Sorgfältige Morde – oder: Los Angeles 1947

Vier Tage noch bis Weihnachten, und dies war mein erster Fall. Vor einigen Tagen hatte ich mich mit einem Detektivbüro selbstständig gemacht. Mit meinen letzten Army-Dollars hatte ich zu einem Spottpreis zwei Räume in einem riesigen, fast komplett leerstehenden Backsteinkasten am Bay City Boulevard gemietet, der kurz zuvor von einer Versorgungseinheit der Navy geräumt worden war, und eine Blondine namens Fromset als Sekretärin angeheuert.
Sie sah appetitlich aus und kümmerte sich die meiste Zeit um ihr Make-up und den Lack ihrer Fingernägel, während sie auf das Telefon aufpasste, das leider ziemlich still blieb.
Unterdessen bemühte ich mich, überall in der Stadt bei allen sich bietenden Gelegenheiten die Visitenkarten meiner kleinen Firma namens +++ Confidential Investigations, L.A. unters Volk zu bringen. Die drei Pluszeichen waren – zu dieser Zeit wenigstens noch – viel besser als die AAA, AAAA oder noch mehr A‘s Investigations, die damals so in Mode waren, um es bei den Telefonbucheinträgen ganz nach oben zu schaffen. Die Konkurrenz war ziemlich groß und strampelte kräftig, aber noch keiner hatte die Idee mit den drei Pluszeichen gehabt. Das würde mich auf Platz eins bringen, solange niemand mit vier oder mehr Plus ankam. Immerhin, das erste Telefonbuchjahr war damit gerettet.
Den Fall hatte mir allerdings nicht der Telefonbuchtrick eingebracht und auch nicht meine Laufarbeit durch die Bars der Stadt. Nicht direkt wenigstens. Es war vielmehr so, dass ich nach einer harten Nacht aus einer Bar stolperte, im Kopf nichts weiter als eine tiefe Sehnsucht nach meinem Bett, und plötzlich eine hinreißende schwarzgelockte Chica in meinen Armen hielt. Das lag aber nicht daran, dass einer der Whiskies schlecht gewesen wäre, sondern daran, dass einer der Absätze ihrer atemberaubend hohen Pumps in einer Gehwegritze steckengeblieben und abgebrochen war, woraufhin sie in vollem Flug auf mich zu gesegelt kam und mir haltsuchend die Arme um den Hals schlang.
Sie kicherte: »Wollen Sie mich nicht wieder herunterlassen?«
»Sehr gerne. Aber Sie werden umfallen. Ihnen fehlt nämlich ein Absatz.«
Sie blickte an sich hinunter. »Ach herrje!«
»Wohin darf ich Sie tragen, Madam?«
Ohne lange zu überlegen klammerte sie sich fester an mich und dirigierte mich zu einem auf der anderen Straßenseite geparkten zweifarbigen Packard Custom Clipper Club Sedan. Ich trug sie hinüber und ließ sie behutsam auf den Fahrersitz gleiten.
»Wird‘s denn gehen?« fragte ich.
Lachend streifte sie sich die Schuhe ab und betätigte den Starter. Der Achtzylinder sprang wummernd an.
Ich erinnerte mich an meine Mission und reichte ihr noch meine Visitenkarte. »Ich bin zwar kein Schuhmacher. Aber falls Sie mal ein anderes Problem haben sollten – ich bin so ziemlich für jeden Fall zu haben.«
Mit einem koketten Augenaufschlag versenkte sie die Karte in ihrem Dekolletee und brauste mit wehenden Haaren davon, hinein in diesen frühlingsmilden, kristallblauen kalifornischen Morgen.

Das war vor drei Tagen gewesen. Und seitdem hatte sich so einiges ereignet.
Gestern hatte das Telefon geklingelt, Miss Ohne-Absatz hatte dringend um einen Termin gebeten – und ihn nach viel Geraschel mit meinem Terminkalender auch erhalten.
Eigentlich hieß sie Consuela Woodward und war die Tochter des Zeitungsmagnaten Woodward. Schlechter hätte ich es kaum treffen können. Ich machte mir nämlich nichts aus Millionärstöchterchen, besonders dann nicht, wenn die Millionen aus dem korrupten Zeitungsgeschäft stammten. Trotzdem hörte ich mir ihre Geschichte an. Und die ging ungefähr so:
Sie als wohlversorgte Tochter hatte bisher immer ziemliche triste Weihnachten in ihrem goldenen Käfig verlebt, die noch trister wurden, seitdem ihre Mutter vor fünf Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall in Beverly Hills ums Leben gekommen war. Von da an hatte sich ihr Vater so um die Weihnachtszeit immer stärker dem Trunk hingegeben, diesmal so schlimm, dass er ganz entgegen seiner Art recht redselig wurde. Dabei war ihm rausgerutscht, dass es da noch eine Halbschwester aus einer vorehelichen Beziehung seiner Frau existierte.
Consuela, besessen von der Idee, endlich mal eine Weihnacht mit einem lieben nahen Menschen zu verbringen, hatte es sich daraufhin sofort in den Kopf gesetzt, ihr Schwesterchen bei sich haben zu müssen.
Ziemlich verrückt das Ganze. Aber der Vorschuss betrug sage und schreibe fünfhundert Mücken. Wer hätte da nein sagen können?
Allerdings, Ansatzpunkte gab es praktisch Null. Alles, was sie mir sagen konnte, waren der mutmaßliche Name Martina Ybarra und ein paar sehr unbestimmte Vermutungen, dass sie sich noch irgendwo an der Westküste in der Gegend von L.A. aufhalten müsste.

Ich warf das volle Ermittlerprogramm an. Wenn ich auch neu in der Detektivbranche war, so war ich doch kein Greenhorn – zweieinhalb Jahre beim CID der Military Police auf Okinawa hatten mich das Handwerk hübsch gründlich gelehrt. Also, viel Herumgewühle in Verzeichnissen aller in Frage kommenden Ämter, Mikrofilm-Recherchen in öffentlichen Bibliotheken, Abklappern von Adressen möglicher Bezugspersonen, etc., etc. Damit hatte ich den gestrigen Nachmittag, die halbe Nacht und den heutigen Vormittag zugebracht. Und deshalb befand ich mich jetzt kurz vor Bakersfield in Richtung Norden. Es gab Indizien, dass mich ein kleiner Abstecher hoch zum Little Puma Lake in dieser Sache weiterbringen könnte.
Leider hatte sich auch das Wetter verändert. Vom Pazifik her trieb ein eisiger Wind tiefhängende, fast schwarze Wolken heran, die klatschkalte Regenfluten niedergehen ließen. Alle Welt rauschte inzwischen komfortabel mit den neuesten Nachkriegsmodellen von General Motors, Ford und Chrysler durch die Gegend. Mein Wagen war ein ausrangierter Willy‘s Jeep aus Armeebeständen, nicht gerade der letzte Schrei, dafür sehr preiswert, außerordentlich zuverlässig und unbedingt geländegängig. Zwar hatte er ein Verdeck, aber die Seiten waren offen. Und so machte mir der verdammte Regen ziemlich zu schaffen. Eingewickelt in meinen Trenchcoat saß ich bibbernd übers Lenkrad gebeugt und versuchte voranzukommen. Ich musste bald eine Bar finden, um mich aufzuwärmen. Oben in den Bergen würde es vielleicht sogar schon schneien.
Ein paar Meilen vor Bakersfield flimmerte mir die Neonreklame eines Ausspanns durch die regenüberströmte Windschutzscheibe entgegen. Ich lenkte den Wagen an die Tanksäulen, ließ kurz auffüllen, parkte und sprintete dann in den Diner. Am Tresen lümmelten ein paar Trucker. Die meisten Tische waren frei. An einem von ihnen ließ ich mich nieder und bestellte Whisky, Kaffee und Eier mit Speck – in dieser Reihenfolge.
Über dem Tresen und in den großen Fenstern blinkten bunte Lichtergirlanden aus Anlass des Frohen Festes. Die Trucker schäkerten mit der unechten Blondine am Tresen und foppten sich gegenseitig mit derben Scherzen. Ein ältliches Ehepaar kam herein, suchte sich einen Tisch und bestellte dasselbe wie ich mit Ausnahme des Whiskys.
Ich war gerade mit den Eiern mit Speck fertig, als vor den Fenstern abrupt ein 1947er Studebaker Business Coupe stoppte. Die Tür ging auf, und ein großer Mann kam herein. Regen tropfte von seiner Hutkrempe. Seine Augen überflogen kurz den Raum. Er entschied sich für einen Platz am Tresen, ließ dort einige Sitze zwischen sich und dem nächsten Trucker frei und bestellte Whisky.
Auf dem Highway heulte mit Blaulicht und Sirene ein Streifenwagen vorbei. Unvermittelt brach der Ton der Sirene ab. Der letzte Schluck Whisky rann angenehm wärmend durch meine Kehle. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Streifenwagen wieder zurückkam, ohne Blaulicht und Sirene, und mit ausgeschaltetem Motor vor dem Eingang ausrollte. Seine lange Funkantenne auf dem hinteren linken Kotflügel wippte nur ganz leicht. Niemand schien ihn zu bemerken.
Dann krachte die Tür auf, ein State Trooper mit gezogener Waffe stand im Rahmen und brüllte: »Wem gehört der Studebaker da draußen?!«
Der Mann mit der triefenden Hutkrempe, der mit dem Studebaker gekommen war, reagierte nicht. Alle anderen waren wie versteinert.
»Was, was?« rief der Officer nervös.
In diesem Moment wirbelte der Mann mit dem triefenden Hut herum und eröffnete das Feuer aus einer .38er. Mitten in die Stirn getroffen ging der Officer zu Boden, allerdings nicht ohne das Feuer zu erwidern. Darauf kippte der Studebaker-Mann von seinem Sitz. Zwei Mann mausetot innerhalb von zehn Sekunden – Weihnachten in Kalifornien.
Im nächsten Moment füllten sich die Fenster des Diners mit dem Lichtergefackel und Heulen von einem halben Dutzend Streifenwagen. Offensichtlich hatte der Officer noch Verstärkung angefordert.
Ein bulliger Mann im Regenmantel stieg über die Leiche des Officers hinweg und dröhnte: »Ich bin Sheriff Wayne – wer von Ihnen ist Brumby Wilson?«
Ohne den Namen zu kennen, richteten die geschockten Gäste instinktiv ihre Blicke auf den toten Mann neben dem Barstuhl. Der Sheriff walzte zu ihm hinüber, verpasste ihm einen Fußtritt, dass er auf den Rücken rollte, und studierte sein Gesicht. »Ja-ah, das ist er.« Er blickte sich nach dem State Trooper mit dem klaffenden Loch mitten in der Stirn um und schnaufte. »Ein Police-Officer ist ums Leben gekommen. Das erfordert eine genauere Untersuchung. Deshalb muss ich Sie alle hier aufs Sheriff‘s Büro bitten, Ladies and Gentlemen.«
Davon waren alle anderen genauso wenig begeistert wie ich. Widerstrebend quetschten wir uns in die Streifenwagen und ließen uns zum Sheriff‘s Büro in Bakersfield transportieren.

Bakersfield muss man nicht gesehen haben. Das Sheriff‘s Büro dort noch viel weniger. Es war ein Flachbau mit grünlich gestrichenen Korridoren und flackernden Deckenlampen. Wir wurden in einen großen Warteraum geführt und kamen dabei an der offen stehenden Tür eines Vernehmungsraums vorbei, in dem ein blonder Detective mit gewichstem Schnurrbärtchen gerade dabei war, aus einem schwerfälligen, offensichtlich nicht übermäßig intelligenten Burschen vom Lande ein Geständnis herauszufragen. Der Detektiv war die Freundlichkeit in Person und der Bursche ihm in keiner Hinsicht gewachsen. Das Geständnis war nur eine Frage von Stunden, vielleicht sogar nur von Minuten.
Im Warteraum warteten wir. Der Sheriff ließ es sich nicht nehmen, einen nach dem anderen von uns persönlich zu befragen. Ich kam als Letzter dran.

