John Sheppard

1724

Der kühnste Dieb, den London je gesehen hat, war Jac Sheppard. Sein Lebenslauf war kurz; erst zweiundzwanzig Jahre alt, hatte er ihn 1724 schon vollendet: aber sein Angedenken ist von längerer Dauer; es lebt noch heute im Volke, in der Kriminalistik und in der Literatur.

Für uns besonders hat er Bedeutung als Repräsentant einer großen Gaunerklasse der englischen Hauptstadt; durch Geschick, Witz, Verwegenheit und ein seltenes Glück in den allergefährlichsten Fluchtversuchen erhob er sich schon im Knabenalter über seine Jahre und erwarb sich einen Namen, der der englischen Sittengeschichte angehört. Die Dichtung hat ihn in der Art behandelt, wie sie oft Räuber zu Helden erhob; unsere Aufgabe ist es, diesen geborgten Lustre abzustreifen und die Wirklichkeit, welche aus den erhaltenen Aktenstücken sehr deutlich erhellt, wieder herzustellen. Auch da bleibt noch genug Ungewöhnliches übrig, und das natürliche Bedauern stellt sich ein, daß solche außerordentliche Kraft keine Wege fand, sich für das Gemeinwohl zu äußern.

Alle seine Diebstähle, Einbrüche, Straßenüberfälle aufzuzählen, liegt außer unserm Zweck; seine Bedeutung erhält er erst durch sein Ende, zu dem wir deshalb in möglichster Kürze hinübereilen wollen.

Am Strande wohnte ein wohlhabender Tuchhändler, William Kneebone. Im Sommer 1724 erhielt er die heimliche Warnung, daß gefährliche Diebe in seinen Laden einzubrechen beabsichtigten. Solche Warnungen kamen nicht selten vor, zuweilen waren es nur Mystifikationen, hinter denen sich andere Absichten verbargen, zuweilen verriet ein unzufriedener Spießgesell seine Gefährten. Kneebone traf seine Maßregeln. Er ließ seine Leute im Hause wachen, die verkappten Wächter gingen auf der Straße auf und ab. Es blieb still, die Diebe waren gewarnt. Dennoch glaubte gegen Morgen die Magd ein Geräusch an der Tür und die Worte zu hören: »Ist’s heute nicht, so ist’s ein andermal!«, und die Diebe liefen fort.

Aber sie kamen, als man des Wachens überdrüssig war, nach vierzehn Tagen wieder. Am 13. Juni morgens fand Kneebone seinen Laden erbrochen. Zwei dicke Eichenstangen an der Hintertür waren durchschnitten, eine mit drei Riegeln und starkem Vorhängeschlosse verwahrte Tür war gesprengt, und außer andern Gegenständen von Wert war der größere Teil des Tuchvorrats ausgeräumt. Im Hause hatte niemand das geringste Geräusch gehört.

Ein so kühner Diebstahl konnte so geschickt, so in der Stille nur von einem Diebe ausgeführt sein – von Jac Sheppard. Kneebone hatte noch andere Gründe, auf ihn zu raten. Er wandte sich an den berühmten Diebesfänger Jonathan Wild, der diesmal mit großer Bereitwilligkeit und Schnelle ans Werk ging, die bekannte Konkubine Sheppards, Edgeworth Beß, in einer Branntweinkneipe aufgriff und ihr mit Drohungen so hart zusetzte, bis sie den Aufenthalt ihres Geliebten verriet. Er ward schon am folgenden Tage von Jonathans Diener Quilt überrascht. Zu seinem Mißgeschick versagte die Pistole, welche er auf Quilts Brust abdrückte; er ward überwältigt und in den unterirdischen Kerker von  New-Prison gesetzt, wo er schon am andern Tage nach seiner Verhaftung ein vollständiges Bekenntnis aller seiner Verbrechen ablegte. Ein großer Teil derselben war schon aus frühern Verhören bekannt; waren doch sein Leben und seine Taten bereits stadtkundig.

John Sheppard (Jac genannt) war der Sohn rechtschaffener Eltern, 1702 geboren. Nachdem sein Vater, ein Zimmermann, früh gestorben war, suchte seine Mutter ihm und seinem altern Bruder Thomas eine möglichst gute Erziehung zu geben, hatte aber wenig Freude an beiden Söhnen. Ein Freund des verstorbenen Sheppard, derselbe Tuchhändler Kneebone, den er nachher bestahl, nahm sich Jacs an, er nahm ihn zuerst in seinem eigenen Hause auf, lehrte ihn selbst schreiben und rechnen und brachte ihn dann beim Zimmermeister Wood in die Lehre.

Er führte sich hier zuerst gut auf, aber beim Besuch der Alehäuser geriet er in schlechte Gesellschaft, und die Liebschaft mit einer öffentlichen Dirne, Edgeworth Beß, verdarb ihn gänzlich. Indes liebte er diese verworfene Person mit einer fast ritterlichen Zuneigung und Aufopferung, was auf einen bessern Grundcharakter schließen ließe. Er fing an zu stehlen, nicht für sich, sondern für sie, und wenn er auch mit einer ganzen Schar anderer Geliebten später sein ausgelassenes Leben trieb, bewahrte er ihr doch eine Treue, die bis in den Tod dauerte.

Er stahl und brach ein. Der Verdacht traf ihn, aber durch Keckheit und offenes Wesen wußte er ihn mehrmals zu entfernen. Mit seinem gutmütigen Lehrherrn, der ihn unter Tränen warnte, trieb er sein Spiel. Wenn dieser den Herumtreiber nachts ausschloß, fand er ihn zu seiner Verwunderung des Morgens ruhig in seinem Bette schlafen. Schon war ihm die Kunst, durch alle Türen zu dringen, eine Kleinigkeit. Endlich überwarfen sich beide ernstlich; der Meister war  eines solchen Lehrlings, der sich sogar an öffentlichen Orten gegen ihn vergriff, wenn er ihn liebevoll zur Rede stellte und warnte, und er der väterlichen Zuchtrute und des regelmäßigen Lebens überdrüssig.

Ein so kühner Gesell, von liebenswürdigem Äußern, von tollem Wagesinn, von geschickter Hand, ein ausgelernter Zimmermann, war den Gaunern, mit denen er nun Gemeinschaft schloß, Blueskin, Field, Doling, Sickes, ein willkommener Bruder. Gehörte doch sein eigener Bruder Thomas Sheppard schon zu dieser Bande, die einen Ruf in den Straßen und Tavernen hatte.

Mit dem Oktober 1723 fing ihr gemeinschaftliches Geschäft an – also nur ein Jahr einer Tätigkeit, die ihm einen unsterblichen Namen verschaffte! Diese Gemeinschaftlichkeit hinderte übrigens nicht, daß nicht ein jeder auf seine Hand und für sich allein tätig war, ja daß nicht einer den andern bestahl und angab.

