Shoscombe Old Place

Lange hatte Sherlock Holmes sich über das Mikroskop gebeugt. Dann richtete er sich auf und blickte mich triumphierend an.

»Es ist Leim, Watson,« sagte er. »Ganz eindeutig Leim. Sehen Sie sich mal diese verstreuten Partikel an.«

Ich beugte mich über das Objektiv und stellte es auf meine Sehschärfe ein.

»Diese Härchen sind Fasern eines Tweedmantels. Die unregelmäßigen grauen Gebilde sind Staub. Das da links sind Hautschuppen. Und diese braunen Klümpchen in der Mitte sind ganz unzweifelhaft Leim.«

»Schön,« sagte ich lachend, »das will ich Ihnen gerne glauben. Aber ist das irgendwie von Bedeutung?«

»Es ist eine sehr schöne Demonstration,« erwiderte er. »Wie Sie sich vielleicht erinnern, wurde im St. Pancras-Fall eine Mütze neben dem toten Polizeibeamten gefunden. Der Beschuldigte bestreitet, dass sie ihm gehört. Aber er ist Bilderrahmenmacher, und er geht mit Leim um.«

»Ist das einer Ihrer Fälle?«

»Nein. Mein Freund Merivale vom Yard bat mich, mal einen Blick auf den Fall zu werfen. Seit ich diesen Falschmünzer anhand der Zink- und Kupferspäne an seinen Manschetten überführt habe, begreifen sie langsam die Bedeutung des Mikroskops.« Ungeduldig blickte er auf seine Uhr. »Eigentlich sollte ein neuer Klient kommen, aber er ist überfällig. Übrigens, Watson, verstehen Sie etwas von Pferderennen?«

»Das sollte ich wohl. Schließlich geht fast die Hälfte meiner Invalidenpension für Pferdewetten drauf.«

»Dann ernenne ich Sie zu meinem Berater in Pferdesportfragen. Wie sieht’s zum Beispiel mit Sir Robert Norberton aus? Bringt das eine Saite in Ihnen zum Klingen?«

»Nun, das will ich meinen. Er lebt in Shoscombe Old Place, und dort kenne ich mich gut aus, denn früher habe ich dort in der Gegend meine Sommerferien verbracht. Norberton wäre Ihnen übrigens fast einmal ins Gehege geraten.«

»Wie ist das zugegangen?«

»Es war, als er mit der Pferdepeitsche auf der Newmarket Heath auf Sam Brewer, den bekannten Geldverleiher aus der Curzon Street, losging. Um ein Haar hätte er diesen Mann totgeprügelt.«

»Ah, das klingt interessant! Kommt es öfter vor, dass er sich so aufführt?«

»Nun, er steht im Rufe, ein gefährlicher Mann zu sein. Er ist wohl der waghalsigste Rennreiter in ganz England – vor ein paar Jahren hat er im Grand National den zweiten Platz gemacht. In der Regency-Zeit wäre er wohl ein Dandy gewesen – ein Boxer, ein Wettkämpfer, ein Hasardeur auf der Rennbahn, ein Liebhaber schöner Frauen, jedenfalls steckt er dermaßen in Geldschwierigkeiten, dass er wahrscheinlich nie wieder herausfinden wird.«

»Elementar, Watson! Eine sehr gute Charakterminiatur. Es kommt mir vor, als würde ich diesen Mann kennen. Und können Sie mir jetzt noch einen Eindruck von Shoscombe Old Place vermitteln?«

»Eigentlich nur, dass es mitten im Shoscombe Park liegt und dass sich dort das berühmte Shoscombe Gestüt und der Rennstall befinden.«

»Und der Cheftrainer,« sagte Holmes, »ist John Mason. Sie müssen mich gar nicht so überrascht ansehen, Watson, denn dies hier ist ein Brief von ihm. Aber erzählen Sie mir noch etwas mehr über Shoscombe. Ich scheine da ja auf eine wahre Goldader gestoßen zu sein.«

»Es gibt da noch die Shoscombe Spaniels,« sagte ich. »Sie machen auf allen Hundeschauen von sich reden. Die exklusivste Zucht in England. Sie sind der ganz besondere Stolz der Lady von Shoscombe Old Place.«

»Sir Robert Norbertons Ehefrau, nehme ich an!«

»Sir Robert war nie verheiratet. Wird wohl auch besser sein so, wenn man seine Aussichten berücksichtigt. Er lebt mit seiner verwitweten Schwester Lady Beatrice Falder.«

»Sie meinen, sie lebt bei ihm?«

»Nein, nein. Das Anwesen gehörte ihrem verstorbenen Ehemann Sir James. Norberton hat überhaupt keinen Anspruch darauf. Es ist nur ein Nießbrauch auf Lebenszeit, und es wird schließlich wieder an den Bruder ihres Mannes zurückfallen. Bis dahin bezieht sie eine jährliche Rente.«

»Und Bruder Robert verausgabt die besagte Rente, vermute ich.«

»Seine Ausgaben übersteigen die Rente beträchtlich. Er ist ein wahrer Teufel und muss ihr ein höchst unangenehmes Leben bereiten. Trotzdem habe ich gehört, dass sie ihm ganz ergeben ist. – Aber was stimmt denn nicht in Shoscombe?«

»Oh, das ist genau das, was ich wissen möchte. Und hier kommt, wie ich erwarte, der Mann, der es uns sagen kann.«

Die Tür war geöffnet worden und der Page hatte einen großen, glatt rasierten Mann hereingeführt mit dem festen, ernsten Gesichtsausdruck, den nur Männer besitzen, die die Aufsicht über Pferde oder jungen Burschen haben. Und Mr. John Mason hatte von beiden viele unter seinem Regiment, und er schien dieser Aufgabe gewachsen zu sein.