Wayne war ein fetter Mann mit mehreren Doppelkinnen und einem teigigen Gesicht. Tief darin eingebettet lagen zwei Äuglein, viel zu klein, um irgendeinen Ausdruck zu haben.
»Wer hat zuerst geschossen?«
»Der Studebaker-Mann.«
»Soso, und dann?«
»Schoss der State Trooper. Und der Studebaker-Mann fiel vom Hocker.«
»Sie sind nicht von hier, wie?«
»Nein.«
»Was führt Sie in unsere Gegend?«
»Ich bin nur auf der Durchreise.«
»Von wo und wohin?«
»Von L.A. hoch in die Berge.«
»Darf man fragen, in welcher Angelegenheit?«
»Eine Privatsache.«
Wayne begann, mit seinen Wurstfingern auf der Schreibtischplatte herumzutrommeln, und sah ihnen dabei zu. Schließlich tat er einen Schnaufer und sagte: »Jungchen, da draußen liegt ein State Trooper tot auf dem Boden mit einem .38er Loch im Schädel. Und Sie waren dabei, als es geschah. Da gibt es nichts Privates mehr, nicht das allerkleinste Fitzelchen. Also …«
Ich tat, als ob ich darüber nachdächte und erklärte: »Eine Vermisstenangelegenheit.«
»Sind Sie ein Bulle?«
»Das nicht gerade – Privatdetektiv.«
»Hm, soso, und seit wann schon?«
»Sie meinen, seit wann ich Privatdetektiv bin?«
»Ganz genau, Jungchen.«
»Seit letzter Woche.«
Das teigige Gesicht hellte sich auf. Anscheinend glaubte er, einen Ansatzpunkt gefunden zu haben. Und mit einem tückischen Lächeln erkundigte er sich: »Und wie haben Sie sich Ihre Sporen für diesen Job verdient?«
Er meinte wohl, ich sei einer von den vielen Amateuren in der Branche, die ohne irgendwelche Vorkenntnisse zu Werke gingen in der Hoffnung, auf einfache Art ein paar Dollars machen zu können. Bedächtig stopfte ich mir eine Pfeife und paffte blaue Wolken in die Luft. Dann sagte ich: »Bei der Military Police, CID auf Okinawa.«
Das war nicht das, was er erwartet hatte. Der triumphierende Unterton in seiner Stimme war plötzlich weg. Leicht verunsichert fragte er: »Können Sie das irgendwie beweisen, Jungchen?«
Ich klemmte mir die Pfeife zwischen die Zähne, durchsuchte die Taschen meines Jacketts und beförderte meine Lizenz als Privatdetektiv ans Tageslicht und warf sie ihm hin. Zufällig hatte ich auch noch meinen alten Military-Police-Ausweis bei mir und pfefferte ihn hinterher.
Wayne beugte sich vor und studierte beide Dokumente eingehend. Seine in Falten gelegte Stirn straffte sich und er patschte mit seiner fetten Hand auf den Tisch. »So! Und dann verraten Sie mir doch mal, Jungchen, wie es sein kann, dass ein Mann, dem gerade eben die graue Matsche aus dem Schädel geblasen wurde, noch einen gezielten Schuss abgeben kann.«
Eine gute Frage. Ich musste zugeben, dass ich sie mir auch schon gestellt hatte – in meinen hintersten Gehirnwindungen. Ich orakelte: »Ein letzter Reflex?«
Wayne starrte mich an mit seinen kleinen Augen. Langsam sagte er: »Der letzte Reflex eines sterbenden Mannes ist Entspannung. Vollkommene Entspannung. Aller Muskeln. Da macht keiner mehr einen Finger krumm.«
»Zufall?« machte ich einen weiteren Vorschlag.
Ein feindseliges Grinsen flog über sein teigiges Gesicht. »Auf acht Meter? Im Fallen? Sie glauben wohl noch an den Weihnachtsmann, Jungchen.«
»Also?«
Er ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen. »Meine Männer untersuchen gerade noch den Tatort. Sie werden jedes noch so kleine Steinchen umdrehen – alte Jonathan-Wayne-Schule. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch eine dritte Kugel finden werden. Irgendwo in der Decke, im Tresen oder im Boden, was weiß ich. Und es wird die Kugel aus der Kanone des unglückseligen State Troopers sein. Wollen wir wetten?«
»Lieber nicht.«
»Sehr weise, Jungchen. Also, was ist das für eine Vermisstenangelegenheit, die Sie in unser liebliches Städtchen geführt hat?«
»Sie hat mich nicht hierher geführt. Wie ich schon sagte, ich bin nur auf der Durchreise, hinauf in die Berge, wo sich die vermisste Person eventuell aufhalten könnte.«
»Und Brumby Wilson?«
»Den Namen hörte ich heute zum ersten Mal. Zuvor wusste ich nicht mal, dass der Bursche überhaupt existierte.«
»Und der Studebaker?«
»Was soll damit sein?«
»Haben Sie den auch noch nie gesehen?«
»Diesen ganz speziellen? – Nicht, dass ich wüsste.«
Er glaubte mir nicht. Wahrscheinlich glaubte er niemandem. Aber er konnte mir nichts beweisen.
Abwesend schraubte er sich eine dicke Zigarre in den Mundwinkel und paffte sie in Gang. Ein ziemlich strenger Geruch verbreitete sich im Raum. Hustend schüttelte er das Streichholz aus und schnippte es achtlos in eine Zimmerecke. »Jungchen, mal angenommen, meine kleine Theorie stimmt – und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie stimmt – dann lautet die ganz große Frage doch: Wessen Kugel steckt in Brumby Wilson, wenn nicht die des State Troopers?«
»Ich habe aber nur zwei Schüsse gehört.«
»Schön, aber nehmen wir doch mal an, dass zwei Schüsse gleichzeitig fielen.«
»Dann hätte jemand mit einem ziemlich guten Zeitgefühl die Situation ausgenutzt, um Brumby Wilson ins Jenseits zu befördern.«
Wayne fixierte mich durch die dicken Rauchschwaden, die er produzierte. »Ich wusste gleich, dass Sie ein schlaues Bürschchen sind. Mal angenommen, ich würde Sie durchsuchen, würde ich da wohl eine Kanone finden?«
»Schon möglich, aber sicher keine, die in letzter Zeit abgefeuert wurde.«
Er ließ es auf sich bewenden. »Was halten Sie von meiner kleinen Theorie?«
»Zwei Schüsse genau zur selben Zeit sind unwahrscheinlich, aber möglich. Vorausgesetzt, man hat ein scharfes Auge und ein exzellentes Reaktionsvermögen.«
Er versank in angestrengtes Nachdenken und wippte dabei mit seinem Schreibtischsessel, der bedenklich ächzte. Durch sein wildes Gepaffe hatte sich an der Spitze seiner Zigarre schon verwegen viel Asche angesammelt. Schräg vor ihm auf dem Schreibtisch stand eine miniaturisierte Nachbildung des Kolosseums in Zinn als Aschenbecher. Er benutzte ihn jedoch nicht, sondern hielt die Zigarre senkrecht, neigte sich leicht zur Seite und ließ den Ascheturm auf den Boden kippen. Dann sagte er: »Elf Leutchen waren zum Zeitpunkt der Schüsse am Tatort. Wer von ihnen könnte geschossen haben?«
»Von denen, die ich im Blick hatte, keiner, glaube ich. Aber ich hatte nicht alle im Blick. Und ich sah auch niemanden wegrennen.«
»Wen hatten Sie denn im Blick?«
»Nun, ich würde sagen, ungefähr die Hälfte der Trucker am Tresen, diesen Brumby Wilson und die beiden alten Leutchen am Tisch neben mir. Bei der Blondine hinterm Tresen bin ich mir nicht sicher, wo sie war, als die Ballerei losging.«
»Und für die, die Sie im Blick hatten, würden Sie die Hand ins Feuer legen?«
»Ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen. Noch nicht mal für mich selbst.«
Wayne dachte darüber nach und stellte fest: »Sehr vernünftig, Jungchen.«
»Sie könnten den Einschusskanal in Wilsons Leiche von der Gerichtsmedizin bestimmen lassen,« schlug ich vor. »Dann hätten Sie die Richtung, aus der der Schuss gekommen ist.«
»Natürlich könnte ich das, Jungchen. Und das werde ich auch tun. Aber das dauert. Wir haben hier keine eigene Gerichtsmedizin. Der Kadaver geht nach L.A. oder Frisco, je nachdem, wo gerade etwas frei ist. Mit viel Glück werden wir in zwei, drei Tagen ein Ergebnis haben. Aber bis dahin wäre ich gerne schon ein bisschen weiter. Ich liebe es nämlich gar nicht, wenn in meinem Bezirk Leute umgepustet werden, ohne dass man weiß, wer es getan hat. Schon gar nicht an Weihnachten und direkt neben einer Interstate. So was gibt immer eine Menge Publicity. Und wenn es schon sein muss, dann will ich, dass es wenigstens meine Publicity ist – capiche, Jungchen?«
Ich saugte an meiner Pfeife und sagte: »Aber sicher doch. Alles andere wäre ja auch völlig unamerikanisch.«
Mit schmalen Augen betrachtete er mich argwöhnisch und wollte mir offensichtlich gerade etwas um die Ohren hauen, als sich die Tür öffnete und ein hagerer Deputy neben ihn trat und respektvoll ein Papiertütchen vor ihn auf den Tisch legte. »Sie hatten mal wieder den richtigen Riecher, Sheriff.«
Wayne entleerte den Inhalt des Tütchens vor sich auf den Tisch. Er bestand aus einem Geschoss. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er es gegen das Licht, kniff dabei ein Auge zu und meinte schließlich: »Hm, ‘n bisschen deformiert. Aber .45er Kaliber, würde ich doch sagen.«
»So sieht‘s aus,« pflichtete der Deputy ihm eilfertig bei. »Könnte also zur Kanone des State Troopers passen.«
»Wo haben Sie es gefunden?«
»In den Bodendielen, ungefähr drei Meter vom State Trooper entfernt.«
Wayne ließ die Kugel mit einem hellen ‘pling‘ ins Kolosseum fallen und knurrte: »Danke, Frank.«
Still und leise zog sich der Deputy, der Frank hieß, zurück.
Wayne stützte sich auf einen Ellenbogen. »So, Jungchen, was wollten Sie mir gerade sagen?«
»Nichts.«
»Mir war aber so, als hätte ich da was gehört.«
In dem großen Büro nebenan ratterte ein Fernschreiber, und Telefone klingelten. Draußen fuhr gerade ein Streifenwagen mit heulender Sirene ab.
Ich sagte: »Ach, wissen Sie, es gibt so viele Geräusche hier.«
Der Sheriff rieb sich das Kinn. Asche fiel von seiner Zigarre auf den Tisch. Mit der hohlen Hand fegte er sie auf den Boden und pustete die letzten Krümel von sich in meine Richtung. »Nun gut, Jungchen, lassen wir das. In spätestens drei Stunden wird es hier jedenfalls wimmeln von Pressefritzen, Fotografen und Kameraleuten. Sie werden mir eine Menge Löcher in den Bauch fragen …«
Ich grinste ihn an. »Mir scheint, da haben Sie eine Menge Platz für eine Menge Fragen.«
Stutzig blickte er auf seinen Bauch und brach dann in ein dröhnendes Gelächter aus, bei dem sein Wanst nur so schwabbelte. »Sie haben‘s getroffen, Jungchen! Und Sie haben Humor, das gefällt mir.«
»Sie aber auch,« sagte ich etwas eingeschüchtert.
»Was? Getroffen oder Humor?«
»Beides. Getroffen, weil Ihre Theorie stimmt und keine Theorie mehr ist, sondern eine Tatsache. Und Humor, weil Sie über sich lachen können.«
Wayne ließ noch etwas Asche auf den Boden fallen und wurde wieder ernst. »Jungchen, ich will nicht groß drum herum reden. Die Pressefritzen sind uns auf den Fersen. Sie werden uns die Hölle heiß machen. Wir werden mindestens bis Silvester ganz groß in den Schlagzeilen sein, ob gute oder schlechte, das muss sich erst noch zeigen. Der ganze Sicherheitsapparat befindet sich allerdings schon jetzt im Weihnachtsschlaf. Ich werde jede Menge Schwierigkeiten haben, einen zuständigen Staatsanwalt oder Richter ans Telefon zu kriegen. Haftbefehle, Durchsuchungsbeschlüsse und so weiter sind Mangelware in dieser Zeit. Das ist am Jahresende immer so. Und übermorgen haben wir Heilig Abend. Da kann man den Leuten nicht mit irgendwelchen Mordermittlungen in die Bescherung platzen.«
Bedächtig rauchend sagte ich: »Ich glaube, ich weiß, was Sie mir damit sagen wollen.«
»So?«
»Ihr trauter Weihnachtsbraten daheim ist in ernster Gefahr, die Bescherung, die Christmette und so weiter – die ganze Weihnacht 1947 also.«
Unvermittelt hieb er mit der Faust auf den Tisch, dass alles darauf nur so wackelte. »Jungchen! Das alles ist schon im Eimer! Ich rede nicht von mir. Ich werde mir hier im Büro ein Feldbett aufschlagen lassen, bis alles vorbei ist. Alleine der ganze Schreibkram wird mich schon drei Tage kosten – mindestens.«
»Okay, okay, vergessen Sie, was ich gesagt habe,« beschwichtigte ich ihn. »War nicht so gemeint.«
Schnaufend nuckelte er an seiner Zigarre. Schließlich sagte er: »Jungchen, ich will ganz offen zu Ihnen sein. Ich habe hier nur drei Detectives, und einer von ihnen ist auch noch krankgeschrieben, also sind es de facto nur noch zwei. Und die Zeit läuft uns davon. Wir können jede Hilfe brauchen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns dabei ein wenig zur Hand zu gehen?«
Das kam ziemlich überraschend. Ich sagte: »Vielen Dank für das ehrenhafte Angebot. Aber ich habe gerade selber einen Job, den ich erledigen muss und bei dem mir auch die Zeit davonläuft.«
Wayne grunzte. »Hm, verstehe. War nur so ein Gedanke.«
Ich erhob mich, schnappte mir meinen Trenchcoat und machte mich auf den Weg zur Tür.
»Ach, noch was,« sagte er beiläufig zu meinem Rücken.
Ich drehte mich um. Er lächelte mich an. »Würde es Ihnen wohl etwas ausmachen, mir mal Ihre Knarre zu zeigen, Jungchen?«
»Eigentlich schon,« lächelte ich zurück und griff gleichzeitig unter meine linke Achsel, zog die Walther PPK heraus und reichte sie ihm hin.
Er untersuchte sie von allen Seiten, schnüffelte an der Mündung und stellte dann fest: »Hübsches kleines Schießeisen. Echte deutsche Qualitätsarbeit. Wundere mich bloß, warum die Deutschen laufend ihre Kriege verlieren, wenn sie doch solche Waffen bauen können.«
Das war ein weites Feld. Ich sagte nichts dazu.
»Darf man fragen, woher Sie das Ding haben? Meines Wissens ist so was hier zu Lande im Handel gar nicht erhältlich.«
»Ist ‘ne längere Geschichte,« wiegelte ich ab.
Er klatschte sie mir in die Hand zurück. »Ich würde Sie nur noch um eines bitten.«
»Und das wäre?«
»Wenn Sie aus den Bergen zurückkommen, schauen Sie doch nochmal hier vorbei.«
»Warum?«
»Kleines Fachgespräch unter Kollegen. Oder weil Weihnachten im Büro immer so langweilig ist. Suchen Sie sich‘s aus.«
Ich tippte mir grüßend an die Schläfe. »Ich werde daran denken. – Frohe Weihnacht, Sheriff.«
»Das wünsche ich Ihnen auch, Jungchen,« murmelte er noch, während ich die Tür hinter mir zuzog.

Als ich aus dem Sheriff‘s Büro trat, hatte es aufgehört zu regnen. Unschlüssig blickte ich mich um. Mein Blick fiel auf einen 1927er Buick, dessen Heck hinter der Gebäudeecke hervorragte. Der Wagen interessierte mich. Es war genauso ein Buick, wie ihn ein Onkel von mir hatte, als ich noch ein kleiner Junge war. So einen Wagen hatte ich mich immer gewünscht, wenn ich einmal groß wäre. Und noch etwas war interessant an ihm: das Kennzeichen. Irgendwo hatte ich es schon mal gehört, gelesen oder gesehen …
Plötzlich stand der hagere Deputy, der Frank hieß, neben mir und erklärte: »Der Sheriff sagt, ich soll Sie zu Ihrem Wagen zurückbringen.«
»Toller Service,« meinte ich. »Also, vamonos!«
Frank war ein schneller, sicherer Fahrer und brachte mich auch ohne Blasmusik und Leuchtreklame in null, Komma nix zu meinem Willy‘s Jeep zurück. Ich bedankte mich bei ihm, wünschte ihm noch ‚Frohe Weihnacht‘ und schwang mich hinters Steuer.
Im Diner waren keine Ermittlungsbeamte mehr zugange, aber es war immer noch geschlossen und lag dunkel und seltsam unbelebt da.

