Peter Bongbong

Daß Peter Bongbong ein Gastwirt von ganz ungewöhnlichen Eigenschaften war, wird niemand, der seine kleine Pinte zu Rouen besucht hat, abstreiten können. Daß Peter Bongbong aber auch in der Philosophie seiner Zeit bewandert war, ist eine noch unleugbarere Tatsache. Seine pâtés à la fois waren ohne Zweifel tadellos; doch welche Feder kann seinen Essays sur la Natur – seinen Gedanken sur l’Ame – seinen Bemerkungen sur l’Esprit genügende Gerechtigkeit widerfahren lassen? Wenn seine Omelettes, seine Fricandeaux schon unbezahlbar waren, welcher Literaturbeflissene jener Zeit würde nicht für eine Idee von Bongbong doppelt so viel gegeben haben, wie für alle Ideen der übrigen Gelehrten zusammen? Bongbong hatte Bibliotheken durchstöbert, die kein anderer Mensch in Augenschein genommen – hatte mehr gelesen, als irgendein anderer Bücher nur ausdenken konnte – mehr verstanden, als ein anderer überhaupt für möglich hielt, zu verstehen. Und wenn auch selbst während der Zeit seiner größten Beliebtheit einige Autoren in Rouen versicherten, »daß seine dicta weder die Reinheit der Akademie noch die Tiefe des Lyzeums zeigten« – so wurden seine Doktrinen, verstehen Sie mich recht, doch absolut nicht allgemein verstanden, obgleich nicht daraus zu folgern ist, daß sie schwer zu verstehen gewesen. Es lag, glaube ich, an ihrer Selbstverständlichkeit, daß viele Leute sie für abstrus hielten. Bongbong ist nämliche jener Denker – doch machen Sie bitte keinen Gebrauch davon –, dem Kant für seine Metaphysik hauptsächlich zu Dank verpflichtet ist. Bongbong war kein Platoniker, noch, genau genommen, ein Aristoteliker – noch verschwendete er, wie der moderne Leibniz, seine kostbaren Stunden, die er der Erfindung eines Fricasses oder facili gradu der Analyse eines Gefühls hätte widmen können, in leichtfertigen Versuchen, das widerspenstige Öl und Wasser ethischer Diskussionen miteinander zu verbinden. Das fiel ihm gar nicht ein. Bongbong war ein Optimist. Bongbong war zu gleicher Zeit ein Pessimist. Er schloß a priori, er schloß auch a posteriori. Seine Ideen waren angeborene – oder auch nicht angeborene. Bongbong war mit Begeisterung – Bongbongist.

Ich habe von dem Philosophen in seiner Eigenschaft als Gastwirt gesprochen. Ich möchte jedoch nicht, daß einer meiner Leser glaube, unser Held habe diese seine Standespflichten ohne vollständiges Bewußtsein ihrer Größe und Wichtigkeit erfüllt. Er war weit entfernt davon; und es ist schwer zu sagen, welche von seinen beiden Tätigkeiten ihn mit größerem Stolze erfüllte. Seiner Meinung nach standen die Kräfte des Geistes in direkter Verbindung mit den Fähigkeiten des Magens. Ich weiß nicht, ob er sehr von der Annahme der Chinesen abwich, daß die Seele ihren Sitz im Bauche habe. Die Griechen hatten seiner Meinung nach unter allen Umständen recht, wenn sie für Geist und Zwerchfell nur ein Wort anwandten. Doch möchte ich hier nicht so verstanden werden, als wollte ich der Vielfräßigkeit ernstlich auf Kosten der Metaphysiker das Wort reden. Wenn Peter Bongbong irrte – und welcher große Mann irrt nicht tausendmal?! – also, sage ich, wenn Peter Bongbong irrte, so waren seine Irrtümer durchaus unwichtige – waren Fehler, die man bei anderen Temperamenten eher für Tugenden gehalten haben würde. Was nun eine dieser Schwächen anbetrifft, so würde ich sie in dieser Geschichte gar nicht erwähnen, wenn sie nicht aus seiner allgemeinen Veranlagung so scharf hervorgesprungen wäre. Er konnte nämlich keine Gelegenheit, ein Geschäft zu machen, vorübergehen lassen.

Nicht, daß er habsüchtig gewesen! O nein! Zur Befriedigung des Philosophen in ihm war es durchaus nicht erforderlich, daß ihm der Handel Vorteil brachte. Doch wurde ein Geschäft perfekt – irgendein Handel unter irgendwelchen Umständen und Bedingungen abgeschlossen, so erleuchtete noch viele Tage später ein triumphierendes Lächeln sein Gesicht, und ein wissendes Augenzwinkern gab Zeugnis von seiner Weisheit.

Zu keiner Zeit wäre es zu verwundern gewesen, wenn eine so besondere Erscheinung, wie die eben von mir gezeichnete, Aufmerksamkeit und Beachtung erregt hätte. Würde sie es zur Zeit unserer Erzählung jedoch nicht getan haben, so müßte man diese Tatsache wirklich ein Wunder nennen. Man erzählte sich, daß das besagte Lächeln Bongbongs von dem biederen Grinsen, mit dem er über seine Scherze lachte oder einen alten Bekannten begrüßte, weit verschieden war. Man machte aufregende Andeutungen, erzählte sich Geschichten von gefährlichen Geschäften, die schnell gemacht und lange bereut wurden, Beispiele von unerklärlichen Fähigkeiten wurden angeführt, von sonderbarem Verlangen und unnatürlichen Neigungen, die nur der Urheber allen Übels zu seinen dunklen Zwecken hervorgerufen haben konnte.