»Sie haben meine Nachricht erhalten, Mr. Holmes?«

»Ja, aber sie erklärte gar nichts.«

»Die Sache ist zu delikat für mich, um Einzelheiten zu Papier zu bringen. Das kann ich nur von Mann zu Mann tun.«

»Nun gut, wir stehen zu Ihrer Verfügung.«

»Zunächst einmal, Mr. Holmes, ich glaube, dass mein Arbeitgeber, Sir Robert, verrückt geworden ist.«

Holmes zog die Brauen hoch. »Wir sind hier in der Baker Street, nicht in der Harley Street,« sagte er. »Aber warum sagen Sie das?«

»Nun, Sir, wenn ein Mann ein oder zwei verrückte Dinge tut, dann mag das seinen Grund haben, aber wenn alles, was er tut, verrückt ist, dann wird man doch langsam stutzig. Ich glaube, Shoscombe Prince und das Derby haben ihn um den Verstand gebracht.«

»Das ist ein junger Hengst, mit dem Sie ins Rennen gehen?«

»Der beste in England, Mr. Holmes. Wenn das jemand weiß, dann ich. Nun, ich will offen zu Ihnen sein, da ich weiß, dass Sie Ehrenmänner sind und dass alles unter uns bleiben wird. Sir Robert muss dieses Derby gewinnen. Er ist bis über beide Ohren verschuldet, und es ist seine letzte Chance. Alles, was er aufbringen oder sich borgen konnte, hat er in dieses Pferd gesteckt – und auch in eine hübsche Wette! Sie können jetzt vierzig zu eins kriegen, aber als er mit dem Training anfing, waren es fast hundert zu eins.«

»Aber wie ist das möglich, wenn das Pferd so gut ist?«

»In der Öffentlichkeit ist nicht bekannt, wie gut es ist. Sir Robert war immer viel zu schlau für die Rennspione. Für die Trainingsrunden nimmt er immer den Halbbruder von Prince. Sie können sie nicht auseinander halten. Aber im Galopp nimmt Prince ihm auf eine Achtelmeile zwei Längen ab. Er denkt an nichts anderes als an das Pferd und das Rennen. Sein ganzes Leben hängt davon ab. Er hält die Geldverleiher bis zum Rennen hin. Und wenn Prince nicht gewinnt, ist er erledigt.«

»Es scheint ein ziemlich verzweifeltes Spiel zu sein, aber wo kommt die Verrücktheit da rein?«

»Nun, zunächst einmal müssen Sie sich ihn nur einmal ansehen. Ich glaube nicht, dass er nachts schläft. Die ganze Zeit ist er unten bei den Ställen. Seine Augen blicken immer ganz wild. Das Ganze ist einfach zu viel für seine Nerven. Und dann ist da noch sein Betragen gegenüber Lady Beatrice!«

»Ah! Und wie verhält es sich damit?«

»Sie sind immer die allerbesten Freunde gewesen. Sie beide hatten dieselben Vorlieben und sie liebte die Pferde ebenso sehr wie er. Jeden Tag, immer zur selben Stunde, ließ sie sich hinunter fahren, um sie zu sehen – und am meisten liebte sie Prince. Er spitzte die Ohren, wenn er die Räder auf dem Kies hörte, und jeden Morgen trottete er hinaus zu ihrer Kutsche, um sein Stück Zucker zu bekommen. Aber das alles ist jetzt vorbei.«

»Warum?«

»Nun, sie scheint jedes Interesse an den Pferden verloren zu haben. Seit einer Woche nun, fährt sie an den Ställen vorbei und sagt nicht mehr als ein ‚Guten Morgen‘!«

»Sie glauben, es hat einen Streit gegeben?«

»Und zwar einen erbitterten, wilden, boshaften Streit. Warum sonst hätte er ihren Lieblingsspaniel weggeben sollen, den sie liebte, als wäre er ihr Kind? Er verschenkte ihn vor ein paar Tagen an den alten Barnes, den Wirt vom Grünen Drachen in Crendall drei Meilen von Shoscombe entfernt.«

»Das sieht wirklich merkwürdig aus.«

»Mit ihrem schwachen Herzen und der Wassersucht konnte man natürlich nicht erwarten, dass sie weit mit ihm herumkommen könnte, aber er war jeden Abend für zwei Stunden in ihrem Zimmer. Er tat sein Bestes, denn für ihn war sie eine seltene gute Freundin. Aber auch das ist jetzt alles vorbei. Er kommt nun niemals mehr in ihre Nähe. Und sie nimmt sich das zu Herzen. Sie brütet vor sich hin, ist mürrisch und trinkt, Mr. Holmes – trinkt wie ein Fisch.«

»Hat sie schon vor dieser Entfremdung getrunken?«

»Nun, vielleicht einmal ein Glas, aber jetzt ist es oft eine ganze Flasche am Abend. Das hat mir Stephens, der Butler, gesagt. Alles hat sich verändert, Mr. Holmes, und da ist etwas verdammt faul dabei. Und dann, was macht der Chef jede Nacht unten in der Gruft der alten Kapelle? Und wer ist der Mann, den er dort trifft?«

Holmes rieb sich die Hände.

»Fahren Sie fort, Mr. Mason. Es wird immer interessanter.«

»Der Butler hat ihn da hin gehen gesehen. Um Mitternacht, bei strömendem Regen. Deshalb war ich in der nächsten Nacht oben am Haus und tatsächlich, der Chef ging wieder da runter. Stephens und ich folgten ihm, aber das war eine ziemlich heikle Sache, denn es wäre böse ausgegangen, wenn er uns gesehen hätte. Wenn er erst einmal loslegt, kann er fürchterlich zuschlagen und nimmt keinerlei Rücksicht. Deshalb hüteten wir uns, ihm zu dicht zu folgen, aber wir ließen ihn nicht aus den Augen. Er ging zu der Spukgruft, und dort wartete ein Mann auf ihn.«

»Was hat es mit dieser Spukgruft auf sich?«

»Nun, Sir, im Park gibt es eine alte baufällige Kapelle. Sie ist so alt, das niemand genau sagen kann, wann sie erbaut wurde. Und unter ihr befindet sich eine Gruft, die einen üblen Ruf bei uns hat. Bei Tage ist sie ein finsterer, feuchter und einsamer Ort, aber in der ganzen Grafschaft gibt es nur wenige, die sich bei Nacht dorthin trauen würden. Doch der Chef hat keine Angst. Er hat noch nie in seinem Leben vor irgend etwas Angst gehabt. Nur, was tut er dort mitten in der Nacht?«