Ich startete den Motor und brauste hinaus auf den Highway. Vier Stunden hatte mich das Bakersfield-Abenteuer gekostet. Und ich wusste immer noch nicht, wer Brumby Wilson war. Aber eigentlich war mir das auch egal – ich musste Martina Ybarra finden, das war alles, was zählte.
Es war schon dunkel, als ich dreißig Meilen hinter Bakersfield die Abzweigung hoch in die Berge erreichte. Eine schnelle Fahrt von zwanzig Meilen durch Orangenhaine brachte mich an den Fuß der Vorberge. Dann waren es noch fünfzehn Meilen über kurvige Bergstraßen, und das Schild ‚Little Puma Lake – das Ziel Ihrer Urlaubsträume‘ kam in Sicht.
Ich bog ab.
Wessen ‚Urlaubsträume‘ hier wahr werden sollten, war mir nicht ganz klar. Das Sträßchen jedenfalls war in einem beklagenswerten Zustand und hätte jeden anderen Wagen außer meinen Willy‘s Jeep den Garaus gemacht. Es führte zu einem Weiler, hinter dem sich zwischen Tannen eine mondbeschienene Wasserfläche ausdehnte. Neben einer Reihe von Blockhäusern gab es ein Postamt, das schon geschlossen hatte, ein Hotel von der billigeren Sorte namens Mountain Lodge und eine Polizeistation, in der noch Licht brannte. Ich sauste hindurch, um zu der Hütte zu gelangen, die man mir in L.A. genannt hatte. Nach drei Meilen hatte ich sie erreicht. Es war ein Blockhaus direkt am See mit eigenem Bootsanleger usw.
Das Haus lag dunkel da. Kein Wagen weit und breit. Auch am Bootsanleger lag kein Boot.
Ich probierte die Klinke der Haustür. Die Tür gab willig nach. Ich trat ein und ließ meine Taschenlampe aufflammen. Nichts Verdächtiges, bis ich im Wohnzimmer ankam. Dort lag eine Frau am Boden. Tot. Ich berührte ihre Halsschlagader, sie war noch warm. Ich leuchtete ihr ins Gesicht: Martina Ybarra, ohne jeden Zweifel – die Ähnlichkeit mit Consuela war frappierend. Ich sah mich noch ein wenig in der Hütte um. Als ich gerade den Mülleimer in der Küchenzeile untersuchte, ließ mich ein Geräusch herumfahren. Es kam aus der Richtung eines Tisches, von dem tief eine Tischdecke herabhing. Ich zog die Decke beiseite und leuchtete hinunter. Ein kleines Mädchen, acht Jahre vielleicht, versuchte dem Lichtkegel meiner Taschenlampe zu entgehen. So gefühlvoll wie möglich sagte ich: »Hallo, Kleine, komm raus. Keine Gefahr mehr.«
Zögernd kam sie mir entgegengekrochen. Ich nahm sie auf den Arm – ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen mit angstvoll aufgerissenen Augen, die sie nicht von der Toten auf dem Boden lösen konnte.
»Deine Mama?« fragte ich.
Sie nickte stumm.
»Wie heißt du denn?«
»Angelina,« flüsterte sie.
»Prima,« sagte ich. »Und kannst du mir auch sagen, was hier passiert ist?«
Sie schüttelte den Kopf.

»Chief, ich glaube, es gibt Arbeit für Sie,« sagte ich, als wir eine Viertelstunde später Hand in Hand vor dem Schreibtisch des örtlichen Polizeichefs standen.
Chief Holmes, ein älterer Knabe mit schütterem grauen Haar und wässrigen Augen, betrachtete uns eingehend und sagte dann mit angenehmer Bassstimme: »Dann nehmen Sie doch erst mal Platz, mein Sohn.«
Ich zog mir einen Stuhl heran, setzte mich und nahm Angelina auf den Schoß.
Chief Holmes zündete sich umständlich eine gebogene Pfeife an und sagte: »Nun lassen Sie mal hören, mein Sohn, was führt Sie hierher, und warum gibt es Arbeit für mich?«
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Consuela Woodward und ihrer Halbschwester, die jetzt in einem Blockhaus drei Meilen von hier tot am Boden lag.
Holmes, der Angelina die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, sagte: »Oh, oh, oh. Da müssen wir zuallererst aber etwas für unsere kleine Prinzessin hier tun.« Er griff zum Telefon, sprach kurz etwas hinein.
Wenige Minuten später betrat eine ältere Frau mit Schürze das Büro.
»Darf ich bekannt machen?« sagte Chief Holmes. »Das hier ist meine Frau Trudy, und das hier sind – ähm, ich weiß noch gar nicht, wie Sie beide heißen…«
»Angelina Ybarra und John Lomas.«
»Trudy, was genau passiert ist, kann ich dir noch nicht sagen. Das müssen wir erst noch herausfinden. Aber der kleine Engel hier braucht unsere Hilfe. Es sieht so aus, als ob sie gerade ihre Mutter verloren hätte.«
Trudy hockte sich vor Angelina hin und strich ihr zärtlich über die Haare. »Meine arme Kleine.«
Chief Holmes ordnete an: »Also: heißen Kakao, Weihnachtsplätzchen und Schokolade, so viel wie sie will. Ein warmes Bett und eine Gutenachtgeschichte – eine sehr gute Gutenachtgeschichte. Und das Licht bleibt an und die Tür auf.«
Trudy blickte ihn ärgerlich über Angelina hinweg an. »Everett, ich weiß sehr gut selber, was zu tun ist.«
Mir fiel auf, dass Trudy – ungeschminkt und recht einfach gekleidet – immer noch eine ausnehmend schöne Frau war. Und vor allem eine, die sich keine Vorschriften machen ließ.
Bereitwillig ließ Angelina sich von ihr aus dem Büro führen. An der Tür blickte sie sich noch kurz zu mir um.
Ich winkte ihr zu und sagte: »Schlaf gut, Angelina. Wir sehen uns morgen.«
Die Tür klappte zu. Ich grinste Holmes an und sagte: »Wer hier im Büro der Chief ist, ist unübersehbar. Aber wer ist bei Ihnen zuhause der Chief?«
»Trudy natürlich,« knurrte er und lachte. »Wir hätten immer gerne Kinder gehabt, aber irgendwie hat das Gott – oder wem auch immer – nicht gefallen. Es ist schon komisch. Ich bin nun jetzt seit mehr als dreißig Jahren Police Chief hier. Und seitdem haben wir Kinder. Zwei, drei vier Mal pro Jahr. Könnte sein, dass das Gottes Wille ist. Ich bilde es mir wenigstens ein.«
Ich runzelte die Stirn.
»Wir sind hier so etwas wie das Gelände zum Austoben für Frisco und L.A. Im Sommer und an den Wochenenden kommen die Leute hierher und lassen die Sau raus. Auch Familien. Und da kommt es immer mal wieder vor, dass Papa und Mama sich einen zu viel zur Brust nehmen und dann beim Klettern, Baden oder Sportbootfahren irgendeinen Blödsinn machen, der sie das Leben kostet. Und am Ende des Tages stehen dann ein paar kleine Teufel mutterseelenallein da, und jemand muss sich um sie kümmern. Das sind dann in der Regel Trudy und ich. – An Weihnachten hatten wir allerdings noch nie so einen Fall. Ist einfach nichts los hier in dieser Zeit.«
»Hm, verstehe. – Sollten wir jetzt nicht langsam mal los …«
Er patschte mit der flachen Hand auf den Schreibtisch und sagte: »Sie haben ganz Recht, mein Sohn. Die Lady war tot, sagten Sie?«
»Ja. Ziemlich. Aber wie und warum – keine Ahnung.«
Der Chief stemmte sich hoch. »Dann sollten wir uns das doch mal angucken.«

Neben dem Blockhaus mit der Polizeistation stand ein altertümlicher Ford Model T Pickup.
»Hüpfen Sie rein,« forderte Holmes mich auf.
Ich kletterte auf den Beifahrersitz.
Immerhin verfügte die Karre schon über einen elektrischen Anlasser.
Der Chief ließ ihn leiern und erweckte das Maschinchen schließlich unter vielen Fehlzündungen zum Leben. Befriedigt würgte er den ersten Gang rein und bog hinaus auf die Dorfstraße.
Krachend und knallend knatterten wir durch die Nacht. Die Ganoven des Bezirks – falls es sie gab – mussten dem Chief herzlich verbunden sein, dass er sein Kommen mindestens zwei Meilen im Voraus ankündigte.

Im Blockhaus draußen am See war alles noch so, wie wir es verlassen hatten.
Holmes untersuchte die Leiche von Martina Ybarra gewissenhaft, stellte eine Wunde an ihrem Hinterkopf fest und erhob sich wieder ächzend von den Knien.
»Das Mädchen ist totgeschlagen worden,« stellte er fest und blickte sich suchend um.
Mir war ein umgekippter schwerer Kerzenständer aufgefallen, ich sagte: »Vielleicht damit?«
Holmes warf nur einen schnellen Blick darauf und sagte kurz: »Passt nicht.«
Von da an wusste ich, dass er nicht nur ein vertrauensseliger Dorfpolizist war, dem man jeden Bären aufbinden konnte. Dieser Mann hatte Klasse – als Polizist und wahrscheinlich auch noch in mancherlei anderer Hinsicht.
Wir stöberten noch ein wenig in der Blockhütte herum, fanden aber nichts, was uns weitergebracht hätte.
Holmes sagte: »Nun gut, mein Sohn. Heute werden wir nicht mehr viel ausrichten. Ich werde Frisco informieren, dass sie die Leiche abholen. Dann werde ich mich zu Bett begeben. – Und wo werden Sie nächtigen?«
»Im Mountain Lodge?« sagte ich unsicher.
»Das sollten Sie sich ganz schnell aus dem Kopf schlagen, mein Sohn,« sagte er barsch. »Ein mieseres Hotel finden Sie in ganz Kalifornien nicht.«
»Gibt‘s denn eine Alternative?«
»Natürlich gibt‘s die, mein Sohn. – Trudy und Everett Holmes!«
»Dankend angenommen,« sagte ich.

Selten habe ich besser geschlafen als in den Kissen von Trudy Holmes. Am nächsten Morgen weckte mich die Sonne des neuen Tages. Schnee war gefallen in der Nacht. Draußen war alles weiß.
In der Küche des Hauses herrschte Hochbetrieb. Trudy räumte gerade ein Gedeck ab, Angelina mampfte einen Pfannkuchen mit Schokoladencreme, und die Kaffeemaschine stieß einen Pfiff aus wie die transkontinentale Eisenbahn, als ich eintrat.
»Ich hoffe, ich komme nicht zu spät,« sagte ich.
»Aber ganz und gar nicht,« sagte Trudy und fuhr für mich ein Frühstück auf, das keine Wünsche offen ließ.
Ich ließ es mir schmecken. Angelina sah mir dabei zu und fragte dann: »Gehn wir heute an den See?«
»Du willst an den See?«
»Ja.«
»Dann gehen wir an den See.«
»Versprochen?« fragte sie.
»Großes Indianer-Ehrenwort,« mümmelte ich.
In diesem Moment kam Chief Holmes mit viel Schnee an den Schuhen hereingestiefelt und sagte: »Mr. Lomas, da gibt es so einiges, worüber wir mal sprechen sollten …«
»Tut mir Leid, Chief,« sagte ich. »Aber ich habe gerade unserem Gast Angelina das Versprechen gegeben, dass wir hinunter zum See gehen.«
Holmes holte tief Luft. Aber noch bevor er richtig Dampf ablassen konnte, fuhr Trudy ihm in die Parade: »Du hast doch gehört, was Mr. Lomas gesagt hat. Die beiden gehen jetzt erst mal runter an den See. – Du kommst später mit deinen Sachen.«
Das genügte. Entnervt stiefelte der Chief wieder hinaus.
Trudy, einen Arm in die Seite gestemmt, gab nur für einen ganz kurzen Moment ein Gefühl des Triumphs zu erkennen. Ich glaube, wenn ich dreißig oder vierzig Jahre älter gewesen wäre – und wenn sie nicht schon mit Chief Holmes verheiratet gewesen wäre –, ich hätte mich verzehrt nach ihr. – Was für ein Weib!
»Gehn wir?« fragte Angelina und blickte mich mit großen Augen an.
Ich legte Messer und Gabel beiseite und sagte: »Gehn wir.«

Durch den Schnee stapften wir an an See.
Ich wedelte eine Sitzbank frei, wir setzten uns, und ich sagte: »Also, was willst du mir sagen?«
»Ich mag meinen Papa nicht.«
»Du willst also nicht zu deinem Papa.«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Er ist so alt. Und immer streng. Und fragt mich nie etwas.«
»Und was willst du dann?«
Sie dachte nach. »Hier bleiben.«
»Beim Chief und bei Trudy?«
»Ja. Sie sind gute Eltern.«
»Das glaube ich auch.«
Schweigend blickten wir auf den See und die verschneiten Wälder drumherum.
»John?«
»Ja.«
»Hilfst du mir?«
Ich legte den Arm um sie und sagte: »Bei allem, was du brauchst, mein Engelchen.«
An mich geschmiegt flüsterte sie: »Ich möchte nicht weg von hier.«