Jac war indes immer der Großmütige, der freigebig fortschenkte und für sich den geringsten Anteil behielt. Einst brach er mit seinem Bruder in ein Wirtshaus ein, voraus bedungen war gleiche Teilung; da aber Thomas nachher ein verdrießliches Gesicht machte, überließ ihm Jac das Ganze. Züge der Art, als sie bekannt wurden, erhöhten seinen Ruf. Einen wahrhaft ritterlichen Anstrich gewann er aber, und er ward der erkorene Liebling aller Dirnen der Straße, als er einst seine Beß, die eingesperrt worden war, mit Gewalt befreite, indem er den Büttel niederschlug und die Gefängnistür sprengte.

Tom Sheppard vergalt später seinem Bruder jene Großmut in schlimmer Weise. Nach einem andern gemeinschaftlichen Einbruch ergriffen, verriet er in der Hoffnung, als Königszeuge zugelassen zu werden, den Bruder. Jac entwich, aber ein anderer Bundesgenosse, James Sikes, überlieferte  ihn, während er ihn als Gast zum Trinken eingeladen hatte, den Konstablern. Solcher Verrätereien hat Jac sich nie schuldig gemacht.

In das Rundhaus von St. Giles gesperrt, zwei Stock hoch, machte er seinen ersten, glücklichen Versuch zu entfliehen. Nur mit seinem Rasiermesser und dem Eisen versehen, das er aus einem Stuhl entnommen hatte, brach er durch die Giebelwand und ließ sich an dem mit den Bettdecken zusammengeknüpften Bettuche in den Kirchhof hinunter. Innerhalb zwei Stunden war er als Gefangener eingebracht und schon entflohen.

Später wegen eines leichten Vergehens – sein Gefährte wollte an einem schönen Maiabend einem Gentleman die Uhr ausziehen und entfloh, als der Gentleman »Diebe!« rief, und Jac wurde ergriffen – in das Rundhaus von St. Anna gebracht, erhielt er einen Besuch seiner geliebten Beß. Da auch sie verdächtig war und man beide für Mann und Frau hielt, wurden sie zusammen nach New Prison gebracht und dort eingesperrt. Man vergönnte ihnen, Freunde zu empfangen, die ihn heimlich mit allen Werkzeugen, die zur Flucht nötig sind, versahen. Es war seine zweite, gefährlichere Flucht.

Beide lagen in dem festesten Gefängniszimmer, Sheppard in Ketten und Schlössern von vierzehn Pfund Gewicht. Aber schon fünf Tage nach seiner Gefangennehmung, am 25. Mai, es war der Pfingstmontag, hatte er seine Ketten durchgefeilt. Er brach durch die Mauer, und mit ungewöhnlicher Kraft und großem Geschick löste er eine Eisenstange und zugleich einen neun Zoll dicken Querbalken, welche das Fenster von außen barrikadierten. Aber die Tiefe bis zum Boden betrug noch fünfundzwanzig Fuß. Auch hier wurden Bettuch und Bettdecke zusammengeknüpft, an eine der noch festen Eisenstangen befestigt, und Beß mußte zuerst hinunter. Sie war  sehr wohlbeleibt, und die Öffnung schien zu schmal. Sie mußte Rock und Unterrock ablegen und zwängte sich mit großer Mühe hindurch. Als sie unten war, folgte ihr Sheppard.

Hiermit war jedoch die Schwierigkeit noch nicht überwunden. Sie waren in den Hof des Gefängnisses von Newgate gestiegen, und eine Mauer von zweiundzwanzig Fuß Höhe trennte sie noch von der Straße. Glücklicherweise schlief hier alles, und er hatte seine Werkzeuge mitgenommen. Stangen und Holz lagen da, und die Bohrer in seiner Tasche wurden in Tätigkeit gesetzt, um eine Art Notleiter anzufertigen. Um zwei Uhr morgens war er an das Durchbrechen des Fensters gegangen, und noch ehe es hell ward, war er mit seiner Gefährtin über die Mauer geklettert und in Freiheit.

Diese kühne Flucht allein hatte ihm in der Londoner Gaunerwelt unsterblichen Ruhm gebracht. Seine durchfeilten Ketten werden noch samt der Leiter in dem Gefängnis aufbewahrt. Er galt jetzt für einen so ausgezeichneten Genius, daß auch ältere schon berühmte Galgenvögel ( prig) es sich zur Ehre rechneten und es für sehr vorteilhaft hielten, unter ihm zu dienen. Unter andern bewarb sich um diese Gunst ein gewisser Charles Grace, der als Grund anführte, er habe eine Geliebte, die außerordentlich viel brauche. Was er selbst stehlen könne, reiche gar nicht aus zu ihren Bedürfnissen. Jac nahm ihn ohne Umstände an, nicht, wie er sagte, weil er Grace (Gnade) bedürfe, sondern weil Grace seiner bedürfe.

Grace und Sheppard ließen sich von dem Lehrling des Instrumentenmachers Carter, ihrem Genossen Lamb, in dessen Haus einführen und brachen in der dort befindlichen Wohnung eines wohlhabenden Schneidermeisters Barton mit großem Erfolg ein. Zu seinem Glücke hatte Barton in  der Nacht sich bei einem Punschgelage gütlich getan und schlief so fest infolgedessen, daß er nichts von dem Einbrechen der Türen und Schränke im eigenen Zimmer, wo er schlief, hörte. Er war um ein Uhr in der Nacht nach Hause gekommen und hatte alles in Ordnung gefunden; um vier Uhr morgens weckte ihn seine Wirtin, und er fand alles leer und in Unordnung. Der Verdacht fiel sogleich auf den Lehrling Lamb. Verhaftet, gestand er bald; er ward zur Deportation verurteilt.

Der liebenswürdige, witzige Jac Sheppard ward von jetzt ab auch als furchtbarer Mann betrachtet. Mit geladenem Pistol hatte er Grace neben das Bette des schlafenden Barton gesetzt mit dem Befehl, wenn derselbe erwache und schreie, ihm die Kugel durch den Kopf zu jagen.

Die Beute war nicht unansehnlich; außerdem hatte Jac für sich eine sehr kostbare Kleidung mitgenommen, die er selbst für seinen Körper sich zurechtschnitt und -nähte, um dem großen Vergnügen nachzugehen, als Gentleman durch Londons Straßen zu spazieren.

