Liebe auf den ersten Blick

Vor noch nicht allzulanger Zeit gehörte es zum guten Ton, den Glauben an die ›Liebe auf den ersten Blick‹ für eine Lächerlichkeit zu halten, doch alle Leute, die denken und tief empfinden können, sind stets von seiner Wahrheit überzeugt gewesen. Neue Entdeckungen auf dem Gebiet des – sagen wir – ethischen und ästhetischen Magnetismus machen es sehr wahrscheinlich, daß die natürlichsten und folglich die wahrsten und stärksten Empfindungen der Menschen plötzlich, wie durch eine elektrische Wirkung, im Herzen entstehen – mit einem Wort, daß die schönsten und dauerndsten Seelenbande durch einen Blick geknüpft werden. Das Bekenntnis, das ich hier ablegen will, wird die unzähligen Beweise für die Wahrheit dieser Behauptung um einen neuen vermehren.

Im Interesse meiner Geschichte muß ich ziemlich weit ausholen.

Ich bin noch ein ganz junger Mensch und zähle noch nicht volle zweiundzwanzig Jahre. Mein jetziger Name kommt ziemlich häufig vor und ist ziemlich plebejisch: ich heiße Simpson. Ich sagte mein ›jetziger‹ Name, denn ich führe ihn noch nicht lange. Erst im Laufe des vergangenen Jahres nahm ich ihn beim Antritt einer großen Erbschaft, die mir von einem entfernten Verwandten namens Adolf Simpson hinterlassen wurde, gesetzlich an. Das Vermächtnis war nämlich mit der Bedingung verbunden, daß mit dem Besitz auch der Name des Testators auf mich übergehen müsse, das heißt der Familienname, nicht der Taufname. Mein Taufname ist Napoleon Bonaparte.

Den Namen Simpson nahm ich nur mit Widerstreben an, da ich auf meinen wirklichen Familiennamen Froissart verzeihlicherweise sehr stolz war, weil ich glaubte, meine Abstammung von dem Verfasser der ›Chronicles‹ ableiten zu können. Da wir einmal von Namen sprechen, möchte ich nicht unterlassen, die seltsame Übereinstimmung des Klanges zu erwähnen, welche die Namen einiger meiner direkten Vorfahren aufweisen. Mein Vater war ein Monsieur Froissart aus Paris. Seine Gattin, meine Mutter, die er im fünfzehnten Lebensjahr geheiratet hatte, war eine Mademoiselle Croissart, die älteste Tochter des Bankiers Croissart, dessen Gattin, die bei ihrer Verheiratung auch erst sechzehn Jahre zählte, die älteste Tochter eines gewissen Victor Noissart war. Monsieur Noissart hatte sonderbarerweise eine Dame von ähnlich klingendem Namen geheiratet, eine Mademoiselle Moissart. Sie war ebenfalls noch fast ein Kind, als sie heiratete, und ihre Mutter, Madame Moissart, zählte, als sie zum Altar geführt wurde, eben erst vierzehn Jahre. In Frankreich sind solch frühzeitige Verheiratungen nichts Ungewöhnliches.

Die Namen Moissart, Noissart, Croissart und Froissart folgen also in meiner Familie in direkter Linie aufeinander. Mein eigener Name wurde jedoch, wie ich schon sagte, durch einen gesetzlichen Akt in Simpson, umgewandelt. Ich entschloß mich zu diesem Schritt allerdings nur mit großem Widerstreben und zögerte eine Zeitlang wirklich, das Vermächtnis unter einer so lästigen und zwecklosen Bedingung anzunehmen.

Über Mangel an persönlichen Vorzügen kann ich nicht klagen. Im Gegenteil glaube ich mit einem ziemlich einnehmenden Äußeren ausgestattet zu sein und besitze, was neun Zehntel der Menschen ›ein hübsches Gesicht‹ nennen würden. Ich bin fünf Fuß elf Zoll hoch, mein Haar ist schwarz und gelockt, meine Nase genügend wohlgebildet. Meine Augen sind groß und von grauer Farbe, und obgleich ich so schlecht sehe, daß mir oft Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, läßt ihr Aussehen durchaus nicht auf diese Schwäche schließen. Ich habe schon zu allen möglichen Mitteln gegriffen, um dieselbe zu beseitigen, doch konnte ich mich nie entschließen, eine Brille zu tragen. Ich kenne wirklich nichts, was das Gesicht eines jungen hübschen Menschen mehr entstellen könnte als die Augengläser, die jedem einzelnen seiner Züge einen Ausdruck steifer Ehrbarkeit verleihen, sein Gesicht älter machen und ihm einen Schein falscher Würde geben. Eine Lorgnette hat jedoch immer etwas Geckenhaftes und Geziertes. Ich habe mich bisher, so gut es eben gehen wollte, ohne jedes äußere Hilfsmittel beholfen. Doch fürchte ich, schon zu viel von rein persönlichen Dingen erzählt zu haben, die zum Schluß doch nur von ganz geringer Bedeutung sind. Ich will mich damit begnügen, noch kurz zu bemerken, daß ich sanguinischen Temperaments bin, also oft hastig und unbesonnen vorgehe, sehr leicht in Feuer und Begeisterung gerate – und daß ich mein Leben lang ein ergebener Bewunderer schöner Frauen gewesen bin.

Im verflossenen Winter besuchte ich eines Abends mit meinem Freunde, einem Herrn Talbot, das Apollotheater. Es wurde eine Oper gegeben, und der Theaterzettel versprach so ungewöhnliche Genüsse, daß das Haus überfüllt war. Wir hatten uns beizeiten eingefunden, um die für uns reservierten Vorderplätze einer Loge einzunehmen. Doch mußten wir uns den Weg zu ihr mit vielen Schwierigkeiten durch die überall umherstehende Menge bahnen.

Während der ersten beiden Stunden widmete mein Freund, der ein leidenschaftlicher Musikliebhaber war, seine ganze Aufmerksamkeit der Bühne. Ich unterhielt mich inzwischen damit, das Publikum, welches größtenteils aus der besten Gesellschaft der Stadt bestand, zu beobachten. Nachdem ich meine Neugierde befriedigt hatte, wollte ich gerade meine Augen der Primadonna zuwenden, als sie durch eine Erscheinung in einer Loge, die bis jetzt meinen Blicken entgangen war, festgehalten wurden.

Wenn ich tausend Jahre alt würde, ich könnte die heftige Erregung, mit welcher ich den Kopf der Dame betrachtete, nicht vergessen. Seine Form war das Auserlesenste, was meine Augen je gesehen haben. Das Gesicht war der Bühne zugewandt, und es dauerte ein paar Minuten lang, ehe ich es ganz erblicken konnte, aber wie ich schon sagte, die Formbildung des Kopfes war göttlich schön – keine andere Bezeichnung könnte die herrlichen Verhältnisse der Linien genügend ausdrücken, und selbst das Wort göttlich scheint mir, da ich es niederschreiben lächerlich schwach zu sein.

Es war mir von jeher unmöglich, dem Zauber lieblicher Formen, der überwältigenden Macht weiblicher Reize zu widerstehen. Hier jedoch erblickte ich die verkörperte Anmut, das Ideal der Schönheit, das mir in meinen überschwenglichsten, begeistertsten Träumen vorgeschwebt hatte. Die Beschaffenheit der Loge gestattete mir, fast die ganze Gestalt der Dame zu erfassen: sie war von etwas mehr als mittlerer Größe und fast majestätisch zu nennen. Wuchs und Haltung waren tadellos. Die Linien des Kopfes wetteiferten an Schönheit mit denen der griechischen Psyche und wurden durch einen eleganten Kopfputz aus duftiger Gaze eher hervorgehoben als verborgen. Der rechte Arm ruhte auf der Logenbrüstung, und der Anblick seiner seltsam schönen Symmetrie und Rundung ließ jede Fiber in mir vor Entzücken erbeben. Der obere Teil wurde von einem weiten, offenen Ärmel verhüllt, wie sie damals gerade Mode waren. Er reichte bis zum Ellbogen, und unter demselben befand sich ein anderer, dicht anschließender Ärmel von zartem, durchsichtigem Gewebe, der in einer Krause von kostbarer Spitze endete, die leicht und zierlich über die Hand fiel und nur die schlanken Finger frei ließ. An einem von ihnen funkelte ein Brillantring, der, wie ich sofort bemerkte, von außerordentlichem Wert war. Die wundervolle Rundung des Handgelenkes wurde sehr geschickt durch ein Armband hervorgehoben, das durch eine Agraffe von Juwelen geschlossen war und in unverkennbarer Weise von dem Reichtum und dem erlesenen Geschmack der Dame zeugte.