Der Philosoph hatte andere Schwächen, doch sind sie kaum einer ernsthaften Untersuchung wert. Es gibt zum Beispiel nur sehr wenig außerordentlich tiefe Männer, die sich über einen Mangel an Neigung zur Flasche zu beklagen haben. Ob diese Neigung die erregende Ursache oder vielmehr ein Beweis der Tiefe ist, das ist durchaus nicht so leicht zu sagen. Bongbong jedoch hielt diese Frage keiner eingehenden Erforschung für wert, und ich tue es ebenfalls nicht. Doch muß man nicht glauben, daß der Restaurateur in der Hingabe an eine so klassische Neigung jenen intuitiven Scharfsinn verlor, der zu gleicher Zeit seine Essays und seine Omelettes auszeichnete. Wenn er sich von der Welt zurückzog, widmete er dem Vin de Bourgogne ganz bestimmte Stunden und weihte dem Côtes du Rhone die genau dafür geeigneten Momente. Für ihn war Sauterne im Vergleich zu Medoc, was Catullus im Vergleich zu Homer war. Wenn er St. Peray schlürfte, machte er spielend einen Vernunftschluß dazu, während er bei einer Flasche Clos Vougeot ein Argument zergliederte und in einer Flut von Chambertin eine Theorie umstürzte. Es wäre gut gewesen, wenn ihn das gleiche Gefühl für Schicklichkeit auch bei der unbedeutenden Neigung, auf die ich anspielte, geleitet hätte, aber das war nicht der Fall. Um die Wahrheit zu gestehen: dieser Wesenszug des philosophierenden Bongbong begann wirklich eine sonderbare Intensität anzunehmen, sich immer mehr dem Mystizismus zu nähern und die tiefe Färbung des Satanismus seiner bevorzugten deutschen Studien anzunehmen.

Bongbongs kleine und versteckt gelegene Kneipe zu besuchen, hieß das Sanktum eines genialen Mannes betreten. Bongbong war tatsächlich ein genialer Mann. In ganz Rouen gab es keinen Küchenjungen, der Ihnen nicht sofort bekräftigt hätte, daß Bongbong ein genialer Mann sei. Sogar seine Katze wußte es und unterstand sich nicht, in Gegenwart des genialen Mannes mit dem Schwanze zu wackeln. Seinem großen Pudel war diese Tatsache ebenfalls bekannt, und sobald sein Herr sich näherte, gab er dem Gefühl seiner Inferiorität durch ein weihevolles Benehmen, durch Hängenlassen der Ohren und der unteren Kinnlade einen beredten Ausdruck, der eines Hundes nicht allzu unwürdig war. Doch läßt sich nicht wegleugnen, daß sehr vieles an diesen gewohnten Huldigungen auf die persönliche Erscheinung des Metaphysikers zu setzen war. Ein distinguiertes Äußere verfehlt selbst bei einem Tiere nicht seinen Eindruck. Und ich muß gestehen, daß manches in dem Äußeren des Restaurateurs danach angetan war, auf die Phantasie der Vierfüßler Eindruck zu machen. Der kleine Große – wenn man mir diesen zweideutigen Ausdruck gestatten will – trug eine Majestät zur Schau, welche die bloße physische Masse allein unmöglich zustande bringen kann. Wenn Bongbong nun auch kaum drei Fuß hoch und seinen Kopf äußerst klein erschien, so war es doch unmöglich, die Rundlichkeit seines Bauches ohne ein Gefühl von Großartigkeit, ja, von Erhabenheit zu betrachten. In seiner Größe mußten Menschen und Tiere das Abbild seiner erlernten Kenntnisse – in seinem Umfange eine geeignete Wohnung für seine unsterbliche Seele erkennen.

Ich könnte mich hier, wenn es mir gefiele, über die Art der Kleidung und andere Umstände der äußeren Erscheinung des Metaphysikers weiter auslassen. Ich könnte erwähnen, daß unser Held das Haar kurz und weich in die Stirn hineingekämmt trug – daß er sein Haupt mit einer kegelförmigen, troddelbesetzten Mütze aus weißem Flanell krönte, und sein erbsengrünes Wams der Mode der damals von Restaurateuren getragenen Wämser durchaus nicht entsprach – daß seine Ärmel viel weiter waren – daß die Ärmelaufschläge nicht wie es damals, in jener barbarischen Zeit gebräuchlich war, aus Tuch von derselben Qualität und Farbe des Kleidungsstückes selbst bestanden, sondern in phantasieanregender Weise aus zweifarbigem Genueser Sammet hergestellt – daß seine Pantoffeln von schöner purpurner Farbe und schön gestickt waren, so daß man hätte glauben können, sie seien in Japan gemacht worden – daß seine Beinkleider aus einem gelben, atlasartigen Stoff hergestellt waren, den man ›Aimable‹ nennt – daß sein himmelblauer Überrock, der mit purpurnen Verzierungen reich bedeckt war, ritterlich wie der blaue Morgendämmer um seine Schultern flatterte, und daß sein tout ensemble dem bemerkenswerten Wort der Benevenuta, der Improvisatrice von Florenz, zur Entstehung verhalf, daß schwer sei zu sagen, ob Peter Bongbong ein Paradiesvogel oder selbst ein Paradies an Vollkommenheiten sei. Ich könnte also, wie ich schon sage, mich über all diese Punkte weiter auslassen, wenn es mir gefiele, doch sehe ich davon ab. Nur Details über die Persönlichkeit ziemen sich für den historischen Novellenschreiber. Die anderen stehen unter den moralischen Würde der reinen Tatsachen.

