Schinderhannes

Unter allen Räubern, die im achtzehnten und im neunzehnten Jahrhundert Deutschland heimgesucht haben, ist keiner so berüchtigt geworden wie Schinderhannes. An Mut und Verschlagenheit übertrafen ihn die meisten Gauner, welche zu seiner Zeit die Rheingegend unsicher machten, und viele unter ihnen sind auch der Allgemeinheit gefährlicher gewesen als er. Ja, während uns von einzelnen großen Räubern nicht nur geniale, sondern selbst edle Charaktereigenschaften überliefert sind, suchen wir bei Schinderhannes vergebens auch nach einem solchen Zuge, der das Empfinden des Volkes für ihn einnehmen könnte. Trotzdem aber ist sein Name noch heute überall bekannt, während Picard, der Fetzer, Müller, neben denen er, wenn er gemeinschaftlich mit ihnen etwas unternahm, nur eine untergeordnete Rolle spielte, in Vergessenheit geraten sind. Der Grund davon ist der, daß Schinderhannes sich bemühte, der Vorstellung, welche sich das gemeine Volk von einem Räuberhauptmann macht, möglichst zu entsprechen. Er ist in der Tat der Räuber, »wie er im Buche steht«.

Der Schauplatz, auf dem er seine Taten verübte, ist der Hunsrück und die Gegend in der Nähe dieses Gebirges, seine Zeit das Ende des achtzehnten und die ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Es war eine wilde  Zeit. Durch die französische Revolution waren alle Verhältnisse verändert. Seit 1792 wütete der Krieg zwischen Frankreich und der Koalition, 1795 erklärte sich Preußen im Frieden zu Basel mit der Abtretung des linken Rheinufers einverstanden, aber erst 1801 willigte das Deutsche Reich im Frieden zu Luneville ein. War schon der Krieg dem Treiben des Raubgesindels aller Art günstig gewesen, so war es erst recht die auf ihn folgende Unstetigkeit der Verhältnisse. Die alten Beamten sahen ihrer Absetzung entgegen und ließen deshalb in ihrem Eifer nach, die neuen waren teilweise nur provisorisch angestellt und kannten oft die Verhältnisse, ja zuweilen die Sprache ihres Bezirks nicht. Es kam zu Koblenz vor, daß die französischen Richter zu ihrem eigenen Erstaunen den Rädelsführer einer Räuberbande zu sechs, einen Helfershelfer, der gar keine große Rolle bei dem Unternehmen gespielt hatte, zu zweiundzwanzig Jahren Kerkerstrafe verurteilten. Während des Krieges mußte manches Verbrechen ungestraft bleiben, weil Soldaten daran beteiligt waren oder doch der Teilnahme beschuldigt wurden, weil die Tätigkeit der Behörde gehemmt war oder auch die früher aufgenommenen Akten zu Patronen verwendet worden waren; zuweilen auch retteten sich die Räuber, indem sie sich für Schmuggler ausgaben, denen zu helfen das Volk stets gern bereit ist. Aber auch ohne dieses Vorgeben fanden die Räuber Helfer genug, namentlich unter den Juden, die bis dahin in unterdrückter Stellung gelebt hatten. Im Jahre 1809 waren unter einhundertneunundzwanzig Leuten, gegen die das Mainzer Kriminalgericht Kompetenzurteile erließ, einhundertneunzehn Israeliten. Die Räuber gaben zwar zuweilen vor, sie wollten mit diesem Volke nichts zu tun haben, aber ihre gestohlenen Waren setzten sie doch meist an sie ab. Vor allen Dingen aber traf den Räuber noch nicht die Verachtung,  die jetzt auch der Geringste im Volke gegen einen solchen Menschen empfindet. Wie hundert Jahre früher unter den Genossen des Nickel List ein höherer Offizier vorkommt, so fanden auch damals noch die Gauner bei nicht wenigen Beamten Unterstützung. So wird berichtet, daß ein Küster gestohlenes Gut hinter dem Altar seiner Kirche verbarg, daß in Aachen, Neuwied und Essen die Polizeiwachtmeister falsche Pässe ausstellten, die Verbrecher warnten, wenn Hausuntersuchungen bevorstanden, und ihnen die Stadttore öffneten, daß ein Geistlicher mit ihnen zechte, und daß ein Beamter falsche Alibizeugnisse besorgte. Wie in Mersen, einem niederländischen Orte, so konnten die Räuber jahrelang in dem hessischen Eckederoth sicheren Schutz von der Obrigkeit erwarten, wenn sie nur dem Amtmann einen gehörigen Tribut bezahlten. Wurden sie gefangen, so war es meist bei der schlechten Einrichtung der Gefängnisse und der Unzuverlässigkeit der Aufseher nicht schwer zu entweichen. Von dem berüchtigten Picard weiß man, daß er in Middelburg, in Abbeville, in Lille, in Mons, in Gent, in Münster, in Wesel, in Köln und wahrscheinlich auch in anderen Orten gesessen hat und jedesmal entflohen ist. In Neuß sind 1796 binnen einigen Monaten die großen Räuber Damian Hessel und Schlager je dreimal, Fetzer zweimal und außerdem Hüskeshannes, Heckmann, der steife Peter und Daniel von Rosellen verhaftet gewesen und nicht etwa zusammen, sondern nacheinander ausgebrochen. Aber nicht bloß diese Umstände erleichterten den Räubern ihr Handwerk, auch die Schwurgerichte waren ihnen günstig. Einesteils war es zuweilen kaum möglich, Belastungszeugen zu bekommen, weil diese bei der Öffentlichkeit des Verfahrens die Rache der noch in Freiheit befindlichen Spießgesellen fürchteten, andernteils bot das französische Gesetz mit seinen mehreren hundert Nichtigkeitsgründen  in vielen Fällen Gelegenheit, noch nach der Verurteilung einen günstigeren Spruch zu erlangen oder wenigstens die Sache in die Länge zu ziehen und unterdessen zu entweichen. Endlich hielt derselbe Grund, der die Aufrichtigkeit der Zeugen beeinträchtigte, auch die Geschworenen mitunter von strengen Urteilssprüchen ab.