Wohl eine halbe Stunde lang starrte ich wie gebannt, wie zu Stein geworden diese königliche Erscheinung an und empfand die Wahrheit dessen, was je in Versen oder Prosa über die ›Liebe auf den ersten Blick‹ gesagt worden ist, mit sehnsüchtiger Freude. Meine Gefühle waren von allen, die ich je, selbst in Gegenwart der gepriesensten Schönheiten empfunden hatte, vollständig verschieden. Eine unerklärliche, ich möchte sagen magnetische Anziehungskraft von Seele zu Seele schien nicht nur meine Blicke, sondern auch die ganze Kraft meiner Gedanken und Gefühle auf das bewunderungswürdige Wesen vor mir zu lenken. Ich sah, ich fühlte, ich erkannte, daß ich rettungslos, wahnsinnig verliebt war – schon jetzt, obwohl ich das Angesicht der Geliebten noch nicht erblickt hatte. Meine Leidenschaft war so heftig, so brennend, daß ich glaube, sie würde nur sehr wenig, ja vielleicht gar nicht an Gewalt eingebüßt haben, wenn die Gesichtszüge, die ich noch nicht gesehen hatte, ganz durchschnittliche, banale gewesen wären; so wenig logisch ist nun einmal das Wesen der wahren Liebe, der Liebe auf den ersten Blick, so wenig hängt sie von den äußeren Umständen ab, durch welche sie anscheinend entsteht und bedingt wird.

Während ich nun ganz in Bewunderung des reizenden Geschöpfes versunken war, wandte sie plötzlich, durch irgendeinen Vorgang im Publikum veranlaßt, ihren Kopf ein wenig herum, so daß ich das ganze Profil erblicken konnte. Seine Schönheit übertraf meine Erwartungen noch bei weitem, und dennoch lag etwas in ihm, was mich enttäuschte, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, genau zu sagen, was es war. Auch ist ›enttäuscht‹ nicht ganz das richtige Wort für meine Gefühle, die durch diesen Anblick zugleich beruhigt und erhoben worden waren. Das berauschte Entzücken hatte einer mehr stillen Schwärmerei, einer verklärten, ruhigen Hingabe Platz gemacht. Dieser Wechsel der Empfindung rührte vielleicht von dem madonnenhaften, mütterlichen Ausdruck des Gesichts her, und doch empfand ich sofort, daß er nicht die einzige Ursache sein konnte. Es war noch etwas anderes da, etwas Geheimnisvolles, das ich mir nicht zu enträtseln vermochte, ein besonderer Ausdruck, der mir nicht ganz angenehm auffiel und dennoch mein Interesse für die Person bedeutend erhöhte. Ich befand mich in einer Gemütsverfassung, die einen jungen, lebhaften Mann leicht zu einer Torheit hätte hinreißen können – wäre die Dame allein gewesen, ich hätte nicht einen Augenblick gezögert, sie in ihrer Loge aufzusuchen und auf jede Gefahr hin anzureden. Glücklicherweise aber befand sie sich in der Gesellschaft zweier anderer Personen, eines Herrn und einer auffallend schönen Dame, die allem Anschein nach ein paar Jahre jünger war als sie selbst.

Ich spann tausend Pläne, wie es zu ermöglichen sei, später die Bekanntschaft der älteren Dame zu machen und für einen Augenblick wenigstens ihre Schönheit genauer betrachten zu können. Ich dachte daran, meinen Platz mit einem, der mehr in ihrer Nähe war, zu vertauschen; da jedoch das Haus überfüllt war, ging dies nicht an. Die Gesetze des Anstandes und der Mode untersagten auf das strengste, sich zu solchen Zwecken eines Opernguckers zu bedienen. Selbst wenn ich im Besitz eines solchen gewesen wäre, ich hätte ihn nicht gebrauchen dürfen. Doch ich hatte nicht einmal einen bei mir und geriet in Verzweiflung.

Endlich fiel es mir ein, mich an meinen Begleiter zu wenden.

»Talbot«, sagte ich, »Sie haben einen Operngucker; leihen Sie ihn mir.«

»Einen Operngucker? Nein – was sollte ich mit einem Operngucker tun?« Mit diesen Worten wandte er sich ungeduldig der Bühne wieder zu.

»Hören Sie doch, Talbot«, fuhr ich fort und rüttelte ihn ein wenig an der Schulter, »hören Sie mir bitte einen Augenblick zu. Sehen Sie die Loge da in der Nähe der Bühne? Nein, die folgende. Haben Sie je eine so entzückende Frau gesehen?«

»Sie ist wirklich sehr schön«, bestätigte er.

»Ich möchte nur wissen, wer sie sein mag!«

»Wie? Du lieber Himmel, Sie wissen wirklich nicht, wer sie ist? Das hätte ich von Ihnen am allerwenigsten erwartet. Es ist die berühmte Madame Lalande, die Schönheit des Tages, von der die ganze Stadt spricht. Sie ist unermeßlich reich. Witwe – eine brillante Partie und eben erst aus Paris herübergekommen.«

»Sind Sie mit ihr bekannt?«

»Ja – ich habe die Ehre.«

»Wollen Sie mich bei ihr einführen?«

»Gewiß, mit dem größten Vergnügen. Wann wollen Sie ihr einen Besuch abstatten?«

»Morgen! Gegen eins. Ich werde Sie abholen.«

»Gut! Aber jetzt seien Sie bitte still, wenn es Ihnen möglich ist!«

Ich mußte wohl oder übel Talbots Aufforderung Folge leisten, denn er blieb für jede weitere Frage oder Bemerkung hartnäckig taub und beschäftigte sich während des Restes des Abends ausschließlich mit den Vorgängen auf der Bühne.

Ich selbst wandte jedoch kein Auge von Madame Lalande, und endlich gewährte mir das Glück einen vollen Blick in ihr Gesicht. Es war von außerordentlichem Liebreiz, wie mein Herz es mir, schon ehe Talbot meine Ahnung bestätigte, verkündet hatte, und dennoch störte mich wieder jenes nicht zu erklärende Etwas, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Ich schloß, daß es wohl ein gewisser Ausdruck von Ernsthaftigkeit, Traurigkeit oder vielmehr Abspannung sein mußte, der dem Gesicht etwas von seiner Frische und Jugendlichkeit nahm, ihm dafür jedoch eine wahrhaft seraphische Milde und Majestät verlieh, die es meinem leicht begeisterten, romantischen Temperament noch zehnmal interessanter erscheinen ließ.

Während ich so ganz in Anschauung versunken war, entnahm ich plötzlich zu meiner großen Bestürzung aus einem fast unmerklichen Aufzucken der Dame, daß ihr mein eifriges Anstarren aufgefallen sein mußte. Doch war ich so von ihrem Anblick hingerissen, daß ich meine Blicke auch jetzt noch nicht losreißen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zur Seite, so daß ich nun wieder die wie gemeißelt schönen Umrisse ihres Kopfes bewundern durfte. Nach einigen Minuten drehte sie mir, als sei sie neugierig, zu erfahren, ob ich noch immer zu ihr hinstarre, ihr Gesicht wieder zu und begegnete aufs neue meinen glühenden Blicken. Ihre großen, dunklen Augen senkten sich sofort, und ein tiefes Erröten, übergoß ihre Wangen. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß sie es nicht nur unterließ, ihren Kopf zum zweiten Male abzuwenden, sondern daß sie sogar aus ihrem Gürtel ein Lorgnon hervorzog, in die Höhe hob und mich mehrere Minuten lang eifrig und genau betrachtete.