Ich habe schon einmal gesagt: in Bongbongs kleine Kneipe eintreten, hieß das Sanktum eines genialen Mannes besuchen; doch konnte nur ein ebenfalls genialer Mann die Verdienste des Sanktums würdigen. Vor der Eingangstür schwang ein Schild hin und her, das ein riesiges Buch darstellte. Auf einer Seite desselben war eine Flasche gemalt, auf der anderen eine Pastete. Auf dem Rücken stand in großen Buchstaben zu lesen ›Œuvres de Bongbong‹. So wurde in zarter Weise die zweifache Beschäftigung des Eigentümers angedeutet.

Wenn man über die Schwelle trat, übersah man sofort das ganze Innere des Gebäudes. Ein langer, niedrig gestochener Raum von alter Bauart – das war Bongbongs Kneipe. In einer Ecke stand das Bett des Metaphysikers. Ein Arrangement von Vorhängen sowie ein griechischer Betthimmel gaben ihm sowohl ein klassisches wie bequemes Aussehen. In der Ecke schräg gegenüber erblickte man in familiärer Vertraulichkeit die Küchengerätschaften und die Bibliothek. Eine Schüssel von Polemik stand friedlich auf dem Anrichtetisch. Hier lag ein Ofen voll der letzten ethischen Abhandlungen, dort stand ein Kessel, angefüllt mit Duodecimo-Melangen. Deutsche Bände über Morallehre lagen in innigster Freundschaft neben dem Bratrost; ein Waffeleisen hielt mit Eusebius gute Nachbarschaft; Plato lehnte bequem in einer Bratenpfanne, und Manuskripte von Zeitgenossen waren in Reih und Glied an einem Bratspieß aufgesteckt.

Sonst jedoch wich Bongbongs Lokal sehr wenig von den üblichen Restaurants damaliger Zeit ab: Der Tür gegenüber gähnte der ungeheure Kamin. Zur Rechten desselben erblickte man den Schenktisch; darauf eine stattliche Reihe etikettierter Flaschen. –

Hier war es also, in einer strengen Winternacht des Jahres 18…, daß Peter Bongbong, nachdem er eine Zeitlang den Anspielungen seiner Nachbarn auf seine sonderbare Neigung zugehört hatte – daß also Peter Bongbong, nachdem er sie alle aus seinem Hause vertrieben, die Tür mit einem Fluche verschloß und sich in durchaus nicht friedfertiger Gemütsverfassung den Bequemlichkeiten seines lederüberzogenen Armstuhles und dem Anblick der lodernden Reisigbündel überließ.

Es war einer jener schrecklichen Nächte, wie sie nur ein- oder zweimal im Jahrhundert vorkommen. Es schneite wütend, und das Haus schwankte in seinen Grundfesten bei dem Ansturm des Windes, der durch die Ritzen der Mauern drang, ungestüm den Kamin hinabblies, an den Bettvorhängen zerrte, und die pâté-Pfannen und Papiere schonungslos durcheinanderwarf. Das riesige Buchschild, das draußen der Gewalt des Sturmes ausgesetzt war, knarrte, und die Fensterrahmen aus solidem Eichenholz seufzten unheilverkündend auf.

Es war also, wie gesagt, kein friedliches Wetter, als der Metaphysiker seinen Stuhl zu seinem gewohnten Standort am Kamin heranzog. Tagsüber hatten sich verschiedene widrige Dinge ereignet, welche die Heiterkeit seiner Betrachtungen trübten. Als er œufs á la Princesse machen wollte, hatte er eine omelette á la Reine geschaffen, die Entdeckung eines ethischen Prinzips war durch das Übergarwerden eines Stew vereitelt worden, und last not least war ihm eins seiner bewunderungswürdigen Geschäfte, deren glückliches Zustandekommen ihn immer in Entzückung versetzte, durchkreuzt worden. Doch mischte sich in seinen Zorn jetzt jene nervöse Ängstlichkeit, wie sie eine stürmische Nacht nur zu leicht erzeugt. Er pfiff den schon erwähnten schwarzen Pudel näher zu sich heran, rückte einmal unruhig in seinem Stuhle hin und her und konnte nicht umhin, in die entfernten Winkel des Raumes, deren unerbittliche Schatten das rote Kaminfeuer nicht zu verjagen vermochte, einen forschenden, ungewissen Blick zu senden. Nachdem er diese Nachforschung, deren Zweck ihm wohl selbst unverständlich blieb, beendet hatte, zog er einen kleinen, mit Büchern und Papieren bedeckten Tisch an seine Seite und versenkte sich ganz in die Überarbeitung eines umfangreichen Manuskriptes, das er am folgenden Morgen der Veröffentlichung zu übergeben gedachte.

Als er sich einige Minuten in dieser Weise beschäftigt hatte, flüsterte plötzlich eine weinerliche Stimme im Zimmer: »Ich bin durchaus nicht eilig, Herr Bongbong.«

»Der Teufel!« rief unser Held aus, sprang auf seine Füße, warf den Tisch an seiner Seite um und blickte erstaunt umher.

»Das stimmt!« erwiderte die Stimme ruhig.

»Das stimmt? Was stimmt? Wie kamen Sie hier herein?« schrie der Metaphysiker, als sein Auge auf etwas fiel, das lang ausgestreckt auf dem Bette lag.