Mit seinen Genossen machte er im Sommer noch verschiedene Besuche in Häusern, hielt auch Kutschen und Spaziergänger an und wollte sich ausschütten vor Lachen, als der beraubte Attorney Pergitor vor der Jury einen seiner Gefährten als den, welcher ihn persönlich angegriffen habe, bezeichnete und ihn »einen großen, furchtbaren Kerl« nannte. »Meine kleine Person«, rühmte er sich in den Tavernen, »war der große, furchtbare Kerl, der ihn in den Graben stieß; aber die Furcht hat ihn mit einem Vergrößerungsglase sehen lassen.«

Zwischen den Verbündeten ward ehrlich geteilt, so ehrlich als möglich, und wenn nicht das besondere Interesse des einen oder andern dies unmöglich machte. William Field übernahm in der Regel das Geschäft, Jac sagte, weil er zu  feig war, selbst zu stehlen, und das Geschäft des Hehlers und Teilers eine ansehnliche Rente abwarf.

Jac und Blueskin hatten für ihren Anteil sehr gute Geschäfte gemacht, es kam noch dazu der letzte Gewinn aus dem Einbruch bei Kneebone. Sie wollten ihre Güter nicht verschleudern und einen guten Markt abwarten. Sie mieteten deshalb einen Stall in Westminster zu ihrem Warenhause. Hier wurden auch die bei Kneebone gestohlenen Tücher niedergelegt. Aber Field schien diese Separatwirtschaft als eine Beeinträchtigung ihres Sozietätsvertrages anzusehen. Als sie ihn dahin führten, damit er die Waren besähe und sie ihnen zu gutem Preise für beide Teile abnehme, schwieg er. Die Waren fand er gut, aber den Preis zu hoch. In der Nacht darauf brach er in den Stall ein und stahl das Gestohlene.

Field tat noch mehr, er war es, der Jac Sheppard bei Jonathan Wild angab. Ja noch mehr: er gab sich selbst fälschlich als Mitschuldigen beim Einbruch in Kneebones Warenlager an, um als Kronzeuge zugelassen zu werden, was auch geschah. Das hatte Jac Sheppard sich nicht im Traume einfallen lassen. »Er wußte von alledem nicht eine Sterbenssilbe vorher!« rief er erstaunt aus. »Erst am Tage darauf erzählte ich ihm alles, wie es hergegangen. Wie konnte ich nur träumen, daß der Schuft einen so schändlichen Gebrauch von meinem Vertrauen machen werde!«

Und doch ward Jac Sheppard auf Grund dieses falschen Zeugnisses von der Jury im August 1724 schuldig befunden und zum Tode verurteilt. An der Wahrheit der Sheppardschen Beteuerung mochten seine Richter nicht zweifeln, und sein eigenes Bekenntnis bei der Verhaftnahme gegen Polizeibeamte und Privatleute – er hatte auch gegen seinen Wohltäter Kneebone reuig seine Verbrechen und seine Undankbarkeit eingestanden und die Schuld auf die Verführung  böser Leute geschoben – konnte ihm nach den englischen Gesetzen wenig schaden, insofern er darauf vor Gericht sich als nicht schuldig erklärte. Aber die strengen Formen der Gesetze, durch deren Lücken der Schuldige so leicht schlüpft, machen solche Mittel notwendig. Wenn die Geschworenen die moralische Überzeugung hatten, daß ein falscher Zeuge vor ihnen auftrat, so hatten sie doch zugleich die moralische Überzeugung, daß Sheppard wirklich schuldig sei.

Indessen verzögerte sich der Befehl zur Hinrichtung, weil der Hof sich gerade zu Windsor aufhielt. Die Zwischenzeit ließ Jac nicht unbenutzt. Er hatte mit seinen Mitgefangenen einen neuen Fluchtversuch verabredet. Wie schlecht die Gefangenenpolizei damals sein mußte, beweist der Umstand, daß die Gefangenen auch diesmal Besuche annehmen durften, daß selbst Jacs Konkubine, Edgeworth Beß, die inzwischen freigelassen worden war, Zutritt erhielt, und daß ihnen durch diese Personen alle möglichen Instrumente zugesteckt wurden.

Indessen änderten Jacs Mitgefangene, Harman, Cranley und Davids, ihren Entschluß. Um das klägliche Leben, welches ihnen bevorstand, wollten sie ihre letzten Kräfte nicht zu einem so anstrengenden Wagestück mit wenig Aussicht hinopfern. Sie ergaben sich für ihre Person in ihr Schicksal, aber vermachten als treue Kameraden ihrem Leidensgenossen Sheppard ihre Sprengfedern, Feilen und Sägen mit ihrem besten Segen.

Sie wurden an einem Freitag hingerichtet. Gleich nach ihrer Abführung machte Jac sich an die Arbeit. Er feilte den ganzen Freitag an seinen Ketten, auch am Sonnabend. Nur am Sonntag hielt er inne, nicht des Sabbats wegen, sondern weil es an dem Tage in Newgate zu lebhaft war.

Am 30. August kam der königliche Befehl nach Newgate  zur Hinrichtung John Sheppards und zweier anderer Verbrecher, Joseph Woods und Anthony Uptons. Der Tag war auf den nächsten Freitag angesetzt.

Der Gefangenenwärter hielt eine eindringliche Ermahnung an Jac Sheppard, die wenigen Tage, die ihm noch geschenkt wären, wohl anzuwenden. Lächelnd rief er ihm zu: »O gewiß!« Er bat, daß man ihn einige Zeit allein lasse, damit er sich mit seinem Mitgefangenen John Fowles noch über einige Privatangelegenheiten unterhalte.

In Newgate war ein Gitter mit starken eisernen Stangen, durch welches den Gefangenen mit ihren Freunden sich zu unterhalten erlaubt war. Der Raum dort war dunkel, und aus dem innern, verschlossenen Teile desselben führten einige Stufen in das Armesünderstübchen. Alles war vorbereitet. Im günstigen Augenblicke schlich Jac hinunter und feilte an einer der Stangen. Am Abende war ein Rendezvous mit einigen seiner Freundinnen verabredet. Im Schlafrock, von Fowles begleitet, machte er sich an die letzte Arbeit. Die Eisenstange ward ausgebrochen. Dennoch blieb der Zwischenraum noch zu eng für einen ausgewachsenen Körper. Mit aller Anstrengung zwängten die beiden Männer die Stäbe etwas auseinander. Fowles hob und stützte und schob Jacs Schulter und Kopf durch die Stäbe, dann zogen seine drei Freundinnen von außen, Fowles stieß von innen nach, und glücklich kam er durch dies Gitter. Alles dies geschah, während die Wächter unweit davon in der Halle zechten.

In einer Mietskutsche entkam er unverfolgt. Sie kreuzten dann die Themse, um jede Spur zu verwischen. Noch mit dem Kettenringe an den Beinen, feierte er mit seiner Geliebten im Weißen Hirsch bei einem festlichen Schmause seine Befreiung und fand dann erst Mittel, den Ring ganz loszusägen. Im Wonnegefühl seines Glückes schlenderte er am  Arm seiner Beß durch Londons erleuchtete Straßen und schien sich wie ein Kind an allem Sehenswerten zu freuen.