»Chief, mir scheint, Sie haben eine Tochter,« sagte ich, als ich eine halbe Stunde später im Büro von Holmes sorgsam die Tür hinter mir geschlossen hatte.
Holmes paffte mit seiner Pfeife und meinte: »Ich fürchte, da komme ich nicht ganz mit, mein Sohn.«
»Angelina. Sie hat Sie und Trudy zu ihren Eltern erwählt.«
»Das hat sie?«
»Ja-ah. Und zwar ohne jede Diskussion.«
»Verdammich,« entfuhr es ihm.
Ich grinste ihn an. »Die Würfel sind gefallen. Angelina hat entschieden, dass sie Ihre Tochter ist. Da kann man nichts mehr machen.«
Entgeistert blickte Holmes mich an, griff dann nach dem Telefonhörer und brüllte hinein: »Trudy!!!«
Wenige Minuten später war Trudy zur Stelle.
»Weißt du, was passiert ist?« fragte Holmes.
Sie strich sich die Schürze glatt und sagte vornehm: »Angelina will bei uns bleiben – wenn es das ist, was du meinst.«
»Verdammt, verdammt! Warum bin ich immer der Letzte hier, der erfährt, was vor sich geht?!«
»Du magst Angelina nicht?«
»Natürlich mag ich sie! Sie ist verdammt nochmal der wunderbarste Engel, der mir jemals untergekommen ist!«
»Dann ist ja alles in Ordnung,« sagte Trudy überlegen und zog die Tür hinter sich zu.
Heftig paffend starrte der Chief die Tür an. »Hm, Weiber!«
»Ich weiß, ich weiß, sie machen mehr Ärger als sonst was. Aber ohne sie geht es eben auch nicht.«
Verdutzt blickte er mich an, überlegte kurz und brach dann in ein wildes Gewieher aus. »Da sagen Sie was, mein Sohn! Da sagen Sie was.«
»Vorhin in der Küche sagen Sie mir, dass wir so über einiges sprechen müssten,« erinnerte ich ihn.
»So? – Ach ja. Richtig, richtig. Die Leiche befindet sich in der Gerichtsmedizin in Frisco. Sie obduzieren sie gerade. Glaube allerdings nicht, dass sie uns noch viel Neues erzählen können. Mich interessiert vielmehr diese Halbschwester Consuela.«
»Mich würde vielmehr der Vater interessieren,« entgegnete ich trocken.
»Der Vater dieser Consuela?«
»Nein, der von Angelina. Sie sagte mir nämlich, dass sie ihn nicht mag. Dafür muss es Gründe geben.«
»Und wer ist das?«
»Keine Ahnung.«
»Dann haben wir also keine Anhaltspunkte.«
»Doch, haben wir« sagte ich. »Jemand muss gestern hier gewesen sein. Sonst wäre Martina Ybarra nicht tot. Und er muss hier durchs Dörfchen gekommen sein. Aber die Straße hierher ist ziemlich lausig. Ein 47er Cadillac zum Beispiel würde da schon nach ein paar hundert Metern die Löffel strecken. Die Fahrbahn ist einfach zu katastrophal. Mit Ihrem Model T haben Sie natürlich keine Probleme, auch ich mit meinem Willy‘s Jeep komme noch durch, aber ganz sicher niemand mit einem der neuen Nachkriegsmodelle. Die sind für so was nicht gebaut.«
Der Chief nickte. »Verstehe, mein Sohn. – Wir suchen also nach jemandem aus dem Tal, der gestern mit einem Vorkriegsmodell hier hoch kam.«
»So in etwa,« stimmte ich zu. »Je älter, desto besser. – Aber was mir noch größere Sorgen macht, ist, das mir mein Pfeifentabak langsam ausgeht. Gibt es hier irgendwo einen Laden, wo ich nachladen könnte?«
»Sie könnten gerne etwas von meinem haben. – Aber wenn Ihnen der nicht zusagt, könnten wir auch kurz mal zum Drugstore rüberhuschen und fragen, ob sie was Passendes im Programm haben.«
Er warf ein zusammengedrücktes Päckchen auf den Tisch. Wirklich eine üble Marke. Ich fragte mich, wie Trudy es so lange hatte aushalten können mit ihm.
»Also Drugstore?« fragte der Chief, meine Gedanken erratend.
»Wäre mir lieber,« gab ich widerstrebend zu.
Wir stapften hinüber zum Drugstore, der sich im selben Gebäude wie das Postamt befand. Auf den Stufen fiel mir ein kleiner Knilch von neun oder zehn Jahren auf, der dort herumlungerte und sah, wer so kam und wer so ging.
Wir betraten den Laden. Der Chief dröhnte mit seinem Bass: »Ella, mein Freund hier braucht unbedingt guten Knaster für seine Pfeife. Meiner ist ihm nicht gut genug.«
Ella, eine üppige Brünette, erschien hinter dem Tresen und lächelte erst den Chief und dann mich freundlich an. »Was darf‘s denn sein?«
Ich nannte ihr die Marke und wie viele Päckchen ich brauchte.
»Oh, das tut mir aber Leid. Erst gestern kam ein Gentleman und hat mir fast alles abgekauft. Alles, was ich habe, sind noch drei Päckchen.«
»Her damit,« sagte ich und bezahlte. »Können Sie sich vielleicht noch an diese, ähm, Gentleman erinnern? Wie sah er aus?«
Ella sah mich entgeistert an. »Na ja, wie ein besserer Herr aus der Stadt…«
»Also nicht von hier.«
»Nein.«
»Nichts Besonderes an ihm?«
»Er war blond, mit einem gewichsten Schnurrbärtchen,« sagte sie arglos.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Ich machte, dass ich aus dem Laden kam.
Auf den Stufen hockte immer noch der kleine Piesepampel und beobachtete das Geschehen im Dorf. Ich setzte mich neben ihn. »Amigo, warst du gestern auch hier?«
»Mhm, ja.«
»Den ganzen Tag?«
»Hab sonst nichts vor. Sind gerade Ferien.«
»Und ist dir da was aufgefallen?«
Er drehte den Kopf zu mir. »Was denn, Mister?«
»Irgendwelche Autos zum Beispiel, die nicht von hier sind.«
Er dachte nach. »Da war ein Buick, ein 1927er Buick, von irgendwo unten aus dem Tal. Das war der einzige, der nicht von hier war.« Er nannte mir noch das Kennzeichen. Es war das Kennzeichen, das ich inzwischen nur zu gut kannte. »Er hielt vor dem Drugstore an. Der Mann ging hinein, kaufte was und fuhr weiter. Nach einer halben Stunde kam er wieder zurück und fuhr hinunter ins Tal. Na ja, und dann war da noch ein Willy‘s Jeep. Aber das waren ja Sie. Sie fuhren erst durch und kamen dann wieder mit einem Mädchen und und stoppten und gingen ins Büro des Chiefs.« Ich ließ einen halben Dollar zu ihm rüberwachsen und sagte: »Aus dir wird mal ein verflucht guter Detektiv werden.«
Verdattert nahm er das Geld entgegen. Verdattert war auch der Chief, der hinter uns stand und alles mit angehört hatte.
»Alles in Ordnung, mein Sohn?«
»Gar nichts ist in Ordnung. – Ich muss telefonieren.«
Fünf Minuten später hatte ich Sheriff Wayne an der Strippe. Er sagte: »Jungchen, hätte gar nicht gedacht, dass wir uns so schnell wieder sprechen. Dachte, wir würden erst in der Heiligen Nacht einen andächtigen Whisky zusammen nehmen.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden,« sagte ich schnell. »Aber ich glaube, wir haben da ein größeres Problem.«
»So?«
»Einer Ihrer Detectives ist blond und hat ein gewichstes Schnurrbärtchen.«
»Das ist de Soto.«
»Was fährt er für einen Wagen?«
»‘nen 1927 Buick, glaube ich. An seinem Gehalt kann‘s nicht liegen. Ist wohl ‘n bisschen sentimental, der Bursche.«
»Kennzeichen?«
»Keine Ahnung, müsste ich mal überprüfen lassen, aber …«
»Lassen Sie‘s überprüfen und rufen Sie mich dann zurück.« Ich sagte ihm noch die Nummer und hieb den Hörer auf die Gabel.
Chief Holmes blickte mich verständnislos an. »Was ist los mit Ihnen, mein Sohn?«
Ich ließ mich in den Schreibtischsessel zurückfallen und murmelte: »Ich glaube, ich habe da gerade einen ganz bösen Traum.«
Der Chief goss zwei Whisky-Gläser voll und hielt mir eines davon hin. »Sie gefallen mir nicht, mein Sohn.«
Ich nahm einen Schluck. »Ich gefalle mir selber nicht.«
Der Chief nickte. »Was ist passiert, mein Sohn?«
Ich stopfte mir eine Pfeife und erzählte ihm dann die Geschichte, so weit ich sie kannte.
Weise nickend schmauchte Holmes seine Pfeife und sagte: »Dann warten wir jetzt also auf einen Anruf.«
»Ja. Und ich glaube nicht, dass wir sehr erfreut sein werden über das, was wir dann erfahren werden.«
»Warten wir‘s doch erst mal ab.«
Rauchend saßen wir da.
Nach einer Viertelstunde klingelte das Telefon. Der Chief meldete sich mit seiner angenehmen Bassstimme, lauschte kurz und sagte dann: »Ja, der sitzt hier neben mir.«
Er reichte mir den Hörer. Formlos kam Sheriff Wayne zur Sache und sagte mir das Kennzeichen von de Sotos Buick durch. Es stimmte.
Mit rauer Stimme sagte ich: »Sheriff, würde es Ihnen wohl etwas ausmachen, hier heraus zu kommen?«
»Jungchen, sind Sie plemplem geworden? Ich fahre doch nicht fünfzig Meilen hinauf in die Berge! Schon gar nicht so kurz vor Heilig Abend!«
»Diesmal sollten Sie aber eine Ausnahme machen,« sagte ich ernst.
Unsicher sagte er: »Ich hoffe, Sie haben einen guten Grund dafür.«
»Den habe ich. Und, bringen Sie Frank mit oder wen auch immer. Aber keinesfalls de Soto.«
»Lomas, Lomas,« schnaufte er, »ich hoffe wirklich, Sie haben einen guten Grund …«
»Kommen Sie einfach her,« sagte ich kurz. »Und nehmen Sie einen geländegängigen Wagen, sonst werden Sie steckenbleiben.« Damit legte ich auf.
Holmes schüttelte den Kopf. »Wie gehen Sie denn mit Sheriffs um, mein Sohn?«
Ich nahm einen Schluck Whisky und erklärte zuversichtlich: »In spätestens einer Stunde wird er hier sein.«

Es dauerte fünfundvierzig Minuten, um genau zu sein. Wahrscheinlich, weil Frank sein Fahrer war.
Demonstrativ bibbernd kamen sie mit hochgeschlagenen Kragen herein.
Der Chief verteilte großzügig heißen Kaffee und Whisky.
Wayne blickte mich sauer mit seinen kleinen Äuglein an. »Lomas! Ich will eine Erklärung von Ihnen!«
Ich erzählte ihm dieselbe Geschichte, die ich kurz zuvor dem Chief erzählt hatte: de Soto war hier gewesen und jetzt war Martina Ybarra tot. Das waren die Tatsachen.
»Heilige Scheiße,« sagte Wayne. Auch Deputy Frank war alles andere als begeistert.
»Wir könnten uns ja noch mal den Tatort vornehmen,« schlug der Chief vor.
Der Sheriff nickte.

Und so sausten wir noch einmal zu dem Blockhaus hinaus. Diesmal allerdings in meinem Jeep.
Im schwindenden Tageslicht ließen Frank und der Sheriff ihre Taschenlampen aufflammen und suchten den Boden vor der Blockhütte ab.

Der Sheriff fand nichts, wohl aber Frank. Er rief: »Hier ist was!«
Wir scharten uns um ihn. Unter einer Tanne, wo kein Schnee lag, war im Lichtkegel seiner Taschenlampe ein Reifenabdruck zu erkennen.
Der Chief sagte: »Ja-ah.«
Und der Sheriff: »Verdammich!«
Frank stellte nüchtern fest: »Könnte gut zu einem 1927er Buick passen.«
»Und was ist, wenn es jemand hier aus der Gegend war?« fragte ich.
»Daran möchte ich lieber gar nicht erst denken, mein Sohn,« murmelte Holmes. »Die Leute von hier und das Volk, das von unten aus dem Tal kommt, um sich mal eine gute Zeit zu machen, gehen sich eigentlich immer hübsch aus dem Weg – zu verschiedene Typen, wenn Sie wissen, was ich meine.«
Ich nickte. »Aber was hat de Soto aus Bakersfield mit Martina Ybarra aus L.A. zu tun?« fragte ich.
»Das möchte ich auch wissen, Jungchen,« grunzte Wayne.
»Ich auch, mein Sohn, ich auch. Und schließlich waren Sie es doch, der uns diesen de-Soto-Floh ins Ohr gesetzt hat.«
Wissbegierde allenthalben. Ich sagte:»Er war ja auch hier. Wir haben seinen Wagen, wir haben das Kennzeichen. Und er wurde gestern leibhaftig hier gesehen – Ella, erinnern Sie sich?«
Frank schlug vor: »Wir könnten uns nochmal das Haus vornehmen.«
Gemeinsam marschierten wir hinein und stellten die Bude auf den Kopf. Dabei blieb es Frank und mir vorbehalten, auf Händen und Knien herumzurutschen und nach der guten alten Jonathan-Wayne-Methode jedes Steinchen umzudrehen. Der Chief und der Sheriff behielten mehr das Große und Ganze im Blick.
Frank schien einen Plan zu verfolgen. Nachdem wir den Wohnzimmerboden um die Kreidefigur, die die Spurensicherungsleute aus Frisco hinterlassen hatten, gründlich, aber ohne Ergebnis abgesucht hatten, richtete er sich auf und marschierte ins Schlafzimmer. Schnell kam er wieder zurück und erklärte: »Nur zwei Betten sind benutzt.«
»Trotzdem kann ja noch jemand hier gewesen sei,« knurrte der Sheriff. »Muss ja nicht hier geschlafen haben.«
Mit federndem Gang ging Frank zur Küchenecke und warf einen Blick in die Spüle, wo benutztes Geschirr stand. »Zwei Tassen – eine mit Tee, die andere mit Kakao – zwei Teller. Keine Gläser,« sagte er mehr zu sich selber.
»Und können uns der Herr Deputy wohl auch verraten, wie lange die beiden Personen sich hier aufgehalten haben?« erkundigte der Sheriff sich sarkastisch.
Frank ließ sich von seinem Ton nicht beeindrucken. Er öffnete die Türen der Küchenmöbel und überprüfte die Vorräte. Dann untersuchte er noch den Mülleimer und meinte: »Zwei Tage – maximal, würde ich sagen.«
»Warum?«
»Im Mülleimer steckt eine Los Angeles Times mit dem Datum von vorgestern. Es ist die einzige Zeitung. Außerdem nur wenig Abfall«
Wayne wandte sich an Holmes und dröhnte: »Na, wie finden Sie das, Chief? – Gute alte Jonathan-Wayne-Schule! Ich glaube, jetzt habe ich mir eine Zigarre verdient.«
»Ja-ah« sagte der Chief gedankenversunken. »Mich würde nur noch interessieren, wie das Mädchen und die Kleine hier herauf gekommen sind.«
»De Soto könnte sie hergebracht haben. Er war gestern hier,« sagte ich.
»Daran scheint kein Zweifel zu bestehen, Jungchen – leider,« räumte Wayne widerwillig ein. »Aber das war gestern. Und die beiden waren schon seit vorgestern hier, wie es scheint.«
»Dann war er eben vorgestern schon mal hier.«
»Kann nicht sein, Jungchen. Da hatte er Dienst. Erst waren wir auf einer gemeinsamen Konferenz aller Polizeikräfte des Countys, um die Jagd nach Brumby Wilson zu organisieren, und dann haben wir uns auf die Suche nach diesem Bastard gemacht. Wir waren die ganze Zeit zusammen. Erst auf der Konferenz und dann im Wagen – im selben Wagen.«
»Aber Sie haben doch irgendwann einmal Feierabend gemacht.«
»Nicht de Soto. Er hatte noch Bereitschaftsdienst die ganze Nacht. Ist mit seinen Stunden ein wenig unter Wasser geraten in letzter Zeit.«
»Der Weg hier herauf ist keine Weltreise. Sie haben‘s in fünfundvierzig Minuten geschafft. Er könnte sich doch kurz einmal abgeseilt haben.«
»Frank hat‘s in fünfundvierzig Minuten geschafft. Aber als Fahrer hat de Soto nicht das Kaliber von Frank. Außerdem, mit seiner alten Dreckskiste hätte er eine Stunde gebraucht – mindestens. Dann hätte er noch irgendwo das Mädchen mit ihrer Tochter aufgabeln müssen. Macht hin und zurück so an die drei Stunden. Und niemand ist für drei Stunden einfach mal so weg ohne jeden Nachweis – nicht im Büro von Sheriff Wayne, Jungchen.«
Wayne paffte seine Zigarre in Gang. Ich nahm dies zum Anlass, mir eine Pfeife zu stopfen, tat das abgebrannte Streichholz wieder in die Schachtel zurück, um den Tatort nicht zu verunreinigen und fragte: »Wer ist eigentlich dieser Brumby Wilson?«
»Ein kommunistischer Spion, den uns die verdammten Sowjets untergejubelt haben, als sie mit ihrer Delegation auf der Gründungskonferenz der UNO in Frisco waren, und der seitdem im ganzen Westen und Südwesten sein Unwesen treibt,« antwortete er kurz angebunden.
»Komisch, für mich sah er mehr aus wie ein Alkoholschmuggler.«
»Alkoholschmuggel ist schon seit fünfzehn Jahren kein Vergehen mehr, Jungchen.«
Ich ließ nicht locker. »Wenn er ein Spion war, sollte dann nicht das FBI …«
»Schluss jetzt!« polterte er. »Wir sind nicht wegen Wilson hier, sondern wegen dieses toten Mädchens. Und ich denke, wir haben Sie jetzt bei Ihren Ermittlungsarbeiten mehr als ausreichend unterstützt.«
Da gab es offensichtlich einen wunden Punkt. Auch Chief Holmes runzelte nachdenklich die Stirn.
Frank hüstelte. Unsere Blicke richten sich auf ihn. »Ich hätte da noch eine Frage. Wie sind eigentlich die Spurensicherungsleute aus Frisco hergekommen?«
»Zusammen mit dem Coroner, mein Sohn. Ich hatte sie vor der Straße gewarnt. Da haben sie sich irgendwo unten an der Bergstraße mit ihm verabredet und sind bei ihm reingehüpft. Er ist viel in den Bergen unterwegs und hat einen Dodge Power Wagon Crew Cab 4×4 mit verlängerter Pritsche – für die Leichen. Damit kommt er fast so weit wie ich mit meinem Model T.«
Nachdem auch dies geklärt war, ließ er noch kurz den Blick durch die Hütte schweifen und verkündete: »Gentlemen, ich glaube, hier gibt es nicht mehr viel zu tun für uns.«

