Landhaus Energie

Aus. Le­bens­li­ni­en 3.Teil, 3.Kap.

Die ei­ge­ne Schol­le. Das Be­dürf­nis, auf ei­ge­nem Grund und Bo­den zu sit­zen, war vä­ter­li­ches Erb­gut. Es ist sei­ner­zeit er­zählt wor­den (I, 5), daß mein Va­ter sei­ne ers­ten Er­spar­nis­se da­zu ver­wen­det hat, sich ein ei­ge­nes Hä­us­chen zu er­wer­ben. Auch nach dem un­ver­schul­de­ten wirt­schaft­li­chen Zu­sam­men­bruch, aus dem er sich so tap­fer wie­der em­por­ge­ar­bei­tet hat­te, setz­te er ei­nen er­heb­li­chen Teil sei­nes neu er­wor­be­nen Ver­mö­gens in Land­be­sitz um, auf dem er zu­frie­den starb.

Die no­ma­di­sche Da­seins­form des Deut­schen Pro­fes­sors ist ein gro­ßes Hin­der­nis für die Be­tä­ti­gung sol­cher Nei­gung zur Bo­den­stän­dig­keit. Gilt doch in die­sem Krei­se der Aber­glau­be, daß der Er­werb ei­nes ei­ge­nen Hau­ses ein na­he­zu si­che­res Mit­tel sei, die Schick­sals­mäch­te zur Be­wir­kung ei­ner Orts­ver­än­de­rung zu ver­an­las­sen.

In mei­nem Fal­le war das frei­lich nicht zu er­war­ten. Mei­ne Wan­der­jah­re wa­ren sehr kurz ge­we­sen, da auf Ri­ga als­bald Leip­zig ge­folgt war. Und »von Leip­zig wird man nicht fort­be­ru­fen«, hör­te ich mei­ne Kol­le­gen be­stän­dig sa­gen, »denn Leip­zig ist der Pro­fes­so ren­him­mel«. Mir war dies zu­nächst durch­aus will­kom­men, da die Aus­bil­dung des La­bo­ra­to­ri­ums zur Welt­zen­tra­le der phy­si­ka­li­schen Che­mie ei­ne Ar­beit von lan­ger Hand war, die durch ei­ne Orts­ver­än­de­rung nur ge­stört wor­den wä­re; auch konn­te ich nir­gend güns­ti­ge­re Be­zie­hun­gen zu der vor­ge­setz­ten Be­hör­de er­hof­fen, als ich sie in Sach­sen an­ge­trof­fen hat­te.

Zwar der Mi­nis­ter Ger­ber, der mei­ne Be­ru­fung ge­tä­tigt hat­te, kam für die Pfle­ge des Ge­bie­tes nicht viel in Be­tracht. Karl Lud­wig be­rich­te­te mir ei­ni­ge Zeit nach mei­nem Amts­an­tritt, noch ganz rot vom ge­hab­ten Är­ger, daß der Mi­nis­ter ihm ge­sagt ha­be, er hal­te nichts von der phy­si­ka­li­schen Che­mie. Denn die­ser ver­stand als Ju­rist nichts von der Sa­che und hat­te kei­ne Ah­nung von ih­ren Mög­lich­kei­ten; auch dür­fen wohl kol­le­gia­le Ein­flüs­se sei­ne Ein­stel­lung ver­an­laßt ha­ben. Er starb aber bald her­nach, und sein Amts­nach­fol­ger v. Sey­de­witz nahm, wie be­rich­tet wur­de, ei­ne ganz ge­gen­säzt­li­che Stel­lung ein, in­dem er amt­lich und per­sön­lich al­les tat, was in sei­ner Macht stand, um mir mei­ne Ar­beit zu er­leich­tern. Es war dies ei­ne ganz ob­jek­ti­ve Hal­tung, da ich nie­mals zu ihm in ein per­sön­li­ches oder ge­sell­schaft­li­ches Ver­hält­nis ge­tre­ten bin.

Ers­te An­sät­ze. Der Wunsch nach ei­ge­nem Grund­be­sitz er­wach­te durch die zu­neh­men­de Schwie­rig­keit, den her­an­wach­sen­den Kin­dern den nö­ti­gen »Aus­lauf« zu ver­schaf­fen. In dem Ma­ße, wie sie schul­pflich­tig wur­den, ver­grö­ßer­te sich die­se Schwie­rig­keit, da die Schul­fe­ri­en gro­ßen­teils au­ßer­halb der Uni­ver­si­täts­fe­ri­en la­gen und ich mei­ne Fa­mi­lie al­lein auf die Rei­se schi­cken muß­te.

Als ers­te Ab­hil­fe er­stand ich ei­nen »Schre­ber­gar­ten« im Jo­han­nis­tal, ei­ner in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft des In­sti­tuts und mei­ner Amts­woh­nung be­le­ge­nen Gar­ten­ko­lo­nie. Die­se für den Groß­städ­ter so se­gens­rei­che Er­fin­dung ist in Leip­zig von ei­nem prak­ti­schen Arzt Dr. Schre­ber ge­macht wor­den, dem auch im Jo­han­nis­tal ein be­schei­de­nes Denk­mal, ei­ne kaum le­bens­gro­ße guß­ei­ser­ne Büs­te auf ei­nem nied­ri­gen So­ckel, da­für er­rich­tet wor­den war. Es di­en­te der in den Gär­ten zahl­reich vor­han­de­nen Ju­gend als Ziel für man­cher­lei Wurf­ge­schos­se und sah des­halb im­mer sehr mit­ge­nom­men aus. Doch zweif­le ich nicht, daß dies dem Ur­bild des Denk­mals nur Ver­gnü­gen ge­macht hät­te, wenn ihm da­von Kennt­nis ge­wor­den wä­re.

Ein güns­ti­ger Zu­fall gab mir ei­nen ganz na­hen Gar­ten an die Hand, in den man von den Fens­tern der In­sti­tuts­woh­nung hin­ein­se­hen konn­te. So war es mög­lich, die Kin­der oh­ne Um­stän­de hin­über­lau­fen zu las­sen und sie nö­ti­gen­falls durch ver­ab­re­de­te Si­gna­le ins Haus zu ru­fen.

Das Gärt­chen war zwar nur klein, da­für aber alt und dicht mit Ge­sträuch be­wach­sen; ein be­jahr­tes Gar­ten­haus mit ge­heim­nis­vol­lem Kel­ler und Bo­den stei­ger­te sei­nen Wert für die Kin­der in ho­hem Ma­ße. Sie er­forsch­ten es denn auch in al­len Ecken und Win­keln, stell­ten fest, wo die meis­ten Schne­cken zu fin­den wa­ren, zwi­schen de­nen sie Wett­ren­nen ver­an­stal­te­ten und fan­den nach Kin­der­art un­er­schöpf­li­che Quel­len für die un­er­war­tets­ten Be­tä­ti­gun­gen in dem klei­nen Raum.

Auch mir per­sön­lich war das Gärt­chen will­kom­men. Ich bin oft ge­nug mit mei­nem Schreib­ge­rät hin­über­ge­zo­gen, wenn ich für mei­ne Bü­cher ei­ne Stun­de un­ge­stör­ten Nach­den­kens brauch­te, die im Hau­se nicht so leicht zu be­schaf­fen war. Ich kann mir noch die glück­li­chen Ge­füh­le un­be­schränk­ter Schaf­fens­lust zu­rück­ru­fen, die ich dort in den ers­ten Jah­ren er­leb­te. Eben­so sind frei­lich mit dem glei­chen Ort die ers­ten schmerz­li­chen Er­fah­run­gen ver­bun­den, wenn das über­mä­ßig be­an­spruch­te Ge­hirn nicht mehr so be­reit­wil­lig die Ge­dan­ken bil­den woll­te, die ich in Um­ris­sen als Ziel der Ar­beit vor mir sah und nun dau­er­haft und klar ge­stal­ten woll­te.

