Karl Ludwig Sand

In der Stadt Wunsiedel, die, reizend gelegen an den östlichen Abhängen des Fichtelgebirges, dem deutschen Vaterlande einen seiner edelsten Dichtergeister, Jean Paul Friedrich Richter, schenkte, ward auch Karl Ludwig Sand am 5. Oktober 1759 geboren, als jüngster Sohn des vormaligen preußischen ersten Justizamtmanns und Justizrats Gottfried Christoph Sand und seiner Ehefrau Dorothea Johanna Wilhelmina, geborene Schöpf.

Sands Freunde wollen seine Charakterstimmung aus der des Gebirgsvolkes, dem er angehörte, erklären. Wer die Bewohner des Fichtelgebirges kennenlernte, sagen sie, wird Eigentümlichkeiten angetroffen haben, die von alters her das Leben dieses Volksstammes bezeichnen.

Von der Mutter wird berichtet, sie sei eine gebildete, religiöse und verständige Frau gewesen. »Bestrebe Dich«, schreibt sie, »immer und ununterbrochen auf Dich achtzuhaben, damit Du nicht einzelne große, gute Handlungen für Tugend hältst, sondern jede Minute das zu wirken und zu leisten suchst, was unsre Pflicht von uns fordert.« In einem andern Brief schreibt sie: »Ich beschwöre Dich, bester Karl, laß durch die Schwäche der Schwärmerei Dich nicht abführen von bürgerlichen und häuslichen Hinsichten!« Der Vater ermahnt den Sohn zu religiösen Gesinnungen und schreibt ihm einmal: »Laß Dich nicht durch den jetzigen leichtsinnigen Geist der Zeit verführen, und glaube mir als Deinem alten, erfahrenen Vater, daß frühe, wahre Gottesfurcht die einzige sichere Vormauer gegen Verführungen besonders in der Jugend ist und daß alle Kenntnisse ohne wahre Religiosität nichts sind als tönend‘ Erz und eine klingende Schelle. Nur muß es nicht mißverstanden oder gar Scheinreligiosität sein, sondern solche, die sich durch Handlungen im ganzen Leben ausspricht.« Den Vater scheinen mannigfache Sorgen in dem kinderreichen Hauswesen zu drücken. Denn außer zwei älteren Brüdern – Georg, Kaufmann in St. Gallen, Fritz, Appellationsgerichtsadvokat in Kemnaht – hatte Sand eine in Wunsiedel verheiratete ältere Schwester, Karoline, und eine jüngere, Julie.

Aber seiner Jugend konnte Sand, trotz des Umgangs mit den geliebten Geschwistern, nicht froh werden. Eine gefährliche Blatternkrankheit hatte ihn dermaßen angegriffen, daß sein Unterricht im elterlichen Hause erst mit dem zehnten Jahr beginnen konnte. Seine jüngere Schwester kam ihm bald zuvor, und seine Ausbildung erforderte Anstrengung von seiner Seite und Geduld seitens der Lehrer. Daher eine frühe Niedergeschlagenheit des Gemütes. Statt ihn, wie andere junge Leute lebhaften Temperaments, zurückhalten zu müssen, hatte sein Vater dafür zu sorgen, daß er nicht noch zurückhaltender wurde.

Doch artete sein stilles Wesen nicht in Schläfrigkeit und dumpfe Trägheit aus, denn im zwölften Jahr zeigt er sich als ein beherzter Kämpfer im Knabenspiele, bei dem, aus einem falschen Ehrgefühl, der Scherz in blutigen Ernst überzugehen drohte. Schon im elften Jahr hatte er ein Kind vor dem Ertrinken gerettet.

Seinen Unterricht erhielt er zuerst am Lyzeum zu Wunsiedel, dann am Gymnasium zu Hof, und er ging, aus Liebe zu dem von ihm innig verehrten Lehrer, dem Rektor Saalfrank, endlich, bei dessen Versetzung nach Regensburg, zum dortigen Gymnasium über. Saalfrank glaubte sich von seinen Oberen zurückgesetzt. In Sands Briefen an seine Eltern sprudelt hier zuerst der Geist der Entrüstung auf, wie er edlen jugendlichen Gemütern eigen ist, wenn begangenes Unrecht ihr Gefühl empört.

Als Napoleon zu einer Truppenmusterung nach Hof gekommen war, verließ Sand diese Stadt und kehrte zu seinen Eltern zurück, weil es ihm unmöglich gewesen wäre, »den Unterdrücker des Vaterlandes in Hofs Mauern zu wissen, ohne sein Leben an denselben zu wagen«. Dieser Zug, von seinen Freunden berichtet, erhielt erst nach langen Jahren Wichtigkeit und Bedeutung.