Wäre der Blitz vor mir niedergefahren, ich hätte nicht bestürzter sein können – denn ich war nur bestürzt und nicht im geringsten beleidigt oder auch nur unangenehm berührt, obwohl mich ein so kühnes Vorgehen bei jeder anderen Dame peinlich, ja widerwärtig berührt haben würde. Sie jedoch tat alles mit einer solchen Gelassenheit, mit soviel Ruhe und Natürlichkeit und ganz in der vornehmen Art der guten Gesellschaft, daß von Dreistigkeit nicht die Rede sein konnte und ich nur Verwunderung und Staunen empfand.

Als sie das Glas zum ersten Mal vor die Augen erhob, bemerkte ich, daß sie mit der flüchtigen Prüfung meiner Person zufrieden zu sein schien und das Lorgnon beiseite legen wollte. Dann jedoch erhob sie es plötzlich wieder, als sei ihr ein zweiter Gedanke gekommen, und betrachtete mich mehrere – wenigstens fünf Minuten lang mit größter Aufmerksamkeit. Ein solches Tun mußte in einem amerikanischen Theater natürlich Aufsehen erregen, es veranlaßte sogar eine unbestimmte Bewegung, fast ein Summen im Publikum, das mich einen Augenblick lang in Verwirrung setzte, während die Züge der Madame Lalande ihren ruhigen Ausdruck beibehielten.

Nachdem sie ihre Neugierde – wenn es Neugierde war, was sie antrieb – befriedigt hatte, ließ sie das Glas sinken und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Bühne zu. Ich konnte nun wieder, wie vorhin, ihr Profil betrachten und ließ sie, obwohl ich mir meiner Unschicklichkeit vollkommen bewußt war, nicht eine Sekunde aus den Augen. Bald sah ich, wie sie langsam, kaum merkbar, ihren Kopf mehr zur Seite wandte, und gewann nach und nach die Überzeugung, daß sie, während sie anscheinend den Vorgängen auf der Szene zusah, in der Tat jedoch nur mich beobachtete.

Es ist wohl überflüssig, zu sagen, wie glücklich es mich machte, die Aufmerksamkeit einer so bezaubernden Dame erregt zu haben.

Als sie mich wohl eine Viertelstunde lang der genauesten Betrachtung unterzogen hatte, wandte sie sich an den Herrn ihrer Begleitung. Ich entnahm aus beider Blicken ganz deutlich, daß sie von wir redeten.

Dann kehrte Madame Lalande mir wieder den Rücken zu und schien nur noch Interesse für die Sänger und Sängerinnen zu haben. Kurze Zeit darauf geriet ich jedoch wieder in die größte Aufregung, als ich bemerkte, daß sie zum zweiten Mal ihr Lorgnon ergriff und, unbekümmert um das erneute Gemurmel des Publikums, mich wieder vom Kopf bis zu den Füßen mit derselben unvergleichlichen Ruhe betrachtete, die schon einmal meine Seele verwirrt und entzückt hatte.

Dies ungewöhnliche Benehmen versetzte mich in ein Fieber von Aufregung, in ein wahres Delirium von Liebe und trug nur dazu bei, mich noch kühner zu machen.

Die tolle Heftigkeit meiner Empfindung ließ mich alles um mich her vergessen. Ich sah und fühlte nur noch die königliche, liebreizende Erscheinung, an der meine Blicke wie gefesselt hingen.

Ich wartete auf den Augenblick, in dem ich die Aufmerksamkeit des Publikums durch die Aufführung vollständig von mir abgelenkt wußte, begegnete dann den Blicken der Madame Lalande und machte ihr eine leichte, doch nicht zu verkennende Verbeugung.

Sie errötete tief, wandte ihre Augen ab, blickte langsam und vorsichtig in der Runde umher, augenscheinlich um sich zu überzeugen, ob meine unbesonnene Haltung bemerkt worden sei, und neigte sich zu dem an ihrer Seite sitzenden Herrn.

Mit brennender Beschämung wurde ich mir nun plötzlich der Unschicklichkeit meines Benehmens bewußt und erwartete jeden Augenblick eine scharfe Zurechtweisung, während mir allerlei unbehagliche Vorstellungen von Pistolenläufen durch den Sinn schwirrten. Doch fühlte ich mich bald wieder erleichtert, als ich sah, daß die Dame dem Herrn, ohne ein Wort zu sagen, nur den Theaterzettel überreichte. Der Leser wird sich aber nur eine schwache Vorstellung von dem Erstaunen machen können, von der grenzenlosen Verwunderung, von dem verwirrenden Entzücken, das mein ganzes Wesen erfüllte, als sie gleich darauf, nachdem sie einmal flüchtig umhergespäht hatte, ob man sie beobachte, ihre strahlenden Augen mit einem festen, vollen Blick auf mir ruhen ließ und dann mit kaum merklichem Lächeln, das die glänzende Perlenschnur ihrer Zähne enthüllte, zwei deutlich markierte, unverkennbar bejahende Bewegungen mit dem Kopf machte. Es wäre nutzlos, meine Freude, mein Entzücken und meine hingerissene Seligkeit schildern zu wollen. Wenn je ein Mensch vom Übermaß des Glückes toll wurde, so war ich es. Ich liebte! Ich liebte zum ersten Male – meine Liebe war grenzenlos, spottete jeder Beschreibung. Es war eine ›Liebe auf den ersten Blick‹, und auf den ersten Blick war sie auch verstanden und erwidert worden.

Ja: erwidert! Wie und warum sollte ich auch nur einen Augenblick daran zweifeln? Welch andere Auslegung ließ dies Benehmen der schönen, reichen, offenbar so gebildeten, so fein erzogenen Dame zu, wie Madame Lalande es war? Ja, sie liebte mich! – Sie erwiderte meine begeisterten Gefühle mit einer ebenso rücksichtslos blinden Leidenschaft, mit einer ebenso unbegrenzten Hingabe, wie ich sie selbst empfand!

Diese entzückend schönen Phantasien und Gedanken wurden jetzt durch das Fallen des Vorhangs unterbrochen; das Publikum erhob sich und drängte den Ausgängen zu. Ich verabschiedete mich rasch von Talbot und suchte mir einen Weg in die Nähe meiner Angebeteten zu bahnen. Bei dem großen Gedränge gelang es mir jedoch nicht; ich mußte meinen Plan aufgeben und meine Schritte heimwärts lenken. Doch tröstete ich mich darüber, daß es mir nicht einmal vergönnt gewesen war, den Saum ihres Kleides zu berühren, mit der Hoffnung hinweg, morgen in aller Form durch Talbot bei ihr eingeführt zu werden.

Endlich, endlich kam denn auch dies ›Morgen‹, das heißt: nach einer in qualvoller Ungeduld durchwachten Nacht begann der Tag zu dämmern, und dann schlichen die Stunden so langsam wie auf Schneckenfüßen dahin; es wollte nicht ein Uhr werden. Doch wie man sagt, hat ja ›alles ein Ende‹ – so schlug denn auch die Uhr die ersehnte Stunde, und ich sprang sofort auf, um Talbot aufzusuchen

»Ist nicht zu Hause«, sagte Talbots Diener.

»Nicht zu Hause?« wiederholte ich und taumelte ein halbes Dutzend Schritte zurück – »lassen Sie es sich gesagt sein, mein Bester, daß Sie da eine ganz faule Ausrede vorbringen. Herr Talbot ist wohl zu Hause. Weshalb eigentlich wollen Sie ihn verleugnen?«

»Herr Talbot ist nicht zu Hause, mein Herr. Er ritt gleich nach dem Frühstück zum Gut hinaus und hinterließ nur, daß er vor acht Tagen nicht wieder in der Stadt sein werde.«

Von Schreck und Wut gepackt stand ich wie versteinert da. Ich wollte mich zu irgendeiner Antwort zwingen, doch die Zunge versagte mir den Dienst. Dann wandte ich mich, bleich vor Ingrimm, zum Gehen und verfluchte das ganze Geschlecht der Talbots in die tiefsten Tiefen der Hölle. Offenbar hatte mein rücksichtsvoller Freund, der Musikenthusiast, die Verabredung mit mir vergessen, ebenso schnell vergessen, wie sie geschlossen war. Er hatte es ja nie mit seinen Versprechungen genau genommen. Da war also nichts mehr zu machen. Ich schluckte meinen Ärger, so gut es gehen wollte, hinunter, schlenderte verstimmt die Straße hinab und suchte durch tausend unbedeutende Fragen von jedem Bekannten, der mir in den Weg kam, etwas über Madame Lalande zu erfahren. Dem Namen nach war sie allen bekannt, vielen auch vom Ansehen, doch befand sie sich erst seit ein paar Wochen in der Stadt, hatte nur sehr wenig persönliche Bekannte, und diese wenigen waren nicht so vertraut mit ihr, daß sie sich die Freiheit nehmen konnten oder wollten, mich bei ihr einzuführen. Während ich nun voller Verzweiflung dastand und mich mit drei Freunden über den Gegenstand, der mein ganzes Herz ausfüllte, unterhielt, geschah es, daß dieser selbst plötzlich erschien.