Wie es kam. Als 1896 das neu­er­bau­te In­sti­tut be­zo­gen wur­de, fand sich dort auch Raum für ein Gärt­chen. Es war aber noch klei­ner, als der Schre­ber­gar­ten im Jo­han­nis­tal und von der Stra­ße nur durch ein ei­ser­nes Git­ter ge­schie­den, lag al­so den Bli­cken der Vor­über­ge­hen­den of­fen. Für mei­ne Be­dürf­nis­se war durch ei­ne gro­ße Ve­ran­da ge­sorgt, auf der ich bei war­mem Wet­ter ar­bei­ten konn­te, mit ei­nem Blick auf den Haupt­teil des La­bo­ra­to­ri­ums. Die Kin­der aber zo­gen hier­bei den kür­ze­ren und ver­miß­ten sehr die heim­li­chen Win­kel des al­ten Gar­tens.

Um ih­nen et­was Ab­wech­se­lung zu schaf­fen, schick­te ich mei­ne drei Jun­gen ei­nes Sonn­tags im Jah­re 1901 auf ei­ne Ent­de­ckungs­rei­se. In der Zei­tung war mein Blick zu­fäl­lig auf ei­ne An­zei­ge ge­fal­len, in der ein »ro­man­tisch« ge­le­ge­nes Grund­stück in Groß-Bo­then aus­ge­bo­ten wur­de. Das Ei­sen­bahn­buch be­lehr­te uns, daß Groß-Bo­then in der Nä­he des Städt­chens Grim­ma lag, das ich ge­le­gent­lich mit Mal­kas­ten und Klapp­stuhl be­sucht und für mei­ne Zwe­cke recht aus­gie­big ge­fun­den hat­te. Auch hat­ten wir ein­mal Som­mer­fri­sche in Grim­ma ab­ge­hal­ten. Oh­ne ernst­lich an ei­nen Kauf zu den­ken, fand ich den An­laß doch hin­rei­chend, um die Kin­der zu be­auf­tra­gen, sich das Grund­stück an­zu­se­hen und uns dar­über zu be­rich­ten.

Sie ka­men am Abend zu­rück, ganz er­füllt von dem Ge­schau­ten und mit ei­nem In­dia­ner­ge­heul uns an­fle­hend, die­se Herr­lich­keit zu kau­fen. Bei mir han­del­te es sich um ei­nen al­ten und star­ken Wunsch, den zu be­frie­di­gen ich schon meh­re­re An­läu­fe ge­nom­men hat­te. Ein­mal war so­gar schon der Kauf ei­nes Grund­stü­ckes am Vier­wald­stät­ter See zu­nächst Brun­nen ge­tä­tigt und ein Rechts­an­walt mit der Durch­füh­rung be­auf­tragt wor­den; doch trat der Be­sit­zer im letz­ten Au­gen­blick von dem be­reits ge­schlos­se­nen Ver­trag zu­rück und ich moch­te mich nicht auf ei­nen Rechts­streit dar­über ein­las­sen. Hier schien sich nun ei­ne Mög­lich­keit zu bie­ten, den Ge­dan­ken aus­zu­füh­ren.

Da die Ei­sen­bahn­fahrt trotz der vie­len Hal­te­punk­te un­ter­wegs nur ei­ne Stun­de dau­er­te, ent­schlos­sen wir El­tern uns end­lich, den Bit­ten der Kin­der nach­zu­ge­ben. Wir fan­den ein al­tes Haus, für ei­ne Som­mer­woh­nung ge­räu­mig ge­nug, in höchst ver­wahr­los­tem Zu­stan­de, aber um­ge­ben von ei­nem Ge­län­de, das wirk­lich reiz­voll war. Von Os­ten nach Wes­ten zog sich ein wei­tes Tal, in wel­chem frü­her der Mul­de­fluß ge­strömt war. Ge­gen­wär­tig floß er ei­ni­ge Ki­lo­me­ter wei­ter nörd­lich und im Tal war nur ein schma­les Bäch­lein nach­ge­blie­ben. An der nörd­li­chen Tal­wand, al­so frei nach Sü­den ab­fal­lend, lag das Grund­stück, das am obe­ren Ran­de das Haus trug. Von die­sem senk­te sich ein Obst­gar­ten ins Tal hin­ab, der un­ten in ei­ne wei­te Wie­se aus­lief. Da­ne­ben war noch Raum für ein Kie­fer- und ein Ei­chen­wäld­chen; al­te Bir­ken be­schat­te­ten das Haus. In un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft er­hob sich ein Por­phyr­ke­gel, wie sol­che dort zahl­reich die Mo­rä­nen­land­schaft durch­bre­chen. Ein stun­den­wei­ter Wald, der bis Grim­ma reich­te, schloß sich nach Wes­ten un­mit­tel­bar an das Grund­stück.

Im gan­zen war es ei­ne Land­schaft, wie ich sie brauch­te: an­mu­tig und ab­wechs­lungs­reich, aber nicht auf­re­gend und an­spruchs­voll. Mir leuch­te­te al­so die Sa­che ein. Ich hat­te um je­ne Zeit reich­li­che Ein­nah­men aus mei­ner Bü­cher­schrei­be­rei und konn­te den Kauf tä­ti­gen, oh­ne ei­ne ernst­li­che Lü­cke in mei­ne Er­spar­nis­se zu rei­ßen.

Mei­ne Frau war ent­setzt von der Un­ord­nung und Ver­wil­de­rung, in der sich Haus und Gar­ten be­fan­den. Das An­we­sen war von ei­ner Wit­we er­baut wor­den, die dort vie­le Jah­re ein zu­rück­ge­zo­ge­nes Da­sein ge­führt hat­te. Es war nach ih­rem To­de durch ver­schie­de­ne Hän­de ge­gan­gen, die es mehr und mehr ver­wahr­lo­sen lie­ßen. Ein hoch­be­jahr­tes bäu­er­li­ches Ehe­paar hat­te in­zwi­schen das Haus be­auf­sich­tigt und der von ih­nen be­wohn­te Raum trug nicht da­zu bei, das Gan­ze ap­pe­tit­li­cher zu ma­chen. So be­durf­te es ei­ni­ger Über­re­dung, um die Zu­stim­mung mei­ner Frau zu ge­win­nen. Denn »auf mich kommt schließ­lich die Ar­beit des Auf­räu­mens und Ein­rich­tens«, sag­te sie, und das mit Recht.

So wur­de Haus und Gar­ten ge­kauft und ich durf­te mich zum ers­ten Ma­le als Grund­be­sit­zer füh­len. Die um­ständ­li­chen Vor­gän­ge beim Ein­tra­gen in das Grund­buch und Ein­tritt in die Dorf­ge­mein­de ver­stärk­ten den Ein­druck des Be­son­de­ren, das mit mir vor­ge­gan­gen war und be­rei­te­ten die Ein­sicht vor, daß Grund­be­sitz et­was we­sent­lich an­de­res be­deu­tet, als Geld­be­sitz oder ir­gend ein an­de­res Ei­gen­tum. Erst nach vie­len Jah­ren ge­stal­te­ten sich die­se Ein­drü­cke zu den Ein­sich­ten aus, die mich zu ei­nem über­zeug­ten An­hän­ger des Bo­den­re­form­ge­dan­kens ge­macht ha­ben.