Im Jahre 1813 war Sand achtzehn Jahre alt. Er würde schon damals den Versuch gemacht haben, von seinen Eltern die Erlaubnis zum Mitgehen in den Feldzug zu erwirken, wenn nicht die Schlacht bei Leipzig seinen Entschluß unnötig gemacht hätte. Er schreibt deshalb in einem Brief an die Schwester: »Wenn es nötig sein sollte, mein Leben zum Opfer zu bringen, fühlte ich mich viel zu mutbeseelt, als daß ich mich erst dazu rufen lassen sollte.«

Im Jahr 1814 erteilte ihm sein Vater seine Einwilligung zum Studium. Er hatte sich für das Studium der protestantischen Theologie entschieden.

Sein Streben zog ihn nach Tübingen, wohin er im Herbst 1814 mit dem rühmlichen Zeugnis der Reife vom Regensburger Gymnasium abging. Er hatte jedoch unterlassen, die damals erforderliche Erlaubnis der bayerischen Regierung zu erbitten. Sie wurde ihm nachträglich abgeschlagen, und man wies ihn zum Besuch einer inländischen Universität an. Inzwischen war Napoleon aus Elba zurückgekehrt, Sand trat als Freiwilliger in bayerische Kriegsdienste. Doch erfolgte der Sieg bei Belle-Alliance zu schnell, als daß er ins Feuer gekommen wäre, und mit den aus den französischen Cantonnierungsquartieren entlassenen bayerischen Truppen traf er schon im Dezember 1815 in Anspach ein und wurde mit dem Zeugnis untadelhafter Aufführung entlassen.

Er war ohne Wissen der Eltern in den Kriegsdienst getreten. Dies war, wenn man sich in die allgemeine Stimmung von 1815 zurückversetzt, nichts Außergewöhnliches. Auch stimmte dieser Ausbruch von Vaterlandsliebe mit früheren Äußerungen überein. Schon 1809 will er beim unglücklichen Anfang des österreichischen Krieges viel Angst ausgestanden haben.

Nach einem kurzen Aufenthalt im väterlichen Hause bezog er im Winter 1815/1816 die Universität Erlangen. Von hier an beginnt ein vollständiges Tagebuch; es gibt Aufschluß und Rechenschaft nicht nur über sein tägliches Tun und Treiben, sondern auch über seine Gedanken, Stimmungen und Ansichten. Am Neujahrstage 1816 schreibt er eine Art Gebet, das man als ein Manifest seines der religiösen Verehrung des Vaterlandes fortan gewidmeten Lebens betrachten kann. Es heißt darin: »Gott, du ließest mein deutsches Vaterland sich durch seine eigene Kraft entwinden dem Joche der Knechtschaft. Zum Zweifler wurde ich, solange ich mich als Weltbürger kenne, in dieser Rücksicht nie; mein Glaube stand fest; aber daß meine feste Zuversicht durch die großen Prüfungen, die das Jahr 1809 und der Anfang des Jahres 1812, die Schlachten bei Lützen und Bautzen mit sich brachten, öfters doch den sich entwürdigenden Zweiflern ein geneigtes Ohr verlieh und über das Hohnlachen der deutschen unwürdigen Spötter fast zur Verzweiflung gebracht wurde: das verzeihe mir durch die Vermittlung unseres Herrn Jesu, der mich nicht gänzlich sinken ließ und endlich durch seinen heiligen Geist so hohen Mut in meine Seele brachte. – Vater, du hast Unendliches an uns getan! Du ließest Sieg uns zuteil werden über unseren Nationalfeind; und alle schwankenden Pflanzen in deinem deutschen Garten, niedergebeugt durch verheerende Elemente und hin- und hergeschaukelt vom Winde des Zeitgeistes, sind wieder aufgerichtet; in tiefer Scham über ihr Zweifeln an deiner allwaltenden Gerechtigkeit, die ihrem schwachen Sinn zu lange langmütig schien, wagen sie es nun, sich wieder aufzurichten zu dir, und sind dir gerettet. – Herzenslenker! Auch mir wurde zuteil, wenigstens mit ausziehen, wenngleich nicht mitstreiten zu können fürs Vaterland!«

In heiterer Stimmung verließ Sand mit Ablauf des Sommersemesters 1817 Erlangen. Er ging dem großen Reformationsfest auf der Wartburg entgegen und der Fortsetzung seines Studiums in Jena, wo das Ziel seines Lebens, die Erneuerung der deutschen Burschenschaft zu einer politischen Vereinigung, schon weit fortgeschritten war.