Es schien uns nötig, diese allgemeinen Bemerkungen vorauszuschicken, da sonst dem Leser in der nachfolgenden Geschichte des Schinderhannes manches gar zu romantisch vorkommen möchte.

Das Geburtsjahr des Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, hat uns unser Gewährsmann Becker, Sicherheitsbeamter zu Simmern, dessen aktenmäßiger Geschichte wir das Folgende entnehmen, leider nicht überliefert, doch läßt sich erkennen, daß der Räuber bei seiner Hinrichtung im Anfang der zwanziger Jahre stand, da seine früh begonnene Verbrecherlaufbahn nur einen Zeitraum von sechs bis sieben Jahren umfaßte. Seinen wenig poetischen Namen erhielt er daher, daß sowohl sein Großvater wie auch anfangs sein Vater und er selbst das entsprechende Handwerk trieben. Geboren wurde er zu Mühlen bei Nastätten im Nassauischen. Von Schulbildung konnte bei der großen Armut seiner Eltern keine Rede sein, doch wurde er wenigstens nicht zur Unehrlichkeit angehalten. Aus Mitleid nahm ihn, als er herangewachsen war, der Scharfrichter Nagel zu Bärenbach in Dienst. Der Knabe zeigte sich gutmütig und anstellig, entwendete aber nach einem halben Jahr seinem Herrn eine Anzahl Felle und entwich, als der Diebstahl entdeckt wurde. Er wurde bald ergriffen und zu Kirn öffentlich mit fünfundzwanzig Prügeln bestraft. Auf diese Strafe, durch die sein Ehrgefühl gänzlich erstickt worden sei, schob er später alle seine Verbrechen.

Zunächst trat er in den Dienst eines anderen Wasenmeisters,  kehrte dann aber zu seinem alten Herrn zurück. Er verübte während dieser Zeit verschiedene Viehdiebstähle, die jedoch nicht lange unentdeckt blieben. Er wurde wieder eingezogen, entsprang aber in einer dunklen Nacht aus dem Rathause zu Kirn und schloß sich einigen berüchtigten Pferdedieben an. Das war der Anfang seiner eigentlichen Räuberlaufbahn.

Die Unsicherheit hatte damals auf dem Hunsrück schon beängstigend überhandgenommen. Das herrenlose Gesindel hatte sich in der ganzen Gegend dermaßen gehäuft, daß bei Tage niemand ohne Begleitung über Feld zu gehen wagte aus Furcht, mißhandelt oder beraubt zu werden, und bei Nacht der Landmann nicht einmal in seinem verschlossenen Gehöft vor räuberischen Überfällen sicher sein konnte; vor allem wurden täglich Pferde aus den Ställen gestohlen, die der arme Bauer dann unter großen Opfern von den Dieben wieder einlösen mußte. Namentlich in der Moselgegend hatten die Räuber den Pferdediebstahl zu ihrem Hauptgeschäft gemacht. Schinderhannes wurde in dieser Kunst von Mosebach unterrichtet, dem Sohne eines Oberpfarrers aus der Grafschaft Solms, der, nachdem sein Vater ihn wegen leichtsinniger Streiche verstoßen hatte, immer tiefer gesunken war und wegen vieler Verbrechen später in Koblenz guillotiniert wurde. Außer ihm waren im Anfange Seibert, der Rote Fink, Leiendecker und Iltis Jakob seine Hauptgefährten. Im Jahre 1798 wurde er wieder verhaftet, gestand eine Menge Pferdediebstähle ein, entsprang aber bald und kehrte zu seinen Genossen zurück, die er um einen äußerst gefährlichen Menschen, Peter Petri, vermehrt fand. Dieser Petri wurde wegen seiner dunklen Gesichtsfarbe und seinem schwarzen Haar, das er in einem Ringe unter dem Kinn zusammenzog, allgemein der Schwarze Peter genannt, und es ist derselbe, von dem  Hebel in seinem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes manchen lustigen Schwank erzählt. In Wirklichkeit freilich stellt sich der Schwarze Peter weit anders dar als in diesen Anekdoten. Gutmütig sollte er zwar sein, wenn er nicht getrunken hatte; aber er trank täglich Branntwein in großen Massen und wurde dann wild und grausam. Einst feierte er Kindtaufe. Unter seinen Gästen war auch der Jäger und Räuber Iltis Jakob mit seiner schönen Frau. Jubelnd zog die Gesellschaft nachmittags durch den Sohnwald. Peter blieb mit Jakobs Frau etwas zurück; aber ein Jude aus Seibersbach, der des Weges kam, belauschte die beiden bei ihrer zärtlichen Unterhaltung und berichtete dem Ehemann, was er gehört und gesehen hatte. Auf der Stelle ermordete Jakob das ungetreue Weib. Das geschah im Jahre 1793. Später wurde er wegen der Tat vor Gericht gestellt, aber von den Geschworenen, die alle verheiratet waren, freigesprochen. Erst wegen eines anderen Mordes wurde er im Jahre 1799 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Der Schwarze Peter hatte indessen dem Verräter Rache geschworen. Drei Jahre später befand er sich mit Schinderhannes auf der Tiergartenhütte im Sohnwalde. Vorüberziehende Musikanten wurden gezwungen, zum Tanze aufzuspielen. Peter, der berauscht war, nahm ein Messer zwischen die Zähne und führte in bacchantischer Raserei eine Art Kriegstanz auf. Da erblickte er jenen unglücklichen Juden aus Seibersbach, der mit einer Kuh vor dem Hause vorbeizog. Er und sein Gefährte stürzten hinaus, ereilten den Händler und stachen wütend auf ihn ein, so daß er tot niedersank.