Es ka­men näm­lich noch en­er­ge­ti­sche Be­trach­tun­gen hin­zu, wel­che er­ge­ben, daß je­der Mensch oh­ne Aus­nah­me gleich­sam durch ei­ne Na­bel­schnur mit ei­ner be­stimm­ten Bo­den­flä­che ver­bun­den ist, wel­che die che­mi­sche En­er­gie sam­melt, de­ren er zu sei­nem Da­sein be­darf. Die­se Ver­bin­dung kann sehr lang und ver­wi­ckelt sein, sie ist aber im­mer not­wen­dig vor­han­den, weil kein Mensch oh­ne je­nen En­er­gie­ver­brauch le­ben kann. Und ein Volk ist um so ge­sun­der und leis­tungs­fä­hi­ger, je un­mit­tel­ba­rer die Ver­bin­dung des Ein­zel­nen mit sei­nem Nähr­bo­den ist. Denn mit der Län­ge der Ver­bin­dung nimmt der Ver­lust durch Trans­port und Auf­be­wah­rung zu, un­ter gleich­zei­ti­ger Ver­min­de­rung der Gü­te der Nah­rung.

Land­haus En­er­gie. Um den neu­en Be­sitz von der gröbs­ten Ver­nach­läs­si­gung zu be­frei­en, schick­te ich mei­nen äl­tes­ten Sohn mit sei­nem Leh­rer­freun­de Brau­er (mei­nem spä­te­ren Mit­ar­bei­ter am Stick­stoff­pro­blem) wäh­rend der Fe­ri­en hin­aus. Sie schlu­gen ein pri­mi­ti­ves La­ger in ei­nem der Zim­mer auf und brach­ten es nach ei­ni­gen Wo­chen so weit, daß die Scheu­er­ko­lon­nen ein­rü­cken konn­ten, um die Räu­me be­wohn­bar zu ma­chen.

Mei­ne Frau lei­te­te die An­sied­lung mit ge­wohn­ter Tat­kraft; ei­ne ge­nü­gen­de Ein­rich­tung mit ein­fachs­ten Mö­beln wur­de be­schafft und end­lich ging der glück­li­che Tag auf, wo wir in das ei­ge­ne Heim über­sie­deln konn­ten.

Am glück­lichs­ten wa­ren die Kin­der, die an so aus­ge­dehn­te Ge­bie­te für Er­for­schung und Spiel nicht ge­wöhnt wa­ren und aus ei­ner Freu­de in die an­de­re fie­len. Der Ein­druck war so stark, daß ih­nen noch heu­te die »En­er­gie«, wie ich das Grund­stück als­bald be­nann­te, bei je­der neu­en An­we­sen­heit ein er­höh­tes und gleich­zei­tig be­ru­hig­tes Le­bens­ge­fühl aus­löst. Die Wir­kung ist mit un­ver­än­der­ter Stär­ke auch auf die En­kel­kin­der über­ge­gan­gen, de­nen die Be­grif­fe En­er­gie und Pa­ra­dies un­ge­fähr gleich­be­deu­tend ge­wor­den sind. Und ich er­qui­cke mich im­mer wie­der an dem Ge­dan­ken, daß es auch den künf­ti­gen Ge­schlech­tern aus die­sem Stamm eben­so ge­hen und die »En­er­gie« sich dau­ernd als Quel­le oder Nähr­bo­den tüch­ti­ger Leis­tun­gen be­wäh­ren wird.

Auch an mir hat sich die »En­er­gie« von An­fang an gut be­währt. Ich ha­be dort zu­nächst die Nie­der­schrift mei­ner »Vor­le­sun­gen über Na­tur­phi­lo­so­phie« her­ge­stellt und he­ge den Glau­ben, daß et­was von der Fri­sche und An­mut der neu­en Um­ge­bung sei­nen Weg zwi­schen die Blät­ter die­ses Bu­ches ge­fun­den hat. Viel­leicht auch et­was von der Na­tur­wüch­sig­keit oder Ver­wil­de­rung des eben erst er­wor­be­nen Be­sit­zes.

Na­tür­lich gab es ne­ben der Schreib­ar­beit noch sehr reich­lich Hand­ar­beit. Den größ­ten Teil der We­ge in dem ganz ver­wil­der­ten Wäld­chen ha­be ich selbst mit Beil, Ha­cke und Spa­ten ge­ro­det und ge­eb­net; da­zu gab es im Hau­se man­cher­lei zu na­geln, zu sä­gen, zu lei­men, was ich mit Ver­gnü­gen trieb.

Ver­hält­nis­mä­ßig am meis­ten Ar­beit und am we­nigs­ten Freu­de hat­te mei­ne Frau von dem neu­en Be­sitz. Be­deu­te­te er doch ei­ne Ver­dop­pe­lung des Haus­hal­tes und der Sor­ge um sei­ne In­stand­hal­tung. Zwar be­müh­ten wir uns al­le, durch über­zeug­te An­spruchs­lo­sig­keit der Le­bens­füh­rung ihr die Ar­beit tun­lichst zu er­leich­tern, und die Töch­ter grif­fen gern zu, wo es ih­nen er­laubt wur­de. Aber die Last ruh­te doch we­sent­lich auf ih­ren Schul­tern.

Den­noch glau­be ich, daß man­cher schö­ne Som­mer­abend un­ter Blu­men­duft und Leucht­kä­fer­schim­mer, man­cher tau­fri­sche Son­nen­mor­gen mit Fin­ken­schlag und Ku­ckucks­ruf aus dem na­hen Wal­de sie er­quickt und ihr ein Ge­fühl von den gu­ten Sei­ten des neu­en Zu­stan­des ge­ge­ben hat.

Ein­ge­wöh­nung. Zu­nächst di­en­te uns der neue Be­sitz nur als Som­mer­fri­sche. Mit dem Be­ginn der Schul­fe­ri­en sie­del­te mei­ne Frau nebst den Kin­dern nach der En­er­gie über, wäh­rend mich das Uni­ver­si­täts­se­mes­ter noch in Leip­zig zu­rück­hielt und ich nur am Sonn­abend bis Mon­tag hin­aus­fuhr. Dann gab es ei­ni­ge Wo­chen ge­mein­sa­mer Fe­ri­en, bis der Schul­an­fang Mut­ter und Kin­der wie­der nach Leip­zig rief. Meist mach­te ich dann al­lein ei­ne Rei­se. Zu­wei­len mach­ten wir auch kür­ze­re Be­su­che im Spät­herbst und wäh­rend der Weih­nachts­fe­ri­en.

Die Ver­wal­tung des Hau­ses war dem er­wähn­ten al­ten Ehe­paar an­ver­traut, das Haus, Gar­ten und Wie­sen in Ord­nung hielt, wie sie es ver­stan­den. Sie wa­ren ehr­lich und zu­ver­läs­sig, es war aber nicht leicht, ih­nen ab­zu­ge­wöh­nen, un­se­re Wohn­zim­mer wäh­rend un­se­rer Ab­we­sen­heit als Ab­stell­räu­me für Ei­er, Korn und an­de­re Vor­rä­te zu be­nut­zen. Für die Be­wirt­schaf­tung der Wie­sen und Äcker wur­de ein Esel ge­kauft, der sich als ein eben­so nütz­li­cher wie an­ge­neh­mer Haus­ge­nos­se er­wies.