Wir traten ins Freie. Es war schon fast ganz dunkel geworden. Durch die Luft rieselten feine Schneekristalle. Der Chief atmete tief ein und meinte: »Wir werden noch mehr Schnee kriegen – ordentlich viel mehr.«
»Dann sollten wir uns mal auf die Socken machen, bevor wir hier oben noch festsitzen,« sagte der Sheriff.
»Kein Grund zur Eile,« sagte der Chief. »Wird wohl erst in zwei, drei Stunden richtig losgehen. Ich würde vorschlagen, dass Sie sich erst mal bei Trudy wieder richtig aufwärmen. Ich bin mir sicher, dass sie Ihnen noch ein ordentliches Abendessen auffahren kann. Damit werden Sie dann bestimmt wieder gut ins Tal runterkommen.«
Der Sheriff und der Deputy sahen sich an. Wayne, dem schon der Magen knurrte, entschied: »Ich muss zugeben, das ist ein Angebot, das wir nicht ablehnen können, was Frank?«
Frank, ein treuer Diener seines Herrn, stimmte zögernd zu.

Ich ließ den Wagen vor dem Haus des Chiefs ausrollen. Und während die anderen machten, dass sie in die anheimelnde Wärme von Trudys guter Stube kamen, sagte ich: »Bei Ella ist noch Licht. Ich hol mir nur noch schnell Pfeifenreiniger.«
Auf den breiten Stufen vor dem Gebäude hockte immer noch der kleine Meisterdetektiv, frierend in seine Winterjacke zurückgezogen. Mit einem kurzen Gruß stürmte ich an ihm vorbei.
» ‘n Abend, Ella. Sind Sie auch für das Postamt zuständig?«
»Natürlich, mein Sohn.« Wenn dieses ‚mein Sohn‘ keine Eigenart des örtlichen Dialekts war, dann ließ es auf eine intensivere Bekanntschaft mit Chief Holmes schließen. Ich vermied diesen Gedanken – allein schon wegen Trudy – und sagte: »Dann kann man bei Ihnen auch telefonieren. Ich brauche ein Gespräch nach L.A.«
»Folgen Sie mir.« Sie schritt durch eine Tür, in einen Raum, in dem sich das Postoffice befand.
Ich gab ihr die Telefonnummer von Consuela, und sie setzte sich vor den Vermittlungsschrank und begann mit Steckern zu hantieren. Schließlich sagte sie: »Ihr Gespräch ist in Kabine eins.«
Suchend blickte ich mich um. Es gab nur eine einzige Telefonkabine. Ich quetschte mich hinein und zog die Falttüre hinter mir zu. Es klingelte und klingelte. Niemand hob ab. Anscheinend waren die Hausangestellten schon in den Weihnachtsferien. Ich hängte ein.
»Kann man bei Ihnen auch ein Telegramm aufgeben?«
»Sicher doch.« Sie schob mir ein Formular durch den Schalter. Ich füllte es aus und gab es zurück.
Sie zählte die Wörter, murmelte den Preis und machte sich ans Morsen.
Als sie fertig war, bezahlte ich und fragte: »Haben Sie auch Pfeifenreiniger?«
»Natürlich, mein Sohn.«
Wir gingen zurück in den Laden und wickelten auch dieses Geschäft ab. Ich wünschte ihr noch eine angenehme Nacht.
Immer noch saß der kleine Kerl auf den Stufen.
»Dir ist kalt, stimmt‘s?«
»Wollen Sie Ihren halben Dollar zurück?«
»Auf gar keinen Fall! Den hast du dir redlich verdient.« Ich setzte mich neben ihn.
»Wie heißt du, mein Sohn?«
»Finn. Aber ich bin nicht Ihr Sohn.«
»Ich dachte, das sagt man hier so.«
»Nein.«
Aha.
»Mister?«
»Ich heiße John.«
»J-J-John?«
»Ja-ah.«
»Ich habe noch was gesehen gestern.«
»Noch einen Wagen?«
Er schüttelte den Kopf. »Von hier kann ich die ganze Straße sehen, von da, wo sie ins Dorf kommt, bis da, wo sie wieder hinausgeht.«
Ich folgte seinen Kopfbewegungen. Es stimmte.
Finn deutete zum Ortseingang. »Da kam ein Mann die Straße entlang. Von unten aus dem Tal. Aber er ging nicht durchs Dorf. Er überquerte die Straße und ging durch den Wald hinunter zum See, wo überall die Blockhäuser stehen.«
»Was war das für ein Mann?«
»Er hatte eine dicke Winterjacke an. Aber ich glaube, er war ein Sheriff.«
»Warum?«
»Er trug so einen Hut wie die Sheriffs.«
Auch Deputies trugen Sheriffs-Hüte. Ich fragte: »Wie sah er aus?«
»Wie der, der gerade vorhin ins Haus des Chiefs gegangen ist. Genau wie der.«
»Der dicke Ältere oder der große Jüngere.«
»Der Jüngere.«
»Sicher?«
Er nickte ernst. »Ganz sicher.«
In meinem Kopf wirbelten Bilder und Gedanken wild durcheinander.
Ich fragte: »Wann hast du diesen Mann gesehen? Nach dem Buick oder nach mir?«
»Der Mann kam, als der Buick … na ja, der Buick war schon wieder hinunter ins Tal. Und Sie mit Ihrem Willy‘s Jeep kamen gerade an vor dem Chief‘s Office.«
Automatisch wechselte ein weiterer halber Dollar den Besitzer. Ich murmelte: »Warum sitzt du eigentlich immer so lange hier rum? Ist doch viel zu kalt für dich.«
Nach langem Schweigen sagte er: »Ich will erst zuhause sein, wenn mein Pa so besoffen ist, dass er Mom nicht mehr schlägt.«
Ich sah mir das blasse verfrorene Kerlchen an. »Und dich schlägt er auch?«
Er nickte stumm.
Ich fasste einen Entschluss und sagte: »Komm, Finn, wir gehen jetzt zum Chief. Da gibt‘s heißen Kakao und Weihnachtsplätzchen, so viel, wie du willst. Keine Angst vor dem Sheriff. Der Chief und ich werden gut auf dich aufpassen. Wir müssen nämlich einen Fall lösen: du und der Chief und ich.«
Ganz langsam schob er seine eiskalte Hand in meine, und wir marschierten schräg über die Straße auf die warmen Lichter zu.