Doch kam am nächsten Tage schon einiger Ernst über ihn. Er beriet sich mit seinem Freunde, dem Schlächter Page, über seine bedenkliche Lage, und beide fanden es angemessen, London zu verlassen. Aber bei Pages Verwandten in Northamptonshire, wohin sie sich begaben, fanden sie eine so kühle Aufnahme, daß sie bald wieder nach London zurückkehrten.

Durch einen glücklichen Griff in ein Schaufenster war Sheppard in den Besitz von drei Uhren gekommen, die er aber nicht Zeit fand zu verkaufen. Die Kunde seiner Flucht hatte am Strande und um Drurylane unter den Bürgern, Kaufleuten und Ladenbesitzern Angst und Schrecken erregt. Welche Tür, welche Mauer war gegen Sheppard fest genug! Kneebone ließ sein Haus förmlich in Verteidigungsstand setzen und jede Nacht einen Haufen Bewaffneter einlagern; nicht ganz ohne Grund, denn Sheppard hatte hoch und teuer gelobt, er wolle sich an allen, die ihn verraten hatten, blutig rächen.

Alle Spürhunde waren daher gegen ihn losgelassen, und um der ersten Hitze der Verfolgung zu entgehen, zog er sich mit Page aus London nach Finchley Commons zurück. Doch auch hier ward er bald entdeckt, denn es war jetzt zur Ehrensache der Kerkermeister von Newgate geworden, das Gerücht durch die Tat zu widerlegen, daß sie es gewesen waren, welche ihn hatten entkommen lassen.

Ein Trupp wohlbewaffneter Häscher machte an einem Septembertage, teils in einer Kutsche, teils zu Pferde, sich auf den Weg und besetzte die ganze Umgegend. Zwei Schlächter ließen sich auch nach einigem Warten sehen in blauen Kitteln und weißen Schürzen, es waren Sheppard und Page. Man erkannte sich gegenseitig. »Nun gilt es!«  rief Jac und flog nach einem Fußsteige, wo die Berittenen ihm nicht folgen konnten. Indem Page über einen Graben springen wollte, strauchelte er; der Torschließer Langlay setzte ihm die Pistole auf die Brust. Der Schlächter bat fußfällig um Pardon und überlieferte Messer und Feile. Mit einem Strick um den Leib mußte er der neuen Hetze auf Jac folgen.

In einer Meierei hatte dieser zwar zwischen Heu- und Strohhaufen ein Versteck gefunden, da die Spürhunde jedoch die ganze Gegend wohl ins Auge gefaßt hatten, konnte er ihnen hier nicht entgehen. Bei der Durchsuchung des Hauses fand ihn eine Stallmagd. Sein Mut schien ihn auf einen Augenblick verlassen zu haben. Auf seinen Knien bat er um sein Leben. Sein breites Messer lieferte er ab, es war die einzige Waffe; dagegen fand man beim Durchsuchen in den beiden Achselgruben noch zwei der gestohlenen Uhren.

Jacs Mut und Lustigkeit kehrten indessen bei dem Transporte bald wieder. Als er bei einer Branntweinschenke vorüberkam, auf deren Schilde die Worte standen: »Ich habe meine Schweine gut zu Markte gebracht,« brach er in ein unmäßiges Gelächter aus. Die Häscher ließen sich gern von ihm bewirten, wie dies bei allen Diebesfängereien vorkommt. Sein Versuch, sie trunken zu machen und zu entfliehen, mißlang indessen. Nahe vor Newgate, als der Zug stillhielt, versuchte er, aus der Mietskutsche springend, mit einem Satze unter derselben fortzuschlüpfen. Er ward ergriffen, durchgehauen und nun in das festeste Gemach, das Kastell genannt, eingesperrt und mit Händen und Füßen an den Boden geschmiedet.

Sheppard war nicht mehr der Mann der Diebe und des Volkes, er war eine Berühmtheit, ein Lion der Stadt geworden. Es gehörte zur Mode, ihn gesehen zu haben, und  Scharen von Neugierigen aus allen Ständen strömten nach Newgate, ihm ihren Besuch zu machen und mit ihm sich zu unterhalten. An die Erde geschmiedet, unter einer Last von Ketten und Eisenblöcken, in der kläglichsten Lage und unter der trostlosesten Aussicht, verlor er keinen Augenblick seine ausgelassene Lustigkeit. Sein zynischer Witz, seine blitzenden Einfälle ergötzten die Roués der Hauptstadt, und mit Selbstbewußtsein und Laune erzählte er seine Taten. Niemand ging fort, ohne eine Gabe zurückzulassen; aber eine Feile, ein Meißel oder ein Hammer wären ihm lieber gewesen, denn seine Gedanken waren auf eine neue Flucht gerichtet. Diesmal ward er jedoch so streng bewacht, daß es unmöglich war, ihm dergleichen zuzustecken,

Jac Sheppard machte noch einen Fluchtversuch, den verwegensten, den je ein Verbrecher gewagt, und diesmal ohne Helfershelfer, ohne Mitwisser, ohne Feile, Säge, Scheidewasser. Er hat selbst später das vollständige Bekenntnis darüber abgelegt, dem wir in unserer Erzählung hier folgen wollen.

Mitten unter den Scherzen, mit welchen er seine Besucher unterhielt, war jeder Gedanke, jeder Blick auf die Möglichkeit zu entweichen gerichtet. Aber aus keinem Ärmel fiel ein Stückchen Eisen. Da entdeckte er, als er allein war, im Winkel einen kleinen, verrosteten Nagel. Er preßte seinen Körper, er reckte seine Glieder, um ihn zu erreichen; es gelang. Ein Nagel war für ihn so gut als ein Schlüssel. Nach einigen Versuchen gelang es ihm, die Schlösser seiner Ketten aufzuschließen. Er hatte die Genugtuung, sich frei in seinem Kerker bewegen zu können, aber weiter öffnete ihm dies keine Aussicht. Auch war er nicht vorsichtig genug, die Kerkermeister ertappten ihn, sie nahmen ihm den Nagel fort und legten ihm noch schwerere Hand- und Fußschellen an. Der gutmütige Kneebone, der ihn besuchte, erbarmte  sich seiner und bat sogar für ihn, doch ohne Erfolg. Aber das Kunststück hatte aufs neue die Aufmerksamkeit des Publikums erregt. Man besuchte ihn wieder, und die Wärter ließen es ihn zum Staunen der Anwesenden vormachen, wofür ihm eine silberne Ernte zufloß.