»Ich meinte«, erwiderte der Eindringling, ohne auf die Fragen zu achten, »ich meinte, daß meine Zeit absolut nicht beschränkt ist – daß das Geschäft, um dessentwillen ich mir die Freiheit nahm, hier vorzusprechen, durchaus nicht dringend ist; ich kann sehr wohl warten, bis Sie mit Ihrer Exposition fertig sind.«

»Meine Exposition? – Nanu? – Wie wissen Sie denn – wie kommen Sie dazu, zu wissen, daß ich eine Exposition schreibe? Gerechter Gott, Sie –«

»Still!« antwortete ihm die Gestalt in schrillem Flüstertone, erhob sich schnell vom dem Bette und machte einen Schritt auf unseren Helden zu, während eine eiserne Lampe, die von oben herabhing, sich bei seinem plötzlichen Aufstehen bewegte und krampfhaft hin und her pendelte.

Das Erstaunen, welches sich des Philosophen bemächtigte, hinderte nicht, daß er Erscheinung und Kleidung des Fremden einer genauen Prüfung unterwarf.

Die Umrisse seiner außerordentlich dürren, doch weit über Mittelmaß langen Gestalt wurden durch einen abgetragenen alten, ganz eng auf der Haut anliegenden Anzug, der nach der Mode von vor hundert Jahren geschnitten war, deutlichst hervorgehoben. Der Anzug war offenbar für eine Person gemacht worden, die viel kleiner war als ihr jetziger Besitzer. Seine Knöchel und Handgelenke blieben mehrere Zoll weit frei. Doch strafte ein Paar wundervoller Schnallen an seinen Schuhen die an den anderen Teilen der Kleidung zur Schau getragene armseligste Armut Lügen. Sein Kopf war unbedeckt und vollständig kahl, mit Ausnahme des Hinterschädels, von dem ein Schweif von bemerkenswerter Länge herabhing. Eine grüne Brille mit Seitengläsern schützte seine Augen vor dem Licht und hinderte unseren Helden, ihre Farbe und Bildung zu erkennen. Von einem Hemd war an der ganzen Person nichts zu bemerken, doch war eine weiße, schmutzig aussehende Kravatte sehr exakt um seinen Hals gewunden; die langen Enden hingen an jeder Seite ernsthaft herab und gaben der ganzen Persönlichkeit (ich glaube allerdings unbeabsichtigterweise) ein fast geistliches Aussehen. Auch noch andere Umstände, in seiner Erscheinung sowohl wie in seiner Haltung, legten einen derartigen Vergleich nahe. Hinter dem linken Ohr trug er nach Art der Schreiber ein Instrument, welches dem Stylus der Alten ähnlich sah. Aus einer Brusttasche seines Rocks guckte ein kleines, stahlbeschlagenes Bändchen hervor. Dieses Buch war, zufällig oder nicht, von der Person so in die Tasche gesteckt worden, daß man die mit weißen Buchstaben auf seinen Rücken gedruckten Worte ›Katholisches Ritual‹ lesen konnte. Die ganze Physiognomie des Fremden mutete interessant finster an. Das Gesicht war leichenblaß, die Stirn hoch und von tiefen, nachdenklichen Falten durchquert. Seine Mundwinkel waren mit dem Ausdruck unterwürfigster Demut nach unten gezogen. Auch lag in dem Übereinanderlegen seiner Hände, als er auf unseren Helden zuschritt – in dem tiefen Seufzer – und besonders in seinem Blick etwas so ausgesprochen Gottesfürchtiges, daß es von vornherein günstig stimmen mußte. Jeder Schatten von Ärger schwand auf den Zügen des Metaphysikers dahin nach dieser zufriedenstellenden Prüfung der Person seines Besuchers; er schüttelte ihm herzlich die Hand und bot ihm einen Stuhl an.

Es wäre jedoch grundfalsch, diese augenblickliche Änderung der Gefühle des Philosophen einer jener Ursachen zuzuschreiben, die man natürlicherweise für bestimmend hätte halten können. Peter Bongbong war, soweit ich sein Wesen kenne, derjenige Mensch, welcher sich zuallerletzt von Äußerlichkeiten in der Erscheinung eines Menschen beeinflussen ließ. Es ist ganz unmöglich, daß ein so scharfsinniger Beobachter aller Menschen und Dinge nicht im ersten Augenblick den wahren Charakter der Person, die sich soeben seiner Gastfreundschaft aufgedrungen, sofort erkannt hätte. Um nichts weiter zu sagen –: die Bildung der Füße seines Besuchers war merkwürdig genug – im hinteren Teil seiner Beinkleider bemerkte er ein zitterndes Anschwellen, und die Vibrationen seines Rockschwanzes waren eine ›greifbare‹ Tatsache. Stellen Sie sich nun vor, mit welcher Befriedigung sich unser Held plötzlich in der Gesellschaft einer Person sah, für die er zu jeder Zeit von der tiefsten Hochachtung erfüllt gewesen. Er war jedoch zu sehr Diplomat, um durch irgendeine Äußerung zu zeigen, daß er vom wahren Stand der Dinge unterrichtet sei. Er tat, als sei er sich der hohen Ehre, die ihm eben widerfahren, gar nicht bewußt, sondern zog seinen Gast in eine Unterhaltung, um wichtige ethische Ideen aus ihm herauszulocken, die in seiner wohlerwogenen Veröffentlichung einen Platz einnehmen, das Menschengeschlecht erleuchten und ihn zugleich unsterblich machen sollten – Ideen, die, wie ich hinzufügen muß, ihm der Besucher bei seinem hohen Alter und seiner bekannten Beschlagenheit in der Wissenschaft der Moral sehr leicht hätte liefern können.