In Trudys Küche saßen der Chief, Sheriff Wayne und Deputy Frank an dem großen Tisch und warfen begehrliche Blicke auf den Braten, den Trudy gerade aus dem Backröhr zog. Auf dem Herd dampften Kartoffeln. Angelina ging der Hausherrin zur Hand und legte Gedecke auf.
»Das hat aber gedauert, Jungchen,« beanstandete der Sheriff, als wir den Raum betraten.
»Ist das nicht der Sohnemann von Hobsen?« sagte der Chief, ohne den Sheriff zu beachten.
Finn nickte schüchtern.
Ich sagte: »Er traut sich nicht nach Hause, bevor sein Dad besoffen genug ist, um ihn und seine Mom nicht mehr zu verprügeln.«
Der Chief fuhr auf. »Was?!«
Trudy hielt sofort inne und sagte zu ihm in ihrer unnachahmlich ruhigen und vornehmen Art: »Immer mit der Ruhe, Everett. Jetzt ist er hier im Warmen. Er wird Kakao kriegen und zu essen, so viel, wie er will. Und ein Bett haben wir für ihn auch, wenn es sein muss.«
Mühsam beherrscht ließ Holmes sich wieder auf seinen Stuhl zurückfallen und knirschte: »Diesen Hobson kaufe ich mir noch.«
»Morgen, Everett, morgen,« sagte Trudy.
Ich schob Finn auf einen Stuhl und setzte mich neben Frank, der mit großen Augen Trudy in ihrer ganzen Pracht anstarrte. Ich rammte ihm den Ellenbogen in die Seite und sagte zum ihm vertraulich: »Sie ist eine Super-Chica, ich weiß. Aber sie ist nichts für uns, sie gehört zum Chief.«
»Haben Sie gerade Super-Chica über mich gesagt, Mr. Lomas?«
»Na ja, das sind Sie doch.«
Wir hatten ein kurzes Augenduell. Dann brach sie in ein Gelächter aus, dass ihr fast der Braten auf den Boden gefallen wäre. »Na, Sie sind mir vielleicht einer, Mr. Lomas!«
Der Chief, der das Ganze amüsiert verfolgt hatte, meinte: »Trudy, das war ein Kompliment – ein großes Kompliment.«
Trudy wandte sich dem Braten zu und begann, ihn aufzuschneiden. »Das weiß ich auch, Everett. Eine Frau weiß, was Komplimente sind. Aber da kommen zwei Greenhorns aus dem Tal und machen einer Oma wie mir Komplimente – wo gibt‘s denn so was?«
»Der Chief hat aber Recht. Es war ein Kompliment: Sie sind eine Super-Chica,« sagte Frank eingeschüchtert.
Trudy fuhr herum und drohte ihm mit dem Bratenmesser. »Deputy, ich weiß sehr gut, was eine Chica ist, und was eine Super-Chica.«
»Eine Chica ist eine Chica,« sagte ich beschwichtigend. »Aber eine Super-Chica ist eben eine Frau von Klasse, von höchster Klasse – ganz unabhängig von ihrem Alter.«
Trudy ließ das Messer sinken. »Ach wirklich?«
»Du solltest dein Spanisch mal wieder auf Vordermann bringen,« schlug der Chief energisch vor.
Trudy wandte sich säbelnd wieder dem Braten zu.
Angelina und Finn, die Gesichter halb in ihre Kakao-Tassen versenkt, beobachteten die Szene gespannt.
»Und Sie, Mr. Lomas,« sagte Trudy beschäftigt, »hören Sie auf, mir Komplimente zu machen.«
»Das wird schwierig werden – Sie sind eine Frau, der man einfach Komplimente machen muss, weil es die Wahrheit ist.«
Sie feuerte einen Teller mit Braten, Soße, Kartoffeln und Gemüse vor mich hin. »Könnte Sie das wohl zum Schweigen bringen, Mr. Lomas?«
Es roch köstlich. Ich blickte darauf nieder und sagte: »Ja, bis ich damit fertig bin. Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass die Komplimente dann nicht sofort wieder losgehen werden.« Genießerisch sog ich den Bratenduft in mich ein. »Ganz im Gegenteil.«
Der Chief, der Sheriff und der Deputy bogen sich vor Lachen. Auch die Kinder kicherten. Und schließlich lachte auch Trudy mit. Sie lachte am lautesten.
Ich wartete, bis auch die anderen ihre Teller vor sich hatten. Dann ging das Gemampfe los mit vielen ‚ahs‘ und ‚mhms‘. Zum Schluss sagte Frank, sich die Lippen leckend, etwas unbedacht: »Que Super-Cocinera.«
Trudy, die eine Anspielung witterte, sagte pikiert: »Wie bitte?«
Der Chief erklärte: »Er sagte, dass du eine exzellente Köchin bist.«
Ich hob die Gabel. »Ich auch.«
Wayne mümmelte: »Ganz seiner Meinung. – Könnte ich vielleicht noch etwas haben?«
Trudy entspannte sich und hieb dem Sheriff noch einen großzügigen Nachschlag auf den Teller.
Alle warteten wir ab, bis der Sheriff sein Mahl beendet hatte, Messer und Gabel beiseite legte und zu Trudy sagte: »Ma‘am, das war verdammt nochmal der beste Braten, den ich jemals genossen habe. Wie kann ich Ihnen bloß danken?«
Trudy lächelte geschmeichelt. »Das haben Sie schon getan, indem Sie ihn genossen haben.«
Der Chief wollte mit amtlicher Miene etwas sagen. Aber ich fiel ihm ins Wort und fragte Frank:
»Frank, verraten Sie uns doch mal, wieso Sie gestern schon einmal hier waren – zu Fuß – und ums Dorf herum hinunter zu den Blockhäusern am See geschlichen sind.«
Frank blickte mich entgeistert an. Alle blickten mich entgeistert an. Bis auf Finn.
»Sie waren hier, Frank,« sagte ich freundlich. »Sie wurden gesehen. Leugnen zwecklos.«
»Frank?« fragte der Sheriff.
»Keine Ahnung, was er meint,« knurrte Frank.
»Ach wirklich? Ist es vielmehr nicht so, dass Sie de Soto verfolgten, Ihren Wagen versteckten, bevor Sie das Dorf erreichten, um nicht aufzufallen, und dann die letzte Meile zu Fuß zurücklegten, weil Sie genau wussten, wohin de Soto unterwegs war?«
»Sie spinnen wohl, Lomas!«
»Das glaube ich eigentlich nicht. Sie waren hier, kurz nachdem de Soto hier war. Ich war im Blockhaus, kurz nachdem de Soto da gewesen war. Ich fand Martina Ybarra tot am Boden liegend. Ohne sie jedoch genauer untersuchen zu können, weil ich mich um ihre Tochter kümmern musste. Aber vielleicht war sie da noch gar nicht tot. Jedenfalls hatte sie da noch keine Wunde am Hinterkopf. Die hatte sie erst, als der Chief und ich zurückkamen und der Chief sie untersuchte. Und die Los Angeles Times lag da auch noch nicht im Mülleimer – also?«
»Haben Sie hier etwa Beweise gepflanzt, Deputy?« fragte der Sheriff geladen.
Ich sagte: »Sie waren da, Frank. Nachdem ich da gewesen war. Und bevor ich mit dem Chief wieder zurück gekommen bin.«
Frank ruderte mit den Armen.
»Ist es vielleicht so, dass Sie de Soto da etwas in die Schuhe schieben wollten?«
Frank sagte hilflos: »Das stimmt alles nicht, Sheriff.«
»Es sieht mir aber ganz so aus, als ob es stimmt,« sagte Wayne. »Was haben Sie mit der Sache zu tun, Jungchen?«
»Gar nichts!« beharrte Frank, seine Stimme überschlug sich fast dabei.
»Nun, wir könnten ja mal unsere kleine Zeugin hier befragen,« schlug der Sheriff tückisch vor.
Ich studierte gerade die Reaktion von Frank, der einen ziemlich erschrockenen Eindruck machte. Aber da fuhr auch schon der Chief dazwischen: »Das werden wir ganz bestimmt nicht tun! Das kleine Ding steht immer noch unter Schock. Wir wollen, dass sie das Ganze so schnell wie möglich vergisst.«
»Nicht ihre Mama, aber diese schreckliche Nacht,« setzte Trudy noch vehement hinzu.
Völlig überrumpelt von dieser geballten Attacke hob der Sheriff die Hände. »Schon gut, schon gut.«
Frank entspannte sich ein wenig und meinte: »Warum sollte ich de Soto überhaupt etwas in die Schuhe schieben wollen?«
»Weil Sie scharf auf seinen Job sind?« riet ich.
Ein gackerndes Gelächter kam aus Franks Mund. »Das meinen Sie wirklich ernst, Freundchen?«
»Frank,« sagte ich geduldig. »Wir beharken uns hier gegenseitig mit Fragen. Das führt zu nichts. Deshalb werde ich jetzt mal ein wenig phantasieren. De Soto hat‘s in letzter Zeit nicht immer ganz genau genommen mit seinen Dienstpflichten. Sheriff Wayne ließ da mal so eine Bemerkung fallen. Er war anscheinend viel unterwegs – privat oder in anderen Geschäften. Was das alles war, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass er sich auffallend oft in L.A. aufgehalten hat, wenigstens wurde dort sein Wagen zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten beobachtet. Und L.A. gehört nun wirklich nicht zum Beritt eines Detectives aus dem Sheriff‘s Büro Bakersfield. Was machte er während seiner Dienstzeit in L.A.?«
»Weiß ich nicht,« gab der Deputy patzig zurück.
»Ich wüsste es aber sehr gerne,« knurrte der Sheriff.
»Kein Problem, Sheriff. Das Haus, vor dem sein Wagen beobachtet wurde, war das, in dem Martina Ybarra gewohnt hat.«
»Er hat was mit ihr gehabt?« erkundigte sich Wayne.
»Keine Ahnung,« sagte ich. »Aber er war bei ihr, auch während seiner regulären Dienstzeiten. Und genau das war der Punkt für Frank. Er begann nachzudenken. Da ist ein Detective mit deutlich mehr Gehalt als er selbst, mit deutlich mehr Vorrechten, mit einer besseren Pension usw. – und der kann sich solche Spielchen leisten? Da muss man doch etwas machen!«
»Er hätte ihn melden können,« sagte der Sheriff.
»Hätte er. Aber dann wäre er im Sheriff‘s Büro als Petze dagestanden. Und was das bedeutet, wissen Sie ja – der gute alte Corpsgeist bei der Polizei. Er hätte sich einen neuen Job suchen und mit viel Glück in einem Eisenwarengeschäft als Ladenschwengel noch mal ganz von vorne anfangen können.«
Abwesend schraubte Wayne sich eine Zigarre in den Mundwinkel, vergaß aber, sie anzuzünden.
»Und wie geht Ihre Phantasie weiter, Jungchen?«
»Es fängt an zu denken in Frank. Und da Frank kein Dummkopf ist, kommt er sehr schnell zu dem Schluss, dass man diesen dienstvergessenen, vielleicht sogar kriminellen Detective de Soto – Frank weiß in dieser Hinsicht möglicherweise mehr als ich – am besten aus dem Dienst entfernen müsste. Und dass dann ja auch noch seine Stelle frei werden würde …«
»Und wie, Jungchen?«
»Wie was?«
»Wie sollte man einen Detective aus dem Dienst entfernen können?«
»Bei einem ganz normalen Detective könnte das tatsächlich ein Problem sein. Nicht aber bei einem, von dem man weiß, dass er noch irgendwelche Nebengeschäftchen am Laufen hat. Der liegt dann irgendwann einmal einfach in einer finsteren Gasse mit einem Loch in der Stirn oder mit eingeschlagenem Schädel. Und dann lässt man nach und nach durchsickern, dass er private Verbindungen hatte zu irgendwelchen Glücksspielern, Drogenhändlern, Zuhältern oder was weiß ich. In solchen Fällen pflegen weitergehende Untersuchungen sehr schnell im Sande zu verlaufen. Und alles ist gut.«
»Das glauben Sie wirklich?«
»Das glaube ich nicht. Ich weiß es. Hab‘s selber oft genug erlebt.«
Der Sheriff nickte. »Bei der Military Police, ich weiß.«
»CID, Okinawa,« ergänzte ich.
»Nun ja, bei den Japsen mag das vielleicht so gewesen sein…«
»Die Military Police war nicht zuständig für ‘Japse‘, sondern ausschließlich für das Militärpersonal. Und das war ein Abbild der USA im Kleinen,« korrigierte ich ihn kühl.
»Haben Sie auch noch etwas Greifbareres als Ihre, ähm, Phantasien, Jungchen?«
»In puncto Frank, ja. Und zwar besonders zwei Dinge. Mir fiel auf, dass Frank immer zur Stelle oder in der Nähe war, wenn es um entscheidende Beweise ging.«
Wayne legte seine Stirn in dicke Falten. »Ah ja?«
»Fall eins: die Brumby-Wilson-Sache. Frank war es, der Ihnen das entscheidende Beweisstück präsentierte. Die Kugel in den Bodendielen aus der Waffe des State Troopers, erinnern Sie sich?«
»Natürlich tue ich das, Jungchen. Was ist mit der Kugel?«
»Ich habe noch einmal gründlich über die Szene nachgedacht. Ich habe mir wirklich den Kopf zerbrochen. Und ich glaube nicht mehr, dass irgendwer unter dem Tisch oder von sonst woher auf Brumby Wilson gefeuert hat. Die Kugel in Brumby Wilson ist die des State Troopers. Die Kugel in den Bodendielen stammt von Frank. Er feuerte sie dorthin, als alle anderen schon abgerückt waren, popelte sie dann mit seinem Taschenmesser wieder heraus und präsentierte sie Ihnen stolz als Beweisstück A.«
»Warum hätte er das tun sollen?«
»Um sich bei Ihnen einzuschmeicheln. Sie war der Beweis für Ihre geniale Theorie. Aber ich glaube doch, in diesem Fall hat der gute alte Zufall die Oberhand behalten.«
»Spätestens nach der Obduktion…«
»Darum ging es gar nicht, auf einem Projektil im Holzboden steht keine Uhrzeit. Alles, worauf es Frank ankam, war Zeitgewinn. Und um die Sache noch weiter hinauszuzögern, ließ er noch die Los Angeles Times im Mülleimer der Blockhütte hier oben zurück.«
Dem Sheriff dämmerte es langsam. »Praktisch ein Alibi für de Soto, um die Sache noch verworrener zu machen.«
»Ganz genau, je verworrener das Ganze, umso mehr Zeit.«
»Zeit wofür?«
»Um de Soto aus der Welt zu schaffen.«
Der Sheriff entnahm seinem Mundwinkel die immer noch unangezündete Zigarre und fragte lauernd: »Frank?«
Da geriet Frank in Panik. Er sprang auf, warf dabei seinen Stuhl um und griff zur Waffe. Aber noch bevor er sie in Anschlag bringen konnte, krachte ein fürchterlicher Donner durch den Raum, sein .45er polterte auf den Boden, und er starrte auf sein zerschmettertes Handgelenk. Pulverdampf wehte über den Tisch. Der Peacemaker des Chiefs, den er irgendwo in den Tiefen seiner Militärhose aufbewahrte, hatte ein Machtwort gesprochen. Instinktiv hatte Trudy eine ihrer schweren Bratpfannen ergriffen, hielt sie hoch erhoben, Zorn sprühte aus ihren schönen Augen. Die beiden hatten die Kampfkraft einer ganzen Kompanie.
Ich trat die Waffe des Deputys beiseite und sah mich nach den Kindern um. Sie waren verschwunden. Ich sah unter dem Tisch nach. Dort saßen sie eng aneinander geklammert. Ich sagte: »Ihr könnt wieder rauskommen, Kinder. War nur ein kleiner Bums. Nichts passiert – na ja, wenigstens fast nichts.«
Der Chief untersuchte kurz die Wunde des Deputys und sagte: »Mach ihm einen Verband, Trudy. Aber nicht zu dick, damit die Handschellen noch drum passen.«
Vier kleine Hände grapschten nach der Tischkante, und die Gesichter von Angelina und Finn tauchten auf.
Mit den Verbandsarbeiten an Deputy Frank beschäftigt, warf Trudy ihnen einen Blick über die Schulter zu und sagte: »Einen Moment noch, Kinder, gleich gibt‘s mehr Kakao.«
Angelina und Finn turnten wieder auf ihre Stühle und waren ganz Auge und Ohr.
Der Chief war ernstlich verstimmt. Verärgert sagte er zu Wayne: »Sheriff, ich muss doch sehr bitten! Sie schleppen mir hier Leute an, die einen gottesfürchtigen und gesetzestreuen Mann wie mich dazu zwingen, in seinem eigenen Heim herumzuballern. Noch dazu in Anwesenheit von Kindern.«

Der Motor lief schon, die Scheibenwischer klappten. Nachdem er den gefesselten, ziemlich bleichen Frank auf dem Beifahrersitz verstaut hatte, fragte der Sheriff mich noch: »Wo war denn eigentlich Ihre Kanone bei dem Geballere vorhin?«
»An ihrem Platz. Ich schieße nie, wenn es nicht nötig ist.«
»Wenn der Chief Frank im Visier hatte, dann hätten Sie mich abdecken müssen, Jungchen.«
»Dann wären jetzt vielleicht zwei Polizisten tot – und das auch noch völlig legal. Und Sie waren doch gar nicht im Verdacht.«
»Es wäre aber Ihre gottverdammte Pflicht gewesen, Jungchen.«
»Vielleicht nach der schlechten alten Jonathan-Wayne-Schule,« schaltete der Chief sich ein. »Und nennen Sie meinen Sohn nicht immer Jungchen, mein Sohn.«
Grußlos stiefelte der Sheriff um den Wagen herum, knallte die Tür zu und steuerte hinein ins Schneegestöber. Er hatte mehrere Gründe sauer zu sein. Es würde bestimmt keine angenehme Rückfahrt nach Bakersfield werden. Auch für Frank nicht – ganz besonders für Frank nicht.
Ich seufzte. »Wird wohl jetzt nichts werden mit unserem trauten Beisammensein in seinem Büro morgen Abend.«
»Das hatten Sie vor, mein Sohn?« staunte der Chief.
»Er hatte mich darum gebeten. Meinte, es wäre immer so trist im Büro an Heilig Abend.«
Der Chief warf noch einen verächtlichen Blick in das Schneegestöber, das den Wagen schon längst verschluckt hatte, und brummte: »Sentimentale Männer bringen mich um.«
»Der Sheriff ist eigentlich kein schlechter Mann,« sagte ich.
»Müssen Sie mir eigentlich ständig widersprechen, mein Sohn?« knurrte der Chief.
»Na ja, wenn‘s der Gerechtigkeit dient.«
»Sie müssen wohl immer das letzte Wort haben, wie?«
»Außer, wenn Trudy es hat.«
Der Chief brach in schallendes Gelächter aus. Ich lachte mit.

