„Weltstadt“-Panorama

 

Cafe Stehely (1831)

Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur bekommen kann -ganz gewiss, oder man muesste sich taeuschen in dieser stummen Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier und neidischem Blick zusammentraegt, ihn mit der Linken sichert und mit der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen Gesichtszuege haelt. Die Eisenstange und das Schloss des Journals scheint mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln -wer wuerde hier seinen Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches Heer koennte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch wuerde die Geschichte vortragen, man wuerde auf den Druck warten und auch dann noch ein Exemplar durch aller Haende wandern lassen – fast in der Weise, wie in Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit dem troestenden Zuruf, man wuerd‘ es ja morgen gedruckt lesen.

Stehelys Besucher bilden natuerlich zwei Klassen, die Jungen und die Alten, mit der naeheren Bezeichnung, dass die Jungen ans Alter, die Alten an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt; diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen Stellungen des preussischen Staats, den Fuessen der Elsler, den Koloraturen der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor dem Gespraech dieser alten Gecken moechte man sich die Ohren zuhalten, oder in die einsamere Klause des letzten Zimmers fluechten. Schon wenn sie angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste Ohr erspaehen koennte. Triumphierend rufen sie um die „Staatszeitung“, forschen nach den privatoffiziellen Erklaerungen eines H., v. R., v. Wsn. Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der „Allgemeinen Zeitung“, die ja wohl der Ausdruck der Berliner oeffentlichen Meinung, als wenn es eine solche gaebe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der „Posener Zeitung“ gestaerkt haben, fallen sie uebers Theater her und man muss sie verlassen. Ihnen am naechsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und Referendare, die sich dadurch unterscheiden, dass die einen viel sprechen und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben den Uebergang zu den schon vorhin bezeichneten Juengeren, auf die wir unten des breiteren zurueckkommen muessen.

Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein Bild der Berlinerei vorzufuehren. Man verlasse das Lokal und bei jeder Aussicht wird man fuer sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere Zuege finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die ausserdem, dass sie eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen Fallschirm zur Sicherheit traegt, erhebt sich die stolze Vorderseite dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das geschmackloseste Anhaengsel einer kappenfoermigen Kuppel, die doch das Wahre an dem ganzen Laerm ist in ihrer sonntaeglichen Bestimmung. Wiederum vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus dem 16ten und 17ten Saekulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten der Aufklaerung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich wieder in diesen leeren Waenden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuss in die Hoehe glaetten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so haelt es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein uebertuenchter ist …

Cholera in Berlin (1831)

… Im gegenwaertigen Augenblick beschaeftigt uns am meisten die seit dem ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter Journaliere erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die naeheren Umstaende des ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluss fast balladenartig. An die Moeglichkeit, dass die Cholera nach Charlottenburg (eine halbe Meile von Berlin) kaeme, hatte man nicht gedacht, der Hof hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl ploetzlich von dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer. Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmaenner, die zur Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in dem stolzen Bewusstsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die Waerter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr man, dass bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun dieser mit der Spree in Beruehrung gekommen ist, will man weder Fische noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurueckgekehrt, und soviel man weiss, wird sich der Koenig auf die Pfaueninsel bei Potsdam begeben.

Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers, gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21 gestorben sein. Man klagt ueber die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der hiesigen Aerzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Maenner aus den infizierten Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt noch nichts bekannt geworden. Die oeffentliche Stimmung ist bis jetzt noch so ziemlich gemaessigt, doch sind Vergnuegungsoerter gegenwaertig weniger besucht, und das Raffen nach Praeservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken gaenzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht berechnen.

Alte Bauten – neue Bauten (1832)

… In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militaerischen Ruestungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats reicher gefuellt als gegenwaertig. Berlin war in zunehmender Verschoenerung begriffen; die Auffuehrung vieler oeffentlicher Gebaeude liess ebensosehr den Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die Vorsicht loben, die einem grossen Teile unserer Proletairs eine reichliche Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute ueber, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes Stadtquartier vergroesserte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane gegenwaertig still. Die beiden oeffentlichen Bauten, an die in diesem Augenblick allein gedacht wird, sind die voellige Umgestaltung des sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers fuer die ankommenden Kaufmannsgueter, und ein kuenftiger Neubau der Bauakademie. Wer in Berlin gewesen ist, weiss, dass er, um vom Schlossplatze nach der Jaegerstrasse zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch engste Passage, die Werderschen Muehlen, die Schleusenbruecken, die Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden muss. Spaeter wird diese unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Bruecke wird rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem Packhofgebaeude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei einem solchen Projekt die Besitzer jenes Haeuserwinkels von der Niederlagstrasse bis zur Bruecke, verlieren aber muss die kleine, winzige Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer grossartigern und freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird.

Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwaertige Zustand dieses Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst so bluehende Anstalt ist gegenwaertig durch die Eroeffnung neuer Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung des Hrn. Beuth, unsers kuenftigen Handels- und Gewerbeministers, immer mehr hebt, in die tiefste Zerruettung gesunken, so dass die Zahl der an ihr angestellten Lehrer der der Schueler gleichkommen mag. Darum bleibt vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgefuehrt….

Dom, Schauspielhaus – „Sechserbruecke“ (1840)

Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses gewaehrt, auf eine Ueberfuelle von grossen Gebaeuden, die die Gegend von dem Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwuerdigsten Plaetze Europas machen. Stoerten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des grossen Turms! Neben einer grossen Kuppel, die schon an sich unwesentlich ist, da sie fuer das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur als blosse architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort gehoeren diese kleinen Tuerme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen angebracht, dass sie schon dadurch etwas fuer die dortige heilige Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel Russisches in der Politik und den Militaeruniformen nachahmte, wollte man auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den groessern Turm der Kirche zwecklos und unschoen hinzustellen. Ueberhaupt wuerden die Gebaeude der Residenz mehr kuenstlerischen Wert haben, wenn Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten Kuenstlerstolz besaesse, der ihn verhindert haette, Aenderungen seiner urspruenglichen Bauplaene hinzunehmen. Eine hoehere Hand, deren Munifizenz allerdings ruhmvoll anerkannt werden muss, strich ihm bei vielen seiner vorgelegten Bauplaene meist immer das Charakteristische und Kecke weg. Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschiessende Tuerme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in Kunstsachen unbequemen Sinn fuer das Bequeme, Bescheidene, Zurueckhaltende weggewuenscht. Es ist nicht ruehmlich fuer Schinkel, dass er bei seinen zahlreichen Baugrundrissen dem Kuenstlerstolz so viel vergeben hat.

Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erlaeuterungen zu seinen Bauten auch alle die Umstaende angefuehrt, die ihn bewogen, dem Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem oeffentlichen Gebaeude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang benutzt wird, wenn man auf einer grossen Freitreppe Gras wachsen sieht, so regt sich unwillkuerlich das Gefuehl, das Unbenutzte auch fuer eine Ueberladung zu halten. Doch moegen die Kenner ueber den aeussern architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht Schinkels, hat ganz jenen gedrueckten Miniatur- und Privatcharakter, den ein Haus, das frueher Nationaltheater hiess, nicht haben sollte. Es waere vielleicht nicht noetig gewesen, dies Theater groesser, als fuer 1200 Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Raengen. Man weiss an einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine Uebersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium moeglich, so dass man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen muss. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrueckt ist, zweierlei verloren. Einmal eine groessere gesellschaftliche Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der eine dem Auge des andern entzogen ist, so faellt der Charakter einer geselligen Zusammenkunft, der so oft fuer eine schlechte Vorstellung Ersatz geben koennte, in diesem Theater gaenzlich weg. Man kann Bruder und Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme dieser winkeligen Bauart ist, dass sich das Publikum nicht als solches bildet. Publikum heisst eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und das Bewusstsein einer Korporation dem Spiel gegenueber zu behaupten weiss. Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht, wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Ruecken des andern angewiesen ist, da kann auch keine Totalitaet des Urteils stattfinden; jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die richtige Wuerdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt, dass Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, dass die Lokalitaet dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und auszubilden….

Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe fuehrt eine Bruecke auf den Schlossplatz. Diese Passage ist nur fuer ein kleines Brueckengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Buergerliche zahlt am Ende der Bruecke eine Kleinigkeit. Das Militaer ist frei. Warum? Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen und von der Bedeutung dieses Brueckengeldes schwerlich eine Vorstellung haben. Es wuerde ein ewiges Zurueckweisen sein, Haendel geben und deshalb laesst man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man nicht annehmen, dass diese eine so kleine Verguenstigung verschmaehen und mit echtem point d’honneur da nicht frei voruebergehen werden, wo eben eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein General geht mit einem Buergerlichen hinueber: Der Buergerliche bezahlt, der General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefuehls wahrender Stand, das preussische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewoehnen kann, von einer winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, dass er in der Tat von jener Verguenstigung Gebrauch macht. Waer‘ ich Offizier, ich wuerde es fuer beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer Steuer dieser Art, die den Aermsten trifft, mich zu befreien.

Ich schliesse daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas Urspruengliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht, dass eine in diesem Punkte sehr zartfuehlende Menschenklasse dennoch in einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewoehnung abhaengen kann und wie leicht wir ueber etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten wuerde, hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird?