Durch solche Aussichten gelockt, forderte unser Held den Herrn also zum Sitzen auf, warf einige Reisigbündel auf das Feuer und stellte ein paar Flaschen Sekt auf den wiederaufgerichteten Tisch. Als er damit fertig war, ließ er sich seinem Genossen gegenüber nieder und wartete, bis derselbe die Unterhaltung beginnen würde. Doch werden Pläne, und selbst die wohlerwogensten, oft gleich zu Anfang durchkreuzt – der Restaurateur wurde durch das erste Wort seines Besuchers aus dem Konzept gebracht.

»Ich sehe, Sie kennen mich, Bongbong«, sagte er, »ha ha ha! he he he! hi hi hi! ho ho ho! hu hu hu!« und dabei ließ der Teufel plötzlich alle Gottesfurcht aus seinen Mienen schwinden, öffnete seinen Mund, so weit er nur konnte, von einem Ohr zum anderen, wobei er ein Gebiß gekerbter, fangartiger Zähne enthüllte, seinen Kopf zurückwarf und lange laut, wiehernd und gotteslästerlich lachte, während sich der schwarze Hund auf die Hinterbeine setzte und lustig im Chore einstimmte, und die Katze davonschoß und in der entferntesten Ecke des Zimmers zu fauchen begann.

Der Philosoph folgte ihrem Beispiel nicht. Er war zu sehr Weltmann, um zu heulen wie der Hund oder durch Kreischen die unziemliche Angst der Katze zu verraten. Zwar muß ich gestehen, daß er ein wenig in Erstaunen geriet, als er wahrnahm, daß die weißen Buchstaben, welche die Worte ›Katholisches Ritual‹ gebildet hatten im Augenblick sowohl Form wie Farbe wechselten und sich in den rotgedruckten Titel ›Register der Verdammten‹ verwandelten. Dieser aufregende Umstand gab der Erwiderung Bongbongs auf die Bemerkung seines Besuchers eine Unbestimmtheit, die vielleicht gar nicht bemerkt wurde.

»Nun, mein Herr«, entgegnete der Philosoph, »nun, mein Herr, um aufrichtig zu sprechen – ich glaube, Sie sind – auf mein Wort – das heißt, ich denke, ich glaube, ich habe eine gewisse schwache – sehr schwache Vorstellung von der großen Ehre –«

»Oh – ja – gewiß – sehr gut«, unterbrach ihn Seine Majestät, »kein Wort mehr – ich sehe, wie die Dinge liegen«, und nahm bei den Worten seine grüne Brille ab, putzte sie sorgfältig auf seinem Rockärmel und steckte sie in die Tasche.

Wenn Bongbong schon durch die Veränderung, die mit dem Buche vor sich gegangen, verblüfft worden war, so wuchs sein Erstaunen noch durch das Schauspiel, das sich ihm jetzt darbot. Als er neugierig seine Augen erhob, um die seines Gastes zu betrachten, fand er, daß sie durchaus nicht, wie er gedacht, schwarz waren oder grau, noch braun, noch blau – noch gelb oder rot – noch purpurn – noch weiß – noch grün, noch von irgendeiner anderen Farbe aus dem Himmel oben – der Erde hier – oder dem Meere tief unten. Kurz, Peter Bongbong sah nicht allein ganz deutlich, daß Seine Majestät überhaupt keine Augen hatte, sondern entdeckte auch nicht das allergeringste Anzeichen, daß er früher einmal welche besessen, denn der Raum, auf dem sich die Augen eigentlich befunden haben mußten, war nur eine einfache, tote Fleischfläche.

Es lag nicht in der Natur des Metaphysikers, von der Erforschung der Ursachen eines so seltsamen Phänomens um kleinlicher Bedenken willen Abstand zu nehmen; und Seine Majestät antwortete ihm denn auch prompt, würdig und eingehend: »Augen? Mein lieber Bongbong, Augen sagten Sie? – oh! ah! Ich verstehe. – Die lächerlichen Abbildungen, die von mir zirkulieren, haben Ihnen eine falsche Vorstellung von meiner persönlichen Erscheinung gegeben. Augen? –Wahrhaftig! Augen – Peter Bongbong – sind gut und wohl an ihrem richtigen Platze – und der, sagen Sie ist der Kopf. – Richtig! Der Kopf eines Wurmes! Für Sie sind diese Sehwerkzeuge allerdings unerläßlich – und doch will ich Ihnen beweisen, daß meine Sehkraft schärfer ist als die Ihrige. Da ist eine Katze in der Ecke – eine hübsche Katze – sehen Sie sie an – beobachten Sie sie gut. Sehen Sie, Herr Bongbong, die Gedanken – die Gedanken, sage ich, die Ideen, die Betrachtungen, die sich in diesem Augenblick in ihrem Schädel erzeugen? Da haben Sie es –: Sie sehen es nicht! Sie denkt nämlich, wir bewunderten die Länge ihres Schwanzes und die Tiefe ihres Geistes. Sie ist eben zu dem Schlüsse gekommen, daß ich der ehrwürdigste aller Geistlichen und Sie der oberflächlichste aller Metaphysiker sind. Sie sehen also, daß ich nicht vollständig blind bin, doch würden für einen Mann meines Berufs die Augen, von denen Sie sprechen, bloß eine Last sein, die ihm noch dazu jeden Augenblick von einem Schürhaken ausgebrannt werden können. Für Sie sind diese Sehwerkzeuge, wie gesagt, unerläßlich. Bemühen Sie sich nur, Herr Bongbong, dieselben gut zu gebrauchen – ich schaue mit der Seele.«

Hierauf bediente sich der Gast mit Wein, goß auch für Bongbong ein Glas ein und forderte ihn auf, zu trinken und überhaupt zu tun, als ob er zu Hause wäre.