Das war freilich nicht der einzige Mord, den die Räuber um jene Zeit verübten. Bücklers Geliebte wurde von Placken-Klos – Niklas Rauschenberger –, einem wüsten  Landstreicher, beleidigt. Am anderen Tage klagte sie es Schinderhannes, der mit mehreren Genossen und der Mutter des Mädchens sich aufmachte, um Rache zu nehmen. Der Beleidiger wurde auf dem Baldemauer Hofe gefunden und sofort erschlagen.

Da der Schwarze Peter, der eine Art Kommando über die Bande geführt hatte, 1799 verhaftet wurde und sich später, nachdem er aus dem Gefängnis zu Simmern entwichen war, in den Odenwald begab, so erhielt Bückler den Oberbefehl, wurde aber ebenfalls bald von französischen Gendarmen gefangen und nach Simmern in denselben Kerker gebracht, aus dem Peter kurz vorher entflohen war. Dieser Kerker war ein zwanzig Fuß tiefes Loch in einem alten Turme, das nur oben eine Öffnung hatte. Die Gefangenen wurden aus dem Obergemach an einem Seil hinabgewunden, bewohnten das Verlies jedoch meist nur während der Nacht; am Tage befand sich Schinderhannes mit einem anderen Gefangenen namens Arnold in der oberen Stube. Er wußte sich ein Messer zu verschaffen, zerschnitt die Bretter, welche die Stube von der danebenliegenden Küche trennten, und verklebte die Schnittstellen mit gekautem Brote. Als die Arbeit vollendet war, zog ihn Arnold eines Nachts an einem Strohseile aus dem Loche, worauf Bückler durch das Küchenfenster in den Stadtgraben sprang, während sein Freund, um den Verdacht der Mithilfe von sich fernzuhalten, gewaltigen Lärm schlug. Die Wächter eilten herbei, aber es war zu spät. Trotz des verrenkten Beines entkam der Flüchtling.

Nachdem er genesen war, gab er das Pferdestehlen als zu wenig einträglich auf und legte sich auf Straßenraub, Erpressung und Einbruch. Zu seinen alten Kameraden kamen neue hinzu, unter denen besonders Karl Benzel,  geboren 1778, wegen seiner Bekenntnisse merkwürdig ist. Wir wollen seine eigene Erzählung über seinen Anschluß an die Bande, der im Jahre 1800 erfolgte, wiedergeben:

»Ich habe«, berichtet Benzel, »meine Eltern, welche arme Leute waren, früh verloren. Anfangs diente ich bei Landleuten im Saargebiet, doch gefiel mir diese ruhige Lebensweise nicht; ich durchzog lieber als Geigenspieler das Land. Schon zu dieser Zeit verübte ich kleine Diebstähle und hätte mich gern an Schinderhannes angeschlossen, den ich oft traf und sehr verehrte, wenn mich nicht meine Geliebte vielfach mit Tränen gebeten hätte, mich vor solcher Gesellschaft zu hüten. Vor ihr fürchtete ich mich mehr als vor Gott; denn bei jedem kleinen Diebstahl fragte ich mich erst, ob sie wohl auch Kunde davon bekommen könnte, während ich an Gott kaum dachte, obwohl ich stets eine Bibel bei mir hatte und täglich darin las. Bekam ich einmal Gewissensbisse, so tröstete mich der Gedanke, daß David auch ein großer Sünder gewesen und doch am Ende zu hohen Ehren gelangt sei. Nachdem das Verhältnis zu meiner Geliebten vier Jahre gedauert hatte, hielt ich um sie an, ward aber von dem Vater als ein liederlicher, übel berufener Bursche abgewiesen, und er versprach sie kurz darauf einem anderen. Da beging ich in der Verzweiflung meinen ersten Einbruch und stahl zwei Schafe. Ich wurde deshalb eingezogen, log mich aber durch und zog nun aufs Katzenloch zu Schinderhannes. Er nahm mich freudig auf und führte mich zu etwa zwanzig Gesellen, die sich um ein Feuer gelagert hatten und Kartoffeln brieten. Zuerst überfiel mich ein Schauder beim Anblick der vielen fremden Gesichter; als ich aber einen Jugendfreund unter ihnen fand, fühlte ich mich gleich heimisch und war bald der Lustigste von allen. Sie waren  mit Flinten oder Beilen, einer mit einem Knittel bewaffnet. Einen solchen gab man mir auch.

