu­sam­men­hang der gan­zen An­stalt in sich und mit den Stu­den­ten auch lan­ge nach be­en­de­ter Stu­di­en­zeit ist dort viel en­ger, als bei uns. Der für den Deut­schen Stu­den­ten so na­he­lie­gen­de Wech­sel der An­stalt bil­det dort die Aus­nah­me. Durch die gro­ße, oft le­bens­läng­li­che Amts­dau­er des mit sehr weit­ge­hen­den Rech­ten und Be­fug­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Prä­si­den­ten wird auch ein en­ge­rer Zu­sam­men­hang des Lehr­kör­pers be­wirkt, und die räum­li­che Ge­schlos­sen­heit des gan­zen uni­ver­si­tä­ren Or­ga­nis­mus im »Cam­pus« stei­gert die­sen noch be­deu­tend.

Dies­mal war ich ein­ge­la­den, ei­ne »Uni­ver­si­täts­ver­samm­lung« mit­zu­ma­chen. Ei­ne sol­che fin­det et­wa all­mo­nat­lich statt und dient da­zu, in­zwi­schen er­folg­te wich­ti­ge­re Er­eig­nis­se des Uni­ver­si­täts­le­bens den Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren be­kannt zu ge­ben. Zu­nächst be­rich­te­te der Prä­si­dent über ei­ne An­zahl klei­ne­rer An­ge­le­gen­hei­ten. Dann nahm der Pro­fes­sor der Ge­schich­te Mo­ses das Wort. Er war vor drei Jah­ren be­ur­laubt wor­den, um auf den vor kur­zem an­nek­tier­ten Phil­ip­pi­nen als Gou­ver­neur tä­tig zu sein und hat­te dies Amt auf­ge­ge­ben, um in sei­ne al­te Stel­lung zu­rück­zu­keh­ren. Er be­rich­te­te in sehr in­ter­es­san­ter Wei­se über sei­ne Er­leb­nis­se und Er­fah­run­gen, die er un­ter das ihm ver­trau­te Licht der ge­schicht­li­chen Be­trach­tung zu stel­len be­müht war, wo­bei man­cher­lei Be­mer­kens­wer­tes zu­ta­ge trat.

Am Abend war ein Eh­ren­es­sen zu er­le­di­gen, das mir vom Uni­ver­si­täts-Club von San Fran­cis­co ge­ge­ben wur­de. Der Kreis ein ganz an­de­rer: vor­wie­gend prak­ti­sche Ärz­te, ei­ni­ge Rechts­an­wäl­te, die of­fen­bar aus Neu­gier ge­kom­men wa­ren und an­de­re Be­rufs­tä­ti­ge mit aka­de­mi­scher Bil­dung. Wie­der wur­de der »größ­te le­ben­de Che­mi­ker« vor­ge­rit­ten; in mei­ner Ant­wort be­ton­te ich die nicht nur in­ter­na­tio­na­le son­dern über­na­tio­na­le Be­schaf­fen­heit der Wis­sen­schaft Die­ses The­ma wur­de in meh­re­ren wei­te­ren Re­den fort­ge­spon­nen und von ver­schie­de­nen Sei­ten be­leuch­tet, doch fehl­te na­tür­lich das herz­li­che Fa­mi­li­en­ge­fühl, wel­ches den frü­he­ren Abend in der che­mi­schen Ge­sell­schaft so warm be­lebt hat­te.

Die Chi­ne­sen­stadt. Ei­ner der we­ni­gen frei­en Aben­de wur­de dem Be­such des chi­ne­si­schen Vier­tels in San Fran­cis­co ge­wid­met. Füh­rer war Dr. Tay lor, ein jun­ger Arzt mit leb­haf­ten wis­sen­schaft­li­chen In­ter­es­sen, den ich bei Lo­eb ken­nen ge­lernt und der mir nebst sei­ner Frau sehr ge­fal­len hat­te. Sie wa­ren ein paar ty­pi­sche Ka­li­for­ni­er, hoch­ge­wach­se­ne, sport­lich durch­ge­ar­bei­te­te Ge­stal­ten von leb­haf­tem und un­be­fan­ge­nem We­sen. Als Be­zirks- oder Po­li­zei­arzt war Tay­lor mit den Ver­hält­nis­sen je­nes Asia­ti­schen Win­kels gut ver­traut, so daß er mich oh­ne viel Auf­ent­halt das Be­mer­kens­wer­tes­te se­hen las­sen konn­te.