Er hatte darum die Hoffnung nicht aufgegeben, denn – sagt ein späterer Bericht – er wußte jetzt, daß er auch ohne Nagel mit Hilfe seiner Zähne die Schlösser öffnen könne. Die aktenmäßigen Berichte von Old-Bailey erwähnen davon nichts. Jenes mag eine Ausschmückung der spätern Mythe sein, die ihren Liebling gern mit Wunderkraft ausstattete, und wir mögen annehmen, daß er ein zweites Stück Eisen wieder gefunden oder den ersten Nagel versteckt bei sich behalten habe.

Am 14. Oktober begannen die Sessionen in Old-Bailey, dann hatten die Schließer viel zu tun. Jac rechnete auf ihre Abwesenheit, auch mußte er seine Rechnung schnell abschließen, denn am folgenden Freitag war die Hinrichtung angesetzt. Als man ihm sein Mittagbrot brachte, untersuchte man seine Hand-, Fußschellen und Stangen und fand alles in bester Ordnung.

Aber schon eine Stunde darauf war er in voller Arbeit. Die Handschellen waren schnell durch Zusammenpressen der Finger abgestreift. Mit einem gebogenen Nagel, sagen die Akten, öffnete er den Ring um den Leib, der ihn mit einer Kette an den Boden schmiedete. Dann kam die schwierigste Arbeit. Mit allem Aufwand seiner Kraft zerbrach er ein kleines Stück der Kette, welche seine Füße verband. Er war frei, aber die Eisenringe mit dem Kettenreste waren noch an seinen Beinen. Er zog die Strümpfe durch die Eisen aus, und mit neuer Kraft preßte und streifte er nun die Ringe über die Waden bis an die Knie und band sie hier, damit man sie nicht rasseln höre, mit seinen Strumpfbändern fest.  Der Kamin war der einzige Ausweg. Kaum aber war er etwas hinaufgeklettert, als er an eine zolldicke, zwei Fuß lange Eisenstange stieß, welche den Durchweg verhinderte. Aber das Stückchen Kette, welches er von der Beinkette losgebrochen hatte, bewährte sich als ein guter Mauerbrecher. Er kratzte den Mörtel an der Seite los, es gelang ihm, einige Steine zu lösen, und der Eisenbolzen gab nach. Er wich und ward nun ein vortreffliches Werkzeug in seiner geschickten Hand.

Er kletterte weiter – Kettenringe an den Beinen, Bolzen und Kette in der Hand, klomm er den Kamin bis zum obengelegenen Stockwerk hinauf. In dieser schwebenden Stellung brach er mit seiner Stange wieder so viel Steine aus, daß er durch das Loch in das sogenannte rote Zimmer kriechen konnte. Hier fand er einen großen Nagel, ihm abermals von unschätzbarem Wert. Dies Gefangenenzimmer führte nach der Kapelle zu, aber die Tür war seit sieben Jahren nicht geöffnet worden, und das Schloß war verrostet. Sie zu erbrechen kostete ihm die größte Mühe. Indes war in sieben Minuten das Schloß heraus. Er befand sich in einer Entrée, wo er eine zweite Tür zu erbrechen hatte, und sie war von der andern Seite verriegelt. Hier mußte er durch die Mauer ein Loch brechen, und den Arm durchzwängend, stieß er den Riegel zurück. Endlich stand er nun vor der geschlossenen Kapelle; aber er riß zu weiterem Gebrauch eine von den eisernen Gitterstangen ab und kam nun in ein Vorgemach zwischen der Kapelle und den flachen Dächern. Hinaus mußte er, aber, was das Schlimmste war, die Dunkelheit hatte ihn überrascht, und er mußte im Finstern die schwierigste Arbeit verrichten. Schlösser, Eisenstangen und Riegel von der allerstärksten Art waren zu überwältigen; und er hatte bereits fünf Stunden ohne Ausruhen gearbeitet!

Endlich krachte nach einer halbstündigen Arbeit das Schloß, den Anstrengungen des großen Nagels, der Stange aus dem Kapellengitter und dem Kaminbolzen nachgebend. Die Tür war auf, aber – noch eine Tür vor ihm! Auch hier Schlösser, Eisenstangen und Riegel. Diese Tür mußte er ausheben. Sie stürzte zusammen, als es draußen von der Heiligengrabkirche gerade acht Uhr schlug. Noch trennte ihn von den Dächern eine dritte Tür, diese war aber nur von innen verriegelt. Mit Leichtigkeit öffnete er sie, und über die freistehende Giebelmauer kletternd, gelangte er zu den unteren flachen Bleidächern.

London lag zu seinen Füßen. Die Straßen waren hell erleuchtet, die Läden noch alle offen. Er hatte Zeit zum Überlegen; noch durfte er nicht hinab, ohne sogleich erblickt und wieder eingefangen zu werden. Aber welche Todesangst, im Angesichte der Freiheit, des bewegten Lebens einer Stadt, wo er seine kühnen Taten vollbracht hatte, auf einem Dache zu schweben, zwei Stunden lang, und jede Minute konnte verräterisch werden! Ein Blick in seinen Kerker, ein später Besuch, und alle seine Arbeit war umsonst.

Dennoch war die ihm gewahrte Muße zu seinem Vorhaben von Nutzen; er hatte gedacht, von dem niedrigsten Punkte des Bleidachs auf das Dach eines der Nachbarhäuser springen zu können. Aber die Höhe bis auf das Dach von Turners Hause war noch sehr bedeutend, der Sprung konnte lebensgefährlich werden. Er mußte sich herablassen und hatte kein Seil bei sich. Rasch entschlossen kehrte er auf demselben Wege, auf dem er heraufgekommen war, wieder in sein Gefängnis zurück, holte das Laken seines Lagers und kam wohlbehalten durch den Schornstein, die gesprengten Türen und über die Mauer wieder zurück. Jetzt war es zehn Uhr geworden. Mittels der Eisenstange aus der Kapelle  befestigte er das Laken an der Mauer und ließ sich daran auf das auch flache Vordach des Turnerschen Hauses herab.

Zu seinem Glück war die Tür, welche vom flachen Dach nach dem Boden führte, unverschlossen. Leise schlich er zwei kleine Treppen hinab, als er in einem unteren Zimmer, dessen Tür halb offen stand, Stimmen hörte. Da klirrte seine Kette. Eine Weiberstimme rief: »Herr Gott, was ist das?« Eine andere Stimme sagte: »Entweder der Hund oder die Katze!« Sheppard wand sich still wieder zurück auf den Boden, wo er über zwei Stunden liegen blieb. Die Ruhe tat ihm not. Endlich machte er sich wieder heraus, als er einen Herrn von der Gesellschaft Abschied nehmen hörte. Das Dienstmädchen leuchtete ihm hinunter. Sobald sie zurückgekommen war und die Stubentür verschlossen hatte, huschte er die Treppe hinab, riegelte die Haustür auf und – war frei.