»Moment mal!« unterbrach ihn Holmes. »Sie sagen, da wäre noch ein anderer Mann gewesen. Das muss doch einer von Ihren eigenen Stallleuten oder jemand aus dem Haus sein! Sie müssen nur herauskriegen, wer es ist und ihn fragen.«

»Es ist niemand, den ich kenne.«

»Warum sind Sie sich da so sicher?«

»Weil ich ihn gesehen habe, Mr. Holmes. Es war in dieser zweiten Nacht. Sir Robert drehte sich um und ging an uns vorbei – an mir und Stephens, die wir in den Büschen zitterten wie zwei Kaninchen, denn in dieser Nacht schien der Mond. Aber wir konnten auch den anderen hören. Vor ihm hatten wir keine Angst. Wir kamen also aus den Büschen, als Sir Robert fort war, und taten so, als ob wir einen Mondscheinspaziergang machten und so stießen wir auf ihn so zufällig und arglos wie Sie sich nur vorstellen können. ‚He, Kumpel! Wer bist denn du?‘ frage ich. Ich glaube, er hatte uns nicht kommen hören, und er blickte über die Schulter mit einem Gesicht, als ob er den Teufel aus der Hölle kommen gesehen hätte. Er stieß einen gellenden Schrei aus und rannte los, so schnell wie er in der Dunkelheit nur konnte. Mann, konnte der rennen! – das muss ich ihm lassen. In einer Minuten war er außer Sicht und nicht mehr zu hören, wer er aber war oder was er war, das haben wir nicht herausgefunden.«

»Aber Sie haben ihn ganz deutlich im Mondlicht gesehen?«

»Ja, das könnte ich auf sein gelbes Gesicht schwören – ein gemeiner Hund, würde ich sagen. Was konnte so einer nur mit Sir Robert zu tun haben?«

Eine Zeitlang saß Holmes gedankenversunken da. Schließlich fragte er: »Wer leistet eigentlich Lady Beatrice Falder Gesellschaft?«

»Sie hat ein Mädchen, Carrie Evans. Sie ist seit fünf Jahren bei ihr.«

»Und ist ihr, zweifellos, ergeben?«

Mr. Mason scharrte unbehaglich mit den Füßen.

»Genügend ergeben,« sagte er schließlich. »Aber ich möchte nicht sagen, wem.«

»Ah!« sagte Holmes.

»Ich kann hier nicht aus dem Nähkästchen plaudern.«

»Ich verstehe Sie sehr gut, Mr. Mason. Die Lage ist natürlich klar genug. Der Beschreibung Dr. Watsons von Sir Robert kann ich entnehmen, dass keine Frau vor ihm sicher ist. Glauben Sie nicht, dass der Streit zwischen Bruder und Schwester vielleicht hier seine Ursache hat?«

»Nun, der Skandal war schon ziemlich lange bekannt.«

»Aber vielleicht nicht für sie. Nehmen wir einmal an, dass sie es erst kürzlich herausgefunden hat. Sie möchte das Mädchen loswerden. Aber ihr Bruder will es nicht gestatten. Die Kranke mit ihrem schwachen Herzen und ihrer Unbeweglichkeit hat keine Mittel, ihren Willen durchzusetzen. Das verhasste Mädchen bleibt also bei ihr. Die Lady weigert sich zu sprechen, ist eingeschnappt und fängt an zu trinken. In seiner Wut nimmt Sir Robert ihr ihren Lieblingsspaniel weg. Hängt das nicht alles zusammen?«

»Nun, vielleicht – so weit.«

»Genau! So weit. Aber wie passt das alles mit den nächtlichen Gängen zu der alten Gruft zusammen? Das passt einfach nicht in unsere Geschichte.«

»Nein, Sir, und es gibt noch was, das nicht hineinpasst. Warum sollte Sir Robert wohl eine Leiche ausgraben wollen?«

Holmes richtete sich abrupt auf.

»Wir haben es erst gestern herausgefunden – nachdem ich Ihnen geschrieben hatte. Gestern fuhr Sir Robert nach London, und Stephens und ich gingen runter zur Gruft. Alles war in Ordnung, abgesehen davon, dass in einer Ecke die Überreste einer Leiche lagen.«

»Sie haben doch wohl die Polizei gerufen, nehme ich an.«

Unser Besucher lächelte grimmig.

»Nun, Sir, ich glaube kaum, dass sie das interessieren würde. Denn es waren nur der Schädel und ein paar Knochen von einer Mumie. Sie könnte tausend Jahre alt sein. Aber früher ist sie nicht dort gewesen. Das kann ich beschwören, und Stephens ebenfalls. Man hatte sie in einem Winkel verstaut und mit einem Brett bedeckt, aber früher ist dieser Winkel immer leer gewesen.«

»Was haben Sie damit gemacht?«

»Nun, wir haben sie einfach da gelassen.«

»Das war klug. Sie sagten, Sir Robert war gestern fort. Ist er inzwischen wieder zurückgekehrt?«

»Wir erwarten ihn heute wieder zurück.«

»Wann hat Sir Robert den Hund seiner Schwester weggegeben?«

»Heute vor einer Woche. Das arme Tier winselte an der Tür des alten Brunnenhauses, und Sir Robert hatte an diesem Morgen mal wieder einen seiner Wutanfälle. Er schnappte ihn sich, und ich dachte schon, er würde ihn töten. Aber dann gab er ihn Sandy Bain, dem Jockey, und sagte ihm, er solle ihn zum alten Barnes vom Grünen Drachen bringen, weil er ihn nie wiedersehen wolle.«

Für eine Weile saß Holmes schweigend und in Gedanken da. Dann zündete er sich seine älteste und übelriechendste Pfeife an.

