Vom Kassenknacker und vom Brandstifter

»Ja, mein Lieber«, sagte Herr Jilek, »stehlen muß man eben können. Das sagte auch Herr Balaban, der Schränker, dessen letzte Kasse die von Scholle und Co. gewesen ist. Balaban war einer von den gebildeten und rechtschaffenen Einbrechern. Er war schon ein älterer Mensch, und da hat man selbstverständlich bereits größere Erfahrungen. Ein Junger setzt viel eher alles auf eine Karte, und es ist ja was daran, auch mit der Courage läßt sich allerhand ausrichten. Wenn der Mensch aber in die Jahre kommt, in denen man zu überlegen beginnt, hat er den Elan nicht mehr und geht an seine Arbeit mit größerer Vorsicht heran. Das ist so in der Politik und überhaupt im Leben.

Dieser Herr Balaban nun vertrat die Meinung, daß jede Arbeit ihre Gesetze habe, und was die einbruchsicheren Kassen betreffe, so sollte ein Kassenknacker eigentlich immer allein arbeiten, weil man sich ja auf niemanden verlassen könne. Zweitens solle er niemals lange an einem und demselben Platz arbeiten, weil man sonst seine Arbeitsmethode bald erkennt. Drittens sei es erforderlich, daß er mit dem Fortschritt gehe und alles beherrsche, was es in seinem Fach an Neuerungen gebe, trotzdem aber müsse er an der alten Tradition und dem guten alten Handwerk festhalten; denn je größer die Zahl der Leute sei, die auf ungefähr gleiche Weise arbeiten, desto schwerer sei die Aufgabe der Polizei. Aus diesem Grunde blieb Balaban ein Anhänger des Sperrhakens, obwohl er über einen elektrischen Bohrer verfügte und auch mit Thermit umzugehen verstand. Er sagte, es wäre nichts als dumme Eitelkeit und unangebrachter Ehrgeiz, sich mit den modernen Panzersafes einzulassen; er für seinen Teil bleibe bei jenen alten soliden Firmen, die Stahlkassen aus der früheren Zeit haben und darin ehrliches bares Geld und nicht diese modernen Schecks. All diese Dinge hatte er wohl durchdacht und reiflich erwogen, der Balaban. Im Nebenberuf betrieb er einen Handel mit altem Messing, agentierte mit Realitäten, verkaufte Pferde und war überhaupt recht gut gestellt. Dieser Balaban also nahm sich vor, nur noch an eine einzige Kasse heranzugehen, aber das sollte eine so saubere Arbeit werden, daß die jüngere Generation Mund und Augen aufreißen werde. Es sei nämlich, erklärte er, unvergleichlich wichtiger, sich nicht erwischen zu lassen, als weiß Gott wie große Beute zu machen.

Diese letzte Kasse, die sich Balaban sorgfältig ausgesucht hatte, war die der Firma Scholle und Co., das ist diese Fabrik draußen in Bubna. Es war ja wirklich saubere Arbeit, die er dort geleistet hat. Ich weiß es von einem Polizeiagenten, einem gewissen Pistora. Er stieg vom Hof aus durch das Fenster ein, ganz so wie es uns Herr Doktor Vitasek vorhin von sich erzählt hat, aber er mußte ein Gitter ausbrechen. Es war ein Genuß zu sehen, meinte Herr Pistora, wie sauber er dieses Gitter herausgenommen hat. Nicht die geringste Schweinerei hat er dabei gemacht – einfach wunderbar war die Arbeit. Und genau an der Stelle, an der er die Kasse anging, erledigte er sie auch. Nicht ein einziges unnötiges Loch war da, kein überflüssiger Kratzer, keine Abschürfung, nicht einmal der Lack war zerschunden. Es war direkt zu bemerken, sagte Pistora, mit welcher Liebe der Mann seine Arbeit getan hatte; die Kasse steht jetzt, eben wegen dieser meisterhaften Arbeit, im Polizeimuseum. Er nahm also dann das Geld heraus, es waren sechzigtausend, verzehrte ein mitgebrachtes Stück Brot mit Fett und verschwand, wiederum durchs Fenster. Ein Feldherr und ein Geldschrankknacker müssen vor allem den Rückzug gut vorbereiten, war eine von Balabans Maximen. Dann trug er das Geld zu seiner Base, das Werkzeug verstaute er bei einem gewissen Litzner, begab sich nach Hause, reinigte Kleider und Schuhe, wusch sich und legte sich, wie es sich für einen ordentlichen Menschen gehört, ins Bett.

