5. Gerüchterstattung

Der nächste Vormittag war wie geschaffen, um meine Stimmung auf den absoluten Nullpunkt zu bringen. Jeden, der mir an diesem Tag in die Quere kommen würde, konnte ich nur bedauern. Zunächst mal hatte ich einen Zahnarzttermin, und danach musste ich zum Gericht. Eine sechszehnjährige Göre war mit ihrem Handyvertrag unter Wasser geraten, und um ihre Telefongesellschaft milde zu stimmen und weiter telefonieren zu können, hatte sie sich bei Raff das nötige Bare besorgt, natürlich mal wieder ohne auch nur einen…

6. Zahltag

Am nächsten Morgen gab es einen Riesenkrach im Büro. Raff knallte mir einen Packen Zeitungen hin und fragte erbost: «Und was ist das?!» Schlagzeilen sprangen mir entgegen wie: „Kreditvermittler nimmt Wucherzinsen von Kindern“ oder: „Abgezockt — Kreditfirma auf Kinder spezialisiert“ oder: „Jugendliche im Würgegriff von Kredihaien“ und so weiter und so weiter. In einem Artikel stand zu lesen: ‚Trotz eindringlicher Ermahnungen durch die Richterin erklärte der Vertreter der Kreditfirma nach der Verhandlung, dass die Firma keinerlei Anlass sähe, von ihrer…

7. Wochenend und Sonnenschein

Aber es kam mal wieder anders, als man denkt. Es fing gleich am Samstagmorgen an, ich war noch nicht richtig wach, da läutete es an meiner Tür Sturm. Leger in Jeans und weißen T-Shirt tappte ich zur Tür und öffnete. Vor mir standen zwei Figuren, der eine gedrungen, ein wenig zur Fettleibigkeit neigend, der andere etwas größer und auch nicht gerade ein Leichtgewicht, aber mehr aus Muskeln als aus Fett bestehend. «Gehört Ihnen die rote Corvette da unten im Hof?»…

8. Du bist nicht mein Freund

«Wohin kann ich dich bringen?» fragte ich, als wir wieder am Boden waren und das Gepäckband hinter uns hatten. «Ich werde die S-Bahn nehmen,» sagte sie. « Ich will noch in die Redaktion. Das geht schneller.» Wir sahen uns lange an, und in ihren Augen las ich die Frage: Gibt es einen Platz für mich in deinem Leben? Eine seltsame Mischung aus Abschiedsschmerz und Neuanfang stand zwischen uns. Sie berührte leicht meinen Arm und sagte: «Es war schön mit dir,…

9. Recht und Ordnung

Der nächste Morgen war grau und feucht. Die Luft klebte einem fast auf der Haut. Um neun war ich bei Piependonk im Büro. Er schlürfte Kaffee und büffelte in seinem Lexikon wertvolles Allgemeinwissen. Als ich mich gesetzt hatte, klappte er das dicke Buch zu und sah mich eine Weile an. Dann schob er mir einen Zettel über den Tisch und sagte: «Zwei von diesen Brüdern hab ich noch aufgetrieben. Einen in Hanau, einen in Offenbach. Das Nähere steht hier drauf.»…

10. Stoßtrupp Gold

Nach Bukarest fliegt man runde zweieinhalb Stunden. Im Flieger saß eine ziemlich bunte Mischung aus allgegenwärtigen Businessmen, geschäftigen Trägern irgendwelcher Funktionen und recht verwegenen Figuren, die aussahen, als kehrten sie an die Lagerfeuer ihrer Zigeunerstämme zurück. Es regnete in Bukarest. Als Taxi in die Stadt hatte ich ein klapprigen Lada mit einem Budda von Fahrer, der das Lenkrad von unten fasste und einen sehr orientalisch-entspannten Eindruck machte. Ich fragte ihn nach einem guten Hotel. Das ist natürlich der Touristenfehler Nummer…

Unterm Birnbaum

Eine Kriminalgeschichte Erstes Kapitel Vor dem in dem großen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin um Michaeli 20 eröffneten Gasthaus und Materialwarengeschäft von Abel Hradscheck (so stand auf einem über der Tür angebrachten Schild) wurden Säcke, vom Hausflur her, auf einen mit zwei magern Schimmeln bespannten Bauerwagen geladen. Einige von den Säcken waren nicht gut gebunden oder hatten kleine Löcher und Ritzen, und so sah man denn an dem, was herausfiel, daß es Rapssäcke waren. Auf der Straße neben dem Wagen aber stand…

Die einsame Radfahrerin

Vom Jahre 1894–1901 einschließlich war Sherlock Holmes ein außerordentlich beschäftigter Mann. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß es kaum einen irgendwie schwierigen Fall von öffentlichem Interesse gab, zu dem er während dieses Zeitraums nicht zugezogen worden wäre. Außerdem spielte er auch noch in Hunderten von oft sehr verzwickten und außergewöhnlichen privaten Angelegenheiten eine hervorragende Rolle. Viele überraschende Erfolge und nur einige wenige unvermeidliche Mißerfolge waren das Resultat dieser langen Periode mühseliger, unablässiger Tätigkeit. Da ich sämtliche Fälle . . .…

Der entwendete Brief

Nil sapientiae odiosius acumine nimio (Seneca) Ich war im Jahre 18.. in Paris und erfreute mich an einem dunklen, stürmischen Herbstabend mit meinem Freunde August Dupin in dessen kleinem Bibliothek- oder Studierzimmer des doppelten Genusses einer Meerschaumpfeife und beschaulichen Nachdenkens. Seit wenigstens einer Stunde waren wir in tiefes Schweigen versunken, und jeder zufällige Beobachter hätte geglaubt, daß wir uns angelegentlichst und ausschließlich mit den Rauchwolken beschäftigten, die das ganze Zimmer einhüllten. Ich erwog jedoch in Gedanken noch einige . .…

Der Mord von Boscombe Valley

Wir saßen eines Morgens beim Frühstück, meine Frau und ich, als uns das Dienstmädchen eine Depesche hereinbrachte. Sherlock Holmes telegraphierte folgendes: »Hast du zwei Tage frei? Werde soeben telegraphisch nach Westengland gerufen wegen des Mordes im Tale von Bascombe. Freute mich, wenn du mitkämest. Luft und Gegend köstlich. Ab Paddington 11.15.« »Was meinst du, lieber Mann, fährst du mit?« fragte meine Frau, zu mir herüberblickend. »Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll; meine Krankenliste ist eben jetzt ziemlich lang.«…