Die Stra­ßen wa­ren eng und steil, die Häu­ser wa­ren noch en­ger und mach­ten ei­nen sehr schmut­zi­gen Ein­druck. Auf den Stra­ßen sah man nur Chi­ne­sen in na­tio­na­ler Klei­dung Dann und wann führ­te ei­ne Mut­ter in blau­en Ho­sen ihr mit grü­nem und hell­blau­em Sei­den­kleid­chen ge­schmück­tes, auf ho­hen Stö­ckel­schu­hen trip­peln­des Kind mit sicht­li­chem Stolz vor­bei; die Klei­nen sa­hen selt­sam pup­pen­haft, wie künst­lich her­ge­stellt aus. Ich sah ei­ne To­ten­fei­er, die mit gräu­li­chem Ge­schrei ab­ge­hal­ten wur­de und auf den Eu­ro­pä­er nicht fei­er­lich wirk­te. Dann wur­de ich in ei­ne Opi­um­höh­le ge­führt, wo die Leu­te in ganz en­gen Ver­sch­la­gen la­gen, die wie ei­ne gro­ße Kom­mo­de aus­sa­hen; sehr ekel­haft zu be­trach­ten. Sehr hübsch war da­ge­gen ein Tem­pel mit ei­ner Fül­le schö­ner Sa­chen, ver­mut­lich Op­fer­ga­ben. Über­all stan­den mit Er­de ge­füll­te Ge­fä­ße, in wel­che die An­däch­ti­gen glim­men­de Räu­cher­stöck­chen steck­ten, zum Zei­chen ih­rer An­dacht. Am längs­ten blie­ben wir im Thea­ter, wo ei­nes je­ner Mo­na­te lang dau­ern­den Stü­cke ge­spielt wur­de, an de­nen die Chi­ne­sen ih­re Freu­de ha­ben. Die Schau­spie­ler wa­ren aus­schließ­lich Män­ner; für die Wei­ber­rol­len sind sie ent­sp­re­chend ge­klei­det und ge­schminkt, sp­re­chen ein quä­ken­des Fal­sett und be­mü­hen sich, durch Trip­peln und Wa­ckeln ei­nen weib­li­chen Ein­druck zu ma­chen. De­ko­ra­tio­nen wa­ren nicht vor­han­den, Auf- und Ab­tre­ten der Per­so­nen ge­schah durch zwei fah­nen­ar­ti­ge Vor­hän­ge im Hin­ter­grun­de.

Die Dar­stel­lung wur­de von Mu­sik be­glei­tet, die ein klei­nes Or­ches­ter im Hin­ter­grund mach­te. Das Haupt­in­stru­ment war ei­ne Art Gei­ge, die wie ein Cel­lo ge­hal­ten und ge­spielt wur­de; sie wie­der­hol­te un­auf­hör­lich ei­ne und die­sel­be Fi­gur. Da­zu ei­ni­ge Man­do­li­nen, die ge­kratzt wur­den und klei­ne Trom­meln. Die Schau­spie­ler nah­men zu­wei­len je­ne Ton­fi­gur mit der Sing­stim­me auf, da­zwi­schen wur­de ge­spro­chen. Je­des­mal wenn ei­ne Per­son auf­trat oder ab­ging, gab es ei­nen be­son­de­ren Lärm im Or­ches­ter, der an­schei­nend nach der Be­deu­tung der Per­son ab­ge­stuft war. Von ei­ner Schau­spiel­kunst nach Art der Eu­ro­päi­schen konn­te ich nichts be­mer­ken; die Spie­ler wen­den den Zu­hö­rern oft den Rü­cken. Beim Sp­re­chen fällt der Ton bei der letz­ten Sil­be der Re­de plötz­lich um ei­ne Ok­ta­ve her­ab, was sehr ko­misch klang und ein Si­gnal da­für zu sein schien, daß der An­de­re zu be­gin­nen hat.