In sei­nen zahl­rei­chen Mu­ße­stun­den be­schäf­tig­te sich der Haus­mann mit der Her­stel­lung von plas­ti­schen Ge­bil­den aus Holz, Le­der und Zeug­fli­cken, wel­che Bau­ern und Hand­wer­ker dar­stell­ten. Sie wa­ren vor ih­rer Zeit an das Licht ge­kom­men, denn sie hät­ten in den letz­ten Jah­ren mit den Ne­ger­plas­ti­ken und den Ge­mäl­den von H. Rous­se­au er­folg­reich in Wett­be­werb tre­ten kön­nen. Er schenk­te mir ei­ne An­zahl, doch ha­be ich sie nicht ver­wahrt, son­dern den Kin­dern zum Spie­len ge­ge­ben, die sie dank­bar an­nah­men.

Die man­nig­fal­ti­gen Wohn­ver­su­che auf der En­er­gie stärk­ten in mir die Über­zeu­gung, daß ein dau­ern­des Le­ben dort nach zweck­mä­ßi­gem Aus­bau des Hau­ses nicht nur mög­lich, son­dern höchst er­freu­lich sein wür­de. Bei mei­ner Frau war das Ver­trau­en da­für sehr viel ge­rin­ger.

Ein­fluß auf die Le­bens­ge­stal­tung. Bei dem Kon­flikt mit der phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Leip­zig, der zu mei­nem Aus­schei­den führ­te, wur­de mein Ver­hal­ten ganz we­sent­lich durch den Be­sitz der »En­er­gie« mit­be­stimmt. Da ich wuß­te, wo ich mich und die Mei­nen ge­ge­be­nen­falls un­ter­brin­gen konn­te, hat­te die Tren­nung vom Amt und der da­zu­ge­hö­ri­gen Amts­woh­nung kei­ne Schre­cken für mich, so hübsch und zweck­mä­ßig die­se auch ge­ra­ten war. Ich emp­fand so­gar ei­ne ge­wis­se Be­ru­hi­gung da­bei. Denn ich hat­te es wie­der­holt an­se­hen müs­sen, wie nach dem To­de ei­nes Kol­le­gen, der Amts­woh­nung hat­te, die Fa­mi­lie ge­zwun­gen war, die Räu­me zu ver­las­sen, in de­nen sie ein Men­schen­al­ter hin­durch ge­wohnt hät­te. Mir wa­ren sol­che Not­wen­dig­kei­ten, die ja un­ver­meid­lich sind, im­mer als ei­ne Grau­sam­keit er­schie­nen, da sie auf die Hin­ter­blie­be­nen zu ei­ner Zeit drück­ten, wo die­se oh­ne­hin in tie­fes Leid ver­senkt war. Da auch bei mir ein frü­her Tod denk­bar war, sorg­te ich mich um sol­che Mög­lich­kei­ten für die Zu­kunft mei­ner Fa­mi­lie und be­grüß­te de­ren Aus­schluß mit dem Ge­fühl ei­ner gro­ßen Er­leich­te­rung.

Ab­run­dung und Er­wei­te­rung. Bald nach dem An­kauf des Grund­stü­ckes wur­de mir ein un­mit­tel­bar an­gren­zen­der Strei­fen Lan­des an­ge­bo­ten, des­sen Be­sit­zer gleich­falls dort Som­mer­fri­sche hat­te hal­ten wol­len; sei­ne Mit­tel hat­ten aber nur zur Er­bau­ung ei­ner Lau­be aus Stan­gen ge­reicht. Ich kauf­te es, ob­wohl der Preis viel zu hoch war, weil es die mehr­fach ge­knick­te Grenz­li­nie mei­nes Grund­stü­ckes an ei­ner Stel­le an­ge­nehm ab­glich. Die Nei­gung zur Ab­run­dung, wel­che sich oft bis zur Lei­den­schaft stei­gern kann, wur­de auch bei mir wirk­sam. Ein Grenz­stück nach dem an­dern ging in mei­nen Be­sitz über, wo­bei mich die ver­kau­fen­den Bau­ern meist wa­cker über das Ohr hau­ten. Aber wenn ich auf sol­che Wei­se mei­nen Bar­geld­vor­rat ver­min­dert hat­te, traf meist bald das Ho­no­rar für ein neu­es Buch oder die neue Auf­la­ge ei­nes frü­he­ren Wer­kes ein und stell­te das ge­stör­te Gleich­ge­wicht wie­der her.

Dies setz­te sich durch die Jah­re so lan­ge fort, bis mei­ne Gren­zen fast über­all auf Stra­ßen oder We­ge stie­ßen oder wei­te­re Aus­deh­nung durch den fis­ka­li­schen Wald un­mög­lich ge­macht wur­de. Selbst wäh­rend der Kriegs­zeit fand ich noch Ge­le­gen­heit, ei­ni­ge Äcker zu er­wer­ben, die mei­nen Be­sitz bis zur Land­stra­ße aus­dehn­ten. Im­mer be­zahl­te ich den Er­werb bar, so daß er völ­lig schul­den­frei blieb. Ich konn­te al­ler­dings nicht recht an­ge­ben, wo­zu ich all das Land kauf­te und hat­te zu­wei­len ein et­was schlech­tes Ge­wis­sen da­bei, als fröhn­te ich ei­ner zweck­lo­sen und kost­spie­li­gen Lei­den­schaft. Da dies aber die ein­zi­ge der­ar­ti­ge war, ließ ich sie gel­ten.

Der Na­me. Die Be­ru­hi­gung mei­nes Ge­müts durch den Grund­be­sitz ist auch mit­be­stim­mend bei der Na­men­ge­bung ge­we­sen. Wenn ich den neu­en Be­sitz et­wa in üb­li­cher Wei­se nach mei­ner Frau He­le­nen­ruh ge­nannt hät­te, so hät­te es wie ei­ne bö­se Iro­nie ge­klun­gen, da er ihr si­cher­lich we­nigs­tens zu­nächst viel­mehr Un­ru­he ge­bracht hat­te. Da­ge­gen leuch­te­te mir der Na­me En­er­gie, an den ich an­fangs nur im Scherz ge­dacht hat­te, im­mer mehr ein. Denn ich hat­te we­ni­ge Jah­re vor­her er­fah­ren, wel­che ent­schei­den­de Rol­le die En­er­gie nicht nur für die Ge­stal­tung der Welt, son­dern auch für die mei­nes per­sön­li­chen Schick­sals ge­spielt hat und dau­ernd spiel­te. Das Land­haus stell­te sich mir als ein stets be­rei­tes Mit­tel dar, neue En­er­gi­en zu sam­meln, wenn ich die vor­han­de­nen wie­der ein­mal auf­ge­braucht hat­te, und es konn­te ei­gent­lich gar kei­nen pas­sen­de­ren Na­men er­hal­ten, als En­er­gie.

So ließ ich die­sen Na­men über den Ein­gang des Hau­ses schrei­ben. Ei­ni­gen Dorf­ge­nos­sen aber war das Wort un­be­kannt und sie nann­ten das Haus ge­mäß dem lan­des­üb­li­chen Sprach­klang »An­ar­chie«.

Neu­bau und Über­sied­lung. Nach­dem mein Fort­gang ent­schie­den war, ging ich als­bald dar­an, das Haus zur Dau­er­woh­nung für mei­ne Fa­mi­lie und mich aus­zu­bau­en. Es fand sich ein jun­ger Ar­chi­tekt na­mens Mun­de, der sich an ei­ni­gen mei­ner Schrif­ten er­freut und er­baut hat­te und des­halb gern die Auf­ga­be über­nahm, die er auch sach­ge­mäß und ge­wis­sen­haft durch­ge­führt hat. Da aus an­de­ren Grün­den (III, 31) reich­li­che Zeit bis zur end­gül­ti­gen Über­sied­lung vor­han­den war, konn­te der Bau in al­ler Ru­he ge­plant und aus­ge­führt wer­den.