»Wahrhaftiger Gott! Da ist sie ja!« rief einer von ihnen.

»Wie hinreißend schön sie aussieht!« flüsterte ein anderer.

»Ein Engel auf Erden!« meinte der dritte.

Ich sah auf und erblickte in einem offenen Wagen, der sich uns langsam näherte, die bezaubernde Erscheinung aus der Oper, in Begleitung der jüngeren Dame, die in der Loge neben ihr gesessen hatte. »Ihre Begleiterin sieht auch noch immer gut aus«, bemerkte einer der Freunde.

»Erstaunlich gut«, meinte der zweite, »ihr Äußeres ist immer noch ganz brillant; aber die Kunst kann Wunder tun. Auf mein Wort, sie sieht heute besser aus als vor fünf Jahren in Paris. Sie ist noch immer eine schöne Frau – finden Sie nicht, Froissart, ich wollte sagen Simpson?«

»Allerdings! « wiederholte ich, »und weshalb sollte sie es auch nicht. Aber im Vergleich mit ihrer Freundin ist sie wie ein Kerzenlicht neben dem Abendstern – wie ein Glühwurm neben dem Antares.«

»Hahaha! Simpson, Sie haben wahrhaftig das Talent, Vergleiche zu machen und noch dazu originelle.«

Hierauf trennten wir uns, und mein Freund trällerte ein heiteres Liedchen vor sich hin, von dem ich nur die Worte verstand:

Ninon, Ninon, Ninon à bas –

A bas Ninon de l’Enclos.

Während dieser kleinen Szene hatte sich etwas zugetragen, was mich außerordentlich tröstete, obwohl es die verzehrende Leidenschaft meines Herzens nur nährte. Als der Wagen der Madame Lalande an unserer Gruppe vorüberfuhr, hatte ich bemerkt, daß sie mich wiedererkannte. Ja, noch mehr als das! Sie hatte mich mit dem liebreizendsten Lächeln beglückt, ein nicht mißzuverstehendes Zeichen des Erkennens.

Auf die Hoffnung, ihr vorgestellt zu werden, mußte ich wohl verzichten, bis es Talbot einfallen würde, von seinem Landaufenthalt zurückzukehren. Unterdessen besuchte ich mit unermüdlicher Ausdauer alle Vergnügungsorte der vornehmen Welt; und endlich traf ich sie wieder einmal im Theater, doch waren nach dem ersten Erlebnis schon vierzehn Tage verflossen, ehe ich wieder das Glück hatte, ein paar Blicke mit ihr wechseln zu können.

In der Zwischenzeit hatte ich täglich nach Talbot gefragt, und jeden Tag versetzte mich das gleichgültige »Noch nicht zurückgekehrt!« des Dieners in einen Anfall von Raserei.

An dem erwähnten Abend hatte sich mein Zustand so verschlimmert, daß ich dem Wahnsinn nahe war. Ich hatte gehört, daß Madame Lalande eine Pariserin und erst kürzlich aus ihrer Vaterstadt herübergekommen sei; konnte sie nicht plötzlich wieder heimreisen – abreisen, ehe Talbot zurückgekehrt war – und mir so für immer verloren sein? Ich wagte nicht, das Schreckliche auszudenken. Und da meine ganze Zukunft, mein Lebensglück auf dem Spiele stand, entschloß ich mich kurz zu einer männlichen Tat. Mit einem Wort: nach Schluß der Vorstellung folgte ich der Dame bis zu ihrer Wohnung, merkte mir ihre Adresse und schrieb ihr am nächsten Morgen einen langen, feurigen Brief, in welchem ich ihr mein ganzes Herz ausschüttete. Ich sprach kühn und frei, ich redete die Sprache der Leidenschaft. Ich verhehlte ihr nichts – selbst nicht meine Schwäche.

Ich spielte auf die romantischen Umstände unserer ersten Begegnung an – selbst auf die Blicke, die wir gewechselt hatten. Ja, ich ging so weit, zu behaupten, daß ich auch ihrer Liebe gewiß sei, und bat sie, diese Gewißheit und meine eigene tiefe Verehrung als Entschuldigung für mein sonst unverzeihliches Betragen annehmen zu wollen. Dann sprach ich auch von meiner Befürchtung, daß sie die Stadt verlassen möchte, noch ehe mir zu einer offiziellen Vorstellung Gelegenheit geboten worden sei. Ich schloß diesen begeistertsten aller Liebesbriefe mit einer offenen Darlegung meiner Verhältnisse, meiner Vermögenslage und mit der Bitte um ihre Hand.

In qualvoller Unsicherheit erwartete ich dann die Antwort. Eine Ewigkeit schien mir vergangen zu sein, als ich sie endlich erhielt.

Ja, ich erhielt wirklich eine Antwort. So romantisch es sich wohl anhören mag: ich bekam einen Brief von Madame Lalande – der schönen, reichen, vergötterten Madame Lalande. Ihre Augen – ihre herrlichen Augen hatten mich nicht betrogen, sie besaß ein edles Herz. Als echte Französin war sie dem freien Antrieb ihres Wesens gefolgt und, nur ihrer vorurteilsfreien Vernunft gehorchend, hatte sie sich über alle konventionelle Prüderie der Welt hinweggesetzt. Sie war nicht erzürnt über meinen Antrag. Sie hatte sich nicht in Schweigen gehüllt, nicht meinen Brief uneröffnet zurückgesendet. Sie hatte mir mit ihren eigenen zarten Fingern eine Antwort geschrieben, die folgendermaßen lautete:

›Herr Simpson wird mich verzeihen, nicht seine prächtige Landessprache zu sprechen. Es ist nur kurze Zeit, daß ich hier bin, und ich habe noch nicht der Gelegenheit gefunden, es zu lernen.

Mit diese Entschuldigung für meine manière kann ich es nicht verleugnen das hélas! Herr Simpson Recht haben. Muß ich noch mehr sagen?

Hélas! habe ich nicht schon zu Viel gesagen?

Eugénie Lalande.‹

Diesen unvergleichlichen Brief küßte ich wohl millionenmal und beging seinetwegen noch unzählige andere Extravaganzen, deren ich mich nicht mehr genau entsinne. Aber Talbot wollte noch immer nicht zurückkehren. Ach, wenn er nur eine blasse Ahnung davon gehabt hätte, welch unbeschreibliche Leiden mir seine Abwesenheit bereitete, hätte sein mitfühlendes Herz ihn sicher gleich zu seinem bedauernswerten Freunde zurückgetrieben. Und doch kam er nicht. Ich schrieb. Er antwortete, er sei durch dringende Geschäfte noch zurückgehalten, er würde aber in kürzester Zeit wiederkehren. Er bat mich, nicht ungeduldig zu sein, meine Gefühle zu mäßigen, besänftigende Bücher zu lesen, nichts Stärkeres als Bier zu trinken und mich mit Philosophie zu trösten. Der Narr! Wenn er selbst nicht kommen konnte, weshalb in Teufels Namen legte er mir nicht einfach einen Empfehlungsbrief bei? Ich schrieb noch einmal und bat ihn, mich doch mit einem solchen Schreiben zu versehen. Mein Brief wurde von dem Diener mit folgender Bemerkung in Bleistift zurückgesandt (der Lump war seinem Herrn aufs Land gefolgt):

›Verließ das Gut gestern; jetziger Aufenthaltsort unbekannt, ebenso wann er zurück sein wird. Halte es für das beste, Ihren Brief zurückzuschicken, da ich Ihre Handschrift kenne. In Eile!