In der folgenden Nacht zogen wir zu dem Müller Horbach, wo wir indes nur aßen und tranken und beim Abzug die Fenster einschlugen. Dann gingen wir weiter nach dem anderthalb Stunden entfernten Otsweiler, um den Bauer Riegel zu berauben, der einige Tage vorher Geld bekommen hatte. Ich blieb mit zehn bis zwölf anderen vor dem Hause stehen, um etwa herbeikommende Hilfe abzuwehren; die übrigen stürmten hinein. Riegel suchte im Hemde zu fliehen, wurde aber niedergeschossen. Als das Haus geplündert war, zogen wir eilig in den Wald. Bei der Teilung mochte ich nichts nehmen, weil mich der Mord zu sehr erschüttert hatte. Die Bande zerstreute sich dann; ich selbst ging am folgenden Morgen mit Schinderhannes und vier anderen dem Sohnwalde zu. Unterwegs begegneten wir zwei Bauern, welche Kontributionsgelder zum Empfänger trugen. Wir beraubten sie, und es kamen auf meinen Anteil sieben Louisdor, die mir aber Bückler am anderen Tage wieder abnahm, als ich erklärte, mich von der Bande trennen zu wollen. Ich ging über den Rhein und ließ mich beim Mainzer Landsturm anwerben. Doch schon nach sechs Wochen desertierte ich und kehrte, da ich völlig mittellos war, zu Schinderhannes zurück. Er ließ mich neu kleiden, wozu er die Stoffe gegen bare Bezahlung in Meisenheim entnahm, gab mir aber kein Geld. Wenige Tage nachher beraubten wir einen Juden auf der Landstraße. Als Bückler sah, daß er uns folgte, schoß er ihn vom Pferde.«

Benzel wurde noch in demselben Jahre 1800 gefangen. Adam, ein sehr tüchtiger Gendarm, und sein Brigadier kamen auf einer Runde an den Eigener Hof am Ende des Sohnwaldes. Der Brigadier blieb auf seinem Pferde  im Walde und befahl Adam, in das Haus zu gehen. In der Stube lag Schinderhannes auf der Bank, eine Schlafmütze auf dem Kopfe; Benzel las am Tische in der Bibel; ihre beiden Liebsten spannen. Adam packte sogleich den Hauptmann. Als dieser um Hilfe schrie, sprang Benzel herbei. Wohl eine Viertelstunde lang hatte der Gendarm mit beiden zu ringen, und wie sehr er auch nach seinem Brigadier rief, so hörte dieser doch nicht, oder er wollte nicht hören. Endlich riß sich Bückler los und sprang durchs Fenster. Benzel rief ihm zu: »Kamerad, es ist nur ein Spitzbub von Gendarm hier!« Aber Mut war keine hervorragende Eigenschaft des Räubers. In der Stube hing die geladene Flinte des Pächters, in der Scheune lagen seine eigenen Waffen, eine einfache und eine Doppelflinte und zwei Pistolen, die er leicht hätte ergreifen können – denn der Brigadier erschien erst, als er keine Gefahr mehr sah – aber er ließ alles im Stich und entfloh in den Wald, Als man ihn später fragte, warum er seinem Kameraden nicht geholfen habe, sagte er: »Ich dachte, weit davon ist gut vor dem Schuß.«

Benzel entkam indessen aus den Kasematten zu Koblenz, wohin man ihn geführt hatte, indem er mit mehreren anderen Stadtmauer und Wall durchgrub; er brach jedoch beim Sprunge von der Mauer den Arm und wurde bald wieder ergriffen. Im Jahre 1802 wurde er zu Koblenz hingerichtet. Gegen Schinderhannes war er sehr aufgebracht, weil er ihm nicht beigestanden hatte, sonst zeigte er sich sehr reuig, las den ganzen Tag in der Bibel und im Gesangbuche, ermahnte vor seinem Tode alle Gefangenen im Arresthause und weigerte sich standhaft, seine Mitschuldigen zu nennen, weil seine Religion ihm verbiete, Frauen ihrer Gatten und Kinder ihrer Väter zu berauben.

Schinderhannes trieb inzwischen sein Wesen weiter. In  dem letzten Kompetenzurteil gegen ihn vom Jahre 1803 wurden ihm nicht weniger als dreiundfünfzig Verbrechen zur Last gelegt, teils Diebstähle, teils Räubereien mit Einbruch oder auf offener Straße, teils Mordtaten. Wir wollen nur einige Taten des Räubers näher beschreiben, um seinen Charakter und die Art seiner Verbrechen genauer zu kennzeichnen.