»Mir ist noch nicht ganz klar, was ich in dieser Angelegenheit für Sie tun kann, Mr. Mason,« sagte er schließlich. »Können Sie es vielleicht ein wenig präziser fassen?«

»Vielleicht wird dies es ein wenig präziser machen, Mr. Holmes,« sagte unser Besucher. Aus der Tasche zog er ein Papier und faltete es sorgfältig auseinander. Zum Vorschein kam das verkohlte Fragment eines Knochens.

Holmes untersuchte es interessiert.

»Wo haben Sie das her?«

»Im Keller unter dem Zimmer von Lady Beatrice steht der Ofen der Zentralheizung. Sie war seit einiger Zeit nicht mehr in Betrieb, aber Sir Robert beklagte sich über die Kälte und ließ sie wieder anfeuern.

Harvey kümmert sich darum – er ist einer meiner Stallburschen. Gerade heute früh kam er damit zu mir, er fand es, als er die Asche ausräumte. Und der Anblick gefiel ihm gar nicht.«

»Mir auch nicht,« sagte Holmes. »Was halten Sie davon, Watson?«

Es war völlig verkohlt, aber über sein anatomisches Herkommen konnte kein Zweifel bestehen.

»Es ist der obere Gelenkkopf eines menschlichen Oberschenkelknochens,« sagte ich.

»Genau!« Holmes war sehr ernst geworden. »Wann kümmert sich dieser Junge immer um die Heizung?«

»Jeden Abend und dann lässt er sie laufen.«

»Dann könnte nachts jedermann sich an der Heizung zu schaffen machen?«

»Ja, Sir.«

»Kann man von draußen hineingelangen?«

»Es gibt eine Außentür. Und eine andere geht auf eine Treppe hinaus, die zu dem Flur hinaufführt, an dem das Zimmer von Lady Beatrice liegt.«

»Das ist ein tiefes Wasser, Mr. Mason; tief und ziemlich schmutzig. Sie sagten, Sir Robert wäre letzte Nacht nicht zuhause gewesen?«

»Nein, Sir.«

»Dann war, wer die Knochen verbrannt hat, jedenfalls nicht er.«

»Das stimmt, Sir.«

»Wie heißt dieses Gasthaus, von dem Sie gesprochen haben, gleich noch einmal?«

»Der Grüne Drachen.«

»Kann man in diesem Teil von Berkshire eigentlich gut angeln gehen?«

Der rechtschaffene Trainer zeigte mit seinem Gesichtsausdruck deutlich, dass er überzeugt war, dass nun noch ein weiterer Verrückter in sein beschwerliches Leben getreten war.

»Nun, Sir, ich habe gehört, dass es Forellen im Mühlbach gibt und Hechte im Schlossteich.«

»Das reicht völlig. Watson und ich sind nämlich berühmte Angler – was, Watson? Sie können uns demnächst im Grünen Drachen erreichen. Wir sollten heute Abend dort eintreffen. Ich muss Ihnen ja nicht sagen, dass wir Sie dort nicht sehen wollen, Mr. Mason, aber eine Nachricht von Ihnen wird uns erreichen, und zweifellos werde ich Sie finden, wenn ich Sie brauche. Wenn wir uns ein bisschen tiefer in die Angelegenheit gearbeitet haben, werde ich Sie meine Meinung wissen lassen.«

So kam es, dass Holmes und ich an einem hellen Maiabend allein in einem Erster-Klasse-Abteil zu der kleinen Bahnstation von Shoscombe unterwegs waren. Die Kofferablage über uns war vollgepackt mit einer beeindruckenden Sammlung von Angelruten, Rollen und Körben. Nachdem wir unser Ziel erreicht hatten, brachte uns eine kurze Fahrt zu dem altmodischen Gasthaus, wo ein sportbegeisterter Wirt, Josiah Barnes, sich eifrig an unseren Plänen beteiligte, den Fischbestand der Umgebung auszurotten.

»Wie sieht’s denn mit dem Schlossteich aus und mit Hecht?« fragte Holmes.

Das Gesicht des Gastwirts verfinsterte sich.

»Da würde ich nicht hingehen. Es könnte sein, dass Sie selbst im Teich liegen, noch bevor Sie etwas gefangen haben.«

»Wie das?«

»Das liegt an Sir Robert, Sir. Er ist fürchterlich eifersüchtig auf Rennspione. Wenn zwei Fremde wie Sie, seinem Trainingslager so nahe kämen, dann würde er sofort hinter Ihnen her sein wie der Teufel hinter der armen Seele. Er riskiert nichts, Sir Robert nicht.«

»Wie ich gehört habe, hat er ein Pferd zum Derby angemeldet.«

»Ja, und einen guten Hengst noch dazu. Wir haben alle unser ganzes Geld auf ihn gesetzt, Sir Robert auch. Übrigens« – er betrachtete uns nachdenklich – »ich hoffe doch, Sie selbst haben mit dem Turf nichts zu tun.«

»Nein, wirklich nicht. Wir sind nur zwei erschöpfte Londoner, die dringend etwas gute Berkshire-Luft brauchen.«

»Nun, dann sind Sie hier genau richtig. Davon haben wir hier jede Menge. Aber denken Sie daran, was ich Ihnen über Sir Robert gesagt habe. Er ist von der Sorte, die zuerst zuschlägt und dann fragt. Halten Sie sich also besser vom Park fern.«

»Gewiss doch, Mr. Barnes! Das werden wir bestimmt tun. Ach übrigens, das war wirklich ein hübscher Spaniel, der da in der Eingangshalle gewinselt hat.«

»Ja, das würde ich auch sagen. Das ist echte Shoscombe-Zucht. Es gibt keine bessere in England.«

»Ich bin selbst ein Hundenarr,« sagte Holmes. »Wenn es keine ungehörige Frage ist, was würde ein Rassehund wie dieser eigentlich kosten?«

»Mehr als ich zahlen könnte, Sir. Sir Robert selbst hat ihn mir geschenkt. Deshalb muss ich ihn auch festbinden. Wenn ich ihn losmachen würde, wäre er sofort wie der Blitz weg zum Herrenhaus.«

