Wolodja der Große und Wolodja der Kleine

»Laßt mich, ich will selbst kutschieren! Ich setz‘ mich neben den Kutscher!« sagte Ssofja Lwowna laut. »Kutscher, halt, ich setz‘ mich zu dir auf den Bock.« Sie stand im Schlitten, und ihr Mann Wladimir Nikitytsch und ihr Jugendfreund Wladimir Michailytsch hielten sie an den Händen, damit sie nicht umfalle. Die Troika raste schnell dahin. »Ich sagte doch, daß man ihr keinen Kognak geben sollte,« flüsterte Wladimir Nikitytsch seinem Begleiter zu. »Was bist du für ein Mensch!« Der Oberst wußte aus…

Der Gast

Der Winkeladvokat Selterskij konnte seine Augen nur noch mit Mühe offen halten. Die ganze Natur schlief bereits. Die Vöglein schwiegen im Walde. Selterskijs Frau war schon längst zu Bett gegangen, das Dienstmädchen und die übrigen lebenden Wesen im Hause schliefen bereits; Selterskij durfte aber noch immer nicht ins Schlafzimmer gehen, obwohl an seinen Augenlidern eine zentnerschwere Last hing. Bei ihm saß nämlich sein Nachbar, der Oberst a. D. Peregarin, zu Gast. Er war gleich nach dem Mittagessen gekommen und saß…

Das Gewinnlos

Iwan Dmitritsch, ein kleiner Mann, der für sich und seine Familie zwölfhundert Rubel im Jahre zu verzehren hatte und mit seinem Schicksal sehr zufrieden war, setzte sich eines Abends nach dem Essen auf seinen Diwan und begann die Zeitung zu lesen. »Ich hab‘ heute vergessen, nachzusehen,« sagte seine Frau, die den Tisch abdeckte, »sieh‘ mal nach, ist die Ziehungsliste nicht drin?« »Ja, schon,« antwortete Iwan Dmitritsch, »aber du hast dein Prämienlos doch verpfändet, ist es denn nicht verfallen?« »Nein, ich…

In der Osternacht

Ich stand am Ufer der Goltwa und wartete auf die Fähre. Zur gewöhnlichen Zeit stellt diese Goltwa ein mittelgroßes, schweigsames und versonnenes Flüßchen dar, das mild durch das dichte Schilf leuchtet; jetzt breitete sich aber vor mir ein ganzer See aus. Die unbändigen Frühlingsgewässer hatten die beiden Ufer überschritten und die Gemüsegärten, Wiesen und Sümpfe überschwemmt, so daß aus der Wasseroberfläche hie und da einsame Pappeln und Sträucher ragten, die im Finstern düsteren Felsen glichen. Das Wetter erschien mir herrlich.…

Miggles

  Mit dem Kutscher waren wir zu neunt. Die ganzen letzten sechs Meilen hatten wir kein Wort gewechselt, seit das Rütteln des schweren Gefährts auf der holprigen Straße das letzte poetische Zitat des Richters verdorben hatte. Der große Mann neben dem Richter schlief, den Kopf auf den Arm gelegt, den er die die pendelnde Halteschlaufe geschoben hatte – alles in allem ein schlaffes, hilfloses Bündel, das wirkte, als ob er sich selbst aufgehängt hätte und zu spät abgeschnitten worden wäre.…

Der Birjuk

Ich fuhr abends allein auf meinem Rennwagen von der Jagd. Bis nach Hause hatte ich an die acht Werst; meine gute Traberstute lief rüstig über die staubige Straße, indem sie ab und zu schnaubte und die Ohren bewegte; der müde Hund blieb wie angebunden keinen Schritt hinter den Hinterrädern zurück. Ein Gewitter war im Anzug. Vor mir erhob sich hinter dem Wald eine riesengroße lila Wolke; über mir und mir entgegen zogen langgestreckte graue Wolken; die Bachweiden rauschten und bewegten…

Das Glück von Roaring Camp

Im Roaring Camp war große Aufregung. Eine Prügelei konnte die Ursache nicht sein; denn im Jahre 1850 war so etwas nicht neu genug, um die ganze Ansiedlung auf die Beine zu bringen. Nicht bloß die Gräben und Goldwäschereien waren verlassen, sondern auch Tuttles Schankwirtschaft hatte ihre Spielteufel beigesteuert, die, wie man sich erinnern wird, ruhig ihr Spiel fortsetzten an dem Tage, da French Pete und Kanaka Joe sich über den Schenktisch im Vorderzimmer gegenseitig eine Kugel durch den Kopf jagten.…

Gram

Abenddämmerung. Große, nasse Schneeflocken wirbeln träge um die soeben angezündeten Straßenlaternen und legen sich als weiche Decke auf die Dächer, die Pferderücken, die Schultern und Mützen. Der Droschkenkutscher Jona Potapow ist weiß wie ein Gespenst. Er hat sich zusammengekrümmt, soweit es ein lebendiger Körper überhaupt kann, und sitzt unbeweglich auf dem Bock. Wenn auf ihn auch ein ganzer Schneeberg herabgefallen wäre, so hätte er es wohl nicht für nötig gefunden, den Schnee von sich abzuschütteln … Auch sein Pferd ist…

Die letzte Mohikanerin

Ich und der Stabsrittmeister a. D. und Gutsbesitzer Dokukin, bei dem ich im Frühjahr zu Besuch war, saßen eines schönen Morgens in Großvatersesseln und blickten träge zum Fenster hinaus. Die Langeweile war ganz fürchterlich. »Pfui Teufel!« schimpfte Dokukin. »So langweilig ist es, daß ich mich selbst über den Besuch eines Gerichtsvollziehers freuen würde!« – Soll man sich am Ende wieder schlafen legen? – fragte ich mich. Und wir dachten über die Langeweile lange nach, so lange, bis wir durch die…

Die Rache

Lew Ssawwitsch Turmanow, ein Durchschnittsbürger im Besitze eines kleinen Kapitals, einer jungen Frau und einer großen Glatze spielte einmal bei der Namenstagsfeier eines seiner Freunde Whist. Nach einem ordentlichen Verlust, der ihm den Schweiß in die Stirne trieb, erinnerte er sich plötzlich, daß er schon lange keinen Schnaps getrunken hatte. Er erhob sich von seinem Platz, bahnte sich auf den Fußspitzen, seinen Körper mit Würde balancierend, einen Weg zwischen den Spieltischen, passierte den Salon, wo die Jugend tanzte (hier lächelte…