Ein be­son­de­res Ge­wicht wird auf präch­ti­ge Kos­tü­me ge­legt. Wir wur­den in die Vor­ra­träu­me ge­führt, um sie zu be­wun­dern. Es war da aber so eng und un­sau­ber und roch so stark, daß es Lo­eb übel wur­de und wir schnell an die Luft gin­gen und die Chi­ne­sen­stadt ver­lie­ßen.

Al­ma ma­ter Hearst. Die Ta­ge von Ber­ke­ley schlos­sen mit ei­nem Be­such bei Frau Hearst, ei­ner sehr rei­chen Wit­we von et­wa 60 Jah­ren, der Al­ma ma­ter der Uni­ver­si­tät wie sie in re­spekt­vol­lem Scherz ge­nannt wur­de, da sie im­mer wie­der gro­ße Geld­sum­men zur wei­te­ren Ent­wick­lung der Uni­ver­si­tät her­gab. Der Na­me ist durch den Sohn auch in Eu­ro­pa sehr be­kannt ge­wor­den, da die­ser als Be­herr­scher der Pres­se wie­der­holt ei­ne er­heb­li­che po­li­ti­sche Rol­le ge­spielt hat.

Die Ein­la­dung war nach der »Ha­zi­en­da« er­folgt, ei­nem Som­mer­haus oder viel­mehr -pa­last, der et­wa drei Ei­sen­bahn­stun­den ent­fernt von San Fran­cis­co in schö­ner Ge­gend lag. Zu der Zeit des Jah­res, die ich in Ka­li­for­ni­en zu­brach­te, war über­all die Som­mer­dür­re ein­ge­tre­ten; es gibt dann kei­nen Re­gen und al­ler Ra­sen trock­net aus, so daß der Bo­den ei­ne gleich­för­mi­ge gelb­brau­ne Far­be zeigt. Als wir von der Ei­sen­bahn­sta­ti­on, die nur der Ha­zi­en­da we­gen an­ge­legt war, in ei­ni­gen präch­ti­gen Wa­gen ab­ge­holt wur­den, sa­hen wir auf den Hü­geln den Park der Ha­zi­en­da grün wie ei­nen Sma­ragd im Gelb­braun der Um­ge­bung lie­gen und er­blick­ten gleich­zei­tig die Quel­le die­ser Schön­heit im Tal, näm­lich das Pum­pen­haus, von wel­chem aus die Be­wäs­se­rung durch ei­ne Dampf­ma­schi­nen­an­la­ge aus ei­nem Tief­brun­nen be­sorgt wur­de. Wir fuh­ren in ei­nen pa­ra­di­si­schen Gar­ten mit mär­chen­haft schö­nen Blu­men un­ter Pal­men ein und wur­den in ei­nem präch­ti­gen, im Mis­si­ons­stil er­bau­ten Hau­se emp­fan­gen. Lo­eb und ich er­hiel­ten als Eh­ren­gäs­te die Zim­mer an­ge­wie­sen, wel­che der Sohn Hearst be­wohn­te, wenn er nach der Ha­zi­en­da kam. Sie wa­ren voll chi­ne­si­scher und ja­pa­ni­scher Kost­bar­kei­ten, die ich heu­te mit sehr viel mehr Ver­ständ­nis und Nut­zen be­trach­ten wür­de, als mir da­mals ge­ge­ben war, und mit ver­schwen­de­ri­scher Pracht ein­ge­rich­tet.