Er wur­de recht­zei­tig fer­tig und En­de Au­gust 1906 beim Ab­schluß des letz­ten Se­mes­ters als Pro­fes­sor fand die Über­sied­lung statt. Bei mir wirk­te die Er­schöp­fung durch die über­mä­ßi­ge Ar­beit in Ame­ri­ka noch nach, da die un­er­quick­li­chen Ver­hält­nis­se der letz­ten Leip­zi­ger Zeit die Er­ho­lung sehr ver­zö­gert hat­ten. So war ich bei der Ein­ord­nung des Haus­rats in die neu­en Räu­me von ge­rin­gem Nut­zen; Frau und Töch­ter muß­ten das meis­te hier­bei tun und ha­ben sich da­bei gut be­währt.

Im­mer­hin ge­lang die Ein­pas­sung ganz be­frie­di­gend. Die neue Ge­samt­hei­zung be­währ­te sich gut in den kal­ten Ta­gen des fol­gen­den Win­ters und wir konn­ten un­ge­stört den man­nig­fal­ti­gen Ar­bei­ten nach­ge­hen, wel­che die neue Um­ge­bung er­for­der­te und an­reg­te. Ich war mit der Aus­ar­bei­tung der frü­her er­wähn­ten Schrif­ten (II, 386) be­schäf­tigt und mei­ne weib­li­chen Haus­ge­nos­sen hat­ten al­le Hän­de voll mit der Ein­rich­tung und Aus­ge­stal­tung der Woh­nung und der Wirt­schaft. Vor der Über­sied­lung hat­ten wir zu­wei­len da­von ge­spro­chen, wie wir wohl in der be­vor­ste­hen­den länd­li­chen Ein­sam­keit die lan­gen Win­ter­aben­de aus­fül­len wür­den. Als wir end­lich wie­der ein­mal da­von spra­chen, war der Win­ter ver­gan­gen und wir sa­ßen un­ter den früh­lings­grü­nen Bäu­men un­se­res Gar­tens.

Die Mor­gen­wan­de­rung. In den ers­ten Leip­zi­ger Jah­ren hat­te ich ge­le­gent­lich abends ent­deckt, daß ich un­ter der nie ab­rei­ßen­den Ar­beit bei den Stu­den­ten und zu­hau­se den gan­zen Tag nicht in die freie Luft ge­kom­men war, da Woh­nung und In­sti­tut un­ter dem glei­chen Da­che la­gen. Weil ich dies für sehr schäd­lich hielt und mir an­de­rer­seits das täg­lich wie­der­keh­ren­de Nach­den­ken dar­über spa­ren woll­te, wann mei­ne Lüf­tung zu be­werk­stel­li­gen wä­re, ge­wöhn­te ich mich dar­an, je­den Tag da­mit zu be­gin­nen. Die Vor­le­sung fand mor­gens von 8 bis 9 Uhr statt; ich ging des­halb ei­ne Vier­tel­stun­de vor 8 ins Freie und hat­te we­gen des aka­de­mi­schen Vier­tels 30 Mi­nu­ten zur Ver­fü­gung, die ich gleich­zei­tig be­nutz­te, um mir den Stoff der Vor­le­sung zu­recht zu le­gen.

Bei die­ser Ge­wohn­heit bin ich seit­dem ver­blie­ben. Auch auf der En­er­gie, wo der ur­sprüng­li­che Grund weg­fiel, ha­be ich bis­her je­den Tag oh­ne Un­ter­schied des Wet­ters mit ei­ner Wan­de­rung durch das Grund­stück be­gon­nen. Und auch das Nach­den­ken über be­vor­ste­hen­de Ar­bei­ten, wenn es auch nicht mehr Vor­le­sun­gen wa­ren, hat sich da­bei ge­wohn­heits­mä­ßig voll­zo­gen und mir sind als­dann zahl­rei­che brauch­ba­re und fol­gen­rei­che Ge­dan­ken ein­ge­fal­len. Bei­des hat sich im Un­ter­be­wußt­sein so stark ver­bun­den, daß ich un­will­kür­lich, wenn ich et­was vor mir ha­be, was be­son­de­res Nach­den­ken an­regt oder ver­langt, mich auf den Weg ma­che, um mir die an­ge­streb­te Klar­heit zu er­wan­dern.

In sol­cher Wei­se hat sich die »En­er­gie« als ein ganz vor­züg­li­ches Ar­beits­mit­tel be­währt. Denn mei­ne Ge­dan­ken wur­den nie wie so oft in Leip­zig durch das un­ge­re­gel­te Al­ler­lei ge­stört, wel­ches die Stra­ße un­ab­weis­bar dem Wan­deln­den in das Ge­sichts­feld führt. Son­dern, was al­len­falls sich ver­än­der­lich und man­nig­fal­tig zeig­te, wa­ren die na­tur­ge­setz­lich ge­re­gel­ten Er­schei­nun­gen des Wach­sens und Ver­ge­hens, des Wet­ters und der Jah­res­zei­ten. Un­ter sol­chen Ver­hält­nis­sen ist es viel leich­ter, als in der un­ru­hi­gen Stadt, all­ge­mei­ne Ge­dan­ken zu er­zeu­gen und durch­zu­ar­bei­ten.

Han­del­te es sich um be­son­ders weit­rei­chen­de Zu­sam­men­hän­ge, so fand ich in der Um­ge­bung be­lie­big vie­le und wei­te We­ge, auf de­nen mir kaum je ein Mensch be­geg­ne­te und die mir er­mög­lich­ten, die längs­ten Ge­dan­ken­rei­hen aus­zu­spin­nen.

Als dann spä­ter reich­li­che Ver­an­las­sung zu Re­den und Vor­trä­gen al­ler Art ent­stand, pfleg­te ich, na­ment­lich in wich­ti­ge­ren Fäl­len, die­se Re­den auf sol­chen Wan­de­run­gen vor­her mir mit lau­ter Stim­me vor­zu­sa­gen, nach­dem ich den all­ge­mei­nen Ge­dan­ken­gang fest­ge­stellt hat­te. Das Ver­fah­ren er­wies sich als un­ge­mein nütz­lich. Wie oft ist mir ei­ne zu­ge­hö­ri­ge Ge­dan­ken­grup­pe bei der all­ge­mei­nen Über­sicht als ganz gut und brauch­bar er­schie­nen, die sich bei der Sprech­pro­be als un­ge­eig­net er­wies, meist weil sie noch nicht klar ge­nug auf die Not­wen­dig­kei­ten des Vor­tra­ges durch­ge­ar­bei­tet war. Denn Haupt- und Hilfs­ge­dan­ken ver­flech­ten sich stets zu ei­nem mehr­fal­tig ver­bun­de­nen Netz­werk, wäh­rend die ein­fal­ti­ge (ein­di­men­sio­na­le) Be­schaf­fen­heit der Re­de (und auch der Schrei­be) die For­de­rung stellt, je­nes Netz­werk zu ei­nem ein­fal­ti­gen Ge­dan­ken­fa­den durch Auf­lö­sen und Ver­bin­den zu ver­spin­nen. Ob dies ge­glückt ist, er­gibt sich aber bei der Sprech­pro­be un­ver­hält­nis­mä­ßig viel deut­li­cher, als et­wa beim Auf­schrei­ben. Letz­te­res war mir oh­ne­hin meist viel zu um­ständ­lich.