Noch einmal schlief ich einen seligen Schlaf in Trudys Kissen.
Am nächsten Morgen saßen Angelina, Finn und ich, umsorgt von Trudy, beim Frühstück, als der Chief, der offensichtlich schon früh auf gewesen war, hereinkam und sich den Schnee von den Stiefeln trampelte.
»Trudy, einen Kaffee bitte,« er blickte auf die Kinder, »nein, lieber einen Kakao.«
Ohne seine Jacke auszuziehen, setzte er sich neben die beiden, nahm von Trudy seinen Kakaobecher entgegen und sagte. »War mal kurz draußen bei den Hobsons.«
Finn zuckte zusammen.
Der Chief fuhr fort: »Dem alten Trunkenbold habe ich ganz schön Bescheid gestoßen. Wird allerdings wohl nur bis zu einem nächsten Vollrausch vorhalten. Aber ich habe mir auch mal Mrs. Hobson vorgeknöpft, die sich geduldig von ihrem Gatten verprügeln lässt, weil sie glaubt, damit verhindern zu können, dass er auch noch Finn verprügelt. Was, wie wir wissen, leider nicht der Fall ist.«
»Everett, jetzt komm doch endlich mal zum Ergebnis!« drängte Trudy ungeduldig.
»Das Ergebnis? – Nun ja, das Ergebnis ist, dass Mrs. Hobson und Finn da draußen ausziehen werden. Mrs. Hobson wird bald hier sein, muss nur noch ein paar Sachen zusammen packen. Sie wird eine Stellung im Drugstore annehmen, um ein wenig eigenes Geld zu haben. Alles schon geregelt. Und sie und Finn werden erst mal bei uns wohnen. Wir haben doch noch ein oder zwei Zimmer, oder Trudy?«
Trudy nickte befriedigt. Alles andere wäre in ihren Augen ein schwerer Fehler gewesen. Da war der Chief gerade noch einmal mit heiler Haut davon gekommen.
Finn und Angelina steckten die Köpfe zusammen.
Ich vertiefte mich wieder in meine Rühreier mit Speck und Tomatenwürfeln.
»Wir werden nochmal reden müssen, mein Sohn,« richtete der Chief das Wort an mich.
»Aber sicher doch,« antwortete ich mampfend. »Ich erwarte nur noch einen Anruf.«
»Wann?«
Ich überlegte kurz. Die Lebensgewohnheiten einer Miss Consuela Woodward würden es wohl kaum gestatten, dass sie sich vor zehn Uhr morgens erhöbe und ihre Post, auch wenn es Telegramme waren, zu beantworten anfinge. Ich sagte: »So zwischen zehn und elf.«
»Na prima, mein Sohn. Jetzt ist es noch nicht mal halb neun. Dann können wir ja noch mal kurz zu dem Blockhaus raushuschen. Ich glaube nämlich, dass wir da etwas übersehen haben.«
»Immer noch?«
Er nickte. »Und zwar das Entscheidende.«
Ich muss wohl ein ziemlich blödes Gesicht gemacht haben, denn alle in der Küche fingen an zu lachen.
»Den Beweis, mein Sohn, den Beweis.«
Ich schluckte den letzten Bissen hinunter. »Welchen Beweis?«
»Den Beweis dafür, dass Deputy Frank wirklich da draußen war und in der Hütte. Bisher haben wir nämlich nur Ihre phantasievollen Ausführungen und die hysterische Reaktion des Deputys darauf. Da braucht man noch nicht mal einen cleveren Anwalt, darüber lacht sich jeder Richter schon ganz von alleine tot.«
»Da könnten Sie Recht haben, Chief,« sagte ich und leerte meine Tasse Kaffee.

Und so knatterten wir mit seinem Ford Model T noch einmal zum Blockhaus hinaus. Durch einen halben Meter Neuschnee. Über uns spannte sich ein kristallblauer Himmel. Die Wälder lagen tief verschneit. An den Rändern des Sees hatte sich Eis gebildet. Wild am Lenkrad kurbelnd steuerte der Chief den Ford durch den Schnee.
Als wir angekommen waren, stellte der Chief den Motor ab, stieg aus und reckte sich. »Ah, mein Sohn, was für ein prachtvoller Tag! Und wir haben Glück.«
Ich wusste nicht, wovon er sprach und machte ein entsprechendes Gesicht.
»Na, Pulverschnee, mein Sohn. Pulverschnee. Den können wir ganz einfach wegfegen. Hinten auf der Pritsche liegen zwei Besen. Schnappen Sie sich einen, und dann auf ans Werk!«
Ich griff mir einen davon. Er nahm den anderen.
»Wo fangen wir an?«
»Sie sagten doch selbst, dass der Deputy sich am See entlang angeschlichen habe. Also erst mal den Weg runter an den Bootssteg. Sollte mich wundern, wenn wir da nicht einen Abdruck finden sollten, der zum Deputy passt.«
Wir machten uns an die Arbeit. Ich mit aller Kraft fegend, der Chief mehr symbolisch mit dem Besen wedelnd.
Keine fünf Meter, und wir hatten, wonach wir suchten: einen tadellosen Abdruck im Matsch der vergangenen Regenwochen und erstarrt im Frost der letzten beiden Tage. »Größe vierundvierzig,« sagte der Chief, »schätze, das könnte passen. Werde später noch einen Gipsabdruck davon machen. Und jetzt in die Blockhütte.«
In der Blockhütte nahm er sofort die Los Angeles Times aus dem Mülleimer an sich und sagte auf meinen fragenden Blick hin: »Wegen der Fingerabdrücke.«
»Er hatte sie in der Hand, als er die Hütte durchsuchte.«
Der Chief nickte.
»Aber nur einmal. – Sie glauben, es sind noch mehr Fingerabdrücke von ihm drauf?«
»Sicher doch, mein Sohn. Sonst hätte er ja Handschuhe tragen müssen, als er sie kaufte. Unten im Tal trägt aber niemand Handschuhe, wenn er eine Zeitung kauft. Wäre ja verdächtig.«
Sagte ich schon, dass der Chief ein hervorragender Polizist war?

Wir machten uns wieder auf den Weg zurück ins Dorf. Unterwegs gabelten wir Mrs. Hobson auf, die mit Koffer und einem voluminösem Korb durch den tiefen Schnee dem Weiler zustrebte. Der Chief stoppte den Wagen und rief: »Mary, hüpf rein!«
Mrs. Hobson, eine verhärmte Person, nahm zwischen uns Platz. Verhärmt war sie nur an diesem Tag. – Als ich sie sechs Monate später wieder sah, war sie eine blühende Mittvierzigerin mit allen Chancen beim männlichen Geschlecht. Da lag Hobson allerdings schon seit drei Monaten unter der Erde, und sie und Finn konnten endlich ihr eigenes Leben leben.

Während der Chief und ich in seinem Büro auf den Anruf von Consuela Woodward warteten, blätterte er in seinem Fahndungsbuch, das eigentlich nur eine Steckbrief-Sammlung in einem ramponierten Aktenordner war.
Er paffte mit seiner gebogenen Pfeife. Der Kanonenofen in der Zimmerecke bollerte und glühte. An der Wand tickte eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Beschäftigt murmelte der Chief: »Wie war noch gleich der Name von diesem angeblichen russischen Spion?«
»Sprechen wir hier von Brumby Wilson?«
»Wie viele russischen Spione kennen Sie denn, mein Sohn?«
»Gar keinen – nicht wissentlich jedenfalls.«
Der Chief klappte den Aktenordner zu. »Hier ist er nicht drin.«
»Was ist denn für Sie so interessant an ihm?«
»Diesen Namen kenne ich – kann mich bloß nicht erinnern, von woher …«
»Vorgestern lief eine große Fahndungsaktion nach ihm. Alle Polizeibehörden im Tal waren daran beteiligt.«
»Von solchen Sachen erfahren wir hier oben erst Tage später aus der Zeitung – wenn überhaupt. Nein, nein, mein Sohn, das kann es nicht gewesen sein.« Nachdenklich klopfte er sich mit dem Pfeifenstiel gegen seine gelben Vorderzähne. Dann holte er aus einer Schublade ein abgegriffenes schwarzes Notizbuch hervor und blätterte es durch. »Jep, das isses. Kleine Verkehrskontrolle unten an der Bergstraße vor drei Tagen. Es regnete in Strömen, und ‘ne Menge Leute waren viel zu schnell unterwegs. Hab massenhaft Strafzettel verteilt. Und einer davon ging an Mr. Brumby Wilson.«
»Ein Studebaker Business Coupe?«
Der Chief studierte das Quittungsformular. »Sie haben‘s getroffen, mein Sohn.«
»Wer war noch im Wagen?«
»Keine Ahnung. Bei Verkehrskontrollen interessiert mich immer nur der Fahrer.«
»Sie haben also sonst niemanden gesehen?«
Holmes dachte nach. »Auf dem Beifahrersitz saß noch jemand. Eine Frau vielleicht. Und hinten, glaube ich, ein Kind.«
»Könnten Martina Ybarra und Angelina gewesen sein.«
»Bloß, wie ist er mit dieser Karre bis zum Blockhaus gekommen? Die Straße dort hinaus war total zermatscht.«
»Er könnte Schneeketten aufgezogen haben. Damit hätte er es schaffen können.«
»Hm ja. – Wenn er welche hatte.«
»Wir könnten den Sheriff fragen.«
Der Chief schob mir den Telefonapparat hin. »Reden Sie mit ihm. Auf mich ist er nicht mehr so gut zu sprechen, schätze ich.«
Ich ließ mich mit dem Sheriff‘s Office in Bakersfield verbinden und verlangte den Sheriff. Augenblicklich meldete sich seine Stimme. »Was gibt‘s denn noch, Jungchen?«
Ohne mich mit Formalitäten aufzuhalten, fragte ich: »Nur eine Frage. Haben Sie in dem Studebaker von Wilson Schneeketten gefunden?«
Ich hörte ärgerliches Papiergeraschel. Der Sheriff sah wohl gerade die Untersuchungsberichte durch. »Ja, haben wir. Was ist damit, Jungchen?«
»Waren wohl ziemlich dreckig, oder?«
»Kann man wohl sagen. Er muss den halben Mutterboden von Kalifornien aufgesammelt haben. Der ganze Kofferraum war versaut damit.«
»Danke, Sheriff,« sagte ich und legte auf. Ich nickte dem Chief zu. »Er hatte Schneeketten – voll mit Matsch.«
Der Chief saugte nachdenklich an seiner Pfeife. »Dann war er es wohl, der Martina Ybarra und Angelina zur Blockhütte gebracht hat.«
»So sieht‘s aus.«
»Aber was hat ein russischer Spion mit Martina Ybarra zu tun?«
»Gar nichts. Ich glaube nämlich nicht, dass er ein Spion war.«
»Ich auch nicht, mein Sohn. Ich auch nicht. – Die Frage ist vielmehr: wer war Brumby Wilson, und wer ist der Vater von Angelina, den sie so gar nicht mag.«
»Und wem gehört eigentlich dieses Blockhaus?«
Der Chief ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken, produzierte viel blauen Dunst und philosphierte: »Fragen über Fragen. – Das Blockhaus habe ich natürlich schon überprüft. Gehört einer Immobiliengesellschaft in L.A.«
»Und wem gehört diese Immobiliengesellschaft?«
»Einem Anwaltsbüro – ebenfalls aus L.A.«
»Darf man auch den Namen erfahren?«
Der Chief blickte mich an. »Sie wollen aber eine Menge wissen, mein Sohn.«
»Ziehen wir nicht am selben Strang?«
»Rogers & Rogers.«
»Das ist aber komisch.«
»Was ist daran komisch, mein Sohn?«
Umständlich zündete ich mir eine Pfeife an. »Der Scheck mit dem Vorschuss für diesen Fall war bezogen auf Rogers & Rogers.«
Der Chief sagte: »Oha.«
Ich sagte: »Genau. Irgendwer will uns hier veralbern – oder mich wenigstens.«
»Das sollten wir uns nicht bieten lassen, mein Sohn.«
Das Telefon klingelte. Es war Consuela Woodward. Ich sagte ihr, wo ich war. Aber noch bevor ich fortfahren konnte, schnitt sie mir das Wort ab: »Oh, da haben Sie sich aber ganz schön vergaloppiert, Mr. Lomas. Martina ist wieder aufgetaucht. Sie hat gar nicht weit von hier gelebt. Mein Vater hat sie aufgetrieben mit seinen Beziehungen. Wir werden also einen sehr schönen Heilig Abend haben – den Vorschuss können Sie natürlich behalten.«
»Wäre es wohl möglich, dass ich kurz mit Ihrem Vater sprechen könnte?«
»Oh, das wird leider nicht gehen. Er ist sehr beschäftigt, ganz außerordentlich beschäftigt. Ich wünsche Ihnen noch Frohe Weihnacht, Mr. Lomas.« Damit legte sie auf.
Ich legte auch auf.
»Stimmt was nicht, mein Sohn?«
Rauchend dachte ich nach. »Entweder ist dieses Mädchen unglaublich naiv oder einfach nur strohdumm. Meint, Ihre Halbschwester sei wieder aufgetaucht. Ihr einflussreiches Väterchen habe das bewirkt.«
»Wie kann das sein, wenn wir hier ihre Leiche gefunden haben?«
»Gar nicht. Der Alte hat da einen Türken gebaut. Martina Ybarra hatte zwar keine Papiere bei sich, aber Sie müssen nur einmal die beiden Mädchen nebeneinander halten, und dann sehen Sie sofort, dass sie die echte Martina Ybarra ist. Bliebe zwar noch die theoretische Möglichkeit, dass es Zwillinge gibt. Aber das scheidet aus. Bei meinen Ermittlungen habe ich mir natürlich auch die Geburtsurkunde von Martina Ybarra angesehen. Sie war eine Einzelgeburt. Und weil Martina Ybarra dank Woodwards Taschenspielertricks wieder aufgetaucht ist, ist die echte Martina Ybarra damit offiziell eine Leiche ohne Identität – eine Jeanne Doe.«
»Junge, Junge, Sie haben ja richtig geackert in diesem Fall,« lobte der Chief.
Ich beachtete es kaum und sagte: »Langsam wird mir auch so einiges klar. Brumby Wilson fuhr nicht einfach so durch die Gegend auf der Flucht vor der Polizei. Er war hinter jemandem her.«
»Und hinter wem?«
»Hinter mir. Er sollte mich abfangen und erledigen, bevor ich Martina in ihrem Versteck, in das sie der alte Woodward hatte abschieben lassen, hätte aufstöbern können. Die Fahndung nach Wilson lief wahrscheinlich wegen irgendeiner Schweinerei, von der Woodward nichts wusste. Leute fürs Grobe wie Wilson haben meistens mehrere Sache am Kochen. Da hat er wohl nur einmal zu viel Pech gehabt. Aber das werde ich noch herausfinden – allein schon um des State Troopers willen.«
»Und warum hätte Woodward das tun sollen?«
»Weil er auf jeden Fall verhindern wollte, dass ich Martina und ihr Töchterchen nach L.A. zurückbrachte und sie im Hause Woodward unter dem Weihnachtsbaum präsentierte.«
Der Chief porkelte in seiner Pfeife herum. »Für einen einfachen Mann vom Lande wie mich sprechen Sie in Rätseln, mein Sohn.«
»So schwer ist das doch gar nicht. Woodward treibt den ganzen Aufwand, damit nicht bekannt wird, dass er der Vater von Angelina ist.«
»Das ist er?«
»Aller Wahrscheinlichkeit nach.«
»Halleluja!« entfuhr es dem Chief.
»Man könnte auch sagen: Sodom und Gomorrah. Aber in der großen Stadt ist so was gang und gäbe. Freuen Sie sich, dass Sie auf dem Lande leben.«
»Und sein Töchterchen Angelina ist ihm völlig egal?«
»Wahrscheinlich weiß er gar nicht, was hier oben passiert ist, und glaubt, sie wäre auch tot. Und wenn nicht, auch gut. Ihre Mutter wird offiziell als unidentifizierte Leiche gelten. Ein Vater ist für die Behörden weit und breit nicht in Sicht. Also würde die Kleine als Waise in irgendeinem Kinderheim verschwinden.«
Chief Holmes gab ein böses Knurren von sich. »Und dieser, ähm, de Soto? Wie kommt der ins Spiel?«
»Der sollte zu Ende führen, was Wilson nicht geschafft hat. Burschen wie Woodward haben ihre Handlanger überall im Lande. Und de Soto war wahrscheinlich der, der am nächsten dran war. Aber da er mich nicht mehr zu fassen kriegte, hielt er sich an Martina Ybarra. Inzwischen bezweifle ich allerdings, dass er sie wirklich tötete. Klassischer Fall von Zweitbesetzung. Er schlug sie wohl einfach nur nieder und meinte dann, sie wäre tot – genau wie ich. Schließlich erschien Deputy Frank auf der Szene. Womöglich gab sie Lebenszeichen von sich. Und Frank, der auf gar keinen Fall da oben gesehen werden wollte, schlug ihr mit aller Gewalt auf den Kopf. Deshalb auch die plötzliche Wunde. Sie sollten noch einmal in der Leichenhalle in Frisco nachhaken. Die können wahre Wunderdinge vollbringen – wenn sie sich richtig anstrengen.«
»Dann können wir den Mord also nicht diesem Woodward in die Schuhe schieben,« brummte der Chief.
»So wie‘s aussieht, leider nein. Dafür wird wohl Deputy Frank geradestehen müssen.«
»Das gefällt mir nicht, mein Sohn, das gefällt mir ganz und gar nicht.«
»Mir auch nicht, Chief.«
»Wir sollen den Kerl also laufen lassen?«
»Vorerst ja. Wir haben nichts gegen ihn in der Hand. Brumby Wilson ist tot. De Soto vermutlich auch. Und dass ihm die Blockhütte de facto gehört, wird er abstreiten. Sind ja genügend Strohmänner dazwischengeschaltet. Solche Brüder können einem eine Menge Ärger machen, wenn man nichts in der Hand hat gegen sie.«
»Höre ich da so etwas wie einen Plan heraus, mein Sohn?«
Durch viel blauen Rauch aus meiner Pfeife grinste ich ihn an. »Wäre möglich. Schließlich bietet die Lage auch einige Chancen, die wir einfach nur nutzen müssen.«
Der Chief klopfte seine Pfeife aus, stopfte sie neu und zündete sie an. »Mein Sohn, falls Sie es noch nicht bemerkt haben, Sie haben hier einen einfachen Mann vom Lande vor sich, außerdem noch hoch in Jahren. Da muss man eine gewisse Begriffsstutzigkeit einkalkulieren. Also, nun noch mal von vorn, in einfachen Worten bitte.«
»Ist doch ganz einfach,« sagte ich sorglos. »Wir haben zwei Martinas – eine echte und eine unechte – plus Angelina. Woodward glaubt, die Sache sei erledigt. Belassen wir es doch erst mal dabei. Sie und Trudy mögen Angelina, und Angelina mag Sie beide. Offiziell gilt sie als Waise. Da können Sie sie erst mal als Pflegekind aufnehmen und später vielleicht adoptieren. Sie müssen sie nur aus Ihrem Bericht heraushalten, oder wenigstens das, was Sie über die Zusammenhänge wissen.«
»Weiter, mein Sohn,« forderte der Chief mich paffend auf.
»Na ja, die beiden Martinas haben mit der Erbfolge im Hause Woodward nichts zu tun. Sie sind nicht die Töchter von Woodward. Wohl aber Angelina.«
Gespannt hörte der Chief mir zu. »Und?«
»Bis der Erbfall eintritt, wird es nach menschlichem Ermessen mindestens noch so an die zehn bis fünfzehn Jahre dauern. Das bedeutet, Angelina wird eine glückliche Kindheit bei Ihnen und Trudy hier oben am See verleben. Sie werden zusammen eine gute Zeit haben, da bin ich mir ganz sicher.«
»Treiben Sie mir nicht die Tränen in die Augen,« brummte der Chief.
»Na ja, und das Ende wird sein, dass man Angelina wird sagen müssen, wie sich die Dinge wirklich verhalten. Und sie mag dann entscheiden, ob sie sich mit der Woodward-Mischpoke gemein machen will oder nicht. – Außerdem hätten wir noch reichlich Zeit für weitere Ermittlungen, um diesem Hurensohn Woodward die Hosen runterzuziehen.«
»Das ist aber nicht sehr gesetzlich, was Sie mir hier vorschlagen, mein Sohn.«
»Nein. Aber menschlich. Wenn wir nach dem Buchstaben des Gesetzes vorgehen würden, dann würde Woodward sofort seine Anwälte von der Leine lassen und durch alle Instanzen klagen. Das würde Jahre dauern. Und, wie gesagt, in dieser Zeit würde Angelina als Tochter eines offiziell unidentifizierten Mordopfers erst mal in irgendeinem Waisenhaus verschwinden. Und Sie und Trudy hätten nicht die Tochter, die Sie sich schon so lange wünschen, und die sich sich selber wünscht, Ihre Tochter zu sein.«
»Hm, verstehe.«
»Alles hängt von Ihrem Bericht ab, Chief.«
»Werde darüber nachdenken, mein Sohn.«
»Vergessen Sie nicht, Trudy mitdenken zu lassen.«
Dicke blaue Wolken entquollen der Pfeife des Chiefs. »Sie sind wirklich ein zäher Schweinehund, mein Sohn. Sie wissen wohl immer, wie man zum Ziel kommt.«
»Ich weiß nur, wie Sie zum Ziel kommen in diesem Fall.«
»Schon wieder das letzte Wort!« ärgerte sich der Chief. Aber nicht wirklich. Irgendwie machte er alles in allem einen recht zufriedenen Eindruck.
»Da ist nur noch eine Frage, die mich interessiert,« sagte ich.
»So?«
»Wer ist eigentlich Ella?«
»Meine Schwester, mein Sohn.«
»Hätte ich mir eigentlich denken können.«
»Und was haben Sie gedacht?«
»Nicht so wichtig – gar nicht wichtig. Grüßen Sie sie von mir.«