Mit Frack und wei­ßer Bin­de ge­schmückt gin­gen wir zum Din­ner, wo ich ei­ne Aus­wahl mei­ner neu­ge­won­ne­nen Freun­de an­traf. Lo­eb war be­fragt wor­den, wel­che mir be­son­ders ge­fal­len hät­ten, und die­se hat­ten Ein­la­dun­gen er­hal­ten. Frau Hearst er­wies sich als ei­ne gut aus­se­hen­de Da­me von et­was mehr als Mit­tel­grö­ße, mit freund­li­chem und gü­ti­gem Ge­sichts­aus­druck. Sie frag­te mich nach mei­nen Ein­drü­cken von der Uni­ver­si­tät und ver­wi­ckel­te mich in ein Ge­spräch über mög­li­che Ver­bes­se­run­gen. Das Ta­fel­ge­deck und Es­sen über­bot an Pracht al­les, was ich bis­her er­lebt hat­te; auch die ja­pa­ni­schen Fi­sche in Pa­pier sah und aß ich wie­der. Der Ver­kehr war frei von Steif­heit und le­ben­dig. Re­den hat­te ich glück­li­cher­wei­se we­der zu hö­ren noch zu hal­ten. Der Kaf­fee wur­de in ei­ner reich ge­schmück­ten gro­ßen Hal­le ge­nom­men, die un­ter an­de­rem auch ei­ne Or­gel ent­hielt. Frau Hearst zwang mich lie­bens­wür­dig, sie zu ver­su­chen, doch ha­be ich sie und die an­de­ren ent­täuscht, die von mir mu­si­ka­li­sche Leis­tun­gen von ähn­li­cher Be­schaf­fen­heit er­war­te­ten, wie mei­ne che­mi­schen Leis­tun­gen in ih­rer Vor­stel­lung wa­ren.

Am nächs­ten Mor­gen, ei­nem Sonn­tag, wa­ren nach der gu­ten an­gel­säch­si­schen Sit­te die Gäs­te frei, sich in den aus­ge­dehn­ten Gar­ten­an­la­gen zu be­we­gen und die Pracht der Blu­men und Ge­wäch­se zu be­wun­dern, die un­ter sach­kun­di­ger Pfle­ge in schöns­ter Fül­le ge­die­hes­hy;len fshy;tus­hy;mens­hy;sis­hy;che die Ann. Der Ge­gen­satz die­ses far­ben­rei­chen Vor­der­grun­des zu dem ein­tö­ni­gen Gelb­braun der nä­he­ren und fer­ne­ren Hü­gel war sehr ein­drucks­voll. Da aber die­se gleich­för­mi­ge Far­be der fer­nen Land­schaft dem Farb­ton nach – drit­tes Gelb bis ers­tes Kress – ziem­lich ge­nau die Ge­gen­far­be des Him­mels und des Fern­blaus war, das sich in der kla­ren Luft mit be­mer­kens­wer­ter Farb­rein­heit ent­wi­ckel­te, so ent­stand zwi­schen bei­den ei­ne Farb­har­mo­nie, die auf mich ei­nen star­ken Ein­druck mach­te. Ich wuß­te da­mals nicht, wa­rum, denn die Fä­hig­keit be­wuß­ter Far­ba­na­ly­se ha­be ich na­tür­lich erst nach der Schöp­fung der mes­sen­den Far­ben­leh­re in mir ent­wi­ckeln kön­nen. Aber ich hat­te doch das Be­dürf­nis, die­sen Ein­druck fest­zu­hal­ten, hol­te mei­nen Mal­kas­ten und stell­te mit flie­gen­der Hand ei­ni­ge Skiz­zen her. Die an­de­ren schau­ten in­ter­es­siert zu, doch schie­nen Ei­ni­ge, be­son­ders un­ter den äl­te­ren Da­men An­stoß dar­an zu neh­men, daß ich mir er­laub­te, den Sonn­tag um die Kirch­gangs­zeit durch et­was wie Hand­ar­beit zu ent­hei­li­gen. So gern ich auf die Ge­füh­le mei­ner Mit­men­schen Rück­sicht neh­me: in die­sem Fal­le woll­te ich nicht dar­auf ver­zich­ten, mir so le­ben­di­ge Er­in­ne­run­gen an die be­mer­kens­wer­ten Ta­ge zu ver­schaf­fen, wie die­se Skiz­zen wa­ren und sind.