Seinen Namen Schinderhannes benutzte er gern als Schreckmittel furchtsamen Gemütern gegenüber. Doch scheint er seiner Eitelkeit weniger gefallen zu haben als ein anderer, den sein Genosse Johann Leiendecker erfunden hatte: »Johannes durch den Wald«. So unterschrieb er sich meist, wenn er durch Briefe Geld erpreßte oder Sicherheitskarten ausstellte. Seine Forderungen wurden fast immer erfüllt. Ein solcher Brief, den im Jahre 1802 ein bewaffneter Kerl dem Pächter Schowalter auf dem Monforter Hofe bei Obermoschel zustellte, lautete:

»An Burger Schuhwalter auf dem Munforter Hoff diesen Brief. Bester Freund hier mit diesen phar Zeilen wiell ich eig zu wiesen thun das es mier an zwantzig Kharlühnen fehlen thut und weill es mier bekand ist das ihr uns dar mitt helfen kennt dar auf setz ich mein Vertrauen und hoffen es württ bey ihm nicht fehlen jetzt will ich eich abber zu wiesen thun das es aus ungezwungenen Will geschieht sonst wird man mitel ergreifen wo eich nicht lieb sein würt daraud besind eich gantz kortz denn bei uns ist kein aufschub nicht jetzt aber wollen mier eich auch bekand machen das ihr den Überbringer diesen Brief keine halbe fertel stund aufhaltet und gleich das geltt mit zurik und einer von eich Personen mitt zu uns auf weiter abrett – weiter weis ich eich nichts zu schreiben, als beobacht diese phar Zeilen und macht eich weiters keine besontre umschweif.

Johannes durch den Wahltt † † †
Dieses merkt
was es betheit.
† †

Auf diesen Brief hin suchte der Pächter das Geld zusammen, das er im Hause hatte, im ganzen neunzehn bis zwanzig Louisdor. Er übergab es dem Boten, nachdem dieser, als ihm das Lesen des alten Mannes zu lange währte, noch bemerkt hatte: »Seht nach der Unterschrift! Gebt das Geld her, oder wir zünden Euch das Haus an. Draußen stehen noch mehrere von meinen Kameraden.«

Ein besonderes Vergnügen machte es dem Schinderhannes, Juden zu berauben. An Markttagen setzte er sich mitunter auf irgendeinen Felsen im Hunsrück und beobachtete durch ein Fernrohr die heranziehenden Haufen, um zu erspähen, ob sich nicht etwa verkleidete Gendarmen unter ihnen befänden. So saß er einst bei Waldbeklem an der Noh mit nur zwei Gefährten, als mehr als dreißig Juden und fünf Bauern herankamen. An einer Stelle, wo der Weg auf einer Seite durch den reißenden Fluß, auf der anderen durch Felsen eingeengt war, trat ihnen plötzlich ein Räuber mit gespannter Büchse entgegen, ein zweiter drohte von oben, und den Rückweg versperrte der Hauptmann selbst. Die Bauern wurden verschont, die Israeliten mußten aber ihre Börsen abliefern und Schuhe und Stiefel ausziehen, die Bückler genau musterte und dann auf einen Haufen warf. Während der Untersuchung mußte ein alter Jude, der zitternd dastand, ihm die Büchse halten, wobei Bückler freilich wenig wagte, denn der Kunstgriff, mittels dessen sie abgeschossen werden konnte, war nur ihm selbst bekannt. Die Erinnerung an diesen Raub gewährte ihm später stets viel Vergnügen, besonders  deshalb, weil sich unter den Juden bei dem Auseinandersuchen ihrer Schuhe ein komischer Streit erhoben hatte.

Als Beispiel der gewaltsamen Einbrüche des Schinderhannes wollen wir den mitteilen, den er im Jahre 1801 bei dem Kaufmann Mendel Löw zu Södern verübte. Außer dem Hauptmann waren nur noch fünf Räuber dabei beteiligt. Nachdem sie sich auf dem Breitfester Hofe aus Wachs, das die Frau des Pächters geholt, Lichter gegossen hatten, zogen sie gegen Abend aus und kamen um elf Uhr in Södern an. Zwei gingen in das Dorf, um die Wohnung des Löw auszukundschaften und die Schlüssellöcher der Kirchtüren zu verstopfen. Dann kehrten sie zu den Kameraden zurück, nahmen einen Balken von der vor dem Ort liegenden Mühle mit und rückten vor das betreffende Haus. Sie versuchten zunächst, mit dem Balken die Tür einzurennen, fanden sie aber zu fest und stießen deshalb die Läden ein. Die Bewohner waren mittlerweile erwacht. Mendel Löw stellte sich mit einer Axt neben das Fenster und hieb auf den zuerst eindringenden Räuber Schulz los, der Schlag ging jedoch fehl, und Schulz schoß ihn nieder. Sein Bruder Mosel Löw forderte die Einwohner von Södern zur Hilfe auf, fand jedoch kein Gehör, und der Schullehrer erklärte ihm sogar, daß er die Sturmglocke nur für Christen, nicht für Juden läuten dürfe. Die Räuber plünderten unterdessen beim Scheine der mitgebrachten Lichter das Haus, fanden aber die Beute nicht so groß, wie sie erwartet hatten, obgleich ihr Wert von den Bestohlenen auf zahlreiche Franken angegeben wurde. Die Täter wurden nicht entdeckt, und erst kurz vor seinem Tode berichtete Schinderhannes, daß er den Überfall begangen hatte.