Ihr aufrichtiger Stubbs.‹

Ich wünschte sowohl Herrn wie Diener in die Hölle; aber meine Wut war nutzlos, und meine Klagen brachten mir keinen Trost.

Doch mein erfinderischer Geist wies mir noch einen, allerdings sehr gewagten Ausweg. Meine Kühnheit hatte mir bisher noch immer genützt; sie sollte mir auch im letzten, entscheidenden Moment zur Seite stehen. Außerdem: welchen Verstoß gegen die gesellschaftliche Form hätte sie mir noch übelnehmen können, nachdem dieser Briefwechsel zwischen uns stattgefunden hatte? Ich hatte in der letzten Zeit Madame Lalandes Haus fortwährend belagert und bemerkt, daß sie in der Dämmerung gewöhnlich in dem naheliegenden Park einen Spaziergang unternahm, bei dem sie nur ein schwarzer Diener begleitete. Hier, inmitten der üppigen, schattigen Büsche, in dem dunklen Leuchten eines Sommerabends, nahm ich die Gelegenheit wahr und sprach sie an.

Um den Diener zu täuschen, ging ich mit der Miene eines guten alten Bekannten auf sie zu, und sie besaß die echt pariserische Geistesgegenwart, mich ganz unbefangen zu begrüßen, indem sie mir ihre entzückende kleine Hand reichte. Der Diener zog sich sofort zurück; und nun sprachen wir lange, ließen unseren überströmenden Herzen freien Lauf und versicherten uns gegenseitig unserer Liebe.

Da Madame Lalande noch weniger englisch sprach als schrieb, wurde unsere Unterhaltung natürlich in Französisch geführt. In dieser wunderbaren Sprache, die für die Leidenschaft besonders geeignet ist, gab ich meinem ungestümen Enthusiasmus beredten Ausdruck, und mit aller Überredungskunst suchte ich sie zu einer sofortigen Heirat zu bewegen. Sie lächelte über meine Ungeduld. Sie kam mit den bekannten Redensarten von den Forderungen des Anstandes – diesem Popanz, der schon so manchen hinderte, das Glück zu ergreifen, bis es zu spät war. Sie machte die Einwendung, daß ich unklugerweise schon zu mehreren meiner Freunde den Wunsch geäußert hätte, ihre Bekanntschaft zu machen, so daß man es nicht verheimlichen könne, auf welche Art und Weise wir uns nun kennengelernt hätten. Und dann bemerkte sie unter Erröten, daß unsere Beziehungen doch noch zu neu wären; daß eine sofortige Trauung unpassend und extravagant erscheinen möchte. Dies alles sagte sie mit einer ganz entzückenden Naivität, welche mich schmerzte und doch überzeugte. Ja, sie klagte mich sogar unter Lachen der Übereilung und der Unklugheit an. Sie erinnerte mich daran, daß ich doch eigentlich kaum wüßte, wer sie sei, welche Verbindungen, welche gesellschaftliche Stellung sie habe. Sie bat mich mit einem Seufzer, meinen Antrag wohl zu überlegen, und nannte meine Liebe eine Laune, eine Phantasie, eine Verblendung, eine grundlose und unbeständige Empfindung, die mehr meiner Einbildung als meinem Herzen entstamme. All diese Vernunftgründe brachte sie vor, während die weichen Schatten der Dämmerung sich immer mehr vertieften und uns in Dunkelheit hüllten – und dann stieß sie mit einem einzigen leisen Ruck ihrer süßen Finger dies ganze künstliche Kartenhaus von Argumenten wieder um.

Ich antwortete, so gut ich konnte – wie es nur ein treuer, feuriger Liebhaber tun kann. Ich sprach lange und ausführlich von meiner innigen Zuneigung, von meiner Leidenschaft – von ihrer berückenden Schönheit und meiner überschwenglichen Bewunderung. Kurz, ich betonte mit überzeugendem Nachdruck die vielen Gefahren, welche jeder Liebe drohen, und bewies ihr logisch, es sei eine Gefahr, die Verlobungszeit unnötig zu verlängern.

Dieses letzte Argument schien denn auch ihren festen Entschluß ins Wanken zu bringen. Sie gab nach, doch mit dem Bemerken, es existiere noch ein Hindernis, das ich nicht in Betracht gezogen hätte. Es sei dies ein delikater Punkt; besonders eine Frau könne ihn nicht gut erörtern; wenn sie dennoch darüber spreche, so koste sie das eine große Überwindung, aber mir zuliebe sei sie zu jedem Opfer bereit. Ob ich auch an den Altersunterschied zwischen uns dächte? Daß der Mann ein paar Jahre, ja selbst fünfzehn bis zwanzig Jahre älter sei als die Frau, sei ja noch nie als unpassend angesehen worden, aber sie selbst sei immer der Ansicht gewesen, daß die Frau nicht älter als der Mann sein dürfe. Das sei unnatürlich und nur allzuleicht der Grund zu späterem Unglück. Sie habe erst heute gesehen, daß ich nicht älter als zweiundzwanzig Jahre sei, und ich habe vielleicht noch nicht bemerkt, daß ihr Alter das meinige bei weitem übersteige.

Sie sagte dies mit einem so wunderbaren Zartgefühl und solch zurückhaltender Würde, daß ich in ein Entzücken geriet, welches mich erst recht in meinem Vorhaben bestärkte.

»Aber süßeste Eugénie«, rief ich, »welch Bedenken wäre das für uns! Und wenn du auch älter bist als ich, was tut das? Die Sitten der Welt sind doch nur Torheiten. Für zwei Menschen, die sich so sehr lieben wie wir, ist der Unterschied eines Jahres gleich dem einer Stunde. Du sagtest ganz richtig, ich sei zweiundzwanzig Jahre alt, du hättest ebensogut dreiundzwanzig sagen können. Nun bist du, teuerste Eugénie, doch nicht älter als – nicht älter als – als -«

Hier stockte ich einen Augenblick in der Erwartung, daß Frau Lalande mich mit der Angabe ihres wirklichen Alters unterbrechen würde. Aber eine Französin ist selten ganz offen, sie weiß immer noch eine kleine ausweichende Antwort, eine unbestimmte Erwiderung. In diesem Augenblick ließ Eugénie, die etwas in ihrem Busen gesucht hatte, ein kleines Miniaturbild fallen, das ich gleich aufhob und ihr hinreichte.

»Behalte es«, sagte sie mit ihrem bezauberndsten Lächeln. » Behalte es um Eugénies willen, die es allerdings ein wenig geschmeichelt darstellt. Außerdem kannst du auf der Rückseite die Antwort finden, die du zu wünschen scheinst. Aber jetzt wird es zu dunkel, du kannst es morgen früh betrachten. Inzwischen begleite mich nach Hause. Meine Bekannten sind zu einer kleinen musikalischen Unterhaltung versammelt. Du wirst auch guten Gesang zu hören bekommen. Wir Franzosen sind nicht so kleinlich wie ihr Amerikaner; es wird mir nicht schwer fallen, dich als einen alten Bekannten einzuschmuggeln.«

Mit diesen Worten ergriff sie meinen Arm, und ich begleitete sie nach Hause. Ihre Wohnung war sehr vornehm und mit exquisitem Geschmack eingerichtet. Die zwei nebeneinanderliegenden Räume, in welchen sich die Gesellschaft hauptsächlich aufhielt, waren nur schwach erleuchtet, so daß das ganze Interieur in ein angenehmes Dämmerlicht gehüllt war. Dies ist eine schöne Sitte, die den Gästen erlaubt, je nach Belieben im Licht oder im Halbdunkel sich aufzuhalten, und welche auch von unsern überseeischen Freunden schnell nachgeahmt wurde.