Ich machte mich auf den Weg zurück ins Tal. Es war keine sehr angenehme Fahrt durchs Schneegestöber. In Bakersfield bog ich von der Interstate ab, fuhr ins Städtchen und ließ den Jeep vor dem Sheriff‘s Office ausrollen.

Der Sheriff sagte: »Hätte nicht erwartet, dass ich Sie so bald wieder sehen würde, Jung…, ähm, mein Sohn.«
»Wir wollten uns doch einen netten Heilig Abend machen, erinnern Sie sich?«
Der Sheriff ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen, faltete die Hände vor seinem Bauch und betrachtete mich mit einem Ausdruck, als ob er nicht wüsste, was er von mir zu halten hätte. Dann sagte er: »Sie haben mich einen Deputy gekostet, mein Sohn. Einen sehr guten Deputy.«
»Was sagt er denn?«
»Ist hinter Schloss und Riegel. Aber schweigt wie ein Grab.«
»Würde ich an seiner Stelle auch tun. – Und was ist mit de Soto?«
»Von der Bildfläche verschwunden. Genau genommen schulden Sie mir also nicht nur einen Deputy, sondern auch noch einen Detective.«
Ich pfiff durch die Zähne. »Ein herber Verlust, das muss ich zugeben. Aber im Augenblick bereitet mir noch etwas ganz anderes Kummer.«
»Was bereitet Ihnen denn Kummer, mein Sohn?«
»Die Kinder da oben in den Bergen. Heute ist Heilig Abend. Und ich weiß nicht, ob sie eine ordentliche Bescherung haben werden.«
Wayne machte ein stutziges Gesicht. Dann fing er an zu lachen. Er lachte sich halb tot. »Jungchen, Sie glauben wohl, Sie haben einen Blödmann vor sich? Ich hab den halben Tag damit verbracht, die Spielwarenläden in der Gegend leerzukaufen. Dann alles rein in einen großen Sack und per Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn hoch in die Berge – geländegängig natürlich. Müsste Ihnen eigentlich begegnet sein.«
»Das haben Sie getan?« staunte ich.
»Natürlich, mein Sohn.«
»Alle Achtung.«
»Dann können wir ja jetzt wohl langsam mal anfangen mit der Feier.« Er packte eine Flasche Scotch und zwei Gläser auf den Tisch.
Wir hatten den Pegel in der Flasche ungefähr auf die Hälfte abgesenkt, als das Telefon klingelte.
Wayne hob ab und lauschte. Ich konnte aufgeregte Kinderstimmen hören. Wayne brummte: »Immer mit der Ruhe, Kinder. Die Bescherung kam vom Weihnachtsmann. Aber weil es dringend war, hat er die Unterstützung vom Sheriff‘s Büro in Bakersfield angefordert. Und dem Weihnachtsmann helfen wir natürlich immer sehr gerne.«
Das Geschnatter ging noch eine ganze Weile. Dann hielt Wayne mir den Hörer hin. »Ist für Sie, mein Sohn.«
Die Stimme von Chief Holmes sagte: »Nur eine Sache noch, mein Sohn. Sagen Sie dem Sheriff, dass ich alles widerrufe, was ich über ihn gedacht habe.«
»Mach ich, Chief. Und Frohe Weihnacht noch für Sie, für Trudy, für Mrs. Hobson und die Kinder.«
Ich tat den Hörer zurück auf die Gabel und sagte zum Sheriff: »Chief Holmes entbietet Ihnen seinen besonderen Gruß und meint, er würde alles widerrufen, was er über Sie gedacht hat.«
»Soso, und was hat er über mich gedacht?«
»Keine Ahnung. Aber ich glaube, es bedeutet, Sie haben jetzt einen Stein im Brett beim Chief.«
Wayne blies die Backen auf. »Hm, einen Stein im Brett bei Chief Holmes …«
»Das ist schon was. Das können nicht viele von sich behaupten.«
»Darauf müssen wir unbedingt einen heben, mein Sohn.«
Wir hoben noch mehrere.
Irgendwann rollte der Sheriff sich schnarchend auf seinem Feldbett zusammen. Ich benutzte die Gelegenheit und die Stille der Heiligen Nacht, um das Bundesfandungsbuch auf seinem Schreibtisch zu studieren. Nach Brumby Wilson musste ich nicht lange suchen. Er stand schon auf der dritten Seite mit einem handschriftlichen Kreuz neben seinem Namen. Offiziell war er in L.A. registriert als Versicherungsdetektiv. Es gab auch Vorstrafen. Gefahndet wurde nach ihm allerdings wegen eines Überfalls auf ein Army-Depot, bei dem zwei LKW-Ladungen hochbrisanter Waffen geraubt und zwei Wachleute erschossen worden waren. Brumby Wilson hatte dabei anscheinend jede Menge Spuren zurückgelassen. Das erklärte den Aufwand bei der Fahndung und die ganze Geheimniskrämerei darum herum.
Ich rückte mir zwei Stühle zusammen und begab mich ebenfalls zur Ruhe.

Am Weihnachtsmorgen wurde ich unsanft geweckt, als Wayne mir den Stuhl unter den Füßen wegtrat.
»Auf mit Ihnen, mein Sohn. Machen Sie sich frisch. Wir müssen zur Messe.«
»Ich bin Protestant,« murmelte ich.
»Ich auch, mein Sohn, ich auch. Aber wir haben hier einen sehr guten Pfarrer, der predigt auch für die verlorenen Seelen. Und am Weihnachtsfeiertag geht man nun mal in die Kirche.«
Mit Blaulicht und Martinshorn fuhren wir vor der Kirche vor.
Der Weihrauchgeruch störte mich. Aber die Predigt war sehr gut.

Chief Holmes und Trudy waren wahre Freunde. Bei Sheriff Wayne war ich mir da nicht so sicher – aber er war dicht dran.

Zurück in L.A. schaute ich noch kurz im Büro vorbei. In der Tür steckte eine Weihnachtskarte von Consuela Woodward – nichts Persönliches, nur ein Vordruck mit Bild und Unterschrift. Auf meinem Schreibtisch lagen ein paar Werbebriefe, Rechnungen und ein Päckchen. Es enthielt eine hübsche Meerschaumpfeife und war das Weihnachtsgeschenk von Miss Fromset. Eine gute Idee und ein gutes Geschenk und dazu das einzige, das ich in diesem Jahr bekam.

Wochen später, wir hatten schon 1948, teilte Chief Holmes mir mit, dass die Pathologie-Fexe in Frisco meine kleine Theorie über den Ablauf der Geschehnisse in der Blockhütte bestätigt hatten. Deputy Frank wanderte für diesen Totschlag nach San Quentin, sicher kein angenehmer Platz für einen Police Officer.
Aber als die Wasser der schweren Niederschläge in den Bergen, die die Bewässerungskanäle für die Plantagen im Tal randvoll gefüllt hatten, endlich wieder abgelaufen waren, tauchte in einem von ihnen das Wrack eines Buick 1927 auf und in ihm die Leiche von de Soto. Spuren am Wrack legten nahe, dass der Wagen von der Straße abgedrängt worden war. Sie passten zum Ford von Deputy Frank. Er hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, sie zu beseitigen, da er wegen der Martina-Ybarra-Sache in Haft genommen worden war. Und für diesen Mord wurde er schließlich gehängt.

 

Woher ich die Walther PPK hatte? – Von Bill natürlich. Bevor er in den pazifischen Kriegsraum versetzt wurde, nahm er sie in Deutschland einem SS-Mann ab. Auf Okinawa hat’s ihn dann erwischt. Er war der beste Kamerad, den ich jemals gehabt habe.

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