»Wir haben ein paar Trümpfe in der Hand, Watson,« sagte Holmes, als der Wirt uns allein gelassen hatte. »Es wird kein leichtes Spiel werden, aber in ein, zwei Tagen werden wir klarer sehen. Nebenbei, Sir Robert ist immer noch in London, wie ich hörte. Wir können also vielleicht heute Nacht in seine geheiligten Gefilde eindringen, ohne einen tätlichen Angriff befürchten zu müssen. Da gibt es ein oder zwei Punkte, über die ich mir gerne Klarheit verschaffen würde.«

»Haben Sie schon eine Theorie, Holmes?«

»Nur die, Watson, dass vor etwa einer Woche etwas geschehen ist, dass im häuslichen Leben von Shoscombe einen tiefen Einschnitt hinterlassen hat. Was ist dieses Etwas? Wir können darüber nur Vermutungen anstellen anhand seiner Auswirkungen. Sie scheinen von einem sonderbar gemischten Charakter zu sein. Aber das sollte uns bestimmt helfen. Denn nur die farb- und ereignislosen Fälle sind hoffnungslos.

Lassen Sie uns also mal einen Blick auf die Fakten werfen. Der Bruder besucht seine geliebte schwerkranke Schwester nicht mehr. Er verschenkt ihren Lieblingshund. Ihren Hund, Watson! Sagt Ihnen das denn gar nichts?«

»Nichts, außer etwas über die Boshaftigkeit des Bruders.«

»Schön, kann sein. Oder – nun, es gibt eine Alternative. Gut, schauen wir uns also die Situation weiter an von dem Zeitpunkt, an dem der Streit, wenn es denn überhaupt einen Streit gegeben hat, begonnen hat. Die Lady bleibt in ihrem Zimmer, ändert ihre Gewohnheiten, ist nicht mehr gesehen, außer wenn sie eine Ausfahrt mit ihrem Mädchen macht, weigert sich, an den Ställen Halt zu machen, um ihr Lieblingspferd zu begrüßen und hat anscheinend angefangen zu trinken. Das beschreibt den Fall, richtig?«

»Abgesehen von den Vorgängen in der Gruft.«

»Das ist eine ganz andere Gedankenkette. Es gibt zwei, und ich möchte Sie sehr darum bitten, sie nicht durcheinander zu bringen. Gedankenkette A, die Lady Beatrice betrifft, hat einen ziemlich üblen Beigeschmack, oder etwa nicht?«

»Also ich kann daraus nicht schlau werden.«

»Nun, dann lassen Sie uns Gedankenkette B nehmen, die Sir Robert betrifft. Er ist irrsinnig scharf darauf, das Derby zu gewinnen. Er befindet sich in den Fängen von Geldverleihern, kann jeden Moment gepfändet werden und sein Rennstall kann ihm von seinen Gläubigern weggenommen werden. Er ist ein waghalsiger und verzweifelter Mann. Sein Einkommen bezieht er von seiner Schwester. Das Mädchen seiner Schwester ist sein willfähriges Werkzeug. So weit scheinen wir uns noch auf ziemlich festem Grund zu bewegen, oder was meinen Sie?«

»Aber die Gruft?«

»Ah, ja, die Gruft! Nehmen wir einmal an, Watson – es ist bloß eine skandalöse Vermutung, eine Hypothese um der logischen Argumentation willen – dass Sir Robert seine Schwester umgebracht hat.«

»Mein lieber Holmes, das ist doch außerhalb jeder Betrachtung!«

»Sehr wahrscheinlich, Watson. Sir Robert ist ein Mann von der ehrenwerten Sorte. Aber gelegentlich findet sich zwischen lauter Adlern auch mal eine Rabenkrähe. Lassen Sie uns für einen Moment mal von dieser Annahme ausgehen. Er könnte nicht aus diesem Land fliehen, bevor er nicht sein Vermögen zu Geld gemacht hat, und dieses Vermögen könnte nur zu Geld gemacht werden, indem er diesen Coup mit Shoscombe Prince landet. Deshalb muss er noch hier bleiben. Und um das tun zu können, müsste er die Leiche seines Opfers verschwinden lassen und er müsste jemanden finden, der ihre Rolle spielen kann. Mit ihrem Mädchen als seiner Vertrauten wäre das nicht unmöglich. Die Leiche der Lady hätte er in der Gruft verstecken können, ein Ort, an den sich kaum einmal jemand verirrt, und dann hätte sie heimlich in der Nacht in der Heizung eingeäschert werden können, wobei nur noch ein Beweisstück übrig geblieben wäre, wie wir es gesehen haben. Was sagen Sie dazu Watson?«

»Nun, das ist alles möglich, wenn Sie die ursprüngliche monströse Vermutung als Tatsache ansehen.«

»Ich glaube, da gibt es ein kleines Experiment, das wir morgen machen können, um ein wenig Licht in die Angelegenheit zu bringen. In der Zwischenzeit, um bei Laune zu bleiben, schlage ich vor, dass wir unseren Wirt auf ein Glas von seinem eigenen Wein einladen und mit ihm ein erhabenes Gespräch über Aale und Weißfische führen, was ja so ganz nach seinem Sinne zu sein scheint. Und vielleicht stoßen wir dabei ja auch noch auf ein wenig nützlichen lokalen Tratsch.«

Am nächsten Morgen entdeckte Holmes, dass wir keine Blinker für unsere Angeln dabei hatten, was uns für diesen Tag vom Angeln befreite. Gegen elf Uhr brachen wir zu einem Spaziergang auf, und er erhielt die Erlaubnis, den schwarzen Spaniel mitzunehmen.

