Messen und Theater

Einen breiten Rahmen in dem Leben der Leipziger nahmen die Messen ein, deren es alljährlich drei; zu Neujahr, zu Ostern und zu Michaelis gab und — mit einiger Veränderung — mit Ausnahme der Neujahrsmesse noch gibt. War das damals ein Leben! In allen Straßen und auf allen Plätzen der inneren Stadt wurden Verkaufsbuden aufgeschlagen und schon wochenlang vorher Ballen auf Ballen, Kisten auf Kisten abgeladen, um in den Verkaufsgewölben und den Buden an den Straßen oder in den Höfen aufgestapelt…

1863

Das Jahr 1863 war für Leipzig ein außerordentlich ereignis reiches. Zunächst fand in diesem Jahre hier die Gründung der Sozialdemokratischen Partei statt. Es ist für viele vielleicht interessant, den Uranfang dieser Bewegung kennenzulernen. Im Leipziger Tageblatt vom 2, Oktober 1862 erschien die folgende Annonce: An die Arbeiter Leipzigs! In Anbetracht der Lage des Vaterlandes im Allgemeinen und des Arbeiterstandes im Besonderen scheint es dringend geboten, daß die Arbeiter die Schlaffheit und Gleichgültigkeit beseitigen, welche sie bis jetzt gezeigt haben. Wir…

Zeitungen

An Zeitungen war in jener Zeit in Leipzig kein Mangel, ja ihre Zahl war größer wie jetzt, wo die Einwohnerschaft Leipzigs sich gegen damals um das Zehnfache vermehrt hat. Außer dem stark verbreiteten, damals mehr dem Inseratenteile als redaktionellen Mitteilungen dienenden Leipziger Tageblatt gab es die vorzüglich redigierte von F. A. Brockhaus herausgegegebene Deutsche Allgemeine Zeitung, die Leipziger Nachrichten, die Leipziger Zeitung, die Mitteldeutsche Volkszeitung (das Organ der Fortschrittspartei), den Telegraph, das Leipziger Kreisblatt (das ähnlich den preußi schen Kreisblättern…

Ein kurzer Krieg

Seit den Tagen des Turnfestes sangen wir Jungens keine Polenlieder mehr, denn das Interesse für die Polen hatte sich abgeschwächt, nachdem sie sich nicht als die heldenmütigen Kämpfer gezeigt hatten, die wir in ihnen voraussetzten. Dagegen wurde jetzt von uns und auch von der Bevölkerung bei jeder Gelegenheit das „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ gesungen. Denn die schleswig-holsteinische Frage war wieder aufgerollt worden und rief das patriotische Empfinden jedes Deutschen hervor. In seinen letzten Monaten hatte König Friedrich VII. von Dänemark die Absicht…

Kleine Gärten, Tagungen und eine Explosion

In das Jahr 1864 fiel auch die Gründung des ersten Schreber vereins durch den Schuldirektor Dr. Hauschild. Freilich war es noch ein weiter Schritt bis der erste Schrebergarten entstand. Zunächst wurde nur der freie Platz hinter der Wiesenstraße, dort, wo jetzt die Lutherkirche steht, als Schreberplatz angewiesen. Es war ein sumpfiger Wiesenplan, der erst nach und nach für den gewollten Zweck hergerichtet werden konnte. Nachdem der Platz ein ansprechenderes Aeußere gewonnen hatte, wurden Kinderbeete darauf errichtet und im Jahre 1869…

Sklaverei und Eselswiese

Der nordamerikanische Sezessionskrieg (1861 bis 1865) fand auch in Leipzig lebhafte Beachtung, nicht nur wegen der vielfachen Handelsbeziehungen, die namentlich Leipzig mit den nordamerikaniscnen Staaten besaß, sondern auch politisch und gefühlsmäßig. Denn die Sympathien der Leipziger — wie wohl auch aller Deutscher — wendeten sich uneingeschränkt den Nordstaaten der Union zu, da dieselben mit den Sklavenhaltern der Südstaaten im Kampfe standen. Während des vier Jahre langen Krieges verging selten eine Woche, wo sich nicht junge Leipziger nach den Vereinigten Staaten…

Die Preußen sind da

Die kriegerischen Ereignisse in Schleswig-Holstein weckten in uns Knaben den Wunsch nach Kriegsspielen und militärischer Ausbildung. Diesem Verlangen leistete eine Exerzierschule in reichem Maße Genüge, die von einem Sergeanten des damals in Leipzig garnisonierenden Jagerbataillons in der Pleißenburg unterhalten wurde. Mein Bruder und ich traten, mit ordnungsgemäßen kleinen Gewehren versehen, in dieselbe ein und wurden dort gewissenhaft nach dem geltenden sächsischen Exerzierreglement ausgebildet. Sobald die kurze Rekrutenzeit vorüber war, wurden wir unter die schon ausgebildeten Schüler . . . weiter…

Leipzig vor 150 Jahren

Wenn man das Alter des Psalmisten bereits um etliche Jahre überschritten hat und man nun jeden Morgen seine Todesanzeige in der Zeitung zu lesen erwartet, mag der Wunsch begreiflich erscheinen, einen Rückblick zu halten auf seine Kindheit und Jugend, und auf die Umwelt, auf die sie gestellt waren. Welten scheinen das Einst von dem Jetzt zu trennen, so von Grund auf haben sich ja seitdem alle Verhältnisse geändert und interessant mag dem Jüngeren sein, was der Aeltere aus seiner Kindheit…

Hinter den Gardinen

An gut besuchten Bier- und Weinrestaurants war in der Stadt kein Mangel. Da war zunächst der alt-berühmte, durch die Faustsage bekannte Auerbachs Keller, dem sich gleichwertig Aeckerleins Keller anschloß. Gut besucht war ferner das Dähnesche Weinrestaurant (jetzt Page), sowie Hotel de Russie und Hotel de Baviere, beide in der Petersstraße, und außerhalb des Promenadenringes (nach Niederreißung des prächtigen Baues des "Kurprinz"), Hotel de Prusse, unter Krafts, des Freundes Richard Wagners, bewährter Leitung. Nach den Theatervorstellungen . . . weiter lesen…

Wasser, Ärzte und häusliches Leben

Alljährlich wurde Leipzig ein- oder zweimal von einer großen Ueberschwemmung heimgesucht. Von Connewitz und Schleußig her wälzten sich die Wassermassen heran und überschwemmten das weite Gebiet zwischen Leipzig und Plagwitz-Lindenau. Die jetzige Rennbahn, das Scheibenholz, der jetzige König Albert-Park bis zur Wiesenstraße, dann weiterhin die jetzige Plagwitzer Straße und die Frankfurter Wiesen bis in das Rosental hinein und die ganze Fläche bis nach Möckern bildeten eine einzige große, wild durchflutete Wasserfläche. Soweit das Auge reichte, erblickte man nichts als einen…