»Sie haben da ein kluges Buch geschrieben, Bongbong«, begann Seine Majestät von neuem und klopfte unserm Freunde auf die Schulter, als dieser, nachdem er seiner Aufforderung nachgekommen war, sein Glas wieder niedersetzte. »Es ist ein Werk nach meinem Herzen. Doch könnte man, scheint mir, die Anordnung der verschiedenen Materien noch verbessern – auch erinnern mich verschiedene Ihrer Bemerkungen an Aristoteles. Dieser Philosoph gehört zu meinen intimsten Bekannten. Ich schätze ihn sowohl wegen seiner ewigen schlechten Laune wie auch wegen seiner hervorragenden Begabung, Schnitzer zu machen. All das Zeug, was er geschrieben, enthält nur eine einzige solide Wahrheit, die ich ihm noch dazu aus purem Mitleid mit seinem absurden Geschreibsel angedeutet habe. Ich nehme an, Peter Bongbong, daß Sie sehr gut wissen, auf welch wundervolle moralische Wahrheit ich anspiele?«

»Ich weiß nicht recht –«

»Wahrhaftig nicht? Nun, ich war es, der den Aristoteles darauf aufmerksam machte, daß die Menschen ihre überflüssigen Ideen durch die Nase ausstoßen.«

»Was auch – pschi! – Unzweifelhaft der Fall ist«, erwiderte der Metaphysiker, während er sich Wein eingoß und seinem Besucher die Schnupftabakdose anbot.

»Dann war auch da ein gewisser Plato«, fuhr. Seine Majestät fort, und wies die Schnupftabakdose sowie das Kompliment, das sie in sich schloß, bescheiden zurück. – »Dann lebte noch ein gewisser Plato, für den ich eine Zeitlang alle nur möglichen freundschaftlichen Gefühle empfand. Kannten Sie Plato, Bongbong? – Aber nein! Bitte tausendmal um Pardon. Er traf mich eines Tages in Athen im Parthenon und erzählte mir, daß er einer Idee halber ganz untröstlich sei. Ich forderte ihn daraufhin auf, das ? ???? ????? ?????? niederzuschreiben. Er sagte, er wolle es tun und ging nach Hause, während ich mich zu den Pyramiden begab. Doch schlug mir das Gewissen, daß ich eine Wahrheit offenbart hatte, wenn auch einem Freunde gegenüber. Ich eilte nach Athen zurück und stellte mich hinter den Lehrstuhl des Philosophen, als er gerade das Wort »?????« niederschrieb. Ich gab dem Lambda einen Nasenstüber, daß sein Oberstes nach unten kam. Auf diese Weise lautete der Satz nun ? ???? ????? ????? und ist, wie Sie bemerkt haben werden, die Basis seiner metaphysischen Lehren.«

»Waren Sie jemals in Rom?« fragte der Restaurateur, als er mit der zweiten Flasche Sekt fertig war, und holte von seinem Schanktisch einen neuen Stoff, Chambertin nämlich.

»Nur einmal, Herr Bongbong, nur einmal. Es war die Zeit«, sprach der Teufel so gemessen, als sagte er eine Stelle aus einem Buche auf, »in der fünf Jahre Anarchie herrschte, die Republik all ihrer Leiter beraubt war, außer den Volkstribunen keinerlei Obrigkeit hatte, und diese selbst auch nicht im Besitze einer ausübenden Gewalt waren! Zu dieser Zeit also, Herr Bongbong, nur zu dieser Zeit, war ich in Rom und machte folglich keine Bekanntschaft mit den dortigen Philosophen.«

»Was denken Sie über – was denken Sie über – hi … köpp«, stieß es ihm auf – »Epikur?«

»Was denke ich über wen?« fragte der Teufel sehr erstaunt. »Sie haben doch nicht im Ernst an Epikur etwas auszusetzen? Was ich über Epikur denke? Meinen Sie mich, mein Herr? Ich bin Epikur. Ich bin der Philosoph, der jede der dreihundert Abhandlungen geschrieben hat, die Diogenes Laertes erwähnt.«

»Das ist gelogen«, erwiderte der Metaphysiker geradeheraus, denn der Wein war ihm schon ein wenig zu Kopfe gestiegen.

»Ausgezeichnet! – Ausgezeichnet, Herr! – Sehr schön, wahrhaftig, Herr!« meinte Seine Majestät, anscheinend sehr geschmeichelt.

»Das ist gelogen!« wiederholte der Restaurateur in dogmatischem Tone, »das ist – hi … köpp – gelogen!«

»Nun also, wie Sie wollen«, entgegnete der Teufel friedlich, worauf Bongbong, nachdem er Seine Majestät so gründlich von der Richtigkeit seiner Behauptung überzeugt hatte, es für angemessen erachtete, eine zweite Flasche Chambertin herbeizuholen.