Es war noch nicht einmal acht Uhr früh geworden, als jemand an die Tür klopfte und rief: ›Aufmachen, Herr Balaban!‹ Balaban begriff nicht, wer das wohl sein könne, er ging aber mit ruhigem Gewissen öffnen. Da drängten sich zwei Polizisten in die Tür und hinter ihnen dieser Polizeiagent Pistora. Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen; er ist ein kleiner Kerl, hat Zähne wie ein Eichhörnchen und lacht ununterbrochen. Bevor er zur Polizei ging, war er bei einer Leichenbestattungsanstalt beschäftigt gewesen, er kam aber um seine Stellung, weil immer alle Leute lachen mußten, wenn er so vor dem Sarg dahergestiegen kam und so spaßig die Zähne zeigte. Es ist Ihnen wohl auch schon aufgefallen, daß viele Leute nur aus Verlegenheit grinsen, weil sie mit ihrem Maul nichts anzufangen wissen, so wie andere nicht wissen, was sie mit ihren Händen tun sollen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die meisten Leute nicht aufhören zu lachen, wenn sie einmal mit irgendeiner großen Persönlichkeit, mit einem regierenden Fürsten oder mit dem Präsidenten reden. Es ist nicht so sehr Freude, eher Verlegenheit. – Aber ich rede ja von Herrn Balaban.

Der Balaban sah also die beiden Schutzleute und den Pistora und fuhr sie in gerechtem Zorn an: ›Was haben Sie hier zu suchen? Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen!‹ – Er staunte selbst über die Art, in der er sie anzischte.

›Aber, Herr Balaban‹, lachte Pistora, ›was wollen Sie? Wir kommen ja nur, um uns Ihre Zähne anzusehen!‹ Geradenwegs schritt er auf ein buntbemaltes Töpfchen zu, in das Balaban über Nacht sein Gebiß tat – er hatte nämlich den größten Teil seiner Zähne verloren, als er einmal genötigt war, aus einem Fenster zu springen.

›Nicht wahr, Herr Balaban‹, sagte Pistora und seine Freude war ihm anzumerken, ›das Zeug sitzt nicht fest, so ein falsches Gebiß! Beim Bohren wackeln sie, diese Zähne, und da haben Sie sie eben herausgenommen und auf den Schreibtisch gelegt. Dort war aber Staub, Herr Balaban – das sollten Sie wirklich schon wissen, daß in Büroräumen der Staub gewöhnlich fingerdick liegt. Na, und wenn wir so eine Spur von einem falschen Gebiß finden, da bleibt uns schon nichts übrig, Herr Balaban, als Sie zu besuchen, darüber dürfen Sie sich nicht aufregen. Wenn Sie wenigstens den Staub vorher abgewischt hätten!‹

›Verflucht noch einmal!‹ rief Balaban. ›Sehen Sie, Pistora, man sagt immer, daß auch der gescheiteste Gauner einen Fehler macht, nicht wahr?‹

›Sie haben sogar zwei gemacht‹, grinste Herr Pistora, ›wir haben nur einen Blick in den Raum geworfen, und sofort haben wir auf Sie getippt. Sie wissen doch – jeder ordentliche Einbrecher macht an Ort und Stelle was auf den Boden – damit er nicht erwischt wird; das ist schon so der Aberglaube. Sie aber, Sie sind ein Ungläubiger und ein Vernunftmensch, Sie halten nichts von solchem Aberglauben. Sie bilden sich ein, daß man alles mit dem Verstand machen kann. Jetzt haben Sie’s. Ja, Herr Balaban, stehlen muß man können!‹«

