Carl Schurz, Lotse

Uns allen ist klar, dass der Tod von Carl Schurz ein schwerer Verlust für das Land ist; und einige von uns fühlen auch, dass er für den einzelnen und ganz persönlich ein schwerer Verlust ist. In der Regel hatte ich immer genügend Vertrauen – vielleicht zu viel Vertrauen – in meine Fähigkeit für mich selbst die richtige und sichere politische Fahrrinne zu finden und ihr über alle Untiefen hinweg ins tiefe Wasser zu folgen ohne aufzulaufen; aber in den letzten…

Nach Westen

  Am 17. September 1852 fuhren meine junge Frau und ich, nach einer Reise von 28 Tagen, an Bord des prächtigen Paketschiffes »City of London«, in den Hafen von New York ein. Es gab allerdings schon um diese Zeit Dampfschiffe wenn auch nur wenige, welche die regelmäßige Fahrt zwischen England und Amerika machten. Ein Freund, der mehrmals dieses Land besucht hatte, versicherte uns aber, daß ein gutes, großes Segelschiff sicherer sei als ein Dampfer und für Personen, die zur Seekrankheit…

Autobiographische Skizze

An Pilarète Chasles Soeben empfing ich das Schreiben, mit dem Sie mich beehrt haben, und ich beeile mich, die gewünschte Auskunft zu geben. Ich bin geboren im Jahre 1800 zu Düsseldorf, einer Stadt am Rhein, die von 1806-1814 von den Franzosen okkupiert war, so daß ich schon in meiner Kindheit die Luft Frankreichs eingeatmet. Meine erste Ausbildung erhielt ich im Franziskanerkloster zu Düsseldorf. Späterhin besuchte ich das Gymnasium dieser Stadt, welches damals »Lyzeum« hieß. Ich machte dort alle die Klassen…

Selbstverfasster Lebenslauf

1872 lernte ich Lithograph und ging die Woche zweimal abends in den Unterricht zum alten guten Professor Hosemann in die Kunstschule, die damals in der Akademie war, ebenso zweimal die Woche zum Prof. Domschke, Anatomie, der sehr grob war und die vollste Klasse hatte: ,,Wenn se noch nich mehr kenn dann setzen sie sich mit ihr Brett uff die Treppe un‘ nehmen nich hier die hoffnungsvollen Jünglinge, die bald nach Italien wollen, den Platz weg!“ aber die Klasse war übervoll,…

Von Perlin nach Berlin

1. Die Vorfahren. Es geht eine dunkle Sage, dass der Urahn meiner Familie wegen irgend eines Verbrechens aus der Schweiz entflohen sei. Man nagelte dort, da man seiner selbst nicht mehr habhaft werden konnte, sein Bildniss an den Galgen, er aber wandte sich nach Sachsen und gründete dort ein zahlreiches Geschlecht, wie ja denn noch heute der Name Seidel in Sachsen häufig ist. Ob diese Sage auf Wahrheit beruht, weiss ich nicht, mir aber hat sie stets ein gewisses Vergnügen…

Der Abschied von der alten Welt.

  Im Herbst 1851 fand die Flüchtlingschaft, besonders die deutsche, einen gesellschaftlichen Sammelplatz im Salon einer geborenen Aristokratin, der Baronin Brüning, geborenen Prinzessin Lieven aus Deutschrußland. Sie war damals wenig über dreißig Jahre alt; nicht gerade schön, aber von offenem, angenehmem, gewinnendem Gesichtsausdruck und anmutigem Wesen, feinen Manieren und anregender Unterhaltungsgabe. Wie sie dazu gekommen war, trotz ihrer hochadligen Herkunft und gesellschaftlichen Stellung in die demokratische Strömung zu geraten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hatten die Nachrichten . . . weiter…

Johanna Bismarck.

An einem grau verhängten Novembermorgen des Jahres 1894 war der varziner Gutsherr früher als sonst je auf den Beinen. Viel Schlaf hatten die letzten Nächte ihm nicht beschert. Seit Wochen siechte die Frau neben ihm hin. Ein altes Leiden, dessen erste Mahnung schon vor Jahrzehnten hörbar geworden war, ein hagerer Körper, der längst nur noch aus Sehnen und Nerven zu bestehen schien und dem schleichenden Übel zwar zähen Widerstand leisten, doch dem dorrenden Leben nicht neue Kraftquellen erschließen konnte: da…

Richter.

»So kann und so darf nicht mehr lange in Deutschland regirt werden. Mit solchem Regirungsystem kann man nicht transigiren, nicht paktiren. Der Herr Reichskanzler hat im Abgeordnetenhaus erwähnt, daß ich seine wirthschaftliche Politik als eine Schnapspolitik gekennzeichnet habe. Das ist richtig; und ich bin nicht in der Lage, den Ausdruck irgendwie zurückzunehmen.« In den ersten Märztagen des Jahres 1886 sprach der Abgeordnete Richter diese Sätze im Deutschen Reichstag. Drei Wochen danach antwortete ihm der Reichskanzler Fürst Bismarck: »Der Herr Abgeordnete…

Balzac

Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, in Rabelais‘ heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, wiederholt zu werden. Napoleon – die von seinen Taten schon beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte – kam in diesem Jahre aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden…

Dostojewski

„Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.“ Goethe, Westöstlicher Divan EINKLANG Es ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor Michailowitsch Dostojewski und seiner Bedeutung für unsere innere Welt würdig zu sprechen, denn dieses Einzigen Weite und Gewalt will ein neues Maß. Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes Nahen zu finden und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos mit eigen kreisenden Gestirnen und anderer Musik der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals restlos zu durchdringen: zu fremd ist erster…