»Was ich sagen wollte«, begann der Besucher wieder, »was ich schon vorhin bemerken wollte – in Ihrem Buche da, Herr Bongbong, stehen einige ourtrierte Bemerkungen. Was meinen Sie zum Beispiel mit Ihrem ganzen Gewäsch über die Seele? Ich bitte Sie, Verehrtester, was ist das: die Seele?«

»Die Seele – hi … köpp –«, erwiderte der Metaphysiker mit Beziehung auf sein Manuskript, »ist unzweifelhaft –«, »Nein, mein Herr!«

»Ganz gewiß!«

»Nein, mein Herr!«

»Unbestreitbar!«

»Nein, mein Herr!«

»Offenbar!«

»Nein, mein Herr!«

»Unwiderleglich!«

»Nein, mein Herr!«

»Hi … köpp –«

»Nein, mein Herr!«

»Ohne allen Zweifel eine –«

»Nein, mein Herr, die Seele ist durchaus kein solches Ding!« (Hier schleuderte der Philosoph giftige Blicke und nahm die Gelegenheit wahr, die dritte Flasche Chambertin sofort bis auf den letzten Tropfen zu leeren.)

»Also – hi … köpp – also, mein Herr, was ist die Seele denn sonst?«

»Das gehört nicht zur Sache, Herr Bongbong«, erwiderte Seine Majestät nachdenklich. »Ich kostete – das heißt, ich kannte verschiedene sehr schlechte Seelen und auch – einige – ziemlich gute.« Hier schnalzte er mit der Zunge, ließ seine Hand wie unwillkürlich auf das Buch in seiner Tasche sinken und wurde von heftigem Niesen befallen. Dann fuhr er fort: »Die Seele des Cratinus zum Beispiel war passabel, Aristophanes schmeckte stark, Plato hingegen ausgezeichnet – das heißt, nicht Ihr Plato, sondern Plato der komische Dichter; an Ihrem Plato hätte sich Cerberus selbst den Magen verderben können. Pfui! Dann lernte ich noch kennen – warten Sie mal – Naevius und Andronicus und Plautus und Terentius – dann Lucilius und Catullus, Naso und Quintus Flaccus – der gute Quintus! So nannte ich ihn nämlich, als er mir zum Vergnügen eine Seculare vorsang, während ich ihn in bester Laune am Bratspieß röstete. Aber sie haben kein Aroma, diese Römer. Ein einziger fetter Grieche ist mehr wert als ein Dutzend von ihnen und hält sich außerdem, was man von den Quiriten nicht gerade sagen kann. – Doch wir wollen mal Ihren Sauterne kosten.«

Bongbong hatte sich mittlerweile vorgenommen, nach dem bekannten nil admirari zu handeln, und bemühte sich, die gewünschten Flaschen herbeizuholen. Doch wurde er sich plötzlich eines sonderbaren Geräusches bewußt, das dem Wedeln eines Schwanzes ähnlich klang. Der Philosoph nahm jedoch, obwohl solches Tun sehr ungezogen war, weiter keine Notiz von demselben – gab nur dem Hunde einen Tritt und befahl ihm, still zu sein.

Der Besucher fuhr fort: »Ich fand, daß Horaz ähnlich schmeckte wie Aristoteles. Wie Sie wissen, liebe ich die Abwechselung, Terentius konnte ich kaum von Menander unterscheiden. Naso erkannte ich mit großem Erstaunen als bloßen verkleideten Nicander. Virgilius schmeckte stark nach Theocritus. Martial erinnerte mich lebhaft an Archilochus – und Titus Livius war ganz und gar Polybius und kein anderer.«

»Hi … köpp –«, erwiderte Bongbong, und Seine Majestät fuhr fort: »Wenn ich ein ›penchant‹ habe, Herr Bongbong, so ist es das für einen Philosophen. Doch lassen Sie es sich gesagt sein, Herr, nicht jeder Teuf-, ich meine: nicht jeder Herr weiß, welche Art von Philosophen er zu wählen hat. Die Langen sind nicht gut, und die Besten haben oft, wenn man sie nicht ganz vorsichtig schält, etwas haut-goût von der Galle.«

»Schält?« – »Ich meine: von den Knochen löst.«

»Was halten Sie denn – hi … köpp – von den Ärzten?«

»Reden Sie mir nicht von denen! üh! üh!« (Seine Majestät schien dem Erbrechen nahe zu sein.) »Ich kostete bloß einmal einen – den Schuft Hippocrates! – er roch nach Asafoetida: üh! üh! üh! Erkältete mich jämmerlich, als ich ihn im Styx wusch; und nach all der Mühe bekam ich noch die Cholera morbus von ihm.«

»Der – hi … köpp – Elende!« schrie Bongbong, »diese – hi … köpp – Mißgeburt von Pillenschachtel! –« Der Philosoph ließ eine Träne fallen.