Nach dem Lunch stan­den uns Wa­gen und Pfer­de zu Aus­flü­gen in die Um­ge­bung zur Ver­fü­gung. Ich nahm mei­nen Mal­kas­ten mit, kam aber nicht viel zum Ma­len, da die Ge­nos­sen mich an­ge­sichts mei­ner be­vor­ste­hen­den Ab­rei­se noch eif­rig mit Fra­gen über Uni­ver­si­täts­we­sen, Wis­sen­schafts­pfle­ge und der­glei­chen be­schäf­tig­ten. Da die Ame­ri­ka­ner nicht durch Tra­di­tio­nen so schwer be­weg­lich in die­sen Din­gen ge­macht wor­den sind, wie wir, sind sie viel be­reit­wil­li­ger, je­den Weg zu ver­su­chen, der Er­folg ver­spricht. Auch wis­sen die dor­ti­gen Ver­tre­ter der Wis­sen­schaft, daß die­se im all­ge­mei­nen Volks­be­wußt­sein noch bei wei­tem nicht die Stel­le ein­nimmt, die ihr ge­bührt – der Ein­fluß der Kir­che ist weit stär­ker – und sind da­her im ei­ge­nen In­ter­es­se wie in dem ih­res Vol­kes sehr auf­merk­sam auf al­le Mit­tel und We­ge, die Wis­sen­schaft im All­ge­mein­be­wußt­sein auf die ihr zu­kom­men­de Hö­he zu he­ben. Wie schwie­rig die­se Auf­ga­be ist, ha­ben man­cher­lei Er­eig­nis­se der letz­ten Zeit – ich er­in­ne­re an den Af­fen­pro­zeß Mit­te 1925 – mit gro­ßer Deut­lich­keit ge­zeigt.

Am Abend war wie­der Din­ner im Frack. Doch ging man früh aus­ein­an­der, da der Zug, wel­cher uns am nächs­ten Mor­gen fort­brin­gen soll­te, schon um 6 Uhr mor­gens ab­fuhr.

In Ber­ke­ley gab es herz­li­che und ge­rühr­te Ver­ab­schie­dun­gen von ei­ni­gen al­ten und vie­len neu­en Freun­den. Ich konn­te auf ei­ne gan­ze Rei­he von schö­nen und rei­chen Ta­gen zu­rück­bli­cken, in die kein ein­zi­ger Miß­ton ge­fal­len war. Beim Nach­sin­nen muß ich es als ei­nen Ver­lust be­zeich­nen, daß es mir nicht ge­ge­ben oder ge­lun­gen war, die vie­len hier an­ge­knüpf­ten Fä­den her­nach in­ni­ger und man­nig­fal­ti­ger in das Ge­we­be mei­nes Le­bens zu flech­ten.

Ab­schied. So war nun die Stun­de des Schei­dens von dem gast­li­chen Ka­li­for­ni­en und den vie­len al­ten und neu­en Freun­den ge­kom­men, die ich dort wie­der­ge­se­hen und ge­fun­den hat­te. Herz­li­cher und et­was ge­rühr­ter Ab­schied wur­de ge­nom­men. Bei­der­seits fühl­te man leb­haft, daß die ge­ho­be­ne Stim­mung der er­leb­ten Fest­ta­ge sich zwar auf die Dau­er nicht fest­hal­ten ließ, daß sie aber doch als er­heb­li­cher Ge­winn auf der Glücks­sei­te des Le­bens­bu­ches ein­zu­tra­gen war.

Gleich­zei­tig hat­te ich, nach­dem ich bis­her al­le mei­ne Ame­ri­ka­ni­schen Er­leb­nis­se un­ter freund­schaft­li­cher Ob­hut hat­te durch­ma­chen kön­nen, zum ers­ten Ma­le al­lein mei­ne wei­te­ren We­ge zu­rück­zu­le­gen. Das war frei­lich nicht be­son­ders schwie­rig, denn der ge­wähl­te Zug, der schnells­te, wel­cher ver­kehr­te, ging in drei Ta­gen glatt bis Chi­ca­go durch und ich hat­te mir ein Son­der­ab­teil ge­nom­men, um die be­vor­ste­hen­de An­stren­gung so güns­tig wie mög­lich zu über­ste­hen. In Chi­ca­go er­war­te­te mich Pro­fes­sor Alex­an­der Smith, ein be­son­ders nach der un­ter­richt­li­chen Sei­te in­ter­es­sier­ter und be­gab­ter Fach­ge­nos­se, den ich zwar noch nicht per­sön­lich, wohl aber brief­lich ken­nen ge­lernt hat­te. Und von dort konn­te ich ge­ge­be­nen­falls in un­un­ter­bro­che­ner Fahrt nach New York ge­lan­gen.