Unterm 17. August 1817 schreibt er an einen Freund: »Mein Herz hängt mit Freuden daran, da ja alle unsere jetzigen Burschenschaften nicht mehr ein eitles, mit den wenigen Jahren der Universität dahinschwindendes Treiben sind wie ehemals; sondern da wir, von Gott mächtig erweckt, nun endlich einmal angefangen haben, all das Hohe und Herrliche – Aufhören der krassen Zwingherrschaft, dagegen Freiheit und bei sicherer ständischer Verfassung freies Sprechen und Treiben der Bürger und eigenes Verfechten dieser hohen Güter – genug, weil wir nun einmal streben, was deutsch heißt, in unser deutsches Vaterland wirklich hineinzuführen, und weil wir dies gewißlich nicht nach Abschluß der Jugendzeit wieder ruhen lassen und als einen Studentenschwindel vergessen wollen.«

In Wunsiedel, wo er die Ferien zubrachte, abermals predigte und sich zu seinem Abgange nach Jena vorbereitete, arbeitete er den Aufsatz aus, der unter die Teilnehmer der Wartburgschaft verteilt wurde. Es ist sein damaliges Glaubensbekenntnis von der Bedeutung der Burschenschaft und zerfällt in 11 Artikel, deren Inhalt in Kürze folgender ist:

1. Unsere Sache fällt mit jeder anderen bedeutenden Umschwungszeit zusammen; ähnlich besonders der deutschen Reformation. Heute aber ist sie mehr eine wissenschaftlich-bürgerliche Umwälzung.

2. Der Wahlspruch der deutschen Burschen sei: Tugend! Wissenschaft! Vaterland!

3. Wer diese Ideen bekennt, ist unser geliebter Bruder. Von nun an darf nur auf das neubegonnene Leben gesehen werden.

4. Zur Verwirklichung dieser hohen Sache eine allgemeine, freie Burschenschaft durch ganz Deutschland.

5. Das Ganze darf nicht durch Eideshand zusammenhängen. Die Idee allein soll alle vereinen.

6. Jedwedem Unreinen, Unehrlichen, Schlechten soll der einzelne auf eigene Faust nach seiner hohen Freiheit zum offenen Kampfe entgegentreten. Das Ganze soll damit verwickelter Kämpfe überhoben bleiben.

7. Für das liebe deutsche Land kein Heil außer durch eine solche allgemeine, freie Burschenschaft. In Deutschlands innig verbrüderte edle Jugend wird das Hohe und Herrliche wirklich schon eingelebt.

8. Der Brauch für die Burschenschaft muß allenthalben in seinen Hauptzügen gleich sein.

9. Für Urfeinde des deutschen Volkstums erklärt: a) die Römer, b) Möncherei, c) Soldaterei.

10. Von einzelnen hervorleuchtenden Männern und einigen Jünglingen höherer Art, wie einst von Martin Luther, geht der neue Geist aus. Die Fürsten wissen wenig zu raten.

11. Die Hauptidee des Festes ist: »Wir sind allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht: 1. Petr. 2,9. Ihr seid ein königlich Priestertum und ein priesterlich Königreich.«

Seine Tagebücher und Briefe aus Jena sind heiterer als die in der verbittertsten Stimmung in Erlangen geschriebenen. So finden wir darin einen Besuch Sands bei Goethe, den er mit harmloser Laune um freundliche Verwendung zu einem löblichen Zwecke ansprach. Im Herbst 1819 hatte er eine Reise nach Berlin unternommen, wo ihn nichts als die für ihn merkwürdigste Größe der Zeit, Jahn, angesprochen zu haben scheint.

Wie er ihn schildert, ist als ein Bild jener Tage und für Sands Anschauungsweise gleich charakteristisch: »Jahn ist ein Held dieser Zeit, ein wahrhaft freier und edler Mann, gewachsen jedem Sturme in diesem Erdenleben und empfänglich für die zartesten Freuden des Geistes, ein rechter Mensch, passend in alle Verhältnisse des Lebens.

Was über seine Art besonders Aufschluß gibt, ist, daß er um die Zeit der französischen Revolution in jener Zeit, wo alle edle Seelen für das Heiligste erglühten, von Arbeitern, die er hochrühmt, auf dem Lande seine Jugendbildung erhielt. An der Hand der Geschichte, die er mit voller Liebe erfaßte, verwilderte er aber nicht wie die meisten jener Zeit, sondern blieb in derber Sittlichkeit seinem Ziele unverrückt treu.«

Auf Jahns Weisung besuchte Sand mit seinen Reisegefährten bei der Rückkehr alle Schlachtfelder aus den Befreiungskriegen und hatte den Verdruß, daß die Landsleute sie für Zahnarztgehilfen hielten, die den Toten die Zähne ausbrechen wollten, um sie den lebendigen Menschen einzusetzen. Ihrer wären schon viele dagewesen, und sie würden nichts mehr für sich finden.