»Und zum Schluß«, fuhr der Besucher fort, »zum Schluß, wenn ein Teu-, ein Herr leben will, muß er mehr Talente haben, als eins oder zwei: Bei uns ist ein fettes Gesicht das Anzeichen eines gewitzten Kopfes.«

»Wieso?«

»Nun, wir sind manchmal wirklich in Proviantschwulitäten. Sie müssen nämlich wissen: In einem so schwülen Klima, wie dem meiner Heimat, ist es oft unmöglich, einen Geist länger als zwei oder drei Stunden lebendig zu erhalten. Und wenn man ihn nach dem Tode nicht sofort einpökelt (ein gepökelter Geist schmeckt nie gut), so – na, Sie verstehen! So riechen Sie! Man muß immer die Fäulnis befürchten, wenn uns die Seelen auf dem gewöhnlichen Wege zugeführt werden.«

»Hi … köpp – hi … köpp – du lieber Gott: Was fangen Sie denn dann an?«

Bei diesen Worten begann die eiserne Lampe sich mit verdoppelter Schnelligkeit hin und her zu schwingen, während der Teufel von seinem Sitze halb aufsprang; mit einem leichten Seufzer erlangte er jedoch seine Ruhe wieder und sagte nur in leisem Tone zu unserem Helden: »Ich muß Ihnen etwas sagen, Peter Bongbong: Sie dürfen nicht mehr fluchen!«

Der Wirt stürzte als Zeichen seiner Willfährigkeit die ganze Flasche hinunter, worauf der Gast fortfuhr: »Je nun! Wir fangen verschiedenes an. Die meisten von uns verhungern, einige halten sich an das Eingepökelte; ich kaufe meine Geister vivente corpore und habe gefunden, daß sie sich sehr gut halten.«

»Aber der Körper? hi … köpp – Der Körper?«

»Der Körper? – der Körper? – Was soll der Körper? Ah, ich verstehe. – Nun, der Körper hat bei dem Geschäfte nichts zu tun. Ich schloß zeit meines Lebens schon zahllose Käufe der Art ab, ohne daß die Beteiligten irgendwelche Unbequemlichkeiten empfanden. Ich kaufte Kain und Nimrod und Nero und Caligula und Dionysius und Pisistratus und – tausend andere, die während ihrer späteren Lebensjahre nicht mehr wußten, was es hieß, eine Seele zu haben, und doch waren sie eine Zierde der Gesellschaft, Außerdem kaufte ich auch noch A …, Sie wissen schon, wen ich meine, und kennen ihn so gut wie ich. Ist der nicht im Besitze all seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten? Gibt es jemanden, der ein kühneres Epigramm schreibt? Der geistreicher argumentiert? Der – doch warten Sie, ich habe seinen Kontrakt in der Tasche.«

Bei diesen Worten zog er eine rotlederne Brieftasche hervor und entnahm ihr eine Anzahl Papiere. Auf einigen derselben erhaschte Bongbong die Buchstaben Macchi – Maza – Robesp – sowie die Worte Caligula, George, Elizabeth. Seine Majestät ergriff endlich einen schmalen Pergamentstreifen und las von demselben ab:

In Anbetracht gewisser geistiger Fähigkeiten, die näher zu benennen unnötig ist, und in weiterer Hinsicht auf eintausend Louisdor vermache ich im Alter von einem Jahr und einem Monat hiermit dem Eigentümer dieses Kontraktes alle meine Rechte und Ansprüche auf den Schatten, den man meine Seele nennt.

gez. A…

(Hier sprach Seine Majestät einen Namen aus, den noch unverkennbarer anzudeuten, ich mich nicht für berechtigt halte.)

»Ein gescheiter Kerl«, meinte er dann, »doch war er wie Sie, Herr Bongbong, bezüglich der Seele in einem Irrtum befangen. Die Seele ein Schatten! Das fehlte noch! Die Seele ein Schatten! ha! ha! ha! he! he! he! hi! hi! hi! hu! hu! hu! Denken Sie doch nur: ein zu Fricassée gemachter Schatten!«

»Denke man sich doch nur – hi … köpp – einen zu Fricassée gemachten Schatten!« rief unser Held, dessen geistige Fähigkeiten durch die tiefe Unterhaltung mit Seiner Majestät noch bedeutend geschärft worden, laut aus.

»Denke man sich einen – hi … köpp – fricassierten Schatten! Gott verdamm‘ mich! – hi … köpp – Wenn ich ein solcher Einfaltspinsel gewesen wäre! Meine Seele –«

»Ihre Seele, Herr Bongbong?«

»Ja, Herr – hi … köpp – meine Seele ist –«

»Was? Herr?«

»Kein Schatten! Verdammt nicht!«

»Wollen Sie damit sagen –«

»Jawohl, Herr! Meine Seele ist – hi … köpp –jawohl!« –

»Ich wollte keinen Anspruch machen –«

»Meine Seele ist – hi … köpp – ganz besonders geeignet – hi … köpp – zu – «

»Zu? Herr?«

»Stew.«

»Ha!«

»Soufflée.«

»Eh?«

»Fricassée.«

»In der Tat!«

»Ragout und Fricandeau – und sehen Sie her, alter Kerl, Sie sollen – hi … köpp – mit mir ein Geschäft machen.« Hier klappste der Philosoph Seiner Majestät auf den Rücken.

»Ich denke nicht daran«, meinte der Gast sehr ruhig und erhob sich von seinem Sitze. Der Metaphysiker starrte ihn an.

»Ich bin momentan versorgt«, meinte Seine Majestät.

»Hi … köpp – was?« sagte der Philosoph.

»Habe kein Kapital freiliegen –«

»Was?«

»Wäre auch sehr unehrenhaft –«

»Herr!«

»Vorteil zu ziehen –«

»Hi.. köpp –«

»– aus Ihrer augenblicklichen widerwärtigen, ungentlemanliken Verfassung.«

Bei diesen Worten verbeugte sich der Besucher und empfahl sich. Wie? – das hat nie sicher festgestellt werden können. Doch riß wie auf Verabredung die Kette, die von der Decke herabhing, und der Metaphysiker wurde durch die herabfallende Lampe zu Boden geschmettert.

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