Der Abend, den ich so verbrachte, war unzweifelhaft der herrlichste meines Lebens. Madame Lalande hatte die musikalischen Leistungen ihrer Freunde nicht überschätzt; ich habe nie wieder so ausgezeichnete Stimmen in einem Privatkreis gehört. Die Instrumentalmusik wurde von außerordentlich begabten Künstlern ausgeführt. Verschiedene Damen erfreuten uns mit durchweg sehr schönen Gesangsvorträgen. Dann bat man allgemein Madame Lalande, und sie erhob sich auch gleich, ohne sich lange bitten zu lassen, von der Chaiselongue, auf der sie mit mir Platz genommen hatte, und ging mit ein paar Herren und ihrer Freundin aus dem Opernhaus an das Klavier im Nebenzimmer. Ich hätte sie gern selbst dorthin. begleitet, aber ich sah ein, daß es unter den Umständen, unter denen ich in diese Gesellschaft eingeführt worden war, besser für mich sei, mich möglichst unbemerkt zu halten. So wurde ich zwar des Vergnügens beraubt, sie singen zu sehen, jedoch nicht, sie singen zu hören.

Der Eindruck, den sie auf die Gesellschaft machte, war erstaunlich. Ich wüßte nicht, wie ich ihn auch nur annähernd beschreiben könnte. Ich selbst war ganz hingerissen. Das rührte vielleicht zum guten Teil von der großen Liebe her, in der ich im Augenblick nur noch lebte. Doch bin ich überzeugt, die größte Künstlerin hätte diese Arie oder dies Rezitativ nicht mit leidenschaftlicherem Ausdruck singen können. Die Art, wie sie die Arie aus Othello vortrug, der Ton, mit dem sie die Worte Capuletts: Sul mi sasso wiedergab, klingen mir noch heute in der Seele. Ihre tiefen Töne waren einfach wunderbar. Die Stimme umfaßte drei ganze Oktaven, reichte vom tiefen D des Alt bis zum hohen D des Sopran und war so volltönend, daß sie für den großen Saal des San Carlos ausgereicht hätte, dabei von vollendeter Reinheit und Biegsamkeit und von einen Schmelz, der selbst bei den schwierigsten Kadenzen und Koloraturen den Hörer zur höchsten Begeisterung hinriß.

In dem Finale aus der ›Somnambule‹ wußte sie bei der Stelle

Ah! non guinge uman pensiero

Al contento ond‘ io son piena

einen ganz besonderen Effekt zu erzielen.

Hier änderte sie den Originaltonsatz Bellinis und ließ, die Malibran nachahmend, ihre Stimme erst zum mittleren G hinabsteigen, um dann zwei ganze Oktaven zu überspringen und das viergestrichene hohe G anzuschlagen.

Nach diesen Wundern von Gesangskunst stand sie vom Klavier auf und kehrte zu ihrem Platz an meiner Seite zurück. Ich sprach natürlich in den Tönen tiefster Bewunderung mein Entzücken aus. Ich war eigentlich außerordentlich überrascht, denn ihre schwache, fast zitternde Stimme beim Sprechen hatte mich solche ungewöhnliche Kunstleistungen nicht erwarten lassen. Ich verhehlte ihr nichts, denn ich fühlte, ich hatte das Recht, ihrer entgegenkommenden Zutraulichkeit nichts zu verbergen. Ermutigt durch ihre eigene Aufrichtigkeit in bezug auf ihr Alter, sprach ich dann mit vollkommener Offenheit von meinen verschiedenen kleinen Schwächen und Fehlern, nicht allein von den moralischen, auch von den physischen, von welchen zu reden viel mehr Selbstüberwindung kostet und was somit ein um so sicherer Beweis der Liebe ist. Ich erzählte von den jugendlichen Torheiten der Studentenzeit, von meinen Ausschweifungen, Schulden und Liebeleien. Ja, ich erwähnte sogar einen gewissen hektischen Husten, der mich zuweilen befällt, einen chronischen Rheumatismus, der mich zuweilen als Mahnung an ein erbliches Gichtleiden zwickt, und die unangenehme, lästige, obwohl bisher sorgfältig verhehlte Schwäche meiner Augen.

»Was den letzten Punkt anbetrifft, so war es sicher eine Unklugheit Ihrerseits, ihn zu erwähnen; denn ohne Ihr Geständnis würde ich es nie geglaubt haben, wenn jemand Sie dieser Schwäche beschuldigt hätte. Übrigens«, setzte sie hinzu, »entsinnen Sie sich vielleicht noch dieses kleinen Augenglases, das ich da um den Hals hängen habe, mein teurer Freund?«

Trotz des Halbdunkels bemerkte ich, wie sie bei dieser Frage tief errötete, während ihre Finger nervös mit dem zierlichen Gegenstand spielten, der mich schon damals im Opernhaus in solche Verwirrung versetzt hatte.

»Ach ja, natürlich kenne ich es noch«, rief ich lebhaft und preßte feurig die zarte Hand, die mir das Augenglas zur Besichtigung reichte. Es war ein entzückendes, kunstvoll zusammengesetztes Spielzeug in Goldfiligran, reich verziert mit kostbaren Juwelen, die selbst in der schwachen Beleuchtung wunderbar blitzten.

»Nun wohl, mein Freund«, sagte sie mit einer gewissen Eindringlichkeit, die mich etwas befremdete, »Sie haben von mir eine Gunst verlangt, die Sie selbst als unschätzbar bezeichneten. Sie baten mich um die Einwilligung, morgen schon die Ihre zu werden. Wenn ich nun Ihrem Verlangen nachgebe – und ich muß gestehen, auch gleichzeitig dem innersten Drang meines Herzens -, dürfte ich nicht ein kleines Gegengeschenk von Ihnen erbitten?«

»Nennen Sie es!« rief ich, so voll feurigem Eifer, daß ich beinahe die Aufmerksamkeit der versammelten Gäste auf mich gezogen hätte, die allein mich davon zurückhielten, dem geliebten Wesen zu Füßen zu sinken. »Sprich es aus! Du, meine geliebte Eugénie! Meine Einzige! Sprich es aus! Ach, es ist ja schon gewährt, ehe du es ausgesprochen hast.«

»Nun, mein Freund, so bezwingen Sie um Ihrer Eugénie willen jene kleine Schwäche, welche Sie soeben eingestanden haben und welche, ich versichere Sie, so wenig eines wirklich vornehmen Charakters, Ihrer sonst so offenherzigen Natur würdig ist, und die Sie auch sicher, falls Sie diese nicht überwinden, in unangenehme Situationen bringen wird. Sie müssen die kleine Eitelkeit, die Sie dazu bewegt, Ihr Gebrechen zu verheimlichen, ablegen. Denn Sie verleugnen wirklich diesen Fehler, indem Sie die Mittel zur Abhilfe verschmähen. Mein Wunsch ist also der, daß Sie Augengläser tragen. Doch Sie haben mir meine Bitte ja schon im voraus gewährt! Nun, so nehmen Sie diese kleine Spielerei von mir als Geschenk an. Sie sehen, daß man durch eine kleine Verschiebung eine Brille daraus machen oder anders sie als Lorgnette in der Tasche mitführen kann. Doch wünsche ich, daß Sie sie in der ersteren Form um meinetwillen und für immer tragen sollen.«

Dies Verlangen verwirrte mich nicht wenig, muß ich gestehen. Aber die Bedingung, die daran geknüpft war, machte jedes Zögern und alle Bedenken zunichte.

»Es sei!« rief ich mit der ganzen Begeisterung, derer ich im Augenblick fähig war. »Es wird von Herzen gern geschehen. Um deinetwillen werde ich jede Eitelkeit unterdrücken. Heute abend werde ich dies köstliche Gut als Lorgnon noch auf meinem Herzen tragen. Aber morgen mit dem ersten Frührot des Tages, der dich mir gibt, werde ich es auf meine Nase setzen und in der wenig schönen, aber zweckmäßigen Form einer Brille zu Ehren meiner Angebeteten tragen.«

Unsere Unterhaltung ging nun auf die Einzelheiten der Anordnungen für den folgenden Tag über. Wie ich von meiner Verlobten erfuhr, war Talbot am selben Morgen von seiner Reise zurückgekehrt. Ich wollte sofort gehen, ihn zu holen und einen Wagen zu beschaffen. Die Gesellschaft konnte vor zwei Uhr kaum aufbrechen, und um diese Zeit sollte das Gefährt an der Tür warten. Beim allgemeinen Aufbruch konnte Madame Lalande leicht unbemerkt hineinschlüpfen. Wir wollten dann nach dem Hause eines Priesters fahren, der inzwischen benachrichtigt worden war. Nach der Trauung sollte Talbot wieder heimkehren, während wir uns direkt nach dem Osten begeben wollten, es der Welt überlassend, sich in allen möglichen Vermutungen über die Ursache unseres Verschwindens zu ergehen.