Blumenausstellung in Stralow (1840)

Was rennt das Volk? Was stroemt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde musst‘ ich mit meinem Wagen Queue machen, eh‘ ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte. Schon aus weiter Entfernung, mehre Strassen vorher, riecht man die von Hyazinthen parfuemierte Luft. Tausende von Menschen draengen sich in grossen, feldaehnlichen Gaerten und bewundern ungeheure Anlagen von Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den buntesten Schattierungen abloesen, ja sogar grosse, riesige Figuren zu bilden, z.B. einen Floratempel, ein „eisernes Kreuz“ und dergleichen Zusammenstellungen. In Harlem koennen nicht groessere Blumenmassen beisammenstehen. Indessen gerade dies Hollaendische ist abstossend. Man wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen missbraucht, hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbstaendige, das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren.

Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne Schatten schreckt sie bei der gluehendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse zieht man ein Los, zahlt dafuer 5 Silbergroschen und gewinnt gewoehnlich nur einen Strauss, den man auf dem Gensdarmenmarkt fuer 4 Pfennige kauft. Was liesse sich unter dem Titel „Die Blumenverlosung“ nicht fuer eine huebsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel „volkswitzige“ Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Spaesse fuer die Koenigsstaedter Buehne? Herr Glassbrenner schreibt kleine Broschueren, worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und gemeinsten Berliner Jargon ueber das Hundertste und Tausendste unterhalten laesst; nein; auf der Buehne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze bewaehrt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so willkommnes Menschengeruest, auf welches man die drolligsten Erfindungen haengen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der gruenen Gaertnerschuerze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend. Er entfaltet die Nummer: „Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger einer neuerfundenen Pflanze, die erst kuerzlich auf der Pfaueninsel entdeckt und aus Amerika hier eingefuehrt wurde.“ Die Dame sagt: „Mein Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt.“ Darauf muesste Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln. Zum Schluss koennte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus?

Notizen (1841)

Ein Pietist Unter den Linden

Nach einigen sehr staubigen, schwuelen Tagen hatte es endlich geregnet. Der schoenste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die Linden. Am Palais des verstorbenen Koenigs tritt mich ein Mann mit einem Orden im Knopfloche an: „Schoenes Wetter.“ „Schoenes Wetter.“ „Das macht Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz haette das nicht machen koennen.“ „Schwerlich.“ „Und der Herr ist allerwegs maechtig und gross ist sein Name, ja gross in Ewigkeit.“ „Amen!“ Der Fremde begann hierauf mit kraeftiger Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung ueber die angeborne Suendhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem mir gaenzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger Ungeduld: „Ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen?“ „Vollkommen!“ „Halten Sie mich fuer einen Schwaermer?“ „Ich hoere den Laerm, sehe aber kein Licht.“ Diese Antwort von dem schlichten Spaziergaenger war dem Bekehrer unerwartet. Er sah mich gross an und ging. Zu Hause fand ich in der Rocktasche einen Busstraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.)

Die Kandidaten der vakanten Aemter

Einen ruehrend-komischen Anblick gewaehrt an jedem Morgen in den ersten Fruehstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstrasse bis zur Leipziger Strasse hin. Das ist naemlich die Zeit, wo die Kandidaten aller vakanten und nicht vakanten Aemter, die Kandidaten aus allen moeglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfaechern den maechtigen Ministern und Raeten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet, mit weisser Binde um den Hals, schiessen sie an dir vorueber, ploetzlich stehen sie still, ueberlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, naehern sich der verhaengnisvollen Tuer, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschluss. Andere wollen eben von der Rechten an die Tuer eines Hotels treten, da begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle vakant! Jeder bildet sich ein, so frueh zu kommen, dass er den maechtigen Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber – entsetzliche Taeuschung – schon ist das ganze Vorzimmer gefuellt und die eine Lebensfrage, auf deren Loesung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den Lebensfragen von dreissig anderen Menschen, in den Hoffnungen von ebensoviel anderweitigen Braeuten! Geoeffnet ist hier die geheime Werkstatt unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gaenge, die der Fuchs oft schneller durchgraebt, als der still arbeitende Bergmann – ein Anblick, zugleich komisch und zum Weinen!

Sommertheater in Steglitz

Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen der Journale und den maessigsten Erwartungen zurueck! Ref. hoffte, ein niedliches, von Holz und Backsteinen aufgefuehrtes, der Wuerde Berlins entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser als eine Scheune, mit langen hoelzernen Baenken und einem Rang, der nichts als eine Galeriebruestung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist unertraeglich und verlaesst man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich, in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft und Flaeche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder. Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so haette man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein Sommertheater ist nur unter freiem Himmel geniessbar oder es sei denn, dass ein steinerner Bau die ersehnte Kuehlung spendet. Dass eine so armselige Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert.

Berliner Volkscharakter

Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele einer seinem aeussern Umfange auch innerlich entsprechenden Grossstaedtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle, gesellige, werden in groesserem Stile als frueher ausgefuehrt. Manches, was noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschaeftigen konnte, wird jetzt verachtet, z.B. die Trivialitaet der sogenannten Berliner Volksliteratur, die in „Herrn Buffey auf der Kunstausstellung“ den Gipfel des Unsinns und der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Koenigstaedtschen Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der luegenhaften Verballhornisierung des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in „Berlin – wie es isst und trinkt“ gezeichnet findet, tritt allmaehlich wieder das urspruengliche Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmuetigkeit, Freude am neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen Auszeichnung, sinniger Genuss der sparsamen, aber oft anmutigen Schoenheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewiss noch einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat.

Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)

Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin veruebten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen sich einer so originellen Organisation, dass die Polizei manchen Bewohnern anzeigen kann, sie wuerden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage wachen die Gewarnten: Am fuenfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen. Ein Artikel der „Vossischen Zeitung“ erzaehlt, dass nachts in den besuchtesten Strassen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen werden. Wenn man diese sich taeglich wiederholenden kriminalgerichtlichen Anzeigen liest, muss man glauben, Berlin wuerde zum grossen Teil von einer ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt.

Ehe man aus diesem Gefuehl gaenzlicher Unsicherheit, das gegenwaertig in Berlin allgemein herrschen soll, einen Schluss auf die sittlichen Zustaende der norddeutschen Hauptstadt macht, muss man so gerecht sein, einige Umstaende mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort bestohlen, glaub‘ ich ueber diesen Gegenstand, der nachgerade die Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschaeftigen muss, eine Stimme zu haben.

Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die Einrichtung der Haeuser. Die Zahl der Nachtwaechter ist viel zu klein. Diese „Schnurren“ sind alte ausgediente Militaers oder sonstige Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast nur pro forma versehen. Die Nachtwaechter in Berlin sind oft hinfaellige Greise. Mit einem spaerlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Ertraegnissen eines Privilegiums, das man in fremden Staedten kaum fuer moeglich halten moechte. Der Berliner Nachtwaechter hat ein Bund von hundert Hausschluesseln am Leib haengen und schliesst jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste beste Haus einzutreten wuenscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man sieht, dass es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als in Berlin.

Das Revier des Nachtwaechters ist zu geraeumig. Er hat mehr Strassen unter sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschaeftigt, kuemmert ihn das Strassenleben sehr wenig. Er horcht nur, dass man ihn ruft, um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Baecker, die Brot zu backen haben. Die Rundgaenge durch die Strassen werden ohne Aufmerksamkeit abgemacht. Der schuetzende „Kellerhals“, hinter dem er ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so kuendigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich waehrend seines Voruebergehens zu zerstreuen.

Berlin muss die Zahl der Waechter verdreifachen und sie unter eine militaerische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Waechter sind eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des Eigentums.

Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, dass die Berliner Haeuser sich des Nachts jedem beliebigen Besucher oeffnen, so ist der Hausfriede am Tage nicht gesicherter. In Paris hoert man viel von Betruegereien in den Kauflaeden, von Betruegereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in seinem Lexikon auffuehrt, aber wenig von Diebstahl oder gar naechtlichem Einbruch. Berlin ist eine grosse Stadt geworden und war urspruenglich nur auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Strassen sind weitlaeufig, die Reviere entlegen, die Haeuser sind meist zweistoeckig und nur von einigen Familien bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht, da dafuer die Haeuser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein- und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugaenglich. Den ganzen Tag reisst das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist froh, sich auf seine Zimmer abschliessen zu duerfen und kuemmert sich nicht um den Nachbar, bei dem man, waehrend nebenan Gesellschaft ist, alles ausraeumen kann. Waehrend mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer ausgeraeumt wurde, sass meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den „Beobachter an der Spree“ und strickte Struempfe.

Laesst sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine Veraenderung treffen, so wird doch darum die erhoehte Wachsamkeit der Behoerden um so dringender. Ohne eine neue Waechter- und Patrouillen- Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen.

Dieser Gegenstand laesst aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher diese sittliche Verwahrlosung, von der wir taegliche Belege erfahren? Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Strassen ging, Harun Al Raschid wuerde darueber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese Beobachtung an Bagdad gemacht haette.