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»Manche von diesen Leuten sind aber doch sehr geschickt«, sagte hierauf bedächtig Herr Maly, »das muß man ihnen schon lassen. Ich hatte da einmal von einem Fall gelesen, vielleicht kennt jemand von Ihnen die Geschichte noch nicht. Es war irgendwo in der Steiermark. Dort lebte ein Mann, ein Sattler- und Riemermeister. Mit dem Taufnamen hieß er Anton und mit dem Familiennamen Huber oder Vogt oder Meyer – wie eben diese Leute schon heißen. Der Sattler hatte Namenstag und saß gerade beim Festessen – in Steiermark ist das Essen übrigens nicht einmal an Festtagen genießbar, dort ist es nicht wie bei uns. Man hat mir erzählt, daß man dort sogar Kastanien ißt. Der Sattler sitzt also im Kreise seiner Familie beim Mittagessen, und auf einmal klopft es ans Fenster und jemand schreit: ›Jesus Maria, Nachbar, das Dach brennt über euerm Kopf!‹ Der Sattler springt auf und, meiner Seel, der Dachgiebel steht in Flammen! Natürlich schreien die Kinder, die Frau heult und trägt die Uhr ins Freie – ich habe schon eine Menge Brände gesehen und dabei immer beobachtet, daß die Menschen da gewöhnlich den Kopf verlieren und damit beginnen, daß sie irgend etwas Wertloses retten; die Uhr oder die Kaffeemühle oder den Kanarienvogel. Erst wenn es zu spät ist, fällt ihnen ein, daß sie die Großmutter, die Kleider und noch andere wichtige Dinge drin vergessen haben. Inzwischen waren Leute zusammengelaufen und man fing an, einander bei der Löscharbeit im Wege zu stehen. Nach einiger Zeit kam auch die Feuerwehr – Sie wissen doch: jeder Feuerwehrmann muß sich umkleiden, bevor er zu löschen beginnt. Infolgedessen hatte schon ein zweites Gebäude Feuer gefangen, und am Abend lagen bereits siebzehn in Schutt und Asche. Wer einmal ein richtiges Feuer sehen will, muß in ein Dorf gehen oder in eine kleine Stadt. In der Großstadt ist es nicht mehr das Richtige, dort muß man die Geschicklichkeit der Feuerwehr mehr als den Brand bewundern. Am hübschesten ist es, wenn man selber beim Löschen helfen oder den anderen Ratschläge geben kann, wie sie löschen sollen. Das Löschen, wissen Sie, das ist eine wunderschöne Arbeit – wenn es so zischt und prasselt. Aber das Wasser vom Bach herüberschleppen, das ist schon weniger schön. Mit den Menschen ist es ja sehr sonderbar: wenn einer eine Katastrophe mit ansieht, dann will er auch, daß sie was ausgibt. Eine große Feuersbrunst oder eine große Überschwemmung, das ist etwas, was einen in Stimmung bringt. Man bekommt so das Gefühl, daß man im Leben auf seine Rechnung gekommen ist. Möglich auch, daß es noch eine heidnische Regung ist, in die man da verfällt. Weiß Gott!

Tags darauf war es – na, es war eben, wie es nach einem Brand ist. So schön ein Brand ist, so scheußlich ist nachher die Brandstätte. Es ist ganz so wie bei der Liebe. Gebrochen blickt der Mensch um sich und meint, er könne sich nie wieder aufrappeln. Dort also war ein junger Gendarm, der die Aufgabe hatte, die Ursache des Feuers zu untersuchen.

›Herr Wachtmeister‹, sagte der Sattler Anton, ›ich möchte wetten, daß der Brand gelegt ist. Schon weil es gerade an meinem Namenstag, als ich beim Essen saß, losging. Aber warum sich jemand an mir hätte rächen wollen, will mir nicht einleuchten; ich habe keinem Menschen was zuleide getan, und was Politisches kann es schon gar nicht sein. Ich weiß also wahrhaftig nicht, wer mir das hätte antun wollen.‹

Es war Mittag und die Sonne brannte. Der Gendarm spazierte über die Brandstätte: Soll’s der Teufel selber herauskriegen, wie das angefangen hat. ›Herr Anton‹, sagte er plötzlich, ›was glitzert denn dort oben auf dem Balken?‹ ›Dort war der Dachboden‹, sprach der Sattler, ›vielleicht ist es ein Nagel.‹ – ›Wie ein Nagel sieht das nicht aus‹, meinte der Gendarm, ›eher wie ein Spiegel.‹ – ›Wie sollte ein Spiegel dort hinkommen!‹ sagte der Sattler, ›auf dem Dachboden war nie etwas anderes als Stroh.‹ – ›Und es ist doch ein Spiegel‹, erklärte der Gendarm, ›ich werde es Ihnen beweisen.‹

Er stellte die Feuerwehrleiter an den verkohlten Balken, stieg hinauf und sagte: ›Passen Sie auf, Herr Anton, es ist kein Nagel und auch kein Spiegel, sondern es ist ein rundes Stück Glas, und es ist an dem Balken festgemacht. Was soll das nur sein, ich bitte Sie?‹ – ›Keine Ahnung‹, sagte der Sattler, ›vielleicht haben die Kinder damit gespielt.‹ Plötzlich, wie der Gendarm das Glas untersuchte, schrie er auf: ›Au! Das brennt ja! Was ist das?‹ und befühlte seine Nase. ›Herrgott!‹, brüllte er von neuem, ›jetzt hab ich mir die Hand verbrannt! Schnell, Herr Anton, geben Sie mir ein Papier!‹ Der Sattler reichte ihm ein Blatt aus einem Notizbuch und der Gendarm hielt das Papier unter das Glas. – ›So‹, sagte er nach einiger Zeit, ›mir scheint, Herr Anton, wir haben die Sache schon.‹ – Sodann stieg er auf der Leiter herab und hielt dem Sattler das Blatt Papier unter die Nase; ein Loch war hineingebrannt, das Papier rauchte noch. ›Herr Anton‹, sagte der Gendarm, ›hören Sie: dieses Glas ist eine Sammellinse, eine Lupe, und jetzt möchte ich nur gern wissen, wer es an dem Balken ausgerechnet über dem Strohhaufen befestigt hat. Aber das sage ich Ihnen, Herr Anton, wenn wir den Betreffenden haben, so geht er von hier nicht ohne Handschellen weg.‹

