Der blaue Reiter

In dem holländischen Städtchen M…. lebte zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts eine bejahrte Bürgerwitwe, Madame Andrecht, in ihrem eigenen Hause, welches sie und eine Magd, mit ihr ziemlich von selbem Alter, allein bewohnten. An Glücksgütern fehlte es ihr nicht, die sie indeß mit holländischer Genauigkeit verwaltete. Während sie in der Stille die Kirche und die Armen bedachte, ging es doch sehr genau in ihrer kleinen Wirthschaft zu, und Gesellschaft kam in das alterthümliche, behaglich ausgestattete und stets äußerst sauber gehaltene…

Gerhard von Kügelgens Ermordung

Der seinerzeit in Sachsen ebenso hoch als Künstler gefeierte wie seines edlen Charakters und seiner liebenswürdigen Persönlichkeit wegen als Mensch allgemein geschätzte Maler Gerhard von Kügelgen lebte in Dresden in so glücklichen Verhältnissen, wie es schaffenden Künstlern nur in den seltensten Fällen beschieden ist. Er fand überall, bei Hofe, bei den einflußreichen Persönlichkeiten der Stadt und im Publikum, Liebe und Anerkennung; er war der glücklichste Gatte und Vater, den man sich denken kann, und befand sich infolge seiner künstlerischen Erfolge…

Die schöne Würzkrämerin

  [1681-1701] Eine junge reizende Frau, in Paris wohlbekannt unter dem Namen der schönen Würzkrämerin, ward von ihrem Ehemann wegen Ehebruchs belangt. Das Gericht dekretierte auf die schlagenden Indizien ihre Verhaftung. Da produzierte Gabriele Perreau einen schriftlichen Erlaubnisschein ihres Mannes, der ihr gestattete, Ehebruch zu treiben, soviel sie wolle. Auf Grund dieses Attestes appellierte Gabriele an das Parlament, und es begann ein Prozeß, welcher, merkwürdig sich ausspinnend, der Pariser feinen Welt ein ungemeines Interesse gewährte und lange Zeit über das…

Anna Margaretha Zwanziger

  [1811] Im Baireuther Oberlande hielt sich im Jahre 1807 eine Witwe von mittleren Jahren auf, die sich vom Stricken ernährte. Sie war nicht ohne Bildung, und man sah es ihrem stillen Wesen an, daß sie viel in der Welt gesehen und erfahren hatte. Sie war gefällig und freundlich gegen jedermann, voll Demut und Gottesfurcht und galt für eine rechtschaffene Frau, die es sich sauer werden ließ, um ehrlich durchzukommen. Man nannte sie die Schönleben, ihr Vorname war Nannette, ihr…

Der verrätherische Ring

  [1821] In einem der abgelegenen Stadtviertel von Augsburg wohnte in eines Schuhmachers Hause eine Tagelöhnerfrau, Anna Holzmann. Sie war etwas über 50 Jahre alt, und empfing als Arme aus milden Stiftungen gewisse Gaben. Die Leute aber glaubten, daß es nicht so schlimm mit ihr stand. Sie hatte gute Kleider und manche Habseligkeiten, die Andere mit Neid betrachteten. Sie mußte auch Betten oder Mobilien über den Bedarf besitzen; denn sie nahm zwei Schlafburschen, oder wie es dort heißt, Schlafgänger bei…

Das papistische Complot

  [1678 – 1681] Die großen Kämpfe, welche der englischen Revolution vorangingen, der glorreichen, wie sie der Brite nennt, weil seine Verfassung ihr endliches Werk geworden ist, stellen wir uns gern, um ihres reinen, edlen und erhabenen Zieles willen, auch als rein, edel und erhaben vor. Großartig waren sie in ihrer Bewegung, in dem Aufpulsen aller Lebenskräfte einer, in sittlicher und geistiger Beziehung, weit vor allen andern vorangeschrittenen Nation; aber diese Kämpfe, zerlegt in ihre Bestandtheile, waren weder rein noch…

Magister Tinius

Zu Anfang des Jahres 1812 erregte ein Verbrechen in Leipzig allgemeine Aufmerksamkeit; der Eindruck auf die Bewohner der Stadt war um so schrecklicher, als aller Nachforschungen ungeachtet der geheimnisvolle Täter unentdeckt blieb. Zu dem hochbejahrten Kaufmann Schmidt, der in der Grimmaischen Gasse ein Haus besaß, kam am Morgen des 28. Januar etwa zwischen zehn und elf Uhr ein unbekannter Mann von ungefähr vierzig Jahren und sagte ihm, er sei aus Hamburg an ihn empfohlen; weil dort nichts mehr zu machen…

Der Raubmörder Hennig

Viel erzählt man sich von der großen Verschlagenheit der Raüberhauptleute früherer Jahrhunderte. Die Verbrecher vergangener Zeiten sind ins Grab gesunken sie habe vielfach auf dem Schafott ihr Leben beschlossen. Es entstehen neue Verbrechertypen, Kinder der Neuzeit, die an Verschlagenheit, Tücke und Grausamkeit ihre Vorgänger noch weit übertreffen. Zu diesen Verbrechern zählte auch der Raubmörder Hennig, der vor einigen Jahren die gesamte Bevölkerung Deutschlands und wohl auch des Auslandes aufs lebhafteste beschäftigte. Anfang Dezember . . . weiter lesen »

Der Bootsmann Paulino Torio aus San-Tomas

Am Donnerstag, den 2. November des Jahres 1865, etwas nach sieben Uhr abends, verließen die beiden Töchter des Jollenführers und Schenkwirthes Johann Karl Vogel, Emmy Karoline, 19¾ Jahre, und Alwine Antoinette, 17 Jahre alt, die Kellerwohnung ihres Vaters, um Cigarren zu holen. Ein in der Wirthschaft anwesender Bootsmann des damals im Hamburger Hafen liegenden spanischen Schiffes Eloriano, Kapitän d’Anduiza, der in San-Tomas, Provinz Manila, auf den Philippinischen Inseln geborene, dreiunddreißigjährige Paulino Torio, folgte ihnen auf dem Fuße. Torio, . .…

Ein Landgerichtsrat auf der Anklagebank

Die alten Ägypter stellten bekanntlich bildlich einen Richter dar als einen Mann mit verbundenen Augen und abgehackten Händen, damit er kein Ansehen der Person kenne und nicht in der Lage sei, Geschenke zu nehmen. Dieses Symbol der richterlichen Unparteilichkeit und Unbestechlichkeit gilt glücklicherweise noch heute bei allen Kulturvölkern als etwas ganz Selbstverständliches. Um so peinlicher mußte es berühren, als im Januar 1906 vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Beuthen, Oberschlesien, ein alter Landgerichtsrat, der lange Zeit Strafrichter und Vorsitzender .…