Es ist wohl moeglich, dass nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme Waechter- und Haeuserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und doch steht es fest, dass Berlins Unsicherheit groesstenteils aus seinem eignen Schosse entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies aus. Es ist ein betruebendes Gestaendnis, das man sich nicht ersparen darf: In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralitaet frisst wie ein Krebs um sich. Die Familien sind zerruettet, zu der Armut und Brotlosigkeit gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner eigene Keckheit und Verwegenheit steigert das Geluest zum Entschluss, den einmaligen Entschluss zum immerwaehrenden Handwerk; die Zuchthaeuser liefern die Verbrecher nicht gebessert zurueck, sondern in kurzem sieht sich die richterliche Gewalt genoetigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fuenf Jahre umsonst gesessen.

Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des Volkes. Die Fruechte derselben reifen erst in spaetern Jahren. Man wird fuer Berlins gegenwaertige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern suchen duerfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler muss zu den Mitteln fuehren, sie kuenftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu befoerdern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung sagen.

Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel wuerdiger oeffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergnuegungssucht. Auch Wien ist ohne oeffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte Vergnuegungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches Sachverhaeltnis, dessen schaedlichen Einfluss auf die Sittlichkeit ich beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein Vergnuegen ist durch Ueberlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik, Tanz, Theater, heitere Ausfluege in die schoenen Umgebungen. In Berlin isoliert sich alles. Keine oeffentliche Vergnuegung befriedigt und so entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen Gesellschaften, diese Kraenzchen, dies Jagen nach „Privatvergnuegen“, dies Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Kraefte der Familien ueberbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenbaelle verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden stuerzen, die Leihhaeuser fuellen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reisst die Maenner in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr ihres Gewissens maechtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von Kellerstuben zu einem glaenzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in Szene setzen.

Muss man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muss man vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen hab‘ ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet, nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der oeffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schoepfungen beschaeftigen muesse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den Acker, den man beernten will, auch zu besaeen. Hier ist ein neues Ziel, das eine solche Institution sich stecken muesste. Zerstoert diesen Isolierungstrieb! Bindet die Menschen fuer ihre Vergnuegungen aneinander! Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges, etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was koennte Berlin Ersatz geben fuer den Mangel einer heiteren und zerstreuenden Natur? Was koennte diese Tausende von gedankenlos zum Tor hinauswandelnden Sonntagsspaziergaengern vereinigen? Was kann das Innere der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man heimkehrt und nicht in seine vier Pfaehle rueckkehren will? Denkt doch darueber nach, ihr philosophischen Staatsmaenner, die ihr jetzt in Berlin das Ruder in Haenden habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoss zu beteiligen. Ehrt die Neigung zur Oeffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehaessig war, oeffentliche Aufzuege; lasst die Menschen sich menschlich austoben, dann werden sie nicht in die Kellerloecher kriechen und es tierisch tun. Eines der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen mitteilte: „Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelueste der niedern Volksklassen ab.“ Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die Moralitaet, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen Koenig ganz jenen Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens fuer Berlin ist, das Koenigsstaedter Theater hat zwischen Nestroys Possen und der glaenzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt und die Preise der Plaetze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist in Berlin eine kuenstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden Verbindung steht. Entweder muss man in Berlin die Hofbuehne entschieden zur Volksbuehne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines fuer die Gegend nach dem Koepenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des neuen Hamburger Tores. Nur vorlaeufig zwei solcher Theater, gut beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stuecke voellig freigegeben, mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natuerlich mit Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, koennten den auffallendsten Einfluss auf die Sittenverbesserung Berlins haben.

Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion. Fuer die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in Berlin hinlaenglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen Regierung ihr Schulwesen nachgeruehmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache, dass Kenntnisse an und fuer sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie befoerdern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein sittlicher Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben sehr ernst betrieben. Das „Eingesegnetwerden“ ist ein mehr buergerlicher, als geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu gross und dem Geistlichen fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende Beaufsichtigung seiner Gemeinde. Sie ist bei einer so grossen Stadt und der Freiheit vom Beicht- zwange schwer oder ganz unmoeglich. Tun nun die Kirchen ihre Pflicht? Wird die Religion so gepredigt, dass sie veredelnd und tief in die Sittlichkeit des Volkes eingreifen kann?

Das ist denn wiederum ein wichtiger und ausserordentlich schlagender Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben. Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben koennte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise gepredigt, die hoechst beseligend, hoechst beglueckend auf einen Einzelnen wirken kann. Es gibt wahre Froemmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen, in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in denen ein warmes, fuer den Himmel laeuterndes Christentum sicher mit dem trostreichsten Erfolge fuer das Glueck vieler Familien gepredigt wird. Aber was kann auf unsere Zeit der Pietismus im grossen und ganzen wirken? Ein Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Raeudigen anzulocken? Haben wir gesehen, dass in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie Couard, Strauss, Arndt haben einen grossen Zulauf, aber nur von glaeubigen Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von solchen, die erst fuer seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht nicht in diese Kirchen. Sie wuerde gehen, wenn dieser theologische Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid flicken, nicht jungen Wein in alte Schlaeuche fuellen, sondern ein ganz neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religioesen Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwaehlten findet und so ist in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen Volkslebens, aus Ueberreligion ohne durchgreifende Wirkung.

Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluss auf die Sittlichkeit einer Nation zu geben, muss es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muss mit schlichter Einfachheit und ueberzeugender Waerme auf die moralischen Grundwahrheiten zurueckgefuehrt werden. Ein protestantischer Staat kann fuer seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefuehlvoll und beredsam vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten moegen Koerner, Tiedge und aehnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik sehr schoen und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge verloren, waehrend sie einem Gemeinplatze zujubelt. So moegen die Denker und Gefuehlsmenschen im Christentum die tieferen Bezuege ansprechen und beschaeftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefuehligen Grundwahrheiten. Wer mir Prediger sein wollte, duerfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie, mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der ueblichen pietistischen Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Haette man in Berlin geistvolle und beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Boeckel in Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in Gotha, haette man statt einer Clique junger Kopfhaenger eine Schule wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner gestiftet, die Kirchen wuerden ueberfuellter und die Gefaengnisse leerer sein.

Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel ist gewiss, er will seine Laender im grossen Stil regieren. Hier waere denn Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schoepfungen.

[Nachtrag:]

In dem Aufsatz: „Berlins sittliche Verwahrlosung“ hat man es auffallend gefunden, dass von einem zweiten und dritten Grunde dieses Uebels die Rede ist, ohne dass des ersten erwaehnt wird. Der erste Grund war aus der Politik und der mangelnden Oeffentlichkeit unter dem vorigen Koenige hergeleitet, doch musste die naehere Ausfuehrung aus unmittelbar vor dem Druck des Blattes geltend gemachten Ruecksichten wegbleiben, deren Natur jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung des Artikels herzustellen.

Geist der Oeffentlichkeit (1844)

Berlin ist eine Weltstadt geworden. Frueher war Berlin nur eine grosse Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber in dieser aeussern Vergroesserung liegt der auffallende Fortschritt nicht allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht allein von Strassen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in der Zunahme eines Selbstbewusstseins, das sich mit einem grossen sittlichen Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist ueberraschend, wie sich die schlummernden Kraefte allmaehlich entwickelt haben. Von unten faengt das an und hoert oben, in idea1ster Hoehe, auf. Der Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang mit andern grossen Staedte-Entwickelungen gebracht, der ihm frueher fehlte. Frueher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und Schlesien. Der fruehere kleinstaedtische Geist ist gewichen, grosse Gasthoefe sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muss wenigstens seine Freude daran haben.

Was man in auswaertigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache, durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenueber. Es hat sich hier wirklich ein Geist der Oeffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar edle und wuerdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Draengen aber so maechtig ist, dass es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muss es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die vorlaeufige Volkstribuene, die Wissenschaft die vorlaeufige Politik. Wie das wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullitaet, heisst wenigstens Nullitaet, und jeder fuerchtet sie. Man hat angefangen, die Bedeutung eines oeffentlichen Charakters zu fuehlen. Die ruhmvol1sten Namen aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus der jungen. Unpopulaer zu sein, wagt niemand. Jeder muss einen Kreis von Gleichgesinnten um sich haben, er muss sich nach Anlehnungen umsehen. Kann er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat Salons im franzoesischen Wortsinne. Ich muss sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es mit Geldkosten verknuepft ist, in Berlin eine eigene Meinung zu haben. Man muss seinen offenen Mittwoch, seinen offenen Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, oeffentlicher Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms, mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muss wuenschen, dass sich diesen Gasstroemungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten moechte, ein Abzug ins oeffentliche, grosse Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen Bahn besonders des Ausbaues der staendischen Institutionen. Dies oder irgend etwas anderes muss erfunden werden, um diesem Wettkampf von Meinungen und Leidenschaften eine schoene hoehere Wahrheit zu geben und solchen Zerruettungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der traurigen Grimmschen Erklaerung, durch welche sich zwei beruehmte Namen um alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind.

Einige der auf der Reise empfangenen Eindruecke moegen in bunter Reihe hier wiedergegeben werden.