»Das ist Shoscombe Old Place,« sagte er, als wir zu einem hohen Parktor kamen, auf dessen Pfeilern zwei Wappengreife thronten. »Mr. Barnes sagte mir, dass die alte Dame gegen Mittag immer eine Ausfahrt macht, dann muss die Kutsche langsamer fahren, während das Tor geöffnet wird. Wenn sie durchgefahren ist und noch bevor sie wieder schneller wird, möchte ich, dass Sie, Watson, den Kutscher mit irgendeiner Frage aufhalten. Kümmern Sie sich nicht um mich. Ich werde hinter diese Stechpalme stehen und sehen, was es zu sehen gibt.«

Wir mussten nicht lange warten. Nach einer Viertelstunde sahen wir einen großen offenen gelben Landauer die lange Allee entlang kommen. Bespannt war er mit zwei prächtigen hochtrabenden grauen Kutschpferden. Holmes verzog sich mit dem Hund hinter seinen Busch.

Ich stand unbekümmert meinen Spazierstock schwingend in der Toreinfahrt. Ein Torwärter kam herausgestürzt und das Tor schwang auf.

Die Kutsche hatte auf Schrittgeschwindigkeit verlangsamt, und ich konnte einen Blick auf die Insassen werfen. Eine höchst farbenfroh gekleidete junge Frau mit strohblonden Haaren und frechen Augen saß auf der linken Seite. Rechts von ihr eine alte Person mit krummem Rücken und einem Wirrwarr von Schals vor dem Gesicht und um die Schultern, die ganz unverhohlen ihre Gebrechlichkeit kundtat. Sobald die Pferde die Straße erreicht hatten, hob ich gebieterisch die Hand, und als der Kutscher die Pferde gezügelt hatte, erkundigte ich mich, ob Sir Robert sich wohl auf Shoscombe Old Place aufhielte.

Im selben Moment trat Holmes hervor und ließ den Hund von der Leine. Mit freudigem Gebell jagte er auf die Kutsche zu und sprang auf das Trittbrett. Dann aber verwandelte sich seine freudige Begrüßung schlagartig in ein wütendes Toben, und er schnappte nach dem schwarzen Kleid über sich.

»Fahren Sie zu! Fahren Sie zu!« kreischte eine raue Stimme. Der Kutscher trieb die Pferde an, und wir blieben am Straßenrand zurück.

»Nun, Watson, das war der Beweis,« sagte Holmes, während er den aufgeregten Spaniel wieder an die Leine nahm. »Er dachte, es wäre sein Frauchen, aber dann merkte er, dass es eine Fremde war. Hunde irren sich nie.«

»Aber das war doch die Stimme eines Mannes!« rief ich.

»Ganz recht! Damit haben wir einen weiteren Trumpf in der Hand, Watson, aber trotzdem müssen wir unser Blatt mit Umsicht ausspielen.«

Anscheinend hatte mein Gefährte keinen weiteren Pläne für diesen Tag, und wir hängten unsere Angeln in den Mühlgraben mit dem Ergebnis, dass wir eine Forellenmahlzeit zum Abendessen hatten. Erst nach dieser Mahlzeit zeigte Holmes Zeichen erneuerter Tatkraft. Und wieder fanden wir uns auf derselben Straße wie am Vormittag, die uns zum Parktor führte. Eine schlanke, dunkle Gestalt erwartete uns dort, die sich als unser Bekannter aus London herausstellte, Mr. John Mason, der Trainer.

»Guten Abend, Gentlemen,« sagte er. »Ich habe Ihre Nachricht erhalten, Mr. Holmes. Sir Robert ist noch nicht zurückgekehrt, aber wie ich hörte, wird er heute Nacht zurück erwartet.«

»Wie weit ist die Gruft vom Haus entfernt?« fragte Holmes.

»Gut eine Viertelmeile.«

»Dann glaube ich, wir können ihn vollkommen ignorieren.«

»Ich kann mir das nicht erlauben, Mr. Holmes. Sofort wenn er ankommt, will er mich immer sehen und die letzten Neuigkeiten von Shoscombe Prince hören.«

»Verstehe! In diesem Fall müssen wir ohne Sie ans Werk machen, Mr. Mason. Sie können uns die Gruft zeigen und uns dann alleine lassen.«

Es war eine stockdunkle, mondlose Nacht, aber Mason führte uns sicher über die Wiesen, bis vor uns eine dunkle Masse auftauchte, die sich als die uralte Kapelle herausstellte. Durch eine Lücke im Mauerwerk betraten wir das, was einmal die Vorhalle gewesen war, und unser Führer suchte seinen Weg über Haufen von Steinbrocken stolpernd zu der Ecke des Gebäudes, wo eine steile Treppe in die Gruft hinunter führte. Er riss ein Streichholz an und beleuchtete den trübseligen Ort – trostlos, übel riechend, mit uralten zerbröckelnden Wänden aus grob behauenen Steinen und Stapeln von Särgen, einige aus Blei, andere aus Stein, die auf der einen Seite bis zur zum Deckengewölbe hinauf reichten, das sich in den Schatten über unseren Köpfen verlor. Holmes hatte seine Laterne entzündet, die einen winzigen Tunnel lebhaften gelben Lichts auf die traurige Szenerie warf. Ihr Licht wurde zurückgeworfen von den Plaketten der Särge, viele von ihnen verziert mit dem Greif und dem Krönchen dieser alten Familie, die ihre Ehre selbst bis zur Pforte des Todes trugen.

»Sie erwähnten einige Knochen, Mr. Mason. Könnten Sie sie uns zeigen, bevor Sie gehen?«

»Sie liegen hier in dieser Ecke.« Der Trainer schritt hinüber und stand in stummer Überraschung da, als unser Licht auf sein Gesicht gerichtet wurde. »Sie sind weg,« sagte er.

»Das habe ich erwartet,« sagte Holmes kichernd. »Ich könnte mir vorstellen, dass ihre Asche sich nun genau in dem Ofen befindet, der schon einen Teil von ihnen verschlungen hat.«

»Aber warum in aller Welt sollte jemand die Knochen eines Menschen verbrennen wollen, der schon seit tausend Jahren tot ist?« fragte John Mason.

