Aktenfaszikel 113

Seit drei Tagen sprach ganz Paris von nichts anderem als von dem Diebstahle, der in dem Bankhause André Fauvel verübt worden war. Dem Täter, der ungemein gewandt und schlau zu Werke gegangen sein mußte und den die Polizei bis zur Stunde nicht zu entdecken vermochte, war es gelungen, aus der versperrten Kasse 350 000 Frank zu entwenden. Die Kasse selbst erwies sich als völlig unversehrt und es war unerklärlich, auf welche Weise das Geld dem einbruch- und feuerfesten Schranke entnommen…

Aktenfaszikel 113 – Kap.2

Wenn es auf der Welt einen Menschen gibt, den keinerlei Ereignisse in Erstaunen setzen oder aufregen, der sich nicht durch den Schein trügen läßt und dem nichts unglaublich oder unmöglich erscheint, so ist es sicher ein Polizeikommissar von Paris. Der Kommissar, den der Bankier hatte rufen lassen, erschien mit ruhiger, gleichgültiger Miene, ihm folgte ein kleines schwarzgekleidetes, äußerst bewegliches Männchen. »Ein peinlicher Umstand zwingt mich, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, Herr Kommissar,« sagte Fauvel. »Ich weiß,« entgegnete jener, »es…

Aktenfaszikel 113 – Kap.3

Zur selben Stunde als Nina ihre neue Behausung aufsuchte, wurde Prosper ins Polizeigefängnis gesperrt. Er hatte sich die ganze Zeit über tapfer gehalten. Auf dem Polizeikommissariat, wo er mehrere Stunden warten mußte, saß er ruhig und gleichgültig, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Als es Mittag war, ließ er sich das Essen aus einem nahen Gasthaus holen, er aß mit Appetit und leerte fast eine ganze Flasche Wein. Als man ihm sagte, daß der Wagen, der ihn ins…

Aktenfaszikel 113 – Kap.4

Während Prosper Bertomys ganzes Leben Gegenstand genauester Nachforschung war, saß er selbst im Gefängnisse, in Einzelhaft, und harrte der Entscheidung. Die ersten Tage waren ihm nicht allzu lang geworden, er hatte sich Papier geben lassen und arbeitete an einer Verteidigungsschrift. Als aber der zweite, der dritte Tag verging, ohne daß er aufs neue vorgerufen wurde, fühlte er sich beunruhigt: »Muß ich denn hier ewig bleiben?« rief er wiederholt, »werde ich denn nicht wieder verhört?« »Nur Geduld,« sagte der Gefängniswärter jedesmal,…

Aktenfaszikel 113 – Kap.5

Fanferlot hatte Nina Gypsy wirklich nicht zuviel gesagt, als er behauptete, daß man im »Erzengel« gut aufgehoben sei, besonders wenn man von ihm empfohlen war. Denn Frau Alexandrine war niemand anderes, als seine eigene Frau und eine wirklich vorzügliche Wirtin. Sie nahm sich ihrer Logirgäste wahrhaft mütterlich an, wie sie überhaupt eine herzensgute Frau war. Sie hielt ihren Mann für ein Genie und liebte und bewunderte ihn aufrichtig. Zur selben Stunde, als der Untersuchungsrichter ins Spital fuhr, erwartete sie »ihr…

Aktenfaszikel 113 – Kap.6

Neun Tage hatte sich Prosper Bertomy in Untersuchungshaft befunden, als ihm der Gefängniswärter endlich seinen Freilassungsbefehl überbrachte. Das Verfahren gegen ihn, hieß es dann, ist wegen Mangel an Beweisen eingestellt worden und er konnte gehen wohin es ihm beliebte. Zuerst händigte man ihm in der Kanzlei alle ihm gehörigen Gegenstände, die man ihm abgenommen hatte, wieder ein, dann öffneten sich die Tore und er war frei. Wohl war er frei, aber die Ehre hatte ihm das Gericht nicht wiedergegeben, der…

Aktenfaszikel 113 – Kap.7

Raoul von Lagors hatte nicht übertrieben, als er von Fauvels schlechtem Aussehen und Niedergeschlagenheit sprach. In der Tat war der Bankier seit dem Tage, an welchem sein Kassierer auf seine Anzeige hin verhaftet worden, von tiefer Schwermut ergriffen und der sonst so tätige Mann kümmerte sich kaum um sein Geschäft. Den ganzen Tag fast saß er in seinem Arbeitskabinett eingeschlossen und war für niemand, nicht einmal für seine Familie zugänglich. Am Tage von Prospers Freilassung saß Herr Fauvel wie gewöhnlich…

Aktenfaszikel 113 – Kap.8

Für den nächsten Nachmittag hatte Herr Verduret Prosper in eine abgelegene Weinkneipe bestellt, die zu dieser Stunde wenig besucht war. Zur festgesetzten Zeit erschien der dicke Herr und freute sich, Prosper schon anzutreffen, er sah überhaupt recht vergnügt aus. »Haben Sie meine Bestellung ausgeführt?« fragte er, nachdem er an Prospers Tisch Platz genommen und der Kellner Wein gebracht hatte. »Ja, ich war beim Kostümhändler, alles wird morgen im ›Erzengel‹ abgeliefert werden.« »Schön, und auch ich habe meine Zeit nicht verloren,…

Aktenfaszikel 113 – Kap.9

Besinet ist ein hübsches freundliches Dörfchen, mit netten Villen, die die Pariser gerne zum Sommeraufenthalt benutzen. An einem Kreuzweg, der in eine Allee einmündete, ließ Verduret halten, der Kutscher hatte seine fünfzig Frank verdient, denn nur etwa dreißig Meter von ihnen fuhr der Wagen, den sie verfolgt hatten. Verduret stieg zuerst aus und hielt dem Kutscher eine Banknote hin. »Da haben Sie Ihre versprochene Belohnung. Halten Sie nun beim ersten Gasthaus, das Sie im Dorfe finden und warten Sie eine…

Aktenfaszikel 113 – Kap.10

Der Palast des Bankier Jandidier war einer der schönsten von Paris und mit geradezu märchenhafter Pracht ausgestattet. An dem Abende, an welchem der Kostümball stattfand, erstrahlte er in feenhaftem Lichte, und die elegante Gesellschaft, die sich in den Salon drängte, konnte das glanzvolle und künstlerische Arrangement nicht genug bewundern. Die Gäste, welche den vornehmsten und reichsten Gesellschaftskreisen angehörten, waren alle in kostbare geschmackvolle Kostüme gekleidet, von denen einige sich durch Echtheit besonders auszeichneten. So blieb ein Bajazzo, der ein echtes…