Am 29. Maerz beschloss Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum gehaltenen Vorlesungen ueber die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war fuenf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte sich so ziemlich der groesste Teil des aesthetisch- produktiven Berlins, Dichter, Gelehrte, Musiker, Glaeubige und Pruefende, Hingegebene und Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein musste, dessen oeffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien der Redner. Ich fuehlte mich an die Vortraege von Edgar Quinet im College de France erinnert. Nur schade, dass sich Mundt zu sehr auf sein Heft verliess und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift, nicht mit freier Rede um so ueberzeugender darstellte. Die Waerme der Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten Gefuehle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdruecken, dass ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher spricht, als ein geschriebenes Heft.

Der Inhalt der Rede erweckte die waermste Teilnahme. Bot ihr Anfang demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschaeftigt hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf zu einem hoeheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene ruehrende Humanitaet, welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit sozialistischen Fragen beschaeftigten, hatte, man sah es, in des Redners Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse doktrinaere Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, dass in einigen weihevollen Momenten ein schoener Abglanz von Gemuet und Wehmut auf seinen Gesichtszuegen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, dass jetzt bei den Fortschritten der Volksbildung der Vater beschaemt von seinem aus der Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen koenne, ebenso geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgefuehrt.

Ueber manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und wuerdigte ihn nicht genug, trotzdem, dass er mit Achtung von ihm sprach. Er kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurueck. Poesie ist in der Sozialfrage ein gefaehrliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man dahin kommen, dass am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glueckseligkeit unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners Aeusserungen liessen mich fast besorgen, er haette das Thema der materiellen Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend, sehr zeitgemaess, ja sehr freimuetig und gegebenen Umstaenden gegenueber kuehn fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehoerten und die Ansicht vorauszusetzen schienen, man koenne Hungernde mit Sonnenlicht saettigen und Duerstende mit den Farben der Blumen traenken. Der Redner kannte die praktischen Schaeden, wollte sie heilen und wich wiederum dem praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf, der ohnehin auf einem Missverstaendnis beruhen kann, hat sich Mundt ein grosses Verdienst erworben, dass er in jener unmittelbaren Form, in der Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise Philosophie beschaemen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur Leichentuecher fuer das Leben spinnt …

Mysteres de Berlin? (1844)

Das ist gewiss charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Fruehgottesdienstes fuer Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunaechst machte, ein Jude (der Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen, bestreben sich hier, dem Ueberchristentum in die Haende zu arbeiten. Ein Fruehgottesdienst fuer Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was darunter zu verstehen ist. Man hat naemlich gefunden, dass die Droschkenfuehrer von frueh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen muessen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht gaenzlich verloren zu geben, laesst man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens bestellten „Droschkenprediger“ eine kurze geistliche Rede halten. Man glaubt, wenn man so etwas erfaehrt, in England oder Pennsylvanien zu sein. Diesem Fruehgottesdienst fuer Droschkenfuehrer muessen, wenn man konsequent sein will, noch diese Einrichtungen folgen:

Ein Fruehgottesdienst fuer Brieftraeger.

Ein Nachmittagsgottesdienst fuer Milchkarrenschieber; denn auch diese Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube, dass es wuenschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu gewoehnen; aber haette die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes ueberchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen andern Ausweg finden koennen? Wie nun, wenn man bei den Droschkenstaellen keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenfuehrer es moeglich gemacht haette, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr habt ein so grosses Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt fuer seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude, zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt dass also die hiesigen Ueberchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbuerger anwenden kann, wie er will, schluepfen sie ueber den Missbrauch des privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, dass kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig dafuer, dass ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium gepredigt wird! O ueber den frommen Kommerzienrat!

Wenn dem religioesen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die uebertriebene Heiligung des Sonntags kann foermlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand in den Gedanken vertieft, dass die Eisenbahnen an Sonntagen befahren werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivfuehrer deshalb nicht die Kirche besuchen koennen, wuerde man einem solchen Gemuet nicht zurufen muessen: Behuete dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religioese Fanatismus, der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprueche auf unsere vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanitaet so nahe, dass man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung, Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die Wartung der Kranken laestig und beaengstigend wird, dann muss man selbst gegen so an sich ehrenwerte Aeusserungen des ueberchristlichen Sinnes kalt werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie als rechten Glaubens erkennt; laestig und beaengstigend ist die Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Koerpers von der Verworfenheit unserer Seele redet.

Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtaetigen Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung gefallener Maedchen. Was man von letzterem hoert, laesst auf eine gesunde und tatkraeftige Ausfuehrung dieser an sich loeblichen Absicht nicht schliessen. Schon dass diese ungluecklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen einer sichern Besserung entgegen zu fuehren, so kann es nur der sein, sie auf eine moeglichst geraeuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken, dass der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die Tuer hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartaeuserartige Resignation zeigen muss, aber wie wenig Gemueter werden einer solchen Abtoetung des letzten Restes von Stolz faehig sein! Gerade das, was Ihr zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur das Samenkorn, aus dem sich eine neue Bluete des sittlichen Menschen erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Dass eine solche Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurueckbleibt und, statt gebesserter, dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es der Fall ist, beim geringsten verfuehrenden Anlass wieder in ihre alten Lasterwege zurueckfallen.

Nach allem, was sich hier beobachten laesst, sieht man, dass man die Uebel, an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fuehlt, weil sie sich zu unabweislich von selbst aufdraengen. Aber in den Mitteln, den gesellschaftlichen Schaeden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den Schaeden unmittelbar begegnen, statt dass sie nur da wahrhaft zu heilen sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel muss man entdecken und den Wurm toeten, der an der Wurzel nagt. Das Begiessen des welken Blattes an dem verkrueppelten Stamme fristet ihm eine Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber faellt es ersterbend ab, weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der Gesundheit ihm staerkend nicht zustroemt.

Theodor Mundt sprach in seiner kuerzlich erwaehnten Vorlesung von dem durchgreifenden Streben unserer Zeit nach „Glueckseligkeit und Vergnuegen“. Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Praemisse seiner fruehern Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenueber. Er ist wahr, er ist bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfaehigkeit der Armen. Am unersaettlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand. Glueckseligkeit und Vergnuegen ist mehr denn je die Devise des Berliners geworden. Die oeffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller Art haben sich reissend vermehrt. Die Strassenecken sind taeglich mit mehr als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung erfordern, unverhaeltnismaessig. Wer frueher nicht wusste, welches Gewerbe er treiben sollte, eroeffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu Anlagen von Kaffeehaeusern, Vergnuegungsgaerten, Konditoreien gesellt, die mit derselben Schnelligkeit aufschiessen, wie hier Mode-, Schnittwaren-, Kleiderhandlungen und Gewerbelaeden von solchen eroeffnet werden, die diese Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnuegungen dann jene Zustaende der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer im Anhange ihres Koenigsbuches hat schildern lassen – der Gegensatz ist schneidend.

Auswaerts fuehlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswaerts hat man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten Beduerfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung ploetzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen koennen. Ich gestehe, als ich diesen von allen Zeitungen fuer einen Feenpalast ausgegebenen Ort besuchte, konnte ich den stoerenden Gedanken, dass diese Schoepfung sehr mal a propos gekommen, nicht unterdruecken. Zum Glueck bleibt auch dieser „Feenpalast“ hinter seinem Rufe zurueck. Schon in der Ferne, wenn man durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine grosse Ziegelhuette aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und hervorspringenden Hausecken und fuehlt sich durch den ersten Eindruck eher abgestossen als angezogen. Dabei aergert man sich ueber die Idee, ein solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse Berlins, die Sandwueste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den Vordergrund; denn recht in den Mutterschoss dieses Staubes ist das neue Gebaeude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lueckenhaft, hoelzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt. Mit einem Blick uebersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnuegens. Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Moeglichkeit des Alleinseins. Die nackten weissen Holzwaende, mit Goldleisten zwar verziert und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhaenge, das ganze Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an den Maskenbaellen in der grossen Oper zu Paris ist nicht der grosse Tanzraum, sondern das bunte Gewuehl auf den Treppen, Korridoren, in den Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches Etablissement nicht; aber man muss hinzufuegen: Wenn man in Paris so oberflaechlich waere, zum blossen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine solche Unterhaltungsanstalt zu begruenden, so wuerde sie grossartiger, geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoss dieses Tempels der Langeweile befindet sich ein so genannter „Tunnel“, eine Lokalitaet zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London gefunden werden kann. Man glaubt, dass die „Mysteres de Paris“ hier ihren Anfang haetten nehmen koennen. Man glaubt den tapis franc zu betreten und sieht sich unwillkuerlich nach der Ogresse um. Aber auch die „Mysteres de Berlin“ koennten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine grosse Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage … Schade, dass sich originelle Koepfe nicht leicht entschliessen werden, in die Fussstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wuenschenswert, dass sich jemand der deutschen Zustaende so bemaechtigen koennte, wie Eugene Sue der franzoesischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte? Mysterien von Berlin muessten grelle Schlaglichter auf Deutschlands sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustaende fallen lassen, muessten die Fackel der Aufklaerung nicht nur in die Kellergewoelbe der Armut und des Verbrechens tragen, sondern auch in die truebe Daemmersphaere der Schein- und Ueberbildung, der Luege und Heuchelei….

Impressionen – z.B.: Borsig (1854)

Berlin waechst an Strassen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit einer Droschke von der Wilhelmstrasse zu den Linden fahrend, glauben, in Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die grosse Friedrichstrasse gleicht dann schon einer verlaengerten Graeberstrasse. Auf fuenf von der Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuss, einer auf dem Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der Stille einer grossen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stuermte vielleicht eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind.

Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmaessig vorrichten zu lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Muehe haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusoehnen: Laendlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiss hinter den Fortschritten der Zeit nicht zurueck, aber die Aermlichkeit der Zimmerausstattungen, das Gepraege der auf allen moeglichen Auktionen zusammengekauften Moeblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser, durch uebermaessige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fussboeden, stellt immer wieder die Aermlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge, ihren zentnerschweren Federpfuehlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und laesst sich’s an ihnen genuegen, wenn nur dafuer die Ausbeute an geistiger Anregung desto belohnender zu werden verspricht.

Regen und Schnee, Sturm und Kaelte lassen die grossen Schmutzflaechen der Berliner Plaetze und Strassen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Strassenkehrer eine ganz eigentuemliche breiige Masse zusammen, ein fuenftes Element, das bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen Plastik aus Strassenkot moeglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der fluessigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel stuendlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta fuer Eichlers plastisches Kabinett bilden liesse? An Ordnung in der Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Strassenecke der belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der preussischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im Helme des Kriegers fuer den oeffentlichen Frieden sorgt. Man haette aber die Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der Ehre, ihn tragen zu duerfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher gluecklicherweise wieder ausgeschlossen.

Eine in die Augen springende Verschoenerung der Stadt, die sie seit einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen Standbilder auf den grossen Granitwuerfeln der Schlossbruecke. Wohl ueber zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer kuenftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Loewen, beruehmte Divisionsgenerale und bewaehrte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist „Das Leben des Kriegers“ daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob die vielen Klagen ueber allzu grosse Natuerlichkeit dieser Gruppen einen Grund haben, laesst sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer beurteilen. Das Schneegestoeber verdeckt alle Aussicht, der durch die einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fussboden ist zu nass, um irgendwo bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu koennen, der sich ueber diesen weissen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es scheint gewoehnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkaempfer bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen einiges Mitleid haben, man darf annehmen, dass sie frieren; denn zu ersichtlich sind sie nach Modellen der schoensten Grenadiere vom ersten Garderegiment gemeisselt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine gewohnte, sondern nur ein zufaelliges Ausgezogensein bei einem gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die allgemeine Militaerpflicht, die ein- und dreijaehrige Dienstzeit, die Manoeverzeit und ein mobilisiertes Ausruecken nebst endlicher Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende Allegorie. Die uebergrossen Fluegel der Viktorien sind schon fuer die Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdaechtig. Man hat diese Fluegel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp neupreussisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands hueten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen und auch sonst schon in die gewoehnlichen Verzierungen der Stadt uebergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekraenzung der Krieger immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfuellenden modernen jungen Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geaeusserte Wunsch, ihnen warmhaltende Maentel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz unmotiviert. Nur ueber die allzu natuerliche Wiedergabe der Natur hat man sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die Granitwuerfel haben erst noch einen so ansehnlichen Ueberbau erhalten, dass eine junge Dame schon sehr neugierig sein muss, wenn sie, aus einer Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schlossbruecke ein Aergernis nehmen will …

Die Zunahme Berlins an Strassen, Haeusern, Menschen, industriellen Unternehmungen aller Art ist ausserordentlich. Auf Stellen, wo ich mich entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur gebaendelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses, trinkt Tee und unterhaelt sich ueber eine wissenschaftliche Vorlesung aus der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde bluehte, stehen jetzt grossmaechtige Haeuser mit himmelhohen geschwaerzten Schornsteinen. Die Fabrik- und Gewerbstaetigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt es z.B., einen von der Natur und vom Glueck beguenstigten Kopf, den Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behaebige Gestalt, in seinem runden Quaekerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen, um seine drei grossen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschaeftigt 3000 Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das grosse Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint. Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwaertig an der fuenfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, dass er sich von den gluecklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Foerderung der Kunst gedrungen gefuehlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem Koenige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine praechtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm bluehen zu sehen.

Fuer gewisse industrielle Spezialitaeten gibt es in Berlin Betriebsformen, die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Ruebenzuckerfabriken noetig hat; hier werden die Kupferdraehte fuer die elektrischen Telegraphen gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und vorzugsweise Russland. Ebenso grossartig ist Ravenes Handel mit Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten. Es charakterisiert den Berliner Grosskaufmann, der seine urspruenglichen naiv-buergerlichen Triebe nicht lassen kann, dass Ravene in einem Anfall guter Laune saemtliche verkaeufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich das Privatvergnuegen machte, das Modell einer grossartigen, aber soliden Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr noetig schien. Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende von Menschen, die Bevoelkerung kleiner Stadtbezirke, beschaeftigen, ueberdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige Behandlung erfordert …

Quatsch, Kroll und „Satanella“ (1854)

Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muss. Es ist dies der Ausdruck: Quatsch.

Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen bleibend, dann natuerlich noch hinter dem halben Verstande zurueckbleibt. Denn man kann eine halbwegs vernuenftige Meinung, ein halbwegs ernstes Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft gelten lassen. Der halbe Verstand gehoert oft der Mystik an, die bis auf einen gewissen Punkt auch gewoehnlich eine Art Logik fuer sich hat. Der halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit. Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umstaenden der Unsinn! Den Unsinn haben Aesthetiker goettlich genannt, den echten, wahren, natuerlichen Unsinn, der die Haelfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. „Ein vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren“, sagt Goethe; aber der relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das Quatsche.

Berlin ist gross im Quatschen. Es kichert ueber jede Grimasse zum Witz, wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte absonderliche Redensart findet unverzueglich ihr Publikum. Man findet hier Menschen, die fuer witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie fallen, sie stolpern ueber sich selbst; die Berliner nennen das alles witzig, waehrend ein Vernuenftiger es Quatsch nennen muss. Ich sah „Mueller und Schultze bei den Zulu-Kaffern“. Der Gegensatz war burlesk genug. Die wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem gellenden Pfeifen, mit Gebaerden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid, solches Gebaren menschlich nennen zu muessen, einfloesste, und unter ihnen die beiden Stereotypen des „Kladderadatsch“, zwar ziemlich treu im Aeussern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut Quatschen bis zum Ekel. „Schultze!“ „Mueller!“ „Mueller!“ „Schultze!“ „Bist du et?“ „Ja, ik bin et.“ „Hurrjeh!“ usw. Man denke sich einen solchen Scherz auf dem Palais-Royal-Theatre in Paris, wir wollen nicht einmal sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire! Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern heissen, wuerde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muss das Pariser Oh! Oh! gehoert haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen Veranlassungen witzig und geistreich sein koennen. Diese Berliner Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwaertig, als wenn man sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhuebe einmal seine gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich.

Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, dass sein urspruenglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und ueber seine geistige Kraft hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, traegt den Stempel der Unzulaenglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung, der Beschraenktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hoekerinnen, kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die Sprechweise der Gebildeten traegt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des Volksdialekts, dass es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so beschraenktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgepraegtes Sprachmaterial bestimmt, dem grossen Ideenkreise einer Stadt, die eine Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen, so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois nennen moechte. Diese Missgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins Trieb nach oeffentlicher Bewaehrung wuchs. Seine Bevoelkerung emanzipierte sich zum Grossstaedtischen. Die Schusterjungen machten wohl die oeffentliche Meinung schon zu Friedrichs des Grossen Zeit; der Koenig sagte den Katholiken, die das Fronleichnamsfest oeffentlich feiern wollten: Er haette nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft zur Geltung gekommen und wer wuerde verkennen, dass „Kladderadatsch“ ganz Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschuetzt hat? Aber die „Gelehrten des Kladderadatsch“ sind witzige Auslaender, die sich nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schaerfe dieses Blattes wuerden diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueroeffneten hiesigen Buehnen zeigen, ganz ins Quatsche zurueckfallen.

Die Art, wie hier in neuerer Zeit Buehnen eroeffnet worden sind (um diese Faehrte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern geistigen Faechern so ausserordentlich schwierig ist. Das Ministerium Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen aus, und in Berlin durften Kaffeehaeuser und Tanzlokale sich in Theater verwandeln! Es ist noch ein wahres Glueck, dass unser Schauspielerstand durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die naechste materielle Not befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den gluecklicher gestellten Kollegen an den Hof- und grossen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstaedtische Theater, besonders durch die Bemuehungen der trefflichen HH. Goerner und Ascher, zu einer ueberraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den schwierigsten aesthetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die Bevoelkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater ueber Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fuerwort an hoher Stelle erlangen zu koennen. Einen Zirkus zu eroeffnen oder eine Buehne scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgaenger beruft und z.B. fragt: Wie kommt der Cafetier Kroll zu einer Buehne, wie kommen zwei Gebrueder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum Gespoett der Vorstaedte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor Graebert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militaerischer Ordnung peinlich war, sogenannte Buergerwehr in rundem Hut und Ueberrock die Armatur der koeniglichen Zeughaeuser tragen zu sehen. Nicht dass die Buergerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt; ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der Wiener Vorstaedte. Die Josephstaedter Buehne ist vielleicht diejenige unter ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialitaet; manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr, „Deborah“ erschien zuerst auf der Josephstaedter Buehne.