Nachdem wir alles überlegt hatten, verabschiedete ich mich gleich, Talbot aufzusuchen, doch unterwegs konnte ich nicht umhin, in ein erleuchtetes Hotel einzutreten, um das Miniaturbild mit Hilfe des Augenglases zu betrachten. Das Gesicht war von unübertrefflicher Schönheit! Diese großen strahlenden Augen! Diese stolze griechische Nase! Diese üppigen dunklen Locken! ›Ach!‹ sagte ich ganz außer mir vor Freude, ›es ist in der Tat das sprechendste Ebenbild meiner Geliebten!‹ Ich wendete es um und fand die Worte: ›Eugénie Lalande, im Alter von siebenundzwanzig Jahren und sieben Monaten.‹

Ich traf Talbot zu Hause an und erzählte ihm mein ganzes Glück. Er war natürlich furchtbar erstaunt, gratulierte mir herzlichst und bot mir bereitwilligst seine Mithilfe an. Kurz, wir führten unser Vorhaben buchstäblich aus, und um zwei Uhr morgens, gerade zehn Minuten nach der Trauungszeremonie, befand ich mich mit Madame Lalande, jetzt Frau Simpson, in einem geschlossenen Wagen; wir verließen die Stadt und fuhren nach Nordosten.

Talbot hatte uns geraten, die Nacht durchzufahren und erst in C…, einem kleinen Dorf, zwanzig Meilen von der Stadt entfernt, halt zu machen, dort ein kleines Frühstück zu nehmen, um nach kurzer Rast unsere Reise fortzusetzen. Um vier Uhr erreichten wir den Ort, und der Wagen hielt an der Tür des besten Gasthauses. Ich hob mein angebetetes Weib hinaus und bestellte das Frühstück; inzwischen setzten wir uns in ein kleines Wohnzimmer.

Es war mittlerweile heller Tag geworden, und als ich voll Entzücken den Engel an meiner Seite ansah, fiel mir ein, daß ich zum ersten Mal seit meiner Bekanntschaft mit der schönen Madame Lalande Gelegenheit hatte, diese Schönheit bei Tageslicht zu bewundern.

»Und nun, mein Freund«, sagte sie, meinen Gedankengang plötzlich unterbrechend, »nun, da wir unauflöslich miteinander verbunden sind, da ich deinem leidenschaftlichen Drängen nachgegeben und so meinen Teil unseres Übereinkommens erfüllt habe, nun hoffe ich, daß auch du die kleine Bitte nicht vergessen hast, die ich an dich gestellt habe und die du mir zu erfüllen versprochen hast. Laß mich nachdenken! Ja: ich entsinne mich genau der Worte des teuren Versprechens, welches du vergangene Nacht deiner Eugénie gegeben hast. Du sagtest so: ›Es soll geschehen! – Es ist von Herzen gern bewilligt. Für dich opfere ich jede Eitelkeit. Heute nacht werde ich dies Augenglas noch als Lorgnon auf meinem Herzen tragen, aber mit dem ersten Morgenrot des Tages, an welchem ich dich mein Weib nennen darf, werde ich es auf meine Nase setzen – um es in der wenig schönen, aber zweckmäßigen Form einer Brille zu Ehren meiner Angebeteten zu tragen.‹ Waren dies nicht deine Worte, mein teurer Gatte?«

»Ja«, erwiderte ich. »Du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis; und ich denke auch nicht daran, mein Wort zu brechen, schönste Eugénie. Sieh zu! Sieh nur! Sie steht mir gut, nicht wahr?« und nachdem ich das Ding richtig gestellt hatte, brachte ich es in die geeignete Lage; unterdessen zog Madame Simpson ihre Haube zurecht, legte die Arme übereinander und saß in einer steifen, gezwungenen Haltung ein wenig würdevoll auf ihrem Stuhl

»Allmächtiger Himmel!« rief ich im selben Augenblick, da ich die Brille aufgesetzt hatte, aus. »Um Gottes willen, was ist denn mit diesen Gläsern los?« und rasch nahm ich sie ab, putzte sie sorgfältig mit meinem seidenen Tuch und setzte sie dann wieder auf.

Doch wenn ich beim ersten Mal überrascht war, verwandelte sich nun meine Überraschung in höchstes Erstaunen – ja in Erstaunen und Entsetzen. Was in aller Welt konnte das bedeuten? Ich traute meinen Augen nicht. War das nicht – war das nicht – Schminke? Und waren dies wirkliche Runzeln auf dem Gesicht Eugénie Lalandes? Und – Jupiter und alle Götter des Olymps steht mir bei! – was, Götter, was war aus ihren Zähnen geworden? Ich schleuderte die Brille wutentbrannt zu Boden und stellte mich dann bebend vor Zorn gerade vor Frau Simpson hin, in meiner übermenschlichen Wut unfähig, ein Wort zu äußern.

Wie ich schon einmal sagte, sprach Madame Eugénie Lalande, das heißt Simpson, noch weniger gut Englisch als sie schrieb, und deshalb redete sie auch für gewöhnlich nicht in dieser Sprache. Aber der Zorn treibt eine Frau zu allem, und in diesem Fall trieb er Mrs. Simpson sogar so weit, in einer Sprache sich auszudrücken, die sie kaum verstand.

»Nun wohl, mein Herr«, sagte sie, nachdem sie mir einen Blick voll tiefsten Erstaunens zugeworfen hatte, »nun wohl, mein Herr! Was ist es mit Sie? Haben Sie den Tanz von Saint Veit? Wenn ich Ihn nicht gefalle, weshalb haben Sie gekauft der Katz im Sack?«

»Du Hexe!« schrie ich mit zornerstickter Stimme, »du niederträchtige alte Vettel! «

»Vettel? Alt? Ich bin nicht so sehr alt, ich habe kein einzig Tag mehr als zweiundachtzig Jahren.«

»Zweiundachtzig!« stotterte ich, an die Wand taumelnd. »Da sollen doch zweiundachtzighunderttausend Bomben dreinschlagen! Auf dem Medaillon stand doch siebenundzwanzig Jahre und sieben Monate!«

»Das ist sicher – ganz richtig! – Aber das Porträt ist gemacht worden vor fünfundfünfzig Jahre. Als ich ging mein zweiten Gatten zu heiraten, ließ ich das Porträt machen für die Tochter von mein erster Gatte, Herr Moissart.«

»Moissart?« sagte ich.

»Ja, Moissart!« wiederholte sie, meine Aussprache nachahmend, welche offen gestanden nicht gerade die beste war. »Und was macht das? Kennen Sie Herrn Moissart?«

»Nein, du altes Scheusal! Ich kenne ihn nicht, ich hatte nur einen alten Vorfahren dieses Namens.«

»Dieses Namens? Was haben Sie über diesen Namen zu sagen? Der Name ist von sehr gutem Klang, gerade so wie Voissart. Meine Tochter, Mademoiselle Moissart, heiratete Monsieur Voissart, welches sind beide sehr ehrenwerte Namen.«

»Moissart?« fragte ich, »und Voissart? Was meinen Sie damit?«

»Was ich meine? Ich meine Moissart und Voissart; und was das anbetrifft, meine ich Croissart und Froissart auch, wenn ich Lust habe. Meiner Tochter ihre Tochter, Mademoiselle Voissart, heiratete Monsieur Croissart, und dann heiratete die Enkelin von meiner Tochter, Mademoiselle Croissart, Monsieur Froissart; wollen Sie vielleicht behaupten, daß dies kein sehr guter Name sei?«

»Froissart sagten Sie?« und ich fühlte, wie ich ohnmächtig wurde. »Moissart, Voissart, Croissart und Froissart?«