Um Michaelis 1817 war Sand nach Jena gekommen; um Ostern 1819, nach einem andenhalbjährigen Aufenthalt ohne bedeutende und auffällige Ereignisse, verließ er es, um, mit zwei Dolchen auf der Brust und einem Ranzen, den Weg nach Mannheim anzutreten.

Die Zeitungen, in der letzten Zeit seine Hauptlektüre, fingen schon damals an, Einfluß auf die deutsche Bildung und namentlich auf die Jugend zu üben. Die deutschen Zeitungen aus jener Zeit hatten nur eine Meinung, und diese eine Meinung war die der deutschen, aus dem Befreiungskriege heimgekehrten Jugend. Bei der Untersuchung befragt, was er denn unter Freiheit verstehe, lautete seine Antwort:

»1. Nichts anderes, als was man in den Zeitungen und in den Liedern edler Dichter immer lese.

2. Daß die Klagen, die jetzt so häufig gehört würden, einmal aufhörten, namentlich die Klagen über unerschwingliche Abgaben … Preßzwang, über Mangel an Öffentlichkeit.

3. Darin, daß es höchstes Ziel des Staates werde, dafür zu sorgen, daß aus jedem einzelnen Menschen ein edler, freier Mensch gezogen werde, der seiner Würde sich selbst bewußt sei, zu den höchsten Geistesfreuden ungehindert gelangen könne und im Staate nicht als eine tote Maschine, sondern als ein nach eigenem Willen sich bestimmendes Wesen geachtet werde.«

Sand konnte nach seinen Kenntnissen zum Glauben verführt werden, daß er durch Kotzebues Ermordung eine dem Vaterlande ersprießliche Tat vollführte.

Kotzebue hatte leichtfertig und leichtsinnig, wie alles, auch die letzten Aufwallungen des deutschen Nationalgefühls, davon er Zeuge war, besprochen und bespöttelt. Die Art, wie er nur das Lächerliche im Treiben der Altdeutschen auffaßte und satirisch besprach, mußte die jugendlichen Gemüter, die es zu ihrer Religion gemacht hatten, entflammen. Als Korrespondent der russischen Regierung berichtete er in sogenannten Bulletins über die deutschen Zustände, wie er sie ansah.

Der Vorwurf, daß Kotzebue ein Verräter am Vaterlande geworden war, ließe sich aus einem gewissen Standpunkt verteidigen; der, daß er ein russischer Spion gewesen, ist unhaltbar. Eingebürgert in Rußland, mit einem Titel vom russischen Kaiser, mehrmals auf Missionen desselben im Auslande und von ihm besoldet, paßte auf ihn zum wenigsten nicht der Begriff: Spion. Was er tat, tat er in aller Öffentlichkeit.

Die russische Regierung unterhielt in vielen Ländern Europas Korrespondenten, die ihr Berichte über das literarische, industrielle, künstlerische und geistige Treiben dieser Länder abzustatten hatten. Sie wählte dazu gewöhnlich Schriftsteller und Männer von Geist, die im gesellschaftlichen Leben zu Hause waren und mit Urteilskraft und Anschaulichket schreiben und beobachten konnten. Solche Korrespondenten unterhielten auch andere Fürsten, bis sie die Fortschritte der periodischen Presse und des öffentlichen Lebens überflüssig machten, da ja auf billigere und umfassendere Weise das, was sie ihnen berichteten, in den Zeitungen zu lesen war. Ein solcher Korrespondent für die Regierung in Petersburg war Kotzebue, und was ihm vorgeworfen werden kann, ist nur die Art, mit der er berichtet hat.

Eines seiner spöttischen Bulletins war durch Nachlässigkeit oder Verrat eines Abschreibers in fremde Hände gekommen und in der damaligen Oppositionszeitung abgedruckt worden. Es stellte Kotzebue vor der öffentlichen Meinung bloß.

Wann Karl Ludwig Sand zuerst den Gedanken gefaßt hatte, das deutsche Vaterland an Kotzebue zu rächen, ist weder aus der Untersuchung ermittelt, noch geht es aus seinen Tagebüchern hervor.

Der Gedanke an ein Märtyrertum, an ein Hingeben des Lebens für seine Ideen, spukte schon sehr früh in seinen Äußerungen. Schon aus Erlangen schrieb er an seinen Freund Cl.: »Nach Freiheit wollen wir ringen, und also wollen wir uns nicht durch das Drohen des Todes bändigen und gängeln lassen, der ja doch die höchste Freistätte ist. Lebend wollen wir jenen knechtischen Seelen eine Pest sein, und tot wollen wir sie uns nachziehen.«

Die erste Erwähnung Kotzebues in seinen Tagebüchern findet sich unterm 28. April 1816, wo er aus Wunsiedel schreibt: »Am Abend sah ich im Harmonietheater, wo das letzte Mal in diesem Winter gespielt wurde