Das Repertoire des Koeniglichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig anziehend, „Waise von Lowood“, „Deutsche Kleinstaedter“, „Geheimer Agent“ usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so wohlmeinender aesthetischer Sinn vereinbaren laesst, naemlich die Befolgung der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden hoechsten Herrschaften ueber die Stuecke aussprechen duerfen, die sie zu sehen wuenschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt vorkommt. Bald heisst es: „Auf hoechstes Begehren“, bald: „Auf hohes Begehren“, bald: „Auf Allerhoechsten Befehl“, bald nur einfach: „Auf Befehl“, unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form sich die Wuensche des Koenigs zu erkennen geben. Was ist das aber fuer eine Unsitte, dass die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen Herrschaft die Stuecke bestellen, welche diese zu sehen wuenschen! Die geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wuenschen um dieses Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben duerfen, sind schon an sich klaeglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschaefte wird dadurch auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden. Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswaerts bekommen, die ihr eine Schauspielerin oder Saengerin ueberbrachte, so bestellt sie die Stuecke, in denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt man ihm die Stuecke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht sich einige an und man liest: „Auf hoechstes Begehren: ‚Der geheime Agent'“, ein Stueck, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden kann. Der Koenig besitzt so viel Geist, dass ihm diese Manifestationen des Privatgeschmacks seiner Brueder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und diesen Missbrauch der von den Kammerherren veraenderten Repertoires im Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies oeffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der „Herrschaften“ in einem Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach dem Geiste der in ihm allein anstaendigen Oeffentlichkeit.

Natuerlich ergibt sich unter solchen Umstaenden, wo die Grossen und Maechtigen oeffentliche Fingerzeige ueber ihren eigenen Geschmack geben duerfen, die Foerderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Buehne weit schwieriger. Wenn sich die Grossen „Satanella“ oder „Aladins Wunderlampe“ kommandieren, wenn Pferde auf dem Koenigsstaedter Theater agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Auffuehrung eines neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Auffuehrung des „Demetrius“ von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso warm wie die Ausstattung glaenzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische und Neuheit der Kostuemstoffe, ueberall, in den kleinsten Ausschmueckungen der Waende zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung spielte. Das Stueck war eine Anfaengerarbeit, die kaum Talent verriet (nur aus Ueberfuelle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer Duerftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber die Darstellung ging von einem schoenen Glauben an den Wert des Stueckes aus; nirgends sah man ihr eine Missstimmung ueber die aufgebuerdete, undankbare und fuer die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und mit dem halbunbewussten Pflichtgefuehl verband sich die noch immer ausserordentlich ansprechende Natuerlichkeit der Hendrichsschen Spielweise. Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs immer vorzueglich spielen. Dieser Kuenstler ist ein schwacher Hamlet, aber ein liebenswuerdiger und ueberredender Romeo. In seiner Passivitaet liegt Poesie und da er nur die Konturen ausfuellt, die der Dichter ihm vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich seinen Aufgaben unterzieht, ueberall fuer sich ein, wo einmal die Macht der Gewoehnung ein Publikum fuer ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert.

Ich bedauerte, Dessoir nicht beschaeftigter zu finden. Dieser geistvolle Schauspieler leidet hier an der ueblichen Abgrenzung unserer Rollenfaecher. Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Buehne macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache angehoert, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein kuenstlerischer Trieb hinfuehren muss, sind noch im Besitze der Herren Rott und Doering. Es spricht fuer die geistige Anregung, die Berlin bietet, fuer die Belohnung, die man im Beifall eines natuerlich sich hingebenden Publikums findet, dass Dessoir darum doch seinen hiesigen, hoechst ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen moechte.

Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es wuerde keineswegs vernachlaessigt und es hat sich seit Dueringers Mitwirkung sehr gehoben; dennoch muss man bei dem Vergleiche der unverhaeltnismaessigen Pracht, die das Opernhaus umgibt, wuenschen, es wuerde doch endlich ganz von der Musik und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige Aufgabe fuer sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glaenzende Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der hoehern und mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Beduerfnisse so befriedigt wie Berlin. „Satanella“ und „Aladins Wunderlampe“ sind die Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muss und die derjenige, der die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fuelle von Licht, Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schoenheit und Gefallsucht! Die musikalischen Kraefte sind hier so gross, dass z.B. an einem Abend im Opernhause der „Prophet“ gegeben werden kann, im Schauspielhause die Zwischenaktmusik zu „Egmont“ vol1staendig da ist und noch in der Singakademie ein Konzert mit der koenigl. Kapelle begleitet werden kann. Es ist dies nur moeglich durch die Unzahl von Akzessisten und Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzueglich, aber alle Faecher, auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1staendig machen. Auf dreissig Taenzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel junge, huebsche, talentvolle Maedchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um der Anstalt anzugehoeren und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen einzuruecken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehoerige „um Gotteswillen“ der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum retten. Daher auf der Szene die ueberraschendste Massenentfaltung. Die Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostueme, der Geschmack der Dekorationen ist aufs hoechste getrieben. Da steigen Feentempel aus der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natuerliche Springbrunnen im Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren Raendern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der Szene ist ganz und vol1staendig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel der blossen Andeutung, die an andern Buehnen die Illusion vorzugsweise in die ergaenzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der Oekonomie verbannt, die aus Amazonenroecken von heute fuer morgen Pantalons fuer Verschnittene macht. Hier fangen alle Schoepfungen immer wieder von vorn an. Kein Kostuemier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter Vorraete gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder neue Seide, neuen Sammet und fuer die geschmackvol1sten Maler neue Leinwand gibt.

Ein Ballett in Berlin zu sehen wie „Satanella“ ist in vieler Hinsicht lehrreich. Dem Aesthetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die Vorstellung im grossen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des Publikums gehoert, ist kulturgeschichtlich merkwuerdig. Dieser Marie Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hoelle, aber sie ist der wahre Himmel des Publikums; sie tanzt die Luege, aber sie verdient ein Standbild als Goettin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende, uebermuetige Maedchen mit ihren beiden Teufelshoernchen an der Stirn, mit dem durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Fuesschen, mit den tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich unter den ehrwuerdigen Tatsachen des gegenwaertigen Berlins aus! Dieser kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterroeckchen, ist sie etwa die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant cherie der Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant cherie der Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Buechsel, Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere Mission – was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in „Satanella“ seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhaelt. Der erste Rang zeigt die Generale und Minister, das Parkett den reichen Buergerstand, die Tribuene und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in der Provinz verkuenden werden, die obern Regionen beherbergen die arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur Traktaetchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbuecher muehsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen. Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der Treibhauswaerme der speziel1sten, koeniglich preussischen Haus-Traditionen grossgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheissen! O so werft doch, ihr besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, dass euer Privatglaube nichts mehr liebt als die Goetter Griechenlands und dass nicht etwa hier der Kultus des Schoenen, sondern draussen euer offizielles System eine Komoedie ist.

Satanella verfuehrt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine Verlobte, die vielleicht Geibel und „Amaranth“ liest, aber niemand wird zweifelhaft sein, dass der junge, kuenftige Referendar besser tut, sich an Heinrich Heine, an die schoene Loreley und die Taglioni zu halten. Wie kalt und nuechtern ist auch die Liebe eines Fraeulein Forti gegen die Liebe einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs in die Hoelle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht einsehen, dass der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann das eine echte Hoelle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon kleine Kinder mit Satanshoernern umherspringen und, wie von Selma Bloch geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hoelle sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem reizendsten Chateau d’eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt ist? Wird irgend ein Vernuenftiger einraeumen, dass die Konsistorialraete Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schoene „Teufelinne“, die Antiken des Vatikan ueberhaupt, wie Tholuck getan, „schoene Goetzen“ nennen? Verwandelt sich all‘ diese Lust und Liebe, all‘ diese Freude und Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein „anstandshalber“, d.h. um dem Vorurteil zu genuegen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attituede der Solotaenzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der: Ich fuehle wohl, es muss einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese Berliner Ballettabende wecken einen ebenso grossen Abscheu vor der maetressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft und dem fashionablen Buessertum, dessen neupreussische Fruechte wir hinlaenglich kennen.

Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander. Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in denselben Personen. Die Heuchelei und die Ruecksicht auf Karriere mietet sich einen „Stuhl“ in der Matthaeuskirche, nur damit an dem Schilde desselben zu lesen ist: „Herr Assessor N. N.“ und die stille Sehnsucht des wahren innern Menschen ist hier doch allein – der Genuss. Dem Genuss bauen auch andere Staedte Altaere; die buntesten, mit Rosen geschmueckten Altaere baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des Genusses, die nur ihm ganz allein angehoert. Es ist dies die Genusssucht eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefuellte Boerse alles bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht wiedersieht, fuer Geld bekommen kann. Es ist die Genusssucht des Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt faehrt und sich mit vierzehn Tagen Ausgelassenheit fuer ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle entschaedigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevoelkerung so angesteckt, dass man mit Austernschalen die Strassen pflastern koennte. Wohlleben und Vergnuegen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden, nirgend wird man z. B. den Begriff „Bowle machen“ jetzt so schleckerhaft ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine Weile gestachelt werden, an Grossstaedtigkeit der Unternehmungen fehlt es nicht; aber wenn die natuerlichen Kraefte versagen, tritt das Raffinement ein und das Raffinement des Verkehrs, gewoehnlich Schwindel genannt, soll hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glaenzendsten Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste. Wo die groessten Spiegel glaenzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste Scheinfuelle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern scheint, kann man gewiss sein, auf hundert Faelle bei neunzig nur eine Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere.

Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zustaenden ergeben muessen, nachzuspueren. Der Totenwagen rasselt still und ernst durch dies glaenzende Gewuehl. Rauschende Baelle, in der Faschingsnacht ein Wagendonner bis zum fruehen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemaelde doch eine daemonische Beleuchtung. Erschuetternd war mir z.B. die Nachricht, dass der Philosoph Beneke von der Universitaet ploetzlich vermisst wurde und wahrscheinlich sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, dass dieser redliche Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und besonders auf die neuere Paedagogik einen nuetzlichen Einfluss gehabt hat, seit laenger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor werden konnte und sich mit einem jaehrlichen Gehalte von 200 Talern begnuegen musste! Zweihundert Taler jaehrlich fuer einen Denker, waehrend es hier Geistliche gibt, die es auf jaehrlich 5000 Taler bringen! Beneke war ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen. Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Goettinger Professors nach Berlin gebracht. Seine Vortraege waren etwas aengstlich, seine Perioden allzu gewissenhaft, sein System knuepfte wieder an Hume und Kant an, er ging ueber die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkuehn in die Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Soliditaet in einer Stadt wie Berlin, wo nur die glaenzende Phrase, der saillante Witz und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinaere Schwindel etwas gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Koepfe, die nur in seiner Tonart zu reden wussten oder die es verstanden, ihrem sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befoerdern konnte! Hamlet ist auch darin das grosse und Shakespearen auf den Knien zu dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, dass er auf des Koenigs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: „Ich leide am Mangel der Befoerderung.“

– Wer ertruege Den Uebermut der Aemter und den Kummer Den Unwert (schweigendem Verdienst erweist!)

Neues Museum – Schlosskapelle – Bethanien (1854)

Eine derjenigen Schoepfungen des Koenigs, in denen man unbehindert von irgendeiner drueckenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen, er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Raeumen aller laestigen Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fuehlen und im Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen Kunstbestrebungen, die uns die Schoenheit und Pracht von Muenchen, die Ausschmueckung des koeniglichen Schlosses in Dresden, die neuen Plaene fuer Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmaeler, Kunstausstellungen, Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten, unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Staette der Begruessung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der pruefenden, immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und gefaellig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt sind. Wir sind in Italien und in Muenchen vorbereitet auf das, was wir hier wiederfinden. Diese Raeume hat mit den Eingebungen seines Genius vorzugsweise eine grosse, freie Kuenstlernatur zu beleben, ein Dichter mit dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem maerkischen Sande stammen. So stoert uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer Schwu1st, keine russischen Pferdebaendiger, oder Athleten oder Amazonen erfuellen uns, waehrend wir an Athen denken wollen, mit lakedaemonischen Vorstellungen; selbst die hier in Berlin ueberall aushaengende Devise: „Nach einem Schinkelschen Entwurf“, stoert uns nicht. Man muss Schinkel einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von Palastentwuerfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Oefen; aber es fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit des Stils….

Eine zweite grosse Schoepfung des Koenigs ist die (Kuppeldachkapelle des Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentuemlichen Geschmack, wenn auch eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die gewaltige Woelbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Geruempel, freilich aber auch den vortrefflichen Schlueterschen Basreliefs, die jetzt die Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen als runden Bogens ist meisterhaft ausgefuehrt. Einen ueberraschenden Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewaehren, der sich erst im Weissen Saale an den schoenen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen geschmueckt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmaessig durch Milchglasglocken ihre Flammen daempfen sollen. Man erwartet in der Kapelle weder diese Groesse noch diese Pracht. Bei laengerer Betrachtung schwindet freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf Goldgrund ueberladene Gebaeude wird dem Auge kaelter und kaelter. Der Altar, wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten Kreuze geziert, die Kanzel, der Fussboden, alles erscheint dann ploetzlich so nur fuer die Schwuele der suedlichen Luft berechnet, dass man das lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das Spiel aller hier zur Verzierung der Waende aufgebrachten Marmorarten. Da gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der nicht eine Platte sich hier vorfaende wie in einer mineralogischen Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken zusammengestellt, die Foerderer der Religion und des Christentums zu feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner Kirchengedanke. Huss, Luther, die Kurfuersten von Brandenburg stehen vis-a-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muss es an der einigen Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst halten. Ach, und dieser Fanatismus fuer das konventionell Religioese sitzt ja wie Mehltau auf all‘ unsern Geistesblueten! Man denkt nicht mehr, man prueft nicht mehr, man uebt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt sie um ihrer Ehrwuerdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren graues Haar unsere Kritik ueber die Schwaechen, die sie besitzen, entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will nicht pruefen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein die Tradition, die man auf sich beruhen laesst. Man schlaegt sein rauschendes Seidenkleid in kuenstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl niederkniet; man schlaegt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Ruehrung dieser Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute musste besiegelt werden, gesteht wohl auch seine eigenen suendigen Einfaelle und Neigungen ein, gibt sich den Klaengen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden Traenen der Nervenschwaeche und Ruehrung hin und verlaesst die Staette der Andacht mit dem Gefuehl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine Demonstration gegeben zu haben gegen die anstoessige und in allen Stuecken gefaehrliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Fuer diese Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schlosskapelle. Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl laestig werdenden Ruecksichten einer solchen Art von Pietaet.

Weitentlegen vom Geraeusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen, baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete Diakonissenanstalt. Man faehrt an einer neuen, im Bau begriffenen katholischen Kirche vorueber und bewundert die grossartige Anlage dieses vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine staedtische sein und ab und zu wird man von Bitten in den Zeitungen ueberrascht, die Bethanien zu unterstuetzen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewoehnliche Zahl, fuer welche die noetigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxurioes gespendeten Raume nach koennten noch einmal soviel untergebracht werden. Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben erweckt, als waere die naechste Bestimmung der Anstalt die, eine Art Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit Krankenpflege beschaeftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des Unternehmens auf eine aehnliche Voraussetzung begruendet. Bethanien soll eine Demonstration der werktaetigen christlichen Liebe sein; die Kranken, mag auch fuer sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen gewissermassen die zweite Stelle ein.

Die Oberin der Diakonissen ist ein Fraeulein von Rantzau. Unter ihr stehen etwa zwanzig „ordinierte“ Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten sind auf Reisen begriffen, um auswaerts aehnliche Anstalten begruenden zu helfen. Die Tracht der groesstenteils jungen und dem gebildeten Stande angehoerigen Damen ist blau, mit einem Haeubchen und einer weissen, ueber die Schulter gehenden Schuerze. Wie gruendliche Vorkenntnisse hier vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Maegde, die im Souterrain an den hoechst entsprechenden praktischen Waschhaus- und Kuechenvorrichtungen beschaeftigt sind. Auch Maenner fehlen nicht. Die Diakonissen sind ueberhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschaeftigt und muessen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und Umbetten der Kranken besteht, dem staerkern Geschlechte ueberlassen. Man bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus, der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekaempfen, da unfehlbar ein zwangloses Behagen in der Naehe von Kranken und Sterbenden die ganze Stimmung unsers Herzens fuer sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die reine Luft, das Gefuehl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den Kranken selbst zugute.

Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste erklaeren diese Frauen und Maedchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks auf einen hoehern sittlichen Zweck. Dennoch haett‘ ich lieber gehoert: Diese Institution waere von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton wuerde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei gemeinschaftlichem Wirken ist noetig, eine gleiche Stimmung muss alle verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob das Herrnhuter, in „Gnadau“ gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano aufgeschlagen fand, dazu gehoert, moecht‘ ich bezweifeln. Ein anderes ist der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich fuer Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt fuer immer getrennt haben; ein anderes diese voruebergehende Wirksamkeit einer Diakonissin, die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden kann. Fuer einen solchen Beruf reicht Herzensguete, Menschenliebe und eine, durch aeussere Umstaende hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert die Bildung der Gesellschaft, die Humanitaet der Gesinnung, die Liebe zum Gemeinwohl, die Sorge fuer die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt, eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktaetiges (Prinzip) durchgedrungen sein, dass man, um hier dreissig Frauen in einem Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, noetig hat, nach dem Gnadauer Herrnhuter Gesangbuche zu greifen?

Man wird ein jedes Krankenhaus mit Ruehrung verlassen. Auch in Bethanien sieht man des Wehmuetigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit bleiernen Soldaten und hoelzernen Haeuserchen. Ein blasser Knabe, der an der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte freundlich gruessend die Hand. Einen andern hatt‘ ich gut auf den Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon draussen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden Fruehling vertroesten, der Kleine litt am Rueckenmark und wird nie wieder gehen koennen. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach „Satanella“ und Aladins „Wunderlampe“ sehr nuetzlich, sehr heilsam sein kann. Aber Bethanien verlaesst man doch mit dem Gefuehl, dass hier, wie in unserer Zeit ueberhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen, des Arztes beduerftig zu sein.