»Ja«, antwortete sie, indem sie sich in ihren Stuhl zurücklehnte und die unteren Extremitäten weit von sich streckte, »ja, Moissart, Voissart, Croissart und Froissart. Aber Froissart war ein sehr großer Narr, ein sehr großer Esel, wie Sie selbst – denn er ging aus das schöne Frankreich nach dies dumme Amerika, und als er dort war, hatte er ein sehr dummen, einen sehr, sehr dummen Sohn, wie ich habe gehört, und den ich noch nicht zu kennenlernen das Vergnügen hatte. Sein Name ist Napoleon Bonaparte Froissart, und Sie werden auch wohl von ihm sagen, er sei kein ehrenwerter Name?«

Entweder die Länge oder der Gegenstand ihrer Rede hatte Mrs. Simpson in ungewöhnlicher Weise aufgeregt, denn als sie zu Ende gekommen war, sprang sie wie verhext auf, wobei verschiedene Wattierungen aus ihrem Kleide fielen. Vor mir stehend, fuchtelte sie wie wahnsinnig mit den Armen, rollte ihre Ärmel auf und drohte mir mit beiden Fäusten; zum Schluß riß sie die Haube vom Kopf und mit ihr eine mächtige Perücke wundervollen schwarzen Haares, warf das Ganze auf die Erde, trampelte mit den Füßen darauf herum und tanzte unter gellendem Geschrei einen wahren Fandango sinnlosester Wut. Unterdessen sank ich schreckensbleich auf den Stuhl, den sie verlassen hatte.

»Moissart und Voissart«, wiederholte ich gedankenvoll, während sie weiter raste, »und Croissart und Froissart!« während sie dazwischenrief:

»Moissart,Voissart, Croissart und Napoleon Bonaparte Froissart!«

»Was? Du alte Schlange, das bin ich – das bin ich – hörst du? Das bin ich!« schrie ich mit Fistelstimme. »Ich bin Napoleon Bonaparte Froissart! Und wenn ich nicht meine Urgroßmutter geheiratet habe, will ich in Ewigkeit verdammt sein!«

Madame Eugénie Lalande, quasi Simpson, frühere Moissart, war in der Tat meine Urgroßmutter. In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen und hatte selbst bis in ihr jetziges Alter ihre majestätische Gestalt, die klassisch-schöne Kopfform, die schönen Augen und die griechische Nase bewahrt. Mit Hilfe sowohl von Puder, Schminke, falschem Haar, falschen Zähnen und falschen ›Formen‹ wie durch die Künste der geschicktesten Pariser Schneiderin wußte sie noch immer einen Platz unter den schon etwas verjährten Schönheiten der französischen Hauptstadt einzunehmen. In dieser Hinsicht hatte sie allerdings viel mit der berühmten Ninon de l’Enclos gemein.

Sie war ungeheuer reich, und da sie zum zweiten Mal Witwe wurde und kinderlos war, erinnerte sie sich meiner und kam nach Amerika, in der Absicht, mich zu ihrem Erben einzusetzen. Zur Begleitung auf ihrer Reise hatte sie eine entfernte Verwandte ihres zweiten Gatten, eine gewisse früh verwitwete Madame Stephanie Lalande, eine Dame von ganz ungewöhnlichem Liebreiz, mitgenommen.

In dem Opernhaus hatte ich die Aufmerksamkeit meiner Urahne auf mich gezogen, weil sie durch ihre Lorgnette eine auffallende Familienähnlichkeit mit sich entdeckt hatte. Da sie wußte, daß ich in der Stadt wohnte, hatte sie Erkundigungen über mich eingezogen. Der Herr, der bei ihr war, kannte mich und gab ihr über meine Persönlichkeit Auskunft. Daraufhin hatte sie mich von neuem so auffällig angesehen, und diese Blicke hatten mich ermutigt, daß ich in der bereits erzählten Weise antwortete. Sie erwiderte meine Verbeugung nur unter dem Eindruck, daß ich durch irgendeinen seltsamen Zufall ihre Person erkannt hätte. Als ich, durch meine schwachen Augen und ihre Toilettenkünste über das Alter und die Reize der Dame getäuscht, Talbot so eindringlich nach ihrem Namen fragte, glaubte er, ich meine die jüngere Dame, und antwortete der Wahrheit gemäß, es sei die »berühmte Witwe Madame Lalande«.

Am nächsten Morgen hatte meine Urahne dann Talbot, der ein alter Pariser Bekannter von ihr war, auf der Straße getroffen; natürlicherweise kam die Rede auf mich. Er erzählte ihr unter anderem, daß ich mein Gebrechen so eifrig zu verheimlichen suche, denn obwohl ich keine Ahnung davon hatte, war meine Eitelkeit allgemein bekannt, und meine gute alte Verwandte entdeckte so zu ihrem Leidwesen, daß sie sich getäuscht hatte, als sie annahm, ich habe sie erkannt, und daß ich mich lächerlich genug gemacht hatte, mich in eine alte Frau zu verlieben. Um mich für meine Dummheit zu bestrafen, hatte sie mit Talbot ein Komplott geschlossen. Er ging mir sorgfältig aus dem Wege und vermied es hartnäckig, mir die geringste Auskunft zu geben. Meine Erkundigungen, die ich auf der Straße über die reizende Witwe Madame Lalande machte, wurden natürlich so aufgefaßt, als ob sie sich auf die jüngere Dame bezögen; weshalb auch die Unterhaltung, welche ich mit den drei Herren nach Talbots Abreise hatte, leicht begreiflich schien, ebenso ihre Anspielung auf Ninon de l’Enclos. Ich hatte nie Gelegenheit gehabt, Madame Lalande bei Tage zu sehen, und auf ihrer musikalischen Abendgesellschaft verhinderte mich meine alberne Eitelkeit, keine Augengläser zu tragen, wirklich daran, ihr Alter zu bemerken. Als man ›Madame Lalande‹ zum Singen aufforderte, meinte man die jüngere der beiden Damen, die dem Verlangen auch gleich nachkam; meine Urgroßmutter war, um mich vollständig zu täuschen, mit ihr ins Musikzimmer gegangen. Wenn ich darauf bestanden hätte, sie zu begleiten, würde sie mich schon unter irgendeinem Vorwand daran zu hindern gewußt haben. Die Arien, die mich so entzückt und mich nur noch in dem Glauben an die Jugend meiner Geliebten bestärkt hatten, waren von Madame Stephanie Lalande gesungen worden. Das Augenglas wurde mir geschenkt, um dem schlimmen Streich noch einen Verweis hinzuzufügen, um dem hohnvollen Verrat noch einen besonders schmerzlichen Stachel zu geben. Denn als sie es mir schenkte, konnte sie mir ja, wie erwähnt, eine kleine Rede über Ziererei halten. Natürlich waren die Gläser, welche die Damen getragen hatten, durch neue, für meine Augen berechnete, ersetzt worden. Und sie paßten mir in der Tat ausgezeichnet.

Der Priester, der angeblich dies verhängnisvolle Band geknüpft hatte, war ein Freund Talbots gewesen und durchaus kein Diener der Kirche. Er war aber ein ausgezeichneter Rosselenker, der – nachdem er seinen Talar abgelegt hatte – in einen langen Mantel gehüllt das ›glückliche Paar‹ aus der Stadt fuhr. Talbot saß an seiner Seite. So hatten diese beiden Halunken gemeinsame Sache gemacht und schauten jetzt unter höllischem Gelächter der Auflösung des Dramas durch ein geöffnetes Fenster des Zimmers zu. Ich glaube, ich werde mich mit beiden duellieren müssen.

Aber ich bin zum wenigsten nicht der Gatte meiner Urgroßmutter, und diese Gewißheit gewährt mir eine ungeheure Erleichterung; denn ich bin jetzt wohl der Gatte der Madame Lalande – aber der Madame Stephanie Lalande, mit welcher mich meine gute alte Verwandte, nachdem sie mich zum einzigen Erben nach ihrem Tode (wenn sie überhaupt je stirbt!) eingesetzt hat, doch noch nach vieler Mühe verbunden hat. Aber ich versichere Ihnen: in meinem Leben schreibe ich keine Liebesbriefe mehr, und nie mehr gehe ich ohne meine Brille aus.

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