Ar­beits­plä­ne. Beim Nach­den­ken über den be­vor­ste­hen­den letz­ten Ab­schnitt mei­nes Le­bens hat­te ich mir ge­gen­wär­tig ge­hal­ten, was Wöh­ler ge­le­gent­lich von sich be­rich­tet: daß er näm­lich nur noch sol­che Ar­bei­ten aus­zu­füh­ren fä­hig war, die sich in et­wa drei Ta­gen er­le­di­gen lie­ßen. Un­ter­su­chun­gen län­ge­ren Atems konn­te er nicht mehr ma­chen, weil sein Ge­dächt­nis ihm nicht mehr die frü­he­ren Er­geb­nis­se hin­rei­chend ge­gen­wär­tig hielt. Ich hat­te da­her auch für die­se Zeit ei­ne Tä­tig­keit vor­zu­sor­gen, wel­che ent­we­der auf ein ex­pe­ri­men­tel­les Ar­bei­ten aus der Hand in den Mund hin­aus­kam, et­wa wie es Karl Schmidt in sei­ner zwei­ten Pe­rio­de ge­trie­ben hat­te, oder auf äl­te­ren Ge­dächt­nis­vor­rä­ten be­ruh­te, die im Al­ter sich be­kannt­lich oft be­son­ders deut­lich zei­gen. Am bes­ten war es, bei­den Mög­lich­kei­ten zu ge­nü­gen. So sorg­te ich beim Pla­nen des Um­bau­es nicht nur für ein La­bo­ra­to­ri­um, son­dern vor al­lem für ei­ne Bü­che­rei. Bei der Be­sp­re­chung mit dem Bau­meis­ter woll­te ich mich mit Zim­mern be­schei­de­nen Um­fan­ges be­gnü­gen, wie ich denn Zeit mei­nes Le­bens ge­wohnt war, mich mit Vor­han­de­nem ab­zu­fin­den. Mei­ne Frau aber for­der­te en­er­gisch gro­ße Räu­me. »Dies baust du doch für dich al­lein«, sag­te sie, und ich gab ger­ne nach. Auch hat sich die Vor­aus­sicht als zu­tref­fend er­wie­sen; so­wohl die Werk­statt wie die Bü­che­rei sind bis zum letz­ten Win­kel an­ge­füllt und aus­ge­nutzt.

Die Bü­che­rei. Bü­cher hat­ten sich schon in Leip­zig in gro­ßer Men­ge um mich ge­sam­melt. Das Lehr­buch und die an­de­ren Wer­ke mach­ten bei der Be­ar­bei­tung ein sehr häu­fi­ges Zu­rück­ge­hen auf die Quel­len not­wen­dig, daß ich das Be­dürf­nis hat­te, die wich­tigs­ten un­ter ih­nen stets zur Hand zu ha­ben. So kauf­te ich die gan­zen Rei­hen der An­na­len der Phy­sik, ver­schie­de­ner che­mi­scher Zeit­schrif­ten und die wich­tigs­ten fremd­spra­chi­gen. Sie wa­ren da­mals noch ver­hält­nis­mä­ßig wohl­feil, da die Ame­ri­ka­ni­sche Nach­fra­ge, wel­che spä­ter die Prei­se hoch­ge­trie­ben hat, erst ein­zu­set­zen be­gann.

Da­zu ka­men zahl­rei­che Ein­zel­wer­ke, die ich we­gen ih­rer ge­schicht­li­chen Be­deu­tung be­sit­zen woll­te. Schließ­lich hat­te ich ei­ne Bü­che­rei zu­sam­men, mit de­ren Hil­fe man ganz wohl ein­drin­gen­de ge­schicht­li­che Stu­di­en trei­ben konn­te.

Zu den ge­kauf­ten Wer­ken ge­sell­ten sich bald in schnell wach­sen­der An­zahl die ge­schenk­ten und sol­che, wel­che zum Zweck der Be­richt­er­stat­tung in der Zeit­schrift und spä­ter in den An­na­len der Na­tur­phi­lo­so­phie ein­ge­schickt wur­den. Ei­ne an­de­re Quel­le wa­ren die dank­bar ge­stif­te­ten schrift­stel­le­ri­schen Er­zeug­nis­se mei­ner frü­he­ren Schü­ler, die sich gleich­falls schnell ver­mehr­ten. Son­der­dru­cke von Ein­zel­un­ter­su­chun­gen bil­de­ten die Haupt­men­ge. Da­ne­ben aber konn­te ich deut­lich fest­stel­len, daß mei­ne ei­ge­ne un­auf­halt­sa­me Schrift­stel­le­rei an­ste­ckend auf die Ar­beits­ge­nos­sen ge­wirkt hat­te. Vie­le von ih­nen ver­such­ten sich in grö­ße­ren Zu­sam­men­fas­sun­gen, na­ment­lich wenn sie an­de­ren Sprach­ge­mein­den an­ge­hör­ten, und die me­tho­di­sche Sorg­falt, wel­che hier­bei je nach dem Kön­nen des Au­tors ent­wi­ckelt wur­de, über­zeug­te mich von dem Ein­druck mei­ner da­hin ge­rich­te­ten Be­mü­hun­gen.

Das Er­geb­nis war schließ­lich ein Oze­an von be­druck­tem Pa­pier, der sich durch Ver­mitt­lung der Post täg­lich ver­mehr­te, na­ment­lich als die Zeit ein­trat, wo die wis­sen­schaft­li­chen Ge­sell­schaf­ten der ver­schie­de­nen Län­der mir die Aus­zeich­nung der Auf­nah­me eh­ren­hal­ber er­wie­sen.

Es wa­ren so­mit al­le Be­din­gun­gen für das Da­sein ge­ge­ben, wel­ches ich als den In­halt der kom­men­den Jah­re ver­mu­tet hat­te. Ich nahm an, daß ich mich in ein­zel­ne wis­sen­schafts­ge­schicht­li­che Fra­gen ver­tie­fen wür­de, die mit viel mehr Ein­zel­hei­ten aus­ge­ar­bei­tet wer­den soll­ten, als ich es mir in mei­nem ers­ten Ge­schichts­wer­ke über Elek­tro­che­mie ge­stat­ten durf­te.

In sol­chem Sin­ne hat­te ich zu­nächst mei­ne »psy­cho­gra­phi­schen Stu­di­en« be­gon­nen, de­ren ers­te über Hum­phry Da­vy im fol­gen­den Som­mer in den An­na­len der Na­tur­phi­lo­so­phie er­schien.

Wei­te­re Ar­bei­ten ähn­li­chen In­halts folg­ten bald. Dies Ma­te­ri­al be­wirk­te all­ge­mei­ne Zu­sam­men­fas­sun­gen und prak­ti­sche For­de­run­gen dar­aus, und ehe ich mich ver­sah, be­fand ich mich in­ner­halb ei­ner leb­haf­ten Be­we­gung zur Ver­bes­se­rung des Schul­we­sens. Hier­über wird spä­ter das Nö­ti­ge er­zählt wer­den.

