Das Geheimnis von Cloomber-Hall

Ich, James Fothergill West, stud. jur. auf der St. Andrews-Universität zu Edinburg, will in folgenden Zeilen eine wahre Geschichte in möglichst kurzer und bündiger Form erzählen, ohne durch eine gekünstelte Reihenfolge der verschiedenen Ereignisse den Eindruck derselben zu erhöhen. Es sollen vielmehr diejenigen, welche außer mir noch von den fraglichen Begebenheiten unterrichtet sind, meinem Berichte beistimmen können, ohne zu finden, daß ich auch nur in den geringfügigsten Einzelheiten von der strengen, ungeschminkten Wahrheit abgewichen bin. Zu diesem Zweck werde ich…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Zweites Kapitel

Ein englischer Gutsbesitzer würde sicherlich beim Anblick unserer neuen Heimat Branksome die Nase gerümpft haben; aber uns erschien sie wie ein Palast im Gegensatz zu den dumpfen, engen Zimmern, in denen wir bisher gehaust hatten. Das Gebäude war  weitschweifig und niedrig, mit rotem Ziegeldache, Butzenscheiben und einer Anzahl von Zimmern mit verräucherten Decken und Eichengetäfel. Vor dem Hause lag ein Rasenplatz, umsäumt von einigen dünnen, schlechtgewachsenen Birken, die durch den ewigen salzigen Sprühregen, den der eisige Nordwestwind von der See…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Drittes Kapitel

Wie sich leicht denken läßt, rief die Neuigkeit, daß das Schloß wieder bewohnt werden sollte, große Aufregung im Dorfe hervor, und zahllos waren die Hypothesen und Vermutungen, die von den Klatschbasen männlichen und weiblichen Geschlechts aufgestellt wurden, weshalb die Heatherstones sich gerade diesen weltabgelegenen Winkel zum Wohnplatz erwählt hätten.  Daß die letzteren nicht etwa für eine kurze Zeit hier zu verweilen gedachten, wurde bald klar; denn Scharen von Handwerkern kamen von Wigtown herüber, und des Hämmerns, Sägens, Klapperns war kein…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Viertes Kapitel

Wenn ich mich überhaupt durch die uns zuteil gewordene wenig formelle Absage beleidigt gefühlt hatte, so hielt diese Stimmung bei mir nicht lange vor. Schon am nächsten Tage hatte ich Gelegenheit, wieder am Schlosse vorbeizugehen, und blieb stehen, um mir das ominöse Schild noch einmal anzusehen. Als ich noch so dastand und mir über die mutmaßlichen Beweggründe unseres Nachbarn den Kopf zerbrach,  bemerkte ich plötzlich, daß zwei hübsche, jugendfrische Mädchenaugen durch das Staket lugten und eine kleine weiße Hand mir…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Fünftes Kapitel

Es ist wohl kein Wunder, daß ich mich mehr und mehr mit General Heatherstone und dem Geheimnis, das ihn umgab, beschäftigte, als Wochen vergingen, ohne daß ich von den Bewohnern von Cloomber-Hall etwas sah oder hörte. Vergebens strebte ich durch Arbeiten aller Art und strenge Hingabe an meine Pflichten als Gutsverwalter meinen Gedanken wieder eine andere Richtung zu geben. Was ich auch tun mochte, zu Wasser oder zu Land, immer und immer wieder grübelte ich über das Rätsel nach, bis…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Sechstes Kapitel

»Auf dein Zimmer, Mädchen!« schrie er mit heiserer, barscher Stimme, indem er zwischen uns trat und gebieterisch nach dem Hause zeigte. Er wartete, bis Gabriele, mit einem letzten, erschreckten Blick auf mich, durch die Lücke hindurch verschwunden war; dann wandte er sich mir zu mit einem so drohenden Ausdruck in seinem Gesicht, daß ich unwillkürlich ein paar Schritte zurücktrat und meinen eichenen Stock fester faßte. »Sie – Sie!« stammelte er, sich mit der Hand nach der Kehle greifend, als ob…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Siebtes Kapitel

War meine Einbildungskraft schon bis zum äußersten erregt gewesen, um wieviel mehr war sie das jetzt. Wie konnte ich mich der einförmigen Gutsverwaltung widmen oder mich für das Schindeldach eines Kätners oder die Bootsegel eines Fischers interessieren, während ich in Gedanken vergebens nach einer Erklärung der Rätsel suchte, in deren Netze ich mich verstrickt sah. Wohin ich auch gehen mochte, überall sah ich nur den viereckigen, weißen Turm von Cloomber über die Bäume hinausragen; und unter dem Turme lebte diese…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Achtes Kapitel

Bevor ich meine Erzählung fortsetze, halte ich den geeigneten Augenblick für gekommen, vorerst denen das Wort zu lassen, die Augenzeugen der Vorgänge innerhalb des Schlosses waren, während meine Beobachtungen notwendigerweise auf solche außerhalb desselben beschränkt blieben. Israel Stakes, der Kutscher, konnte weder lesen noch schreiben. Herr Mathew Clark, presbyterianischer Pastor in Stoneykirk, hat sich deshalb der Mühe unterzogen, des erstgenannten Aussage niederzuschreiben, und ist dieselbe durch dessen Kreuz in aller Form beglaubigt. Der gute Pastor hat augenscheinlich des Erzählers .…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Neuntes Kapitel

Nachdem ich die Aussage des Israel Stakes vollständig wiedergegeben habe, werde ich jetzt ein kurzes Memorandum Dr. Easterlings, des praktischen Arztes in Stanvaer, beifügen. Der Arzt war freilich nur einmal in Cloomber, während General Heatherstone dort wohnte, aber sein Besuch fand unter eigentümlichen Umständen statt, die eine Art Supplement zu den oben erzählten Vorgängen bilden. Dr. Easterling hat, trotz seiner anstrengenden Praxis, die Zeit  gefunden, seine Erinnerungen niederzuschreiben, und es wird daher das beste sein, dieselben hier, wie sie sind,…

Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Zehntes Kapitel

Nachdem ich diese Streiflichter auf meine Geschichte geworfen habe, kehre ich zu der Ankunft des wilden Landstreichers, der Korporal Rufus Smith nannte, zurück. Dieses Ereignis trug sich gegen Ende September zu, und ich bemerke zur Vergleichung der verschiedenen Taten, daß Dr. Easterlings Besuch in Cloomber etwa drei Wochen früher stattfand. Während dieser ganzen Zeit befand ich mich in einer wenig beneidenswerten Stimmung, denn ich hatte, seitdem der General unsere Zusammenkunft gewahr geworden war, weder von Gabriele noch von ihrem Bruder…