Wenigstens auf der freien Straße. Noch mußte er beim Wachthause an der Heiligengrabkirche vorbei. Er rief der Schildwacht einen guten Morgen zu und war schnell aus ihrem Bereich. Gegen drei Uhr lag er schon in einer verfallenen öden Gartenhütte, in einer wüsten Gegend Londons, die Leuten seines Gelichters wohl bekannt war, auf modernder Streu, von Schmerzen gefoltert, vor Kälte zitternd, aber von Todesmüdigkeit überwältigt, und schlief mehrere Stunden.

Merkwürdigerweise war niemand von Donnerstag nachmittag zwei Uhr bis zum Freitagmorgen um acht Uhr in sein Gefängnis gekommen. Als der Schließer Austin an jenem Morgen die wohlverriegelte und verschlossene Tür öffnete, überzeugte ihn beim ersten Anblick ein Haufen Schutt und Backsteine von dem, was hier vorgegangen war.  Die Spuren des Flüchtlings wurden durch die sechs erbrochenen Türen verfolgt, und das am Bleidache niederhängende Laken gab ihnen Gewißheit von dem Geschehenen. Statt des einen Gefangenen im Kerker war dieser an jenem Tage von Scharen zahlloser Neugieriger angefüllt. Sheppards Arbeiten wurden jedem gezeigt, ein Wunderwerk, wie Reste der Tätigkeit von Dämonen, welche jeder menschlichen Kontrolle und Aufsicht spotten. Nur seine Ketten konnte man nicht zeigen. Wohin? In die Luft hatte er sie mitgenommen. Man konnte ernstlich sich dem Glauben hingeben, hier sei es mit natürlichen Dingen nicht zugegangen.

Nach den freilich bald darauf gedruckten Akten von Old- Bailey wußte man nicht, wo und wie Sheppard die folgenden Tage verbracht habe und wie er der Ketten ledig geworden sei; die gedruckten Berichte geben aber darüber ausführliche Nachricht.

Dieser folgende Tag, der Freitag, an welchem Jac in Tyburn hängen sollte, war ein grauer Regentag. Es goß vom frühen Morgen bis zum späten Abende, so daß sich kaum jemand in der verlassenen Gegend, wo er Zuflucht gefunden hatte, sehen ließ. Sheppard ward durch die furchtbaren Schmerzen seiner zerstoßenen und geschwollenen Beine erweckt; dazu trug er noch die engen Kettenringe mit den Ketten an seinen Knien. In den Taschen hatte er zwar gegen fünfzig Schilling Geld, aber keine Nahrung, und er wußte keinen Menschen umher, dem er sich anvertrauen konnte.

Er blieb den Tag über in seinem Versteck; doch gegen Abend trieb ihn der Hunger hinaus. Er tappte nach einem entlegenen Vorstadtgäßchen und kaufte bei einem blinden Krämer ein Flasche Bier, Käse und Brot. Einen Hammer, um sich von seinen Ketten zu befreien, konnte er nicht auftreiben.  Er schlief darauf am vorigen Orte die ganze Nacht durch und auch den folgenden Sonnabend. Am Abend wiederholte er den nämlichen Gang nach Fourage und schlief wieder bis zum Sonntagmorgen.

Beim Geläute der Glocken fing er an, mit einem Steine gegen seine Ketten zu hämmern. Dies Geräusch führte den Eigentümer des Gartens herbei, der über diesen Besuch nicht wenig erschreckt schien. Auf Sheppards Versicherung, daß er ein armer unglücklicher Mensch sei, der sich mit einer Dirne abgegeben und, weil er dem Kirchspiel für das Kind, das sie zur Welt gesetzt, keine Sicherheit habe gewähren können, ins Zuchthaus gesperrt worden und nun entlaufen sei, beruhigte sich der Mann zwar wieder, versicherte ihm aber, daß sein Gesicht ihm nicht gefalle und er sich aus seinem Eigentum auf und davon machen möge.

Einen armen Schuhmachergesellen, dem er in einem verlassenen Feldgäßchen begegnete, wußte er durch dasselbe Märchen und zwanzig Schillinge dahin zu bringen, daß er ihm Hammer und Schroteisen verschaffte und ihm treulich half, sich von der Last der Ketten zu befreien.

Kaum indessen der Ketten ledig, war der alte Mutwille und die volle Lebenslust in ihm erwacht. Ehe er noch Gelegenheit gefunden hatte, seine zerlumpte Kleidung zu bessern, saß er schon in einem Austernkeller und aß Austern und trank Porter. Wo er einkehrte, wo er speiste, es gab nur ein Gespräch: Sheppards Flucht; er redete dreist mit und versicherte, in ein paar Tagen werde die Polizei ihn schon wieder haben, und dann werde er gewiß baumeln. Es war ihm eine Seelenlust, wenn er dafür Rippenstöße bekam oder zur Tür hinausgewiesen wurde; er war der Liebling des Volks. Er drängte sich unter die Volkshaufen auf der Gasse, wo ein paar Bänkelsänger Jac Sheppards Flucht bei  einem Porträtbilde, welches ihn nicht verraten konnte, absangen und das Volk mit immer neuem Jubel die Wiederholung des Liedes verlangte.

Ja er trieb die Keckheit so weit, zwei Briefe an seine Gefangenenwärter Applebar und Austin zu schreiben, die er selbst, verkleidet, an der Haustür soll abgegeben haben. Im Briefe an den ersteren versicherte er dem Empfänger, daß er sich bei bester Gesundheit befinde, und wünschte ihm dasselbe; er bedauerte ihn, daß er mit dem Verkauf seiner letzten Todesrede (wie sie bekanntlich vor dem Tode des armen Sünders gedruckt werden, um während seiner Hinrichtung verkauft zu werden) schlechte Geschäfte gemacht haben werde, erlaubte ihm aber, als Ersatz dafür den Brief zu drucken. Schließlich deutete er an, daß er auf einem Schmugglerschiff die englische Küste verlasse. In dem Schreiben an Austin entschuldigte er sich, daß er so ohne alle Zeremonien von ihm Abschied genommen habe, und daß jener um seine Ketten gekommen sei. »Hättet Ihr sie mir nicht aufgedrungen, so hätte ich sie nicht mitgenommen.«

Er trieb seine Einbrüche nach wie vor fort und setzte sich dadurch in den Stand, wieder als Gentleman unter seinen alten Freunden zu erscheinen. In seinem schwarzen Anzuge, mit langer Perücke, Handkrausen, einem Silberdegen an der Seite, einem Diamantring am Finger und eine goldene Uhr aus seiner Tasche hängen lassend, zeigte er sich wieder mit ihnen in Drurylane und Clare-Market.