»Das herauszufinden sind wir hier,« sagte Holmes. »Es könnte eine lange Suche werden, und wir brauchen Sie nicht weiter aufzuhalten. Ich denke, wir werden unsere Lösung noch vor Tagesanbruch haben.«

Nachdem John Mason uns verlassen hatte, machte Holmes sich ans Werk und nahm eine sehr sorgfältige Untersuchung der Särge vor, die von sehr alten in der Mitte, die aus der angelsächsischen Zeit zu stammen schienen, über eine lange Reihe von normannischen Hugos und Odos reichten, bis wir bei Sir William und Sir Falder im achtzehnten Jahrhundert anlangten. Es dauerte eine Stunde oder länger, bis Holmes zu einem Bleisarg am Ende in der Nähe des Grufteingangs kam. Ich hörte seinen kleinen Ausruf der Befriedigung und sah an seinen eiligen, aber zielgerichteten Bewegungen, dass er sein Ziel erreicht hatte. Mit seiner Lupe untersuchte er eifrig die Kanten des schweren Deckels. Dann zog er ein kurzes Stemmeisen aus der Tasche, einen Kisten-Öffner, den er in den Spalt schob und hob die ganze Front an, die nur von ein paar Klammern gesichert zu sein schien. Es gab ein herzzerreißendes, kreischendes Geräusch, als er nachgab, aber er hatte sich kaum nach hinten gedreht und teilweise seinen Inhalt enthüllt, als es eine unerwartete Unterbrechung gab.

Über uns in der Kapelle waren Schritte zu hören. Es war der feste, schnelle Schritt von jemand, der mit einem klaren Ziel kam und den Boden, über den er ging, sehr gut kannte. Ein Lichtstrahl leuchtete die Treppe herunter, und einen Augenblick später stand der Mann, der es trug, im gotischen Türbogen. Er war eine furchterregende Gestalt, von riesiger Statur und aufbrausender Art. Die große Stalllaterne, die er vor sich hielt, beschien von unten ein Gesicht mit einem dichten, buschigen Schnurrbart und zornigen Augen, die blitzend in jeden Winkel der Gruft blickten und sich schließlich mit einem tödlichen Ausdruck auf meinen Gefährten und auf mich richteten.

»Wer zum Teufel sind Sie?« donnerte er. »Und was machen Sie auf meinem Besitz?« Und als Holmes keine Antwort gab, machte er ein paar Schritte auf uns zu und hob einen schweren Stock, den er bei sich trug. »Hören Sie mich?« schrie er. »Wer sind Sie? Was tun Sie hier?« Sein Knüppel zitterte in der Luft.

Aber anstatt zurückzuweichen, ging Holmes auf ihn zu.

»Ich muss Sie auch etwas fragen, Sir Robert,« sagte er mit seiner festesten Stimme. »Wer ist das? Und was macht sie hier?«

Er drehte sich um und schob den Sargdeckel hinter sich auf. Im Glanz der Laterne, sah ich eine Leiche von Kopf bis Fuß in ein Laken gehüllt mit schrecklichen hexenhaften Zügen, ganz Nase und Kinn und mit trüben, glasigen Augen, die aus einem entfärbten, verfallenen Gesicht starrten.

Der Baronet taumelte mit einem Aufschrei zurück und hielt sich an einem der Steinsarkophage fest.

»Wie haben Sie das herausgefunden?« rief er. Und dann, langsam wieder in seine wilde Art verfallend: »Und was geht Sie das überhaupt an?«

»Mein Name ist Sherlock Holmes,« sagte mein Gefährte. »Vielleicht kennen Sie ihn ja. Jedenfalls ist mein Geschäft das eines jeden anderen guten Bürgers – dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Mir scheint, Sie haben eine Menge Fragen zu beantworten.«

Sir Robert starrte ihn für einen Moment zornig an, aber Holmes‘ ruhige Stimme und seine kühle, selbstsichere Art verfehlten ihre Wirkung nicht.

»Bei Gott, Mr. Holmes, es hat alles seine Richtigkeit,« sagte er. »Der Anschein spricht gegen mich, das muss ich zugeben, aber ich konnte nicht anders handeln.«

»Ich wäre froh, wenn ich das auch so sehen könnte, aber ich fürchte, Sie müssen Ihre Erklärungen vor der Polizei abgeben.«

Sir Robert zuckte die Achseln.

»Schön, wenn es sein muss, dann muss es eben sein. Kommen Sie mit zum Haus, dann können Sie selbst urteilen, wie die Dinge stehen.«

Eine Viertelstunde später befanden wir uns nach den polierten Läufen in den Glasschränken zu urteilen, im Waffenzimmer des alten Hauses. Es war behaglich möbliert, und hier verließ uns Sir Robert für einige Augenblicke. Als er zurückkam, hatte er zwei Begleiter bei sich; die eine war die blumige junge Frau, die wir in der Kutsche gesehen hatten; der andere ein kleiner rattengesichtiger Mann mit einer unangenehmen verschlagenen Art. Die beiden zeigten einen Ausdruck höchster Verwirrung, was zeigte, dass der Baronet noch keine Zeit gehabt hatte, ihnen die Wende im Lauf der Ereignisse zu erklären.

»Das hier,« sagte Sir Robert mit einer Handbewegung, »sind Mr. Und Mrs. Norlett. Mrs. Norlett war unter ihrem Mädchennamen Evans für einige Jahre das Mädchen meiner Schwester. Ich habe sie hierher gebracht, weil ich glaube, das es am besten ist, wenn ich Ihnen die wahre Lage erkläre, und sie sind die beiden einzigen Menschen auf der Welt, die bestätigen können, was ich sage.«

»Ist das denn nötig, Sir Robert? Haben Sie auch gut überlegt, was Sie da tun?« fragte die Frau weinerlich.

»Soweit es mich betrifft, lehne ich jede Verantwortung ab,« sagte ihr Ehemann.

Sir Robert bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Ich werde die ganze Verantwortung übernehmen,« sagte er. »Nun, Mr. Holmes, hören Sie sich eine einfache Schilderung der Tatsachen an.