Die drei Ta­ge quer durch den Welt­teil ver­gin­gen oh­ne je­de Stö­rung durch Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten der An­schlüs­se, wenn auch nicht oh­ne ei­ni­ge Ver­spä­tung. In den bei­den Wüs­ten war es heiß ge­nug, aber doch nicht mehr so heiß, wie zwei oder drei Wo­chen vor­her. Mir war das Al­lein­sein mit mir selbst nach die­ser men­schen­er­füll­ten Zeit sehr will­kom­men, um mei­ne Er­in­ne­run­gen zu ord­nen und die Sum­me des­sen zu zie­hen, was die­se son­ni­gen Ta­ge mir ge­bracht hat­ten. Es gab noch ei­nen be­son­de­ren, wenn auch nur for­ma­len An­laß zu ei­ner sol­chen Selbst­ab­rech­nung. Denn als ich bei mei­ner Ab­rei­se das Da­tum fest­ge­stellt hat­te, war mir auf­ge­fal­len, daß ich mei­nen fünf­zigs­ten Ge­burts­tag fern von al­len be­kann­ten Men­schen im Ei­sen­bahn­wa­gen ver­brin­gen wür­de. Bei­na­he hät­te ich in­des­sen ver­ges­sen, mich dar­an zu erin­nern, als der Tag wirk­lich ge­kom­men war.

Es er­gab sich, daß neue Ge­dan­ken, die mich et­wa ver­an­las­sen konn­ten, das Steu­er mei­nes Le­bens­schiffleins um­zu­le­gen, sich mir nicht dar­ge­bo­ten hat­ten. Zwar hat­te ich vie­ler­lei Neu­es und In­ter­es­san­tes ge­se­hen und er­lebt. Es war aber nichts dar­un­ter ge­we­sen, was die tie­fe­ren Grün­de mei­nes We­sens be­rührt hät­te. Ins­be­son­de­re war ich we­der ein Ame­ri­ka­ner ge­wor­den, noch hat­te ich Lust be­kom­men, ei­ner zu wer­den. Es hat­te nicht an An­deu­tun­gen ge­fehlt, die sich auf die Her­stel­lung ei­nes künf­ti­gen en­ge­ren Zu­sam­men­han­ges mit je­nen Krei­sen be­zo­gen. Ich hat­te aber aus­wei­chend ge­ant­wor­tet, nicht aus tak­ti­schen Grün­den, son­dern weil ich durch­aus nicht den Ein­druck hat­te, dort für mei­ne Be­stre­bun­gen und Idea­le ei­nen bes­se­ren Bo­den zu fin­den, als er mir in Deutsch­land zur Ver­fü­gung stand. Da­bei se­he ich ganz ab von den Schwie­rig­kei­ten, die mit mir zu­sam­men­hän­gen­de Fa­mi­lie nach den neu­en Ver­hält­nis­sen zu ver­pflan­zen. Es gab in Ame­ri­ka über­all noch so viel zu tun, um die Zu­stän­de bis zu dem Punkt zu ent­wi­ckeln, von wo aus schöp­fe­ri­sche Neu­bil­dun­gen mög­lich wa­ren, auf die es mir doch an­kam, daß ich für den Nut­zungs­wert mei­ner Be­mü­hun­gen ei­nen viel klei­ne­ren Be­trag vor­aus­se­hen konn­te, als ich in Deutsch­land er­ziel­te. Frei­lich nicht mehr als Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor.