›Um Himmels willen‹, sagte der Sattler, ›wir haben doch nie eine Lupe im Haus gehabt. Halt!‹ rief er plötzlich, ›warten Sie mal. Einmal hatte ich einen Jungen hier in der Lehre, Seppel hieß er, und der hat immerfort mit solchem Zeug gespielt! Deshalb hat er auch zu keiner vernünftigen Arbeit getaugt, und ich habe ihn hinausgeschmissen, weil er nichts als solche Dummheiten und Experimente im Schädel hatte. Ob’s vielleicht dieser verfluchte Junge gewesen ist? – Aber das ist ja gar nicht möglich, Herr Wachtmeister. Anfang Februar habe ich ihn schon hinausgeworfen. Der steckt jetzt weiß Gott wo. Seit damals ist er hier nicht mehr gesehen worden.‹

›Wir werden schon herausbekommen, ob die Linse ihm gehört‹, meinte der Gendarm, ›Telegraphieren Sie in die Stadt, Herr Anton, man soll sofort noch zwei Gendarmen herausschicken; die Linse darf inzwischen kein Mensch anrühren. Erst müssen wir den Jungen finden.‹

Man fand ihn. Er war in einem ganz andern Ort bei einem Taschner in der Lehre. Und als der Gendarm kaum in die Werkstätte eingetreten war, begann der Junge zu zittern wie Espenlaub. ›Sepp‹, schrie ihn der Gendarm an, ›wo warst du am 13. Juni?‹

›Bitte, hier‹, stotterte der Bursche, ›seit dem 15. Februar bin ich hier und war auch nicht einen halben Tag fort; dafür habe ich Zeugen.‹ – ›Ich selbst kann das bezeugen‹, sagte der Taschner, ›er wohnt bei mir und hat auch auf mein Jüngstes aufzupassen.‹

›Verflucht noch einmal‹, meinte der Gendarm, ›dann wird er’s also doch nicht gewesen sein.‹

›Was soll denn mit ihm los sein?‹ fragte der Taschnermeister.

›Ach was‹, sagte der Gendarm, ›er stand im Verdacht, am 13. Juni in dem verdammten Nest dort drüben dem Sattler Anton das Haus angezündet zu haben, und mit dem Haus die halbe Gemeinde.‹

›Am 13. Juni?‹ fragte der Taschner bestürzt. ›Sie, das ist aber doch sonderbar. An diesem Tag hat der Junge gefragt: »Den wievielten haben wir heute? Den 13. Juni? Das ist der Heilige Anton, nicht wahr? Ich sage Ihnen, heute geschieht irgendwo etwas.«‹

In diesem Augenblick sprang der Sepp auf und versuchte davonzurennen. Aber der Gendarm hatte ihn sofort beim Kragen. Unterwegs gestand der Junge dem Gendarmen alles: Er war wütend auf Meister Anton, weil ihn der Sattler wegen seiner Basteleien wie einen Hund geprügelt hatte. Er wollte sich an ihm rächen und so erforschte er, wo am 13. Juni, dem Tag des heiligen Anton, genau zu Mittag die Sonne stehen würde, darnach stellte er die Linse ein, um das Stroh in Brand zu stecken; er selbst würde dann weiß Gott wo sein. All das hatte er also schon im Februar vorbereitet, knapp bevor er seinen Dienst verlassen hatte.

Sie werden es mir nicht glauben, aber man berief einen Wiener Astronomen, der die Linse untersuchte und gar nicht fassen konnte, wie haargenau der Junge sie auf die Sonnenkulmination des 13. Juni eingestellt hatte. Er meinte, dies zeuge von einer geradezu unerhörten Geschicklichkeit, um so mehr als der fünfzehnjährige Junge keinerlei astronomische Geräte zur Winkelmessung zur Verfügung hatte. Was mit dem Sepp weiter geschehen ist, weiß ich nicht. Aber ich werde den Gedanken nicht los, was für ein Astronom oder Physiker aus dem Lausbuben hätte werden können. Ein zweiter Newton oder so was Ähnliches mag in dem verdammten Bengel gesteckt haben! So viel Erfindungsgeist und so viel Talent gehen in der Welt verloren … die Geduld, um Diamanten im Sande, Perlen im Meer zu suchen, bringen die Menschen auf; aber die seltensten und absonderlichsten Gaben Gottes in seinen Geschöpfen aufzuspüren, damit sie nicht zuschanden würden, dafür haben sie kein Interesse. Ob da nicht ein großer Fehler steckt?«

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