Zur Aesthetik des Haesslichen (1873)

Himmel! Berlin sei unschoen? hoere ich einen nationalliberalen Enthusiasten ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemaessen Begriff aufstellen! Sie machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, gross, selbst die Zukunftsgaerten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein muessen! Die Opportunitaet, die grosse deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations- frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Staedte! Die Stadt auch der Schoenheit! Hoechstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehoert ja Graubuenden und die Schweiz auch zu Berlin!

Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird.

(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen. Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Strassengewuehl, wenn es gerade geregnet hatte oder noch das Strassenpflaster vom Morgentau beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefaehrte aller Art sich zum Markte draengten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt, in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in Paris in der maechtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es auf Plaetzen, Bruecken, Verbindungswegen, Toren, Triumphboegen, selbst Magazinen und Warenschuppen wie auf Beduerfnis nur nach dem Schoenen angelegt und konsequent durchgefuehrt!

Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schoenheit Wiens) war die Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang sehr fuehlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiss der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Waelder abgehauen und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle Mittel schienen dafuer gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der Wilhelmstrasse entstand geradezu aus einem – verweigerten Heiratskonsense des Despoten, den man gewoehnlich Friedrich den Grossen nennt. Kolonisten mussten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise einstoeckig, diese Huetten neben den neuerdings errichteten Prachtzinshaeusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem Grossen Kurfuersten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern wuerdigen Schemel an ihrem Throne zu machen. Schlueter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mussten sich an Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann spaeter Berlin. Friedrich der Grosse, Egoist wie er war, baute lieber Palaeste fuer sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute, waren gleichsam nur „ungern gegeben“, halb Marzipan, halb Kommissbrot. Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen Strassenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn wuerde die Geschichte am besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekroente Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine entlegene Votivkirche Roms erinnern koennten. Seitdem stockt die Verschoenerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als was ihre naechste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschoenerung Berlins geregt hat, wird ueberholt durch die riesenmaessig gesteigerte Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der haesslichste Abbruch, Schutt, ein trauriger Anblick wie Strassburg nach der Belagerung geworden ist.

Grossartigkeit und in ihrer Art auch – Schoenheit liegt in der Avenue vom Brandenburger Tor bis zum Schloss; aber man koennte noch hundert Jahre so fortbauen wie jetzt und braechte doch nicht den Eindruck permanenter Unschoenheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im grossen und ganzen, in der Naehe und in der Perspektive, durch einen groesseren diktatorisch befohlenen Schoenheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Strasse, wo nur allein elegante Welt sichtbar wuerde, gibt es in ganz Berlin nicht! Ueberall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der Koechin, das Produkt des Handwerkers oder die Buerde des Lasttraegers zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuss Breite bestehende Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, laesst einen am anderen dicht vorueberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souveraen auf, selbst auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Boerse oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel- Betriebslokalen, zu Werkstaetten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem immerdar werkeltaetigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die ueberall geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins.

Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloss ist ein Prospekt, der, wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs maechtigste gehoben fuehlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in Paris moechte dagegen zurueckstehen. Ploetzlich aber am Dome sieht der Wanderer eine kleine Bruecke, die in die innere Stadt fuehrt. Noch eben denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich geschwungenen Brueckchen, die ueber die Seine fuehren. Welcher Anblick wird ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbruecke, frueher um sechs Pfennige passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf demnaechstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den Grabstaetten der Koenige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkaesten, die in dem trueben Flusse vom Fusse des Schlosses nur allmaehlich weichen zu wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Aepfelkaehne.

Besonders unschoen wird Berlin durch die ueber alle Beschreibung grosse Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der umfassendsten Raeumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschaefte solche in Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen sind. Nun hat man keineswegs die haesslichklaffenden Luecken von Holz-, Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Strasse in Harmonie gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache, verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lueckenhaft, verhaesslicht durchweg die Stadt, wie denn ueberhaupt der offne Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schoeneberger Ufer, eine ganze elegante Strasse entstellen. Endlich ist der ordinaere Bretterzaun doch auch von dem koeniglichen Lustschlosse in Bellevue gewichen!

„Aber das Reich! Das Reich!“ Ruhe, lieber Streber! An eine partie honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach Reichstagspalaststaetten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstrassen liegen, mehr in Schwung zu bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche staatumwaelzende Proklamation von einem Staendehause herab verlesen wurde, das deutsche Kapitol aus strategischen Gruenden isolieren? Die Architekten scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit vor diesen grossen Plaetzen, wo man in der Sonne keuchen muss, bis man endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung von dem grossen Meilenzeiger am Doenhofsplatz, um welchen herum doch die meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwaegung wert? Schreckte nicht die Erinnerung an die Grausamkeit Koenig Ludwigs I. von Bayern, der die neue Muenchener Universitaet an die aeusserste Grenze der Stadt baute und die Studenten zwang, taeglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch seine endlose, in der Hitze unertraegliche Ludwigstrasse zu machen? Nun gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn fuer einen anderen Plan, den etwa mit der Koeniggraetzer Strasse, Gaerten zerstoert werden muessen, alte ehrwuerdige Linden abgesaegt oder im Deckerschen Garten Baeume, die zu den Wundern Nordeutschlands gehoeren, wenn Millionen fuer Grund und Boden gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gaerten dem Privatbesitz oder der Oeffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt Statuen auf diese freigelegten Gaerten! Mehr als jetzt Berlin aufweist! Man kann auch Fontaenen dazu springen lassen, Ruhebaenke anlegen, goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gusseisens bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen oeffentlichen Gebaeuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht.

Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom frueheren „Katzenstiege“, jetziger Georgenstrasse, rechts von der Friedrichstrasse bis zum Gegenueber des Monbijou. In unmittelbarer Naehe eines der schoensten Prospekte der Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Koenigswache oder vom Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert, ploetzlich an der Georgen- und Universitaetsstrassenecke wie unter die Bedienten-, Kuechen- und Remisengebaeude einer fuerstlichen Hofhaltung versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die naechste Nachbarschaft des Kaisers, sein vis a vis sogar, gleicht einem – „Wo die letzten Haeuser stehen“. In der Tat hiess auch frueher die vorherliegende, jetzt noch leidlich gefaellige Dorotheenstrasse die „Letzte Strasse“. Wahrlich, hier faengt die Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplaetze, Milltaermontierung-Aufbewah- rungen, Kavalleriestaelle und das ungeheure schiefwinklige Gebaeude der Artilleriekaserne, das an den Waenden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die grossen Flaechen vor den Toren verwiesen werden muss, die schon Kasernen genug aufgenommen haben. Gefaellig liesse sich hier der Quai regulieren, die hoelzerne Ebertsbruecke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebaeude in Einklang bringen mit der Boerse, dem Museum, dem Schloss, der Universitaet und dem gruenen Baumkranze, der drueben jenseits der Spree vom Schloss Monbijou herueber winkt. Wer jetzt diese Gegend durchwandert, muss sich sagen, dass hier alles den Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Ueberlebten traegt. Alles ist arm, unschoen, unkaiserlich.

An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben, Eindruecke von einem so erhebenden Reize, als befaende man sich in Genf im neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst ueberall unvermeidlichen „Theatern“ zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien, im Hintergrunde die neue Thomaskirche – man wuenschte, dieser Charakter waere allgemein festgehalten und fuer das Ganze massgebend. Hier bildet der Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schoenen Gemaeldes. Auch an anderen Stellen koennte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn – des Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten? – den schon gebotenen Anfaengen zu Hilfe kaeme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1strasse kommt und die Waisenhausbruecke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von jener Grossartigkeit, die in Wasserstaedten wie Hamburg, in den Seestaedten Hollands so maechtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen. Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Haeuserabbruch offengelegten Hinterfronten einiger Strassen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrueckliche Gebote an die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens dem Auge etwas gefaelliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen Kolonnadengang des Muehlendamms ueber die Spree hinweg links zur Stadtvoigtei koennte trotz des mehr als wuesten Gegenuebers fuer die vollere Wirkung einer belebten, echten Hafenstrasse gewonnen werden.

Fuer solche und aehnliche Ideen schwaermten in alter Zeit die Kronprinzen! Jetzt, wo der Fiskus fuer ein Reichstags-Gebaeude im Tiergarten auf Grund und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gruender Unter den Linden gefordert haben wuerden, muss man sich schon begnuegen, wenn nur die staedtische Baukommission Kuenstler zu Referenten hat, die fuer Berlins Zunahme und Wachstum einen gewissen schoepferischen Plan im grossen und ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt sich nicht darum, allmaehlich die Netze und Linien eines neuen Anbauungsentwurfes auszufuellen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten, es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden Luecken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstoeren. Freilich ist die Macht des Besitzes so gross, dass selbst eine in solchem Grade die Strasse entstellende Novantike wie der sogenannte „Eisbock“ noch immer nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehoerde gewichen ist! Das ist die Muehle von Sanssouci! Das soll nun gross sein! Begierig bin ich, was aus der grossen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastrasse eine Litfasssaeule gegenueber.

Auf das Haessliche in den Staffierungen der Strasse durch ihr gewohntes Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Haessliche in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner Ueberzeugungen selbst beim schoenen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr misslich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fuerchten unserer alles im rosenroten Lichte sehenden Optimisten.

 

 

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