»Das Leben eines jeden Räubers«, sagte der in dem Prozesse gegen die Räuberbanden am Mittel- und Niederrhein  berühmt gewordene öffentliche Ankläger Keil, »teilt sich in drei Perioden, in der einen heckt er Diebstähle aus und vollführt sie, in der anderen verschwelgt er seinen Raub in liederlicher Gesellschaft und ruht aus, in der letzten sitzt er irgendwo gefangen und spekuliert auf seine Freiheit.« Das traf auf Schinderhannes wörtlich zu. Was er erbeutet hatte, ging bei Schwelgen und Prassen drauf. Vor allem konnte er weibliche Gesellschaft nicht entbehren. Nachdem schon mehrere Mädchen seine Gunst genossen hatten, machte eine herumziehende Geigenspielerin einen bleibenden Eindruck auf ihn. Sie hieß Julie Blasius und war, als sie zu ihm kam – im Jahre 1800 – erst siebzehn Jahre alt. Schinderhannes dichtete ein Lied auf sie, das seinerzeit auf dem ganzen Hunsrück bei Volksfesten gespielt und gesungen wurde. Sie schenkte ihm zwei Kinder, von dem eines bei seiner Hinrichtung noch am Leben war. Wie gut sie zu ihm paßte, geht daraus hervor, daß sie 1801 in Mannskleidern und schwer bewaffnet in Gesellschaft ihres Geliebten einen Juden beraubt haben soll. Schinderhannes hauste mit ihr eine Zeitlang im Kanton Kirn auf dem in einsamer Gegend liegenden Schlosse Schmittburg, das früher der Sitz eines kurtrierischen Amtmannes gewesen, jetzt aber unter französischer Herrschaft von armen Tagelöhnern bewohnt war. Die Räubergesellschaft bezog die Schloßkapelle. Als eines Tages die Gendarmeriebrigade von Kirn durch das Tal ritt, zogen die Räuber in Schlachtordnung hinab, um ihr die Spitze zu bieten, trafen den Feind aber nicht mehr an.

Nicht weit von Schmittburg und nur eine Viertelstunde von Kirn, das damals der Hauptort eines Kantons war, entfernt steht auf einem jähen Felsen der Kallenfelser Hof. Von ihm hat man eine prächtige Aussicht, aber gerade der einzige Weg, der hinaufführt, ist vom Hause aus nicht  zu übersehen, so daß er Verbrechern nur einen sehr unsicheren Aufenthalt gewähren kann. Trotzdem verweilte Bückler hier im Sommer 1800, noch dazu nach einem eben in der Gegend ausgeführten gewaltsamen Raube, mit seiner Geliebten und vier Genossen elf Tage hindurch. Auf den Pächter des Hofes, Ludwig Rech, konnte er sich verlassen; der Mann war früher einmal nach Schmittburg gekommen, um Geld von ihm zu borgen. Täglich ritten die Gendarmen von Kirn durch das Tal; ruhig beobachtete sie der Räuber von seinem Fenster aus. Drei Schneider, der eine auf dem Hofe selbst, die beiden anderen in benachbarten Ortschaften, waren beschäftigt, ihn und seine Geliebte, die letztere ganz in Seide, neu zu kleiden. Jeder in den benachbarten Dörfern kannte ihren Aufenthalt; die jungen Burschen besuchten sie und versorgten sie mit Munition; ja, Bückler gab sogar einen großen Ball in dem nahen Ort Griebelschied, der zahlreich besucht war.

In ähnlicher Weise hauste er einst acht Tage lang zu Meddersheim im Kanton Meisenheim. Hier ließ er die reichen Juden der Gegend vor sich laden und brandschatzte sie.

Fetzer, Bücklers Zeitgenosse, sagte 1803 in einem Verhör zu Köln: »Ich habe es aus der Geschichte von meinesgleichen bestätigt gefunden, daß, sobald der Ruf eines Räubers groß zu werden anfängt, er nicht mehr lang mitmacht und der Justiz in die Hände fällt.« Dieser Ausspruch bewahrheitete sich auch an Schinderhannes. Die französischen Behörden machten die größten Anstrengungen, seiner habhaft zu werden. Im Jahre 1801 befahl der Kommissar Jollivet, daß alle seine Mitschuldigen vor ein Kriegsgericht gestellt und nach einem Gesetze gerichtet werden sollten, das jeden Einbruch mit dem Tode bestrafte.  Diese Verfügung hatte aber ganz unerwartete Folgen, da die Richter bei der zu harten Strafe in allen irgendwie zweifelhaften Fällen auf Freisprechung erkannten. Erst Jollivets Nachfolger, Jeanbon Saint-André, traf geeignetere Maßregeln; namentlich führte er 1802 ein Zusammenwirken mit den deutschen Staaten am rechten Rheinufer herbei und vermochte diese zu größerer Energie anzuspornen.

