Straßenleben

An dieser Stelle mögen auch einige kleine Erlebnisse aus meiner Kindheit Tagen Platz finden. Eines Vormittags schickte mich meine Mutter in die Barfußmühle, um dort Grieß für die Suppe zu holen. Sie schärfte mir ein, immer „Grieß, Grieß“ vor mich herzusagen, auf daß ich auch das Richtige bringe. Ich versprach dies zu tun und nahm wohlgemut meinen Weg von der Zentralstraße um die Synagoge herum, dort den kleinen Abhang herab, der zu einer den Diebesgraben überspannenden Holzbrücke führte, dann durch…

Große Ereignisse

Am 27. August 1858 fand unter allgemeiner Teilnahme der Bevölkerung die 150jährige Feier der ersten Besitznahme des Rosentales durch den Stadtrat und die gleichzeitig erfolgte Anlegung von Spaziergängen in demselben statt. In den Etablissements Bonorand und Schweizerhäuschen fanden aus diesem Anlaß besondere festliche Veranstaltungen statt. Den Monat darauf erschien der große Donatsche Komet am Himmel. Er wurde schon in den ersten Abendstunden im Nordwesten unter dem Schweife des großen Bären sichtbar und konnte deshalb auch von uns Kindern in Augenschein…

Feuer, Feuer!

In der Nacht vom 6, und 7. Februar 1860 brach in der Thomasmühle Feuer aus, ein Brand, den ich noch deutlich vor Augen sehe, denn wir konnten von der Zentralstraße aus, wo wir wohnten, denselben genau beobachten und der Feuerlärm hatte auch mich bald aus dem Schlaf geweckt. Das Feuer war in dem alten Mühlengebäude, das nur noch als Lagerraum benutzt wurde, entstanden und hatte bei der reichlichen Nahrung, die es an den aufgestapelten Vorräten und an dem alten Gebälk…

Volksfeste

Da ich im Vorstehenden wiederholt der Kommunalgarde gedacht habe, ist es wohl Zeit, derselben einige nähere Worte zu widmen. Die Kommunalgarde war eine im Jahre 1830 nach einer Straßenrevolte zum Schutz der staatlichen Ordnung und der Bürgerschaft geschaffene Organisation. Jeder, der in Leipzig das Bürgerrecht erlangte, war, gleichviel welcher Herkunft, verpflichtet, in die Kommunalgarde einzutreten und in derselben Dienst bis zu seinem vollendeten 50. Lebensjahre zu tun. Zu dem Zwecke war die Stadt in eine Anzahl Viertel eingeteilt und die…

Das große Donnerwetter von 1860

Der 27. August 1860 war ein schöner sehr warmer Sommertag. Ich war nachmittags in der Schwimmanstalt baden gewesen und dann noch nach unserem Garten in der Großen Funkenburg gegangen; da ich aber dort niemand von meinen Angehörigen traf und ein Gewitter, das schon stundenlang drohte, immer näher herankam und eine recht beängstigende gelbliche Wolkenbildung annahm, eilte ich im Geschwindschritt dem elterlichen Hause zu. Kaum hatte ich die Wohnung betreten, als wir in den nach Westen gelegenen Zimmern Scherbengeklirr und ein…

Messen und Theater

Einen breiten Rahmen in dem Leben der Leipziger nahmen die Messen ein, deren es alljährlich drei; zu Neujahr, zu Ostern und zu Michaelis gab und — mit einiger Veränderung — mit Ausnahme der Neujahrsmesse noch gibt. War das damals ein Leben! In allen Straßen und auf allen Plätzen der inneren Stadt wurden Verkaufsbuden aufgeschlagen und schon wochenlang vorher Ballen auf Ballen, Kisten auf Kisten abgeladen, um in den Verkaufsgewölben und den Buden an den Straßen oder in den Höfen aufgestapelt…

1863

Das Jahr 1863 war für Leipzig ein außerordentlich ereignis reiches. Zunächst fand in diesem Jahre hier die Gründung der Sozialdemokratischen Partei statt. Es ist für viele vielleicht interessant, den Uranfang dieser Bewegung kennenzulernen. Im Leipziger Tageblatt vom 2, Oktober 1862 erschien die folgende Annonce: An die Arbeiter Leipzigs! In Anbetracht der Lage des Vaterlandes im Allgemeinen und des Arbeiterstandes im Besonderen scheint es dringend geboten, daß die Arbeiter die Schlaffheit und Gleichgültigkeit beseitigen, welche sie bis jetzt gezeigt haben. Wir…

Zeitungen

An Zeitungen war in jener Zeit in Leipzig kein Mangel, ja ihre Zahl war größer wie jetzt, wo die Einwohnerschaft Leipzigs sich gegen damals um das Zehnfache vermehrt hat. Außer dem stark verbreiteten, damals mehr dem Inseratenteile als redaktionellen Mitteilungen dienenden Leipziger Tageblatt gab es die vorzüglich redigierte von F. A. Brockhaus herausgegegebene Deutsche Allgemeine Zeitung, die Leipziger Nachrichten, die Leipziger Zeitung, die Mitteldeutsche Volkszeitung (das Organ der Fortschrittspartei), den Telegraph, das Leipziger Kreisblatt (das ähnlich den preußi schen Kreisblättern…

Ein kurzer Krieg

Seit den Tagen des Turnfestes sangen wir Jungens keine Polenlieder mehr, denn das Interesse für die Polen hatte sich abgeschwächt, nachdem sie sich nicht als die heldenmütigen Kämpfer gezeigt hatten, die wir in ihnen voraussetzten. Dagegen wurde jetzt von uns und auch von der Bevölkerung bei jeder Gelegenheit das „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ gesungen. Denn die schleswig-holsteinische Frage war wieder aufgerollt worden und rief das patriotische Empfinden jedes Deutschen hervor. In seinen letzten Monaten hatte König Friedrich VII. von Dänemark die Absicht…

Kleine Gärten, Tagungen und eine Explosion

In das Jahr 1864 fiel auch die Gründung des ersten Schreber vereins durch den Schuldirektor Dr. Hauschild. Freilich war es noch ein weiter Schritt bis der erste Schrebergarten entstand. Zunächst wurde nur der freie Platz hinter der Wiesenstraße, dort, wo jetzt die Lutherkirche steht, als Schreberplatz angewiesen. Es war ein sumpfiger Wiesenplan, der erst nach und nach für den gewollten Zweck hergerichtet werden konnte. Nachdem der Platz ein ansprechenderes Aeußere gewonnen hatte, wurden Kinderbeete darauf errichtet und im Jahre 1869…