Ähn­lich ging es mir mit an­de­ren Ge­dan­ken, die ich zu­nächst oh­ne je­den Hin­blick auf un­mit­tel­ba­re Be­tä­ti­gung in mei­nen Schrif­ten, ins­be­son­de­re den na­tur­phi­lo­so­phi­schen aus­ge­spro­chen hat­te. Ent­sp­re­chend mei­ner grund­sätz­li­chen Ein­stel­lung, wel­che mich dräng­te, die er­lang­ten theo­re­ti­schen Er­geb­nis­se als­bald auf das tä­ti­ge Le­ben an­zu­wen­den, sah ich mich nach ver­schie­de­nen Rich­tun­gen zu öf­fent­li­cher Tä­tig­keit ver­an­laßt, die ei­nen gro­ßen Teil mei­ner Zeit und En­er­gie be­an­spruch­te. Über die­se Din­ge wer­de ich un­ten in be­son­de­ren Ab­schnit­ten be­rich­ten.

Das La­bo­ra­to­ri­um. Ne­ben der Bü­che­rei war ein hin­rei­chend gro­ßer, nach Nor­den ge­le­ge­ner Raum für La­bo­ra­to­ri­ums­zwe­cke vor­ge­se­hen. Ich stat­te­te ihn mit Ar­beits­ti­schen und Ge­stel­len aus, in de­nen ich ei­ne ziem­lich rei­che Samm­lung der wich­tigs­ten che­mi­schen Stof­fe un­ter­brach­te, die so man­nig­fal­tig be­mes­sen war, daß ich die meis­ten Ver­su­che, die mir in den Sinn ka­men, als­bald aus­füh­ren konn­te, oh­ne erst die nö­ti­gen Stof­fe be­stel­len und er­war­ten zu müs­sen. Nur er­wies sich in der Fol­ge, daß ich den Maß­stab weit über­schätzt hat­te, da ich ihn un­will­kür­lich et­was nach den Be­dürf­nis­sen der von mir frü­her ge­lei­te­ten Un­ter­richts­an­stal­ten ge­wählt hat­te. So zeh­re ich jetzt nach mehr als zwan­zig Jah­ren viel­fach von den Vor­rä­ten, die da­mals be­schafft wur­den.

Die Ge­wohn­heit, et­was grö­ße­re Sum­men für sol­che Din­ge und für phy­si­ka­li­sche Ge­rä­te aus­zu­ge­ben, die ich brauch­te oder zu ge­brau­chen ge­dach­te, muß­te ich mir erst an­eig­nen. Denn bis­her hat­te mir stets amt­lich be­schaff­tes Ma­te­ri­al zu frei­er Ver­fü­gung ge­stan­den, und es kam mir fast wie Ver­schwen­dung vor, wenn ich es nun aus ei­ge­ner Ta­sche be­zahl­te. Grö­ße­re Pos­ten wa­ren für mich meist ein An­laß, bis­her ab­ge­lehn­te oder auf­ge­scho­be­ne li­te­ra­ri­sche Ar­bei­ten aus­zu­füh­ren, de­ren Ho­no­rar dann viel mehr be­trug, als je­ne wis­sen­schaft­li­chen Aus­ga­ben. Da da­mals die Zu­kunft mei­ner Kin­der noch un­ge­wiß war, hielt ich mich für ver­pflich­tet, für sie ein mög­lichst gro­ßes Bar­ka­pi­tal zu sam­meln und ent­schloß mich nicht gern zu ei­ner Min­de­rung die­ser Be­stän­de. Spä­ter, als die­ses nach dem Welt­krieg ver­lo­ren ge­gan­gen war, er­wie­sen sich je­ne An­schaf­fun­gen als die dau­er­haf­te­ren Wer­te.

So wur­de auch das La­bo­ra­to­ri­um bald in Be­trieb ge­nom­men. Ich hat­te schon in Leip­zig be­gon­nen, mei­ne che­mi­schen und phy­si­ka­li­schen Kennt­nis­se auf Fra­gen der Mal­tech­nik an­zu­wen­den und ar­bei­te­te nun, wenn auch oh­ne be­son­de­re Ei­le, in glei­cher Rich­tung wei­ter. Auch die­se Be­schä­fi­gung hat­te schließ­lich viel weit­rei­chen­de­re Fol­gen, als ich da­mals vor­aus­se­hen konn­te. Denn sie bahn­te mir den Weg zur Ent­wick­lung der mes­sen­den Far­ben­leh­re, wel­che mir noch ei­ne zehn­jäh­ri­ge Pe­rio­de ex­pe­ri­men­tel­ler Ar­beit brin­gen soll­te, die al­ler­dings durch­setzt und ge­tra­gen war von man­nig­fal­ti­ger und schwie­ri­ger Ge­dan­ken­ar­beit.

Al­le die­se Din­ge sind nur da­durch mög­lich ge­wor­den, daß die ab­neh­men­den En­er­gi­en mei­ner spä­te­ren Jah­re dank der Frei­heit von amt­li­cher Zeit­ver­geu­dung rest­los sol­chen all­ge­mei­nen Auf­ga­ben ge­wid­met wer­den konn­ten.

Der Gar­ten. Das Gar­ten- und Wald­ge­län­de, wel­ches sich an das Haus schloß, lud in ho­hem Ma­ße zu schön­heit­li­cher Ge­stal­tung ein, na­ment­lich als noch ein al­ter an­gren­zen­der Stein­bruch an­ge­kauft war, in dem man gleich den zwei­ten Akt des Frei­schütz mit Wolfs­schlucht und Teu­fels­be­schwö­rung hät­te auf­füh­ren kön­nen. Doch muß ich be­ken­nen, daß es mir an Zeit und Sinn hier­für fehl­te. Zum Zweck kör­per­li­cher Aus­ar­bei­tung ha­be ich ziem­lich viel mit Ha­cke und Spa­ten an der An­la­ge der nö­ti­gen We­ge ge­ar­bei­tet und zur Be­frie­di­gung mei­nes Be­dürf­nis­ses nach Was­ser­flä­chen ließ ich ei­ni­ge klei­ne Däm­me quer durch ein Täl­chen an­le­gen, wel­che drei klei­ne Tei­che er­ga­ben. Aber das lang­sa­me Zeit­maß der Kräu­ter, Blu­men und Bäu­me war so ganz und gar ver­schie­den von dem schnel­len Ab­lauf mei­nes in­ne­ren Le­bens, daß ich bei­de durch­aus nicht in Ein­klang brin­gen konn­te. So über­ließ ich die Ver­wal­tung des Gar­tens mei­nen Haus­ge­nos­sen und freu­te mich nur an den Er­geb­nis­sen, wenn sie auf dem Eß­tisch oder in den Blu­men­glä­sern er­schie­nen, die mei­ne Frau an mei­ne ver­schie­de­nen Ar­beits­stel­len ver­teil­te.

Erst in den letz­ten Jah­ren, seit 1925, hat ein nä­he­res Ver­hält­nis zu mei­nem Gar­ten be­gon­nen. Frei­lich ist es zu nächst mehr mit­tel­bar. Mei­ne mal­künst­le­ri­schen Be­mü­hun­gen ge­hen da­hin, Na­tur­er­schei­nun­gen als Ver­an­las­sun­gen zur rhyth­mi­schen Ge­stal­tung in Form und Far­be zu be­nut­zen, durch wel­che sie erst zum Kunst­werk um­ge­bil­det wer­den. Hier­für bie­tet die Pflan­zen­welt das nächst­lie­gen­de Ma­te­ri­al und die ho­he Ent­wick­lung der ge­gen­wär­ti­gen Gar­ten­kunst stei­gert die Man­nig­fal­tig­keit der zur Ver­fü­gung ste­hen­den An­re­gun­gen in sehr ho­hem Ma­ße. Schon emp­fin­de ich, wie sich da­durch auch ein nä­he­res Ver­hält­nis zur Pflan­ze als Le­be­we­sen an­bahnt. Es wird von der An­zahl der Grei­sen­jah­re ab­hän­gen, die ich noch zu le­ben ha­be, wie in­nig die­ses Ver­hält­nis wer­den wird, wenn es sich von Jahr zu Jahr im­mer mehr er­wärmt. Denn mit zu­neh­men­dem Al­ter wird mei­ne ei­ge­ne Re­ak­ti­ons­ge­schwin­dig­keit im­mer klei­ner wer­den, wäh­rend die der Pflan­zen un­ver­än­dert bleibt. So wer­den sich bei­de zu­neh­mend nä­hern und ich se­he ein zärt­li­ches Ver­hält­nis zu den Blu­men auch oh­ne be­son­de­re Zweck­be­zie­hung für mei­ne letz­ten Le­bens­jah­re vor­aus.