Schinderhannes hatte sich in demselben Jahre, wie schon früher einmal, um den vermehrten Nachstellungen zu entgehen, vom linken auf das rechte Ufer des Rheines begeben. Hier ließ er sich – weshalb, wird nicht berichtet – unter dem Namen Jakob Schweikard bei den Kaiserlichen anwerben, desertierte aber wenige Tage darauf wieder. Wenig später, am 31. Mai 1802, sah der kurtrierische Hofgerichtsrat Fuchs aus Limburg an der Lahn, als er mit einem Kommando frühmorgens die Gegend nach Vagabunden durchstreifte, etwa dreihundert Schritte von der Straße entfernt einen Mann an einem Kornfelde hergehen. Er ritt auf ihn zu und winkte ihm, heranzukommen. Der Fremde, der wie ein wohlhabender Fuhrmann gekleidet war und eine Peitsche in der Hand trug, gehorchte. Er gab vor, daß er in der Ziegelei des nächsten Ortes Ziegel kaufen wolle und sein Fuhrwerk in dem und dem Orte habe stehen lassen. Da er Befangenheit zeigte und keinen Ausweis besaß, ließ ihn Fuchs verhaften. Im nächsten Dorfe reklamierte ihn der Leutnant, dem er kurz vorher desertiert war. Er wurde in das kaiserliche Werbehaus zu Limburg geführt, und hier entdeckte nach einigen Tagen ein anderer Rekrut, daß sein Kamerad der berüchtigte Schinderhannes sei. Man untersuchte ihn und fand über hundert Gulden bei ihm. Er wurde nun nach Frankfurt geführt, nachdem man sich auch seiner Geliebten  bemächtigt hatte, und dort gestand er seinen wahren Namen. Er bat flehentlich, ihn nicht an die französischen Behörden auszuliefern – auf dem rechten Rheinufer hatte er keinen Mord begangen; dennoch wurde er am 16. Juni nach Mainz geschafft. Auf demselben Wagen saß auch der Fetzer. Unterwegs blieb einmal ein Rad stecken. »Sieh doch, Kamerad,« sagte Fetzer, »so ist es auch mit unserm Lebensrade. Mich dünkt, es ist ins Stocken geraten und will nicht mehr fort.« – »Geh, geh,« antwortete Schinderhannes, »was wird’s wohl sein? Mit sechs, acht Jahren Galeeren hoff‘ ich durchzukommen.« – »Ich nicht,« versetzte Fetzer, »ich glaube, es geht uns beiden um den Kopf.« Seine Geständnisse, bei denen er sich im ganzen aufrichtig zeigte, bewirkten die Verhaftung vieler Personen, und die Untersuchung zog sich dadurch so in die Länge, daß erst am 24. Oktober 1803 die öffentlichen Verhandlungen in dem prächtigen Akademiesaale des ehemaligen kurfürstlichen Palastes beginnen konnten. Drei Angeklagte waren unterdessen im Gefängnis gestorben; aber noch zweiundsechzig erschienen vor den Schranken des Gerichts.

Zwei und zwei mit den Händen aneinander und alle an eine einzige lange Kette geschlossen wurden die Gefangenen in feierlichem Zuge vom Gefängnisse nach dem Schlosse geführt. Nur einige Weiber und Kranke saßen auf einem Wagen. Eine Abteilung Fußvolk und vier Gendarmeriebrigaden geleiteten sie. Schinderhannes blickte mit Heiterkeit auf die aus Tausenden bestehende Volksmenge. Man hatte ihn mit der linken Hand an seinen kranken Vater gefesselt, der kaum gehen konnte und auf seinen Sitz gehoben werden mußte, Schinderhannes sprang im Saale schnell auf seinen Platz und schaute wohlgefällig  um sich. Man sah ihm an, wie sehr es seiner Eitelkeit schmeichelte, daß er sich als die wichtigste Person des Tages betrachten durfte.

Als Zuschauer wurden nur Beamte und Fremde zugelassen, die dafür eine Abgabe an die Armenkasse gezahlt hatten.

Die Vorlesung der Anklageakte nahm den ganzen ersten und einen Teil des zweiten Tages in Anspruch. Dann ermahnte der Präsident die Zeugen zur Wahrhaftigkeit und Bückler zu einem reuigen Geständnisse, durch das er sich der Gnade des Ersten Konsuls würdig machen könne.

Die Verhandlungen dauerten vier Wochen lang, jeden Tag sechs Stunden. Außer einhundertundsiebenundzwanzig Zeugen, die der öffentliche Ankläger benannt hatte, war eine große Menge von Entlastungszeugen zu vernehmen.

Wahrend der ganzen Haftzeit hatte man Bückler durch Aussicht auf Begnadigung zu einem offenen Geständnis zu bewegen gesucht, und der Räuber zeigte sich infolgedessen sehr freimütig. Nur gegen seinen Vater, welcher der Hehlerei, und gegen seine Geliebte, die des schon erwähnten Raubes beschuldigt war, sagte er nichts aus. Wie er in Frankfurt gebeten hatte, auf dem rechten Rheinufer bestraft zu werden, weil er dort keinen Mord begangen hatte, so suchte er sich auch jetzt fast nur gegen die Anschuldigungen zu verteidigen, die sich auf die ihm zur Last gelegten Mordtaten bezogen. Um zu beweisen, wie schonend er mit dem Leben seiner Mitmenschen umgegangen sei, ließ er sogar den Gendarmen Adam als Entlastungszeugen vorladen, indem er den Hergang bei Benzels Gefangennahme als Beweis für sich anführte.

Schinderhannes wurde mit neunzehn Mitschuldigen zum Tode verurteilt, zwanzig traf längere oder kürzere Freiheitsstrafe  – Julie Blasius zweijähriges Zuchthaus –, zwei wurden verbannt und zwanzig freigesprochen. Am 21. November 1803 wurde das Urteil vollzogen. Bückler starb zuerst, und zwar mit großer Fassung. Vorher sprach er zum Publikum die Worte: »Ich habe den Tod verdient, aber zehn von meinen Kameraden nicht.« Von den Unglücklichen, die nach ihm die Strafe erlitten, mußten mehrere auf das Schafott getragen werden. Der Anblick der zwanzig Särge und der voraufgegangenen Enthauptungen mochte das übrige getan haben, ihnen die Fassung zu rauben. Trotzdem ging die ganze Hinrichtung schnell vor sich: sie nahm nur sechsundzwanzig Minuten in Anspruch.