Er ward das Opfer seines eigenen Leichtsinns, ja seiner Tollkühnheit. Am 31. Oktober speiste er mit zwei seiner Geliebten, den Dirnen Cook und Key, in Newgatestreet in einem Speisehause. Damit nicht zufrieden, nahm er eine Mietskutsche und fuhr mit den beiden Mädchen nachmittags bei heruntergelassenen Fenstern spazieren. Abends ließ er  seine Mutter in ein Wirtshaus bestellen und bewirtete sie mit Branntwein, von dem er leider selbst den größten Teil trank. Die Mutter beschwor ihn, nicht auf sein Glück zu trotzen, sondern bei der Gefahr, die ihm von allen Seiten drohe, sich auf und davon, am besten außer Landes zu machen. Jac war durch das Trinken zu weise geworden, um noch andern Rat anzunehmen, und zu mutig, um sich vor etwas zu fürchten. Er verließ die Mutter und streifte in übermütiger Laune von Schenke zu Schenke. Ein Kellner in einem Alehause erkannte ihn endlich und zeigte ihn an. Er war aber in einem so trunkenen Zustande, daß von Widerstand bei seiner Ergreifung nicht die Rede war. Die scharf geladenen Pistolen nahm man ihm aus der Tasche und brachte ihn völlig besinnungslos, diesmal zum letzten Male, nach Newgate.

Die Zahl derer, welche ihn jetzt besuchten, war noch größer als früher, darunter Männer vom höchsten Adel und Staatsbeamte in den höchsten Würden. Jac war nichts weniger als niedergeschlagen, er tat das Seinige, um sie aufs beste zu unterhalten. Er war so voll von seinen Streichen und gelungenen Verbrechen, daß man ihm ansah, wie sehr weit er davon entfernt war, sie zu bereuen, sondern alle seine Gedanken schienen nur darauf gerichtet, jede Gelegenheit zu erhaschen, um sie womöglich zu wiederholen. Die Lords, welche beim Könige Zutritt hatten, ersuchte er, sich doch ja für seine Begnadigung zu verwenden, und er dachte wirklich allen Ernstes daran, daß ihm Pardon geschenkt werden dürfte, weil er ein so ungewöhnlicher Dieb und Schelm sei.

Der König und der Ministerrat fanden diesen Grund nicht ausreichend. Nachdem ein kurzes Verfahren über die Identität des Wiedereingefangenen mit dem einst Verurteilten  stattgefunden hatte, wurde John Sheppard am 16. November zur Hinrichtung abgeführt.

Auch an diesem Schreckenstage hatte er die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, den Händen der Justiz noch einmal zu entgehen. Jemand hatte ihn mit einem Federmesser versehen. Er steckte es entblößt in seine Tasche, die Spitze nach oben. Seine Absicht, die er einem Vertrauten mitteilte, war, sich in dem Karren vornüber zu lehnen und, die Hände in die Tasche bringend, die Stricke an der Schneide des Messers auf- und niederzustreichen, bis sie entzwei wären. Dann, wenn der Zug an einer der kleinen Quergassen vorbeikäme, in die kein Reiter kann, wollte er sich schnell über den Wagen ins Volk stürzen und in die Quergasse zu entkommen suchen. Vom Volk nahm er an, daß es ihm befreundet sei. Bis die Konstabler aus dem Sattel wären, hoffte er entschlüpft zu sein. Die Geistlichen legten seine Worte, als er den Karren bestieg: »Mein Herz ist jetzt so zufrieden, als ginge ich, um ein Landgut mit zweihundert Pfund Sterling Einkünften in Besitz zu nehmen«, als Büßfertigkeit aus; es ist nicht unmöglich, daß er des Gelingens seines Fluchtversuchs sich für gewiß hielt. Bußfertige Gedanken hatte er überhaupt nie viel gezeigt und nur in Gegenwart des Geistlichen und in der Kapelle den äußern Anstand, der einem Kandidaten solchen Todes ziemt, bewahrt.

Der Plan scheiterte schon beim Einsteigen in den Karren. Einer der Beamten schnitt sich, als er die Tasche zu rasch durchsuchte, in die Finger. Das Messer ward herausgenommen, Sheppards freilich noch nicht letzte Hoffnung.

So schwer ward ihm das Scheiden vom Leben, das ihm durch seine raschen Katastrophen so lieb geworden war. Er verabredete mit einigen seiner Bekannten, sie möchten, sobald sein Körper abgeschnitten worden sei, ihn eiligst in ein warmes  Bett legen und zur Ader lassen. Er glaube gewiß, daß man ihn unter dieser Behandlung wieder ins Leben zurückbringen könne.

Auf dem Richtplatz selbst benahm er sich ernst und des Augenblicks würdig. Er räumte alle seine Verbrechen ein, auch diejenigen, wegen deren er von der Jury freigesprochen worden war. Auch beteuerte er nochmals, daß der Spruch, welcher ihm den Tod brächte, auf ein falsches Zeugnis erfolgt sei, denn William Field sei bei dem Einbrüche bei Kneebone nicht zugegen gewesen und habe nichts davon gewußt, als was ihm später darüber mitgeteilt worden sei.

Sein Todeskampf war lang, das Volk begleitete ihn mit unverkennbaren Zeichen der Teilnahme und des Mitleids. Nach einer Viertelstunde schnitt ein Soldat ihn ab, und seine Freunde empfingen den Körper. Er war und blieb ein Leichnam, und noch am selben Abend wurde er im Kirchhof von St. Martin beerdigt.

Mit Bestimmtheit sagt der Referent in den Old-Bailey- Akten: »Ich wüßte von keinem Gauner in diesem Königreiche, dessen Abenteuer ein gleiches Aufsehen gemacht haben, als die Sheppards.« Lange Zeit über sprach man in allen Kreisen der Gesellschaft nur von ihm. Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren sechs bis sieben Geschichten seines Lebens veröffentlicht. Man sah darin verschiedene Kupferstiche, welche die Momente seiner Flucht durch das Gitter des Armensünderstübchens und das Kastell von Newgate vorstellten. An einzelnen Porträts, Holz- und Kupferstichen fehlte es auch nicht. Das vorzüglichste war ein in Mezzotinto nach einem Gemälde Sir James Thornhills ausgeführtes; denn auch dieser jener Zeit so berühmte Maler hatte es seiner nicht unwert gehalten, den noch berühmtern Dieb zu porträtieren. Er ward deshalb in dem British  Journal vom November 1724 angesungen, daß er einem Räuber ewiges Leben verschafft habe, indem dies Bild

Der fernsten Zukunft macht bekannt
Die Wunder deiner Meisterhand,
Gleich Malern, die im Altertum,
Noch größern Räubern schafften Ruhm.