Ar­beits­wei­se. Wäh­rend der Vor­be­rei­tun­gen zu die­sem frei­en Le­ben hat­te ich mich zu­wei­len ge­fragt, ob und wie ich den Tag aus­zu­fül­len wis­sen wer­de, und ob es nicht sehr un­be­quem wer­den könn­te, sich fast je­den Mor­gen ein neu­es Pro­gramm für die Be­schäf­ti­gung ent­wer­fen zu müs­sen, da der ge­stal­ten­de Rah­men der Amts­stun­den fehl­te. Doch hat­ten schon die Er­fah­run­gen aus den Fe­ri­en­mo­na­ten ge­zeigt, wie leicht sich auch ei­ne freie Ord­nung oh­ne be­son­de­res Nach­den­ken ein­fin­det, und mei­ne Er­fah­run­gen al­ler Jah­re seit­dem ha­ben es mir be­stä­tigt.

Ge­wöhn­lich hat­te ich ein neu­es Buch zu schrei­ben, an dem ich eben ar­bei­te­te und dem ich vor­wie­gend die Mor­gen­stun­den wid­me­te. Dann kam die ers­te Post, de­ren Be­ar­bei­tung zu­wei­len Stun­den er­for­der­te. Die reich­lich ein­lau­fen­den Druck­sa­chen, neu­en Bü­cher usw. ga­ben oft über Ta­ge und Wo­chen rei­chen­de Be­an­spru­chun­gen. Ar­bei­ten im Gar­ten und Wan­de­run­gen mit dem Mal­kas­ten in der Um­ge­bung schenk­ten mir wei­te­re Ab­wechs­lung.

Sol­che Wan­de­run­gen tru­gen mir oft neue Ge­dan­ken ein, die ich be­währ­ter Ge­wohn­heit fol­gend nie auf ein­mal ab­tat, son­dern häu­fig von neu­em vor­nahm. Um mir dies zu er­leich­tern und weil ich mei­nem Ge­dächt­nis nicht mehr trau­en konn­te, hat­te ich auf mei­nem Schreib­tisch ein Heft lee­ren Pa­piers bei der Hand, in wel­ches ich fort­lau­fend al­les kurz ein­trug, was mir des Auf­be­wah­rens wert er­schien, vor al­lem al­le Pro­ble­me und Ar­beits­mög­lich­kei­ten, die sich mir dar­bo­ten. War ein Heft ge­füllt, so wur­de es auf dem Um­schlag mit der Jah­res­zahl und den Da­ten des ers­ten und letz­ten Ein­trags ver­se­hen und auf den Stoß der be­reits frü­her ge­füll­ten ge­legt. Doch ha­be ich ei­gent­lich die­se Ar­beit mehr aus Ge­wis­sen­haf­tig­keit als aus Not­wen­dig­keit ge­trie­ben, denn ich kann mich nicht er­in­nern, je­mals auf die­sen Ge­dan­ken­vor­rat zu­rück­ge­grif­fen zu ha­ben, weil es mir im Au­gen­blick an Auf­ga­ben man­gel­te. Es war al­so viel eher ein Über­lauf als ein Sam­mel­be­cken.

Da­durch, daß ich je­de Ar­beit dann tat, wenn mich nach ihr ver­lang­te, konn­te ich al­le En­er­gie spa­ren, die man bei von au­ßen ge­re­gel­ten Ar­beits­stun­den dar­auf wen­den muß, die er­for­der­li­che Stim­mung her­zu­stel­len oder in­ne­re Wi­der­stän­de zu über­win­den. Dies ist mei­ne Er­klä­rung, wenn man mich fragt, wie ich so vie­le Ar­beit ha­be fer­tig brin­gen kön­nen. Ich ha­be das Gü­te­ver­hält­nis oder den Nut­zungs­grad mei­ner En­er­gie be­wußt dem idea­len obe­ren Grenz­wert viel mehr an­nä­hern kön­nen, als es an­de­ren Sterb­li­chen ver­gönnt ist, die sich nicht der wis­sen­schaft­li­chen Füh­rung durch die En­er­ge­tik er­freu­en oder sie ver­schmä­hen.

Wan­der­vor­trä­ge. Die­se Be­schrei­bung be­zieht sich auf die Ta­ge, wel­che ich zu Hau­se zu­brach­te. Der re­gel­mä­ßi­ge Gang der täg­li­chen Ar­beit wur­de nicht sel­ten un­ter­bro­chen durch Rei­sen zu wis­sen­schaft­li­chen Ver­samm­lun­gen, zur An­knüp­fung neu­er Be­zie­hun­gen und vor al­lem zu öf­fent­li­chen Vor­trä­gen. Ich hat­te sol­che zu­nächst in ei­ni­gen be­son­de­ren Fäl­len ge­hal­ten und die da­bei er­ziel­ten Er­fol­ge hat­ten bald zu so man­nig­fal­ti­gen Ein­la­dun­gen ge­führt, daß ich nur ei­nen Teil an­nahm näm­lich sol­che, durch wel­che ich ei­ne oder die an­de­re kul­tu­rel­le Ar­beit för­dern konn­te, mit der ich be­schäf­tigt war. En­er­ge­tik, Schul- und Uni­ver­si­täts­we­sen, Wis­sen­schafts­me­tho­dik, Or­ga­ni­sa­ti­on, Welt­spra­che, In­ter­na­tio­na­lis­mus und Pa­zi­fis­mus wa­ren meist die Ge­gen­stän­de, über die ich sprach. Die nach­fol­gen­den Ka­pi­tel wer­den er­zäh­len, wie mir die­se ver­schie­de­nen Auf­ga­ben er­stan­den. Hier­bei ist im Au­ge zu be­hal­ten, daß die man­nig­fal­ti­gen Er­leb­nis­se und Be­tä­ti­gun­gen, von de­nen in den fol­gen­den Ka­pi­teln bis zu dem über den Welt­krieg die Re­de ist, al­le in­ner­halb der acht Jah­re statt­ge­fun­den ha­ben, wel­che zwi­schen mei­ner Über­sied­lung (Sep­tem­ber 1906) und dem Aus­bru­che des Krie­ges (Au­gust 1914) lie­gen. Wäh­rend in der Dar­stel­lung je­der Fa­den für sich ab­ge­spon­nen wird, sind tat­säch­lich al­le die­se Fä­den zeit­lich ne­ben- und durch­ein­an­der ge­lau­fen und das Ge­we­be mei­nes Le­bens sah un­mit­tel­bar viel bun­ter aus, als es in die­ser über­sicht­lich ge­ord­ne­ten Er­zäh­lung er­scheint.

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