Ganz offensichtlich sind Sie schon ziemlich tief in meine Angelegenheiten vorgedrungen, sonst hätte ich Sie nie dort angetroffen, wo ich Sie gefunden habe. Deshalb wissen Sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch schon, dass ich beim Derby einen Außenseiter laufen lasse und dass alles von meinem Erfolg dabei abhängt. Wenn ich gewinne, dann wird alles wieder gut. Wenn ich verliere – ich wage gar nicht daran zu denken!«

»Ich kann Ihre Lage verstehen,« sagte Holmes.

»Ich bin völlig von meiner Schwester Beatrice abhängig. Aber es ist allgemein bekannt, dass ihre Rente aus dem Besitz ganz allein für ihren eigenen Lebensunterhalt bestimmt ist. Was mich betrifft, bin ich ganz in der Hand von Geldverleihern. Ich habe immer gewusst, dass wenn meine Schwester sterben würde, meine Gläubiger sofort über meinen Besitz herfallen würden wie ein Schwarm Aasgeier. Alles würde gepfändet werden – meine Ställe, meine Pferde – einfach alles. Nun, Mr. Holmes, meine Schwester starb genau vor einer Woche.«

»Und Sie haben niemanden darüber informiert!«

»Was hätte ich denn tun können? Mit stand der vollständige Ruin vor Augen. Wenn ich die Dinge um drei Wochen aufschieben könnte, wäre alles gut. Der Mann ihres Mädchens – dieser Mann hier – ist Schauspieler. Es kam uns in den Sinn – in meinen Sinn – dass er für diese kurze Zeitspanne meine Schwester verkörpern könnte. Es ging einfach nur darum, sich täglich in der Kutsche blicken zu lassen, denn niemand musste zu ihr ins Zimmer kommen abgesehen von ihrem Mädchen. Es war nicht schwer zu arrangieren. Meine Schwester starb an der Wassersucht, die sie so lange geplagt hatte.«

»Darüber wird der Coroner befinden müssen.«

»Ihr Arzt wird bestätigen, dass seit Monaten ihre Symptome auf solch ein Ende hindeuteten.«

»Und was taten Sie?«

»Ihre Leiche konnte nicht im Haus bleiben. In der ersten Nacht schafften Norlett und ich sie ins alte Brunnenhaus, das jetzt nicht mehr genutzt wird. Aber ihr Lieblingsspaniel folgte uns und kläffte ständig an der Tür. Mir wurde klar, dass wir einen sichereren Ort brauchten. Ich wurde den Spaniel los, und wir trugen die Leiche in die Gruft unter der Kapelle. Das war nicht würde- oder pietätlos, Mr. Holmes. Ich glaube nicht, dass ich der Toten ein Unrecht angetan habe.«

»Ihr Verhalten erscheint mir unentschuldbar, Sir Robert.«

Ungeduldig schüttelte der Baronet den Kopf. »Es ist sehr leicht zu predigen,« sagte er. »Vielleicht würden Sie anders darüber denken, wenn Sie in meiner Lage gewesen wären. Man kann nicht zusehen, wie all seine Hoffnungen und all seine Pläne im letzten Moment zerschmettert werden, ohne irgend etwas zu unternehmen, um sie zu retten. Mir schien es, dass es keine unwürdige Ruhestätte wäre, wenn wir sie für diese Zeit in einen der Särge der Vorfahren ihres Mannes legen würden, die auf immer noch geweihtem Grund stehen. Wir öffneten so einen Sarg, entfernten den Inhalt und legten sie hinein so, wie Sie sie gefunden haben. Und die alten Überbleibsel, die wir herausgenommen hatten, konnten wir ja nicht auf dem Boden der Gruft liegen lassen. Norlett und ich entfernten sie, und er stieg nachts in den Keller hinunter und verbrannte sie in der Zentralheizung. Da haben Sie meine Geschichte, Mr. Holmes.«

Für einige Zeit saß Holmes gedankenverloren da.

»Ihre Geschichte hat einen Fehler, Sir Robert,« sagte er schließlich. »Ihre Wetten beim Rennen, und deshalb ihre Hoffnungen für die Zukunft, wären gültig geblieben, selbst wenn Ihre Gläubiger Ihren Besitz pfänden würden.«

»Das Pferd wäre ein Teil des Besitzes. Und was kümmern die meine Wetten? Höchstwahrscheinlich würden sie ihn bei dem Rennen überhaupt nicht laufen lassen. Mein größter Gläubiger ist unglücklicherweise auch mein erbittertster Feind – ein niederträchtiger Bursche, Sam Brewer, den ich einmal auf der Newmarket Heath auspeitschen musste. Glauben Sie denn, dass er versuchen würde, mich zu retten?«

»Nun gut,« sagte Holmes und erhob sich, »über diese Angelegenheit muss natürlich die Polizei informiert werden. Es war meine Pflicht, die Fakten ans Licht zu bringen, und da muss ich sie auch lassen. Über die Moral oder den Anstand Ihres Verhaltens eine Meinung zu äußern, steht mir nicht zu. Es ist beinahe Mitternacht, Watson, und ich denke wir sollten uns auf den Weg zu unserer bescheidenen Herberge machen.

Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass diese einzigartige Episode einen glücklicheren Ausgang nahm, als Sir Roberts Taten verdient hätten. Shoscombe Prince siegte beim Derby, und sein Eigner gewann mit seinen Wetten unter dem Strich achtzigtausend Pfund, und seine Gläubiger hielten still, bis das Rennen gelaufen war. Sie wurden vollständig befriedigt, und es blieb noch genug übrig, damit Sir Robert sich wieder in einer angenehmen Position im Leben einrichten konnte.

Die Polizei und der Coroner behandelten die Vertuschung mit Nachsicht, und abgesehen von einem milden Verweis für die verzögerte Benachrichtigung über das Ableben der Lady kam der glückliche Eigner ungeschoren davon in diesem merkwürdigen Fall; und nachdem er die Schatten und Versprechungen der Vergangenheit hinter sich gelassen hat, sieht er einem Leben entgegen, das in seinen alten Tagen ehrbar enden wird.