Apelles malte Alexandern,
Aurelius Cäsarn. Laß die andern.
In Cilly spiegelt Cromwell sich,
Doch Sheppard, Thornhill, lebt durch dich.

Noch im Dezember des folgenden Jahres 1725 erschien in demselben Journal ein Totengespräch nach Lucian zwischen Julius Cäsar und Sheppard, das sehr bewundert wurde. Cäsar entsetzt sich, daß ein solcher Schuft sich ihm zuzugesellen erdreiste. Aber Sheppard erwiderte ihm: »Was wundert Euch das? Ich war auf meinem Felde so ausgezeichnet als Ihr auf Euerem; vielleicht noch ein bißchen mehr. Und da wir uns nun an einem Orte befinden, wo wir recht eigentlich vom Nachruhm zehren müssen, sehe ich nicht ab, warum unser gleiches Verdienst uns nicht zu gleichen Ansprüchen berechtigen sollte.« Mit dem weitern Gespräche wollen wir unsere Leser nicht behelligen, es kommen indes ganz interessante Vergleiche darin vor. So sagt Sheppard unter anderm: »Was ist sträflicher, ein Schloß zu zerbrechen oder eine Verfassung umzustoßen? Sind ein paar Ketten heiliger als die Freiheit eines Volkes? Und ist es schmachvoller, aus den Händen eines Kerkermeisters zu entschlüpfen, als die Gesetze eines Landes zu durchbrechen?« Sheppard zieht zum Schluß die Moral: »Es gibt gar kein persönliches Verdienst, welches getrennt werden könnte von der bürgerlichen Gesellschaft, in der wir  leben, und keine ausgezeichneten Eigenschaften, noch sonstige Vollkommenheiten haben Anspruch auf den Namen von Verdienst, wenn das öffentliche Wohl nicht davon Nutzen zieht. Mut, Menschlichkeit, Mäßigung, Weisheit, Kenntnisse und Entschlossenheit sind schöne Dinge, zum Verdienst werden sie aber erst dann, wenn man sie zum Nutzen des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft anwendet.« Cäsar muß dem Gauner recht geben und schließt mit dem Wunsche, daß alle Regenten auf der Erde ebenso dächten.

Schon damals ward Sheppard auch auf die Bühne gebracht. Er erschien in einer Pantomime von Thurmond unter dem Namen Harlequin Sheppard. Sie wurde auf dem königlichen Theater von Drurylane aufgeführt. Auch eine Posse in drei Akten wurde gedruckt und später mit der Oper The Quakers opera verschmolzen und zur Aufführung gebracht. Ainsworths Roman aus diesem Jahrzehnt ist eine ganz willkürliche, grotesk romanhafte Verarbeitung des Gegenstandes.

Noch mehr! Auch die Kanzel bemächtigte sich seiner. Jemand trat bald nach der Hinrichtung in die Kirche eines abgelegenen Stadtteils, wo er den Prediger in folgender Weise reden hörte:

»Welche traurige Betrachtung, meine Andächtigen, zu sehen, wie die Leute so große Anstrengungen machen, ihren sterblichen Leib zu erhalten, der doch nur wenige Jahre dauern kann; und zur selben Zeit, wie wenig sorgen sie für ihre kostbare Seele, die bestimmt ist, in Ewigkeit zu dauern. Ein merkwürdiges Beispiel haben wir davon in jenem berüchtigten Übeltäter, wohlbekannt unter dem Namen Jac Sheppard. Welche ungeheuren Schwierigkeiten hat er überwältigt, welche staunenswerten Taten getan, nur für einen jämmerlichen, stinkenden Leib, der kaum des Hängens wert war. Wie geschickt öffnete er das Schloß  seiner Kette nur mit einem gekrümmten Nagel! Wie männlich zerriß er seine Ketten, klomm in den Schlot hinauf, riß eine Eisenstange aus, brach durch eine dicke Steinmauer und zersprengte die stärksten Türen, um auf die Dächer seines Gefängnisses zu kommen. Und dann, wie unerschrocken ließ er sich an einem Bettuche hinab auf des Nachbars Dach, wie vorsichtig schlüpfte er die Treppen hinunter und entkam durch die Haustür ins Freie. – Oh, meine Andächtigen, daß ihr doch alle Jac Sheppards wäret! – Versteht mich nicht falsch, meine Brüder, nicht meine ich im Fleische, sondern im Geiste! Geistig fasset es auf. Welche Schmach für uns, hielten wir es nicht für wert, zur Rettung unserer unsterblichen Seele so viel zu wagen, als er gewagt, um seinen sterblichen Leib zu retten. So laßt mich denn euch ermahnen, daß ihr die Schlösser eures Herzens mit dem Nagel der Reue öffnet; zersprengt die Fesseln eurer sündigen Lust; klettert hinauf den Schlot der Hoffnung; ergreift dort die Riegelstange des guten Entschlusses; brecht durch die Steinmauer der Verzweiflung und alle die festen Stangen, Riegel und Schlösser im dunklen Eingänge zum Tale der Schatten und des Todes; erhebt euch auf die Dächer und Giebel des göttlichen Nachdenkens; festigt daran das Bettuch des Glaubens mit der Eisenstange der Kirche; dann laßt euch getrost nieder auf das Haus dessen, der die Herzen wendet und euch Kraft gibt, euch selbst zu bescheiden; steigt hinab die Treppen der Demut. So werdet ihr denn gelangen an die Tür der Befreiung aus dem Gefängnis der Unruhe und Ungerechtigkeit, und entschlüpfen den Klauen des alten Exekutors, des Teufels, der umgeht wie ein brüllender Löwe, aufsuchend, wen er verschlingen möge.«

Diese Abraham a Santa Clarasche Ermahnungspredigt mag freilich, obgleich der Reporter von Old-Bailey sie nach glaubwürdigen Berichten mitzuteilen keinen Anstand nimmt,  nicht wörtlich so gehalten sein; wenn sie indes auch nur in der Ausschmückung so lautet, ist doch ein Kern daran echt und ein Beweis, wie populär Jac Sheppard seinerzeit war, und welche Bedeutung man ihm in allen Kreisen des Lebens beilegte.

Die Aufmerksamkeit blieb auch auf seine minderbedeutenden Genossen gerichtet, welche großenteils bald nach ihm eingezogen, vor Gericht gestellt und verurteilt wurden, wie auch Jacs viele Freundinnen; bei einer derselben fand man seine Ketten und Fußringe. Die meisten wurden nur zu Freiheitsstrafen und zur Transportation verurteilt. Blueskin endete wie sein genialer Freund am Galgen.

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