Wenn wir den Lebensgang des Schinderhannes noch einmal überschauen, so bestätigt es sich uns, daß er keiner von den großen Räubern war. Er führte seine Verbrechen nur in einem verhältnismäßig kleinen Bezirk an der Mosel, im Hunsrück und in der angrenzenden Rheingegend aus, während andere kühnere Verbrecher mit ihren Taten einen großen Teil des Landes in Schrecken versetzten, indem sie plötzlich, wie aus dem Boden gestiegen, jetzt hier und dann dort auftauchten. Er war zunächst ein ganz gewöhnlicher Pferdedieb, bis er endlich zum gewalttätigen Räuber wurde, während jene den Pferdediebstahl zu allen Zeiten als eine Tat ordinärer Buschklepper verschmähten. Originell erscheint auf den ersten Blick sein Judenhaß, aber auch diese Originalität ist nicht stichhaltig. Einesteils hat sie Seitenstücke in den englischen Highwaymen, die sich für Jakobiten ausgaben, in dem Bayrischen Hiesel, der als Bauernfreund die Forstbeamten verfolgte, und in dem Polen Bogulawski, von dem man sagte, er schenke den Armen, was er den Reichen stehle; andernteils  aber verkaufte Bückler seinen Raub oft an die Juden und stahl ja auch oft genug bei Christen. So schien alles an ihm klein und gewöhnlich. Als er in Kirn öffentlich mit Stockprügeln bestraft worden war, wollte er sich an dem Orte rächen. Was tat er? Er versuchte einen Kaufmann zu bestehlen.

Wie ganz anders trat zu gleicher Zeit der gleichfalls berüchtigte Johann Müller in einem ähnlichen Falle auf. Er erfuhr einmal, daß einige Diebe sich verabredet hatten, dem Joseph Pfahl zu Esch einen Ochsen zu stehlen und ihm die Schuld zuzuschieben. Er beschloß, die Tat selbst auszuführen, was ihm auch nach einem ersten verunglückten Versuche gelang. Sie führten den Ochsen in einen Wald und schlachteten ihn, mußten aber das Fleisch zurücklassen, da der Tag über ihrer Arbeit anbrach. Mittlerweile war der Eigentümer mit einigen anderen ihren Spuren gefolgt, man hatte das Fleisch gefunden und mit nach Hause genommen. Als Müller das erfuhr, schrieb er erst zwei Brandbriefe, in denen er von Joseph Pfahl das Fleisch und sechzig Kronen, von jedem der Bürger, die an der Verfolgung teilgenommen hatten, drei Kronen und von dem Vorsteher der Gemeinde Söller, der Nachtwachen angeordnet hatte, die Aufhebung dieser Maßnahme verlangte, widrigenfalls er die Dörfer Esch und Söller niederbrennen würde. Als diese Briefe ohne Erfolg blieben, zündete er »auf Abschlag« ein Backhaus zu Söller an, beunruhigte die Einwohner durch Schüsse und schrieb einen dritten Brandbrief, der mit den Versen schloß:

Wir haben kein Papier mehr,
Sondern Feuer und Gewehr
Und Kugeln und Bley,
Nun macht, daß es bleibt dabey!

Daraufhin ließen sich die beiden Gemeinden wirklich in Unterhandlungen mit Müller ein und boten ihm eine Summe Geldes.

Ein andermal fand dieser dämonische Mensch bei seiner Rückkehr nach mehrtägiger Abwesenheit sein Haus beraubt und sein Weib entehrt. Französische Dragoner waren die Täter. Sie waren nicht mehr zu ereilen. Müller aber erklärte gleichsam dem ganzen französischen Volke den Krieg: er kaufte sich eine Doppelflinte und schoß jeden Franzosen nieder, den er traf.

Wie wenig Mut Schinderhannes besaß, haben wir bei Benzels Gefangennehmung gesehen, und auch bei keiner anderen Gelegenheit hat er sich tapfer und kühn bewiesen. Mit jener Erzählung vergleiche man nur einmal das folgende Stück. Im Jahre 1801 war der Beamte Keil nach Neuwied gekommen, um eine Anzahl dort versammelter Räuber aus Fetzers Bande auszuheben. Es glückte ihm, mehrere derselben, darunter Fetzer und Weyers, in einem Zimmer zu finden. Beide entschlüpften jedoch durch eine geheime Tür, ihre Genossen aber, die stark betrunken waren, wurden auf die Hauptwache gebracht. Jene beiden verließen nun keineswegs die Stadt, sondern machten ohne Unterstützung einen Sturm auf das Wachthaus und würden ihre Kameraden gerettet haben, wenn diese nicht noch vollständig besinnungslos gewesen wären. Einer solchen Tat wäre Bückler nicht fähig gewesen. Was ihn allein volkstümlich machte, war tatsächlich nur die Art, wie er sich herausstaffierte. Er trug meist ein langes Messer, eine Doppelbüchse, zwei Pistolen und eine Axt. Das ist in Wahrheit das Bild eines Räubers, wie es in der Phantasie des Volkes lebt: seine Taten dagegen sind die eines ganz gemeinen Spitzbuben. Man kann daher seinem Biographen  Becker nicht unrecht geben, wenn er sagt: »Die Leser in fernen Gegenden werden nun hoffentlich ihre Meinung über den großen Helden, von dem man in einem beträchtlichen Teile von Europa mit Auszeichnung oder wohl gar mit Bewunderung sprach, ändern, und wir wünschen, daß es niemals größere Verbrecher gegeben hatte oder in Zukunft geben möchte.«

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