Wie­der Chi­ca­go. In Chi­ca­go emp­fin­gen mich der Kol­le­ge Smith und der As­tro­nom Ha­le, der mich per­sön­lich ken­nen zu ler­nen und mir sein Ob­ser­va­to­ri­um, die Yer­kes-Stern­war­te in der Nä­he von Chi­ca­go zu zei­gen wünsch­te. Ich wur­de nach aus­gie­bi­gem Ge­dan­ken­aus­tausch mit Smith von die­sem dem As­tro­no­men über­ge­ben und ver­brach­te mit ihm ei­nen un­ge­mein an­ge­reg­ten und lehr­rei­chen Tag. Ha­le de­fi­nier­te sich selbst nicht als As­tro­no­men im ge­bräuch­li­chen Sin­ne, son­dern als Phy­si­ker, mit der Be­son­der­heit, daß er sei­ne Ver­suchs­ob­jek­te, die Son­ne und die Ster­ne, auf op­ti­schem We­ge in das La­bo­ra­to­ri­um trans­por­tie­ren müs­se.

Hier­zu hat­te er ei­ne gan­ze An­zahl ge­schick­ter, ja ge­nia­ler Mit­tel er­dacht und ge­schaf­fen. Wie die meis­ten Stern­war­ten war auch die sei­ne mit ei­ner fein­me­cha­ni­schen Werk­statt ver­bun­den. Ich hat­te ver­schie­de­ne der­ar­ti­ge An­stal­ten be­sucht und ge­fun­den, daß der Mann an der ers­ten Dreh­bank im­mer ein Deut­scher war. So auch hier. Die Ame­ri­ka­ner ha­ben, wie mir Ha­le er­klär­te, nicht die Ge­duld, sich die nö­ti­ge Ge­schick­lich­keit und Si­cher­heit der Hand zu er­wer­ben. Das Ver­hält­nis zwi­schen Lehr­lings- und Meis­ter­zeit hier­bei er­scheint ih­nen zu un­güns­tig es »zahlt nicht«, wäh­rend beim Deut­schen der Be­sitz die­ser Ge­schick­lich­keit sein Stolz ist, al­so ei­nen be­deu­ten­den mo­ra­li­schen Wert ne­ben dem wirt­schaft­li­chen dar­stellt.

Bei Ha­le fand ich je­ne sel­te­ne Ver­bin­dung wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Scharf­sinns, die mir das Ide­al des Na­tur­for­schers dar­stellt, dem ich mei­ner­seits wäh­rend mei­nes gan­zen Le­bens nach­ge­strebt ha­be. Wir hat­ten ein­an­der da­her sehr viel zu sa­gen, wo­bei ich mich durch­aus als der auf­neh­men­de Teil fühl­te. Es hat sich dar­aus ein freund­li­ches Ver­hält­nis ent­wi­ckelt, das mir von gro­ßem Wert war und ist. Selbst als der Welt­krieg fast al­le Be­zie­hun­gen zu den ame­ri­ka­ni­schen Mit­ar­bei­tern und Freun­den zer­stört hat­te, haupt­säch­lich in­fol­ge ei­nes von Genf aus ge­gen mich un­ter­nom­me­nen Ver­le­um­dungs­feld­zu­ges, des­sen Lü­gen drü­ben oh­ne Prü­fung als Wahr­hei­ten auf­ge­nom­men wur­den, hat Ha­le durch dau­ern­de Zu­sen­dung der Schrif­ten sei­ner An­stalt – er hat­te in­zwi­schen ei­ne neue Stern­war­te in Ka­li­for­ni­en auf dem Wil­son­ber­ge nach ei­ge­nen, ge­nia­len Plä­nen er­baut – den Zu­sam­men­hang auf­recht ge­hal­ten, zum Zei­chen, daß er das mir da­mals ge­schenk­te Ver­trau­en sich nicht hat er­schüt­tern las­sen.

Von Chi­ca­go reis­te ich oh­ne Auf­ent­halt nach New York und konn­te dort schon am fol­gen­den Ta­ge mit dem schnells­ten trans­at­lan­ti­schen Damp­fer »Kai­ser Wil­helm« nach Hau­se fah­ren, wo­hin mich ein all­mäh­lich stark an­ge­wach­se­nes Heim­weh zog.

 

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